Karikaturmuseum Krems: Wettlauf zum Mond!

Februar 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Comics und Cartoons aus der Welt der Science-Fiction

Mathias Kollros: Fly Me To The Moon, 2009 © Mathias Kollros

„That‘s one small step for a man, one giant leap for mankind.“ Dieser Satz veränderte am 21. Juli 1969 den Blick auf die Welt und den Kosmos. Der US-Astronaut Neil Armstrong setzte als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond und erlangte mit der Übertragung dieses Satzes Weltruhm. Anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Mondlandung, zeigt das Karikaturmuseum Krems ab 24. Februar die Ausstellung „Wettlauf zum Mond! Die fantastische Welt der Science-Fiction“.

Die Schau zeichnet anhand historischer Karikaturen und Dokumentationen den Wettlauf ins All, der zwischen den USA und der ehemaligen UdSSR stattfand, nach. Dieses kampfartige, inszenierte Wettrüsten der technischen Entwicklun-gen in der Raumfahrt schlug sich in vielen Comics, Illustrationen und Cartoons nieder. Die Karikaturen bezeugen einerseits das große Interesse der Menschen an der technischen Eroberung des Weltalls, aber gleichzeitig thematisieren sie Vorbehalte gegenüber der dabei entstehenden Bedrohung durch das Wettrüsten zwischen den Großmächten.

Bis jetzt ist dieses Kräftemessen hoch aktuell, erst heute unterzeichnete der amerikanische Präsident Donald Trump ein Dekret zur Schaffung einer Weltraumarmee, der sogenannten Space Force: „Wenn es darum geht, Amerika zu verteidigen, reicht es nicht, nur eine amerikanische Präsenz im All zu haben. Es muss eine amerikanische Dominanz im All geben.“ Im Gegenzug präsentiert Wladimir Putin eine Serie neuer Atomwaffen und löste damit international Besorgnis aus. Das sogenannte Awangard-System, eine Hyperschallwaffe, so Putin, sei „unbesiegbar“, die neuen Waffen könnten fast jeden Punkt der Welt treffen und können von keiner Raketenabwehr abgefangen werden …

Horst Haitzinger: … soweit man sich halt aufs Personal verlassen kann!, 1996, Landessammlungen Niederösterreich © Horst Haitzinger, Bild: Christoph Fuchs

Torben Kuhlmann: Der erste Erdbewohner auf dem Mond, 2015 © Torben Kuhlmann, NordSüd Verlag AG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor dem Hintergrund des viel beschworenen „Golden Age of Space“ entstanden Anfang der 1960er-Jahre viele Science-Fiction-Serien. Das war auch die Geburtsstunde der Perry Rhodan-Heftromanreihe, die von dem berühmtesten Zeichner dieser Serie Johnny Bruck detailgetreu und fantastisch illustriert wurde. Dem Jahrhundertereignis der Mondlandung widmet sich auch der mehrfach preisgekrönte Kinderbuch-Illustrator Torben Kuhlmann, dessen Debütwerk „Lindbergh“ mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt wurde. Kuhlmanns Maus Armstrong macht sich im gleichnamigen Buch auf die lange Reise zum Mond.

Die Comics von ASH – Austrian Superheroes – punkten mit österreichischen Superhelden. 2015 als Crowdfunding Projekt gestartet, begeistern Heldinnen und Helden mit klingenden Namen wie Captain Austria, das Donauweibchen oder Lady Heumarkt. Ihre Abenteuer sind mehrheitlich an heimischen Schauplätzen und heuer erstmals auch am Mond angesiedelt. Künstlerin Michaela Konrad bedient sich dem Comic Covers Stil der amerikanischen Golden Age Comics. Inspiriert von Fantasten wie Aldous Huxley, George Orwell oder Phillip K. Dick kreiert sie eine vergangene Vision aktueller Ereignisse.

