Weltmuseum Wien: Azteken

Oktober 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch der berühmte Federkopfschmuck ist zu sehen

Quetzalfeder-Kopfschmuck, Mexiko, aztekisch, um 1520. © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Inv. Nr. 10.402.

Das Weltmuseum Wien zeigt ab 15. Oktober eine Ausstellung zur sagenumwobenen Kunst und Kultur der Azteken. Im Fokus dieser Highlight-Schau stehen Tribute und Opferungen, die einen wichtigen Platz im wirtschaftlichen und religiösen Leben der Azteken bildeten.

Besondere Aufmerksamkeit wird der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán geschenkt, die als Drehscheibe sowie als religiöses und kulturelles Zentrum des Reiches fungierte.

Pulque-Gefäß © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien, Inv. Nr.6.069

Stab- oder Statuenaufsatz © National Museum of Denmark, Roberto Fortune

Keramik des Totengottes Mictlantecuhtli  © Archivo Digital de las Colecciones del Museo Nacional de Antropología

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Azteken beherrschten einen großen Teil Mesoamerikas zur Zeit der spanischen Eroberung im frühen16. Jahrhundert. Als nomadisches Volk ließen sie sich schließlich auf mehreren kleinen Inseln im Texcoco-See nieder, wo sie 1325 die Stadt Tenochtitlán, das heutige Mexiko-Stadt, gründeten. Sie schufen im 15. Jahrhundert ein Reich, das innerhalb des amerikanischen Kontinents nur von den Inkas in Peru übertroffen wurde. Die Azteken zählten zu den am ausführlichsten dokumentierten aller indianischen Zivilisationen. Die Besucherinnen und Besucher begeben sich auf die Spuren des spanischen Konquistadors und Menschenschlächters Cortés: Beginnend mit der Peripherie des aztekischen Reiches und der kulturellen Vielfalt Mexikos, führt die Ausstellung bis in den heiligen Bezirk der Hauptstadt Tenochtitlán.

Räuchergefäß der Fruchtbarkeitsgöttin Chalchiuhtlicue © Archivo D. de las Colecciones del Museo N. de Antropología

Adlerkopf, Mexiko, aztekisch, Mitte 14. Jh. bis 1521; © Royal Museum of Art and History, Brüssel, Inv. Nr. AAM 69.11

Cuauhxicalli (Adlerschale), Opferschale. Mexiko, aztekisch, um 1500. © KHM-Museumsverband, Weltmuseum Wien

Stempel mit Affenmotiv, Mexiko, aztekisch, Mitte 14. Jh. bis 152. © Collection Nationaal Museum van Wereldculturen Coll.

Die Ausstellung zeigt mehr als 200 Objekte und Leihgaben aus mexikanischen und europäischen Museen, unter anderem aus dem Museo del Templo Mayor und dem Museo Nacional de Antropología in Mexiko-Stadt. Ergänzt wird die Sonderschau „Azteken“ unter anderem durch den in der Dauerausstellung des Weltmuseum Wien ausgestellten weltberühmten Federkopfschmuck. Im Rahmen einer Kooperation zwischen Mexiko und Österreich wurde der letzte existierende aztekische Federkopfschmuck, in den vergangenen Jahren mit hohem Aufwand gereinigt und konserviert. Durch diese Arbeit kommt nun wieder die irisierende Pracht der Grün- und Blautöne in den Federn sowie der mehr als 1500 Goldblättchen zur Geltung.

www.weltmuseumwien.at           Video: www.youtube.com/watch?v=JFBYIdDSW3g           www.youtube.com/watch?v=3t1K7dw2uj0

11. 10. 2020

Akademie der bildenden Künste im Weltmuseum Wien: Stories of Traumatic Pasts

Oktober 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Interventionen gegen das Verdrängen und Vergessen

Martin Krenn: Österreich ist ein wunderbares Land, 2020, Installationsansicht. Bild: İklim Doğan

