Globales Online-Filmfestival „We Are One“ startet im Mai

April 28, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Sarajevo bis Sundance, von Tokio bis Tribeca

Bild: courtesy of the Tribeca Film Festival

South by Southwest abgesagt, Tribeca abgesagt, und Cannes, Locarno, Toronto, Venedig auf der Kippe. Der #Corona-Lockdown hat auch die großen Filmfestivals dieser Welt ausgeknockt, doch statt die Red Carpets für 2020 endgültig einzurollen, haben sich die Festivalmacher an den Runden Tisch gesetzt – mit dem Ergebnis, dass nun von 29. Mai bis 7. Juni das „We Are One: A Global Film Festival“ stattfinden wird.

Robert De Niros Tribeca-Festival, schon mit der grandioser Aktion „A Short Film a Day Keep Anxiety Away“ (tribecafilm.com/news/tag/a-short-film-a-day-keeps-anxiety-away) um keine Idee fürs #stayathome verlegen, verkündete die frohe Botschaft kürzlich. Mit dabei sind illustre Partner wie eben die Filmfestspiele von Cannes, Venedig, Locarno und Toronto, die Berlinale, das Sundance -, das Sarajevo -, das Sidney Film Festival, das Tokio und das Karlovy Vary International Film Festival, das FICG Guadalajara oder das Festival d’Annecy – dieses speziell für Animationsfilme.

Auf dem Programm stehen Spielfilme, Kurzfilme, Dokumentationen und virtuelle Diskussionsrunden mit Filmschaffenden. Auf YouTube.com/WeAreOne wollen die Veranstalter kostenlos einen Mix aus alten und neuen Filmen präsentieren. Spenden an lokale Hilfsorganisationen und die WHO sind allerdings ausdrücklich erwünscht und können während des Streamens getätigt werden.

Bild: © 2008 Sundance Institute | Jill Oreschel

Bild: Alberto Pizzoli/AFP

Bild: © 2016 TIFF

Bild: Berlinale

„Wir sprechen oft über die Kraft von Filmen, die Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg inspirieren, vereinen und so zur Heilung der Welt beitragen. Die ganze Welt braucht gerade jetzt Heilung. „We Are One: A Global Film Festival“ vereint Kuratoren, Künstler und Geschichtenerzähler. Gemeinsam wollen wir das Publikum unterhalten», so Jane Rosenthal, Mitbegründerin des Tribeca-Filmfestivals.

Welche Filme gezeigt werden, will man kurz vor Festivalstart bekanntgeben, zurzeit nämlich tüfteln die Kuratoren der teilnehmenden Festspiele noch an der Auswahl. Details folgen auf mottingers-meinung.at

www.youtube.com/WeAreOne

Trailer der „We Are One“-Partnerfestivals: www.youtube.com/playlist?list=PLA_atH–hPG6Sy8P36vTPTvaTVRXcrtTt

28. 4. 2020

Ken Loach: Sorry We Missed You

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung

Wenn Vater und Tochter gemeinsam Pakete ausliefern, scheint sogar einmal die Sonne: Kris Hitchen als Ricky Turner und Katie Proctor als Liza Jane. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wir zahlen keine Löhne, sondern ein Honorar. Du bist nicht angestellt, sondern arbeitest selbstständig. Und natürlich kannst du jederzeit selbst entscheiden, ob du zur Arbeit kommst oder nicht.“ So sagt‘s Malony, der Fahrteneinteiler des Paketzustellservice PDF – „Parcels delivered fast“, zu Ricky Turner. Da glaubt der Familienvater, der für den Job als Lieferbote den auf Baustellen geschmissen hat, noch an die neue Freiheit des „Franchising“.