ASH – Austrian Superheroes, Flügelkämpfe. Attacke am Großglockner – Auftritt für STIER und KARAWANKA, Cover Nr. 13, 2018 © ASH – Austrian Superheroes

Johnny Bruck: Der Unsterbliche. Ein ganzes Sonnensystem vom Untergang bedroht – nur Perry Rhodan kann die Rettung bringen, Nr. 19 aus der Serie Perry Rhodan, der Erbe des Universums, Covergestaltung © Pabel-Moewig Verlag GmbH

Die große Bandbreite der satirischen Zeichnungen reicht von historischen Karikaturen bis hin zu den TV-Samplings des Medienkünstlers Kurt Razelli. Seine Faszination für den Weltraum drückt er in den aktuellen Polit-Mash-up Videos zu Lost in Space aus. Von der Presse als „der Manfred Deix der bewegten Bilder bezeichnet“, macht Razelli aus Interviewsequenzen von Promis, Politikern oder einfachen Menschen tanzbare Discobeats und Dancetracks. Die Ausstellung wird mit Infotainment-Stationen zum Thema Science-Fiction trifft Non-Fiktion abgerundet: Unglaubliche aber wissenschaftlich fundierte Hintergrundinformationen und Erkenntnisse zum Mond und Kosmos präsentiert der Kremser Astronom und Science Buster Florian Freistetter.

20. 2. 2019

Slobodan Šnajder: Die Reparatur der Welt

Januar 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kainsmal in der Achselhöhle

Das Kapitel, das den Buchtitel als Überschrift trägt, beginnt auf Seite 267. Da schließt sich Protagonist Đuka Kempf im Weglaufen von der Waffen-SS dem KZ-Flüchtling Leon Mordechai an. In Polen passiert das, und zwischen dem jüdischen, später von Antisemiten mit Eisenstangen erschlagenen Propheten und dem unfreiwilligen Soldaten entspinnt sich ein theologischer Streit über Gottes Verantwortung und den freien Willen des Menschen, wobei dem Mann der Schrift die „Endlösung“ als eine von Elohim gesandte Erlösung erscheint. Das Tikkun Olam beschwört der Rechtgläubige vorm Ungläubigen, das ewige, in kosmischer Katastrophe in Milliarden Funken zerbrochene Licht, das, wieder zu einem Ganzen gefügt, „Die Reparatur der Welt“ sein wird.

So nennt der kroatische Schriftsteller Slobodan Šnajder sein heute erscheinendes Opus magnum, seinen sprachmächtigen, opulenten, handlungsstarken Roman über die politischen Extreme des 20. Jahrhunderts, gezeichnet nach der eigenen Familiengeschichte, die sich ihm über den schriftlichen Nachlass seiner Eltern enträtselt hat. Derart entstanden ist eine Geschichte über gesellschaftliche Zugehörigkeit und rassische Zuordnung.

Über Elend und Entbehrungen, immer wieder Aufbruch, immer wieder Hoffnung und Menschen, die das Schicksal zwischen die Fronten führt, nur um sie dort im Stich zu lassen. Durch die Zeiten arbeitet Šnajder mit sich repetierenden Passagen, denn Historie wiederholt sich nicht, aber reimt sich bekanntlich, Briefen und den Kommentaren eines Ungeborenen. Dieser ist der Sohn des Đuka Kempf, Alter Ego des Autors, der in seinem Bestreben seine zukünftigen Eltern zum Paar zu vereinen durch weite Strecken des Romans führt. In Slawonien, in der Stadt Nuštar, im östlichen Teil des heutigen Kroatiens, nehmen die Ereignisse ihren Ausgang, wo 1938 der Nationalsozialismus die Švaben, die Donauschwaben, als Volksdeutsche „heim ins Reich“ holte, dem sie freilich nur Bürger zweiter Klasse blieben.

Medizinstudent Đuka Kempf ist einer von ihnen, einer, der einen altvaterischen deutschen Dialekt spricht und dieses kaum schreiben kann, und sich über sein neuverordnetes Herrenmenschentum lustig macht, wenn ihn nicht die Identitätskrise ob der neuen Eigendefinition beutelt. Weder Frankist noch Kommunist noch Maček-Mitläufer wird er als „Zwangswilliger“ zu Himmlers Spezialdivision „Galizien“ eingezogen und zusammen in einer Einheit mit Rumänen, Ungarn und nationalistischen Ukrainern nach Polen verfrachtet. Nicht nur wegen ihm, sondern auch wegen seiner potenziellen Mutter Vera bangt der Ungeborene um sein In-die-Welt-kommen. Ihr Leben wird parallel zu dem Đukas erzählt, ihre Inhaftierung im Konzentrationslager Stara Gradiška, aus dem sie nur im Gefangenenaustausch mit ihrem politisch wesentlich wichtigeren Bruder freikommt, worauf sie sich bewaffnet und den Partisanen anschließt. Und während Šnajder so seine Textspuren zieht, meint man zwischen den Zeilen seinen Ärger, die Aggression ob der Verhältnisse zu verspüren.

