Weltmuseum Wien: Māori-Künstler George Nuku. Oceans. Collections. Reflections.

Juni 20, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bottled Ocean 2122: Ein Meer aus Plastikflaschen

George Nuku. © KHM-Museumsverband

Das Weltmuseum Wien präsentiert ab 23. Juni die erste umfassende Ausstellung des Māori Künstlers George Nuku. Zu sehen sind Installationsprojekte in den Sonderausstellungsräumlichkeiten des Weltmuseums Wien, eine Installation in der Säulenhalle sowie die kostenlos zugängliche Präsentation „Bottled Ocean 2122“ im Theseustempel. George Nukus Installationsprojekt erstreckt sich über neun Galerien des Weltmuseums. Es beginnt in der Säulenhalle und nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise durch mehrere Ausstellungsräume.

Damit verbunden ist eine Intervention in der Schausammlung des Weltmuseums Wien, die den Sammlungen aus Ozeanien gewidmet ist. Nuku gesellt dazu Sammlungen aus dem Naturhistorischen Museum Wien und dem Museum aan de Stroom in Antwerpen. Diese werden mit Nukus eigenen, aus Plexiglas und Polystyrol handgeschnitzten Kunstwerken verbunden und verschmolzen. Das Ergebnis ist eine Reise durch Zeit und Raum. Jeder Saal präsentiert ein eigenes Thema, eine Welt für sich, und doch ist jeder von ihnen eng mit den vorhergehenden und nachfolgenden verbunden.

Screenshot: George Nuku Awards 2019. © The Designers Institute of New Zealand

Screenshot: George Nuku Awards 2019. © The Designers Institute of New Zealand

Screenshot: George Nuku Awards 2019. © The Designers Institute of New Zealand

Die Ideen und Werke Nukus bringen die Untrennbarkeit von Natur und Kultur zum Ausdruck. Es geht darin um Themen wie die Beziehungen zwischen Museen und Ursprungsgemeinschaften, um Rückführung, Dekolonisierung, die Versöhnung zwischen den Parteien und schließlich um Wege in die Zukunft. Das in Wien präsentierte Projekt kann als bisheriger Höhepunkt in Nukus Karriere gesehen werden, die sich über mehr als 120 Großprojekte weltweit erstreckt, und als Ausdruck seines anhaltenden Wunsches, seinen gesammelten Erfahrungsschatz mit allen Betrachtenden gleichermaßen zu teilen.

Screenshot: George Nuku Awards 2019. © The Designers Institute of New Zealand

George Nuku: Bottled Ocean 2122 im Theseustempel. © KHM-Museumsverband

Screenshot: George Nuku Awards 2019. © The Designers Institute of New Zealand

Screenshot: George Nuku Awards 2019. © The Designers Institute of New Zealand

„Bottled Ocean 2122“ im Theseustempel

Im Theseustempel stellt George Nuku die neueste Version seines KonzeptsBottled Ocean“ vor. Wie der Titel andeutet, handelt es sich um eine Idee, die 100 Jahre in der Zukunft liegt. Eine Vision des Lebens im Ozean, das aufgrund der Verbreitung von Kunststoffen, die die Meereswelt beeinträchtigen, völlig mutiert ist. Die Kulisse ist ein versunkener Unterwassertempel. Die Wände sind gesäumt von geschnitzten Darstellungen von Gottheiten, die Wasser, Luft, Erde, Feuer, Wind und Meer repräsentieren, durchsetzt mit Meereswächtern. Im Unterwassertempel schwimmen mutierte Plastikversionen von Rochen, Haien, Hochseefische und Quallen inmitten von Korallenriffformationen aus Plastik. Die leeren Plastikflaschen, die sich in Lebewesen von giftiger Schönheit verwandelt haben, verzaubern und beunruhigen durch Nukus Darstellung der Umweltverschmutzung als künstlerischen und kulturellen Schatz. Die zugrundeliegende Botschaft ist die eines Wandels: Die Menschen müssen ihre Beziehung zu jenem Material ändern, das sie schufen und das nun jeden Teil der Welt durchdringt.