Dass die eine Schimäre ist, kann der Zuschauer aber schon an Malonys aka Ross Brewsters virtuos verbiestertem Gesicht ablesen, und sorgenvoll schaut man in das vor Zuversicht strahlende von Ricky. Von nun an läuft die Zeit, und Ricky, grandios und mit Geordie Accent gespielt von Kris Hitchen, läuft mit – im Teufelskreis eines Tagelöhnersystems, das den „Bin-mein-eigener-Boss“-Träumer zum Sklaven seiner selbst macht. Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung, sogar den Lieferwagen muss der nun Leib-eigene stellen. Die Pipi-Plastikflasche hat er im LKW dabei, denn fürs Klogehen anzuhalten, vermindert den Verdienst. Zeit ist Geld. Verspätet sich Ricky, gibt’s eine Geldbuße, als einmal der Strichcode-Scanner kaputt geht, sind 1000 Pfund fällig. Der Scanner ist das Zentralorgan des Paketdepots, ein allwissender, perfekter Überwachungsapparat. „Die schwarze Kiste“, sagt Malony, „entscheidet, wer stirbt und wer überlebt. Mach‘ die Box glücklich, Ricky!“

In seinem jüngsten Film „Sorry We Missed You“, ab Freitag in den Kinos zu sehen, beschreibt Regie-Altmeister Ken Loach die Auswirkungen der Gig Economy auf die Gesellschaft am Fallbeispiel einer aus dem Mittelstand abrutschenden Familie aus Newcastle. Eigentlich wollte der 83-jährige Godfather des britischen Sozialrealismus den mit den Goldenen Palme ausgezeichneten Film „Ich, Daniel Blake“ seinen letzten sein lassen. Doch, ein Glück, der Chronist der sich zunehmend in einzelkämpferische Working Poor verwandelnden Class kann’s nicht lassen, auf politische Unfähigkeit und soziale Ungerechtigkeit zu reagieren.

Und zwar mit einem filmischen Aktivismus, bei dem ihm seit einem Vierteljahrhundert Drehbuchautor Paul Laverty als kongenial Gleichgesinnter zur Seite steht. „Als wir für unsere Daniel-Blake-Recherchen Essensausgaben besuchten, wurde uns klar, wie viele der Menschen, die dorthin kommen, eigentlich ,Arbeit‘ haben. Teilzeitarbeit, Zeitarbeit, Provisionsjobs, oft so schlecht bezahlt und auf eigenes Risiko, dass es nicht fürs Leben reicht. Die sogenannte Gig Economy mit Honoraraufträgen, Kleinjobs oder Beschäftigung über Agenturen tauchte immer wieder in den Gesprächen auf. Daraus formte sich Stück für Stück die Idee für einen weiteren gemeinsamen Film“, so Loach über „Sorry We Missed You“.

Abbie arbeitet gerne als Altenpflegerin: Debbie Honeywood. Bild: © Filmladen Filmverleih

Noch glaubt Ricky an die Neue Selbstständigkeit: Kris Hitchen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Loach erzählt wie stets ohne zu dozieren, doch diesmal ohne den sonst üblichen tragikomödischen Satireanteil. „Sorry We Missed You“ ist still und traurig, intensiv und hart. Es passiert kein großes Drama, es ist die Alltäglichkeit der Szenen, die Routine der Zumutungen, die einen bedrückt, weil sie zeigt, dass es für die in der Tretmühle gefangenen Turners kein Entrinnen aus der Abwärtsspirale gibt. Loach betrachtet seine Figuren mit aufmerksamer Anteilnahme, mit inständigem Blick, er schenkt ihnen und ihrer Geschichte die Zeit, die sie sich selbst nicht gönnen. Aus dem Bewusstsein ihrer Misere, „Was tun wir uns da nur dann?“, fragen sich Ricky und seine Ehefrau Abbie bald, entwickelt er einen zu Herzen gehenden Humanismus, heißt: dass nicht nur dieses mitfühlt, sondern der Kopf zum Mitdenken, zum Widerstandsdenken aufgefordert ist.

Und apropos, Wider-: Kris Hitchens Ricky trotzt den widrigsten Umständen, falschen Adressen, Strafzetteln, Stress mit Kunden und Nachbarn, die sich weigern ein Paket zu übernehmen, lange mit zäher Widerstandskraft. In Rickys Stimme und Körperhaltung schwingt zwar die Resignation mit, Hitchens müde Augen sagen mehr als die besten Dialoge, sein Gesicht eine Landkarte des Losertums, doch die Hoffnungslosigkeit, und Hitchen gestaltet sie demütig-stoisch und schaumgebremst, nimmt erst überhand, als seine prekäre berufliche Situation beginnt, den Haussegen zu zerstören. Wie Ricky ist auch Abbie eine Ich-AG, sie arbeitet als Alten- und Behindertenpflegerin nach einem Null-Stunden-Vertrag.

