Theater zum Fürchten: Die Macht der Gewohnheit

Juni 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der hohen Kunst des Scheiterns

Zirkusdirektor Caribaldi trifft bei der seiltanzenden Enkelin zumindest einmal den richtigen Ton: Glenna Weber und Thomas Kamper. Bild: Bettina Frenzel

Das Wagnis, Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ zu inszenieren, gehen Regisseur Rüdiger Hentzschel und das Theater zum Fürchten nun an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, ein. Vor allem einer trägt hier volles Risiko, Thomas Kamper in der ehemals Bernhard-Minetti-Rolle des Zirkusdirektor Caribaldi, und die gestaltet er auf so wohlausgewogene Weise mit Wahn und Witz, dass das Publikum beim Schlussapplaus herzlich für die gelungene Leistung dankte.

Die vom manischen Manegenherrscher geknechtete Truppe geben Glenna Weber als seiltanzende Enkelin, Dirk Warme als Jongleur, Regís Mainka als Dompteur und Florian Lebek als Spaßmacher. Doch es sind nicht die artistischen Qualitäten um derentwillen der cholerisch-impulsive Impresario seine Künstler quält, nein, vielmehr versucht er in seinem heruntergekommenen Wanderetablissement seit 20 Jahren ein fehlerfreies „Forellenquintett“ aufzuführen. Endlos soll geprobt werden, bis den mangelhaft begabten Schubert nicht mehr wie ein nasser Fisch entgleitet; die jedoch reagieren je nach Gemütsverfassung mit Renitenz bis Resignation – und so ist die Unternehmung zum Scheitern verurteilt, was Thomas Bernhard in der Variation dreier Akte vorführt.

Der Spaßmacher und der Dompteur trinken mehr als drei Bier: Florian Lebek und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Kleine Liebesgeste mit dem Zivilanzug des Jongleurs: Glenna Weber und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

„Die Macht der Gewohnheit“, 1974 in Salzburg uraufgeführt, ist mehr Ensemblestück, als spätere seiner Werke, Hentzschel trägt dem Rechnung, indem er die Darsteller sich gegen den Monologisierer stemmen lässt. Er ist auch für die Raumgestaltung zuständig und zeigt als Bühnenbild das Zirkushinterzimmer mit Kostümschrankkoffer und Klavier, einen Unort zwischen der zauberischen Glitzerwelt der Akrobatikvorführungen und dem schäbigen Realitätsdesaster. „Die Wahrheit ist immer ein Debakel“ ist einer der hinreißenden Bernhard’schen Sätze dazu. Ansonsten setzt Hentzschel weniger auf die in der Rezeptionsgeschichte übliche Künstlichkeit von Kunstfiguren.

Er hat für Bernhards durchkomponierte Sprache durchweg realistische Spielanlässe geschaffen. Kommt’s hier etwa zum Erlösungsruf „Morgen Augsburg!“, so ist das nicht mehr eine bis ins Absurde gesteigerte Wiederholung, sondern schlicht ein Sprechakt, der auf die Aktion irgendeiner anderen Figur reagiert. Auch Caribaldis besessen breitgewalzte Musikbegriffe – „Casals“, „das Kolophonium“, „das Ferraracello“ – werden so vom Sockel geholt. In diesem Stück über die hohe Kunst des Scheiterns, über einen Perfektionsanspruch, bei dem es kein Gelingen geben kann, erstaunt es doch, wie alltagssprachlich die Bernhard’schen Wortkaskaden klingen können, „gewöhnlich“, jedoch ohne ins Banale abzudriften. Hentzschel macht aus abstrakt expressionistisch, und die Schauspieler folgen ihm auf diesem Weg mit Verve.

