Werk X-Petersplatz streamt: Gott ist nicht schüchtern

März 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

La création de l`homme Baschar

La création de l`homme Baschar al-Assad, davor: Diana Kashlan. Bild: © Alexander Gotter

Amal: Und was stimmt mit dir nicht?

Hammoudi: Ich habe zugesehen, wie neunhundertsiebzehn Menschen starben.

Diese erste Szene ist das stärkste, das die Bühnenfassung von Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“, erarbeitet von Regisseurin Susanne Draxler und Dramaturgin Lisa Kärcher, noch bis heute Mitternacht auf werk-x.at

kostenlos zu streamen, zu bieten hat. Mann und Frau, beide in blütenweißen Anzügen, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, seine Miene verdüstert sich, das ist geheimnisvoll, da will man mehr erfahren … Gleich wird man wissen, dass die beiden hier am Schluss ihrer Geschichte angelangt sind, die Schauspielerin und der Chirurg, zwei junge Menschen, die sich im Arabischen Frühling in Damaskus engagierten und im syrischen Bürgerkrieg endeten – und es ist wichtig, dass es diese Inszenierung nun gibt, begeht doch dieser zwischen dem Regime Assad, der kurdischen Miliz, dem IS und Gott weiß noch wem ausgetragene Kampf 2021 sein schauriges zehnjähriges Jubiläum. Die Fluchtrouten aus der Krisenregion – geschlossen, die Festung Europa hat grad Pandemie. Bitte bleiben Sie Zuhause, auch wenn dieses eine unbeheizbare, durchnässte Notunterkunft am Rande von Nirgendwo ist! Einmal sagt Hammoudi Europa hätte „die neue Rasse Flüchtling“ erfunden.

Gott. Der kommt einem an diesem Abend des Öfteren in den Sinn. Nicht nur wegen des Buch- wie Stücktitels. Auch wegen der Bühnengestaltung von Hawy Rahman, der Bagdad-Wiener, der die drei Golfkriege überlebte, und für den Spielraum Petersplatz ein Graffito frei nach Chagalls „La création de l’homme“ entwarf. Doch, doch, man ist sich auch beim zweiten Hinsehen ziemlich sicher – und wird bestätigt, als Assad-Anhänger die Zeichen an der Wand mit „Baschar ist unser Gott“ preisen.

Es spielen die tschechisch-arabisch-österreichische Schauspielerin Diana Kashlan und Werk-Xler Johnny Mhanna, er tatsächlich in Damaskus geboren und vergangenen September live in „Geleemann“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554). Das heißt: Die beiden spielen eben nicht, sie sind die meiste Zeit in der Erzählerrolle – wie das Romandramatisierungen halt oft so mit sich bringen, noch dazu eine von Olga Grjasnowa, in dem viel passiert, doch wenig gesprochen wird. Und so fehlt im Wortsinn das Dramatische, und die protokollarische, authentische Härte, mit der die Autorin und Ehefrau des syrischstämmigen Schauspielers Ayham Majid Agha auf Gewalt, Grausamkeit und Folterzellen blickt, wird zu einem künstlichen künstlerischen Distanzhalten.

Diana Kashlan und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Verhört von der Geheimpolizei. Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Nur ab und zu blitzt auf, was Grjasnowa zu schildern hat. Mit Humor, wenn Mhannas Hammoudi, gerade auf dem Möbiusband einer Behördenendlosschleife gelandet, sagt, in Syrien seien diese Wartezimmer wie Gefängnisse, man wisse nicht warum und wie lange man sitzen müsse. Mit Schrecken, wenn Kashlans Amal, mitten in der Nacht von der Geheimpolizei verhaftet und zum Verhör gebracht, erklärt, was der Mensch der Reihe nach verliert: Zähne, Würde, Freiheit, Leben. Und nein, hier will niemand einen Gewaltporno sehen, und ja, es ist an dieser Stelle niemals üblich Künstlerinnen und Künstler mit Herkunfts- und Heimatbegriffen zu punzieren.