George Nuku im Theseustempel. © KHM-Museumsverband

Über den Künstler: George Nuku, geboren 1964, ist ein Künstler aus Aotearoa in Neuseeland. Er ist Māori schottischer und deutscher Abstammung. Seine Werke reichen von filigranen, handgeschnitzten Amuletten aus Perlen, Jade, Knochen und Plastik bis hin zu lebensgroßen Stein- und Plexiglasskulpturen sowie mehrstöckigen Installationen aus Polystyrol von Māori-Halbgöttern und Helden der polynesischen Kultur. Er führt eine 1000-jährige, von seinen Vorfahren überlieferte Kunsttradition fort, die das Leben zu erweitern und das Überleben zu verbessern verspricht.

Zu sehen bis 31. Jänner 2023.

www.weltmuseumwien.at           Video „George Nuku Awards 2019“ – Der Künstler im Interview und Impressionen von „Bottled Ocean 2118“: www.youtube.com/watch?v=oBido2mwbUc

20. 6. 2022

Weltmuseum Wien: „… aus Afghanistan“

Januar 25, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlinge erzählen mit Alltagsobjekten über ihre Heimat

Brigitte Neubacher: Afghanistan 1994. Bild: © Brigitte Neubacher

Die Einnahme Kabuls durch die Taliban im August 2021 und die Bilder, die davon um die Welt gingen, fordern einen genaueren Blick auf Afghanistan und seine Menschen. Die Sammlungen des Weltmuseums Wien geben einen Einblick in das Leben, die Geschichte und die Kulturen Afghanistans. Das Weltmuseum Wien hat Männer und Frauen aus Afghanistan, die in Wien leben, eingeladen, Objekte auszuwählen und ihre Geschichten mit den

Besucherinnen und Besuchern des Museums zu teilen. Gegenstände verschiedener ethnischer Gruppen sollen das Bild von Afghanistan mit vielfältigen, lebensbejahenden Eindrücken bereichern. So ist die sehenswerte Präsentation „… aus Afghanistan“ entstanden. Die Ausstellung wirft Streiflichter auf Szenen des alltäglichen Lebens von Afghaninnen und Afghanen in deren ursprünglichen Heimat bis hin zum Leben von in Wien wohnenden Geflüchteten. Das Weltmuseum Wien will mit dieser Ausstellung ein anderes Bild zeigen, als es viele Medienberichte nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 boten. Die Ausstellung zeichnet aus, dass sie nicht von MuseumskuratorInnen alleine gestaltet wurde. Vielmehr haben in Wien lebende Afghaninnen und Afghanen Objekte aus der Sammlung des Museums ausgewählt oder dem Museum eigene geliehen, die ihnen wichtig erschienen, um über das Leben in ihrer alten Heimat und in Wien zu berichten.

Sie haben auch Texte zu verschiedenen Themen verfasst, die in der Präsentation zu lesen sind. Beispielweise Batul Abedi über das Gebetstuch: Die drei Wörter heißen „Mohammed“, „Hasan“ und „Ali“. Das Tuch wird also von Schiiten verwendet. Die beiden erhobenen Hände stehen für das Beten in Richtung zu Gott. Bei mir zu Hause hängt so ein Tuch an der Wand gegenüber dem Sofa. Oder Rahmatullah Ahmadi über die Teekanne: Tee ist für uns Afghanen ein Getränk das Energie bringt und auch erfrischt. Wenn ein Gast kommt oder wir uns in Gemeinschaft treffen wird immer Tee getrunken, grüner oder schwarzer Tee mit viel Zucker. Er muss stark sein, die Wirkung muss gespürt werden.  In Afghanistan haben wir Tee meist aus Indien importiert. Hier in Österreich schätzen wir auch Säfte oder Coca Cola, zum Christentum konvertierte Afghanen auch Bier.

Teekanne, Afghanistan/Jamshidi. © KHM-Museumsverband

Halskette, Afghanistan/Pashtunen. © KHM-Museumsverband

Gebetstuch, Afghanistan/Hazara. © KHM-Museumsverband

Krug, Afghanistan/Tadschiken. © KHM-Museumsverband

In der Schau geht es nicht um die Taliban, nicht um die Flucht vieler oder um schwer bewaffnete Kämpfer, die durch die Straßen Kabuls patrouillieren. Vielmehr sollen von Frauen angefertigte Keramiken oder geflochtene Körbe, Silberschmuck und farbenprächtige Kleider, Gebetstücher und Papierdrachen Einblicke in die Kultur jenseits des Kriegsgeschehens bieten. Gezeigt werden Szenen aus dem alltäglichen Leben vieler Ethnien. Der Bogen spannt sich von der Gastfreundschaft zum gemeinsamen Essen und Teetrinken, von der Weitergabe des Brautschmucks von der Mutter des Bräutigams zur neuen Schwiegertochter bis hin zum Drachensteigen.

