Theater an der Wien: Dreigroschenoper

Januar 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Dieses Soho liegt am Neusiedlersee

Macheath "sitzt" im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble Bild: © Monika Rittershaus

Macheath „sitzt“ im Gefängnis: Tobias Moretti mit Ensemble
Bild: © Monika Rittershaus

Nach der Pause, wenn Nina Bernsteiner und Gan-ya Ben-gur Akselrod einander als Polly und Lucy beim Eifersuchtsduett den Barock von der Brust reißen, weiß man endlich, dass Weltklasseregisseur Keith Warner es wirklich so wollte – zwischendurch hatte man sich nämlich schon ernsthaft gefragt, ob das alles ernst gemeint sein kann. Das Theater an der Wien zeigt zum Zehn-Jahres-Jubiläum als Opernhaus seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“.

Warner versuchte – ja, was? – eine Persiflage auf die eigene Zunft? Sicher auf Bert Brecht, wie ein paar zusammenhanglos platzierte Maoisten-Statisten vermuten lassen. Und Kurt Weill, der Arme? Die Satire allerdings entzieht sich der Karikatur. Und so geschieht das Schlimmste, was der „Dreigroschenoper“ mutmaßlich passieren kann: Die Inszenierung ist nicht sexy. Das haben sich der alte Erotomane und sein stilles Musikgenie nicht verdient. „Ich verlang‘ ja keine Oper hier“, sagt Macheath. Die hat er aber gekriegt.

Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Und mehr Zeilen als die paar hier hingeschriebenen werden das Gegenteil behaupten. Man kennt das „Stück mit Musik“ vom Sprechtheater, wo es, wie dieser Abend eindrucksvoll bewiesen hat, auch hingehört, aber man war doch voller Hoffnung – Oper! Lasst endlich einmal die Fachmenschen ran! Schlussendlich konnte man sich kaum damit abfinden, dass da manche den heißen Erdapfel nicht und nicht aus dem Mund brachten, jedoch gar nicht daran gewöhnen, dass die Dialoge im Operettenjargon zum besten gegeben wurden. Im Theater an der Wien liegt Soho am Neusiedlersee, dafür gab es sogar einen Dialogcoach. Wobei das gegenüber vielen Kolleginnen und Kollegen der leichten Muse unfair ist. Die können’s nämlich. Singen und schauspielern. Hier hat der Arnold Schoenberg Chor, der zum Finale im Gefängnis als sinistre Streetgang auftritt, mehr darstellerische Präsenz als mancher Protagonist. „Sie spielen eben so gut sie können“, sagt Peachum. Meint damit aber nicht explizit Markus Butter als Tiger Brown.

Dabei wäre die Künstlichkeit, die „Verfremdung“, auf die Warner setzt, durchaus angebracht. Die Art, wie er etliche Songs aus der Handlung nimmt und auf eine eigene Showbühne stellt, ist im Sinne der Erfinder. Auch der von Boris Kudlička erdachte Bühnenbildkubus, die gesamte Mischung aus Grind und Kitsch sind stimmig. Und doch scheint es, als hätte Warner bei Brecht nicht bis auf den Bodensatz geschaut. Er planscht durch Untiefen, wo sich Abgründe auftun. Das Verbrechen und die verlorenen Existenzen, die Arglist und die Armut, die Gemeinheit des gemeinen Volks und der gutbürgerlichen Gesellschaft, sie werden von der Opernattitüde im Wortsinn zer-schmettert. Differenziert geht anders. Freilich sollte Warner nicht mit dem altehrwürdig erhobenen Zeigefinger des epischen Theaters herumwedeln, aber zwischen Lehrstück und Leerstück müssen doch noch ein paar Positionen zu besetzen sein. So hat er Brecht nur „Revue“ passieren lassen. So wurde das scharfsinnige, zynische, mit der ganzen Wut und Wucht eines jungen Mannes geschriebene Original zum Musical – ups, das böse Wort im Theater an der Wien – weichgespült.

Und apropos Nuancen: Immer wieder die Musik. Das Klangforum Wien unter Johannes Kalitzke interpretiert Weill vom Feinsten, nur gesungen wird er wenig. Unter den Damen wagte es einzig Anne Sofie von Otter als Spelunken-Jenny sich vom Schöngesang abzuwenden – Salomonsong! -, sich als Diseuse zu erproben, auf die Weillness zu setzen. Weill, das ist Hässlichkeit, geschlürft bis zur Neige, ist Nachtclub-Timbre, ist Ironie und schrille Töne, und immer wieder auch jüdischer Trauergesang. Diese Disziplin beherrscht halt nicht jeder. Besonders laut hörte man Roma Bahn in ihrer letzten Ruhestätte rotieren. Dafür ist Otter darstellerisch so gut wie inexistent, jedenfalls keine abgetakelte Hure, der man abnimmt, dass sie noch genug Freier abbekommt, sondern eine schmerzgebeugte Elendsgestalt.

