Werk X-Petersplatz im Odeon: Tschernobyl

September 14, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Thomas Frank und Sebastian Pass

„Tschernobyl ist ein Mysterium, das wir erst entschlüsseln müssen.“ – Swetlana Alexijewitsch. Lorenz Pell auf der Badewanne liegend. Bild: © Bettina Frenzel

Noch von heute bis Donnerstag ist im Odeon Theater „Tschernobly. Eine Chronik der Zukunft“, eine Uraufführung von Theaterkollektiv Hybrid in Kooperationmit Werk X-Petersplatz, nach dem Buch von Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu sehen. In der Inszenierung von Alireza Daryanavard, auch für die Textfassung verantwortlich, spielen Badoras Volkstheater- stars Thomas Frank und Sebastian Pass, Grace Marta Latigo, Simonida Selimović, Anne Wiederhold, Lorenz Pell und Morteza Tavakoli.

In der Sperrzone rings um den explodierten Reaktor leben wieder Menschen. Sie haben die Katastrophe miterlebt, ihr Leben wurde von ihr versehrt. Ihr Weiterleben bestreiten sie inmitten von dichten Wäldern und fruchtbaren Gärten, doch sie erzählen, wie eine unsichtbare tödliche Gefahr in alle Winkel ihrer Lebenswelt eindrang und sie für immer veränderte.Stellvertretend sprechen sie für all jene, denen friedliche Atomenergie versprochen wurde, die jedoch in den Super-GAU führte. Bis heute sind die Folgen in Europa messbar; der Sarkophag über dem zerstörten Kraftwerk eine bedrohliche Zeitbombe. Das aktive Vergessen lässt die Gefahr unterschätzen.

Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Simonida Selimović. Bild: © B. Frenzel

Sebastian Pass. Bild: © Bettina Frenzel

Zum 35. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl setzt Regisseur Alireza Daryanavard dem kollektiven Verdrängen eine theatrale Aufarbeitung entgegen. Zu Wort kommen die Stimmen aus der Sperrzone, die das menschliche Leid jenseits der bloß faktischen Berichterstattung zu vermitteln vermögen und die ausmalen, was jederzeit wieder bevorstehen könnte. Mehr als 500 Interviews führte Swetlana Alexijewitsch in Belarus und der Ukraine und fügte sie in jahrelanger Arbeit zu ihrem Buch zusammen, ein literarisches Denkmal für die Opfer und Betroffenen. Es ist bis heute in ihrer Heimat Belarus verboten.

Lorenz Pell und Grace Marta Latigo. Bild: © Bettina Frenzel

Zur Autorin: Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, sie wurde vielfach ausgezeichnet, 2015 mit dem Literaturnobelpreis. Als sie 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ehrte sie der Stiftungsrat als „Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer

Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht. In ihren Berichten über Tschernobyl, über den sowjetischen Afghanistankrieg und über die unerfüllten Hoffnungen auf ein freiheitliches Land nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums läßt sie in der tragischen Chronik dieser Menschen einen Grundstrom existentieller Enttäuschungen spürbar werden.“

Teaser: vimeo.com/591559021           Trailer: werk-x.at/premieren/tschernobyl-eine-chronik-der-zukunft           www.odeon-theater.at

BUCHTIPPS aus Swetlana Alexijewitschs Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=15243, Rezension „Zinkjungen“, hochaktuell über das „sowjetische Vietnam“ Afghanistan: www.mottingers-meinung.at/?p=10015

14. 9. 2021

Werk X-Petersplatz streamt: Feed the Troll

April 23, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikalfeministische Rückeroberung der Datenwelt

Sonja Kreibich, Aline-Sarah Kunisch und Anna-Eva Köck. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

„Tausend Mal addiert, tausend Mal ist nix passiert“, uminterpretieren die Performerinnen Anna-Eva Köck, Sonja Kreibich und Aline-Sarah Kunisch den alten Klaus-Lage-Song. Jahaha, von wegen! „Irgendwo im Schatten zwischen Null und Eins haben wir den Fokus verloren“, mag sich Regisseurin Klara Rabl eingestehen. Was kein Wunder wäre, wurde doch die Premiere von „Feed the Troll“ Kulturlockdown-bedingt gleich zweimal verschoben.