„… aus Afghanistan“ wird ergänzt durch Fotografien von Brigitte Neubacher, Josef Polleross, Max Klimburg, Alfred Janata, Roger Senarclens de Grancy, Walter Kuschel und Georg Sarac. Von der Fotografin Aleksandra Pawlow porträtierte in Wien Lebende berichten über ihr Leben von Afghanistan bis Wien.

Kostenlos zu besuchen bis 31. Mai.

Hochzeitskleid (Detail), Leihgabe von Frau Sohayla Yaqoubi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewänder, Leihgaben von Sohayla Yaqoubi und Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewand (Detail), Leihgabe von Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Historischer Hintergrund

In Afghanistan leben mehr als 50 Stämme. Ihr gemeinsamer Staat grenzt an sechs Länder, wobei die Grenzziehung über weite Strecken auf imperialistische Machtbestrebungen zurückgeht: Die Einmischung ausländischer Akteure in innerafghanische Angelegenheiten prägte über mehr als hundert Jahre das Leben vor Ort. Zwischen 1838 und 1919 führte Großbritannien Kriege im Land. Ab 1979 intervenierte zehn Jahre lang die Sowjetunion, wobei die USA den islamistischen Gegnern der Kommunisten, den Mujahedin, umfangreich Waffen lieferte. In den Jahren 1992 bis 1994 tobte ein blutiger Bürgerkrieg. Von 1996 bis 2001 beherrschten die Taliban große Teile des Landes. Gegen sie und andere islamistische Gruppen führten die USA und deren Bündnispartner von 2001 bis 2021 einen blutigen Krieg. In all diesen Konflikten litt vor allem die Zivilbevölkerung Afghanistans: viele Menschen wurden getötet, Millionen mussten fliehen, vor allem in die Nachbarländer.

Strickfrauen 1970. Bild: © Roger Senarclens de Grancy

Afghanistan 1959. Bild: © Alfred Janata

Afghanistan/Bamiyan 1993. Bild: © Brigitte Neubacher

Mittagessen in der Mudschaheddin-Basis von Jagdalak, 1988. Bild: © Josef Polleross

Statement des Weltmuseum Wien

Das Weltmuseum Wien widmet sich der Wertschätzung der Vielfalt des menschlichen Lebens. Das Kollegium des Museums ist daher solidarisch mit den Menschen in Afghanistan in ihrer Vielfalt. Die aktuelle Situation ist schwer einschätzbar, aber Krieg und Konflikte führen zur Vertreibung von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Wir appellieren an die Länder der Welt, darunter auch Österreich, alle Maßnahmen zu ergreifen um den Geflüchteten mit Mitgefühl zu begegnen, sie aufzunehmen und zu unterstützen.

www.weltmuseumwien.at

25. 1. 2022

Weltmuseum Wien: Staub & Seide

Januar 10, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf den Spuren von Marco Polo

Relieffliese. Anonym, Kashan, um 1308. Ankauf 1873, MAK KE 2091. MAK – Museum für angewandte Kunst, Bild: © MAK/Georg Mayer

Das Weltmuseum Wien zeigt die Ausstellung „Staub & Seide. Steppen- und Seidenstraßen“, lädt damit zu einer vielschichtigen Spurensuche durch Geschichte und Gegenwart ein und fragt nach den Verbindungen der historischen Routen mit der „Neuen Seidenstraße“. Stoffe und Ikat-Webereien aus Seide, Tee und „Wilde Äpfel“ gelangten einst auf den mythenumwobenen historischen Handelsrouten, die schon Marco Polo bereiste, nach Europa.

Doch eine Seidenstraße hat es nie gegeben. Weder damals noch heute handelt es sich um eine einzelne Straße oder nur um Seide als einziges Transportgut. Vielmehr war und ist es ein loses, sich veränderndes Geflecht aus Land- und Seerouten, das China mit Europa und anderen Weltgegenden verbindet. Der Begriff „Seidenstraßen“ wurde 1877 erstmals vom deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen verwendet.

