Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linksgedrehten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

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  1. 1. 2018

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch über „Homohalal“

Januar 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert die Groteske von Ibrahim Amir

Die Votivkirchenbesetzung ist der Ausgangspunkt für „Homohalal“: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

Heute Abend hat im Werk X Ibrahim Amirs Stück „Homohalal“ Premiere. Ausgangspunkt des Textes ist die international berühmt gewordene Votivkirchenbesetzung. Jahrzehnte später treffen Aktivisten und Betroffene wieder aufeinander – und alte Konflikte brechen neu auf. Dass dabei keine Seite wirklich gut wegkommt, ist bei Amirs Schreiben systemimmanent …

Im Februar 2016 erst nahm das Volkstheater die Uraufführung von „Homohalal“ wieder aus dem Spielplan, weil man die Groteske für „kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich“ hielt. Die Gerüchteküche brodelte – und kühlte wieder ab. Nun machte sich Regisseur Ali M. Abdullah, der gemeinsam mit Harald Posch das Werk X leitet, mit einer neuen Fassung an die Arbeit. Ein Gespräch:

MM: Nachdem das Volkstheater aufgegeben hatte, wie kam es zu der Idee „Homohalal“ im Werk X zu machen?

Ali M. Abdullah: Die Werke des Ibrahim Amir haben mich immer schon interessiert., „Habe die Ehre“ zum Beispiel fand ich total spannend. Deswegen ist es klar, dass ich den Autor verfolgt habe. Ich habe dann gehört „Homohalal“ sei umstritten, mehr möchte ich jetzt nicht dazu sagen, und da hat mich natürlich interessiert, was denn so umstritten sei. Das war ja wie bei einem verbotenen Roman, die Gerüchteküche brodelte, was wirklich war, wusste aber keiner, doch in der Zeitung stand, man möchte das Thema nicht so präsentieren, wie Ibrahim es geschrieben hat. Ich habe Kontakt mit ihm aufgenommen, er war aber über die Wien-Geschichte nicht so erfreut, und brachte das Stück in Dresden heraus.

MM: Daher gibt es eine vollkommen neue Fassung.

Abdullah: Für Dresden geschrieben, viel neu erarbeitet – und es ist ein ganz anderes Stück geworden. Er hat das wirklich auf Dresden, Zitat: „die toleranteste Stadt Deutschlands“, angepasst, mit AfD- und Pegida-Zitaten. Das war ein toller Erfolg, und damit hat er sich als internationaler Autor positioniert. Wir machen nun aus der Dresdner eine neue Wiener Fassung, was so viel heißt, als dass wir versuchen ein Konzentrat aus beidem zu machen. Die erste Wiener Fassung entstand ja aus einem Workshop mit Tina Leisch und Natalie Assmann und 25 wirklich gerade Geflüchteten, zumeist aus Syrien, Pakistan und Afghanistan stammenden Männern, notiert in den unterschiedlichsten Sprachen. Das hätte man als Regisseur und Dramaturgie fürs Volkstheater überarbeiten können …

MM: Was nun am Werk X geschieht?

Abdullah: Das ist ja klar. Wir arbeiten nicht seit gestern mit Texten, die nicht fertige Theatertexte sind, wie Romane und so. Es ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen. „Homohalal“ ist ein ganz wichtiges Werk für Wien, wo so etwas wie die Besetzung der Votivkirche passiert ist. Das ist nicht nur national ein großes Ding gewesen, sondern auch international, dass Menschen aus einer Fluchtsituation kommend plötzlich in einem fremden Land ihre Menschenrechte eingefordert haben. Ich glaube, das ist einzigartig in dieser Größenordnung.

MM: Das ist ja auch der Ausgangspunkt der Geschichte.

Abdullah: Ja, wird haben auch einen Darsteller dabei, der, wie er selber sagt, Fluchterfahrung hat. Er kommt genau aus dem Zusammenhang. Bei der letzten Probe erst hat er wieder gesagt, dieses Stück ist das erste Mal, dass diese Menschen eine Stimme bekommen.

