Akademietheater: Die Welt im Rücken

März 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Joachim Meyerhoff stemmt einen dreistündigen Kraftakt

Im Wortsinn „Blutrausch“ in einer manischen Phase. Joachim Meyerhoff hebt Thomas Melles bipolare Störung auf die Bühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Wie erzählt man von sich selbst als einem Idioten?“, diese Frage stellt die Figur ganz zum Schluss. Da ist auf der Bühne schon das riesige Gehirn erschienen, dies Wahnbild eines weißen Wals, und macht den Protagonisten zum Ahab; er reitet das Biest, wird an es gefesselt und schließlich von ihm verschlungen. Ein gewaltiges, ein überwältigendes Bild, eines mit dem sich die Diagnose „seelisch behindert“ erklärt.

Bipolare Störung sagt man heute, dem Mann dort oben ist der alte Begriff manisch-depressiv lieber. Drei Stunden lang hat er erzählt, hat er vorgespielt, was das heißt, ein Mensch in Geiselhaft der Krankheit zu sein … Am Akademietheater brachte Jan Bosse eine Bühnenfassung von Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ zur Uraufführung. Der Text ist erst im vergangenen September erschienen, er ist ein Tatsachenbericht, eine Biografie in Form eines „gescheiterten Bildungsromans“. Sagt sein Autor. Genauso anstrengend, kräfteraubend, entnervend – lohnend wie die Lektüre dieses Falls, ist nun sein Ansehen. „Fall“, weil unvorstellbar tief. Melle erzählt von Freuden, die sich nach und nach verabschieden, von Frauen, die an Rettungsversuchen zerschellen, vom Verlust von Job, Wohnung, Konto, Selbstbestimmtheit. Von himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Schulden- und Prozesslawine wegen boshaften Verhaltens. Exzess, bis Blut fließt. Und immer wieder Psychiatrie. „Weg sein“ wünscht er sich sehr. Das kann nur verstehen, wer darauf hofft.

Dass das auch am Theater unter die Haut geht, liegt an Joachim Meyerhoff, der sich die Melle’schen Krisen überstreift wie eine zweite Haut. Mag sein, sein Aufwachsen auf einem Anstaltsgelände hat ihm die existenzielle Einsicht in die Rolle ermöglicht. Meyerhoff jedenfalls stemmt den Kraftakt, Melles Psyche zu durchstreifen mit Bravour. Die Energie, die er in den Abend legt, wird am Ende mit Standing Ovations bedacht. Meyerhoff switcht zwischen Größenwahn und Kleinmut, „die eigene Katastrophe auszustellen, hat immer etwas Aufdringliches“, weiß er und tut’s doch. Er lockt „the elefant in the room“ aus seiner Deckung, und das hat durchaus auch Unterhaltungswert. Weil Meyerhoff nicht nur Ausnahmedarsteller komplexer Charaktere, sondern auch ein begnadeter Showmaster im Spiel mit Emotionen ist. Die Figur, die er gestaltet, ist ein Verzweiflungsclown, ein Schalk mit Melancholie im Nacken.

Die Körpermitte soll bei der Vervielfältigung vergrößert werden. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der fotokopierte Messias: Meyerhoff als Schmerzensmann Melle. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was den Voyeurismus der Situation betrifft, braucht man sich im Publikum nicht zu schämen. Meyerhoff stellt sich bereitwillig aus. Aufs Schwadronieren – in der Manie besteht Melle auf seinem Sex mit Madonna, sieht er Thomas Bernhard bei McDonald’s oder kippt Picasso Rotwein in den Schoß – folgt schmerzhafteste Selbstausschürfung. Da legt er sich im Badezimmer die Kabelschlinge um den Hals und lässt sich hineinfallen, bis er die Abba-Schnulze „Fernando“ im Kopf hört. Das rettet ihn, wie peinlich ist das! Galgenhumor ist das unpassend adäquateste Wort, für die Weise, in der Melle/Meyerhoff dieser Episode auf den Leib rückt.