Die Akademie der bildenden Künste zeigt ab 8. Oktober im Weltmuseum Wien die Ausstellung „Stories of Traumatic Pasts – Counter-Archives for Future Memories / Geschichten traumatischer Vergangenheiten – Gegenarchive für künftige Erinnerungen“. Die Schau thematisiert das systematische Verschweigen und Vergessen, die Nachwirkungen des Kolonialismus im Belgien seit 1885, die Zeit des

Nationalsozialismus im österreichischen Raum, unter besonderer Betrachtung des Holocausts, und den Turbo-Nationalismus in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, der „Republika Srpska“ oder der „Serbischen Republik“ von 1990 bis heute. Diese drei europäischen Regionen, ihre Geschichten und ihre teilweise  gegenwärtige „kollektive Amnesie“ in Bezug auf die traumatischen Vergangenheiten stehen im kritischen Fokus der Präsentation. Die gezeigten künstlerischen Positionen sind Interventionen in Gegenwart und Zukunft und bilden Gegenerzählungen gegen das Vergessen. Oft von Künstlerinnen und Künstlern geschaffen, die in ihren Herkunftsländern kein Gehör finden, legen die Arbeiten die Pluralität des Denkens, der Gemeinschaft, der Geschichte und der Erzählungen frei und beleuchten die Allianzen von Erinnerungen und Geschichte.

Einige Untersuchungen fokussieren auf Belgiens Entwicklung seit der Unabhängigkeitserklärung des Kongo und der Verehrung der Kolonialisten und der Politik des für den Genozid verantwortlichen König Leopold II. am Beispiel von zahllosen Denkmälern im öffentlichen Raum. Dieses Kapitel der Geschichte Belgiens wird erst seit den 1990er-Jahren aufgearbeitet. Noch heute herrscht jedoch vielerorts das Bild vor, dass dem Kongo Wohlstand und Modernität gebracht wurde, dem sich zahlreiche Wissenschafter und Künstler entgegenstellen. Monique Mbeka Phoba zeigt dazu in ihrer Arbeit „Jeder Belgier wird auch durch sein Verhältnis zum Kongo definiert, 2020“ Familienalben, Oral History in Form von Geschichten und Anekdoten ihrer Eltern und Großeltern erzählen von der Kolonialzeit im Kongo bis hin zur Unabhängigkeit als Republik im Jahr 1960.

In „Kolonialität/Geselligkeit?, 2020“ laden Joëlle Sambi Nzeba undNicolas Pommier ein, sich, konfrontiert mit einer großen, reichlich gedeckten Tafel der Frage zu stellen, ob es möglich ist Schmerzen verstummen zu lassen und Traumata zu ignorieren, sich quasi trotzdem „gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu essen“. Elisabeth Bakambamba Tabwe hinterfragt mit ihrer Video-Intervention die Institution des Museums an sich. Um dem Ausdruck zu verleihen überwacht ein riesiges Auge eine der Hauptvitrinen im Saal „Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie!“ des Weltmuseum Wien. In der Vitrine befinden sich sogenannte „Chrarakterköpfe“ aus Indien. Das Auge regt dazu an die ausgestellten Objekte, diev on der Künstlerin als „abgeschlagene Köpfe“ interpretiert werden, ebenso zu hinterfragen, wie die, die sie betrachten.

Anja Salomonowitz: Das wirst du nie verstehen, 2003. © Anja Salomonowitz, Courtesy of sixpackfilm

Sinisa Ilic: Conference Room with a View over the Mediterranean, 2015. © Sinisa Ilic

Arye Wachsmuth: STOP (Idomeni), 2016. © aryewachsmuth

Joelle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier: Congolese Hands, 2020. © Joëlle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier

Der Turbonationalismus, der Genozid und der Krieg in Bosnien und Herzegowina ist ebenso Gegenstand des Forschungsprojektes wie auch der Ausstellung im Weltmuseum Wien. „Die grausame Politik der ethnischen Säuberungen, die sich gegen Musliminnen und Muslime, Kosovo-Albaner, Roma und Sinti sowie die LGBT_QI-Community richtete sind noch lange nicht im kollektiven Gedächtnis Europas und in der Geschichtsschreibung angekommen,“ sagt Marina Gržinić, eine der Kuratorinnen der Ausstellung und Leiterin des Forschungsprojektes an derAkademie. Was in ihren Herkunftsländern oft schwer zu thematisieren ist zeigen dieKünstlerinnen und Künstler nun im Weltmuseum Wien.