Auf den Wegen durch die Steppen und Wüsten zwischen Asien und Europa bewegten sich neben Seide Güter wie Tee, Gold, Jade, Porzellan und Pferde. Aber auch Waffen, Musikinstrumente, Goldene Pfirsiche, Wildäpfel und Gewürze sowie Ideen, Religionen, Kunst, Träume, Wissen, Krankheiten, Konflikte und Staub. Auch heute geht es um Kontakte, Bewegung und Transport, wenn auch mit anderer Geschwindigkeit und neuen Waren. Großangelegte Infrastrukturprojekte prägen die Regionen der Steppen- und Seidenstraßen und fördern nicht nur Staub, sondern auch Rohstoffe an die Oberfläche. In Europa wird vielfach die Bezeichnung „Neue Seidenstraße“ für das von China geplante weltumspannende Infrastrukturnetz der „Belt & Road Initiative“ verwendet.

In der Ausstellung werden diese Bewegungen und die Beziehungen zwischen Asien und Europa nachvollzogen und neue Verbindungen zwischen Themen und Orten hergestellt. Die Exponate spiegeln dabei auch die Interessen der Reisenden, die sie nach Europa gebracht haben. Zu sehen sind mehr als 200 historische Objekte, Kunstwerke und Fotografien, die in Gegenüberstellung mit aktuellen künstlerischen Perspektiven und gegenwärtigen Forschungsdokumentationen betrachtet werden. Zu den Exponaten zählen herausragende Sammlungsstücke des Weltmuseums Wien sowie zahlreiche Leihgaben aus nationalen und internationalen Museen und Sammlungen und Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

„Die Steppen, durch die die Seidenstraßen verliefen, waren in der Vergangenheit das Zentrum der Welt. Sie sind für ihren Reichtum so berühmt gewesen, dass sie uns noch heute in ihren Bann ziehen. Wenn wir uns die Geschichte der Seidenstraßen genauer ansehen, so verstehen wir sie nicht nur als Routen für den Austausch von Waren, sondern auch von Macht, Wissen, Religionen, Krankheiten, und Kunst. Und dann ist auch der Blick auf die ‚Neue Seidenstraße‘ umso interessanter:  Was wird sie uns außer einem verstärkten Handel noch bringen? Wie wird sie die Welt verändern?“, so Jonathan Fine, Direktor Weltmuseum Wien.

Zehn Gramm. Khosbayar Narankhuu 2020. Gemalt für das Projekt Dispersed & Connected.Geschenk von John D. Marshall an das Weltmuseum Wien. © Khosbayar Narankhuu

Ausstellungsansicht. Bild: © KHM-Museumsverband

Instant Food. Khosbayar Narankhuu 2020. Gemalt für das Projekt Dispersed & Connected. Erworben mit Unterstützung der Weltmuseum Wien Friends. © Khosbayar Narankhuu

Wege durch die Ausstellung

Ausgangspunkt für die Ausstellung ist die Steppe: Die Steppenlandschaften zwischen dem Kaukasus und China sind ein Zwischenraum, der Ost und West verbindet. In ihr bewegen sich Reisende, Transportwege durchqueren sie. Hier entstanden frühe zentralasiatische Reiche mit großer Wirkung auf sesshafte Bewohner in China und Europa. Die Schau lenkt den Blick auf wenig beachtete Zwischenräume und kaum gehörte Stimmen. Die Besucherinnen und Besucher können diesen Geschichten auf verschiedenen Wegen folgen:

Bei den „Objekten der Begegnungen“ trifft man etwa auf eine Goldkasel aus Regensburg, gefertigt aus kostbarem mongolischem „Tartarenstoff“, auf chinesisches Porzellan oder auf wilde Äpfel, die ihren Ursprung im Zentrum Asiens, im Tian Shan Gebirge haben. Die „Orte der Sehnsucht“ führen zu legendären Handelsstädten wie Tiflis oder Samarkand, auf den Basar von Buchara oder an den chinesischen Kaiserhof. Bei den „Objekten der Begierde“ treffen die Betrachterinnen und Betrachter unter anderem auf kostbare Ikat-Weberein, die von Indien und Südchina bis Zentralasien Verbreitung fanden, auf die legendären „Himmlischen Pferde“ aus dem Fergana-Tal und natürlich auf Gold, Tee und chinesische Seide. Diese Wege sind auch mit Reisenden, Sammlerinnen und Sammlern sowie zeitgenössischen Kunstwerken verbunden.