Thomas Kamper bedient mit teils clownesker, teils ätzender Schärfe nicht nur Caribaldis Tyrannentum, sondern gestaltet daraus die Tragödie eines Mannes, dem die Dinge längst entglitten sind. Mit gefährlich glitzerndem Auge bringt er seine Böswilligkeiten an, und wenn ihm die ständig zu Boden fallende Haube des Spaßmachers aus seinem routinemäßigen Furor reißt und bis zum Gehtnichtmehr reizt, dann sind das starke, beinah unheimliche Momente. Glenna Weber ist als Enkelin gehorsam bis zur Unterwürfigkeit, schön, wie sie in all den Demütigungsspielchen mit einer fast unbemerkten Bewegung den Sakkoärmel des Zivilanzugs des Jongleurs streichelt – die kleine Geste einer großen Liebe.

Caribaldi ertappt den Spaßmacher und den Dompteur beim besoffenen Müßiggang: Florian Lebek, Thomas Kamper und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Für die Dirk Warme als Jongleur verantwortlich ist, der längst die Flucht zu einem Engagement in Bordeaux geplant hat und als einziger Caribaldi einzuschüchtern vermag. Zwischen Niedertracht und Schwachsinn, Intrige und Erpressungen bewegen sich Florian Lebek als Spaßmacher, der im Unklaren lässt, ob er als August so dumm ist oder sich nur so dumm stellt. Regís Mainka ist ein martialischer Dompteur, der Neffe des Zirkusdirektors, der alles dazu tut, um dessen Illusion zu zerstören.

Wie er am Ende volltrunken zum gewalttätigen Kunstzertrümmerer wird, da ist Hentzschel ganz nah an Bernhard. „Durch diese Tür / kommen Ihre Opfer herein“, sagt der Jongleur zu Caribaldi. „Nicht Menschen / Instrumente“.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2019

Schauspielhaus Wien: Sommer

Februar 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckensherrschaft des Loop-Systems

Die Raumfahrerin gerät in die Fänge der Retro-Revolution und kämpft ums Überleben: Sophia Löffler mit Nehle Breer und Vera von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Es ist eine Science-Fiction-Satire über Selbstbewusstsein, die Sean Keller verfasst hat. Selbstbewusst sein, im Sinne von: um den eigenen Wert wissen, und als Bewusstsein von einem selbst als einheitliches Wesen. Doch die Frage „Wer bist du?“ erweist sich im Stück schnell als eine unlösbare. „Sommer“ heißt es, Keller gewann damit das Hans-Gratzer-Stipendium 2018, und Elsa-Sophie Jach, die am Schauspielhaus Wien zuletzt mit Thomas Köck und „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erfolgreich war, hat es nun ebendort zwecks Uraufführung auf die Bühne gehoben. So überbordend der Text, so die Inszenierung. Die Bühne von Stephan Weber zeigt eine Art Future-Bar samt Claw Machine, an der Decke silberglänzende Sechsecke, an einer Seite ein Glaskubus, eine monströse Vitrine, auf deren Boden bereits das Ausstellungssubjekt kauert. Auftritt nun ein Chor, Nehle Breer, Vera von Gunten und Anna Rot, ein choreografiertes Kollektiv, Sprache, Bewegung, Ich-Erkenntnis präzise einstudiert – wobei, was letztere betrifft, das Vokalterzett für deren Beendigung plädiert. „Wir verlieren uns im Warten auf die bessere Zukunft“, schelten sie, da sie diesen Zustand längst überwunden haben, in Wahrheit das Publikum. Dem Individuum soll also ein Dasein als solches abgesprochen, aus einer Einzelidentität sollen viele gemacht werden.

Die Dystopie, die Keller im Wechsel von Wort-Kunst zu Wort-Gewalt entworfen hat, dreht sich im Weiteren um dieses Denkspiel: Individualismus als destruktiver Egoismus oder Gemeinschaftsgefühl als Gleichschaltung der Massen, einfacher formuliert: ein Wir vs ein Ich, ein Hergehören vs ein Fremdsein, ein Geschichtsvergessen vs ein Zukunft-Lernen. Die Story, zu entnehmen dem Programmheft, live verhandelt wird sie kaum, geht so: Das Jahr ist 3000, und da es der Erde davor schon recht schlecht ging, Stichwort: Ressourcenknappheit, hat sich ein Großteil von deren Bevölkerung ins Exil einer Weltraumkolonie begeben, wo man offenbar ein friedliches, freundschaftliches Leben lebt.

