Werk X: Onkel Toms Hütte

April 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von wegen Ende der Sklaverei

Die Sklaventreiber und die Safaritouristen: Zeynep Buyraç, Sören Kneidl, Wojo van Brouwer und Tom Feichtinger. Bild: © Sandra Keplinger

Die Überforderung ist Programm. Zu groß die Schweinerei, um sie allumfassend darzustellen, zu unglaublich, was Menschen Menschen antun, um zu glauben, man könne begreifen. Ergo, möchte man meinen, lässt Harald Posch Teile seiner Auseinandersetzung mit den Themen Sklaverei und Ausbeutung in Schnellsprech und Staubsaugerlärm untergehen. Das ist schade, weil man durchs Getöse ahnt, dass da auf der Spielfläche Wichtiges verhandelt wird.

Doch es geht Posch ums Globale. In jeder Hinsicht. Kein T-Shirt-Kauf, mit dem man sich nicht mitschuldig macht, kaum ein Supermarktartikel, der einen nicht als Mittäter am System ausweist. Etwa 30 Millionen Menschen weltweit fristen im Jahr 2018 ein Leben als Sklavinnen und Sklaven in moderner Schuldknechtschaft. Etwa 200 Millionen Menschen sollen akut von Sklaverei-ähnlichen Ausbeutungsverhältnissen bedroht sein. So zitiert der Programmzettel den US-Soziologen Kevin Bales. Hier setzt Posch an. Auf der Folie von Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ gestaltet er seinen Abend über Unterjochung, Rassismus und die Position derer, die sich bis heute als „Herrenmenschen“ verstehen.

Dabei wird sowohl agiert als auch agitiert. Wenige Spielszenen wechseln mit aufklärerisch Aufgesagtem, Episoden aus dem Roman werden erzählt. Nur eingangs dürfen Sören Kneidl und Wojo van Brouwer als Shelby und Slavenhändler Onkel Toms ersten Verkauf szenisch gestalten. Was danach geschieht – St. Claire, Legree – erahnt man mehr, als man es versteht. Parallel kommen kurz Eliza und Sohn Harry vor, Onkel Toms Ende wird nur noch mit drei auf Pappkartons geschriebenen Sätzen verkündet. In Lincoln-Land wird das Werk mittlerweile kontrovers rezipiert. Black Power passt nicht zu Onkel Tom.

Alltagsrassismen allüberall: Katharina Knap meets Walt Disney. Bild: © Sandra Keplinger

Nach dem Blackfacing wieder „weißgewaschen“: Zeynep Buyraç und Tom Feichtinger. Bild: © Marko Lipuš

Posch weiß auch darauf hinzuweisen. Einem Blackfacing stellt er ein „Whitefacing“ gegenüber, das geschwärzte Gesicht wird geschockt schnell wieder „weißgewaschen“. Dann wiederum diskutieren Zeynep Buyraç und Katharina Knap die Tatsache, dass kein Schwarzer an der Aufführung teilnimmt. „Was sollte der spielen? Einen Sklaven?“ In solchen und anderen Momenten kippt die Inszenierung vom Irritierenden ins Ironische. Harald Posch hat ein Händchen für derlei Wechselbäder.

Während Tom Feichtinger den xenophoben österreichischen Sextouristen gibt, schildert Knap das Schicksal einer Sexsklavin in Österreich. Es geht um Lohnsklaven für Billigtextilien in Bangladesch oder Arbeitssklaven in brasilianischen Ziegeleien, Safarijäger und Schlepper, und wie die unappetitlichen Angelegenheiten seit 1852 aus dem unmittelbaren Blickfeld in die sogenannte „Dritte Welt“ verschoben wurden. Ein Zebra wird ausgeweidet, Tarzan, Baströckchen und Banane berichten vom Outsourcing einer Wegwerfgesellschaft, in der auch der Mensch rasch Müll wird.

In einer der bestechendsten Szenen singen die Schauspieler ernsthaft naiv 50 Cents „Candy Shop“ in deutscher Übersetzung. Ein weiteres Bild, eine weitere Bespiegelung. „Onkel Toms Hütte“ im Werk X ist voll davon. Mehr als man auf einmal fassen kann. Nicht immer kennt man sich aus, nicht jeder gezogene Schluss erschließt sich einem. Manchmal wünscht man, man könnte ein Stück zurückspulen und noch einmal hören und sehen. Nachzudenken gibt es jedenfalls eine Menge.