„Die Reparatur der Welt“ ist in jeder Hinsicht ein europäischer Epochenroman, beginnend mit Urvater Kempf, der im Hungerjahr 1770 dem Aufruf Maria Theresias zur Umsiedlung nach „Transsilvanien“ folgt, über die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und die Schrecken der Shoah in Mitteleuropa bis zu Ustascha-„Führer“ Ante Pavelic und dem Jugoslawien von Diktator Tito. Dass die Briten die Miliz an die Volksarmee auslieferte, Stichwort: Massaker von Bleiburg/Pliberk, dessen bis heute mit Ehrenkundgebungen rechtsextremer Kreise gedacht wird, sorgt in Kroatien nach wie vor und da auf dem Loibacher Feld in Kärnten veranstaltet auch hierzulande für Konflikte …

Neben seinen Haupt- führt Šnajder eine Vielzahl von Nebenfiguren ein, von Đukas jüdischem Jugendfreund Branko Šalamun, der spurlos verschwinden wird, über den Nachbarn und späteren KZ-Wachmann Hans Schlauss bis zum Wirthaus-Arisierer Pan Stanisław und der polnischen Partisanen-Ärztin Ania Sadowska. Die sich als Spionin ins SS-Lazarett einschmuggelt und nach dem Krieg bei den Säuerungen der Sowjets als dem Feind gedient habende Faschistin nach Sibirien verfrachtet wird.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Šnajder lässt die Realität im Hinterland von Auschwitz und Treblinka mit den surrealen Albträumen seines Antihelden in eins fließen. Kempf gelingt es zu desertieren und im Kampf aller gegen alle sowohl der Armia Krajowa wie den herumstreunenden Banditen wie dem kommunistischen Widerstand zu entkommen. Er zieht erst als Knecht von Bauernhof zu Bauernhof, bis ihn doch noch die Russen gefangen nehmen, ihn aber, weil er in einer slawischen Sprache redet, nicht inhaftieren, sondern einer Untergrundtruppe zuteilen, die Sabotageakte gegen die Deutschen verübt. Šnajder gelingen starke Szenen. Die Beobachtung der Kriegsvorbereitungen eines Ameisenvolkes wird zur Abhandlung über Totalitarismus. Das Gleichnis von Moses und der ehernen Schlange sieht der Zyniker als Gottes Gelingen, dem Menschen einen Götzen unterzujubeln. Schließlich eine, in der Kempf nächtens auf offenem Feld polnische Familien beobachtet, die eiligst von den Nazi-Schergen vergrabene jüdische Leichen aus dem hartgefrorenen Boden sprengen, grauenhafte Goldschürfer auf der Suche nach übersehenen Zahnfüllungen oder einem Stück Schmuck.

Für seinen „kleinen polnischen Krieg“ erhält Kempf endlich eine sowjetische Bescheinigung, mit der es ihm die Rote Armee erlaubt, ohne Strafverfolgung nach Jugoslawien zurückzukehren. Das Kainsmal in seiner Achselhöhle, die Blutgruppentätowierung, hatte er die ganze Zeit vor Land- wie Wehrmännern gut versteckt … Dass Đuka nun Vera kennenlernen und der Ungeborene frohlocken wird, dass er haltlos, Lyriker und Alkoholiker werden, dass sie Agitprop-Kämpferin für den Kommunismus bleiben wird, dass ihre Ehe nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Ideologien scheitern wird, schildert der Sohn vor dem Hintergrund der zeithistorischen Geschehnisse. Immer noch führt die Eisenbahnroute ostwärts, nur nun weit bis hinter den Ural, immer noch wird verhaftet und deportiert, nun die Deutschstämmigen aus Schlesien, Jugoslawien, dem Sudentenland, und Viehwaggon bleibt dabei Viehwaggon bleibt Viehwaggon – in einem von ihnen erkennt Kempf Ania wieder. Und zwischen Angst und Armut, zwischen keine und daher nur eine Wahl haben, gelangt Šnajder über Flüchtlinge und Vertriebene bis zu den ersten Gastarbeitern.

