aktionstheater ensemble: Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft

Juni 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein Riesenthema bei uns

Michaela Bilgeri als professionelle Pflegeheimstreichlerin; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek, Thomas Kolle und Maria Fliri. Bild: Gerhard Breitwieser

Genug ist genug. Das muss Michaela Bilgeri eingangs kurz festhalten. Und mit dem nächsten Atemzug zugeben, dass, wann immer sie sich das sagt, sie denkt – ein bissl was ginge noch … Mit derart viel Verve, Wahnsinn und Wollust, wie hier die Bilgeri, muss man sich erst einmal auf eine Spielfläche stellen und „davon“ erzählen, denn, nein, ihr geht es nicht etwa um Innenpolitik, sondern eher Innenschau, sprich: Selbstbefriedigung. „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert,“ erklärt sie.

Und auch den nützlichen Ersatzeinsatz des Turnseils in der Schulsporthalle. Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen macht dieser Tage Station im Wiener Werk X. Zum sagenhaften 30-Jahr-Jubiläum hat Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble die Inszenierung „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ erarbeitet, zustande gekommen wie stets als die Essenz von Erlebtem und Erfühltem seiner Darsteller, diesmal Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek. Die nun da stehen, die weiße Weste, äh Wäsche, nicht ganz sauber, darüber können auch die Spitzenshirts und die Sneakersöckchen nicht hinwegtäuschen, um zu berichten, dass es gegen ein übermächtiges, unübersichtliches Draußen wohl besser sei, man bleibe ganz drin bei sich.

So wohl lässt sich der aktionstheater’sche Ansatz interpretieren, die Generation nach BoBo zu zeigen, die Bohemian Bourgeois, die ihren Kindern wenig mitgegeben hat, außer Sinn für Stil und reflektierten Spaß am Konsum. Wenn auch die Fridays For Future Hoffnung schöpfen lassen, aber wie Bilgeri, die professionelle Pflegeheimstreichlerin, die gern zeigt, wie’s geht, aufzählt, was alles anliegt, „Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns …“, ist nur menschlich, dass aus dem Schöpfen allzu schnell ein Erschöpfen werden kann. Zwischen diesen Polen mäandert die Produktion. Den Stimmungen nachzuspüren, die zum Status Quo geführt haben, und als solche eine Metapher mit hohem Wieder- und Selbsterkennungswert, mit Übertragungsmöglichkeit auf die EU, das Nord-Süd-Gefälle und den Culture Clash zu sein.

Wut im Wohnungsamt: Benjamin Vanyek; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Über Selbstbefriedigung am Turnseil: Michaela Bilgeri mit Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Gerhard Breitwieser

Verhandelt werden: Der Groll aufs weltverbesserische Kaufverhalten, weil Noisetteschokolade allemal besser schmeckt als Fairtrade, wie Benjamin Vanyek erbittert kauend unter Beweis stellt. Die schöne österreichische Kultur, für die sich sogar die Söckchen in Ballettschuhe verzaubern. Die Vorteile des Ballen- gegenüber des Fersengangs, den Andreas Jähnert vorführt. Versus Maria Fliris kämpferischem Ruf nach „Jetzt erst recht! Neuer Stil! Hula Hoop!“ und Fabian Schiffkorns ängstlicher Frage nach dem Verbleib der Mitte.

Das träge Volk, wie’s neuerdings gern genannt wird, in Hinblick auf das Wahl- davor, hat sich scheint’s auf Nebenschauplätzen eingerichtet. Setzt auf Selbstbespiegelung statt Zivilcourage, und wunderbar ist es, wie Thomas Kolle staubt, klopft ihm einer auf den Rücken. Zack! Zack! Zack! hat er Lösungen parat. Ein spitzbübisches Rich Kid, das seine Eltern zu immensen Ausgaben veranlasst. Im gewollten Dunkel bleibt der fulminante Sänger Pete Simpson, eine Fleisch gewordene Paraphrase aufs Gesagte, einer durchkomponierten Textcollage, die Sprache zu Melodie und Rhythmus eint, Simpson, der mit seiner R’n’B-Stimme Schuberts „Nacht und Träume“ interpretiert.