„Der Blick ist in dieser Ausstellung auf die Zwischenräume und Vielstimmigkeit gerichtet, die im öffentlichen Diskurs wenig gehört und berücksichtigt werden. Diese Zwischenräume sind von einem sich verändernden Geflecht von Wegen und Geschichten gezeichnet. Die Ausstellung ist eine Montage von Objekten und Erzählungen von Menschen, die uns während der Recherchen in den Museumsdepots, Archiven und Feldforschungen – manchmal zufällig – begegneten; ein fragmentarischer Reisebericht entlang der Steppen- und Seidenstraßen zwischen Peking und Hamburg oder Wien und auf deren Seitenwegen“, sagt Maria-Katharina Lang, die Kuratorin der Ausstellung.

Europäische Expeditionen: Reisen, Sammeln & Austausch

Die Reise des Händlers Marco Polo (1254–1324) nach China und die auf Grundlage seiner Erzählungen verfassten Berichte inspirierten noch Jahrhunderte später Reisende, seinen Spuren entlang der Seidenstraßen zu folgen. Viele der Dinge, die sie unterwegs als Fragmente dieser imaginierten Seidenstraße erwarben, gelangten in die Sammlungen europäischer Museen und Bibliotheken, so auch ins Weltmuseum Wien. Franz Heger, der Leiter der Anthropologisch-Ethnographischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, der Vorgängerin des Weltmuseums Wien, reiste nach Zentralasien, dokumentierte Baudenkmäler und sammelte „ethnographische“ Objekte, die sein Interesse weckten. Georg von Almásy brach im Jahr 1900 als einer der ersten Europäer seit Jahrhunderten auf, um die Gipfel und Gletscher des Himmelsgebirges Tian Shan zwischen Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und China zu erforschen und zu fotografieren.

Chapan aus der Serie „Scream“. Dilyara Kaipova, Usbekistan, 2019. © Dilyara Kaipova

Neue Straße in der Wüste Gobi. Mongolei 2018. Bild: © Maria-Katharina Lang

Kohlelaster am Weg nach China. Tavan Tolgoi, Ömnögobi, Mongolei, 2018. Bild: © Maria-Katharina Lang

Teppich. Anonym. Khotan, Xinjiang, China, 1889 oder früher. Sammlung Josef Troll, Weltmuseum Wien. Bild: © KHM-Museumsverband

Auch Frauen waren im frühen 20. Jahrhundert als Reisende und Sammlerinnen unterwegs. Der Anteil der sammelnden Frauen ist dabei bemerkenswert, ebenso deren Lebensgeschichten. Der Malerin und Grafikerin Lene Schneider-Kainer (1885 Wien–1971 Cochabamba, Bolivien) und ihrer Reise über Konstantinopel, Tiflis und Baku in den Iran und weiter durch Südasien bis China wird in der Ausstellung ein besonderes Augenmerk gewidmet. Natürlich dienten viele dieser Reisen nicht nur der Wissenschaft, sondern versorgten auch die expandierenden europäischen Reiche mit Informationen, die deren politische und wirtschaftliche Ambitionen unterstützten. Die Gegenstände, mit denen die Reisenden zurückkehrten, sind eine Mischung aus Sensationellem und Alltäglichem: Brillen zum Schutz vor Staub und Sand der Steppe, Panoramafotos von gewaltigen Berggipfeln und Tälern, Gegenstände aus dem Inneren einer Jurte, Astragale und Seiden-Ikat.

Zeitgenössische Kunst

Einen besonderen Stellenwert in der Ausstellung nehmen die Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler ein. Diese wurden im Rahmen des der Ausstellung zugrunde liegenden Forschungsprojekts eingeladen, Werke zu schaffen, die sich mit Themen wie Infrastrukturen, Geschwindigkeit, Distanz und Verbundenheit, Globalisierung, Kolonialismus, Nomadismus und Ressourcenabbau auseinandersetzen. In der Verbindung aktueller Perspektiven mit historischen Kunstwerken und Kulturgütern werden überraschende und kaum beachtete Geschichten erzählt. Die zeitgenössischen Stimmen beschreiten eigene Wege und präsentieren dabei durchaus kritische Visionen.