Aber diese österreichische Erstaufführung der „Nestbeschmutzer & innen“ hat eine Wahrhaftigkeit „verspielt“, die die Vorlage erstens hat, und für die die Autorin vom deutschen Feuilleton teils sogar getadelt wurde, und für die nicht zuletzt der großartige Johnny Mhanna ein Garant gewesen wäre. Und ginge es darum, ein österreichisches Publikum abzuholen, so hätte man die Claire-Story, Hammoudis Lebensgefährtin in Paris, wo er sieben Jahre lang gelebt und studiert hat, und zu der er nicht mehr zurückkehren wird, ausbauen können. Die Entsetzlichkeit, den geliebten Mann in einem Krisengebiet zu wissen und nur mit viel Glück eine Handyverbindung zu haben …

Für all das entschädigt, und das ist der Punkt: sehenswert, Johnny Mhanna mit einem abschließenden Monolog. Die Protagonisten begegnen einander in Berlin wieder. Er als gewesener Chirurg, der im Untergrund von Deir ez-Zor in einer illegalen Ambulanz die Notversorgung für die Bevölkerung aufrechterhielt, sie, die ihren Namen „auf der Liste“ fand, flüchtete und im Mittelmeer fast ertrunken wäre. Sie, die höchst erfolgreich eine TV-Kochshow über orientalische Spezialitäten moderiert, er, der ohne Papiere in Europa kein Mensch, geschweige denn ein Arzt ist.

Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Und wie bezeichnend sind diese letzten Augenblicke. Hammoudi berichtet von seiner Odyssee, Polizei, Erstaufnahmestelle, Unterbringung in Hostels quer durch Deutschland, fünf Asylwerber aus fünf verschiedenen Ländern mit fünf verschiedenen Sprachen schnarchen in einem Zimmer, „wir können uns gegenseitig nicht einmal Gute Nacht wünschen“. Das Warten auf die Anhörung, die Verachtung, die Missachtung, Asylverfahren

und Deutschkurs. Und schließlich Kashlan als gelangweilte Beamtin, die es nicht einmal der Höflichkeit Wert findet, Hammoudis Namen richtig auszusprechen, und die, was Deir ez-Zor und eine Flucht nach Deutschland betrifft, sprichwörtlich keine Ahnung hat, wo Gott wohnt und wie er heißt …

werk-x.at/premieren/gott-ist-nicht-schuechtern

  1. 3. 2021

Buch und DVD: Maria Lassnig. Das filmische Werk

Januar 26, 2021 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Films in progress“ in ihrer Gesamtheit publiziert

Maria Lassnig gilt international als eine der wichtigsten Malerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Leitmotiv ihrer Malerei, das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins / „Body Awareness“, fand in den 1970er-Jahren in New York auch filmischen Ausdruck. Und welch einen! Beeinflusst von Malerei, aber auch dem US-amerikanischen Experimentalfilm, der feministischen Bewegung, dem Animationsfilm sowie ihrer neuen Heimatstadt New York schuf Lassnig in einigen wenigen Jahren einen beachtlichen Korpus an radikal eigenständigen Kurzfilmen.

Während einige dieser Arbeiten zum Lassnig-Kanon zählen, blieben viele Filmwerke dieser Schaffensphase unvollendet und unveröffentlicht. Ihre „Films in Progress“, zugleich autobiografische Notiz und gestalterisches Experiment, in denen sich viele Sujets und Techniken aus ihrem Werk wiederfinden, wurden von zwei engen Vertrauten – Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko – aufgearbeitet und im Sinne ihres ursprünglichen Konzeptes sowie Lassnigs Aufzeichnungen folgend fertiggestellt.

Der neue Band in der Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen stellt Maria Lassnigs filmisches Werk in den Mittelpunkt und bietet anhand von Essays, dem ersten umfassenden Verzeichnis von Lassnigs filmischer Arbeit und einer großen Auswahl ihrer eigenen, bisher unveröffentlichten Notizen Einblick in die Ideenwelt der Filmemacherin. „Im Mai 1979 zeigte das Österreichische Filmmuseum – zum ersten und für vier Jahrzehnte auch zum letzten Mal – ein Programm mit Maria Lassnigs ,Zeichentrickfilmen'“, so das Herausgeber-Quartett Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko.

„Ins ,Unsichtbare Kino‘ hatte sie es über einen Umweg geschafft: Das internationale Forum des jungen Films zeigte während der Berlinale diese sieben Filme, damals gehörten insgesamt neun zum bekannten filmischen Gesamtwerk, und danach eben auch in Wien. Dieser Umstand ist bezeichnend für die geringe Aufmerksamkeit, die Lassnigs in den 1970ern in New York entstandenem filmischen Œuvre zu Lebzeiten über weite Strecken zukam – selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 1980ern weltweit etablieren konnte.“

Woran das gelegen sein konnte, ließe sich vielleicht dahingehend interpretieren, dass Lassnig die Neigunghatte, sich selbst regelmäßig radikal neu zu positionieren und damit zugleich eine Auseinandersetzung mit spezifischen Formen, Farben oder Ausdrucksmitteln für sich als erledigt zu betrachten. Mit Ende ihrer New Yorker Werkphase vollzieht sie nicht nur einen Schwenk weg vom Animations-/Film als wichtigem Ausdrucks-und Gestaltungsmedium, sie lässt auch die mannigfaltigen Lebens-und Arbeitskontexte dieser Zeit, von der Kulturarbeit im Kollektiv bis zum politischen Feminismus, hinter sich.