[Von Mai 2020 auf April 2021, bis das Projekt mit der gestrigen Premiere zum One-Shot-Bühnenfilm wurde. Vom Verein für gewagte Bühnenformen in Kooperation mit WERK X-Petersplatz, nunmehr koproduziert und uraufgeführt von Okto TV – und in der Oktothek sowie auf der Werk-X-Webseite werk-x.at kostenlos zu streamen.]

Was also kein Wunder wäre, tatsächlich aber das erste satirische Augenwinkern dieser Produktion ist. Den Fokus verloren, das haben die Protagonistinnen wohl auf ihrem Weg vom Theater vor die Kamera, auf ihrer Irrfahrt zwischen Skylla Fake News und Charybdis Filterblase. Dabei wollten die drei doch dastehen wie die Erinnyen des Internets, die Augen rotumrandet vom vielen Bildschirmschauen und als sozusagen Kriegsbemalung. Lang war man im finstren Darknet unterwegs, hatte alle Breit- und Schmalband- und Mobilverbindungen gekappt, um:

Eine cyberfeministische Geheimwaffe zur radikal digitalen (Rück-)eroberung der world wide Datenwelt zu entwickeln, ein hypermediales Kampfstück zur Gründung einer neuen aktionistischen Counter Speech-Bewegung – und was ist daraus geworden? Ein kaleidoskopisches Mäandern durch die Untiefen des Virtuellen Raum und Zeit. Letztere soll zwar bekanntlich alle Stückentwicklungen heilen, aber hier geht’s erst einmal heiß her: „Hat denn niemand meinen Text fürs Programmheft gelesen?“ – „Tschuldigung, Sie hatten sich das sicher spannender vorgestellt …“ – „Keine Textflächen, nichts Chorisches? Das ist kein gutes Stück!“

Zwischen Sarkasmus und Selbstironie schwankt der ans Publikum herangetragene Disput der denkbar Unvorbereiteten, wenn einem Aline-Sarah Kunisch tief in die Augen schaut, wenn pseudo-interaktiv Schrifttafeln abzulesen sind, wenn Sonja Kreibich den Nestroy-Preis in der Kategorie „zweimal fix nicht aufgeführt“ fordert. „Das Internet ist ein breites Thema!“ und „Das ist aber schon performbar!“, beschwichtigt Kunisch. Bis Anna-Eva Köck den überhitzten, überstrapazierten Diskurs mit ihrer Coolness löscht.

Kamerafrau Alexandra Braschel. Bild: © Apollonia T. Bitzan

Aline-Sarah Kunisch als Rudy Stadler. Bild: © A. T. Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Die bedeutsamen Nicknames Hopper/Kreibich, Lava/Kunisch und Meta/Köck haben sich die Darstellerinnen gegeben, in deren wildem Wechsel von cypertheoretischer Prosa und Fehlercode-Poesie ein Chipchen Wahrheit steckt. Nämlich, dass es gelte, die soziodigitalen Machtstrukturen zu verändern, da sich „die alten Hierarchien nicht in Clouds auflösen“ würden – das world wide Sagen haben „reiche, weiße Cis-Männer und Mansplainer“.

„Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. In der Realität ist er ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt“, sagt Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology (Rezension „Robolove“: www.mottingers-meinung.at/?p=41806)

Und auch dem Kapitalismus geht man spielend leicht auf den Online-Leim. Einen „Wertschöpfungskreislauf ohne Wertschöpfung“ rechnet die süffisante Zynikerin Meta vor: Von Amazon degradiert zur „Userin“ gibst du aus, was allein Jeff Bezos verdient, denn die Fabrikarbeiterinnen in China, die ihre Arbeitskraft in deine Jogging-App stecken, sind nicht mehr als ausgebeutete Internet-Ressourcen.