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  1. 4. 2018

Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

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  1. 4. 2018

MUSA: Josef Mikl. Das satirische Werk

Januar 29, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Pointierte Darstellungen der Wiener Kunstszene

Josef Mikl: Letzte Reise des Wunderpferdes (auch Zauberpferd genannt), 1951 © Wien Museum

Ab 1. Februar zeigt das MUSA Wien die Schau „Josef Mikl. Das satirische Werk“. Im Zentrum der Ausstellung über den österreichischen Maler steht ein einzigartiger Bestand von Skizzenbüchern, Textblättern, Episkopbildern und Heften, der durch eine Schenkung von Brigitte Bruckner-Mikl an das Wien Museum MUSA kam. In pointierten Darstellungen und bissigen Satiren reagierte Mikl auf seine Zeitgenossen und die Kunstszene dieser Zeit.

Es entstanden abenteuerliche Geschichten wie etwa in den Skizzenheften „Wunderpferd“ und „Kulturtagung in Worpswede“. Mit seiner wohl bekanntesten Figur, der Journalistenfresserin Hawranek, schaffte er sich ein Ventil gegenüber Kritik: „Vor vielen Jahren, als die Erde noch flach was, zerbiss die Hawranek schon Zeitungen und Redakteure.“ Wie wichtig ihm sein satirisches Werk schließlich war, beweisen seine sieben Publikationen, die er ab den 1960er-Jahren – großteils im Selbstverlag – veröffentlichte. Mit der Schenkung werden nun auch Skizzenbücher und -hefte präsentiert, die bisher der Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieben. Einige der Arbeiten sind in sich geschlossene Bild-Text-Kombinationen, andere wiederum beinhalten oft nur wenige Seiten umfassende Gedanken. Dank der nun erfolgten Aufarbeitung erweist sich sein satirisches Werk noch viel umfangreicher als ursprünglich an genommen.

Josef Mikl: Kulturtagung in Worpswede, 1951, © Wien Museum

Der Künstler trennte diese Gesellschaftssatire von seinem malerischen Werk, das mit den Decken- und Wandbildern im Großen Redoutensaal der Wiener Hofburg nach dem Brand von 1992 einen Höhepunkt erreichte.

Durch den in dieser Ausstellung gelegten Fokus auf das satirische Werk werden Mikls Persönlichkeit, seine Sicht auf Zeitgenossen und die Kulturszene näher beleuchtet. Zur Ausstellung erscheint eine erstmals die gesamte Werkgruppe umfassende Publikation mit Beiträgen wichtiger Wegbegleiter und Experten, wie beispielsweise Peter Baum, Otto Breicha, Fritz Koreny, Teddy Podgorski, Drago Prelog, Oliver Rathkolb, Artur Rosenauer, Hanno Rauterberg oder Rudolf Schönwald.

29. 1. 2018

Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linken, im Text so genannten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

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  1. 1. 2018

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch über „Homohalal“

Januar 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert die Groteske von Ibrahim Amir

Die Votivkirchenbesetzung ist der Ausgangspunkt für „Homohalal“: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

Heute Abend hat im Werk X Ibrahim Amirs Stück „Homohalal“ Premiere. Ausgangspunkt des Textes ist die international berühmt gewordene Votivkirchenbesetzung. Jahrzehnte später treffen Aktivisten und Betroffene wieder aufeinander – und alte Konflikte brechen neu auf. Dass dabei keine Seite wirklich gut wegkommt, ist bei Amirs Schreiben systemimmanent …

Im Februar 2016 erst nahm das Volkstheater die Uraufführung von „Homohalal“ wieder aus dem Spielplan, weil man die Groteske für „kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich“ hielt. Die Gerüchteküche brodelte – und kühlte wieder ab. Nun machte sich Regisseur Ali M. Abdullah, der gemeinsam mit Harald Posch das Werk X leitet, mit einer neuen Fassung an die Arbeit. Ein Gespräch:

MM: Nachdem das Volkstheater aufgegeben hatte, wie kam es zu der Idee „Homohalal“ im Werk X zu machen?

