21er Haus: Peter Weibel – Medienrebell

Oktober 20, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Warnung! Diese Ausstellung kann Ihr Leben verändern.

Polizei lügt, Peter Weibel, 1971 Bild: Peter Weibel

Polizei lügt, Peter Weibel, 1971
Bild: Peter Weibel

Zum 70. Geburtstag Peter Weibels eröffnete das 21er Haus eine umfassende Werkschau des Künstlers. Der Medienakrobat, Schauspieler, Theoretiker, Musiker und Museumsleiter Weibel der in den 1960er- und 1970er-Jahren zu den österreichischen „Rebellen“ zählte, wurde in diesem Jahr für sein künstlerisches Gesamtwerk mit dem Oskar-Kokoschka-Preis 2014 ausgezeichnet. Sein außergewöhnliches Werk ist geprägt durch Themenfelder wie die Mechanismen der Wahrnehmung und des Denkens, die Eigenwelt der Apparate, die Krise der Repräsentation, des Bildes und des Museums, die Beziehung von Kunst, Politik und Ökonomie und die Bedingungen des Betriebssystems Kunst. Das Display der Ausstellung im 21er Haus veranschaulicht dem Betrachter die einzelnen Kapitel Weibels künstlerischen Schaffens – gewissermaßen ein Orbis Sensualium Pictus. „Mit dieser Ausstellung ehrt Österreich einen der international erfolgreichsten Medienkünstler“, so Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere und des 21er Haus. „Es ist überraschend, dass die Präsentation performativer Medienkunst heute vorwiegend den Galerien überlassen bleibt, wohingegen das Thema in Museen eher vernachlässigt wird. Dies liegt daran, dass die Techniken der Aufnahme und der Abspielwiedergabe inzwischen veraltet sind. Man darf aber nicht vergessen, dass es sich damals um wesentliche Metaphern des Fortschritts gehandelt hat. Jede einzelne dieser frühen multimedialen Präsentationen Peter Weibels war eine Revolution für sich – inhaltlich wie technisch“, erklärt die Direktorin weiter.

Recht. Recht. Recht. Im Eingangsbereich des 21er Hauses steht  das Wort  überall auf den Boden geschrieben. Um in die Ausstellung zu gelangen, muss man also „das Recht mit Füßen treten“, so will es Peter Weibel. Eine kleine Provokationsbombe, die er sich zum Runden noch leistet. Es lag an Belvedere-Vizechef Alfred Weidinger, Weibels Werk zu durchwühlen – Zitat des Künstler: „Ich bin der ideale Mann für einen Nachlass, denn ich interessiere mich nicht mehr für meine Arbeit, wenn sie fertg ist.“ – und es nach und nach greifbar zu machen; einige Installationen mussten auf Basis von Skizzen und alten Fotos neu gebaut werden. Die  Ausstellung, die sich nun in einem  Arrangement aus Regalen und Containern entfaltet, ergibt  eine  wilde und  amüsante Achterbahnfahrt auf den Spuren eines  kreativen Ausnahme-Gehirns.

Die Absage an einen gesellschaftspolitischen Konservatismus mit traditionellen geschlechts- und klassenspezifischen Rollenbildern spiegelte sich Ende der 1960er-Jahre in tiefgreifenden künstlerischen Aufbrüchen wider: Unkonventionelle Querdenker nahmen die Auflösung und Durchmischung der vormals streng getrennten Genres Kunst und Architektur in Angriff. Dabei wurde der menschliche Körper zum zentralen Medium und Motiv für performative und raumbezogene Kunstformen, die das Verhältnis zwischen Individuum und Umwelt kritisch hinterfragen beziehungsweise visionär zu bestimmen versuchten. In diesem Umfeld sowie im Gefolge der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus formierte sich eine junge Kunst- und Architekturszene, deren Protagonisten mit Blick auf die Neuerungen in Gesellschaft, Wissenschaft und Technik experimentelle und alternative Lebens- und Gestaltungsformen vertraten. Der in Odessa geborene Peter Weibel war eine der umtriebigen Hauptfiguren dieser Szene, in der sich die Künstler nicht mehr hinter dem Werk verbargen, sondern mit ihrem Auftreten Teil eines Gesamtkonzepts wurden, in dem Akteure und Rezipienten nicht mehr zu unterscheiden waren. Der Künstler, Kurator und Theoretiker, der seit 1999 Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe ist, gehörte in den 1960er- und 1970er-Jahren zu den Rebellen der spezifisch österreichischen Art, deren Regierungsattacken sich mit Skurrilität und einer Wiener Melange von angewandter Psychoanalyse bis Zentralfriedhofsmelancholie verbanden. 1993 gestaltete er den österreichischen Biennale-Pavillon in Venedig: „Vertreibung der Vernunft“.