Was bedeutet, dass ihr ausschließlich die Arbeit am Klienten bezahlt wird, die Leerzeiten, wie beispielsweise die Fahrten von-nach, gehen auf ihr Konto. Und diese Leerzeiten werden nun länger, weil Abbie ihr kleines Auto wegen des Lieferwagen-Kredits verkauft hat und jetzt öffentlich unterwegs ist. Wie beiläufig berichten Loach und seine beiden großartig wahrhaftigen Hauptdarsteller, wie die Ehe in diesem Moment aus der Balance gerät, denn Abbie verliert mit der Mobilität jene Autonomie, die Ricky zu gewinnen wünscht. Debbie Honeywood macht aus Abbie eine liebevolle Seele, sie ist – und das völlig kitschfrei – die Güte in Person, während sie wartet, wenn die Betagten in ihren Erinnerungen versinken, bis die Bettlägerigen ihre schlechte Laune an ihr ausgelassen haben. „Behandle sie als wären sie deine Mutter“, ist ihr Leitspruch, doch die Verweildauer ihrer Visiten ist streng limitiert, die Klienten sind Kennziffern im Pflegeplan und müssen effizient verwaltet werden.

Familie Turner wird den Gürtel schon bald enger schnallen müssen: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone und Katie Proctor. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am Charakter Abbies thematisiert Loach jene Menschlichkeit, die im neoliberalistischen Weltbild und im zynischen Humankapital-Sprech nicht vorgesehen ist. Zynisch gesagt: Ein guter Mensch zu sein, bringt Abbie im Leben nicht weiter. Einmal hat sie den Albtraum, im Treibsand zu versinken, und da ist ihr die Chance aus diesem aufzutauchen längst entglitten. Töchterchen Liza Jane, Katie Proctor, bleibt ein braves Mädchen.

Doch Teenager-Sohn Seb, Rhys Stone als präpotent pubertierender Konsumrebell, wird, als er einmal den Kopf aus der Hoodie-Kapuze und dem Online-Spiel steckt, wegen eines Taggeranschlags auf Werbeplakate, deren angepriesenen Luxus er sich nicht leisten kann, von der Polizei festgenommen. Der Vater hat gegen dieses Aufbegehren wegen der von Seb so empfundenen elterlichen Vernachlässigung kein Mittel außer Ohrfeigen zur Hand. Wie daheim Autorität verkörpern, wenn man sichtlich draußen keine hat? Je mehr seine Protagonisten gehetzt sind, desto ruhiger scheint’s läuft Loachs Film. „Sorry We Missed You“ ist auf besondere Art diskret, wie eine unauffällige Gerichtsprotokollantin hält die Kamera von Robbie Ryan den Prozessverlauf bis zu dem Moment fest, von dem an kein Urteil zu entscheiden vermag, wo die wirtschaftspolitische Verantwortung für die Verhältnisse endet und der persönliche Veränderungswille einsetzen sollte.

„Sorry We Missed You“ ist eine allgemeingültige Story über die Auswirkungen sogenannter flexibler Arbeit auf das Leben, oder besser, dem Rest, der davon übrig bleibt, ist ein anrührendes, nie rührseliges, ein anklagendes Familiendrama in einer Bis-Zum-Umfallen-Arbeitswelt, die jeden Winkel des Daseins in Besitz nimmt und zersetzt. Für Ken Loach ist das Kapitalismus in seiner brutalsten Form. Er macht den Menschen zu Ware und produziert Existenz- ohne -grundlage. Loach ist darob, kein Zweifel, wütend, doch als Filmemacher ist er vor allem von der Liebe zu seinen hart arbeitenden Helden angetrieben.