Ali M. Abdullah: Die Werke des Ibrahim Amir haben mich immer schon interessiert., „Habe die Ehre“ zum Beispiel fand ich total spannend. Deswegen ist es klar, dass ich den Autor verfolgt habe. Ich habe dann gehört „Homohalal“ sei umstritten, mehr möchte ich jetzt nicht dazu sagen, und da hat mich natürlich interessiert, was denn so umstritten sei. Das war ja wie bei einem verbotenen Roman, die Gerüchteküche brodelte, was wirklich war, wusste aber keiner, doch in der Zeitung stand, man möchte das Thema nicht so präsentieren, wie Ibrahim es geschrieben hat. Ich habe Kontakt mit ihm aufgenommen, er war aber über die Wien-Geschichte nicht so erfreut, und brachte das Stück in Dresden heraus.

MM: Daher gibt es eine vollkommen neue Fassung.

Abdullah: Für Dresden geschrieben, viel neu erarbeitet – und es ist ein ganz anderes Stück geworden. Er hat das wirklich auf Dresden, Zitat: „die toleranteste Stadt Deutschlands“, angepasst, mit AfD- und Pegida-Zitaten. Das war ein toller Erfolg, und damit hat er sich als internationaler Autor positioniert. Wir machen nun aus der Dresdner eine neue Wiener Fassung, was so viel heißt, als dass wir versuchen ein Konzentrat aus beidem zu machen. Die erste Wiener Fassung entstand ja aus einem Workshop mit Tina Leisch und Natalie Assmann und 25 wirklich gerade Geflüchteten, zumeist aus Syrien, Pakistan und Afghanistan stammenden Männern, notiert in den unterschiedlichsten Sprachen. Das hätte man als Regisseur und Dramaturgie fürs Volkstheater überarbeiten können …

MM: Was nun am Werk X geschieht?

Abdullah: Das ist ja klar. Wir arbeiten nicht seit gestern mit Texten, die nicht fertige Theatertexte sind, wie Romane und so. Es ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen. „Homohalal“ ist ein ganz wichtiges Werk für Wien, wo so etwas wie die Besetzung der Votivkirche passiert ist. Das ist nicht nur national ein großes Ding gewesen, sondern auch international, dass Menschen aus einer Fluchtsituation kommend plötzlich in einem fremden Land ihre Menschenrechte eingefordert haben. Ich glaube, das ist einzigartig in dieser Größenordnung.

MM: Das ist ja auch der Ausgangspunkt der Geschichte.

Abdullah: Ja, wird haben auch einen Darsteller dabei, der, wie er selber sagt, Fluchterfahrung hat. Er kommt genau aus dem Zusammenhang. Bei der letzten Probe erst hat er wieder gesagt, dieses Stück ist das erste Mal, dass diese Menschen eine Stimme bekommen.

MM: Seit der Votivkirchen-Besetzung ist das politische Klima kälter geworden. Die vorformulierte Angst war, man wolle mit „Homohalal“ die Ausländerfeindlichkeit nicht weiter schüren. Diese haben Sie nicht? Kann sich das Werk X diesbezüglich auf sein Publikum verlassen?

Abdullah: Der Zuschauer denkt sich, was er will. Natürlich sind der Autor und der Regisseur bemüht, eine stringente oder aufklärerische Haltung zu haben, aber sicher sind wir uns da nie. Ich habe 1991 ein Stück über Neo-Nazis gemacht, von einem ultralinken Autor, und es sind Neo-Nazis drinnen gesessen und fanden’s großartig. Das kann immer passieren. Ich denke aber, dass wir einiges Aktuelles eingebaut haben, so dass der Zuschauer die Idee kapiert, wenn er denn will. Wichtig ist, dass er sich mit dem Thema beschäftigt, und in einer Tiefe, wie es das Stück auch tut. Mit einer Utopie, wie es das Stück auch tut. Ich hoffe, dass wir es so rüberbringen, dass man erkennt, wo es hinführt, nämlich, dass nichts Schwarzweiß ist. Das Stück spielt im Jahr 2037, das heißt, wir reden von einer Zukunft, die vielleicht so oder so aussieht.