MM: Seit der Votivkirchen-Besetzung ist das politische Klima kälter geworden. Die vorformulierte Angst war, man wolle mit „Homohalal“ die Ausländerfeindlichkeit nicht weiter schüren. Diese haben Sie nicht? Kann sich das Werk X diesbezüglich auf sein Publikum verlassen?

Abdullah: Der Zuschauer denkt sich, was er will. Natürlich sind der Autor und der Regisseur bemüht, eine stringente oder aufklärerische Haltung zu haben, aber sicher sind wir uns da nie. Ich habe 1991 ein Stück über Neo-Nazis gemacht, von einem ultralinken Autor, und es sind Neo-Nazis drinnen gesessen und fanden’s großartig. Das kann immer passieren. Ich denke aber, dass wir einiges Aktuelles eingebaut haben, so dass der Zuschauer die Idee kapiert, wenn er denn will. Wichtig ist, dass er sich mit dem Thema beschäftigt, und in einer Tiefe, wie es das Stück auch tut. Mit einer Utopie, wie es das Stück auch tut. Ich hoffe, dass wir es so rüberbringen, dass man erkennt, wo es hinführt, nämlich, dass nichts Schwarzweiß ist. Das Stück spielt im Jahr 2037, das heißt, wir reden von einer Zukunft, die vielleicht so oder so aussieht.

MM: Der Ausgangspunkt ist eine Trauerfeier, bei der Votivkirchenaktivisten aller möglichen Herkünfte noch einmal zusammenkommen …

Abdullah: Genau. Das war die Ursprungsidee der Wiener Fassung: Ehemalige Asylwerber sind eingebürgert, haben die Staatsbürgerschaft, sind in der Gesellschaft angekommen, haben die Werte angenommen, sind integriert oder assimiliert – und plötzlich sagt der 18-jährige Sohn, er sei schwul. Und los geht der Wertediskurs. Das haben wir ganz stark mitgenommen, das ist das Zentrale. Dazu kommt eine Bewertung der politischen Situation jetzt. Das Stück ist eine Komödie, aber diese Komödie ist nicht gleich Komödie. Ibrahim Amir arbeitet auf drei Ebenen, der komödiantischen, einer tagespolitisch agitativen, die tief und ernsthaft ist, und der des dokumentarischen Theaters. Dokumentarisch in dem Sinne, dass jemand an dem Abend seine wahre Geschichte erzählt. Deswegen ist die Komödie Transportmittel für die Beschäftigung mit einer Jetztzeit, einer Zukunft und einer politischen Haltung.

MM: Im Stück sagt die Figur Rouni, er wäre der Quotenflüchtling in dem Ganzen. Braucht man heute auf dem Spielplan ein Quotenflüchtlingsstück?

Abdullah: In meiner Betrachtungsweise sind wir schon darüber hinaus. Als wir in die praktische Arbeitsweise gegangen sind, haben wir aber gesagt, das Publikum vielleicht noch nicht. Wir müssen einen Schritt nach dem anderen nehmen, und so haben wir den Schauspieler mit Fluchterfahrung dabei, und es ist gut so. Er spielt den Rouni, und dieser Rouni will den Hamlet spielen, nicht der Flüchtling sein, und das ist gut so, das muss erzählt werden, das ist gesellschaftspolitisch wichtig.

Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Apropos, gesellschaftspolitisch. Zuletzt war im Haus das Münchner Residenztheater zu Gast. Da wurde im Foyer die Bandiera rossa gesungen. Wie positioniert sich das Werk X? Als linkes Widerstandsnest?