An der Claw Machine: Nehle Breer, Sophia Löffler, Anna Rot und Vera von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Beklemmende Tanzperformance im gläsernen Käfig: Esther Balfe. Bild: © Matthias Heschl

Die, die geblieben sind, haben sich als Strategie gegen die widrige Umwelt in einer neokommunistischen Gesellschaft organisiert, haben sich der Schreckensherrschaft eines restriktiven Loop-Systems unterworfen, das eine Zeitschleife betreibt, in der die historisch verklärten Jahre 2000 bis 2020 immer wieder von vorne ablaufen. Durch diesen Minkowski-Raum rennen die Menschen, wie das Huhn auf dem Möbiusband. Da entlässt Keller eine Rückkehrerin in die Szene. Eine Raumfahrerin mit Heiligenscheinhelm, die wissen will, wie’s „unten“ so ist, Sophie Löffler als Frau, die vom Himmel fiel – und die folglich vom Kollektiv mit aller Härte ans Kollektiv angepasst werden muss. Diese Ich-Erzählerin spricht im Irrealis, während sie versucht, halb von ihnen angezogen, halb abgestoßen, die Gruppenrituale zu begreifen.

Man darf Kellers Überfrachtungsstück nicht zu viel Stringenz unterstellen. Weder kümmert er sich um die Phänomene des Raumkontinuums noch des Zeitparadoxons, er schreibt so entfesselt, als hätten Ray Bradbury und Philip K. Dick nie einen Satz zu Papier gebracht, allerdings nimmt er es auch mit der innertextlichen Logik nicht allzu genau. Als würde das Fantastische nicht auch – zugegeben seinen eigenen – Regeln folgen. Derart gilt’s am besten: Nichts à la „Ground Control To Major Sean“ überinterpretieren, sich auf den Ideenreichtum von Elsa-Sophie Jach, die ganz hervorragende Arbeit leistet, einzu- und unterhalten zu lassen. Denn aberwitzig ist der Abend in seiner Verquertheit allemal.

Und während das Ich sich müht, den Code fürs Überleben zu finden und „die Abmachung“ zu kapieren, irgendwann sagt Löffler: „das Geheimnis der Anpassung ist, sich nicht zu wundern“, windet sich Tänzerin Esther Balfe als Gefangene hinter Glas, ihre Zuckungen wie unter Strom in dieser engen Biosphäre, eine Gepeinigte im Gehege ihrer exemplarischen Körperhaftigkeit. Deren Ablehnung Kulturhistoriker Hermann Glaser, gerade auf die Frau als solche bezogen, in seiner „Spießer-Ideologie“ als symptomatisch für die sozialpathologischen Aspekte der modernen Gesellschaft ansah. (Was nun doch gedeutelt ist …)

Die funkelnde Future-Bar unter dem silbernen Sechseckhimmel: Sophia Löffler, Vera von Gunten und Nehle Breer. Bild: © Matthias Heschl

Elsa-Sophie Jach bricht die schlafwandlerische Atmosphäre des Gesprochenen durch Balfes antagonistische Performance. Sie tut ambivalente Bilderwelten auf, von plötzlichen Ausbrüchen von Aggression und Autoaggression bis zum perfekt ausgeführten Zumba zu Backstreet Boys‘ „I Want It That Way“. Schließlich findet sich alles unterm Riesenrad in einem abgewrackten Orlando-Freizeitpark wieder. Ausgerechnet Florida.

Wo Widerstandskämpferinnen, die Astronautenanzüge von Giovanna Bollinger nun lässig um die Hüften geknotet, das Zeitzirkulieren durchbrechen wollen, indem sie über Cheats im Programm neue Portale und damit den Zugang zu einer anderen Wirklichkeit öffnen. Der Plan scheitert, die komplette Annullierung, Wunsch- und Albtraum Auslöschung finden statt. Gesellschaftliche Trägheitsgesetze haben die Retro-Revolution verunmöglicht. Die Menschen erscheinen in Tiermasken und hämmern auf den Boden à la „2001“-Monolith. Brainwashing accomplished.

