Volkstheater: Der gute Mensch von Sezuan

Oktober 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Brechts Parabel bleiben ein paar illegale Teigtascherl

Im Schatten des im Wortsinn großen Bert Brecht: Andreas Patton, Steffi Krautz, Claudia Sabitzer, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Constanze Winkler, Lukas Watzl, Isabella Knöll und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn zum Schluss der Kurz’sche Satz fällt „Sozial ist, was stark macht“, dann ist die mutmaßliche Stoßrichtung des Abends endlich formuliert. Klar, Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ ist das Stück der Stunde, Robert Gerloff hat’s nun am Volkstheater inszeniert, wo man auch höchst p.c. die Autorinnen- schaft von Ruth Berlau und Margarete Steffin anführt. Einen Konnex zum „kapitalistischen Surrealis- mus“, wie ihn Markus Metz und Georg Seeßlen beschreiben, gibt der Regisseur als Referenz an.

Was bedeutet, wo’s früher „Ohne Fleiß kein Preis“ hieß, sind die Systemmacher heute die mit der größten Fähigkeit, aus nichts ein Etwas zu kreieren – Stichwort: Erfindungs/Reichtum. In dieses Konzept wird nun gezwängt, was sich nicht wehren kann. Gerloff schraubt seine extrem stilisierte, durchchoreografierte Inszenierung bis zum Anschlag auf artifizielles Konstrukt, als könne maximale Künstlichkeit ein Mehrwert fürs Zur-Kenntlichkeit-Entstellen sein. Dies ist wohl, was er unter epischem Theater versteht, und passend zu dieser fixen Idee ist das Bühnenbild von Gabriela Neubauer eine Art „Turm zu Babel“-Baustelle, von welcher der übermenschengroße, tatsächlich Zigarre qualmende Kopf des Godfather auf seine Kreaturen blickt, und sind es die Kostüme von Johanna Hlawica aus einem zu eigener Körperhaftigkeit gestärkten Kunst-Stoff.

Das tollste Teil trägt die „achtköpfige Familie“ in Form eines riesigen Ponchos mit je einem Kopfdurchschlupf für jeden von der Verwandtschaft – die Mischpoche als ein mächtiger Parasit. Das alles ist von ansprechender Ästhetik, allerdings verheddert sich Gerloff im Bemühen, Brechts Protagonistin Shen Te einer Gesellschaftsanalyse à la Metz/Seeßlen zu unterwerfen. Selbstverständlich kann man der Figur den Versuch einer aberwitzigen Verbindung von Profitgier mit humanistischem Gedankengut in die Schuhe schieben, freilich will die von der Prostituierten zur Tabakhändlerin Avancierte mittels eines imaginären Vetters ihre wirtschaftliche Interessen mit ihren Moralillusionen synchronisieren.

Nur steckt im Brecht-Text mehr Kritik an wachstumsimmanenten Unsinnigkeiten, sozialen Ungerechtigkeiten, am Primat permanenter Profitmaximierung, ergo an der Ausbeutung von Arbeitskraft, als die postfaktische Schulweisheit sich träumt. Was, während der Zuschauer in der Reihe hinter einem, weiß, männlich, offensichtlich wohlsituiert, laut über das längst überfällige Abschaffen von Arbeitnehmervertretungen angesichts „der zunehmenden Zufriedenheit der Berufstätigen mit dem Zwölf-Stunden-Tag“ philosophiert, hätte sich über die Verhältnisse in Sezuan nicht alles anmerken lassen?

Shen Te verwandelt sich Shui Ta: Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jan Thümer als mit seinem Schicksal hadernder Flieger Yan Sun. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Über Abgehängte, Arbeitslose und den diesen aufgezwungene Ich-AGs, über Gehaltsschere und Schere im Kopf, über die sogenannten betrieblichen Umstrukturierungen, die immer beim Personalabbau in der Belegschaft beginnen … Doch ein wirkliches weiteres Ausführen der Parabel bis zur Situation der Gegenwart passiert nicht. Wiewohl Shen Te die Götter natürlich fragt, „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“, und diese vor der kapitalistischen Ökonomie kapitulieren. Am Volkstheater springinkerln sie ihr fröhliches Liedchen trällernd über die sich beständig drehende Bühne. Imre Lichtenberger Bozoki hat Paul Dessaus Musik für die dreiköpfige Band Raphael Meinhart, Oliver Stotz und er selbst der Trompeter eingerichtet, und wechselt den Sound zusätzlich von Genesis‘ „I Can’t Dance“ – samt dazu ausgeführtem Video-Walk – zum „The End“ der Doors.