Und der in den Höhen betörend sphärisch nach Jimmy Somerville klingt. Definitiv ist der gebürtige Brite ein Highlight des Ganzen. „Alle tun so, als würden sie etwas tun, aber sie tun es nicht“, ist der Fazitsatz der Uraufführung. Für die Gruber auch diesmal minimalistische Bewegungschoreographien erdacht hat, angedeutete Tanzschritte, unterstützt durch ein Spiel mit Autoreifen, das die insistierende Wiederholung von Phrasen und Behauptungen begleitet. „Wie geht es weiter“ ist nach den Worten Martin Grubers „der Versuch, eine Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat zu skizzieren, deren Leidensdruck noch zu gering ist, um gegen gefährlich infantilen Rechtspopulismus und Nationalismus aufzubegehren“. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at fordert er den „Mut, ein Drittes zu denken“: „Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen“ (das ganze Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30322).

Reifenchoreografie mit Noisettegeschmack: Thomas Kolle, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Maria Fliri, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

In diese Atmosphäre versetzt Gruber mit der eindrücklichsten Szene des Abends, Stichwort: heißes Eisen Immobilienmarkt. Während also Maria Fliri als Hausbesitzerin über das Unbill eines solchen jammert, ihr Scheitern an unbeschädigt weißen Sockelleisten eine einzige linksliberale Wohlstandsverirrung, versucht Benjamin Vanyek seiner Delogierung dadurch zu entrinnen, dass er ihr den Mietvertrag für eine ihrer leerstehenden Wohnungen abschwatzt. Vergebens.

Da wandelt sich der Akteur in einer Erinnerungssequenz in seine Mutter und anverwandelt sich deren breites Wienerisch. Auch sie war in der Situation, und es folgt ein Wutausbruch auf dem Wohnungsamt: „Waun Sie mi mit meine vier Kinda aussehaun, daun …“ Übers eigene Prosperitätstrauma und das „Wie geht es weiter“ lässt sich hernach bei einem Glas Wein trefflich philosophieren. Im Sinne von: sich mit Gott und der Welt, aber nicht mit wirklich Wichtigem beschäftigen. Weil sich die Bilder gleichen.

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 6. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: In weiter Ferne

April 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Folteropfer tragen Designerhüte

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Eine Pussy-Riot-Maske entsteht: Matthias Mamedof und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Sacco und Vanzetti waren zwei aus Italien in die USA eingewanderte Tagelöhner, die sich der anarchistischen Arbeiterbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden, nachdem in ihrem Umfeld, etwa einer einschlägigen Druckerei, viel verhört und gefoltert worden war, des doppelten Raubmordes angeklagt. Obwohl keine Beweise gefunden werden konnten und die beigebrachten Zeugen einander widersprachen, wurden die Männer am 22. August 1927 in Massachusetts auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Das steht hier, weil Joan Baez Sacco und Vanzetti einen Song gewidmet hat, „Here’s To You“, dessen Refrain die letzten Zeilen aus Vanzettis Abschiedsbrief an seine Frau wiedergibt: “The last moment belongs to us, that agony is our triumph!”

Das Protestlied der berühmten Politaktivistin ist der Soundtrack zu Ingrid Langs Inszenierung von „In weiter Ferne“ im Theater Nestroyhof Hamakom, er ist gleichsam die Baseline der Produktion. Die britische Dramatikerin Caryl Churchill entwirft in ihrem Stück ein politisches Horrorszenario. An einem weder zeitlich noch räumlich näher beschriebenen Ort übernimmt eine „Opposition“, „eine Bewegung, die sich der Verbesserung der Umstände verschrieben hat“, die Macht. Zuerst, scheint es, werden nicht-systemkonforme Subjekte aus dem Weg geräumt, weshalb die Masse bald brav Richtung Mitmarschieren einschwenkt, am Ende steht der totale Krieg. Wobei sich Churchill allzu offensichtliche Verbindungen zur Sportpalastrede verbietet. Ihr Text lässt Assoziationen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu. Genaueres wird ohnedies nicht gesagt. Das Unfassbare steht unsagbar präzise zwischen den Zeilen.

Inge Maux und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die große, böse Wölfin überzeugt das Unschuldslamm von ihrer Wahrheit: Inge Maux und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Lang folgt Churchill bei ihrem Regiedebüt mit großem Einfallsreichtum in die Rätselhaftigkeit. Von Anfang an sind zwar Angst und Erschrecken da, schwere Schritte und Hubschrauberlärm, aber der Schrei in der Nacht kann doch nur von einer Eule gewesen sein. Und jener Mann dort, der Onkel – ist er Folterer oder Fluchthelfer? Joan, so auch der Name der Protagonistin des Dramas, wird vom misstrauischen Kind zur kampferprobten Mordmaschine.