Bojan Djordjev und Siniša Ilić  bieten mit ihrer Arbeit „Topografien der Emanzipation und des Zwangs“ eine über politische und geografische Einheit hinausgehende Übersicht, die weit auseinanderliegende historische und gegenwärtige Ereignisse und Ideen zu Überlegungen über Emanzipation und ihre Zerstörung verbindet. Sie stellen antikoloniale und antiimperiale Ereignisse wie Vertreibung, Migration, Ausbeutung, Überleben oder Rebellion, gegenwärtigen Bedingungen gegenüber. Den lyrischen Titel „Die Stille desBalkans, 2020“ trägt eine Augmented-Reality-Installation von Valerie Wolf Gang, die sich mit dem abstrakten Zustand der Erinnerung auseinandersetzt. Die Künstlerin fuhr die sogenannte „Balkanflüchtlingsroute“ in die gegengesetzte Richtung zu den Flüchtenden mit dem Auto ab und sammelte und archivierte im Zuge ihrer Feldforschung Fotos,Tonaufnahmen und Videos ihrer Reise. Unterstützt durch die Augmented-Reality-Technik könnendie Besucher diese Reise nacherleben.

Die traumatische Zeit der Belagerung Sarajewos, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, während des Bosnischen Krieges von 1992 bis 1996 erzählt die Klanginstallation von Lana Čmajčanin und Adela Jušić mit dem Titel „Gutenachtgeschichten, 2011“. Es war aber zugleich auch eine Zeit der Stärke und des Widerstands, in der Musik eine große Rolle spielte. Um sie zu hören traf sich die Jugend in kommunalen Kellerräumen. Für ihren Zugang zu diesem Trauma und dieser musikalischen Erfahrung entschieden sich Čmajčanin und Jušić für einen Doppelstrang aus Klängen und Tönen. Nur wenige werden die im Hintergrund zu hörende bosnische Sprache verstehen, die zum Klang greifbarer Angst wird. Gleichzeitig erinnert die vo neiner Erzählerin mit weicher Stimme vorgetragene englische Übersetzung an die Stimme einer Mutter, die Gutenachtgeschichten erzählt.

Valerie Wolf Gang: Die Stille des Balkans, 2020. © Valerie Wolf Gang

Die Zeit des Nationalsozialistischen Terrors und die Erinnerung, aber auch die Aufarbeitung der begangenen Verbrechen ist ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung und der Forschungsarbeit. Auf Spurensuche in der eigenen Familie macht sichAnja Salomonowitz. In Interviews mit drei Frauen aus ihrer eigenen Familie, die an der Erziehung der Künstlerin wesentlich beteiligt waren.

Ihre jeweiligen Rollen in der Zeit des Nationalsozialismus im österreichischen Raum könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Großtante, die Auschwitz überlebt hat, das sozialistische Kindermädchen im Widerstand und die Großmutter, die zuschaute und nichts tat. Anja Salomonowitz konfrontiert sich und ihre Familie im gezeigten Film mit den unterschiedlichen Erinnerungen und reflektiert diese widersprüchliche Aufgabe mit Kommentaren aus dem Off.