Gerloff lässt sein Ensemble dazu hopsen und im Gleichschritt tänzeln. Louis de Funés‘ berühmtes „Nein! – Doch! – Oh!“ kommt zu Ehren, und da das Ganze bekanntlich in China angesiedelt ist – hurra, was ein Spaß! -, die berüchtigten sich illegal in Österreich aufhaltenden Teigtascherl. In dieser Sinnspruchszenerie spielt Claudia Sabitzer die Shen Te mit einem Anstand und einer Würde, die alles überstrahlt, und um nichts schlechter ihren ausgeklügelt gemeinen Cousin Shui Ta, ihr gewinnorientiertes zweites Ich, das der gutmütigen Wohltäterin die Schmarotzer vom Leib schneidet. Die neben Sabitzer eindrücklichste Rollengestaltung gelingt Gertrud Roll, die als die Shin die Ereignisse mit staubtrockenem Sarkasmus kommentiert – und trotzdem für Momente die warmherzige Mitmenschlichkeit dieses Charakters aufblitzen lässt.

Jan Thümer gibt den Flieger Yang Sun gebrochen genug, um seinen Weg vom schäbigen Liebhaber zum kleinlaut die bösartigen Einflüsterungen seiner Mutter befolgenden Söhnchen zum Peitschen schwingenden Vorarbeiter in der Tabakfabrik nachvollziehbar zu machen. Ein Anti-Held, wie er bei Brecht steht. Steffi Krautz ist als Mutter Yang wie Hausbesitzerin Mi Tzü geldgierig und intrigant, und versteht es, beide Frauen messerscharf gezeichnet über die Rampe zu bringen. Und apropos, Rampe: Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler auf Brecht-Manier in einen Lichtspot und aus ihren Rollen, um sich mit ihren Bemerkungen direkt ans Publikum zu wenden.

So tut’s auch „die achtköpfige Familie“, mit Thümer sind es Isabella Knöll, Günther Wiederschwinger, Constanze Winkler und Lukas Watzl, die wiederholt für witzige Einlagen sorgen. Sie alle agieren vielfach, wie Andreas Patton unter anderem als zwielichtiger Barbier, der gedenkt, sich durch eine Heirat mit Shen Te deren „Marke“ der Ehrbarkeit einzukaufen, oder Nils Hohenhövel, der als Schreiner vom zahlungsunwilligen Shui Ta in den Konkurs getrieben wird. Watzl bestreitet als Wasserverkäufer auch die erste Begegnung mit den Göttern.

„Die Shin“ Gertrud Roll kommentiert staubtrocken das Geschehen; hinten: Claudia Sabitzer und Steffi Krautz als Hausbesitzerin Mi Tzü. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aber, wie gesagt: Mehr Sinnieren über Ursache und Wirkung vom Geld-regiert-die-Welt ist nicht, auch nicht über das mit dem Abhacken des ganzen Arms endende Reichen des kleinen Fingers, oder über Wohltätigkeit als Wertschöpfungsmaßnahme, oder über politische Veränderung, die im Kleinen gern beginnen kann, aber im Großen weitergehen muss. Der pädagogische Fingerzeig, der am Volkstheater mitunter überschnell zur Stelle ist, hinkt den hehren Absichten der Aufführung diesmal gehörig hinten nach. Schade. Über „Sezuan ist überall und insbesondere im neoliberalistischen Hierzulande“ wäre Ausführlicheres zu sagen gewesen.

Ein Satz zu Beginn dieser Rezension, einer zum Schluss: „Mir ist nicht so wichtig, wer mit wem regiert, mir ist wichtig, wer wofür regiert“, so Bundespräsident Van der Bellen bei der Erteilung des Regierungsbildungsauftrags an Sebastian Kurz. Hoffentlich steckt dieser Spruch in der Lichtenfelsgasse schon hinter einem der Spiegel.

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  1. 10. 2019

Volkstheater: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss

September 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tieferer Sinn erschließt sich nicht

Die Bühne dient den Tänzern als – gähnend leerer – Ruheraum: Lukas Watzl, Isabella Knöll, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Sebastian Klein, Birgit Stöger, Claudia Sabitzer und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem sitznachbarlich Wienerischen „Zerwos?“/wozu kann man sich zum Schluss nur anschließen. Regisseur Miloš Lolić hat am Volkstheater „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ inszeniert, dabei aber seiner selbst getroffenen Stoffauswahl offenbar miss-, heißt: weder der theatralen Kraft von Horace McCoys 1935er-Roman „They Shoot Horses, Don’t They?“ noch der kongenialen Verfilmung von Sydney Pollack aus dem Jahr 1969 vertraut.

Seltsam ist das, wäre doch die Vorlage, deren Story sich um einen der damals beliebt-berüchtigten Tanzmarathons in den USA der 1930er-Jahre dreht, Events, die McCoy aus persönlicher Erfahrung kannte, da er bei solchen als Rausschmeißer arbeitete, für zweifachen Konnex zur Gegenwart gut. Einem gesellschaftspolitischen Kapitalismus-auf-der-Kippe-Bezug mittels Rückblicks auf die Große Depression, die Verzweifelte wie Glücksritter mit der Aussicht auf 1000 Dollar Preisgeld und bis zu sieben Mahlzeiten täglich, die allerdings um den Esstisch tanzend eingenommen werden mussten, zu diesen Folter-Veranstaltungen lockten – und anhand deren archaischer Spielregeln sich mühelos Themen wie schwindender Sozialstaat, daher erstarkender Sozialdarwinismus, daher Existenzkampf für die von der Gemeinschaft Abgehängten bei gesteigertem Wettbewerb für die Systemgewinner, verhandeln hätten lassen.