Nitsch,1972, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Bärbl. 1974/79, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

So landeten die Filme, bis auf eine Rolle der „kanonischen“, das heißt zu Lebzeiten regulär vertriebenen und seit den 2000ern auch wieder vermehrt rezipierten Werke, buchstäblich auf dem Dachboden. Wie es nun zur Publikation kam, und was diese für Lassnigs Neubewertung als Filmkünstlerin bedeutet, wird in „Maria Lassnig. Das filmische Werk“ erstmals umfassend dokumentiert.

„Nebst biografischen Aspekten führten auch andere Faktoren dazu, dass Lassnigs Filmschaffen vor allem in Österreich wenig beachtet blieb“, so die Herausgeber. „Als Emigrantin und Remigrantin war sie beinahe zwei Jahrzehnte lang nicht Teil der Wiener Kulturszene. Als Filmemacherin war sie beinahe ausschließlich in den USA tätig. Und auch dort fand ihre Arbeit abseits der in Österreich stark rezipierten Bewegung des ,New American Cinema‘ und des ,structural film‘ statt; hinzu kommen eine systematische Geringschätzung weiblicher Filmschaffender und die noch bis in die 1990er-Jahre stiefmütterliche Behandlung des Animationsfilms.“

Lassnigs Arbeit ist, wie die hier nachzulesenden Essays von James Boaden und Stefanie Proksch-Weilguni, die Film- und Projektbeschreibungen von Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller und Isabella Reicher erklären, nicht bloße „Malerei in der Zeit“. „Sie arrangiert komplexe Doppelbelichtungen in der Kamera, benutzt die optische Bank, und reichert ihre Bilderwelten mit Tonspuren an, die von Voiceover-Erzählung über elektronische Klangerzeugung bis zu Tonbandexperimenten reichen. Damit durchbricht sie als Frau, als eine Fremde sowohl in der Filmszene als auch im Amerika der 1970er-Jahre bestehende Kategorien und Zuordnungen.“

Maria Lassnig, New York, ca. 1969. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Women/Artist/Filmmakers, Inc., Maria Lassnig v. li.,  1976. © Bob Parent. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig, 1974. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Ihr Werk reflektiert ihre Auseinandersetzung mit dem Medium, seiner Geschichte und seinen Erzähltechniken, vom Hollywoodkino über den unabhängigen US-Film zum Animationsfilm und bis hin zum Fernsehen. Und auch ästhetisch verweigert Lassnig jedwede Orthodoxie. Ähnlich wie in Zeichnung und Malerei, macht sie sich eine Vielzahl an gestalterischen Techniken zu eigen und exerziert sie durch: vom „handpainted film“ zum Legetrick, von der Studioaufnahme zur dokumentarischen Handkameraführung. Die Kooperation mit der Maria Lassnig Stiftung ermöglichte es dem Österreichischen Filmmuseum, erstmals das bildnerische Werk Lassnigs, ihre Skizzen und Notizen zum Film und die filmische Arbeit einander gegenüberzustellen.

FilmmuseumSynemaPublikationen, Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko (Hg.): „Maria Lassnig. Das filmische Werk“, mit kommentiertem Bildteil und einer DVD, einer Auswahl der „Films in progress“, in Zusammenarbeit mit INDEX-Edition, 192 Seiten. Dieser Band erscheint auch in englischer Sprache.

www.filmmuseum.at           www.marialassnig.org

26. 1. 2021

Werk X in der Spielzeit 2020/21: Der Preis des Geldes

Oktober 8, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Sensationscoup inszeniert Christine Eder Preciados „Testo Junkie“; Nestroy-Preis für „Dunkel lockende Welt“