Abdullah: Unsere Haltung ist klar, unsere Ansichten sind über die Jahre, die wir hier Theater machen, klar. Wir machen Theater mit Themen und Texten, von denen wir glauben, dass sie gesagt werden müssen. Wenn man das so bezeichnet, dann, ja, nehme ich das so an. Aber letzten Endes geht es nicht um einen äußerlichen, agitativen Charakter, da könnten wir unser Geld für etwas anderes ausgeben, sondern es geht tatsächlich um Kunst und darum, gute, spannende Aufführungen zu machen – die natürlich einen politischen Impetus haben sollten, denn sonst wären sie kein Beitrag zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung von Hier und Jetzt. Natürlich bietet sich die aktuelle politische Situation an, wir lesen jeden Tag auf der Probe die Zeitung, tauschen uns aus über den neuesten Spruch der Regierung … Das gehört mit dazu zu einem zeitgenössischen Künstler, dass er sich damit auseinandersetzt, und dass das in die Kunst mit einfließt.

MM: Das bringt mich zurück zur Wiener Fassung II. In der Dresdner Fassung werden Frauke Petri und Lutz Baumann konkret angesprochen. Wird es so etwas auch geben? …

Abdullah: Es wird in Wien verankert, samt Querverweisen zur österreichischen und Wiener Politik. Wir werden sehen, wer aller vorkommt.

MM: … und die andere Frage? In der Dresdner Fassung steht eine der Figuren plötzlich mit einem Benzinkanister in der Hand da. Bedeutet das in Wien etwas anderes als im Osten Deutschlands, wo Asylantenheime brannten?

Abdullah: Ja, aber wenn die Figur sagt, erinnert ihr euch noch an 2022 als die Muslime brannten, dann ist das in Dresden und in Wien genauso vorstellbar. Ein paar Querverweise anderer Natur gibt es, die sich nicht auf die AfD, sondern auf andere, einheimische politische Gruppierungen beziehen, und schon bist du hier.

MM: Im Zuge der angesprochenen Trauerfeier brechen die alten Vorurteile, die man überwunden glaubte, zwischen den Betroffenen wieder auf. Wie kann man Vorurteilen begegnen? Mit Humanismus? Glauben Sie an Humanismus?

Abdullah: Privat und persönlich ja. Die Kunst hat einen anderen Auftrag, den ich so empfinde, dass ich aufzeige, was gerade gesellschaftspolitisch passiert, mit einer Art Analyse einen verdichteten theatralen Anstoß gebe, der einen Zuschauer zum Nachdenken bringt. Da geht es darum, sich zu fragen, mit welchen Mitteln man das machen möchte. Ob man unbedingt provozieren muss, oder ob man das mit leisen Tönen hinkriegt. Aber im Prinzip geht es darum aufzurütteln. Dafür ist „Homohalal“ gerade richtig: explosiv, grell, aufrüttelnd – und auch unangenehm. Es wird einem übel, bei den Sachen, die da gesagt werden. Und auch die linke Willkommenskultur und wie die sich falsch verhalten hat, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen, geht es ja auch. Man wird sehen, wie man den Zuschauer mit diesem heißen Thema packen kann. Wir werden jedenfalls zu Gesprächen über „Homohalal“ einladen.

MM: Für mich gab es beim Lesen keine Position, keine Figur, mit der ich mich gern identifizieren möchte.

Abdullah: Das geht mir auch so, das ist eigenartig, das funktioniert bei dem Stück nicht. Das ist ein spannender Aspekt, dass man sich fragt, wo bin ich denn hier, hier bin ich ja nirgends.

MM: Themenwechsel: Das Werk X hat für ein Jahr die Wiener Wortstaetten unter seinem Dach aufgenommen. Wie kam es dazu?

Abdullah: Die Wiener Wortstaetten, die an den wichtigsten, nachhaltigsten Autorenprojekten arbeiten, Ibrahim Amir, um es zu sagen, kommt daher, bekommen derzeit keine Subventionen mehr. Sie kriegen von der Theaterjury plötzlich kein Geld mehr. Das ist ein Skandal, wie ich finde, und da wir mit ihnen auch persönlich immer wieder in sehr gutem Kontakt sind, stellen wir für frei Büros zur Verfügung. Um dieses Projekt am Leben zu erhalten. Aber natürlich steht aus, dass die Stadt Wien sagt, auch eine Theaterjury kann einmal einen Fehler machen, und ihr Urteil revidieren.