Da hat der mittlerweile 1948 Geborene längst das Ich-Erzählen angenommen, und kommt übers Ende seiner Eltern, das Private um nichts unkomplizierter als das Politische, bis zu den Jugoslawienkriegen der 1990er-Jahre und deren Opfer. Mit „Die Reparatur der Welt“ hat Slobodan Šnajder in doppeltem Wortsinn einen Jahrhundertroman geschrieben. Ihn zu lesen gleicht einer Zeitgeschichtsstunde. Šnajders Roman besticht durch seine schonungslose Ehrlichkeit ebenso, wie durch die schöne Sprache, mit der der Autor zwischen grausamster Härte und lyrischer Empfindsamkeit mäandert. Wobei er sich für zweiteres christlicher Motive, jüdischer Mystik und Traumbilder bedient. Ob man aus den ebenso rekonstruierten wie imaginierten Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten eine moralische Lehre ziehen kann, soll der Leser für sich selber entscheiden. Zur Lektüre empfehlen muss man „Die Reparatur der Welt“ jedoch auf jeden Fall.

Über den Autor: Slobodan Šnajder, geboren 1948 in Zagreb, war langjähriger Chefredakteur der Theaterzeitschrift PROLOG. Er schreibt Prosa, Essays und vor allem Bühnentexte. International bekannt wurde er durch sein Stück „Der kroatische Faust“, das in der Saison 1993/94 von Hans Hollmann am Burgtheater inszeniert wurde. Er ist politischer Kolumnist der Tageszeitung Novi list und seit 2001 Intendant des Theaters der Jugend in Zagreb. Für den Roman „Die Reparatur der Welt“ wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Zsolnay, Slobodan Šnajder: „Die Reparatur der Welt“, Roman, 544 Seiten. Übersetzt aus dem Kroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke

  1. 1. 2019

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Oktober 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der rechte Hass ist hausgemacht

„So war Widerstand. War doch logisch, dass die alte DDR sich wehren würde“, heißt es an einer Stelle im Text. Da hat der Leser die Buchmitte schon hinter sich gelassen, da kommt es zu ersten „Sieg Heil!“-Rufen und Hakenkreuz-Schmierereien, da formiert sich eine Gruppe junger Männer zu dem, was sie für „Heimatschutz“ halten. Der 24-jährige Autor Lukas Rietzschel erzählt in seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vom rechten Hass im Osten Deutschlands. Dresden, Chemnitz, Görlitz. Regelmäßig berichten die Medien von Demonstrationen gegen die gefürchtete „Islamisierung“, von Hetze gegen Ausländer, auch von Ausschreitungen gegen Asylwerber.

Rietzschels Roman ist aber zuallererst eine Familiengeschichte. Die Zschornacks, Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester, die Söhne Philipp und Tobias mehr oder minder fleißige Schüler, haben sich Anfang der 2000er-Jahre ihren Traum vom eigenen Haus erfüllt. Ein enormer Kraftaufwand in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Rietzschel schildert ein Städtchen in der sächsischen Provinz, Neschwitz, die Tristesse eines neu erschlossenen Baugebiets zwischen Rapsäckern und zerbröckelnden Plattenbauten.

Irgendwie wirkt alles desolat, weder Wende noch Jahrtausendwende haben den erhofften Aufschwung gebracht, Neschwitz liegt in einer verlorenen, einer vergessenen Region. Die Arbeitslosigkeit hat die Lebensentwürfe der Menschen ausgehebelt, die Kinder spielen – verbotenerweise – auf aufgelassenen Werksgeländen oder in stillgelegten Steinbrüchen. Vor allem ist es hier eines: fad.