„Das Hirn stürzt herrenlos davon“ eine Beschreibung jenes Zustands, in dem man ver-rückt ist. Aus der Mitte, aus der Balance ins Ungleichgewicht. In die neuronale Schieflage. Melle – Meyerhoff – Schmerzensmann. Zu Darsteller und Regisseur gesellt sich als Dritter Bühnenbildner Stéphane Laimé. Seine Visionen, seine überbordende Bildsprache erweitern die Fakten zur Fiktion. Im Klimax des Abends tackert Meyerhoff ein fotokopiertes Kruzifix an die Wand – das Geschlecht auf 200 Prozent zu vergrößern misslingt, weil Streik des Kopiergeräts.

Da hält sich Melle in einer manischen Phase gerade für den langersehnten Messias. Mit Pingpongbällen als Dornenkrone. Eine Unzahl von ihnen werden zu lustig hüpfenden Psychopharmaka, ein Zuschauer wird zum Match mit ihnen eingeladen – Tischtennis mit Smileyschläger. Dann Publikumsbeschimpfung, dann „Diebstahl“ eines Zuschauerschals und dessen Anheftung über dem reproduzierten Gemächt. „Lass’ du, der du eintrittst, alle Selbstbilder fahren“, sagt Melle über die Geschlossene. Er wird Studenten vorgeführt, längst mehr Studie als Mensch; ein selbstgespanntes Spinnennetz aus Nylonschnüren hält ihn gefangen. Wie besser könnte man die Isolation im eigenen Ich beschreiben? Den beigen Overall, den Meyerhoff trägt, kennt man aus der Psychiatrie. Man bekommt ihn, wenn einen die Polizei „ohne alles“ einliefert …

Am Ende ein Opfer des eigenen Gehirns: Joachim Meyerhoff macht sich Richtung oben davon. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Posttraumatisch“ nennt Melle seinen Versuch, Theater zu machen. Denn, merke: Theater ist der Ort, an dem Wahn noch den meisten Sinn ergibt. An dem oft und oft eines Menschen Trauma zum bejubelten Drama wird. So auch hier. Auf dem Weg seiner Selbsterkundung lässt Melle sich vom Publikum mal streicheln wie ein Plüschteddy, mal fällt er über es her wie ein Raubtier. Viele seiner Sätze haben Zähne und Klauen. Bosse und Meyerhoff haben erkannt: Es soll weh tun.

Die Krankheit, im Buch etwas Katastrophisches, erlebt auf der Bühne allerdings Katharsis. „Es geht besser, immer besser, seit zwei Jahren“, sagt der Mann zwischendurch hoffnungsvoll. Seine in einer Stimmungsschwankung veräußerte berühmte Bibliothek ist zwar auf immer dahin, aber er hat begonnen, eine neue anzulegen. Sie wird sie ihm wieder werden: „Die Welt im Rücken.“

www.burgtheater.at

Wien, 21. 3. 2017

Karikaturmuseum Krems: Rudi Klein

November 23, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Vereinfachung einer nicht unkomplizierten Welt

Rudi Klein, 2012/2013. Bildrecht, Wien, Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

Rudi Klein, 2012/2013. Bildrecht, Wien, Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

Rudi Klein, 2012/2013. Bildrecht, Wien, Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

Rudi Klein, 2012/2013. Bildrecht, Wien, Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

Das Karikaturmuseum Krems zeigt ab 27. November die Ausstellung „Rudi Klein. Die Vereinfachung einer nicht unkomplizierten Welt“. Rudi Klein unterhält mit seinen gezeichneten Kommentaren zu den Absurditäten des Alltags und der Tagespolitik Millionen von Zeitungslesern. Seine Comicstrips werden nun in dieser umfassenden Schau präsentiert. Die Ausstellung will, wie der Karikaturist selbst, nicht Antworten geben, sondern wirft neue Fragen auf. In fünf Themengruppen werden Originale aus den Landessammlungen Niederösterreich und dem Privatbesitz des Künstlers gezeigt.