Paul Kollings „Break of Gauge“ entfaltet sich filmisch in einem einzigen durchgehenden Bild der Zugverbindung zwischen China und Deutschland und zeichnet eine Frachtlieferung im Juni 2019 in Zeit und Raum nach. Dilyara Kaipovas textile Kunstwerke berühren die koloniale Vergangenheit Usbekistans und die Globalisierung. Das Werk „The Scream“ thematisiert die Übernahme globalisierter Bilder in usbekische Kulturformen und verdeutlicht den Preis, der für die Anpassung an die Anforderungen der Globalisierung verlangt wird. In dem Gemälde „Time Link“ zeigt die Künstlerin Nomin Bold, deren Werke auch auf der Dokumenta 14 ausgestellt waren, die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Stil moderner mongolischer Malerei.

Zwei beeindruckende Kurzfilme von Jack Wolf entstanden in der Auseinandersetzung mit und nach einer Forschungsreise 2019 nach Xinjiang und Kazachstan. Besonders wirkungsvoll sind die beiden Gemälde von Khosbayar Narankhuu, die sich auf den ersten Blick stark an der Bildsprache des tibetischen und mongolischen Buddhismus orientieren. Bei näherer Betrachtung offenbaren sie aber auch Details und Erzählungen, die die zeitgenössische Kultur und Politik scharf kritisieren. Das Weltmuseum Wien konnte die beiden Gemälde dank der großzügigen Unterstützung der Freunde des Weltmuseums Wien und John D. Marshalls für seine ständige Sammlung erwerben.

Zu sehen bis 3. Mai.

www.weltmuseumwien.at

10. 1. 2022

Weltmuseum Wien: Alma M. Karlin. Einsame Weltreise

September 20, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schreibmaschine „Erika“ war ihre einzige Wegbegleiterin

Alma mit Fächer. © NUK

Das Weltmuseum Wien widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung der bewegenden und inspirierenden Lebensgeschichte von Alma Ida Willibalde Maximiliana KarlinDie Autorin, Journalistin, AmateurWissenschaftlerin, Theosophin und Weltreisende verfolgte ihren Lebensweg kompromisslos, vielen Hindernissen zum Trotz und auch unter Einsatz ihres Lebens. Auf sich allein gestellt und, im Gegensatz zu anderen

Weltreisenden dieser Zeit, ohne jegliche finanzielle Unterstützung, machte sie sich im Alter von 30 Jahren auf zu einer Reise, die sie durchgehend acht Jahre lang um die Welt führte und sie regelmäßig an Grenzen stoßen ließ, die sie aber immer wieder überwand. Ihre Reiseberichte machten sie in der Zwischenkriegszeit zu einer der erfolgreichsten Autorinnen in Europa und darüber hinaus. Aufgrund ihrer öffentlich geäußerten Ablehnung des Nationalsozialismus und ihrer Verweigerung dem kommunistischen System gegenüber, wurde ihr allerdings die Möglichkeit genommen, diesen Erfolg fortzusetzen und sie geriet fast gänzlich in Vergessenheit.

1889 kam Alma M. Karlin als einziges Kind deutschsprachiger Eltern slowenischer Herkunft in Celje, damals noch Teil der HabsburgerMonarchie, heute in Slowenien gelegen, auf die Welt. Die Mutter war eine 45jährige Lehrerin, der Vater ein bereits pensionierter 60jähriger Major der ÖsterreichischUngarischen Armee. Das Mädchen wurde mit einem hängenden Augenlid geboren und von der Mutter offen abgelehnt. Das TochterMutterverhältnis blieb konfliktreich während sie zum Vater eine innige Beziehung hatte. Er ermutigte sie durch eine Erziehung, die üblicherweise Buben erhielten, zu Stärke und Selbständigkeit. Als Alma M. Karlin acht Jahre alt war, starb der Vater.

Die Mutter versuchte, sie den gesellschaftlichen Konventionen gemäß umzuerziehen. Das Mädchen entwickelte dadurch eine Schüchternheit und Minderwertigkeitskomplexe, die ihr Beziehungen und Begegnungen mit anderen Menschen ein Leben lang erschwerten. Alma M. Karlin wurde dennoch zu einer mutigen und entschlossenen Jugendlichen, die wissensdurstig und zielorientiert war. Mit 16 Jahren erkannte sie, dass Bildung für sie der einzige Weg sein würde, um zu ökonomischer Unabhängigkeit zu gelangen und sich vom mütterlichen Einfluss und der von nationalen Spannungen zwischen der deutschen und slowenischen Bevölkerung geprägten Enge der Kleinstadt Celje zu befreien.