„Für mich ist das Feuer der Beginn der Zivilisation – etwas, das wir der Natur entrissen haben. Ich bin Feuer und Flamme für die Freiheit. Meine Kunst soll Sie befeuern und entflammen: für Ihre Freiheit. ‚Light your fire!‘, ist die Botschaft. Sie sehen, ich gehe durchs Feuer für meine Kunst, immer“, so Weibel. Peter Weibels Werk ist nicht durch eine autobiografische Signatur geprägt, sondern durch Themenfelder wie die Mechanismen der Wahrnehmung und des Denkens, die Eigenwelt der Apparate, die Krise der Repräsentation, des Bildes und des Museums, die Beziehung von Kunst, Politik und Ökonomie und die Bedingungen des Betriebssystems Kunst. Weibels im wahrsten Sinne des Wortes sensualistisches Werk funktioniert nur durch die Interaktion mit dem Betrachter, und es fordert diesen, einem Vademecum gleich, geradezu auf, sich mit denselben Fragen wie der Künstler auseinanderzusetzen. Denn Weibel nimmt die Welt, also die Wirklichkeit, nicht als solche. Unermüdlich, und das seit Kindesalter, hinterfragt und analysiert er, zieht seine eigenen, auf unterschiedlichen Wissenschaften gründenden Schlussfolgerungen und geht an die Grenzen der Wirklichkeit, die er von der Realität deutlich unterschieden wissen will. Die Aufgaben, die sich Weibel dabei stellt, sind oftmals miteinander verwoben, was die neun Kapitel der Ausstellung auch zu verdeutlichen versuchen: Wort & Papier, Destruction in Art Symposium 1966, Aktionen, VALIE EXPORT, Fotografie, Medienkunst & Medientheorie, Film & Expanded Cinema, Musik und Objekte & Installationen lauten die Begrifflichkeiten der ineinandergreifenden Sektoren, die eigentlich keine sein wollen.

Die Gestaltung der Ausstellung reagiert auf das transparente Gefüge des Gebäudes und auf dessen krude Beschaffenheit. Dunkelheit fordernde Installationen, etwa Musik der Anomalie – Stimme des Menschen (1982), werden in Seecontainern der Öffentlichkeit vorgestellt, während Objekte wie das Rad des Realen (1988), das so politische Österreich-Zimmer (1982) und die Mechanik der Organismen (1994) im  lichtdurchfluteten Freiraum Aufstellung finden. Mit der sogenannten Musik-Ausstellung realisierte das Belvedere eine von Weibel 1975 konzipierte Rauminstallation, mit der er auf die von den Nationalsozialisten vereinnahmte Musik wie auch auf deren Gräueltaten reagierte. Die wesentliche Konstante der Ausstellung, ein metallenes, sich an der Geometrie der Container orientierendes Regalsystem, ist wie eine offene und jederzeit und beliebig erweiterbare Enzyklopädie des Künstlers zu betrachten. Fotografien, Dokumente, Objekte, multimediale Werke, Schriften, Apparaturen und Filme – viele Filme – führen Peter Weibels künstlerische Absichten vor Augen. Gleichgültig, von welcher Seite sich der Betrachter dem Display annähert, und gleichgültig, an welcher Stelle er beginnt, sich mit dem interdisziplinären Werk des Künstlers auseinanderzusetzen, er wird trotz des weitverzweigten Netzwerks niemals den gedanklichen Faden verlieren, der das Werk von Peter Weibel so stark charakterisiert.

Weibel selbst dazu: „Die Kunst hat immer wieder im Verlauf der Geschichte die Fähigkeit gezeigt, dass sie die Betrachter dazu verführt, die Welt mit anderen Augen zu sehen und eine andere Erfahrung zu machen. Das Wort Ästhetik, aisthesis, heißt ja Wahrnehmung und Empfindung. Es wird immer durch gute Kunst die Wahrnehmung der Welt verändert, und wenn man ein anderes Bild von der Welt gewonnen hat, verändert es auch das Verhalten zur Welt. Kunst kann tatsächlich die Wahrnehmung und auch die Einstellung zum Leben und damit das Leben selbst verändern.“

www.21erhaus.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=ttpYAoESVJA

Wien, 20. 10. 2014

Museum der Moderne Salzburg: Proudly Presenting

April 28, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Sammlung Generali Foundation

auf dem Mönchsberg

Bruno Gironcoli: Große Säule mit eingesetzten Augenprothesen, 1968  Ausstellungsansicht Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation, 2014, Skulptur  Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg  Bild: © Museum der Moderne Salzburg, Rainer Iglar

Bruno Gironcoli: Große Säule mit eingesetzten Augenprothesen, 1968
Ausstellungsansicht Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation, 2014, Skulptur
Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg
Bild: © Museum der Moderne Salzburg, Rainer Iglar