Das Werk X in Meidling. Bild: © Thea Hoffmann-Axthelm

Willkommen in der „neuen Normalität“. So begrüßt das Werk X sein Publikum zur Spielzeit 2020/21, deren Motto „Der Preis des Geldes“ ist. „Eine unsichtbare Bedrohung namens #COVID19, vulgo #Coronavirus, hat unser aller Leben im erstickungs- gefährdenden Würgegriff wie seither nur das freie Spiel der Finanzmärkte. Dieser Vergleich zeigt, dass vor Corona in Wirklichkeit nach Corona ist. Es ist kein neues System entstanden, sondern das alte muss aufgrund seiner Infektiosität mit Masken

bestritten werden. Es wird somit nur offensichtlich, was die Denkschule des neoliberalen Monetarismus seit den 1950iger Jahren für den Kapitalismus als angenommenes Naturgesetzt postuliert hat: Survival-of-the-fittest. Doch nun zeigt sich dieses ,Naturgesetz‘ als das, was es in Wirklichkeit ist: Eine Krankheit. Nämlich eine hoch ansteckende mit Todesfolgen“, so das Statement der beiden Intendanten Harald Posch und Ali M. Abdullah.

Von denen Posch mit Der G´wissenswurm- The unintentional end of Heimat (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41468) nach Ludwig Anzengruber und seiner Auseinandersetzung mit dem Stadt-Land-Gefälle und der daraus resultierenden ökonomischen sowie sozialen Ungleichverteilung der Ressourcen bereits den Anfang machte. Gefolgt vom Gastspiel Bürgerliches Trauerspiel des aktionstheater ensembles (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41710 ).

Für die zweite Produktion ist dem WERK X ein Coup gelungen: Die bisher heiß umkämpften Aufführungsrechte von Paul B. Preciados Testosteron-Selbstexperiment-Essay Testo Junkie konnten eingeholt werden. Regisseurin Christine Eder, zuletzt am Haus mit „Proletenpassion 2015 ff“(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411) erfolgreich, wird sich mit Fragen nach pharmazeutisch-hergestellter geschlechtlicher Körperlichkeit und Identität kapitalismuskritisch auseinandersetzen. Premiere: 5. Dezember.

Matthias Rippert stellt sich in seiner ersten Regiearbeit für das WERK X im März mit der Bedrohung eines unbescholtenen Bürgers, einer Stückentwicklung von ihm und Jakob Nolte, anhand der dramaturgischen Prämisse der Spielfilmreihe „Final Destination“ den einzig wahren Naturgesetzen: Der Unausweichlichkeit von Tod und Vergänglichkeit. In Ripperts Fall innerhalb der Logik des Spät-/Kapitalismus. Eine Produktion von Ali M. Abdullah im Jänner und eine Überraschungsproduktion werden weitere Facetten des Spielzeitmottos auf der Bühne des WERK X diskursiv verhandeln.

Der „Geleemann“ ist Opfer und Täter: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

In „Ein Staatenloser“ symbolisieren Stoffbahnen die Repression im Iran: Alireza Daryanavard. Bild: © Alexander Gotter

„Der G’wissenswurm“: Sebastian Thiers, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Bürgerliches Trauer-Gast-spiel: Benjamin Vanyek und Thomas Kolle vom aktionstheater ensemble. Bild: Stefan Hauer

Im Werk X-Petersplatz geht es nach dem Geleemann (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554) am 5. November mit Wolga von Stefan Langer weiter, worin in einem multimedialen Horrorszenario der Mythos der sowjetischen Automarke beschworen wird. Gefolgt von Gott ist nicht schüchtern von Olga Grjasnowa in einer Inszenierung von Susanne Draxlern. Premiere: 24. November. Premiere am 11. Dezember hat die Stückentwicklung who can swim, swim! von kochen.mit.wasser und Peter Pertusini, der auch Regie führen wird. Das lang erwartete HORSES von Johannes Schrettle und Imre Lichtenberger Bozoki, #Corona-bedingt um eine Saison verschoben, kommt nun am 18. Februar zur Uraufführung, das ebenfalls verschobene Gruber geht am 17. März. Ein Staatenloser von und mit Alireza Daryanavard (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) wird morgen, am 9. Oktober, wiederaufgenommen.