Wenig bekannt ist die Geschichte von Ludwig Mies van der Rohe, der sich als einer der wesentlichen Lehrenden des „Bauhaus“ weigerte politisch Stellung zu beziehen. Trotz des Drucks der gerade an die Macht gekommenen NS-Regierung, wie auch der kommunistischen Studierenden blieb die Leitung apolitisch. Mit der Arbeit „Neutralitätsfelder (Das letzte Interview mit Ludwig Mies van der Rohe), 2019“ ermöglicht der Künstler Dani Gal Einblicke in die letzten Tage des Bauhauses, die Zusammenstöße mit den faschistischen Kräften, aber auch in die eigenen moralischen Annahmen – damals wie heute.

Martin Krenn  stellt in seiner Videoinstallation „Österreich ist ein wunderbares Land, 2020“ die Frage, wie es möglich war, dass es während der Tage des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich zu den Pogromen kommen konnte, den sogenannten „Reibepartien“. Titelgebend für die Kombination aus Augenzeugenberichten und historischen Fotos ist der erste Satz des Regierungsprogramms 2020 bis 2024.Die Wirklichkeit des Lebens eines Geflüchteten, das in Europa eine radikale Abwendung vom humanitären Zugang hin zu einer tödlichen laissez-faire Einstellung erfährt, untersucht Arye Wachsmuth in seiner Arbeit „Derocide, 2020“.

Ausgangspunkt für Wachsmuths Arbeiten sind immer konkrete Bilder und Materialien, die sich zwischen Archiven und Selbstreflektion, zwischen Momentaufnahmen und entblößten Machtstrukturen bewegen und ein Aufruf zum Handeln sind. Eine Studienecke mit Videointerviews, ein interaktiver Multitouch-Tisch, der die Verbindungenvon Kolonialismus, Antisemitismus, Holocaust und Widerstand im österreichischen Raum während der Zeit des Nationalsozialismus und Turbo-Nationalismus zeigt, sowie die Ergebnisse von künstlerischen Workshops an der Akademie der bildenden Künste Wien vervollständigen die Ausstellung.

www.weltmuseumwien.at

7. 10. 2020

Weltmuseum Wien: Japan zur Meiji-Zeit

Februar 14, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sammlung Heinrich von Siebold rekonstruiert

Duft- bzw. Schminkdose mit Deckel in Form des Glücksgottes Hotei. Ende Edo-Periode bis frühe Meiji-Periode, Mitte bis spätes 19. Jh., vor 1882. Sammlung Brandenstein-Zeppelin. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

Die Meiji-Periode umfasst in der japanischen Geschichte den Zeitraum von 1868 bis 1912. Eine Zeit, in der sich der Feudalstaat zur modernen Großmacht entwickelt, die japanische Gesellschaft sich wandelt und der Welt öffnet. In Europa entstand reges Interesse an diesem noch unbekannten Land. Heinrich von Siebold, Sohn des Arztes und berühmten Japanforschers Philipp Franz von Siebold, kommt bereits als Jugendlicher nach Japan und verbringt dort den größten Teil seines Lebens.

Aufstellung der Sammlung ca. 1883 im Wohnsitz der Schwester von Heinrich von Siebold bei Ulm in Süddeutschland. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

Heinrich Freiherr von Siebold in japanischer Tracht,1897. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

Aufstellung der Sammlung ca. 1883 im Wohnsitz der Schwester von Heinrich von Siebold bei Ulm in Süddeutschland. © Siebold-Archiv Burg Brandenstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seine Sammlung an japanischen Objekten wird Kaiser Franz Josef für das k. u. k. Naturhistorische Hofmuseum geschenkt, wofür Heinrich von Siebold den Freiherrntitel erhielt, und bildet heute einen der Grundbestände der ostasiatischen Sammlung des Weltmuseum Wien. Ab 13. Februar zeigt das Haus nun die Schau „Japan zur Meiji-Zeit. Die Sammlung Heinrich von Siebold“. Anhand von drei historischen Objekt-Fotografien aus dem 19. Jahrhundert, die die Aufstellung der Sammlung auf einem Privatwohnsitz der Familie zeigen, wird die Geschichte dieser Sammlung rekonstruiert und aufgearbeitet.