MM: Man kann die Wiener Wortstaetten ja nicht an stattgehabten Aufführungen messen.

Abdullah: Genau. Die arbeiten sehr viel im Workshopbereich und auch in Tryouts, von denen die Öffentlichkeit nicht so viel mitbekommt. Wenn eine Theaterjury aber nur noch darauf schaut, wieviele Vorstellungen produziert werden, dann ist das der Anfang vom Ende. Es wäre also notwendig, dass eine Revidierung des Urteils stattfindet. Sonst wäre das ein Reputationsschaden für Österreich.

Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Im Werk X-Eldorado gibt es jetzt eine Kuratorin. Das heißt, in Zeiten, da alle sparen, haben Sie sich einen dritten Kopf auf die Führungsebene geholt?

Abdullah: Das war ein Wunsch der Politik und der Theaterjury. Wir haben prinzipiell gesehen, dass es gut sein könnte, wenn wir zusätzliche Kräfte haben für die Auseinandersetzung mit der freien Szene. Die Stadt Wien wollte mehr, als wir diesbezüglich bislang geboten haben, und hat für dieses Modell plädiert. Es ist mit Cornelia Anhaus sehr gut besetzt, wobei zu sagen ist, dass Harald Posch und ich nicht in der Jury waren, aber wir finden ihre Ernennung großartig. Sie ist eine tolle Persönlichkeit.

MM: Und das Eldorado ist nun ein Gastspielhaus?

Abdullah: In dem wir kooperieren. Es gibt einen eigenen technischen Spielstättenverantwortlichen, es gibt mehr Gelder mit Homepage, Presse, Marketing, und es gibt eine Dramaturgin, die ausschließlich für diesen Ort arbeitet. Das ist die wesentliche Verbesserung. Für eine Koproduktionsstätte im Sinne von Tanzquartier oder brut reicht es für 550.000 Euro nicht. Das ist zu niedrig dotiert.

MM: Konkret heißt das, man stellt sich bei Frau Anhaus mit seinem Projekt vor und bekommt Spieltage zugeteilt?

Abdullah: Genau. Verkürzt ist es das. Voraussetzung ist allerdings, dass man bereits subventioniert ist.

werk-x.at

18. 1. 2018

aktionstheater ensemble: Swing. Dance To The Right

Januar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Beispiel der Pinguine

„Die sind ja so was von brutal, die Pinguine“: Susanne Brandt und das aktionstheater ensemble. Bild: Gerhard Breitwieser

Es war ja so angekündigt, im Falle eines Rechtsrucks in Österreich etwas Unterhaltsames zu machen. Nun trat das aktionstheater ensemble im Werk X zusammen, um mit seiner jüngsten Produktion „Swing. Dance To The Right“ dieses Versprechen wahr zu machen. Natürlich nicht ohne vorherige geheime Wahl, ein Nachfragen im verehrten Publikum, ob dieses eh „Ein bisschen was Freches“ und „Nichts Kompliziertes“ wünsche. Klar, dass zur Abstimmung nur die erste Reihe gebeten war.

Das aktionstheater ensemble spiegelt von jeher die Gesellschaft. Und so wurden auch nur die Vornesitzer später mit Punschkrapferl verwöhnt. Die Österreich-Synonym-Süßspeise: außen zuckerlrosa, innen braun und mit ganz viel Inländerrum … Martin Gruber und sein Ensemble sind also angetreten, um – Zitat –„jene Stimmungen einzufangen, welche der beängstigende österreichische ,Tanz nach rechts‘ in der Gesellschaft und im Einzelnen evoziert: Narzissmus, Machismo, Frauenfeindlichkeit, Empathielosigkeit“. Sie tun dies in einem infernalischen Mix aus Sprache, Musik und Tanz. Und am Beispiel der Pinguine.