Einer, der’s definitiv beherrscht, ist Florian Boesch als Bettlerkönig Peachum. Er ist die finstere Lichtgestalt des Abends. Perfekt bigott und sehr schön straffällig. Er ist ganz ehrenwerter Kapitalist und ganz ehrloser Gauner. Er trifft die richtig „schnarrigen“ Töne beim Singen und Sprechen, interpretiert hinterlistig und sarkastisch, macht aus seinem Part beinah ein Kabarettstückchen. Wann immer er auf der Bühne ist, herrscht Freude. Mit Angelika Kirchschlager, die als seine Celia ein Hausfrauenalbtraum in Rosa sein darf, bildet er nicht nur beim Anstatt-dass-Song das Dreamteam der Aufführung; beide tanzen sich auch schwungvoll durch die großartige Choreografie von Anthony van Laast, dessen West-End-Tempo zum Glück aus der einen oder anderen szenischen Langatmigkeit die Luft rausnimmt. Der Kirchschlager kommt bei ihrer Darstellung gewiss zugute, dass die Mrs. Peachum die große Geste durchaus verträgt.

Tobias Moretti spielt einen unterkühlten Macheath. Doch unter der ruhigen Oberfläche ist sein Mackie Messer tatsächlich das in der Moritat besungene gefährliche Raubtier, der Menschenfresser und der Alphamann der Londoner Unterwelt. Moretti hat hart gearbeitet, das sieht man, das gilt es zu würdigen. Moretti hält mit den Stars des Musikdramas mehr als stand, weil er näher an Weills Musik und noch näher an Brechts Drama ist. Er bringt die nötige Lakonie für die Rolle auf. Ist körperlich – im Gefangenenkäfig -, in den Gesangs- und Tanzeinlagen auf der Höhe. Er hat sich eine Schaustellerstimme zugelegt: Kommen Sie näher, kommen Sie ran!, gibt einerseits mit rollendem R den Crooner, andererseits wie im Kanonensong den beinharten Killer. Ist weinerlich und wehleidig über sich selbst und brutal zu den anderen. Nur diese eine Farbe, den Womanizer, den erst Frauenverführer und dann -schänder nimmt man seiner ansonst schillernden Figur nicht ab. Aber wenn er „Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhämmern ein“ droht, dann steht er endlich auf, der gute Geist der Gesellschaftskritik. Auf dem Friedhof von Highgate, den Mackie kurzfristig schon als neue Adresse ins Auge fassen muss, liegt auch Karl Marx. Und so altvaterisch ist Brecht nicht, dass die Gründung – oder in Österreich Kauf und Verkauf – einer Bank nicht immer noch …

Zusammenfassend? „Dreigroschenoper“ geht schwer. Aber sie so lange zur Oper zu zerquetschen, bis eine Operette rausrinnt, geht gar nicht. Da fallen ja dem Haifisch vor Schreck die Zähne aus.

www.theater-wien.at

Wien, 14. 1. 2016

10 Jahre Theater a.d. Wien: José Carreras singt „El Juez“

September 22, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Dreigroschenoper“ mit Angelika Kirchschlager und Tobias Moretti, Nikolaus Harnoncourt dirigiert „Fidelio“

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Im Jänner 2016 feiert das Theater an der Wien mit drei hochkarätig besetzten Opernaufführungen sein zehnjähriges Bestehen als Opernhaus. Intendant Roland Geyer präsentierte am Dienstag das Programm: Den Auftakt macht die Premiere von Bert Brechts und Kurt Weills „Die Dreigroschenoper“ am 13. Jänner in einer Inszenierung von Keith Warner mit Tobias Moretti als Mackie Messer, Angelika Kirchschlager und Florian Boesch als Ehepaar Peachum und Anne Sofie von Otter als Spelunkenjenny. Es folgen zwei Festkonzerte: Am 17. Jänner steht Beethovens „Fidelio“ unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien und den Solisten Michael Schade, Juliane Banse und Anna Prohaska auf dem Jubiläumsspielplan. Mozarts Oper „Idomeneo“ gelangt am 22. Jänner unter der musikalischen Leitung von René Jacobs mit dem Freiburger Barockorchester zur Aufführung.