Johanna Wolf spielt sie mit hoher Intensität, eindringlich gestaltet sie eine naive Aufgewühltheit ob der gesellschaftlichen Zustände, die sich in Abscheu und Zorn verwandelt. Die Frage ist allerdings, wovor und worüber, denn Churchill führt das Publikum permanent aufs Glatteis. Wen auch immer man als Widerstandskämpfer vermutet, enttarnt sich im nächsten Satz als Kollaborateur, wer auch immer auf der richtigen Seite zu stehen scheint, hat tatsächlich diese Grenze längst überschritten. Lediglich Tante Harper, keine Schreckenssage ohne große, böse Wölfin, darf sich relativ rasch gefährlich zeigen. Inge Maux changiert bravourös zwischen betulich und bedrohlich, während ihr immer wieder neue Lügen einfallen. Mit lauernder Ruhe spricht sie ihre Warnung aus: „Manchmal sind auch Kinder Verräter.“ Bald wird ihre ideologische Verbissenheit sich Bahn brechen und sie dem neuen totalitären Regime offen huldigen.

Peter Laher hat wie als Synonym für den vom System durchleuchteten Menschen einen drehbaren Glaskubus als Bühnenbild erdacht. Nach Tantes Wohnung dient er im zweiten Bild als Modistenwerkstatt, denn Joan wird Hutmacherin – und begegnet nun Todd alias Matthias Mamedof. Der ist ein Aufbegehrer, ein Aufwiegler, über die Gewerkschaft spricht er und über gerechte Arbeitsbedingungen und darüber, dass er nächtens im Fernsehen „die Prozesse“ verfolgt. Eine Art Pussy-Riot-Maske entsteht, Joan und Todd werden Liebende, doch da ist man schon gewarnt, auf nichts mehr zu vertrauen. Und in der stärksten, schmerzhaftesten Szene lässt Lang eine Kolonne von Komparsen defilieren. Sie tragen die künstlerischen Kreationen von Joan und Todd wie mittelalterliche Schandhüte, auf dem Weg vom Gefängnis zum Gericht, die halbnackten Körper der Folteropfer mit Blutergüssen und Schrammen übersät, mit Blüten und Vögelchen auf den geschundenen Köpfen der Lächerlichkeit preisgegeben. „Schade“, sagt Joan, „dass man mit ihren Leichen auch die schönen Hüte verbrennt.“

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die Gefangenen werden auf ihrem Weg zur Hinrichtung lächerlich gemacht. Bild: Marcel Köhler

Churchill, von ihr gibt es unter anderem auch Stücke über Großbritanniens Kolonialvergangenheit und den „Rechtsruck der Labourpartei“ unter Tony Blair, hat ihre Politparabel in dem ihr eigenen Stil verfasst. Die Feministin und Sozialistin lässt sich von keinen Konventionen einengen. „In weiter Ferne“ ist ein fantastisch experimenteller Entwurf, so skurril surreal wie sarkastisch realistisch. Im dritten Teil kippt das Geschehen ergo in einen Nonsense-Text über den Krieg.

Jeder ist nun gegen jeden, jeder kann Täter oder Opfer sein. Lettische Zahnärzte genauso wie Marokkaner in Frankreich. Die Terroranschläge von Daressalam werden erwähnt, das Stück ist aus dem Jahr 2000, und Mamedof erzählt von „Menschen, die kopfüber an den Füßen baumeln“. Elefanten und Niederländer haben sich gegen die Stare und die Computertechniker verbündet, das Wetter kämpft auf Seiten der Japaner – doch bevor sich dieser globale Krieg ad absurdum führen kann, fällt einem ein, dass Pol Pot die Brillenträger ermorden ließ. Durch ihre Fehlsichtigkeit als „Intellektuelle“ ausgewiesen, waren sie todgeweiht. Es gibt nichts am Theater, das es im Leben nicht schlimmer gibt. Und dann hat Todd den Überblick verloren, wer aktuell der Feind ist, und Joan steht im Drillich in der Tür. Paranoid, aber gehorsam … oder? Regierung oder Rebellen, an einem bestimmten Punkt der Grausamkeiten angekommen, ist es egal, wer sie begangen hat, sie sollen nur aufhören.