Von der über jede Timeline erhabenen Ada Lovelace und ihrer Anwendung der „Analytical Engine“ im Jahr 1843 – die Mathematikerin war der erste Programmierer und die Informatikpionierin – geht’s zur „industriellen Revolution“, der ersten ohne echte Machtverschiebung, zur digitalen Zivilisation, in der das eigene Selbst aufhört und das hyperreale Ich anfängt, zur Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow anno 1996, die nicht weniger als den digitalen Garten Eden versprochen hatte.

Anna-Eva Köck beherrscht’s Rickrolling – „Never Gonna Give You Up“, und philosophiert wird über vogelfreie Memes und jene Internetunkultur, die die Wikinger zum Sturm aufs Kapitol blasen ließ. Die Schauspielerinnen spielen Tweet und Instagram, ihre kämpferische Ansage an die digitale Niedertracht ist eine irrwitzige Fantasie ohne Schnitt und Aber, in der sich vor der Kamera um Kopf und Kragen geredet wird. Das geht so weit, dass die Webkriegerinnen ihre eigene Agenda gleich mitverarschen und die abgegriffenen Phrasen ihrer cybercriminellen Fight-Club-Regeln bissig runterbeten. Eine Schelmin, die da an Anonymous denkt.

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Highlight des Ganzen ist die Verwandlung von Lava/Kunisch in den Troll „Rudy Stadler“, der im Standard-Forum sein Unwesen treibt – und jede, die schon mal mit Hate-Speech konfrontiert war, kann bei dieser Persiflage hoffentlich herzhaft lachen. Bei Posts über „die ach so aufgeklärten Emanzen, die mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können“, die am „Patriarchat in ihren Köpfen“ leiden, denn: „Ich bin für Gleichberechtigung, glaube aber, dass es wichtigere Themen als das Gendern gibt …“ – Das ist: „Voll die Zumutung!“

Kamerafrau Alexandra Brasche von C’QUENCE bannt das Stück übers Internet fürs Internet auf Film. Das symbolträchtige Bühnenbild aus Jalousien und Müllsäcken, die Grafiken und Projektionen sind von Sophie Tautorus, fürs Musikvideo Apollonia Theresa Bitzan, Laura Stromberger, Nadine Auris Kunisch verantwortlich – Klara Rabl hat ein komplett weibliches Team zusammengestellt, wie sie im Anschluss an den Film im Gespräch mit Werk X-Petersplatz-Leiterin Cornelia Anhaus und Moderatorin Mascha Mölkner schmunzelnd sagt: „Als Beweis, dass wir Frauen uns formieren können.“

Den Abend als abgefilmtes Diskurstheater, als Ab- und Verhandlung übers Internet zu begreifen, greift zu kurz, dazu ist zu viel Spaß an der Sache. Im Gigabyte-Tempo fliegen einem die Kalauer um die Ohren, manches aus diesem Netzjargon/Leetspeak, der Buchstaben und Ziffern scheint’s willkürlich zu Abkürzungen mixt, muss man hernach nachschlagen: 1337 = 2F4U, A/N

Im plotlosen Wortgedränge kulminiert’s, als Hopper/Kreibich ankündigt, ihr wäre der Einsatz der Geheimwaffe bereits geglückt, mittels Generalmobilisierung aller Onlinerinnen hätte sie „die Bot“ entwickelt, die alle männlich-hässlichen Chatbots per permanenter Counter Speech ihrer Argumente beraube. Test, Test … funktioniert! Oder war’s nur ein Fake unter Frauen? Aus Euphorie wird Eskalation. „Und ihr sitzt alle da, als wär‘ überhaupt nichts passiert.“ – „Ja, so ist das im Internet …“ „Feed the Troll“, welch eine 6r0ß4r716 digitale (Selbst)-Inszenierung!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=igi8BaGUzkY