Rudi Klein, 2012-2016. Bild: Bildrecht, Wien

Rudi Klein, 2012-2016. Bild: Bildrecht, Wien

Rudi Klein, 2012-2016. Bild: Bildrecht, Wien

Rudi Klein, 2012-2016. Bild: Bildrecht, Wien

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man zeichnen!“ so rüttelt Rudi Klein mit seinen symbolträchtigen, philosophischen Arbeiten auf, banalisiert und provoziert. Lachen ist unausweichlich, jedoch immer mit einem Denkanstoß und der Garantie auf Verwirrtheit.

www.karikaturmuseum.at

Wien, 23. 11. 2016

Die Welt der Wunderlichs

Oktober 13, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zuviel Witz erschlägt eben den Humor

Rocken die Castingshow wie in alten Zeiten: Mimi (Katharina Schüttler) und Johnny (Martin Feifel). Bild: Polyfilm

Rocken die Castingshow fast wie in alten Zeiten: Mimi (Katharina Schüttler) und Johnny (Martin Feifel). Bild: Polyfilm

Ach, was erinnert man sich noch gerne an seinen Komödienüberraschungserfolg „Alles auf Zucker“, an diese charmante berlinerisch-jiddische Mischpoke, die sich durch die Irrungen und Wirrungen ihrer Verwandtschaftsverhältnisse kämpfte. Leben, sagte einem Dani Levy damals, ist nur mit einem Augenzwinkern zu bewältigen. Für seinen neuen Film „Die Welt der Wunderlichs“, ab Freitag in den heimischen Kinos, muss man allerdings beide Augen zudrücken.

Mag sein, es ist eine Kulturkreissache, dass einen als Österreicher diese Form von Brachialwitz anspringt wie ein wütender Waschbär, jedenfalls ist die Reaktion Abwehr und Rückzug. Da liegt der feine, hintersinnige Humor, den dieser Stoff vertragen hätte, längst erschlagen auf dem Boden, hingeschlachtet in der ersten Szene, in der ein Kind in einer Kloschüssel herumwühlt, und von dieser Fäkalfröhlichkeit geht’s weiter zum Speibscherz.

Mimi Wunderlich (Katharina Schüttler), alleinerziehend, hat soeben ihren Job verloren und auf dem Parkplatz einen Kunden angefahren. Nur, weil sie schon wieder Hals über Kopf zur Schule musste, wo der hyperaktive Sohn (EWi Rodriguez) eine Lehrerin in den Schrank gesperrt hat. Doch damit nicht genug: Mimis manisch-depressiver Vater (Peter Simonischek) ist aus der Nervenheilanstalt getürmt, ihre Mutter (Hannelore Elsner), eine abgehalfterte Schlagerdiva, pflegt ihre hypochondrische Egozentrik, ihre Schwester (Christiane Paul) ist mit ihrer Borderline-Störung beschäftigt und ihr Ex-Mann (Martin Feifel) lebt sein Versager-Rockstar-Leben im Volldrogenrausch aus.

Da kommt die Einladung zu einer Musik-Castingshow und Mimi sieht die Chance, ihren ganz eigenen Traum zu verwirklichen. Allein! Nur für sich! Klar, dass die Familie das nicht zulassen kann – Mimi muss doch unterstützt werden. Und so beginnt eine abenteuerliche Reise von Mannheim nach Zürich … Nur, dass die – Ansage Levy – „Screwball-Komödie on the road“ mit einer Chaosfamilie à la „Little Miss Sunshine“ nicht einmal in ihrer Dysfunktionalität funktioniert.

Doch während die Familie backstage die Daumen drückt: Liliane (Hannelore Elsner), Manuela (Christiane Paul) und Nico (Steffen Groth) ... Bild: Polyfilm

Doch während die Familie backstage die Daumen drückt: Liliane (Hannelore Elsner), Manuela (Christiane Paul) und Nico (Steffen Groth) … Bild: Polyfilm

... hauen Felix (Ewi Rodriguez) und sein Großvater Walter (Peter Simonischek) heimlich ab. Bild: Polyfilm

… hauen Felix (Ewi Rodriguez) und sein Großvater Walter (Peter Simonischek) heimlich ab. Bild: Polyfilm

Wird nämlich einerseits der Film von den absonderlichen Eigenarten der Figuren förmlich niedergewalzt, legt Levy andererseits nicht den Satirefinger auf die Nebenhandlung der Castingshow. Das ganze Genre mit seinen menschenverachtenden Verrückten denen gegenzustellen, die von der Gesellschaft als solche deklariert werden – und sich dabei doch nur mühen, eine „normale“ liebevolle Familie zu sein, das wär’s doch gewesen. Man glaubt dem Film eine Unentschlossenheit Levys anzumerken, seine im Prinzip gute Story wabert durch den leeren Raum.