Es tut weh zu sehen, wie die Turners um ihr Miteinander ringen, während ihnen in „Take back Control“- Großbritannien die Kontrolle übers Selbst, Boris Johnsons heiß propagierter Brexit-Wert, bereits entzogen ist. Das letzte bittere Bild zeigt, wie der verzweifelte, verschwollene, da bei einem Raubüberfall grün und blau geschlagene, weinende Ricky frühmorgens am Steuer seines Transporters sitzt. Sein Es-muss-gehen jenseits der Grenzen des Bis-zum-Gehtnichtmehr bleibt einem lange im Gedächtnis …

www.sorrywemissedyou-derfilm.de

25. 2. 2020

Hubert Sauper: We Come As Friends

November 25, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kolonialismus geht in die zweite Stufe

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 28. November startet in den Kinos Hubert Saupers Dokumentarfilm „We Come As Friends“, eine neuzeitliche Odyssee, eine atemberaubende Reise in das Herz Afrikas: In jenem Moment als der Sudan, das größte Land des Kontinents, in zwei Nationen geteilt wird, verfällt das Land erneut in alte Muster der „Zivilisierung“ – Kolonialismus, Kampf der Herrscher, und neue blutige Kriege im Namen des Glaubens und im Namen der Territorien und Ressourcen. Hubert Sauper, der Regisseur von „Darwin’s Nightmare“ nimmt uns mit in seinem kleinen, selbst entworfenen und gebauten Flugzeug aus Blech und Leinwand an die unwahrscheinlichsten Orte und tief in die Gedanken und Träume der Menschen. Chinesische Ölarbeiter, UN-Friedenstruppen, sudanesische Kriegsherren und amerikanischen Evangelisten verweben ironisch Gemeinsamkeiten in diesem Film. Ein komplexes, tiefgreifendes und humorvolles filmisches Unterfangen.

Hubert Sauper im Gespräch:

„Auch wenn ich Filme in Afrika drehe, mache ich keine Filme über Afrika. Afrika ist eine Plattform, die es ermöglicht, über unsere Zivilisation und unsere Zeit zu reden“. Hubert Sauper führt in „We Come As Friends“ seine Reflexionen zum Thema Kolonialisierung weiter.
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Was den Beginn der Dreharbeiten zu „We Come As Friends“ vorangeht, ist die Konstruktion eines Zweisitzer-Flugzeuges, mit dem Sie von Frankreich aus nach Afrika aufgebrochen sind. Nun ist so ein kleines Flugzeug Träger unzähliger Metaphern. Was hat Sie veranlasst, dieses Fortbewegungsmittel zu wählen? Was symbolisiert es für Sie?
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Hubert Sauper: Ich habe mich jahrelang theoretisch mit dem Thema Kolonisierung beschäftigt. Kolonisierung und Globalisierung sind abstrakte Begriffe, die so oft verwendet werden, dass man gar nicht mehr weiß, was sie genau bedeuten. Wenn man dieser „Pathologie“ auf den Grund geht, dann gelangt man zu einem wahnwitzigen Schluss. Kolonisierung steckt so tief in uns drinnen, dass es Teil unserer Zivilisation ist. Ich denke da weniger an die Tatsache, dass Europa die ganze Welt überfallen und zerrüttet und Millionen von Menschen vernichtet hat. Viel interessanter ist unser Mind-Set dazu. Wir, die westliche Zivilisation, agieren als Piraten, Mörder und Völkermörder und erfinden andererseits immer neue Mechanismen, um uns zu versichern, was für gute Menschen wir sind und wie sehr wir „on the good side of history“ stehen. Wir fahren nach Afrika, um die Menschen, die im Schatten leben, ans Licht zu bringen. Die Wahrnehmung davon, wo die Menschen im Licht und wo sie im Schatten leben, ist implizit in unserer kranken Weltsicht verankert.Viele Metaphern, die mit Kolonisierung zu tun haben, treffen sich im Gegenstand des Flugzeugs. Es ist Transportmittel, Symbol für technische Überlegenheit, phallisch, weiß, kommt von oben auf den schwarzen Kontinent hinunter, richten Unheil durch Bombardierungen an. Die ersten Bomben, die in der Geschichte der Menschheit von Flugzeugen aus auf Menschen abgeworfen wurden, fielen 1911 aus einem italienischen Flugzeug auf libyschen Boden. Genau an jenen Ort, an dem ich etwas außerhalb von Tripolis mit meinem Flugzeug gelandet bin. Ironischerweise genau hundert Jahre bevor die NATO Libyen bombardierte. Dazu kommt der christliche Symbolismus, der von der UNO wenn auch unbewusst bis an die Grenzen ausgereizt wird. Gute und rettende Menschen kommen in weißen Flugzeugen aus Europa und Amerika bringen Hilfsgüter, Impfstoffe und Lebensmittel und die Afrikaner müssen sich dankbar erweisen. Gleichzeitig sind Flugzeuge Maschinen, die mit Freiheit, Träumen in Verbindung stehen und auch eine Idee des „High-Seins“ vermitteln. Dieses kleine Flugzeug war unser LSD. Das Konzept der Superiorität kann sich allerdings schnell umkehren. Wenn man in einer fliegenden Blechdose auf einem libyschen Militärstützpunkt landet, ist von Überlegen-Sein keine Rede mehr. In solchen Situationen wurde der kleine Flieger eher zum trojanischen Pferd, weil er die Leute beinahe in einen Zustand der Lähmung versetzt hat. In dem Moment, wo wir ausgelacht wurden, hatten wir schon gewonnen. Das Wichtigste für einen Filmemacher ist der Zugang zu den Menschen und den hat man in dem Moment, wo die Leute zu lachen beginnen, auch schon gewonnen. Manche hab ich dann auf eine Runde im Flieger eingeladen.
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„Darwin’s Nightmare“ hatte ein unglaubliches internationales Echo und eine Nominierung für den Oscar, aber auch ein juristisches Nachspiel, das viel Kraft und Energie gekostet haben muss. Welche Frage hat Sie angetrieben, sich erneut in ein Abenteuer zu stürzen?
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Sauper: Auch wenn ich Filme in Afrika drehe, mache ich keine Filme über Afrika. Afrika ist eine Plattform, die es ermöglicht, über unsere Zivilisation und unsere Zeit zu reden. Viele Dinge, die bei uns in Europa sehr abstrakt sind, sind dort konkret und transparent. Korruption ist in Afrika gewiss nicht stärker verbreitet als in Europa, sie ist dort leichter zu beschreiben. In Europa ist sie ebenso Teil des Systems, sie heißt halt dann Lobbyismus. Die Spiele sind die gleichen. Das Nachbeben zu „Darwin’s Nightmare“ war in dem Moment, wo es geschehen ist, ein harter Schlag. Es hat mich umgekehrt sehr klar positioniert. Ich kenne meine Feinde. Letztendlich hat es mir sehr viel Energie verliehen, weil mir bewusst wurde, dass es ein System gibt, das ich nicht nur in meinen Filmen beschreibe, sondern das auch aktiv zugeschlagen hat. Umso mehr hatte ich auch Lust, wieder auszuholen. Diesmal bin ich auch mental besser auf den nächsten Backlash vorbereitet. Ich rechne jedenfalls damit. Wenn der Film in die Kinos kommt wird es wieder gefährlich werden. Aber ich bin älter und besser vorbereitet.