Bis 30. April  ist „Feed The Troll“ als Video-on-Demand auf werk-x.at/premieren/feed-the-troll/ kostenlos verfügbar sowie in der Oktothek zu finden. TV-Wiederholung Film & Gespräch auf Okto am 24. 4. um 21.10 Uhr.

werk-x.at           feedthetroll.at            www.okto.tv           www.okto.tv/de/oktothek/episode/607fe7ed8012a

  1. 4. 2021

Werk X-Petersplatz streamt: Gott ist nicht schüchtern

März 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

La création de l`homme Baschar

La création de l`homme Baschar al-Assad, davor: Diana Kashlan. Bild: © Alexander Gotter

Amal: Und was stimmt mit dir nicht?

Hammoudi: Ich habe zugesehen, wie neunhundertsiebzehn Menschen starben.

Diese erste Szene ist das stärkste, das die Bühnenfassung von Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“, erarbeitet von Regisseurin Susanne Draxler und Dramaturgin Lisa Kärcher, noch bis heute Mitternacht auf werk-x.at

kostenlos zu streamen, zu bieten hat. Mann und Frau, beide in blütenweißen Anzügen, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, seine Miene verdüstert sich, das ist geheimnisvoll, da will man mehr erfahren … Gleich wird man wissen, dass die beiden hier am Schluss ihrer Geschichte angelangt sind, die Schauspielerin und der Chirurg, zwei junge Menschen, die sich im Arabischen Frühling in Damaskus engagierten und im syrischen Bürgerkrieg endeten – und es ist wichtig, dass es diese Inszenierung nun gibt, begeht doch dieser zwischen dem Regime Assad, der kurdischen Miliz, dem IS und Gott weiß noch wem ausgetragene Kampf 2021 sein schauriges zehnjähriges Jubiläum. Die Fluchtrouten aus der Krisenregion – geschlossen, die Festung Europa hat grad Pandemie. Bitte bleiben Sie Zuhause, auch wenn dieses eine unbeheizbare, durchnässte Notunterkunft am Rande von Nirgendwo ist! Einmal sagt Hammoudi Europa hätte „die neue Rasse Flüchtling“ erfunden.

Gott. Der kommt einem an diesem Abend des Öfteren in den Sinn. Nicht nur wegen des Buch- wie Stücktitels. Auch wegen der Bühnengestaltung von Hawy Rahman, der Bagdad-Wiener, der die drei Golfkriege überlebte, und für den Spielraum Petersplatz ein Graffito frei nach Chagalls „La création de l’homme“ entwarf. Doch, doch, man ist sich auch beim zweiten Hinsehen ziemlich sicher – und wird bestätigt, als Assad-Anhänger die Zeichen an der Wand mit „Baschar ist unser Gott“ preisen.

Es spielen die tschechisch-arabisch-österreichische Schauspielerin Diana Kashlan und Werk-Xler Johnny Mhanna, er tatsächlich in Damaskus geboren und vergangenen September live in „Geleemann“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554). Das heißt: Die beiden spielen eben nicht, sie sind die meiste Zeit in der Erzählerrolle – wie das Romandramatisierungen halt oft so mit sich bringen, noch dazu eine von Olga Grjasnowa, in dem viel passiert, doch wenig gesprochen wird. Und so fehlt im Wortsinn das Dramatische, und die protokollarische, authentische Härte, mit der die Autorin und Ehefrau des syrischstämmigen Schauspielers Ayham Majid Agha auf Gewalt, Grausamkeit und Folterzellen blickt, wird zu einem künstlichen künstlerischen Distanzhalten.