Mit 18 verließ Alma M. Karlin die Heimat und ging ins „freiwillige Exil“ nach London, wo sie Sprachunterricht gab. Der Einblick in die Kulturen ihrer Schülerinnen und Schüler legte den Grundstein für ihre Sehnsucht, diese fremden Kulturen selbst kennenzulernen. Um dieses Ziel zu erreichen, lernte sie selbst acht Sprachen. Mit Bestnoten legte sie 1914 an der Royal Society of Arts Prüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab.

Alma und Li Tieguai. © NUK

Li Tieguai. China oder Peru, 19. Jh.

Alma in Yukata Kleid. © NUK

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs fand Alma M. Karlin auf ihrer Flucht nach Norwegen und Schweden das Leitmotiv ihres Lebens: das Schreiben. Nach einem kurzen Aufenthalt in Celje brach Karlin 1919 im Alter von 30 Jahren mit ihrem selbstzusammengestellten 10sprachigen Wörterbuch und ihrer Schreibmaschine Erika im Gepäck zu ihrer Weltreise auf. Sie schlug sich als Sprachlehrerin, Übersetzerin, Journalistin und Reise- schriftstellerin durch, wobei es immer wieder vorkam, dass sie keine Arbeit fand und existenziell gefährdet war.

Geldmangel und fehlende Reisegenehmigungen waren Gründe dafür, dass Alma M. Karlin ihr eigentliches Ziel, Japan, erst auf Umwegen erreichte. So eroberte sie die Welt für sich, wobei ihr zahlreiche negative zwischenmenschliche und durch Krankheiten bedingte lebensbedrohliche Erlebnisse nicht erspart blieben. Über den süd und nordamerikanischen Kontinent gelangte sie schließlich nach Japan, wo sie ein glückliches Jahr mit tiefgreifenden Eindrücken verbrachte. Danach führte sie die Reise weiter nach Asien, auf den australischen Kontinent, in den pazifischen Raum und nach Indien, von wo aus sie 1927 nach Celje zurückkehrte.

Alma M. Karlin lebte bis zu ihrem Tod in ihrer Geburtsstadt, wo sie trotz ihrer Erfolge als Journalistin und Autorin von Romanen und den Reiseberichten auf Ablehnung und Skepsis stieß und, wie sie selbst schreibt, „als ein Kuriosum“ angesehen wurde. Mit ihrer Reisetrilogie, die in Deutschland zwischen 1929 und 1933 publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, erlangte Karlininternationale Bekanntheit. Die Nationalsozialisten, die Slowenien besetzt hatten, verboten ihre Werke allerdings und verhafteten sie, in ihr einen „Feind des Hitlersystems“ sehend. Sie entging der Gestapo, da der sie verhörende Offizier von ihren Reisebüchern begeistert war. 1944 schloss sie sich den Partisanen an, die sie aber ebenfalls überwachten.

Ausstellungsansicht. © NUK

Ausstellungsansicht: Alma in Tapa. © NUK

Almas zehnsprachiges Wörterbuch. Handschriftensammlung der National- und Universitätsbibliothek Ljubljana

Ausstellungsansicht: Auf dem Tisch Almas Reisebegleiterin, die Schreibmaschine „Erika“. © NUK

Aufgrund ihrer Gegnerschaft sowohl den Nationalsozialisten als auch später den Kommunisten gegenüber und ihrer probritischen Haltung überlebte Alma M. Karlin dennoch ihre bereits von den Partisanen geplante Liquidierung. Nach England, wo sie zukünftig leben wollte, gelangte sie aber nie. 1945 wurde sie als deutschsprachige Autorin von jugoslawischer Seite angefeindet und in weiterer Folge vergessen. Völlig verarmt erkrankte Alma M. Karlin an Brustkrebs, dem sie 1950 nach fünfjährigem Kampf erlag.

Für Alma M. Karlin war nichts befriedigender, als durch das Sammeln von Daten, Beobachtungen und Interviews Wissen zu erlangen und dieses zu teilen. Auch wenn ihr Interesse an der lokalen Bevölkerung immer aufrichtig war und man sie als ein Kind ihrer Zeit verstehen muss aus heutiger Sicht könnte ihr Blick auf „Fremde“ problematisch gesehen werden. Die Vielfalt ihrer Sammlung, die sich heute im Regionalmuseum Celje befindet, begründet sich vor allem auf ihre sehr beschränkten finanziellen Mittel.