Im Gleichschritt tanzt! Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Martin Hemmer, Isabella Jescke und Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

Die nämlich sind so brutal, wie’s der Mensch nur sein kann. Gleichsam gleichgeschaltet in ihrem Sich-um-die-Gruppe-Drehen. Ein trauriges „Plitsch, Platsch, Pinguin“-Lied macht leitmotivisch klar, wie’s dem ergeht, der sich absondert: Erfrieren oder – naja, nebbich, Süd- oder Nordpol – Eisbär. Susanne Brandt weiß derlei zu berichten, und auch vom neuen BH vom neuen Freud, der ihr aber offenbar ein blaues Auge eintrug. Nicolaas van Diepen macht derweil den Vortänzer.

Immer schön die Mitte behalten. Das ist ganz wichtig für die kollektive Stimmung. Schließlich geht’s um die Bewegung. Dass er anschließend mit einer imaginären Pumpgun die Genussregion Österreich zerschießt, ist nur ein weiterer Loop auf dieser Hochschaubahn der Entsolidarisierung. Die sich hier spöttisch auf  Irrationalität reimt. Martin Gruber ironisiert das einheimische Spießerleben mit Kirscheneinkochen und Kindermachen bis zum Anschlag. Da kann’s Isabella Jeschke passieren, dass sie nach einem „total faschistischen“ Dirndlkirtag die verletzte Seele in einem Nazi entdeckt, während rund um den „halbdeutschen“ Martin Hemmer der Streit entbrennt, ob man hierzulande Sahne statt Schlagobers – beides natürlich gedacht für die Punschkrapferl – sagen dürfe. Kein Wunder, dass der arme Mann den ganzen Abend über so verschreckt dreinschaut.

Mit einer imaginären Pumpgun wird die Genussregion Österreich genüsslich zerschossen: Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

„Afghanen, Syrer, Tschuschen, lecker, lecker, lecker …“, singt die Brandt, während Michaela Bilgeri versucht den alten Cinesenwitz vom „Lang Fing Fang“ zu erzählen. Ach, es geht doch nichts über sprachspielerischen Chauvinismus. Und überhaupt die Chinesen mit ihrem Organhandel und dem nachgebauten Hallstatt! Das übrigens irgendwie mit dem blauen Auge zu tun haben dürfte. Andreas Dauböck intoniert den Chinesen-Kontrabass-Song.

Der Tanz wird immer mehr zu einem „Rechts um!“-Kommando, die Tänzer loten im Gleichschritt das ganze Spektrum des Grotesken aus. Das bunte Treiben konterkariert Bella Angoras schwarzweißes Schattenspielvideo. Kommandogeber van Diepen erklärt statt eines festen Standpunktes den aktuellen Schwingpunkt: Den Schwung der vorigen Bewegung für die nächste Bewegung verwenden, und so tun, als ob es eine neue Bewegung wäre, obwohl es noch die alte ist. So geht’s zu, wenn man die erste Reihe gewähren lässt, während sich die übrigen ins „Rien ne va plus“-Bewusstsein zurücklehnen. „Swing. Dance To The Right“ ist die durchchoreografierte Analyse dieses entsetzlichen Ist-Zustandes, chaotisch, poetisch, komisch – und unerbittlich. Pinguin, merke dir: Wer aus dem Takt fällt, den holt die soziale Kälte. Und einer wird des anderen Fressfeind.

www.aktionstheater.at

  1. 1. 2018

Residenztheater im Werk X: Der Schweinestall

Dezember 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ivica Buljan rockt Pasolini

Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Es ist dem Werk X zu danken, dass diese fabelhafte Produktion des Residenztheater München in Wien zu sehen ist: Ivica Buljan zeigt in Meidling (noch einmal heute Abend) seine Interpretation von Pier Paolo Pasolinis Film „Der Schweinestall“, und die Inszenierung ist einfach großartig. Der kroatische Regisseur betrachtet die anti-bürgerliche Parabel über menschliche Schwächen und gesellschaftspolitische Perversionen als „true horror“.