Diana Kashlan und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Verhört von der Geheimpolizei. Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Nur ab und zu blitzt auf, was Grjasnowa zu schildern hat. Mit Humor, wenn Mhannas Hammoudi, gerade auf dem Möbiusband einer Behördenendlosschleife gelandet, sagt, in Syrien seien diese Wartezimmer wie Gefängnisse, man wisse nicht warum und wie lange man sitzen müsse. Mit Schrecken, wenn Kashlans Amal, mitten in der Nacht von der Geheimpolizei verhaftet und zum Verhör gebracht, erklärt, was der Mensch der Reihe nach verliert: Zähne, Würde, Freiheit, Leben. Und nein, hier will niemand einen Gewaltporno sehen, und ja, es ist an dieser Stelle niemals üblich Künstlerinnen und Künstler mit Herkunfts- und Heimatbegriffen zu punzieren.

Aber diese österreichische Erstaufführung der „Nestbeschmutzer & innen“ hat eine Wahrhaftigkeit „verspielt“, die die Vorlage erstens hat, und für die die Autorin vom deutschen Feuilleton teils sogar getadelt wurde, und für die nicht zuletzt der großartige Johnny Mhanna ein Garant gewesen wäre. Und ginge es darum, ein österreichisches Publikum abzuholen, so hätte man die Claire-Story, Hammoudis Lebensgefährtin in Paris, wo er sieben Jahre lang gelebt und studiert hat, und zu der er nicht mehr zurückkehren wird, ausbauen können. Die Entsetzlichkeit, den geliebten Mann in einem Krisengebiet zu wissen und nur mit viel Glück eine Handyverbindung zu haben …

Für all das entschädigt, und das ist der Punkt: sehenswert, Johnny Mhanna mit einem abschließenden Monolog. Die Protagonisten begegnen einander in Berlin wieder. Er als gewesener Chirurg, der im Untergrund von Deir ez-Zor in einer illegalen Ambulanz die Notversorgung für die Bevölkerung aufrechterhielt, sie, die ihren Namen „auf der Liste“ fand, flüchtete und im Mittelmeer fast ertrunken wäre. Sie, die höchst erfolgreich eine TV-Kochshow über orientalische Spezialitäten moderiert, er, der ohne Papiere in Europa kein Mensch, geschweige denn ein Arzt ist.

Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Und wie bezeichnend sind diese letzten Augenblicke. Hammoudi berichtet von seiner Odyssee, Polizei, Erstaufnahmestelle, Unterbringung in Hostels quer durch Deutschland, fünf Asylwerber aus fünf verschiedenen Ländern mit fünf verschiedenen Sprachen schnarchen in einem Zimmer, „wir können uns gegenseitig nicht einmal Gute Nacht wünschen“. Das Warten auf die Anhörung, die Verachtung, die Missachtung, Asylverfahren

und Deutschkurs. Und schließlich Kashlan als gelangweilte Beamtin, die es nicht einmal der Höflichkeit Wert findet, Hammoudis Namen richtig auszusprechen, und die, was Deir ez-Zor und eine Flucht nach Deutschland betrifft, sprichwörtlich keine Ahnung hat, wo Gott wohnt und wie er heißt …

werk-x.at/premieren/gott-ist-nicht-schuechtern

  1. 3. 2021

Buch und DVD: Maria Lassnig. Das filmische Werk

Januar 26, 2021 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Films in progress“ in ihrer Gesamtheit publiziert

Maria Lassnig gilt international als eine der wichtigsten Malerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Leitmotiv ihrer Malerei, das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins / „Body Awareness“, fand in den 1970er-Jahren in New York auch filmischen Ausdruck. Und welch einen! Beeinflusst von Malerei, aber auch dem US-amerikanischen Experimentalfilm, der feministischen Bewegung, dem Animationsfilm sowie ihrer neuen Heimatstadt New York schuf Lassnig in einigen wenigen Jahren einen beachtlichen Korpus an radikal eigenständigen Kurzfilmen.