Sie ist einerseits nicht amüsant genug, fährt einem andererseits zu wenig mit dem Stellwagen der Realität an den Kopf; sie ist nicht Fisch und nicht Fleisch und auch nicht Surf ’n’ Turf. Niemals legt Levy eine Pause ein, um sich in Ruhe mit Charakterzeichnung zu beschäftigen, der ganze Film ist hyperaktiv und außer Kontrolle wie der kleine Felix, und wenn man glaubt, mehr geht nicht mehr, kommt ein schwyzerdütsch sprechender Polizistentölpel daher.

Es ist den famosen Darstellern zu danken, dass die Figuren nicht als Schablonen enden. Katharina Schüttler punktet als so verantwortungsvolle wie überfordert-schusselige Protagonistin. Peter Simonischek gibt dem spielsüchtigen Vater eine emotionale Tiefe und Glaubwürdigkeit, die ihm wohl keiner ins Drehbuch geschrieben hat, wie er im einen Moment in Tränen zusammenbricht, um im nächsten bestensgelaunt ein Wohnmobil zu klauen, um einen Ausflug zu machen.

Hannelore Elsner hat sichtlich Spaß an ihrer Rolle des dauerdeprimierten Ex-Stars, und wie der zurück ins Rampenlicht drängt, hat Elsner das Glück, dass ihr Part nach überbordender Exzentrik geradezu schreit. Martin Feifel gibt als Mimis Ex-Mann Johnny einen Keith-Richards-Klon. Doch genauso wie Johnny beim Singen auf der Bühne, geht’s Dani Levy mit seinem Film auf der Leinwand. Er bewegt sich durch „Die Welt der Wunderlichs“ keineswegs trittsicher und nur selten trifft er die richtigen Töne.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=CJuCT-fqMsI

www.dieweltderwunderlichs.x-verleih.de

Wien, 13. 10. 2016

Landestheater NÖ: Mit „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ gelingt ein fulminanter Neuanfang

September 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Würfelspiel von den sehnsüchtigen Herzen

Maria Petrova, Klemens Lendl, Johannes Silberschneider, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Bai Dan zeigt, wie man seine Lebenswürfel selbst in die Hand nimmt: Johannes Silberschneider (M.) mit Maria Petrova, Klemens Lendl, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Mit einer solchen Arbeit beginnt man eine Intendanz. Marie Rötzer zeigt zum Amtsantritt am Landestheater Niederösterreich „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Roman von Ilija Trojanow, und zeigt damit erstmals, was sie im Gespräch mit mottingers-meinung.at als ihre künstlerische Handschrift angekündigt hatte. Sie zeigt, dass die Teilnahme eines Theaters am politischen Diskurs dieser Tage nicht den Verzicht auf Poesie bedeuten muss. Und schon gar nicht die Weglassung von Humor.

Der diesmal ein fein melancholischer und dabei um nichts weniger ein subtil anarchischer ist. Der Regisseur, der dies alles in eine Form gegossen hat, ist Sandy Lopičić. Er macht aus Trojanows Buch ein Schelmenstück, ein Spiel von sehnsüchtigen Herzen. Seine Figuren sind Suchende, und was sie am Ende gefunden haben werden, ist die Menschlichkeit. Denn wenn Protagonist Johannes Silberschneider anfangs als Erzähler in der Proszeniumsloge sagt: „Das Herz ist manchmal ein Totem, manchmal ein Paragraf“, dann hat sich Lopičić für die Darstellung ersteres entschieden. Bei ihm sind die Menschen gut, daran will er glauben.