Mit einem außergewöhnlichen szenischen Sonderprojekt, der Oper „El Juez“ von Christian Kolonovits mit Opernsuperstar José Carreras in der Titelpartie, wird der Jubiläumsspielplan des Theater an der Wien am 2. und 5. Juli 2016 erweitert. Kolonovits behandelt in seiner Oper ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte: Zur Zeit der Franco-Diktatur wurden nicht regimetreuen Eltern ihre Kinder weggenommen, um sie in Klöstern und anderen Einrichtungen umzuerziehen. Die Kirche, die federführend an der Entführung der Kinder beteiligt war, weigert sich bis heute, Aufzeichnungen und Informationen über die wahre Identität der „verlorenen Kinder“ preiszugeben – ein Konflikt, der die spanische Gesellschaft immer noch spaltet. Zwei Jahre war Kolonovits mit der Komposition seiner Oper beschäftigt, in der er mit der Librettistin Angelika Messner der Frage nach Recht und Unrecht und nach persönlicher Entscheidungsfreiheit nachgeht. Die bejubelte Uraufführung von „El Juez“ fand im April 2014 in Bilbao statt.

Die Rolle des Richters Federico Ribas wurde José Carreras, der mit ihr nach achtjähriger Absenz auf die Opernbühne zurückkehrte, auf den Leib geschrieben: „Meine Familie war stets gegen General Franco. Sie waren Republikaner und alles andere als rechts gerichtet. Zu Hause hörte ich meinen Vater und meinen Großvater über den Krieg sprechen und wie es in der Zeit vor Franco war. Deshalb ist dieses Thema so wichtig für mich“, sagt Carreras im Pressegespräch und erklärt über seine Rolle: „,El Juez‘ ist zwar eine zeitgenössische Oper, sie ist aber alles andere als atonal – es gibt wundervolle Melodien zu singen, Soli und Duette, und tolle Szenen zu spielen. Ich bin überglücklich, dass ich in ‚meinem‘ Wien in dieser Oper auf der Bühne stehen kann!“

Der Kartenverkauf für „El Juez“ startet am 22. September um 12 Uhr an der Tageskasse des Theater an der Wien, zeitgleich mit dem Onlineverkauf auf der Website

www.theater-wien.at

„El Juez“ zum Reinhören: Premiere im Mariinsky: www.youtube.com/watch?v=GWQ8Osqcmbs

Wien, 22. 9. 2015

Volkstheater: Die sieben Todsünden

Oktober 11, 2014 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Bill brilliert als Weill-Interpretin

Maria Bill Bild: © Christoph Sebastian

Maria Bill
Bild: © Christoph Sebastian

Dass Maria Bill eine großartige Chansonnière ist, ist eine Binsenweisheit. Nun interpretiert sie am Volkstheater in einer Inszenierung von Michael Schottenberg Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“. Das heißt: Der Regisseur hat dem nur etwa 35-minütigem Werk neun Weill-Lieder aus seinen Exilen in Paris und den USA vorangestellt – und viel „Dreigroschenoper“. Begleitet von Michael Hornek am Flügel und Milos Todorovski am Bandoneon gibt die Bill La Diva. In schwarzer Courturerobe mit weißem Federkragen, der noch als allerlei Requisit herhalten wird müssen, singt sie sich viersprachig von „Speak Low“ aus dem Musical „One Touch of Venus“ und „Je Ne T’aime Pas“, 1934 verfasst für die Sopranistin Lys Gauty, bis zur „Seeräuber-Jenny“ und „Youkali“ aus Weills Oper „Marie Galante“. Allein dieser Teil des Abends hätte einen schon glücklich gemacht. Das Programm ist wie eine Vorwegnahme des oder eine Erinnerung an das Kommende(n). Eine Primadonna – und wie sie dazu wurde …

Also: „Die sieben Todsünden“. Kurt Weill schrieb das „Ballett mit Gesang“ 1933 in Paris im Auftrag des reichen Engländers Edward James für dessen Ehefrau, die Tänzerin Tilly Losch. Weill, mit Brecht schon verkracht, weil ihn dieser bei den Proben zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als „falschen Richard Strauss“, den er „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe hinunterwerfen werde, beschimpft hatte, fungierte als Liberettist. Nachdem Jean Cocteau abgelehnt hatte. Dem Werk war, bis auf eine Plattenaufnahme mit Lotte Lenya 1956, kein Erfolg beschieden. Inhalt: Die Schwestern Anna I und II, eine Sängerin, eine Tänzerin, ein Hirn, ein Herz, Sinn und Sinnlichkeit, werden von der Familie losgeschickt, um mit Anna IIs Kunst genug Geld für ein Haus am Mississippi zu verdienen. Sieben Stationen müssen die Annas durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss. Zum Zwecke des Profits. Denn Sünden werden dort zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Die Familie, ein Männerquartett, gibt dazu bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsre Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt“ ab.