Mit der Ausstellung Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation wird erstmals eine Auswahl aus der international renommierten Sammlung an ihrem neuen Standort, dem Museum der Moderne Salzburg, präsentiert. Die Generali Foundation hat ihre international viel beachtete Sammlung Anfang des Jahres dem Museum der Moderne Salzburg im Rahmen einer umfassenden Partnerschaft als Dauerleihgabe anvertraut. In dieser ersten Schau zur Vorstellung einer Auswahl aus der Kollektion, die insgesamt etwa 2.100 Werke von 200 Künstlerinnen und Künstlern umfasst, wird Einblick in einige der Charakteristika der bekannten Sammlung gegeben. Präsentiert werden 133 Arbeiten von 25 Künstlerinnen und Künstlern in unterschiedlichen Medien, die von Skulptur und Installation über Film, Fotografie und Video bis zu Zeichnung reichen. Die Sammlung Generali Foundation enthält herausragende Werke von den 1960erJahren bis in die Gegenwart. „Von international bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern wurden bereits relativ früh größere Werkgruppen gesammelt“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin am Museum der Moderne Salzburg. „Anlässlich dieser ersten Präsentation in Salzburg werden zentrale Werke gezeigt, unter anderem von Künstlern, die in den letzten Jahren leider verstorben sind – Bruno Gironcoli, Walter Pichler, Allan Sekula und Franz West. Mit ihnen bestand – wie mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die in dieser Ausstellung zum Teil erstmalig in Salzburg vorgestellt werden – ein besonderes Naheverhältnis.“

Eine erste thematische Werkgruppe in der Ausstellung umfasst emblematische Objekte, in denen Kunst, Design und Architektur in Form von utopischen Ideen miteinander verschmelzen. Die phallischen Skulpturen von Bruno Gironcoli, die Glaspavillons von Dan Graham, das Mobile Büro (1969) von Hans Hollein, die Interventionen von Gordon Matta-Clark in aufgelassenen Gebäuden oder der TV-Helm (1967) von Walter Pichler sind inzwischen Ikonen dieser Thematik. Die hohen Erwartungshaltungen an neue Technologien und Medien, die wir seit den 1960erJahren erleben, mündeten auch in zahlreichen Arbeiten, in denen deren Auswirkungen auf den Menschen erforscht werden. Die feministisch-aktionistischen Werke von VALIE EXPORT, insbesondere ihr TAPP-und TASTKINO (1968), oder Harun Farockis Videoinstallationen beziehen dazu Position in Form von profunden Werkgruppen, aus denen in dieser Ausstellung nur ein kleiner Ausschnitt gezeigt werden kann. Eine mittlere und jüngere Generation von Künstlerinnen und Künstlern bezieht sich in ihren Arbeiten wiederum aus einer aktuellen Perspektive auf die ehemaligen Utopien, darunter Dorit Margreiter, Marjetica Potrc, Florian Pumhösl, Mathias Poledna und Heimo Zobernig.

Im Verbund mit einer Medienkritik sind in der Sammlung zahlreiche Werke vertreten, in denen Fotografie gewissermaßen gegen den Strich gebürstet wird, wie in Sanja Ivekovic’ Fotocollagen, in Martha Roslers Foto-Text-Installation über die New Yorker Bowery oder in Allan Sekulas filmischen Fotoarbeiten. „Institution für Institutionskritik“ wurde die Generali Foundation vor vielen Jahren in einer  Schlagzeile genannt. Tatsächlich sind in der Sammlung viele Künstlerinnen und Künstler vertreten, die eine Untersuchung der Bedingungen von Kunst sowie die Frage, was wir von Kunst eigentlich wollen, zum Inhalt ihrer Arbeit gemacht haben. Hans Haacke hat dies in seinem Kondensationswürfel (1965) als einer Art von kinetischer Besucherstatistik früh verdeutlicht. Adrian Piper wiederum verhandelt in ihrer Arbeit Hegemonien und Stereotypen in der Kunst, und Andrea Fraser klärt uns in „Museumsführungen“ in lustvoller Weise über das wirkliche Leben in einem Museum auf.

Mit dieser Ausstellung setzt das Museum der Moderne Salzburg den Prätext zu einer neuen rotierenden Schausammlung, in der künftig Werke der Sammlung Generali Foundation in Dialog mit den anderen umfangreichen Beständen des Museums treten – von denhauseigenen Werken über die Fotosammlung des Bundes und die Sammlung FOTOGRAFIS der Bank Austria Unicredit bis zur Sammlung MAP. In der Ausstellung vertreten sind Werke von VALIE EXPORT, VALIE EXPORT/Peter Weibel, Harun Farocki, Andrea Fraser, Bruno Gironcoli, Dan Graham, Hans Haacke, Hans Hollein, Sanja Ivekovic, Richard Kriesche, Dorit Margreiter/Mathias Poledna/Heimo Zobernig, Gordon Matta-Clark, Gustav Metzger, Walter Pichler, Adrian Piper, Marjetica Potrc, Florian Pumhösl, Martha Rosler, Allan Sekula, Goran Trbuljak, William Wegman, Peter Weibel, Franz West und Heimo Zobernig.

www.museumdermoderne.at

Wien, 28. 4. 2014