Trojanow hat 1996 die Geschichte seiner Familie und die Flucht seiner Eltern von Bulgarien in den gar nicht so goldenen Westen als modernes Märchen niedergeschrieben: Während Alexandar im Kommunismus des Todor Schiwkow wohlbehütet aufwächst, wächst seinem Vater das politische System der Fremdbestimmung und Überwachung zum Hals raus. Voller Hoffnung wagt er mit Frau und Kind die Flucht aus der Diktatur in ein vermeintlich besseres Leben. Doch Emigration, das bedeutet immer auch Einsamkeit, Isolation und Ausgrenzung. Und im Flüchtlingslager erneutes Fremdbestimmtsein. Alexandar fällt in Depression, Oblomowitis nennt es Trojanow. Da erscheint sein Taufpate Bai Dan, ein Magier, ein Meister im Würfelspiel und ein großer Geschichtenerzähler. Er hat gespürt, dass mit seinem Schützling etwas nicht stimmt – und nun nimmt er ihn mit auf eine Reise zu sich selbst …

Lopičić hat aus diesem überbordenden Konvolut einzelne Episoden extrahiert. Er hat als Essenz seiner Inszenierung das Thema Flucht destilliert. Folgerichtig ist ein Zwischenspiel in einer Flüchtlingsunterkunft das Herzstück seiner Aufführung. Die Flüchtlinge sind ob der schlechten Unterbringung in einen Hungerstreik getreten, dafür gibt’s Schelte von einem Striezel essenden UNHCR-Mitarbeiter. Man möge doch mit derlei Aktionen den Frieden nicht stören. Frieden? Des Bürgers Ruf nach seinem Recht auf Sicherheit und Beständigkeit im Leben ist immer durch solche bedroht, die ein Beispiel für dessen Unbeständigkeit und Unsicherheit sind. Tim Breyvogel als durchgeknallter DJ von „Radio Asyl“ und „Strotter“ Klemens Lendl gestalten diese Szene als kabarettistisches Kabinettstück. Wie sie Witz und Wirklichkeit an den Händen nehmen und kräftig Willkommen schütteln, ist sozusagen Synonym für den Abend.

Stanislaus Dick und Johannes Silberschneider. Bild: Alexi Pelekanos

Während Alexandar, Stanislaus Dick mit Silberschneider, in der Fremde nicht mehr aus dem Bett kommt … Bild: Alexi Pelekanos

Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

… beplaudert daheim der Stammtisch sein Schicksal: Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

Der, apropos: Die Stottern, insgesamt sehr musikalisch ist. Neben dem Wiener Duo begleiten auch Drehleierspieler Matthias Loibner und die bulgarische Percussionistin Maria Petrova die Schauspieler, die Musiker sind Mitakteure, so wie die Schauspieler auch Musik machen. In diesen schönsten Momenten gleitet die Aufführung in die Anarchie, die Inszenierung agiert wie ein wild gewordener Zirkus; Lopičić ist ein Mann mit bosnischen Wurzeln und weiß, wie man mit Balkan die Seele zum Tanzen bringen kann.

Er erzählt Trojanow nicht linear, er springt zwischen den Zeiten, zwischen einer Art bulgarischem Wirtshausstammtisch, den Koffer packenden Eltern Alexandars und ihm selbst, der nicht mehr die Kraft findet, sein Bett zu verlassen. Die Schauspieler fallen aus den Figuren, werden zu Chronisten ihrer Zeit, steigen wieder in die Rolle ein – und wenn sie dann mit Mimik und Gestik das eben Gesagte konterkarieren, ist das durchaus auch clownesk. Alle sind immer auf der Drehbühne, die die Welt bedeutet und die Günter Zaworka mit seinem Lichtdesign zu einem Ort immer wieder neuer Geheimnisse zaubert.

Auch unter Marie Rötzer scheint das Landestheater Niederösterreich ein starkes Ensemblehaus zu bleiben. Mit Johannes Silberschneider als Bai Dan hat man sich zwar einen hochkarätigen Gast geholt, einen Schauspieler mit unendlichem Bühnencharisma, doch freilich agiert er als Primus inter pares, wenn er aus seiner Figur einen Philosophen macht, eine Art Psychotherapeuten an Alexandars Bett, als wär sie sein Alter Ego. Sein Bai Dan weiß, dass Würfeln nichts mit Glück oder Schicksal zu tun hat, sondern nur mit Geschicklichkeit. Alles liegt in deiner Hand ist seine Botschaft an sein Patenkind – und damit ans Publikum.