Der #Corona-Lockdown hat eine der erfolgreichsten WERK X- und WERK X-Petersplatz-Spielzeiten verkürzt: Fünf Eigenproduktionen und eine Koproduktion am WERK X sowie fünf Kooperationen mit der freien Szene am WERK X-Petersplatz konnten bis Anfang März 2020 zur Aufführung gebracht werden. Darunter die Uraufführung des zweiteiligen Mammutprojekts Die Arbeitersaga am WERK X unter vier Regieleitungen (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=36864 und www.mottingers-meinung.at/?p=38734). Die Auslastung betrug bis zum Lockdown 83 Prozent. Das heißt, es konnte insgesamt im Zeitraum von 2018 auf 2019 eine Steigerung der Besucherinnen- und Besucherzahlen an beiden Häusern von 19.000 auf 22.000 erreicht werden.

Nestroy-Preis für „Dunkel lockende Welt“: Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer. Bild: © Matthias Heschl

Gefeiert wird dieser Erfolg mit drei Nestroypreis-Nominierungen: Der Nino aus Wien in Geschichten aus dem Wiener Wald, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35284, wurde für den Publikumspreis und Alireza Daryanavard mit Blutiger Sommer in der Kategorie „Bester Nachwuchs männlich“ nominiert. Preisträger ist das WERK X  in der Kategorie „Beste Off-Produktion“ mit Nurkan Erpulats Inszenierung von Händl Klaus‘ boulevardeskem Sprach-Kunstwerk-Krimi Dunkel lockende Welt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35553 ). Wiederaufnahme: 16.Oktober.

werk-x.at

8. 10. 2020

aktionstheater ensemble im Werk X: Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben

September 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hochkulturgift der heimkehrenden Witwe

Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Stefan Hauer

„… hat die Mama gesagt“, „… hat auch der Bundeskanzler gesagt“ – ein jedes hat hier seinen sakralen Satz. Ersterer von Thomas Kolle, zweiterer von Benjamin Vanyek wieder und wieder hergebetet. Die Eckpunkte, die Stützpfeiler, der Grundstein, damit klar: die liebe Familie und der heilige Sebastian, beide im Sinne ihrer Schutzbefohlenen bekanntlich Märtyrer, und ihr Hirtenspruch somit wie einer beim Wolfauslassen.

Ein „Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben“ haben Martin Gruber und sein aktionstheater ensemble ihre aktuelle Performance genannt, die Uraufführung, durch den #Corona-Lockdown ausgebremst, jetzt endlich im Werk X zu sehen – und tatsächlich hat es die nicht umsonst schnelle Eingreif- genannte -truppe geschafft, ihre im März nahezu fertige Arbeit einen Twist weiterzudrehen. Nicht nur einer Überschuss-Überdruss-Besseren-Gesellschaft wird nun auf den Zahn gefühlt, sondern auch jenem aufkeimenden Quarantäne-Patriotismus, der sich so wenig ins Gute-Menschen-Bild fügen will.

Das aktionstheater ensemble zeigt sich mit diesem Text in würdiger Erbschaft eines Thomas Bernhard, dessen sarkastische Kaskaden die gestrenge Uni-Professorin weiland in die Nähe des bürgerlichen Lachtheaters rückte – „Des sittlichen Bürgers Abendschule“ samt Hausaufgaben. Was es allerdings im Weiteren mit dem Zahnfühlen auf sich hat, ist so schrecklich, dass man’s kaum wiedergeben mag.

Zwischen Sängerin Nadine Abado, Schlagzeuger Alexander Yannilos und Gitarrist Kristian Musser bleibt die Spielfläche leer, bis auf etliche von derart metallenen Gitterschränken, in denen im Orkus der Supermärkte der Zivilisationsmüll entsorgt wird. Auf ganzen Säcken davon, Plastik, schwarz, prallgefüllt, Müll, Gerümpel werden die Spielerin und die Spieler später herumturnen, eingepfercht zwischen den Wänden dessen, was einmal war, doch nicht länger von Wert ist.

Horst Heiss und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Erst aber zieht Thomas Kolle die #Covid19-Linie zum Publikum, zaghaft zunächst, als müsse er sich an die neue Situation herantasten, zwei Spieler sind schließlich Virus-bedingt aus der Produktion ausgestiegen, dann immer dreister: Es wird wieder in die Hände gespuckt, und in der Kalamität hat man s’aktionstheater ensemble selbstverständlich zu begünstigen. Auftritt, nein, es erscheint, nein, hereinschwebt Benjamin Vanyek und spricht:

„Die Bundesregierung hat gesagt, wir müssen gerade jetzt in diesen Zeiten der großen Not die österreichischen Künstler und Künstlerinnen sehr unterstützen. Und jetzt stellen Sie sich mich als Emilia Galotti vor, mit dieser leicht lakonischen Sprache, wie Goethe schon gemeint hat. Und das in dieser Krise jetzt.“ Nicht nur mit der Wunschmätresse des Prinzen Gonzaga will er dem deutschen Verfechter eines „Christentums der Vernunft“ seinen Respekt zollen, sondern auch als dessen Minna – Weihnachtseinkäufe als Gabriele wär‘ auch was.