„Sommer“, warum auch immer er so benannt ist, ist ein hochkomplexer, teilweise auch hermetischer Text, inspiriert inszeniert und mit großer Intensität darstellerisch dargeboten. Ob Sean Keller mit seinem „Sie werden assimiliert werden“ auch auf eine meinungsmacherische Politik, viele Köpfe, ein von bestimmten Medien bestimmter Gedanke, abzielt, ist beim Abgang aus dem Theater Diskussionsgegenstand. Dem „Widerstand ist zwecklos“ der Aufführung kann man sich jedenfalls nicht entziehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=vY5DAUhywhI

www.schauspielhaus.at

  1. 2. 2019

Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: Jedermann Reloaded

Dezember 11, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der reiche Schwelger rockt sich zu Tode

Von der Bühne vor die Kamera: Nach erfolgreich absolviertem Konzert im Stephansdom, wo sein Auftritt mit „Jedermann Reloaded“ beinah 70.000 Euro für ein Aids-Hospiz in Südafrika einbrachte, dreht Philipp Hochmair nun wieder einen Film. In Wien. Seit Anfang Dezember spielt er in der Regie von Peter Payer den Artur in „Glück gehabt“. Payers Drehbuch entstand nach dem Roman „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian, Ende 2019 soll die schwarze Komödie in die Kinos kommen.

Den nächsten Auftritt mit seiner Band Die Elektrohand Gottes, Gitarrist Tobias Herzz Hallbauer, Elektroklangkünstler Jörg Schittkowski und Schlagwerker Alvin Weber, hat Hochmair auch schon geplant – für den 14. März am Burgtheater.

Bis dahin können sich Fans am frisch erschienenen Album „Jedermann Reloaded“ erfreuen. Nach fünf Jahren Beschäftigung mit dem Projekt, das damals als Bühnensolo am Hamburger Thalia Theater begann, hebt Hochmair sein Experiment auf die nächste Ebene. Intimer, musikalisch subtiler, die Sprache intensiver als bei der bekannten Live-Performance, ist diese Aufnahme geworden. Hochmair öffnet den Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, das schafft eine neue Nähe zum Hoffmannsthal’schen Text.

Und wieder ist Hochmairs Jedermann alle. Die Mutter, der Mammon, der Gute Gesell und der Teufel. Der reiche Mann hält Zwiesprache mit zwei Mikrofonen, treibende Gitarrenriffs und die erprobt jaulenden Elektrosounds jagen den Ruhelosen vor sich her, diverse Klänge im Zwischenraum von Hans Werner Henze und Heavy Metal, wie Die Presse einmal schrieb. Die Stimmung kippt vom Exzentrischen ins Albtraumhafte, bis zum Ende der vierzehn Tracks die Musik fast zum Choral wird. Wenn sich der Sünder endlich mit seinem Gott versöhnt.

„Jedermann Reloaded“ geht einem als Studio-Album nicht weniger unter die Haut, denn als wuchtiges Sprachklangtheater. Alldieweil befassen sich Hochmair und Band schon mit ihrem nächsten Coup, dem „Schiller-Balladen-Rave“.

Elektrohand Records, Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: „Jedermann Reloaded“, Rock, erhältlich als CD oder LP.

Philipp Hochmair im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30729

www.philipphochmair.com          www.elektrohand.com          www.hoanzl.at

  1. 12. 2018

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Theater zum Fürchten: Tartuffe

April 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Betrüger hat am Schluss das Sagen

Tartuffe manipuliert Orgon: Alexander Rossi und Georg Kusztrich. Bild: Bettina Frenzel

Dass gerade jenen, denen die Augen geöffnet sind, darob der Mund verboten wird, ist wohl die Quintessenz von Marcus Gansers „Tartuffe“-Inszenierung, die das Theater zum Fürchten nun in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zeigt. Bei Ganser nämlich hat der Betrüger am Schluss das Sagen. Gemächlich schlendert er durch die Sitzreihen und verklebt einem nach dem anderen Mitglied der Familie Pernelle die Lippen mit schwarzem Band. Dass diese Reihen aus Theaterklappsesseln bestehen, scheint des Regisseurs – Ganser hat wie stets auch das Bühnenbild erdacht – irr witziger Kommentar zur (Kultur-)politik zur Zeit zu sein.