Den Alexandar spielt Stanislaus Dick, und wie er ihn spielt, als einen, der sich in einer Quarantäne aus Erinnerung und sich nicht erfüllender Erwartungen eingesperrt hat, ist kaum zu glauben, dass er erst im Sommer sein Studium am Wiener Konservatorium abgeschlossen hat. Außerdem spielt er Akkordeon. Lukas Spisser und – ebenfalls neu am Haus – Zeynep Bozbay sind die Eltern Vasko und Jana. Er ein Querdenker, ein Querkopf, ein ewig Unangepasster, ein Kraftlackel, sie zart, doch ihm Paroli bietend im Versuch, seine Flucht-Höhenflüge zu erden. Auch das eine eindringliche Szene, wie die beiden schließlich doch ihr Hab und Gut für den Weg in die Freiheit sortieren. Was nimmt man mit, was lässt man los? Mutters Gobelins, ein heißgeliebtes Stofftier, Vaters Tischtennisschläger? Neben ihren Haupt- gestalten die meisten auch noch eine Anzahl skurriler Nebenrollen, Bozbay etwa eine irre Wahrsagerin, Spisser einen gefährlich komischen KDS-Agenten. Helmut Wiesinger ist unter anderem die nach Süßigkeiten süchtige Baba Slatka, die irgendwie auch der Wirt ist, je nachdem, ob Tuch auf dem Kopf oder um den Hals, der großartige Tim Breyvogel außer DJ Bogdan auch Vaters bester Freund Boro.

Sandy Lopičić hat Trojanows Buch als Gleichnis gelesen. Vieles erfährt man nur beiläufig, Diverses hat er aus-, das Tandem gleich ganz weggelassen, doch was er sagen will, ist klar. Heimat, dieser geschändete, zu Schanden definierte Begriff, heißt zuerst zu sich selbst nach Hause zu kommen. Heimat ist leicht zu verlieren, doch bekanntlich: „Rettung lauert überall“ dort, wo Menschen zu finden sind. Das Publikum in St. Pölten dankte dem neuen Team mit viel Applaus für einen hinreißend sympathischen und optimistisch klugen Abend. Man freut sich jetzt schon auf mehr …

Marie Rötzer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=22087

Ilija Trojanow im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14956

TIPP: Am 22. und 23. November ist die Aufführung zu Gast an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

Wien, 17. 9. 2016

Boualem Sansal: 2084. Das Ende der Welt

August 10, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Grandiose Dystopie einer religiösen Diktatur

bild1„Die Welt von Biyaye, die ich auf diesen Seiten beschreibe, ist ein Werk reiner Erfindung, sie existiert nicht, und es gibt keinen Grund dafür, dass sie in Zukunft existieren wird, so wenig wie die von Meister Orwell vorgestellte Welt des Big Brother, von der er so wunderbar in seinem Weißbuch 1984 erzählt hat, zu seiner Zeit existierte, in unserer existiert und wirklich keinen Grund hat, in Zukunft zu existieren. Schlaft ruhig, brave Leute, alles ist völlig falsch und der Rest ist unter Kontrolle.“ So beginnt Boualem Sansals neues Meisterwerk „2084. Das Ende der Welt“, die Vision einer religiösen Diktatur, dystopischer Horror, den die aktuellen Ereignisse leider schon längst eingeholt haben.

Der Autor zeichnet eine Welt und ein Regime, das auf der religiösen Überhöhung einer Ideologie beruht und sich die Suche des Individuums nach persönlichem Glück auf erschreckende Weise zunutze macht: Das vom System auferlegte Streben nach spiritueller Erleuchtung diktiert das Leben eines jeden Bürgers und wird zum Motor der Gemeinschaft.