Regisseurin Lang lässt im Sinne der Autorin viele Fragen offen. Sie lässt die Aufführung in einem vagen Nicht-Wissen-Können oder Nicht-Wissen-Wollen verschwimmen, ins Dunkel abdriften, obwohl man so gerne noch mehr gewusst hätte über was und wie und wer jetzt ein guter. Klarheit immerhin gibt es über die symbolisch dünne Folie, die den Modistenberuf von Mitläufertum und Mördersein trennt. Mitmenschlichkeit und Mitleid sind nur ein leicht abzukratzender Firnis auf den Gedankengebäuden westlicher Zivilisation. Soll man etwas schreiben über den immer noch fruchtbaren Schoß? Churchill weiß, welche Gesellschaft sie möchte: „… dezentralisiert, nicht autoritär, gemeinschaftlich, nicht sexistisch – eine Gesellschaft, in der Leute auf ihre Gefühle vertrauen und Kontrolle über ihr Leben haben …“ In diesem Sinne: ein eindrücklicher Abend.

www.hamakom.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=5shmfWO2xNc

Wien, 7. 4. 2016

Cornelius Obonya im Gespräch

Oktober 28, 2013 in Buch, Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Frag’ nicht, was das Theater für dich tun kann,

frag’, was du für das Theater tun kannst.“

C(R)ASH im stadtTheater Walfischgasse Bild: © Robert Polster

C(R)ASH im stadtTheater Walfischgasse
Bild: © Robert Polster

MM: Ihre aktuelle Theaterproduktion, „C(r)ash“ von Rupert Henning, läuft sehr erfolgreich im stadtTheater Walfischgasse. Sie spielen einen Cop, Officer Leroy Brooks, der, wie sich im Laufe des Abends herausstellt, durch die Finanzkrise alles verloren hat. Aber auch durch seine Antriebslosigkeit. Mein Kompliment an Sie als Schauspieler: Sie haben mich auf die Figur richtig wütend gemacht. Was waren Ihre ersten Emotionen zu Leroy – und haben Sie sich nach längerem Spielen verändert?

Cornelius Obonya: Beim Lesen war mir schon klar, dass sehr viel Selbstmitleid und Die-anderen-sind-schuld in ihm steckt. Was ich an Leroy aber mochte, ist, dass er versucht, auf etwas zu pochen: die Werte. Da können manchem die Grausbirnen aufsteigen. Zum Beispiel, ganz simpel: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft und da sagt einer: Ich repariere es halt lieber, bevor ich es entsorge. Ich hämmere selber rum. Über die Jahre. Nun weiß ich aus eigener Erfahrung, wie leidvoll es sein, kann wenn man an einem Provisorium herumbastelt – und dann muss man’s erst recht von einem Profi reparieren lassen. Manchmal ist also das Neue ganz Okay. Was ich schön fand an Rupert Hennings Text, ist, dass die Krise ein Gesicht hat. So und so viele Leute entlassen. Government Shutdown. Auf der Straße ohne Geld weiter existieren, obwohl man glaubte, eine sichere Stelle zu haben, darum ging es. Verändert hat mich das schon, insofern, als ich durch diese Rolle unendlich ruhig geworden bin. Weil dieser Typ von Rupert so geschrieben ist. Ganz gegen meine Natur. Ich bin auch viel aktiver: Da ist etwas nicht in Ordnung, ergo mach’ ich was. Das kann Leroy nicht. Er ist ein reflektiver Mensch, der nicht aus seiner Haut kann. Verschiedene Züge sind an ihm vorbeigefahren, ohne, dass er’s mitbekommen hat, weil er an etwas festgehalten hat, das durchaus begrüßenswert ist, nämlich: Da ist ein Haus aus 1876, erbaut von meinem Urgroßvater mit seiner Hände Arbeit, da schau ich schon, dass ich’s erhalte. Der Punkt ist nur: Nicht um jeden Preis. Das ist die Geschichte der USA: Dieses Begreifen, dass the American Dream, the American Way of Live nicht mehr existiert. Teils selbstverschuldet, teils durch Einflüsse von außen. Da wird nix mehr „gut“. Die Welt hat sich zu sehr verändert. Diesen Ansatz von Rupert Henning fand ich sehr schön. Ich finde es gut, dass man den Knaben mag – aber nicht ganz …

 MM: Mit Claudia Kottal und Stefano Bernardin, den neuen Hausbesitzern, die Leroy „überfällt“, ergänzt sich in dieser Produktion ein wunderbares Trio.