Ivaylo Guberov, Martin Mairinger, Johannes Schwendinger und Wilhelm Spuller sind „die Familie“. 40 Musiker des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien, unter der Leitung von Milan Turković, glänzen als Meister an ihren Instrumenten. Die Bill entledigt sich ihres Edeloutfits, steigt von Kothurnen und steht da. Ein Mädchen im Blümchenkleid. Wie im Prolog beschrieben: „Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige“, verkörpert sie beide Annas. Ich und Über-Ich. Eine gespaltene Persönlichkeit. Die nicht tun will, von dem sie weiß, dass sie es tun muss. Ihr Leben: ein Requisitenkoffer, in dem sie zeitweilig auch lebt. Maria Bill zieht alle Register ihres Könnens. Ist Clownin ebenso wie Tragödin. Erinnert an Paulette Goddard in den Chaplin-Filmen. Singt, tanzt (Schwanenwatschel, äh, -see), spielt, dirigiert – kurz. Es ist die Habgier, die ihr diese Idee eingibt, die Turković kraft seines Amtes aber sofort unterbindet. Am Ende ist das Haus finanziert. Ein erkauftes Unglück. Das Vermächtnis der unwirklich schönen Kunstgestalt vor dem Klavier …

Die folgende minutenlange – es wurde schon der Vorhang heruntergelassen und noch immer applaudiert – Publikumsbegeisterung galt natürlich in erster Linie Maria Bill. Welch eine Sängerin. Welch eine Schauspielerin. Welch ein Star.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/michael-schottenberg-im-gespraech/

Wien, 11. 10. 2014

Michael Schottenberg im Gespräch

September 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geld regiert die (Theater-)Welt

Bild: © Peter Korrak

Bild: © Peter Korrak

Am 10. Oktober hat am Volkstheater Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“ Premiere. Hausherr Michael Schottenberg inszeniert, Maria Bill spielt und singt mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter Milan Turković. Die letzte Zusammenarbeit des Erfolgsduos Kurt Weill und Bertolt Brecht, „Die sieben Todsünden“, entstand im französischen Exil und wurde 1933 in Paris am Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführt. Durch die Plattenaufnahme mit Lotte Lenya, die 1956 erschien, wurde das Werk einem großen Publikum bekannt. Es schildert die Odyssee von Anna, die von ihrer Familie in die großen Städte geschickt wird, um für den Bau eines neuen Häuschens am Mississippi Geld zu verdienen. Sieben Stationen muss Anna durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss zum Zwecke des Profits. Brecht und Weill bringen die Moral des modernen Materialismus auf den Punkt: Sünden werden zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Weills unverwechselbarer Songstil versüßt die bittere Moral. Jeder Nummer liegt die Adaption einer populären Musikform wie z.B. Walzer, Foxtrott, Shimmy, Dixieland oder Tarantella zugrunde. Psychologisch genau charakterisiert seine Musik die handelnden Figuren. Ein Männerquartett stellt die Familie dar, die Rolle der Mutter wird dabei von einem Bass gesungen. Bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsere Kinder …“ unterstreichen die Verlogenheit der Sippe. Zum Schluss hat Anna zwar das Ziel, das kleine Haus in Lousiana, erreicht, doch ob damit auch das Glück erkauft wurde? Ein Gespräch mit Michael Schottenberg:

MM: Warum jetzt „Die sieben Todsünden“?