Während einige dieser Arbeiten zum Lassnig-Kanon zählen, blieben viele Filmwerke dieser Schaffensphase unvollendet und unveröffentlicht. Ihre „Films in Progress“, zugleich autobiografische Notiz und gestalterisches Experiment, in denen sich viele Sujets und Techniken aus ihrem Werk wiederfinden, wurden von zwei engen Vertrauten – Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko – aufgearbeitet und im Sinne ihres ursprünglichen Konzeptes sowie Lassnigs Aufzeichnungen folgend fertiggestellt.

Der neue Band in der Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen stellt Maria Lassnigs filmisches Werk in den Mittelpunkt und bietet anhand von Essays, dem ersten umfassenden Verzeichnis von Lassnigs filmischer Arbeit und einer großen Auswahl ihrer eigenen, bisher unveröffentlichten Notizen Einblick in die Ideenwelt der Filmemacherin. „Im Mai 1979 zeigte das Österreichische Filmmuseum – zum ersten und für vier Jahrzehnte auch zum letzten Mal – ein Programm mit Maria Lassnigs ,Zeichentrickfilmen'“, so das Herausgeber-Quartett Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko.

„Ins ,Unsichtbare Kino‘ hatte sie es über einen Umweg geschafft: Das internationale Forum des jungen Films zeigte während der Berlinale diese sieben Filme, damals gehörten insgesamt neun zum bekannten filmischen Gesamtwerk, und danach eben auch in Wien. Dieser Umstand ist bezeichnend für die geringe Aufmerksamkeit, die Lassnigs in den 1970ern in New York entstandenem filmischen Œuvre zu Lebzeiten über weite Strecken zukam – selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 1980ern weltweit etablieren konnte.“

Woran das gelegen sein konnte, ließe sich vielleicht dahingehend interpretieren, dass Lassnig die Neigunghatte, sich selbst regelmäßig radikal neu zu positionieren und damit zugleich eine Auseinandersetzung mit spezifischen Formen, Farben oder Ausdrucksmitteln für sich als erledigt zu betrachten. Mit Ende ihrer New Yorker Werkphase vollzieht sie nicht nur einen Schwenk weg vom Animations-/Film als wichtigem Ausdrucks-und Gestaltungsmedium, sie lässt auch die mannigfaltigen Lebens-und Arbeitskontexte dieser Zeit, von der Kulturarbeit im Kollektiv bis zum politischen Feminismus, hinter sich.

Nitsch,1972, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Bärbl. 1974/79, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

So landeten die Filme, bis auf eine Rolle der „kanonischen“, das heißt zu Lebzeiten regulär vertriebenen und seit den 2000ern auch wieder vermehrt rezipierten Werke, buchstäblich auf dem Dachboden. Wie es nun zur Publikation kam, und was diese für Lassnigs Neubewertung als Filmkünstlerin bedeutet, wird in „Maria Lassnig. Das filmische Werk“ erstmals umfassend dokumentiert.

„Nebst biografischen Aspekten führten auch andere Faktoren dazu, dass Lassnigs Filmschaffen vor allem in Österreich wenig beachtet blieb“, so die Herausgeber. „Als Emigrantin und Remigrantin war sie beinahe zwei Jahrzehnte lang nicht Teil der Wiener Kulturszene. Als Filmemacherin war sie beinahe ausschließlich in den USA tätig. Und auch dort fand ihre Arbeit abseits der in Österreich stark rezipierten Bewegung des ,New American Cinema‘ und des ,structural film‘ statt; hinzu kommen eine systematische Geringschätzung weiblicher Filmschaffender und die noch bis in die 1990er-Jahre stiefmütterliche Behandlung des Animationsfilms.“

Lassnigs Arbeit ist, wie die hier nachzulesenden Essays von James Boaden und Stefanie Proksch-Weilguni, die Film- und Projektbeschreibungen von Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller und Isabella Reicher erklären, nicht bloße „Malerei in der Zeit“. „Sie arrangiert komplexe Doppelbelichtungen in der Kamera, benutzt die optische Bank, und reichert ihre Bilderwelten mit Tonspuren an, die von Voiceover-Erzählung über elektronische Klangerzeugung bis zu Tonbandexperimenten reichen. Damit durchbricht sie als Frau, als eine Fremde sowohl in der Filmszene als auch im Amerika der 1970er-Jahre bestehende Kategorien und Zuordnungen.“