Obonya: Stimmt. Wir haben uns auch vorher geprüft, ob wir zusammengehen, ob wir miteinander können, gut harmonieren. Wir haben uns auf der Bühne getroffen und gesehen, ob’s laufen kann.

 MM: Der philosophische Überbau des Stücks ist für mich der finanzielle Abstieg des „Mittelstands“ durch das (Nicht-)funktionieren der Welt an sich. Denken Sie auch manchmal an eine Runde von globalen Monopoly-Spielern, die die Welt manipulieren? Wie bei den „Simpsons“ die Runde der Republikaner im Dracula-Schloss.

Obonya: Ich glaube, es gibt die „berühmten“ großen Banken, die laut Medien immer böser werden, es gibt aber auch viele, die sich um die Anliegen der Sparer bemühen. Die für dieses playing around nicht zuständig sind, sondern, die sich auf das Kerngeschäft reduzieren und gar nichts am Hut haben mit Spekulationen, sondern versuchen, das Geld der Leute so zu verwalten, so zu vermehren, dass es sich im Rahmen hält. Wenn man angibt, kein „konservativer Anleger“ zu sein, ist es kein Wunder, dass vom Bürgermeister von Bad Reutelbach bis zur kleinen Sparerin alle irgendwann reinfallen. Andererseits: Geld hat jeder gern – und noch ist das keine Sünde. Aber der Umgang  damit ist der Knackpunkt. Ich habe dazu keine Fantasien, aber natürlich die Ängste, die alle haben. Im Sinne von: Ist das Geld, das ich da verdient habe, in einiger Zeit noch dasselbe wert? Soll ich’s vom Konto abheben und im Sparstrumpf aufheben, ist es dann dasselbe wert?

MM: Hat das mit Ihrem beruflichen Werdegang zu tun? Von der Sicherheit des – pardon – Burgtheaterbeamtenschauspielers zum freischaffenden Künstler? Haben Sie’s mit Blick auf den Sparstrumpf je bedauert?

Obonya: Nein. Und ich hoffe, ich muss das auch nie tun. Es ist ein großer Freiraum, natürlich auch etwas mehr Gefahr, den man sich da geschaffen hat. Als freischaffender Schauspieler muss ich von Projekt zu Projekt schauen, das es funktioniert. Aber im Endeffekt macht das mehr Spaß.

 MM: Mir hat vor kurzem jemand, der vom Fixengagement, vom Antichambrieren im Direktionsstock,  in die Selbstständigkeit gewechselt hat, gesagt: Das ist großartig. Ich komme überall auf einen Kaffee vorbei, man mag mich als Gast, und mit den Messerwetzereien, den Intrigen am Haus, habe ich nichts zu tun. Auch das ist ein Gewinn.

Obonya: Dem stimme ich zu. Ich bin ja auch an die Burg als Gast zurückgekehrt. Ich bin nicht einer von denen, der verzweifelt in den Terminkalender oder aufs Telefon starrt, wenn mal Pause ist. Natürlich hätte ich, wie viele Kollegen, dann Angst. Eine Pause ist nur gut, wenn man weiß, was dann kommt. Eine Pause von vornherein ist nicht lustig. Aber ich kann mich echt nicht beklagen, weil ich dann Sprecher für „Universum“ oder derlei Sendungen bin, das macht auch Spaß – und bringt auch ein bisschen Geld.

MM: Sie kennen den großen Apparat, die Sie kennen viele „kleine“ Maschinen. Die Vor- und Nachteile?