Auf knapp 280 Seiten begleitet der Leser den Hauptprotagonisten Ati auf seinem Lebens- und Läuterungsweg. Es beginnt in einem Sanatorium in einem abgelegenen Gebirgsmassiv, weit abseits der Zivilisation, deren es, so wollen es die Herrschenden von Abistan, nur eine gibt. Abistan heißt dieses „Land der Gläubigen“, das in einer unbestimmten Zukunft aus den Trümmern des „Großen Heiligen Krieges“ hervorging und dem allmächtigen Gott Yölah huldigt. Dessen Statthalter auf Erden ist Abi. Zwar hat kein Abistaner diesen „höchsten Führer der Welt“ je gesehen. Doch soll Abi unsterblich sein. Abgeschirmt von der Welt, lebt er angeblich in einem Palast, geschützt von einem brutalen Staatsapparat, der auch über seine Bürger wacht und schon im Keim jede Form der Kritik unterbindet. Individuelles Denken ist abgeschafft. Eine allgegenwärtige Elite unter Führung von Abi steuert das Leben und verhindert abweichendes Handeln. Wer trotzdem „denkt“, droht bei Zirkusspielen hingerichtet zu werden. Denn die drei Leitsätze der Regierung lauten: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit Stärke.

Im Gebirge kuriert der Held sein Lungenleiden aus. Allerdings ist Ati auch ein kritischer Geist (warum, erzählt uns der Autor jedoch nicht). Er nimmt mysteriöse Zeichen wahr, fängt Gespräche auf und beginnt das politische System seiner Welt zu hinterfragen und schließlich in Frage zu stellen. Zwei Jahre dauert seine Genesung bis er schließlich wieder in die Hauptstadt Qodsabad zurückkehren kann. Zuhause geht er wieder seinem alten Leben und seiner Arbeit als Beamter nach – ohne Fragen zu stellen. Die revolutionären Gedanken scheinen vergessen: „Es gibt keine mögliche Revolte in einer geschlossenen Welt, aus der kein Ausweg existiert. Der wahre Glaube liegt in der Hingabe und der Unterwerfung, Yölah ist allgewaltig und Abi ist der unfehlbare Hirte der Herde“, so die Maxime. „Das dichte System von Einschränkungen und Verboten, die Propaganda, Predigten, kulturelle Verpflichtungen, das rasche Aufeinanderfolgen der Zeremonien, die zu entfaltenden persönlichen Initiativen, die so wichtig für die Notierung und Gewährung von Privilegien waren …, all das sorgt dafür, dass die Menschen keine Zeit zu denken hatten.“

Der in seiner Heimat von den religiösen Kreisen heftig angefeindete algerische Autor hat mit „2084. Das Ende der Welt“ ein beklemmendes Porträt einer theokratischen Herrschaft geschrieben, wo Geduld, Gehorsam und Unterwerfung gepredigt werden, Museen, ebenso wie Musik und Literatur verboten sind. Die einzige erlaubte Schrift ist das heilige Buch Gkabul. Wer die Gesetze missachtet, seine Nachbarn nicht ausspioniert oder öffentliche Hinrichtungen schwänzt, wird vom Komitee für Moralische Gesundheit aufs Grausamste bestraft.

Alles Wissen über Zivilisationen, die in einem mehrere Jahrzehnte dauernden „Großen Heiligen Krieg““ vernichtet wurden, ist ausgelöscht. Am Ende des Krieges war der Feind einfach verschwunden. Keine Spuren seines Aufenthalts im Land wurden gefunden. Der Sieg über ihn war „total, endgültig, unwiderruflich“, so die offizielle Lesart. Das Datum 2084, auf „Gedenktafeln nahe den Überresten“ stehend, weiß niemand zu deuten. „Hatte es einen Bezug zum Krieg? Vielleicht. Es war nicht klar, ob es dem Anfang oder dem Ende einer besonderen Epoche des Konflikts entsprach.“ Wie auch immer, 2084 war ein Gründungsdatum für das Land, auch wenn niemand wusste, worauf es verwies. Die Bewohner Abistans sind in eine dumpfe, freudlose Existenz gezwungen worden. Das Land bereisen kann man ausschließlich in einer Pilgerfahrt, streng bewacht. Die Wächter der „Gerechten Brüderlichkeit“ lassen jeden exekutieren, der im Zweifel steht, vom Glaubenspfad abzuweichen.