Ein Film zeigt diese Rekonstruktion mithilfe von object mapping und vermittelt somit einen Eindruck der Originalinstallation. Gleichzeitig werden die Objekte in fünf Ausstellungsräumen gezeigt und mit einer aktuellen Beurteilung des historischen Wertes einer Meiji-zeitlichen Sammlung präsentiert. Im Rahmen der Schau werden auch die Ergebnisse des gemeinsamen Forschungsprojekts mit dem National Museum of Japanese History präsentiert. Ein Symposium zu Heinrich von Siebold und seiner Sammlung findet im März statt.

Deckelvase mit dem Motiv der einhundert Eremiten. Frühe Meiji-Periode (1868–1912), vor 1882. © KHM-Museumsverband

Ryū okimono, Zierfigur Drache, Kimura Toun, Edo (Tokyo), Edo-Periode (1600–1868). © KHM-Museumsverband

Statue der Buddha Amitabha Trinität. Stehende amida-nyorai Figur: Muromachi-Periode, 15–16. Jh. Bodhisattva Figur (links) Kōkei. Edo-Periode (1600 – 1868), 17–18. Jh. Bodhisattva Figur (rechts) Shikibu Kyō. Edo-Periode, 17–18. Jh. © KHM-Museumsverband

Zur Person: Heinrich von Siebold (1852–1908), Sohn des Arztes und berühmten Japanforschers Philipp Franz von Siebold, reist bereits als Jugendlicher nach Japan und verbringt dort einen Großteil seines Lebens. Er wird als Dolmetscher bei der neu gegründeten österreichisch-ungarischen Gesandtschaft in Tōkyō angestellt. Es ist die Zeit des Überganges vom Shogunat zur Meiji-Zeit von 1868 bis 1912 und zu einer neuen Politik der Öffnung des Landes. Japans ehemals militärisch ausgerichtete Gesellschaft wandelt sich während der Meiji-Restauration von einem Feudalstaat hin zu einer modernen Großmacht, mit dem Tennōan der Spitze des Staates.

Die gesellschaftliche Umwälzung bedingt, dass viele Kult- und Gebrauchsgegenstände der vergangenen Shogun-Zeit nicht mehr benötigt werden und somit in den Besitz von Sammlern wie Heinrich von Siebold übergehen. Dieser möchte seine umfangreiche Sammlung verkaufen, überlässt sie aber schließlich 1888 Kaiser Franz Joseph für das k. u. k. Naturhistorische Hofmuseum. Dort wird die Sammlung in der anthropologisch-ethnografischen Abteilung inventarisiert. Für die Schenkung erhält Heinrich von Siebold einen Adelstitel. Die Ausstellung thematisiert den Weg der Sammlung ins Weltmuseum Wien und verfolgt deren Spur.

www.weltmuseumwien.at

13. 2. 2020

Weltmuseum Wien: Nepal Art Now

April 15, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschlechterkampf und politische Gewalt

The Kali – Odalisque: Manish Harijan, 2016. © Prithivi Bahadur Pande, Bild: Kailash K Shrestha

Das Weltmuseum Wien zeigt ab 11. April die bisher umfangreichste Ausstellung zu moderner und zeitgenössischer Kunst Nepals. In dieser ersten umfassenden Schau außerhalb des Landes sind etwa 130 Arbeiten – darunter Gemälde, Skulpturen, Videokunst und Installationen – von mehr als 40 nepalesischen Künstlern zu sehen. Die Ausstellung beginnt mit der Moderne in Nepal ab den 1950er-Jahren und reicht bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung umfasst ein breites Spektrum an Positionen und Ausdrucksformen. Die bildende Künstlerin Sheelasha Rajbhandari zeigt in Wien eine Installation, in der sie sich mit der Diskriminierung von Frauen in patriarchalen Gesellschaften beschäftigt. Ang Tsherin Sherpas Arbeiten nehmen Anleihen an tibetisch-buddhistischer Ikonografie. Der Künstler abstrahiert, fragmentiert und rekonstruiert traditionelle Darstellungsweisen und untersucht dabei Erfahrungen der Diaspora. Die Werke des Künstlers Hit Man Gurung entstehen in Reaktion auf einige der dringendsten sozio-politischen Themen Nepals, wie Arbeitsmigration, Bürgerkrieg, politische Korruption oder das verheerende Erdbeben von 2015.