Michael Schottenberg: Wann, wenn nicht jetzt? Ich wollte immer schon mit einem bedeutenden Orchester eine große, ernsthafte Musikproduktion machen. Nun ist es auch eine Abschiedsproduktion für Maria Bill – ich versuche ja in meiner letzten Saison am Haus jedem meiner Lebensschauspieler noch schöne Rollen zu geben oder gute Ensemblestücke aufzuführen. Alle dürfen noch einmal glänzen. Außerdem ist die Kombination Bill/Brecht/Volkstheater schon eine eingeführte, es ist unsere vierte, nach „Mutter Courage, „Dreigroschenoper“ und „Arturo Ui“ www.mottingers-meinung.at/volkstheater-der-aufhaltsame-aufstieg-des-arturo-ui. Die Chance habe ich zum letzten Mal. Dann ist Brecht einer meiner Lieblingsautoren, weil er schon 1933 die Effekte der Globalisierung perfekt beschreibt. Mit Dirigent Milan Turkovic wollte ich schon lange etwas machen und eben mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien. Die haben begeistert ja gesagt, weil es auch ein wenig neben ihres Tagesgeschäftes ist. Vierzig Menschen musizieren auf der Bühne! Tolle Musiker! Wenn das keine Riesenherausforderung ist!

MM: Das Stück ist von Kurt Weill als Ballett mit Gesang angelegt. Es gibt zwei Protagonistinnen, zwei Annas, eine davon ist Tänzerin …

Schottenberg: Die haben wir uns geschenkt. Maria Bill spielt beide Annas. Das heißt: Sie ist die schüchterne, den Schmerz erduldende, die am Materialismus verzweifelnde Anna 2. Und die hat eine (singende) Anna 1 im Kopf, die ihr einflüstert: „Du musst, du musst, du musst … Geld machen“. Denn sie soll ja als Showgirl ein Haus für ihre Familie erwirtschaften. Die Familie singen vier wunderbare Opernsänger: Martin Mairinger, Wilhelm Spuller, Johannes Schwendinger und Ivaylo Guberov. Der Abend hat auch einen ersten Teil. Wir stellen den „Sieben Todsünden“ neun relativ unbekannte Lieder von Kurt Weill voraus, die er im Exil in Hollywood geschrieben hat: „Je ne t’aime pas“, „Speak Low“, „Nannas Lied“, „Youkali“ … Da geht’s um Liebe, Lust, beides aber auch als Ware, beides gemessen an ihrem Verkaufswert. Das korreliert perfekt mit dem zweiten Teil. Maria singt das in einer wunderschönen Couturierobe, bis sie das Kleid dann ablegt – Darunter hat sich das Mädchen Anna versteckt.

MM: Da könnte man eine Rückblende reininterpretieren: Der große Star, der sich an seine Anfänge erinnert. Vom Konzert zur Leidensgeschichte.

Schottenberg: Das ist gut, das zeigt auch das Innenleben dieser Diva. Der Reiz am Stoff ist ja die Unmoral: Jede Todsünde wird im Business zur Tugend. Sündigen ist eine Tugend. Wer sich nicht verkauft, ist dumm. Wer seinen Körper nicht zur Schau stellt, wird nie ins Himmelreich kommen. Brecht/Weill kehren das um. Ihre kleinbürgerliche Gesellschaft preist die Sünde als Tugend. Und auf der Strecke, so sagt uns Brecht wie in vielen anderen Stücken, bleibt der Mensch, der sich prostituiert. Die Welt ist ein Hurenhaus. Menschen verhärten sich, lassen den Nächsten fallen, die Zeit der Fische bricht an. Aber apropos: Ich habe keine naturalistischen Szenenbilder, nur ein paar Requisiten. In diesem Sinne ist der ganze Abend tatsächlich ein Konzert. Sehr maskenhaft, eine eigene Erzählform, die ich mir gegönnt habe.

MM: Ihre persönlichen Todsünden?

Schottenberg: Ich bin allen Genüssen verfallen und habe Mühe mich aufrecht zu halten, so verdorben bin ich innen drinnen. Ich bin verrucht.

MM: Aber nicht mehr verraucht 😉 Den Zigaretten haben Sie doch abgeschworen.

Schottenberg: Stimmt. EINE Tugend! Ein Glück!

MM: Das Spielzeitmotto lautet „Täuschungen der Fantasie“ …

Schottenberg: In diesen Rahmen passt das Ding sehr gut, weil ich vorführe, wie eine Fantasie geschaffen wird, nur, um sie wieder zu zerstören, um zu zeigen, was sich dahinter verbirgt. Es geht um Spielarten von Fantasie – und um die Realität der Bühne, der wir alle verfallen sind. Mit der Bühnenrealität kann ich Welten erschaffen, die Zeit anhalten. Und alle wissen, die oben tun nur so, aber ich lasse mich dennoch verführen. Der intelligente Zuschauer will nicht wissen, wie das geht, er lässt sich mitnehmen auf eine Reise und er lässt sich verzaubern. Der realistische Zuschauer will wissen, wo der Zauberer das Kaninchen verschwinden hat lassen. Realität ist genügend diesseits der Rampe, auf der Bühne möge eine andere Realität herrschen, eine magische.