Rietzschels Tonfall ist ein melancholischer. Doch die Gewalt, eine beängstigende, unterschwellige Aggression, schimmert ab der ersten Seite durch die Oberfläche dieses Buchs. Immer noch gibt es die alten Ressentiments gegen Polen, die Verachtung für die Sorben. Bei Bierzeltfesten und an Bushaltestellen rufen die Jugendlichen einander „Jude!“ hinterher. Nicht als Schimpfwort, aus „Spaß“, sie wissen gar nicht, was sie da sagen, sie haben‘s aufgeschnappt und interpretieren‘s nun auf ihre Art. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist wie eine Parabel darüber, was passiert, wenn man vor Kindern über Vergangenheit schweigt. Der Schuldirektor wirft lieber eine Decke über das auf den Parkplatz gesprayte Nazisymbol, als sich mit seinen Schülern darüber auseinanderzusetzen.

In einer Atmosphäre von Zukunftsangst und Ohnmacht, mit diesem Gefühl, von der Politik, „vom Westen“ im Stich gelassen worden zu sein, sind die Schuldigen schnell gefunden, ist der Hass gegen die, denen es, weil ihnen von oben geholfen wird, offenbar besser geht, rasch gesät. Sätze tauchen auf wie, man hätte „offene Grenzen versprochen und jetzt kommt nur noch Dreck ins Land.“ Oder: „Für Griechenland wäre Geld da gewesen.“ Von einer Schlinge, die sich immer fester um die selbst perspektivlosen Bürger zusammenzieht, ist die Rede, als Flüchtlinge im Ort untergebracht werden. Die Brüder, obwohl von daheim vergleichsweise gut behütet, schließen sich – sie scheinen weit und breit das einzig „Spannende“ in Neschwitz – einer Gruppe älterer Burschen mit schnellen Autos und rasierten Glatzen an. Philipp zuerst, weil er anerkannt, „ein Mann“ sein will; Tobias schlittert danach in die rechte Szene, weil er’s dem großen Bruder gleichtut. Erst wird nur in Großmutters Gartenhäuschen Alkohol getrunken und blöd herumgelabert, doch ab diesem Zeitpunkt stellt sich die Frage, welcher der Brüder ins Extrem kippen wird.

Rietzschel lässt die Gewaltspirale sich immer schneller drehen. Bis die Situation eskaliert. Er berichtet, wie seine eigene Biografie, Arbeiterkind, aufgewachsen im Neschwitzer Nachbarort, gleich Tobias später Lehrling in einer Fahnenfabrik, anders hätte verlaufen können, hätte er nicht die Literatur für sich entdeckt. Er kommentiert oder bewertet das Geschehen nie offensichtlich, sucht weder offensiv Erklärungen noch Entschuldigungen, doch wie er es bis in die Details bedrückend darlegt, macht klar, was er über eine verlorene Generation, die von der öffentlichen Debatte jahrzehntelang ausgeschlossen wurde, schlussfolgert: Der rechte Hass ist hausgemacht.

Mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 fällt die letzte Schranke: Endlich darf man laut aussprechen, was man lange schon denkt! Die Truppe schüttet einer türkischen Familie ranzige Schweineschlachtabfälle vor die Tür, verwickelt Flüchtlinge in eine Schlägerei, einer der Brüder wird schließlich die als Asylheim gedachte Schule in Brand setzen. Knackpunkt für ihn ist, dass die Großmutter, weil von der Arbeit dort überfordert, ihren Garten an eine syrische Familie abgibt. Gib ihnen doch deine Rente gleich dazu, fordert er sie böse auf. Ein tatsächliches Ende gibt es in „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht. Wie auch? Die Diskussion ist nicht beendet, die Problematik nicht ausgestanden. Und keine Lösung – nirgendwo.

Über den Autor: Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, lebt in Görlitz. 2012 wurde sein erster Text im „ZEIT Magazin“ veröffentlicht, seitdem folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei poet|bewegt. Für das Manuskript seines Romandebüts wurde er 2016 mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet.

Ullstein Buchverlage, Lukas Rietzschel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Roman, 320 Seiten.

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 10. 2018

Albertina: Claude Monet. Die Welt im Fluss

September 18, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Schau über den „Meister des Lichts“

Claude Monet: Junge Mädchen im Boot, 1887. The National Museum of Western Art, Tokio, Sammlung Matsukata. Bild: © The National Museum of Western Art, Tokio

Ab 21. September zeigt die Albertina die erste umfassende Präsentation von Claude Monet seit mehr als 20 Jahren in Österreich. Unter den 100 Gemälden finden sich bedeutende Leihgaben aus mehr als 40 internationalen Museen und Privatsammlungen wie dem Musée d’Orsay Paris, dem Museum of Fine Arts Boston, der National Gallery London, dem National Museum of Western Art Tokyo oder dem Pushkin Museum Moskau.