MM: Der Ausgangspunkt ist eine Trauerfeier, bei der Votivkirchenaktivisten aller möglichen Herkünfte noch einmal zusammenkommen …

Abdullah: Genau. Das war die Ursprungsidee der Wiener Fassung: Ehemalige Asylwerber sind eingebürgert, haben die Staatsbürgerschaft, sind in der Gesellschaft angekommen, haben die Werte angenommen, sind integriert oder assimiliert – und plötzlich sagt der 18-jährige Sohn, er sei schwul. Und los geht der Wertediskurs. Das haben wir ganz stark mitgenommen, das ist das Zentrale. Dazu kommt eine Bewertung der politischen Situation jetzt. Das Stück ist eine Komödie, aber diese Komödie ist nicht gleich Komödie. Ibrahim Amir arbeitet auf drei Ebenen, der komödiantischen, einer tagespolitisch agitativen, die tief und ernsthaft ist, und der des dokumentarischen Theaters. Dokumentarisch in dem Sinne, dass jemand an dem Abend seine wahre Geschichte erzählt. Deswegen ist die Komödie Transportmittel für die Beschäftigung mit einer Jetztzeit, einer Zukunft und einer politischen Haltung.

MM: Im Stück sagt die Figur Rouni, er wäre der Quotenflüchtling in dem Ganzen. Braucht man heute auf dem Spielplan ein Quotenflüchtlingsstück?

Abdullah: In meiner Betrachtungsweise sind wir schon darüber hinaus. Als wir in die praktische Arbeitsweise gegangen sind, haben wir aber gesagt, das Publikum vielleicht noch nicht. Wir müssen einen Schritt nach dem anderen nehmen, und so haben wir den Schauspieler mit Fluchterfahrung dabei, und es ist gut so. Er spielt den Rouni, und dieser Rouni will den Hamlet spielen, nicht der Flüchtling sein, und das ist gut so, das muss erzählt werden, das ist gesellschaftspolitisch wichtig.

Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Apropos, gesellschaftspolitisch. Zuletzt war im Haus das Münchner Residenztheater zu Gast. Da wurde im Foyer die Bandiera rossa gesungen. Wie positioniert sich das Werk X? Als linkes Widerstandsnest?

Abdullah: Unsere Haltung ist klar, unsere Ansichten sind über die Jahre, die wir hier Theater machen, klar. Wir machen Theater mit Themen und Texten, von denen wir glauben, dass sie gesagt werden müssen. Wenn man das so bezeichnet, dann, ja, nehme ich das so an. Aber letzten Endes geht es nicht um einen äußerlichen, agitativen Charakter, da könnten wir unser Geld für etwas anderes ausgeben, sondern es geht tatsächlich um Kunst und darum, gute, spannende Aufführungen zu machen – die natürlich einen politischen Impetus haben sollten, denn sonst wären sie kein Beitrag zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung von Hier und Jetzt. Natürlich bietet sich die aktuelle politische Situation an, wir lesen jeden Tag auf der Probe die Zeitung, tauschen uns aus über den neuesten Spruch der Regierung … Das gehört mit dazu zu einem zeitgenössischen Künstler, dass er sich damit auseinandersetzt, und dass das in die Kunst mit einfließt.

MM: Das bringt mich zurück zur Wiener Fassung II. In der Dresdner Fassung werden Frauke Petri und Lutz Baumann konkret angesprochen. Wird es so etwas auch geben? …

Abdullah: Es wird in Wien verankert, samt Querverweisen zur österreichischen und Wiener Politik. Wir werden sehen, wer aller vorkommt.

MM: … und die andere Frage? In der Dresdner Fassung steht eine der Figuren plötzlich mit einem Benzinkanister in der Hand da. Bedeutet das in Wien etwas anderes als im Osten Deutschlands, wo Asylantenheime brannten?

Abdullah: Ja, aber wenn die Figur sagt, erinnert ihr euch noch an 2022 als die Muslime brannten, dann ist das in Dresden und in Wien genauso vorstellbar. Ein paar Querverweise anderer Natur gibt es, die sich nicht auf die AfD, sondern auf andere, einheimische politische Gruppierungen beziehen, und schon bist du hier.

MM: Im Zuge der angesprochenen Trauerfeier brechen die alten Vorurteile, die man überwunden glaubte, zwischen den Betroffenen wieder auf. Wie kann man Vorurteilen begegnen? Mit Humanismus? Glauben Sie an Humanismus?