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Warum fiel die Wahl auf den Sudan als Schauplatz Ihres neuen Films?
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Sauper: Der Sudan ist ein Land mit einer jahrhundertealten Kolonialgeschichte, aber auch einer Jahrhunderte währenden Geschichte des Widerstandskampfes. Sudan war mehr oder weniger der „Hinterhof“ von Ägypten. Schon zu Zeiten der Pharaonen holten die Herrscher über den Schiffweg am Nil ihre Sklaven, Rohstoffe, Lebensmittel von dort. Späterwurde der Sudan von den Ottomanen, dann von den Briten, teils von den Franzosen in Besitz genommen, auch die arabischen Länder versuchten es zu vereinnahmen. Im Prinzip ist der Sudan ein Miniaturabbild von ganz Afrika, es gibt einen arabischen und einen schwarzafrikanischen Teil, eine Hälfte des Landes ist Wüste, die andere grün, der Nil schneidet in der Mitte durch. Mit der Teilung des Sudans 2011 haben sich meine Erwartungen bestätigt, nämlich dass die Teilung des Landes etwas wie ein Fenster auf die Geschichte ist. Die Kolonialgeschichte Afrikas wurde in erster Linie dadurch determiniert, dass die Europäer Afrika in 50 kleine Stücke aufteilten und sie dann als Nationen benannten. Das größte dieser 50 Stücke war der Sudan. Aus imperialpolitischer Sicht sind große Einheiten schlecht und es gab einen unausgesprochenen Konsens darüber, dass der Sudan fallen sollte. Was die Situation noch verschärfte, war der Umstand, dass die USA einen stärkeren Fokus auf Afrika richteten. Der Sudan wurde in eine Nord- und eine Südhälfte, praktisch in eine westliche und eine chinesisch dominierte asiatische Hälfte geteilt. Eine Teilung, die sich wie ein gespielter, hundert Jahre alter Witz vor unseren Augen vollzog. Mein Wissen über die Kolonialgeschichte, das Prinzip des „Divide and rule“, die Art, wie der Schritt der Teilung als politisch notwendiger Schritt zwischen den Guten und den Bösen kommuniziert wurde, sah ich real umgesetzt. Für einen Filmemacher ein wahres Geschenk. Im Prinzip ging es nur um die Frage, wie man am besten herrschen kann. Niemand sprach davon, dass die ganze Welt aktiv daran mitarbeitete, eine neue, 2000 km lange Grenze mitten durch Afrika, mitten durch die Ölfelder zu ziehen. Jedes Kind kann den Schluss ziehen, dass das nicht lange gut gehen kann.
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In „We Come As Friends“ lassen Sie sich in ein Geflecht von Fäden ein, das genau dieses Chaos vor Augen zu führt und nicht mehr zu entwirren ist. War Sich-Einlassen auf das, was kommt, Sich-mit-den-Ereignissen-Weiter bewegen die Strategie, wenn man dieses Wort verwenden kann, mit der Sie an dieses Projekt herangegangen sind?
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Sauper: Die Strategie war die, mir mit dem Flugzeug, das auch einen gewissen Effekt der Verblüffung erzeugte, einen Zugang zu schaffen. Das war in gewisser Weise sehr konzeptuell. Was dann geschah, war in keiner Weise genau planbar. Wenn man sich auf eine gewisse Wellenlänge einpendelt, dann passieren auch „Wunder“ – dass beispielsweise plötzlich jemand „My land, my land“ vor der Kamera zu singen beginnt. Das ist die purste Form von Dokumentarfilm. Es gibt nichts Wirklicheres für einen Filmemacher als einen starken Moment zu erleben und ihn mit der Kamera auch noch aufzuzeichnen. Da passiert etwas Enigmatisches, das sich Kino nennt. Es gibt Momente, wo man als Filmemacher genau weiß, dass jetzt der Moment da ist. In diesem Moment darf man halt keine unscharfen Bilder machen, das ist das Einzige, woran man denken muss. Teil des Konzepts war es auch, mein eigenes Leben in einen Zustand der Außergewöhnlichkeit und mich selber mental in einen außergewöhnlichen Zustand zu begeben, dass man die Welt wie in einem Drogenrausch plötzlich ganz anders sieht, allerdings ohne Drogen dafür zu nehmen, sondern durch einen gedanklichen und physischen Ausnahmezustand.