Monet steht wie kein anderer für die Malerei des Impressionismus. Der französische „Meister des Lichts“ war ein zentraler Wegbereiter der Malerei im 20. Jahrhundert. Er malte am Meer, an der Steilküste der Normandie und an den Ufern der Seine. Die Wasseroberflächen seiner Bilder reflektieren die leuchtenden Farben üppiger Vegetation im Sommer und den geheimnisvoll grau und blau gefrierenden Dunst seiner Landschaften im Winter.
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Monets Licht und Farben wechseln auf der Leinwand mit der sich stets verändernden Natur und mit der Vielfalt an atmosphärischen Eindrücken, die der Maler vor den Motiven empfindet. Um sie in ihrer Erscheinungsvielfalt zu erfassen, malt er viele seiner Motive in Serien.
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Claude Monet: Camille Monet mit Kind im Garten, 1875. Museum of Fine Arts, Boston, anonyme Schenkung im Andenken an Mr. und Mrs. Edwin S. Webster. Bild: © Museum of Fine Arts, Boston

Claude Monet: Der Landesteg, 1871. Acquavella Galleries. Bild: © Acquavella Galleries

Claude Monet: Am Strand von Trouville, 1870. Museé Marmottan Monet, Paris. Bild: © Musée Marmottan Monet, Paris / Bridgeman Images

Die Ausstellung spannt einen Bogen von Monets ersten vorimpressionistischen Werken bis hin zu seinen allerletzten Gemälden, die im Garten in Giverny entstanden sind. Monet eröffnet mit seiner Malerei den Blick auf eine Welt, die sich durch die Kraft der Natur, das Wetter und den Kreislauf der Jahreszeiten ständig im Fluss befindet. Das Element Wasser zieht sich durch sein gesamtes Schaffen. Sei es an der Seine oder der Creuse, am Atlantik oder im Wassergarten mit den ikonischen Seerosen: Die Veränderlichkeit der Natur, die Auflösung der Landschaft in Nebel, Schnee oder Meereswogen ist das zentrale Thema dieser Schau.

Die Retrospektive beleuchtet Monets Werdegang vom Realismus über den Impressionismus bis hin zu einer Malweise, bei der sich die Farben und das Licht allmählich vom Gegenstand lösen und das Motiv von der Naturbeobachtung unabhängig wird. Mit seinem Spätwerk bereitet Monet der Malerei des abstrakten Expressionismus den Boden.

Plakatsujet ist das monumentale Gemälde „Junge Mädchen in einem Boot“, das Monet 1887 auf dem Wasser malt. Zu sehen ist außerdem eine der beiden Fassungen des „Boulevard des Capucines“ aus dem Jahr 1873, eine extreme Perspektive von oben auf das belebteste Geschäftsviertel von Paris, die das Großstadt-Gewimmel, das Flirren und die Bewegung der Stadt nachvollziehen lässt. Genau wie die Natur in Monets Landschaften ist auch die Straße ständig in Bewegung und verändert sich je nach Tageszeit, Stimmung und Wetterlage.

Unter den beeindruckenden, oft großformatigen Leihgaben befinden sich außerdem der „Getreideschober in der Sonne“ von 1891, den Kandinsky in einer Ausstellung über den französischen Impressionismus in Moskau bewundert. Kandinsky hat trotz seiner Begeisterung für das Gemälde Schwierigkeiten, das Motiv zu erkennen und ahnt so Monets Emanzipation der Farben und die abstrakte Malerei voraus.