MM: Von der Fantasie dennoch zur Realität: Sie haben eine Spendenkampagne ins Leben gerufen.

Schottenberg: Ja, denn das Gebäude verfällt. Wir kämpfen um Subventionen für die grundlegende Instandsetzung des Volkstheaters, nur selbstverständlich ist nichts. Wir sind ein Privattheater. Und da wir keine Großsponsoren haben, bitten wir unsere Zuschauer um einen Beitrag. Sie mögen sich bitte zu uns bekennen – und sie tun es. Allein am Tag der offenen Tür haben wir schon 7000 Euro eingenommen. Es läuft gut. Man konnte ab 350 Euro Patenschaften für Theatersessel kaufen.

MM: Und es geht weiter. Wie?

Schottenberg: Die BAWAG ist aufgesprungen, da kann man auf ein Treuhandkonto spenden. Die Aktion heißt www.es-geht.at. Man kann Taschen oder Hüte aus alten Werbefahnen kaufen. Und Honig vom Bienenvolk auf dem Dach des Volkstheaters www.volkstheater.at/home/extras/crowdfunding und, und, und. Oder man kann für einen Theaterabend für zehn Personen die Bürgermeisterloge mieten, mit privatem Kellner, der Champagner und Fingerfood serviert. An diesem Abend steht in Leuchtschrift der Name des Gefeierten über dem Haupteingang (mehr dazu unter info@volkstheater.at). Im Grunde genommen ist es eine Bewusstseinskampagne: Wir sind das Theater der Wiener. Und sind jetzt durch diese „schockierenden“ Plakate mit den augenlosen Gesichtern Talk of the Town geworden.

MM: Gestatten Sie die Frage: Warum tun Sie sich das in Ihrer letzten Saison noch an?

Schottenberg: Weil’s ums Volkstheater geht, das ich von Herzen liebe. Und weil es sich zum 125-Jahr-Jubiläum bestens geeignet hat. Da geht’s ja nicht um mich. Sondern um die nächsten 125 Jahre.

www.volkstheater.at

Wien, 30. 10. 2014

Die Oper Graz spielt Brecht/Weill

Mai 15, 2013 in Klassik

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Herbert Lippert (Jim Mahoney) und Ensemble Bild: Werner Kmetitsch

Herbert Lippert (Jim Mahoney) und Ensemble
Bild: Werner Kmetitsch

Am 22. Mai hat an der Oper Graz Kurt Weills‘ (Libretto: Bert Brecht) Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Premiere. Inhalt: Auf der Flucht vor der Polizei stranden die Witwe Leokadja Begbick und zwei Ganoven in der Wüste. Da sie weder vor noch zurück können, gründen sie die Stadt Mahagonny. Das Geschäftsmodell der Witwe Begbick ist so einfach wie ertragreich: In den Netzen der Stadt sollen sich die Männer verfangen und in Bars und Bordellen ihres Goldes entledigt werden. Nach sieben Jahren harter Arbeit in Alaska sucht der Holzfäller Jim Mahoney in Mahagonny das Glück. Er verliebt sich in die Hure Jenny Hill und findet den Schlüssel zur menschlichen Glückseligkeit: alles dürfen zu dürfen. Nur eines ist streng verboten: kein Geld zu haben. Doch just dagegen verstößt Jim, der seine Zeche nicht bezahlen kann. Als niemand bereit ist, seine Schulden zu begleichen, verurteilt ihn das Gericht zum Tod. Die Kapitalismuskritik des Stücks führte bei der Leipziger Uraufführung 1930 zu einem – wenn auch inszenierten – Theaterskandal. Als Koproduktion zwischen der Vlaamse Opera und der Oper Graz erarbeitete der katalanische Regisseur Calixto Bieito eine Aufführung, die sich nicht scheut, mit drastischen Mitteln und exzessiven Bildern auf die Bühne zu bringen, wovon der Text erzählt: »Fressen«, »Lieben«, »Boxen« und »Saufen«. So präsentiert sich in unverblümter Direktheit die heute mehr denn je gültige Brisanz des Stoffes. Die Aufführung ist für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. Musikalische Leitung: Julien Salemkour, Inszenierung: Calixto Bieito. Mit Herbert Lippert, Manuel von Senden, Konstantin Sfiris und anderen.

www.oper-graz.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013