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Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner gefunden?
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Sauper: Bei jeder Landung war uns klar, dass es wieder Riesenstunk geben würde. was sich in den ersten Minuten meist bewahrheitet hat, wenn ein Typ in Uniform auf uns zukam, um uns mitzuteilen, dass wir „grounded“ seien. Oft bekamen wir einen Lachkrampf, weil klar war, dass es unausweichlich war. Aus diesem Ausnahmezustand ist ein Ausnahmeblick auf die Welt entstanden. Die meisten Bilder in einem Dokumentarfilm existieren deshalb, weil man selber da ist und weil man selber Teil dieser Realität ist. Wie man mit jemandem redet, wie jemand seinen Blick auf den Filmemacher wirft, das ist dann im Film zu sehen. Ich will auf keinen Fall, dass sich der Zuschauer im Film „wohlfühlt“. Zum Glück ist die Welt eine Aneinanderreihung von Absurditäten, in so einem Wahnsinn sind die Ironie, das Paradoxe, das Enigmatische, das Phantastische und Schöne die Überlebensanker. In der Kunstgeschichte ist es nicht anders. Die grausamsten Darstellungen der Hölle zum Beispiel sind meistens „schöne“, phantastische Kunstwerke.
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Wie konnten Sie als „Weißer“, wenn auch mit einer sehr reflektierten Haltung gegenüber dem Kolonialismus, in Ihrer filmischen Arbeit Ihre Position finden?
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Sauper: Ich bin und bleibe ein Europäer, daran ist nichts zu ändern. Im Film habe ich meine Position sehr genau dosiert und mich selbst wie eine Figur behandelt. Ich habe mich als Filmfigur als jemand hingestellt, der Teil des Wahnsinns ist und nicht der nette Hubert. Natürlich sehe ich mich lieber als jemand, der gerne mit den Kindern im Dorf herumblödelt und nicht als jemand, der eine potenzielle Bedrohung für die Leute darstellt. Mir war es wichtiger, Situationen zu zeigen, wie ganz am Anfang, wenn wir in einem Dorf landen, und die Leute uns verstört fragen, was wir denn überhaupt da wollten. Ich wollte diese Ambivalenz spürbar machen, da ich keinesfalls die Position eines guten Menschen in einer bösen Welt einnehmen wollte. Das macht den Zugang zum Film schwieriger, aberintellektuell auch spannender. Wenn jemand zu mir sagt „Du willst eine Gesellschaft kritisieren, von der du selbst ein Teil bist“, dann stimme ich dem zu. Mein Flugzeug hat außerdem auch Benzin gebraucht und die Luft verpestet. So ist es. Ich wollte nie versuchen, etwas zu erklären. Dazu gibt es BBC und Wikipedia und ein Heer von Journali sten auf der ganzen Welt. Ich wollte vielmehr einen Stein auf den anderen legen, bis es ein Konstrukt wird, das einen explosiven Zustandim Kopf herstellt. Es war nie meine Absicht, die Augen zu öffnen, sondern vielmehr komplexere Gedanken in Gang zu setzen.
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Ist Filmemachen für Sie ein Wandeln an den Grenzen und ein Überschreiten davon?
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Sauper: Ich will mich selber in einen Grenzzustand versetzen und wie schon gesagtin einem Geisteszustand sein, der einem Drogenrausch gleichzusetzen ist. Andererseits bin ich kein Adrenalin-Junkie. Ich gebe schon Acht, dass ich nicht herunterfalle. Es wirkt im Film vielleicht extremer als es war. Im Nachhinein betrachtet gab es banale Momente, die potenziell sehr gefährlich waren, spektakuläre Momente, die letztlich ungefährlich waren. Natürlich ist es ein Abenteuer und das ist wiederum etwas, das mit Kolonialismus zu tun hat. Was die Pioniere des Kolonialismus unter anderem motiviert hat, waren auch Dinge wie Neugier und Abenteuerlust, das Eintreten in neue Welten und die Begegnung mit dem Unbekannten. In unserer komfortablen Zeit ist das fast schon etwas Archaisches und hat etwas von einer anderen Zeit. Manchmal fühle ich mich in unserer Zeit völlig deplatziert. Jeder redet von Sicherheit, Zukunftsvorsorge, Pension. Das halte ich für viel lebensgefährlicher als die Lebensgefahr, in die ich mich vermeintlicher Weise begebe. Die wahre Lebensgefahr sehe ich darin, ein Leben lang für eine Bank zu arbeiten und schließlich draufzukommen, dass es für nichts war. Oder mit jemandem 50 Jahre verheiratet sein, den man nicht mag und nur aus Bequemlichkeit den Schritt nicht zu setzen. Wieviele Menschen verspielen ihr Leben, weil sie sich jedem Risiko verweigern?