Vanyek raunzt sich per Vokabeldehnung perfekt durch den Paula-Wessely-Tonfall: Gnääädige Frau, gnääädige Frau …! – Wie? … Ah, Sie sind’s! – Geben Sie mir doch Ihre Pakete! Und schade ist, dass die Nachgeborenen seine „Heimkehr“ zu wenig zu würdigen wissen. Welch ein Komödiant! Wie er ins Kurze Hörbiger’sche Wut-Video kippt. Wir werden froh und glücklich wieder zurückkommen! Da ist gut lachen, Vanyek im Tournürenkleid eine Schwarze Witwe, die ihr Hochkulturgift verspritzt. Doch wie jedem wahrhaft großen Schalk sitzt ihm die Tragik im Nacken. Der Moment wird so persönlich, dass man’s nicht aushält. Die Schneidezähne, beim Bundesheer, Vergewaltigung zum Oralsex, die Prothese als Beweis, die Zahnlücke unfassbare Realität.

Die emotionale Corona-Kurve steigt. Von Sentiment zu Verzweiflung zu Zorn. Vom „gesunden“ Egoismus zum empathischen Wunsch, in einem Wir aufzugehen. Das jedoch nicht jede und jeden mit einschließt. Irgendwo muss man Grenzen ziehen! Mit Liegestühlen bewehrt kreiseln die Sich-selbst-Darsteller um die eigene Achse, mit jeder Drehung mehr Richtung Orientierungslosigkeit, einsam, aufgerieben zwischen Selbstoptimierung – Stichwort: Haare im Hintern rasieren – und der vergeblichen Suche nach einem Gemeinsinn.

Thomas Kolle, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Horst Heiss, Michaela Bilgeri und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Benjamin Vanyek, Horst Heiss und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Michaela Bilgeri, Benjamin Vanyek und Horst Heiss. Bild: Stefan Hauer

Wie gewohnt und geliebt lässt Martin Gruber banale Alltagssorgen mit den Weltproblemen kollidieren, wie stets schneidet er choreografische Elemente und rauschhafte Musik zwischen die Texte. Nadine Abadas Stimme dabei die der Sehnsucht, Alexander Yannilos verantwortlich für Thomas Kolles Herzschlag-Furor. Er isst keine Tomaten mehr, sagt er, nur noch Saisonales, wegen der Paradeisermafia und der Flüchtlinge, die in Italien als Pflücker ausgebeutet werden. „Gemüse, Heimat, Österreich!“, skandiert Horst Heiss.

Die Leihgabe vom Koproduzenten Landestheater Linz ist in höchstem Maße verantwortlich für den Thomas-Bernhard-Sound. Wie er die Grade des Faschismus in der Regierung misst, das ist Robert-Schuster‘ische Reinkultur. „Die Kunst wird uns retten“, meint einer der Akteure. Alldieweil „die letzte verbliebene Frau“ im High-Speed-Reigen Vollgas gibt, Michaela Bilgeri, einmal mehr entfesselt, über Isolationskochen, ihre Corona-Alkoholliste, und mutmaßlich nie wurde theatralischer ein Rezept für Rindsgulasch dargeboten.

Man tanzt zum Beat, man geht einander auf die Nerven. Die Bilgeri muss zugeben, ihre Seifen-„Sharing forward“-Strategie im Kuba-Urlaub ist obschon exzessiven Rumkonsums gescheitert. Die bürgerliche Trauergemeinde versinkt trotz Fleiß, Verlässlichkeit, Talent und nacktem Kolle-Popo im sozialistischen Nichts. Welch eine Ironie, dass die Heilige Corona, per Foltertod von Diokletian ums Leben gebracht, die Schutzpatronin gegen Seuchen ist. Schwer ist’s, den Gruber’schen freien Assoziationen zu folgen, doch ist man fasziniert von der Fülle an Denkbarem und Weiter-Denkbarem.