Von Pasolini als Satire auf das kapitalistische Nachkriegseuropa entworfen, spiegelt „Der Schweinestall“ bei Buljan die heutige neoliberale Konsumwelt – eine Schweinehaut mit aufgeprägtem Monogram Canvas von Louis Vuitton hängt über allem -, die bereits wiederbeginnt, sich im Faschismus zu suhlen.

Die Bilder sind von albtraumhafter Schönheit, Spinoza lugt aus dem Jahr 1667 ins Jahr 1967, nur um festzustellen, dass seine Thesen nicht gehalten haben. Alt-Nazis feiern fröhliche Urständ‘ und sich selbst als immerwährende Großunternehmer, die an neuen Formen der nie endenden Unterdrückung feilen. Ein Sohn, der sich mit der Frage der Identität, Konformismus oder Revolution?, anödet, geht, nein, nicht vor die Hunde, sondern wird von seinem love interest gefressen werden. Selbst eine in Plastik gehüllte Madonna kann da nicht mehr helfen. Dazu singt und spielt das Ensemble Pasolinis vertonte Gedichte. „Chiesa“, „Terra Lontana“ oder „Himnus ad Nocturnum“ (Musik: Mitja Vrhovnik-Smrekar). Sein Text „Wer ich bin“ wird rezitiert. Das hat schon was, die große Juliane Köhler, die Mutter Klotz darstellt, auch am E-Bass zu sehen – und wie sie vorher immer die Brille aufsetzt, um die Noten lesen zu können …

Julian Klotz also ist der Sohn des Industriellen Vater Klotz, der im Dritten Reich so etwas wie ein zweiter Krupp war. Den Übergang in die Bundesrepublik hat er nahtlos geschafft, die Geschäfte florieren, nun soll ein alter Kamerad und nunmehriger Konkurrent ausgeschaltet werden, Herdhitze, ehemals Hirt, von dem man weiß, dass er Naziverbrechen begangen und sich eine Sammlung aus „Judenschädeln“ zugelegt hat. Bei Hirt handelte es sich um eine authentische Figur, einem Arzt, der Direktor des Anatomischen Instituts der neugegründeten Reichsuniversität Straßburg und nachweislich für den Tod von 86 Menschen verantwortlich war. Tatsächlich nahm er sich 1945 das Leben, Pasolini jedoch ließ ihn nach einer Gesichtsoperation weitermachen.

Genija Rykova (Ida), Juliane Köhler (Mutter Bertha), Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Bijan Zamani (Herdhitze), Götz Schulte (Vater Klotz). Bild: © Matthias Horn

Herdhitze nun hat allerdings einen Trumpf im Ärmel. Er weiß, was Julian in den Schweineställen im Wortsinn „treibt“. Die junge Linke Ida, die in Berlin Teil der studentischen Protestbewegungen gegen das Establishment ist, und die versucht, Julian einen Ausweg aus dem faschistischen Elternhaus zu bieten, interessiert den Junior weit weniger, als sein an seinen Lieblingstieren ausgelebter Ennui an der deutschen Lebensrealität. Und während Klotz und Herdhitze zwangsfusionieren, geht Julian wieder in den Schweinestall. Pasolinis Resümee: „Die vereinfachte Botschaft des Films ist folgende: die Gesellschaft, jede Gesellschaft, frisst ihre ungehorsamen Kinder.“