Obonya: Ich spiele wahnsinnig gern an der Burg – und genau so gern in der Walfischgasse. Da gibt es für mich als Künstler keine Unterschiede. Die Vorteile der großen Maschine sind, dass man unendlich viele Möglichkeiten hat, viele Ressourcen, aus denen man schöpfen kann, unendlich viele Menschen, die einem zuarbeiten, wenn es denn notwendig ist. Der Nachteil besteht darin, dass manchmal die Präzision, die Konzentration, die Achtsamkeit auf ein Ding verloren geht, weil man auf so vieles achten muss, weil so vieles unter einen Hut gebracht werden muss. Vorteil der kleinen Maschine ist, dass man fein, punktgenau arbeiten kann. Man hat in vielen Bereichen denselben Ansprechpartner, was manchmal gut, manchmal schlecht ist. Zum Glück ist meine Frau da eine gute Wählerin. Weshalb ich mit ihr gern an der Walfischgasse arbeite. Der Nachteil ist, man hat nicht so viel Geld. Man kann nicht sagen, ich will das oder das – und das ist dann am nächsten Tag da. Wenn ich Ihnen sagen würde, was das Bühnenbild von „C(r)ash“ gekostet hat, Sie würden lachen …

MM: Regt das Nichtvorhandensein von Ressourcen die Fantasie an?

Obonya: Nein. Die Fantasie muss in beiden Apparaten gleich funktionieren. Das ist meine Hausaufgabe. Dafür ist das Theater nicht zuständig, das würde ich auch grundsätzlich ablehnen. Schauspieler sind nicht gut, wenn sie glauben, dass der Apparat ihnen die Arbeit abnimmt. Ich kann mit einem Glöckchen, wenn ich es richtig handhabe, das große Glockenspiel erschaffen. Wenn ich aber ein großes zur Verfügung habe, warum nicht verwenden? Sagen wir so: Frag’ nicht, was das Theater für dich tun kann, frag’, was du für das Theater tun kannst.

MM: Eine schöne Überschrift für ein Interview.Sie schwingen als aktueller „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen die größte Glocke Österreichs. Wie war diese Erfahrung im ersten Jahr?

Obonya: Riesig. Es macht sehr viel Spaß, es war unendlich viel Zuspruch vom Publikum, das habe ich mir so nicht erwartet, um ehrlich zu sein. Bis auf vier Vorstellungen hatten wir immer Standing Ovations. Ich dachte bei „Cordoba“ so etwas erlebt man nur einmal im Leben, jetzt durfte ich es ein zweites Mal erleben. Das ist unglaublich, das nimmt man mit, ich werde den Sommer 2013 nie vergessen.

MM: Das ist die Rolle, mit der man Geschichte macht.

Obonya: Das geht einem im Kopf herum, das wär’ auch blöd, wenn’s anders wäre. Aber, um ehrlich zu sein, in dem Moment, wo der Lappen hochgeht, muss es wurscht sein. Ich kann’s nur so ehrlich spielen, wie ich’s eben kann. Wenn die „Bedeutung“ der Rolle nur irgendwo im Hinterkopf herumspukt, dann darf man sie nicht annehmen. Dass man damit in einer ewigen Torschützenliste landet, ist eh klar. Und ich finde das auch toll, wenn ich mir die Reihe meiner Vorgänger anschaue, ist es eine Ehre, da aufgenommen zu werden.

MM: Haide Tenner hat Ihre Lebensgeschichte bis dato in dem Buch „Kommen Sie bitte weiter vor“ (Amalthea-Verlag) aufgezeichnet. Ein doppeldeutiger Titel.

Obonya: Das ist in der Tat so. Das ist nämlich der erste Satz, der jemals auf einer Bühne zu mir gesagt wurde, bei meinem Vorstellungsmonolog am Reinhardt-Seminar. Ich hatte Mark Antonius’ zweiten Auftritt aus Shakespeares „Julius Caesar“ vorbereitet: Wofern ihr Tränen habt, bereitet euch, Sie jetzo zu vergießen. Diesen Mantel, Ihr kennt ihn alle; noch erinnr ich mich Des ersten Males, dass ihn Cäsar trug … Und wollte mit einem roten Samtumhang in den Armen „hochdramatisch“ von hinten an die Rampe schreiten und ihn aufsagen. Und da kam eine Stimme von unten: „Kommen Sie bitte weiter vor“ und zerstörte die ganze mir zu recht gelegte Theatralik. Ich weiß übrigens bis heute nicht, wer’s sagte.

 MM: In Ihrem Alter schon eine Autobiografie?

Obonya: Um Himmels Willen, nein, keine Autobiografie mit 44! So will ich das Buch nicht verstanden wissen …

 MM: Es ist über große Strecken ein theatertheoretischer Diskurs. Inklusive eines Nacktfotos im Planschbecken.