Die Generation Zukunftsglauben wird den Wertekatalog der Eltern relaunchen, eine sich als „gerecht“ ausgebende Gesellschaft gegen nationalistische Populisten aufstehen müssen. Doch wer kann, wenn er sich ernsthaft einlässt, weiterspielen? Das aktionstheater ensemble mit seinem gleichzeitig berührenden und lustvoll-kurzweiligen Gesamtkunstwerk! Und die Schwarze Witwe streut Sternenstaub auf die Seelen aller …

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 9. 2020

Werk X-Petersplatz: Geleemann

September 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefangen im großen deutschen Sprach-Raum

Geleemann mal vier trägt seine Zellenwand mit sich: Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Sie tragen blaue Gefängnisuniformen, und die Art, wie sie sich gegenseitig vernehmen, weist sie als Häftlinge und zugleich Wärter aus. Sie tragen ihre Zellenwände vor sich her, zwei Darstellerinnen, zwei Darsteller, drei davon „Migranten“, und es ist Maria Sendlhofers den Abend eröffnendes Publikums-Spiel, wem man’s ansieht und wem nicht. Sendlhofer, im Werk X-Petersplatz zuletzt als Performerin in „Carrying A Gun“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=31561) zu erleben, hat nun ebendort „Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“ von Amir Gudarzi inszeniert – die Uraufführung eine Produktion von Andromeda Theater Vienna in Kooperation mit dem WERK X- Petersplatz, und mottingers-meinung.at zum Probenbesuch samt anschließendem Interview mit Regisseurin und Autor eingeladen.

Woher man komme und warum man hier sei, fragen Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović einander ab, Name? – Geleemann, dazwischen Gesten des Schutzes und der Abwehr, Größe? – eine gute handbreit überm jeweiligen Kopf. Der „Geleemann“, er von den Medien zu diesem gemacht, ist größer als man selbst, heißt das, und zugleich kann’s jede und jeder sein. Ja, lacht Maria Sendlhofer, als sie den Text zum ersten Mal las, dachte sie, „ich besetze das weißeste Milchbubi, das ich finde“ – oder eben so.

Amir Gudarzis Text ist so politisch wie poetisch. Wie sein Protagonist, der sich nicht als Einbrecher-Verbrecher, sondern als Dichter sieht. Da sitzt er nun in Untersuchungshaft, von den Zeitungen bereits als Vergewaltiger und Mörder vorverurteilt, Geleemann genannt, weil er sich vor seinen Taten einölte, klitschig machte, um nicht gefasst werden zu können. Den wahren Namen erfährt man nie. Der Mann ist iranischer Asylwerber, 2009 vor dem Regime in Teheran nach Österreich geflüchtet, festgenommen als Eindringling in die Schlafzimmer schlafender Frauen, auf der Suche, aus Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Geborgenheit. „Die Menschen sind nur im Schlaf nahbar“, sagt er, und dass er es nicht mehr ausgehalten hätte, das ständige „Wegsetzen, Wegschauen, weg da, du da, weg da“.

Via Video wird der Täter zum Opfer: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Simonida Selimović, Philipp Auer, Clara Schulze-Wegener und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Der virtuose Ghaychak-Spieler Pouyan Kheradmand begleitet den Abend musikalisch. Bild: © Alexander Gotter

Eine der vom Geleemann „besuchten“ Frauen bei der Aussage: Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Mal als Chor, mal als Einzelstimme sagt das Ensemble solche Sätze, je nach eigener Biografie mit je eigener Klangfarbe, mit großer Intensität alle vier. Auf den auch als Videowände verwendeten Paneelen wird aus Täter Opfer, gefilmt hinter Plexiglas, wo auch der virtuose Ghaychak-Musiker Pouyan Kheradmand sitzt, Täter zu Opfer auch auf der Spielfläche, wenn die Masse den einen angreift. Mit Fäusten und jenen rechtspopulistischen Formulierungen, die die Wählerschaft in die offenen Arme der Xenophobie treibt.

Was Amir Gudarzi verhandelt, vom Publikum fordert, ist nicht wenig. Sein Text thematisiert, assoziiert, analysiert, ist ein komplexes Konstrukt aus Rassismus und Stereotypen, Geschichte und Gegenwart, Bewusstsein und Verdrängung, von den Wiener Kurdenmorde von 1989, der NS-Vergangenheit Österreichs, dem Attentat von Oberwart bis zur Grünen Revolution im Iran von 2009, der Ermordung politischer Gefangener am Ende des Iran-Irak-Kriegs, von Berichten der hiesigen Boulevard-Presse bis zum heutigen Antisemitismus.