Für Buljans Arbeit hat Aleksandar Denić ein dreigeteiltes Bühnenbild erdacht: links der Schweinekobel, mit nach der Pause drei lebenden Tieren, in der Mitte die Protzvilla, rechts eine Art hölzerner Unterstand. Auf dem Podest darüber thront die Band. Nora Buzalka eröffnet das Spiel, ihre Rolle darin ist Zaúm, eine Figur, die Pasolini zwar angedacht und geschrieben, jedoch im Film nicht verwendet hat. Zaúm ist ein Double Julians, oder besser, der freiere, von der Gesellschaft nicht bevormundete Gegenentwurf. Philip Dechamps Julian ist bei aller Zerbrechlichkeit auch zum Früchten, wie er gegen Ida berserkert, und dann doch wieder so sensibel, dass man ihm abnimmt, in ein dreimonatiges Koma zu fallen, weil er die Zustände nicht mehr erträgt.

Dechamps begeistert mit seinem feinnervigen Spiel, das auch einen linkischen Charme versprüht und gänzlich unpathetisch eine existenzielle Verletztheit und ein Sehnsüchteln entblößt. Am Ende stemmt er seinen großen Schmerzensmonolog mit seinem gewaltigen Stück Holz über dem Kopf. Ein sichtbarer Kraftakt, der nachweist, wie schwer es ihm stets fiel, seinen „Pfahl“ unter Kontrolle zu halten. Dass die ausgelassen herumtobenden Schweine ihren Mitspieler danach bejubelten und sich in ihren Ovationen kaum zurückhalten ließen, sorgte nicht nur im Publikum für Lacher, sondern brachte auch den Darsteller bei aller Ernsthaftigkeit immer wieder zum Schmunzeln …

Nora Buzalka (Zaúm), Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Genija Rykovas ist als Ida die einzige Hoffnungsträgerin in dem ganzen dekadenten Panoptikum. Dass sie jederzeit bereit ist, ihr BHchen zu zeigen, dass sie dabei ein wenig übergrell agiert, nimmt ihr vielleicht die von Pasolini angedachte engelhafte, raphaelisierte Seite, doch zeigt sie eine schöne Leistung – und überzeugt vor allem auch als Sängerin.

Wie auch Juliane Köhler, die als Mutter Klotz, changierend zwischen bürgerlicher Wohlanständigkeit und sadistischen Neigungen, auf ganzer Linie begeistert. Götz Schulte als Vater Klotz spielt einen ebensolchen, einen tumben, doch nicht dummen Großsprecher, der wie eine Ehefrau in feinsten Proll-Chic gewandet ist (wunderbare Kostüme von Ana Savić Gecan). In Pasolinis Film saß Klotz senior übrigens im Rollstuhl, geziert mit einem Hitler-Bärtchen.

Bijan Zamani spielt einen mafiösen, mit allen, vor allem schmutzigen Wassern gewaschenen Herdhitze. Sibylle Canonica als Spinoza, Götz Argus als Hans Günter und Jürgen Stössinger als Maracchione runden das Ensemble perfekt ab. Dieser „Schweinestall“ ist eine absolut sehenswerte Inszenierung, ein lohnender Theaterabend, eine Empfehlung! Danach freut man sich einmal mehr auf die Zeit, wenn Martin Kušej das Burgtheater übernommen haben wird.

www.werk-x.at

  1. 12. 2017

Werk X-Eldorado: Im Auftrag Charles Mansons

November 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Der Verführer einer orientierungslosen Generation

Charles Manson und seine Jüngerinnen: Hanna Binder mit Michaela Schausberger, Henrietta Isabella Rauth und Naemi Latzer. Bild: © NicoleViktorik

Helter Skelter als Bühnenmusik. Natürlich. Ohne die Beatles geht es nicht, will man über ihn berichten. Spooky irgendwie, dass der selbsternannte Satan vorgestern gestorben ist. Denn Montagabend hatte im Werk X-Eldorado „Im Auftrag Charles Mansons“ von achtungsetzdich! Premiere.