Obonya: Das gehört zu den Doppeldeutigkeiten (er lacht). Ich erzähle von dem, von dem ich etwas verstehe, dem Beruf des Schauspielers. Das ist mir wesentlich wichtiger als alles andere. Für wen das von Interesse ist, der wird Spaß haben am Lesen. Privates bleibt privat. Wir haben’s auch in Salzburg die Society-Begleiterscheinung auf das notwendige Minimum geschrumpft. Das bin nicht ich, der Schnittlauch auf jeder Suppe. Ich bin kein Society-Mensch, das ist nicht meins.

MM: Sie erzählen aber von Ihrer Frau, Carolin Pienkos, die Regisseurin, mit der Sie nach Andrea Breth am längsten zusammenarbeiten, die auch „C(r)ash“ inszeniert hat. Sie erzählen, dass Sie beim Text lernen ein Küchendielenkaputttreter sind, weil Sie ständig auf und ab laufen … Wie arbeitet Frau Pienkos?

Obonya: Ruhig und besonnen am Schreibtisch. Für mich völlig unverständlich, diese Kontemplation, diese Stille. Ich habe übrigens noch keine Diele zerstört, meine Frau fürchtet nur immer, ich laufe einmal einen Graben in den Fußboden. Vielleicht ist diese vorweggenommene Anschuldigung ein Grund, warum ich Text am liebsten alleine lerne.

MM: Keine Lust, einmal selber etwas zu schreiben? Das Aufdeckerbuch!

Obonya: Ich kann nicht schreiben, dazu fehlt mir der lange Atem. Vielleicht einmal in meinen 70ern, wenn ich mit dem Theaterspielen aufhöre. Aber sicher kein Aufdeckerbuch; ich decke nur mein Bett auf, zwei Mal täglich, morgens und abends.

MM: Sie sind derzeit auch wieder am Drehen.

Obonya: Ich habe einen „Polt“ abgedreht. Den fünften Teil, eine Fortsetzung nach zehn Jahren. Darin spiele ich einen Polizisten – schon wieder, offenbar hat das mit meinem Ausg’schau zu tun, offenbar sieht man in mir irgendwo „Law and Order“ -, der wegen seiner Sauferei entlassen wird. Ich habe diese Figur sehr lieb gewonnen und hoffe, dass sie weiterlebt, wenn Alfred Komarek weiterschreibt. Ich habe auch das erste Mal mit Julian Pölsler zusammengearbeitet – eine gute Erfahrung, die Spaß gemacht hat. Im Moment drehe ich einen Film über eine Hebamme im Jahr 1799. Ich spiele einen Marburger Richter. Ansonsten freue ich mich auf eine wohlverdiente Pause. Das heißt, ich mache natürlich „Alpenkönig und Menschenfeind“ an der Burg und „C(r)ash“, aber sonst habe ich keine weiteren Pläne. Nichts Konkretes bis zum Frühjahr, aber das ist noch nicht zu nennen.

MM: Im besten Sinne des Wortes: Ist Ihr Theaterbegriff konservativ?

Obonya: Haha, die Frage ist nicht unlustig. Ich hasse zum Beispiel den Begriff „well-made“ zutiefst, das ist ein Begriff, der sich in die Köpfe hineingefräst hat. Ich mache auch gern ein Stück, das nur mit Handzeichen arbeitet, nur mit textlichen Andeutungen, hab’ ich auch schon gemacht, aber das will gut gemacht sein. Das können nicht alle. Ich habe mit Jan Lauwers gearbeitet, der eine sehr eigene Theaterhandschrift hat … Wenn Sie mit konservativ meinen, dass ich dem Publikum gern das geben möchte, das es verdient hat, wofür es Geld zahlt, nach einem harten Arbeitstag, nämlich eine Geschichte erzählt zu bekommen, nicht mehr und nicht weniger, dann sage ich: Ja, da bin ich gerne konservativ.

www.corneliusobonya.com

stadtTheater Walfischgasse: “C(r)ash”/Rezension: www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid

„Der Alpenkönig und der Menschenfeind“: www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=1432679&repertoireView=true

Salzburger Festspiele: www.mottingers-meinung.at/tag/jedermann

„Kommen Sie bitte weiter vor“: www.amalthea.at/index.php?id=10&showBookNr=8452

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IMV4wxK_vYI&list=UU5EefdIu_gU5xN5j7MTNUhQ&feature=player_embedded#t=0

Wien, 28. 10. 2013