Polemisch lässt er den Geleemann über die Willkommenskultur der heimischen Hotellerie lästern, die sich allerdings nicht an Flüchtlinge, sondern an „die reichen Araber“ wendet, und es geht unter die Haut, wenn er über die unter Androhung von Sanktionen zu erlernende Sprache sagt: „Deutsch ist wie ein großer Raum, in dem man gefangen ist.“ Der Geleemann kam traumatisiert aus Teheran, wen schert’s?, er ist eines jener in den 1980er-Jahren im Foltergefängnis geborenen Kinder, von denen man selbst erst durch den Dokumentarfilm „Born in Evin“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38221) erfuhr, wer weiß das schon? Wen interessiert der „Hurensohn“, der nach der Erschießung der Mutter im Hof ihr Blut wegwaschen musste?

„Worüber man schreibt, hat immer mit einem zu tun“, sagt Amir Gudarzi. Auf der Theaterschule in Teheran, dieser Grauzone des Dürfens, wo die Proberäume via Gucklöchern überwacht werden, mit 13, 14, hatte er einen Freund, dessen Vater, wenn er betrunken war, von der Ermordung der Oppositionellen unter Ayatollah Khomeini erzählte, die Mutter, Geschwister. Gudarzi floh, wie er es formuliert, „aus religiös-politischen Gründen“, seit 2009 lebt er im Exil in Wien, gewann den österreichischen exil-DramatikerInnenpreis und erhielt das Dramatikerstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts. Derzeit schreibt er an seinem Debütroman, schreibt, er muss schmunzeln, noch sind es viele Ideen im Kopf, darüber wie Politik der Privatheit in die Quere kommt.

Bild: © Alexander Gotter

Ein Wunschtraum vom Richtigstellen, den auch der Geleemann hat. „Steht er erst vor Gericht“, so Maria Sendlhofer, „glaubt er ein Plädoyer über Verdrängung und Verfälschung von Wissen und Gewusstem halten, und über die mediale Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit zum Ausleuchten der geschichtlichen und gegenwärtigen toten Winkel bringen zu können.“ Derweil wird’s auf der Spielfläche tumultuös, dem muslimischen Geleemann wird zur Gaudi der Jude David als Zellengenosse überantwortet, Vorurteile und Klischees prallen aufeinander, werden bedient und hinterfragt.

Schönster Satz zwischen den ihr Leid tragenden Tätern zum hiesigen Lieblingsmythos: „Hier gibt es nur ein Opfer – Österreich!“ Doch siehe, die Feindbilder beginnen sich anzufreunden, Philipp Auer und Johnny Mhanna spielen diese Szene über barbarische Regime, Millionen Tote, der Zweite Weltkrieg, die Besetzung durch Briten und Sowjets da wie dort, der offizielle Iran, der die Shoah ein israelisches Märchen nennt, die „Stolpersteine“, deren Inschriften der Geleemann in Wien gelesen hat. „Ein Mensch ermahnt seine Mitmenschen zum Hinschauen, aber wie steht es um seine Ignoranz?“, erklärt Sendlhofer das zu Sehende.

Und Gudarzi ergänzt: „Es geht um die Narrative und wer die Macht über sie besitzt. Wer kann komplexe Zusammenhänge vereinfachen, wer kann aus Leid Sensation machen, wer entscheidet, welche Nachricht sich gut verkauft und das Rennen um die Titelseite gewinnt?“ Was Regisseurin und Autor mit all dem in den Köpfen der Zuschauer festsetzen wollen? „Viele Fragen und keine Antwort“, lacht Sendlhofer. „Wir wollen herausfordern, weil das Publikum hier im Theaterraum jemandem, der ob seiner Tat verachtet werden müsste, zuhören muss.“ – „Wäre der Geleemann ein Österreicher, wäre er ein Einzelfall und würde psychologisiert“, ergänzt sie. „Aber so, heißt es wieder die …“

„Der Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“, exakt und ideenreich inszeniert, perfekt und mit Hingabe an die Figur gespielt, ist ein Stück, dem wohl niemand gleichgültig begegnen wird können. Es ist Gudarzis lyrische Einladung zur Selbstbefragung, zur Hinterfragung der oftmals von anderen vorgefertigten Bildern, die man in sich trägt, es ist Gudarzis Bitte, der eigenen Voreingenommenheit bewusster zu begegnen. In Tagen wie diesen ein wichtiger Text, umgesetzt in einer sehenswerten Aufführung.

Vorstellungen bis 2. Oktober.

werk-x.at           www.facebook.com/WERKXPetersplatz

  1. 9. 2020