Charles Manson, US-Kleinkrimineller, hat sich in den 1960er-Jahren zum Hippie-Sektenführer hochstilisiert. Frauen, vor allem rothaarige, bevölkerten seine „Ranch“ in der Nähe von Los Angeles. Manson war Rassist, wollte einen Krieg der Schwarzen gegen die Weißen heraufbeschwören, etwas, das er „Helter Skelter“ nannte, die Beatles dabei seine vier apokalyptischen Reiter. Um seine Sache in Gang zu bringen, verordnete er seiner „Family“ 1969 die Tate-LaBianca-Morde, deren berühmtestes Opfer Sharon Tate, hochschwangere Ehefrau von Roman Polanski, war. Der Mann mit dem eingebrannten Hakenkreuz auf der Stirn wurde zum Tode verurteilt, die Strafe aufgrund einer Gesetzesänderung jedoch in lebenslange Haft umgewandelt. Diese endete am 19. November …

Der Auftrag zuzustechen: Michaela Schausberger und Hanna Binder. Bild: © NicoleViktorik

Devot bis zum Töten: Naemi Latzer lernt das Messer zu lieben. Bild: © NicoleViktorik

In „Im Auftrag Charles Mansons“ spüren Ursula Leitner und Valentin Werner nun der Atmosphäre nach, aus der diese Bluttaten entstehen konnten. Sie tun dies mit einer aus dokumentarischen und literarischen Quellen erarbeiteten Textcollage in einem Mix aus Deutsch und Englisch. Hanna Binder spielt mit all ihrer Strahlkraft Manson, Naemi Latzer, Henrietta Isabella Rauth und Michaela Schausberger verkörpern die drei Jüngerinnen Leslie Van Houten, Patricia „Katie“ Krenwinkel und „Sexy Sadie“ alias Susan Atkins.

In nur 75 Minuten Spielzeit gelingt es Leitner und Werner keinen Aspekt der komplexen Figur Manson zu vernachlässigen. Sie zeigen den nur 1,57 Meter Kleinen als Musiker wie als Messias. Binder singt die Kompositionen des Gitarrespielers, „Home Is Where You’re Happy“, glänzt mit gutem Schmäh und Charme, verabreicht Brausepulver-LSD, wettert gegen „Neger“ und Unterhosen, weil beide die Welt erobern wollen – und lässt blitzschnell die Stimmung umschlagen. Die Messer sitzen locker in der Kommune. Tänzelnd verfolgt Manson seine „Girls“, in einer Hand eine scharfe Klinge.

Die Frauen bekennen ihre Liebe zu Charlie: Henrietta Isabella Rauth und Michaela Schausberger. Bild: © NicoleViktorik

So zeichnet sich allmählich ein Bild von gekonnter Manipulation, die über das Schaffen eines Zugehörigkeitsgefühls zu Abhängigkeit führt. In ihren Monologen bekennen die Frauen, sich „schön und geliebt“, „aufgehoben“ gefühlt zu haben – und ihren Charlie immer noch zu anzubeten. Dem Zuschauer dagegen präsentieren sich Demütigung und Terror, die nichtsdestotrotz zur Ekstase führen.

Immer wieder taucht Binder wie der Leibhaftige in Mansons Dreimäderlhaus auf, sekkiert und tyrannisiert von Mal zu Mal mehr, die Frauen den furchtbaren Launen eines Verrückten ausgesetzt. Ihr dritter Auftritt ist der einer entstellten Colombina. Ein passendes Synonym für den erschreckend gespenstischen Clown Manson.

Glasklar zeigt die Aufführung, wie da einer eine orientierungslose, eine „Lost Generation“ zu Blumen-des-Bösen-Kindern umpolte. Da dockt die Inszenierung am Heute an, denn die Verführer, die Gefährder sind wieder da. Den ganzen Abend über kreieren die Darstellerinnen ein Schwein aus Pappmaché. Es wird am Ende das „schwarze Tier“ sein, vor dem Manson warnte – und in einem eindrücklichen Schlussbild blutig aufgeschlitzt werden.

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  1. 11. 2017