Trump, Putin, Kim Jong Un: Peace Owners II: Sunil Sigdel, 2016. © Yogeshwar Amatya, Bild: Sunil Sigdel

We are at War without Enemies: Hit Man Gurung, 2016. © Prem Prabhat Gurung, Bild: ArTree Nepal

Neben bereits etablierten Künstlerinnen und Künstlern wie Lain Singh Bangdel, Laxman Shrestha, Ang Tsherin Sherpa, Ashmina Ranjit oder Hit Man Gurung sind auch zahlreiche Newcomer zu sehen. Manche haben Akademien außerhalb ihres Landes besucht, andere wiederum sind weit gereist und haben sich viele neue künstlerische Praktiken aus den verschiedensten Teilen der Welt angeeignet.

Daher kann es nicht überraschen, dass sich bestimmte Aspekte der zeitgenössischen Kunst Nepals internationalen Diskursen in diesem Bereich verdanken. Auch wenn die gezeigten Werke in der Kultur und den Traditionen Nepals verankert sind, schildern und behandeln sie allgemeine Fragen: Die dargestellten Themen reichen Umweltzerstörung, politisch motivierter Gewalt, dem Verhältnis der Geschlechter, der Kommodifizierung religiöser Traditionen oder der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Die Arbeiten erzählen von der Entwicklung sowohl der Kunst als auch der Politik und der Gesellschaft des Landes.

Sie werfen ein Schlaglicht auf die kulturelle Landschaft eines Landes, das erst in den vergangenen sechzig bis siebzig Jahren seine Grenzen für die Welt öffnete. Seitdem hat Nepal enorme politische und gesellschaftliche Veränderungen erlebt, die wiederum seine Kunstszene beeinflusst haben. In der westlichen Welt ist Nepal vor allem als Hippie-Destination der 1960er- und 70er-Jahre und als begehrtes Ziel für Bergsteiger bekannt. Weniger bekannt ist die pulsierende Kunstszene des Landes, obwohl sich die nepalesische Hauptstadt Kathmandu mit seinem seit 2009 bestehenden International Art Festival und der Triennale 2017 bereits in die globale Kunstwelt eingeschrieben hat.

Fly High: Ang Tsherin Sherpa, 2018. © Ang Tsherin Sherpa, Bild: Fotohollywood

Die traditionellen religiösen Darstellungen aus Nepal, die das Publikum in Museen als Kunstwerke zu verstehen gewohnt ist, wurden von anonymen Meistern gefertigt. Zu reinen Kunstwerken wurden sie erst durch die museale Präsentation und ihre Integration in den globalen Kunstkanon, freigespielt aus ihrem ursprünglichen religiösen Kontext. Das allermeiste von dem, was gegenwärtig in Nepal an Kunst geschaffen wird, präsentiert sich jedoch gänzlich anders.

In der Schau „Nepal Art Now“, bezieht sich der Begriff „zeitgenössische Kunst“ daher nicht auf ein Kunst­genre, vielmehr ist er von einer rein zeitlichen Dimension geprägt. Es geht um das, was im vergangenen halben Jahrhundert entstanden ist. Die in enger Zusammenarbeit mit nepalesischen Künstlern und Kunsthistorikern getroffene Auswahl der Bilder, Skulpturen und Installationen spiegelt gleichzeitig die Vielfältigkeit dessen wider, was an einem Tag geschaffen werden konnte. Der Bogen spannt sich dabei von rein abstrakten Arbeiten bis hin zu traditioneller, spirituell-religiöser Paubha-Malerei. Mehrere der beteiligten Künstlerinnen und Künstler werden im Laufe der Ausstellungsdauer für Artist Talks im Weltmuseum Wien zu Gast sein.