Sein „Tartuffe“ ist ein satirisches Spiegelbild der gesellschaftlichen Vorgänge dieser Tage. Da mag man sich selber beim Schopf nehmen und die eigenen Handlungen hinterfragen, oder auch die Worte statt Taten, auf die man schon hereingefallen ist, die Manöver und die Manipulationen, und „Honi soit …“, wer sich was dabei denkt, dass Orgon hier eine rote und Tartuffe eine türkisblaue Krawatte trägt. Dass Moliéres meisterliche Komödie für derlei Zuspitzungen mehr als geeignet ist, ist ja bewiesene Tatsache.

Ihr Schöpfer selbst wähnte sich zu Recht nach dem Verbot der ersten beiden Fassungen von gewieften Politikern verfolgt, ist sein Tartuffe doch eine messerscharfe Abrechnung mit der damals einflussreichen „Partei der Frommen“. Und les dévots – „die Heuchler haben keinen Spaß verstanden“. In Gansers Bearbeitung nun schillert der „Tartuffe“ in einer tadellosen Versfassung, die die Künstlichkeit, die Verlogenheit des Gesagten noch hervorhebt. Das TzF-Ensemble agiert mit der bekannten Brillanz, allen voran Georg Kusztrich als Orgon, der es schafft, in die Komödiantik die Charakterstudie eines Verblendeten zu packen, der dem bigotten Blender aufsitzt und verfallen ist. In seinen besten hat Kusztrich Louis-de-Funès-Momente. Alexander Rossi spielt als Tartuffe ganz das Unschuldslamm, so schön kann Scheinheiligkeit sein, wenn einer in der Unterhose als armer Sünder dasteht, bevor er sich mit Verve zwischen die Schenkel von Orgons Gemahlin wirft.

Mit Ehefrau Elmire kommt es beinah zum Äußersten: Alexander Rossi, Georg Kusztrich und Eszter Hollósi. Bild: Bettina Frenzel

Der Haus-Staat staunt ob so viel Unverfrorenheit: Eszter Hollósi, Margot Ganser-Skofic, Christina Saginth und Glenna Weber. Bild: Bettina Frenzel

Ganser setzt auf Tempo und Slapstick, lässt seine Darsteller über die Stühle und einen Laufsteg turnen; nur eindreiviertel Stunden dauert seine Version der Farce, und jede Minute davon geht es dabei zur Sache. Hier wird laut und schrill agiert, gesoffen und gekokst und Thomas Marchart darf als stürmischer Valère sogar mit dem Motorrad auf die Bühne fahren. Orgons Kinder gestalten Glenna Weber und Sebastian von Malfér ganz köstlich. Eszter Hollósi hat als Elmire in der Verführungsszene die Lacher auf ihrer Seite, Anselm Lipgens ist ein überlegter, überlegener Cleant.

Herausragen können da nur die wunderbare Margot Ganser-Skofic, die als Madame Pernelle zwei großartige Auftritte hat, in denen sie erst mit dem gesamten Haus-Staat abrechnet, bevor auch sie einsehen muss, dass der „Gottgesandte“ nichts als ein böser Demagoge ist, und Christina Saginth, die sich als vorlaute, freche Dorine als Spielmacherin entpuppt. Wie bei Moliére vorgesehen, gibt es am Ende einen Problemlöser ex machina, der freilich kein König mehr sein kann. Ganser hat diese Macht in die Hände des Journalismus gelegt: Christoph Prückner – dem auch als Flipote und Loyal zwei Kabinettstückchen gelingen – berichtet vor der Kamera von Tartuffes Verhaftung.

Doch das Abgeführtwerden in Handschellen dauert nur einen Moment, schon ist der Scharlatan wieder da, von einer hilf- oder skrupellosen Instanz offenbar freigelassen, und bemächtigt sich erneut seiner Intrigenopfer. Wie gesagt. Honi soit …

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 4. 2018