Maria Lassnig, New York, ca. 1969. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Women/Artist/Filmmakers, Inc., Maria Lassnig v. li.,  1976. © Bob Parent. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig, 1974. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Ihr Werk reflektiert ihre Auseinandersetzung mit dem Medium, seiner Geschichte und seinen Erzähltechniken, vom Hollywoodkino über den unabhängigen US-Film zum Animationsfilm und bis hin zum Fernsehen. Und auch ästhetisch verweigert Lassnig jedwede Orthodoxie. Ähnlich wie in Zeichnung und Malerei, macht sie sich eine Vielzahl an gestalterischen Techniken zu eigen und exerziert sie durch: vom „handpainted film“ zum Legetrick, von der Studioaufnahme zur dokumentarischen Handkameraführung. Die Kooperation mit der Maria Lassnig Stiftung ermöglichte es dem Österreichischen Filmmuseum, erstmals das bildnerische Werk Lassnigs, ihre Skizzen und Notizen zum Film und die filmische Arbeit einander gegenüberzustellen.

FilmmuseumSynemaPublikationen, Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko (Hg.): „Maria Lassnig. Das filmische Werk“, mit kommentiertem Bildteil und einer DVD, einer Auswahl der „Films in progress“, in Zusammenarbeit mit INDEX-Edition, 192 Seiten. Dieser Band erscheint auch in englischer Sprache.

www.filmmuseum.at           www.marialassnig.org

26. 1. 2021

Werk X in der Spielzeit 2020/21: Der Preis des Geldes

Oktober 8, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Sensationscoup inszeniert Christine Eder Preciados „Testo Junkie“; Nestroy-Preis für „Dunkel lockende Welt“

Das Werk X in Meidling. Bild: © Thea Hoffmann-Axthelm

Willkommen in der „neuen Normalität“. So begrüßt das Werk X sein Publikum zur Spielzeit 2020/21, deren Motto „Der Preis des Geldes“ ist. „Eine unsichtbare Bedrohung namens #COVID19, vulgo #Coronavirus, hat unser aller Leben im erstickungs- gefährdenden Würgegriff wie seither nur das freie Spiel der Finanzmärkte. Dieser Vergleich zeigt, dass vor Corona in Wirklichkeit nach Corona ist. Es ist kein neues System entstanden, sondern das alte muss aufgrund seiner Infektiosität mit Masken

bestritten werden. Es wird somit nur offensichtlich, was die Denkschule des neoliberalen Monetarismus seit den 1950iger Jahren für den Kapitalismus als angenommenes Naturgesetzt postuliert hat: Survival-of-the-fittest. Doch nun zeigt sich dieses ,Naturgesetz‘ als das, was es in Wirklichkeit ist: Eine Krankheit. Nämlich eine hoch ansteckende mit Todesfolgen“, so das Statement der beiden Intendanten Harald Posch und Ali M. Abdullah.

Von denen Posch mit Der G´wissenswurm- The unintentional end of Heimat (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41468) nach Ludwig Anzengruber und seiner Auseinandersetzung mit dem Stadt-Land-Gefälle und der daraus resultierenden ökonomischen sowie sozialen Ungleichverteilung der Ressourcen bereits den Anfang machte. Gefolgt vom Gastspiel Bürgerliches Trauerspiel des aktionstheater ensembles (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41710 ).

Für die zweite Produktion ist dem WERK X ein Coup gelungen: Die bisher heiß umkämpften Aufführungsrechte von Paul B. Preciados Testosteron-Selbstexperiment-Essay Testo Junkie konnten eingeholt werden. Regisseurin Christine Eder, zuletzt am Haus mit „Proletenpassion 2015 ff“(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411) erfolgreich, wird sich mit Fragen nach pharmazeutisch-hergestellter geschlechtlicher Körperlichkeit und Identität kapitalismuskritisch auseinandersetzen. Premiere: 5. Dezember.