www.weltmuseumwien.at

15. 4. 2019

Weltmuseum Wien: Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch

Oktober 15, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück Stoff, das die Gemüter erhitzt

Nilbar Güreş: Soyunma/Undressing, 2006. Bild: Nicole Tintera. © Courtesy Galerie Martin Janda, Wien

Ein Stück Stoff steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch“, die das Weltmuseum Wien ab 18. Oktober zeigt. Es ist um vieles älter als Judentum, Christentum und Islam. Lange vor diesen Religionen markierte das Kopftuch im alten Mesopotamien gesellschaftliche Unterschiede – und sein Fehlen die sexuelle Schutzlosigkeit der Frauen. Heute liegt es mit unzähligen Bedeutungen schwer beladen vor uns.

Das Tuch, mit dem sich religiöse Frauen ihren Kopf, ihr Antlitz und mitunter den ganzen Körper bedecken, erhitzt die Gemüter. Doch das Gebot für Frauen, sich das Haupt zu verhüllen, ist seit Jahrhunderten ebenso Bestandteil der europäischen Kultur. Seine Geschichte reicht von den Anfängen des Christentums bis in die heutige Zeit. Für die Christen wird der Schleier zum Sinnbild der Ehrbarkeit, Schamhaftigkeit und Jungfräulichkeit. Der Apostel Paulus fordert von den Frauen, ihr Antlitz mit einem Schleier zu verhüllen, wenn sie mit Gott reden. Offenes Haar gilt als unsittlich, nur die Jungfrau Maria trägt es mitunter auf diese Weise.

Das bedeckte Haupt zählt zum Vorrecht verheirateter Frauen wie zur Ordenstracht der Nonnen. Trauernde legen den Witwenschleier an. Im Spätmittelalter bestimmen in den Städten Europas Kleiderordnungen, wie sich die Frauen Kopf und Hals zu umhüllen haben. Zu Beginn der 1920er-Jahre beklagt der Papst den Leichtsinn von Frauen, die sich beim Tanzen in „unanständiger“ Kleidung über die Grenze der Schamhaftigkeit hinwegsetzen. In der Zeit des autoritären österreichischen Ständestaats und des Nationalsozialismus sollen Kopftuch und Dirndl Heimat und Bodenständigkeit vermitteln. In den 1950er-Jahren steht das bedruckte Kopftuch als Modeaccessoire für Luxus, Eleganz und Emanzipation.

Wienerin in „sartischer“ Tracht, Anonym, Wien, 1927. Bild: Weltmuseum Wien Fotosammlung. © KHM-Museumsverband

Gerda Bohm: Frau der Ayt Haddidou in Festtagstracht, Marokko, Zentraler Hoher Atlas,1959. Bild: Weltmuseum Wien Fotosammlung. © KHM-Museumsverband

Während ein Teil der Musliminnen sich in der Öffentlichkeit gegenüber Fremden verschleiern muss, da sie sonst als sündig und den Männern verfügbar gelten, kreieren andere eine Art Streetwear-Look, farbenfroh und frech, sexy und züchtig zugleich. Im Iran stellen sich Aktivistinnen mit offenem Haar gut sichtbar auf belebte Kreuzungen und schwenken als Zeichen des Protests ihr Kopftuch, während sich Designerinnen im Westen an der Mode der 1950er-Jahre orientieren und Vintage-Kopftücher im Programm führen. „Modest Fashion“ heißt ein Modetrend, der darum bemüht ist weniger Haut zu zeigen. Mittlerweile ist er religionsübergreifend ein weltweites Milliardengeschäft. Und Queen Elizabeth II. trägt nach wie vor als persönliches Branding ein Kopftuch von Hermès – nicht nur, wenn sie ausreitet.

www.weltmuseumwien.at

15. 10. 2018