Wien, 25. 11. 2014

TAG: Where are we now?

Mai 5, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Beihilfe zur Panik des 21. Jahrhunderts

Bild: Tania Pilz

Bild: Tania Pilz

Am 5. Mai lädt das TAG zur letzten Premiere vor der Sommerpause: Die Compagnie Luna gastiert mit ihrer Stückentwicklung „Where are we now?“ Ausgehend von René Magrittes Gemälde „Lovers“ entwickelt das Team rund um Regisseur Josef Maria Krasanovsky in sechswöchiger Probenzeit ein surreales Theater-Spektakel: beißende Pointen, greller Kitsch, verhüllte Köpfe, Sprachakrobatik … Mit im 5-köpfigen Ensemble: Schauspielerin Karin Lischka, die in Karl Markovics Film „Atmen“ die weibliche Hauptrolle spielte.

Das Bild „Lovers“ des Surrealisten René Magritte zählt zu den bekanntesten Gemälden des 20. Jahrhunderts. Bis heute haben die Werke des Belgiers nichts an Sprengkraft verloren: „Die alte Frage: ‚Wer sind wir?‘ findet in der Welt, in der wir leben müssen, eine enttäuschende Antwort.“ (René Magritte). Ausgehend von René Magrittes Werk entwickelt das Team rund um Regisseur Josef Maria Krasanovsky einen schrägen Trip durch die verdächtige Welt des belgischen Surrealisten: beißende Pointen, greller Kitsch, verhüllte Köpfe, Sprachakrobatik, verformte Körper … In szenischen Bildern und mit treibenden Beats stellen sie Magrittes Fragen erneut: Wer sind wir? Wo sind wir? Und vor allem – was sollen wir tun? Compagnie Luna wagt damit eine theatralische – manchmal durchaus unernste – Gegenwartsbestandsaufnahme.

Mit Where are we now? meldet sich Compagnie Luna nach fast zweijähriger Schaffenspause zurück. Nach „Vielen guten Menschen fliegt der Hut vom Kopf“ im Theater Drachengasse schließt die Compagnie Luna mit ihrer neuen Produktion an ihre groß produzierten Stücke „Wir hüpfen nur aus Höflichkeit“ und „Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg“ an. Nachdem Regisseur Josef Maria Krasanovsky zuletzt auf Solopfaden in Graz mit „Jugend ohne Gott“ und „Tschick“ erfolgreich zugange war, steht mit der aktuellen Produktion wieder eine Stückentwicklung für seine Compagnie auf dem Programm.

Es spielen: Ambra Berger, Patrick Jurowski, Karin Lischka, Herwig Ofner und Lisa Schrammel.

www.dastag.at

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=temadLNtjaA&feature=youtu.be

Wien, 5. 5. 2014

The Forsythe Company im Tanzquartier Wien

März 28, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Yes We Can’t

Bild:  © Dominik Mentzos

Bild: © Dominik Mentzos

Nach dem großen Erfolg von Sider im Dezember 2012 kehrt die Forsythe Company am 4. und 5. April endlich wieder mit einem neuen Stück ins Tanzquartier Wien zurück! Yes We Can’t ist eine humorvolle, intelligente und unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem Scheitern. Neben Pina Bausch und Merce Cunningham ist William Forsythe einer der renommiertesten Choreografen des zeitgenössischen Tanzes. Aus dem Bewegungsmaterial des klassischen Balletts schöpfend hat er eine eigene, unverwechselbare choreografische Sprache entwickelt, die inzwischen Generationen von KünstlerInnen inspiriert hat.

In Yes We Can’t dreht sich alles um das Spektakel des Ringens um die außergewöhnliche Darbietung, das stets vom Angstgespenst des Scheiterns heimgesucht wird. Und frei nach Becketts Aufforderung „Try again. Fail again. Fail better.” Wird das Malheur absichtsvoll inszeniert und enthüllt so, auf ironisch-humorvolle Weise, dass die Fassade des ausgezeichneten Darbietungsniveaus stets unhaltbar und unvollkommen ist. Die Forsythe Company zeigt sich in Bestform und präsentiert mit viel Spiellust und der Virtuosität einer Weltklasse-Kompanie, dass man auch lustvoll Scheitern kann.

Kein Einlass für Kinder unter 12 Jahren.

www.tqw.at

Wien, 28. 3. 2014