Weitere Highlights sind die frühen Winterbilder, darunter das Porträt „Madame Monet mit rotem Kopftuch“, zwei Kathedralen aus einer Serie, die er in Rouen von diesem gotischen Nationaldenkmal anfertigt, und die selbst zur impressionistischen Ikone werden und mehrere Gemälde des Flusses Creuse, die unter widrigsten Wetterbedingungen im Massif Central entstehen und kompositorisch und in ihrer Farbigkeit wegweisend sind. Am Ende seines Lebens, als er mit starken Sehschwierigkeiten kämpft, beschäftigt Monet sich in seinem Garten in Giverny mit der „Japanischen Brücke“ und seinem „Haus in den Rosen“.

www.albertina.at

18. 9. 2018

Albertina: Bruegel. Das Zeichnen der Welt

September 2, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Humoreske, groteske Menschenbilder

Pieter Bruegel d. Ä. (Stecher: Pieter van der Heyden): Elck, um 1558. Kupferstich. Bild: Albertina, Wien

Ab 8. September widmet die Albertina Pieter Bruegel dem Älteren, dem bedeutendsten Zeichner des 16. Jahrhunderts, eine umfassende Ausstellung. Mit etwa 100 Werken präsentiert die Schau das gesamte Spektrum von Bruegels zeichnerischem und druckgrafischem Schaffen und beleuchtet seine künstlerischen Ursprünge anhand der Gegenüberstellung mit hochkarätigen Werken bedeutender Vorläufer wie Bosch oder Dürer.

Die Ausstellung zeigt etwa 20 der schönsten Handzeichnungen des Niederländers aus dem hauseigenen, umfangreichen Bestand sowie aus internationalen Sammlungen und führt dabei sogar zwei seiner letzten Zeichnungen, den „Frühling“ und den „Sommer“, seit Langem erstmals wieder zusammen. Zahlreiche druckgrafische Schätze – in mehrjähriger Forschungsarbeit in der Albertina ausfindig gemacht und aufwendig restauriert – können außerdem zum ersten Mal gezeigt werden.

Am Vorabend des niederländischen Unabhängigkeitskampfes gegen die spanische Herrschaft, in einer Epoche der politischen, sozialen und religiösen Umbrüche, entwirft Pieter Bruegel eine komplexe Bildwelt. Humorvoll und volksnah, scharfsinnig und zutiefst kritisch reflektiert er die gesellschaftlichen Verhältnisse. Als Moralist thematisiert er die Tragik und Größe, Lächerlichkeit und Schwäche des Menschen. Bruegels Werke zeichnet sein immenses Interesse an der Lebensrealität seiner Zeitgenossen aus: Bauern bei der Feldarbeit, pittoreske Landschaften und Alpengipfel, intime Flusstäler, aber auch auf die zeitgenössische Gesellschaft bezogene Moralsatiren und absurd-komische Grotesken sind vielfach in seiner Kunst zu entdecken.

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Alchemist, 1558. Bild: bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Esel in der Schule, 1556. Bild: Berlin, Kupferstichkabinett

An die Stelle der Darstellung des Individuums tritt die Illustration bestimmter Typen. Teils auf Naturbeobachtung beruhend, teils parodistisch zugespitzt, thematisiert der Künstler aus verschiedenen Blickwinkeln den stetigen Konflikt zwischen Ideal und Realität. Das Derb-Volkstümliche und die ungeschönte Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse verbinden ihn mit den etwa zeitgleich tätigen Schriftstellern Rabelais, Cervantes oder Shakespeare, die in ihrer Literatur die Welt zur Bühne machen und universelle Einsichten formulieren, sein zutiefst moralischer Zugang gleicht Michel de Montaigne und Francis Bacon.

In seiner berühmtesten Zeichnung „Maler und Käufer“, einem der Hauptwerke der Albertina, macht Bruegel die Kunstproduktion selbst zum Thema: Er konfrontiert Betrachtende mit der ernsten, intellektuellen Arbeit des Malers, der ein vorgeblicher Kunstkenner nichts als ratloses Staunen und den Griff nach seinem Geldbeutel entgegenzuhal ten hat. Kunst trifft in diesem Werk auf das Unverständnis des Käufers und der Gesellschaft im Allgemeinen. Pieter Bruegel der Ältere ist einer der bedeutendsten Zeichner des 16. Jahrhunderts.

Schon zu Lebzeiten des Künstlers erfreuen sich seine Werke höchster Beliebtheit und sind begehrte Sammlerstücke – viele finden als Vorlagen für Kupferstiche weite Verbreitung. Sein Publikum sind nicht die Bauern, die so häufig seine Bilder bevölkern, sondern gehört vielmehr zur gebildeten Elite.

www.albertina.at

2. 9. 2017