Diese machten es ihr unmöglich, in der Auswahl an Gegenständen geplant oder systematisch vorzugehen. Stand ihr ausreichend Geld zur Verfügung, kaufte sie Objekte. Einen Großteil ihrer Sammlungsgegenstände erhielt sie allerdings geschenkt, oder sie ergaben sich zufällig. Postkarten, Textilien und selbstangefertigte zoologische und botanische AquarellZeichnungen, die den Verlauf ihrer achtjährigen Weltreise nacherleben lassen, machen den Hauptteil ihrer Sammlung aus.

Das Weltmuseum Wien zeigt in Zusammenarbeit mit dem Regionalmuseum Celje sowohl Alma M. Karlins ethnografische Sammlung als auch ihre Fotografien, die in der Slowenischen  National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana aufbewahrt werden.

www.weltmuseumwien.at

20. 9. 2021

Weltmuseum Wien: Azteken

Oktober 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch der berühmte Federkopfschmuck ist zu sehen

Quetzalfeder-Kopfschmuck, Mexiko, aztekisch, um 1520. © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Inv. Nr. 10.402.

Das Weltmuseum Wien zeigt ab 15. Oktober eine Ausstellung zur sagenumwobenen Kunst und Kultur der Azteken. Im Fokus dieser Highlight-Schau stehen Tribute und Opferungen, die einen wichtigen Platz im wirtschaftlichen und religiösen Leben der Azteken bildeten.

Besondere Aufmerksamkeit wird der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán geschenkt, die als Drehscheibe sowie als religiöses und kulturelles Zentrum des Reiches fungierte.

Pulque-Gefäß © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Inv. Nr.6.069

Stab- oder Statuenaufsatz © National Museum of Denmark, Roberto Fortune

Keramik des Totengottes Mictlantecuhtli  © Archivo Digital de las Colecciones del Museo Nacional de Antropología

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Azteken beherrschten einen großen Teil Mesoamerikas zur Zeit der spanischen Eroberung im frühen16. Jahrhundert. Als nomadisches Volk ließen sie sich schließlich auf mehreren kleinen Inseln im Texcoco-See nieder, wo sie 1325 die Stadt Tenochtitlán, das heutige Mexiko-Stadt, gründeten. Sie schufen im 15. Jahrhundert ein Reich, das innerhalb des amerikanischen Kontinents nur von den Inkas in Peru übertroffen wurde. Die Azteken zählten zu den am ausführlichsten dokumentierten aller indianischen Zivilisationen. Die Besucherinnen und Besucher begeben sich auf die Spuren des spanischen Konquistadors und Menschenschlächters Cortés: Beginnend mit der Peripherie des aztekischen Reiches und der kulturellen Vielfalt Mexikos, führt die Ausstellung bis in den heiligen Bezirk der Hauptstadt Tenochtitlán.

Räuchergefäß der Fruchtbarkeitsgöttin Chalchiuhtlicue © Archivo D. de las Colecciones del Museo N. de Antropología

Adlerkopf, Mexiko, aztekisch, Mitte 14. Jh. bis 1521; © Royal Museum of Art and History, Brüssel, Inv. Nr. AAM 69.11

Cuauhxicalli (Adlerschale), Opferschale. Mexiko, aztekisch, um 1500. © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Stempel mit Affenmotiv, Mexiko, aztekisch, Mitte 14. Jh. bis 152. © Collection Nationaal Museum van Wereldculturen Coll.

Die Ausstellung zeigt mehr als 200 Objekte und Leihgaben aus mexikanischen und europäischen Museen, unter anderem aus dem Museo del Templo Mayor und dem Museo Nacional de Antropología in Mexiko-Stadt. Ergänzt wird die Sonderschau „Azteken“ unter anderem durch den in der Dauerausstellung des Weltmuseum Wien ausgestellten weltberühmten Federkopfschmuck. Im Rahmen einer Kooperation zwischen Mexiko und Österreich wurde der letzte existierende aztekische Federkopfschmuck, in den vergangenen Jahren mit hohem Aufwand gereinigt und konserviert. Durch diese Arbeit kommt nun wieder die irisierende Pracht der Grün- und Blautöne in den Federn sowie der mehr als 1500 Goldblättchen zur Geltung.

www.weltmuseumwien.at           Video: www.youtube.com/watch?v=JFBYIdDSW3g           www.youtube.com/watch?v=3t1K7dw2uj0

11. 10. 2020