Abdullah: Privat und persönlich ja. Die Kunst hat einen anderen Auftrag, den ich so empfinde, dass ich aufzeige, was gerade gesellschaftspolitisch passiert, mit einer Art Analyse einen verdichteten theatralen Anstoß gebe, der einen Zuschauer zum Nachdenken bringt. Da geht es darum, sich zu fragen, mit welchen Mitteln man das machen möchte. Ob man unbedingt provozieren muss, oder ob man das mit leisen Tönen hinkriegt. Aber im Prinzip geht es darum aufzurütteln. Dafür ist „Homohalal“ gerade richtig: explosiv, grell, aufrüttelnd – und auch unangenehm. Es wird einem übel, bei den Sachen, die da gesagt werden. Und auch die linke Willkommenskultur und wie die sich falsch verhalten hat, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen, geht es ja auch. Man wird sehen, wie man den Zuschauer mit diesem heißen Thema packen kann. Wir werden jedenfalls zu Gesprächen über „Homohalal“ einladen.

MM: Für mich gab es beim Lesen keine Position, keine Figur, mit der ich mich gern identifizieren möchte.

Abdullah: Das geht mir auch so, das ist eigenartig, das funktioniert bei dem Stück nicht. Das ist ein spannender Aspekt, dass man sich fragt, wo bin ich denn hier, hier bin ich ja nirgends.

MM: Themenwechsel: Das Werk X hat für ein Jahr die Wiener Wortstaetten unter seinem Dach aufgenommen. Wie kam es dazu?

Abdullah: Die Wiener Wortstaetten, die an den wichtigsten, nachhaltigsten Autorenprojekten arbeiten, Ibrahim Amir, um es zu sagen, kommt daher, bekommen derzeit keine Subventionen mehr. Sie kriegen von der Theaterjury plötzlich kein Geld mehr. Das ist ein Skandal, wie ich finde, und da wir mit ihnen auch persönlich immer wieder in sehr gutem Kontakt sind, stellen wir für frei Büros zur Verfügung. Um dieses Projekt am Leben zu erhalten. Aber natürlich steht aus, dass die Stadt Wien sagt, auch eine Theaterjury kann einmal einen Fehler machen, und ihr Urteil revidieren.

MM: Man kann die Wiener Wortstaetten ja nicht an stattgehabten Aufführungen messen.

Abdullah: Genau. Die arbeiten sehr viel im Workshopbereich und auch in Tryouts, von denen die Öffentlichkeit nicht so viel mitbekommt. Wenn eine Theaterjury aber nur noch darauf schaut, wieviele Vorstellungen produziert werden, dann ist das der Anfang vom Ende. Es wäre also notwendig, dass eine Revidierung des Urteils stattfindet. Sonst wäre das ein Reputationsschaden für Österreich.

Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Im Werk X-Eldorado gibt es jetzt eine Kuratorin. Das heißt, in Zeiten, da alle sparen, haben Sie sich einen dritten Kopf auf die Führungsebene geholt?

Abdullah: Das war ein Wunsch der Politik und der Theaterjury. Wir haben prinzipiell gesehen, dass es gut sein könnte, wenn wir zusätzliche Kräfte haben für die Auseinandersetzung mit der freien Szene. Die Stadt Wien wollte mehr, als wir diesbezüglich bislang geboten haben, und hat für dieses Modell plädiert. Es ist mit Cornelia Anhaus sehr gut besetzt, wobei zu sagen ist, dass Harald Posch und ich nicht in der Jury waren, aber wir finden ihre Ernennung großartig. Sie ist eine tolle Persönlichkeit.

MM: Und das Eldorado ist nun ein Gastspielhaus?

Abdullah: In dem wir kooperieren. Es gibt einen eigenen technischen Spielstättenverantwortlichen, es gibt mehr Gelder mit Homepage, Presse, Marketing, und es gibt eine Dramaturgin, die ausschließlich für diesen Ort arbeitet. Das ist die wesentliche Verbesserung. Für eine Koproduktionsstätte im Sinne von Tanzquartier oder brut reicht es für 550.000 Euro nicht. Das ist zu niedrig dotiert.

MM: Konkret heißt das, man stellt sich bei Frau Anhaus mit seinem Projekt vor und bekommt Spieltage zugeteilt?

Abdullah: Genau. Verkürzt ist es das. Voraussetzung ist allerdings, dass man bereits subventioniert ist.

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18. 1. 2018