Matthias Rippert stellt sich in seiner ersten Regiearbeit für das WERK X im März mit der Bedrohung eines unbescholtenen Bürgers, einer Stückentwicklung von ihm und Jakob Nolte, anhand der dramaturgischen Prämisse der Spielfilmreihe „Final Destination“ den einzig wahren Naturgesetzen: Der Unausweichlichkeit von Tod und Vergänglichkeit. In Ripperts Fall innerhalb der Logik des Spät-/Kapitalismus. Eine Produktion von Ali M. Abdullah im Jänner und eine Überraschungsproduktion werden weitere Facetten des Spielzeitmottos auf der Bühne des WERK X diskursiv verhandeln.

Der „Geleemann“ ist Opfer und Täter: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

In „Ein Staatenloser“ symbolisieren Stoffbahnen die Repression im Iran: Alireza Daryanavard. Bild: © Alexander Gotter

„Der G’wissenswurm“: Sebastian Thiers, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Bürgerliches Trauer-Gast-spiel: Benjamin Vanyek und Thomas Kolle vom aktionstheater ensemble. Bild: Stefan Hauer

Im Werk X-Petersplatz geht es nach dem Geleemann (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554) am 5. November mit Wolga von Stefan Langer weiter, worin in einem multimedialen Horrorszenario der Mythos der sowjetischen Automarke beschworen wird. Gefolgt von Gott ist nicht schüchtern von Olga Grjasnowa in einer Inszenierung von Susanne Draxlern. Premiere: 24. November. Premiere am 11. Dezember hat die Stückentwicklung who can swim, swim! von kochen.mit.wasser und Peter Pertusini, der auch Regie führen wird. Das lang erwartete HORSES von Johannes Schrettle und Imre Lichtenberger Bozoki, #Corona-bedingt um eine Saison verschoben, kommt nun am 18. Februar zur Uraufführung, das ebenfalls verschobene Gruber geht am 17. März. Ein Staatenloser von und mit Alireza Daryanavard (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) wird morgen, am 9. Oktober, wiederaufgenommen.

Der #Corona-Lockdown hat eine der erfolgreichsten WERK X- und WERK X-Petersplatz-Spielzeiten verkürzt: Fünf Eigenproduktionen und eine Koproduktion am WERK X sowie fünf Kooperationen mit der freien Szene am WERK X-Petersplatz konnten bis Anfang März 2020 zur Aufführung gebracht werden. Darunter die Uraufführung des zweiteiligen Mammutprojekts Die Arbeitersaga am WERK X unter vier Regieleitungen (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=36864 und www.mottingers-meinung.at/?p=38734). Die Auslastung betrug bis zum Lockdown 83 Prozent. Das heißt, es konnte insgesamt im Zeitraum von 2018 auf 2019 eine Steigerung der Besucherinnen- und Besucherzahlen an beiden Häusern von 19.000 auf 22.000 erreicht werden.

Nestroy-Preis für „Dunkel lockende Welt“: Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer. Bild: © Matthias Heschl

Gefeiert wird dieser Erfolg mit drei Nestroypreis-Nominierungen: Der Nino aus Wien in Geschichten aus dem Wiener Wald, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35284, wurde für den Publikumspreis und Alireza Daryanavard mit Blutiger Sommer in der Kategorie „Bester Nachwuchs männlich“ nominiert. Preisträger ist das WERK X  in der Kategorie „Beste Off-Produktion“ mit Nurkan Erpulats Inszenierung von Händl Klaus‘ boulevardeskem Sprach-Kunstwerk-Krimi Dunkel lockende Welt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35553 ). Wiederaufnahme: 16.Oktober.

werk-x.at

8. 10. 2020