Offiziell heißt es, die Menschen leben einvernehmlich und im guten Glauben. Doch Ati, hinterfragt die vorgegebenen Direktiven (Ähnlichkeiten mit Orwells Klassiker „1984“ sind unübersehbar und vom Autor auch gewünscht): Er macht sich auf die Suche nach einem Volk von Abtrünnigen, das in einem Ghetto lebt, ohne in der Religion Halt zu suchen. Und Ati ist nicht allein. Er lernt Nas kennen, einen Beamten, der ein bei Ausgrabungen entdecktes völlig intaktes antikes Dorf untersuchen und Antworten auf Fragen finden sollte, die das gesamte Regime in Aufruhr versetzen und die symbolischen Grundlagen von Abistan revolutionieren könnten. Denn wie konnte es dem Großen Heiligen Krieg und den anschließenden Verwüstungen entgehen? Wieso wurde es nicht früher entdeckt? Das hieße aber, dass der Apparat sich geirrt hätte und fehlbar wäre und sich Leute der Rechtsprechung von Yölah entzogen hätten.

In Koa, dem Enkel eines großen verstorbenen Predigers findet er einen Gleichgesinnten, einen Suchenden nach Antworten. Gemeinsam beginnen sie ihre Welt zu erkunden: Ihr Viertel, die Ghettos, das Zentrum der Macht, umsäumt von hohen Mauern und für Normalsterbliche tabu. Vorsichtig, doch mit der Zeit immer mutiger werdend, wollen sie dem Geheimnis Abistans auf die Spur kommen. Denn einmal mit dem Gedanken der Freiheit infiziert, entlarven sie Schritt für Schritt das politische System als riesiges Lügengespinst: Abistans Religion ist Fiktion, ausgedacht von zynischen Clans, die sich in einem erbitterten Machtkampf befinden. Dabei erhalten sie zwar Hilfe von mächtigen „Freunden“, die sie aber nur für ihre eigenen Machtspiele missbrauchen. Das Regime wird erschüttert, aber es stürzt nicht. Am Ende triumphiert die Unwissenheit über das Wissen, das auch nur weiterhin einige wenige besitzen. Doch kann ein Regime/eine Religion sein Volk auf ewig mit Bespitzelung, Terror und religiösem Fanatismus ruhig halten? Ati selbst geht seinen Weg weiter. Er will Antworten und sucht die Grenze seiner Welt, wie im Epilog erzählt wird. Was wird er dahinter finden? Dieser Teil ist allerdings, wie der Autor meint, mit größter Vorsicht zur Kenntnis zu nehmen, „da die Medien von Abistan in erster Linie Instrumente geistiger Manipulation im Dienste der Clans sind.“

Sansals Vision ist faszinierend und beunruhigend zugleich – in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche mahnt sie zu gelebter Brüderlichkeit, toleranter Demokratie und einsichtiger Freiheit. Ein hochbrisantes Buch, das genügend Diskussionsstoff bietet, und auch in seiner Sprache überzeugt. Unbedingt lesenswert.

Über den Autor:
Boualem Sansal, 1949 in Téniet el Had geboren, verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter, ist Ingenieur und Ökonom und war bis zu seiner Entlassung im Frühjahr 2003 Direktor des algerischen Industrieministeriums. In Frankreich, wo Sansal für seine Romane vielfach ausgezeichnet wurde (u.a. Prix du Premier Roman und Prix Louis-Guilloux), gilt er als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller. Im Herbst 2011 wurde Sansal mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Auch wenn er von der algerischen Regierung angefeindet wird, lebt der Autor noch immer in Algerien.
Weitere Lesetipps: „Der Schwur der Barbaren“, „Erzähl mir vom Paradies“, „Rue Darwin“ und „Harraga“.

Merlin, Boualam Sansal: „2084. Das Ende der Welt“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky.

www.merlin-verlag.com

Wien, 10. 8. 2016