Oder einem medienkritischen Seitenhieb, sind doch diese auf „real life“ gestylten Contests gleichsam als Vorläufer von Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“ oder derzeit „Love Island“ zu betrachten, in denen die Kandidaten für den Sieg alles über sich ergehen lassen, und den Voyeurismus der Zuschauer mit – oft genug gefaktem – Herzschmerz, Streitereien und Skandälchen befriedigen. Schon in den 1930igern war es üblich, dass das Publikum die Tanzteilnehmer bis unter die Dusche verfolgte, deren halbkomatösen Minutenschlaf, ihr Kollabieren, ihr ob der körperlichen Verausgabung sogar Halluzinieren miterleben konnte, und müssen die Mitwirkenden heute unappetitliche Teile von Tieren essen, so gab es damals Sondermatches im Dauerlächeln, Boxrunden – und das gefürchtete „Derby“, ein Laufen bis zum Umfallen, das sprachlich nicht zufällig Menschen mit Rennpferden gleichsetzt.

Getanzt wird – live gefilmt – in der Roten Bar: Isabella Knöll unad Lukas Watzl als Alice LeBlanc und Joel Girard. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Filmstatistin Gloria Beatty und der gescheiterte Regisseur Robert Syverton hoffen, „entdeckt“ zu werden: Sebastian Klein und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Immer in Bewegung bleiben: Nils Hohenhövel und Katharina Klar als Jimmy Bates und dessen hochschwangere Frau Ruby. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Shirley Clayton, Lillian Bacon und Harry Klein spielen eine Szene aus „Mutter Courage“: Claudia Sabitzer, Steffi Krautz und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Daran knüpft Lolić in gewisser Weise an, indem er, so ziemlich alles an McCoy’scher Handlung beiseiteschiebend, mithilfe von Schauspielszenen aus Stücken, die fürs Volkstheater von aufführungsgeschichtlicher Bedeutung sind, nachbessert. Dies nicht, bevor sich die Showmaster Evi Kehrstephan und Jan Thümer in diversen Fummeln, er einmal als Conchita-Klon – und wie abgegriffen ist das denn?, ordentlich leidgetan haben. Von wegen schwieriges Haus, stürmische Zeiten, so schief in den 7. Bezirk hineingebaut, das es mit dem Feng Shui ja nicht klappen kann. Hernach liegt es an den Darstellern die von der Kritik skandalisierten Inszenierungen, womöglich deshalb in der Regel die großen Publikumserfolge, aus 130 Jahren Volkstheatergeschichte in kleinen Häppchen zu servieren.

Der tiefere Sinn dieses Tuns erschließt sich nicht, es sei denn er läge darin, dem Ensemble die Chance zu geben, die kommende Direktion vom eigenen Können zu überzeugen, oder eine Visitenkarte für künftige Engagements abzugeben. Jedenfalls erfährt man nicht mehr Neues, als bei einer durchschnittlichen Theaterführung, wobei jedes Robert Reinagl’sche „Vorhangverbot!“ mehr Verve hat, als Lolićs Regieeinfall.

Und so arbeiten sich Steffi Krautz und Günther Wiederschwinger wunderbar dialektordinär und samt Quickie hinterm Kleiderständer durch Schnitzlers „Reigen“-Dialog „Die Dirne und der Soldat“, der 1921 den antisemitischen Volkssturm entfesselte, schwören einander Birgit Stöger und Sebastian Klein als Marianne und Alfred anrührend an Horváths Donauufer die ewige Liebe (doch die Nachkriegs-Wiener wollten sich nicht als „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Figuren vorgeführt wissen), erinnern Claudia Sabitzer als „Mutter Courage“ und Stefan Suske als Feldprediger an den von Weigel, Torberg und Haeussermann angestifteten Brecht-Boykott, eine antikommunistische Kampagne, den Gustav Manker am Volkstheater als erster brach.

„Change“ von Wolfgang Bauer beschert Lukas Watzl und Isabella Knöll einen hinreißend satirischen Auftritt als Maler Ferry Kaltenböck nebst Freundin Guggi, was allerdings zur Disqualifikation von Knölls Tanzmaus Alice LeBlanc führt, weil die sich nicht wie vorgesehen vom Haberer ohrfeigen lässt, sondern sich aus den Männertexten einen feministischen Monolog zusammengebastelt hat. Auf Qualtingers „Die Hinrichtung“ folgt mit Katharina Klar und Nils Hohenhövel, sie das Parkettpaar Jimmy Bates und seine hochschwangere Ehefrau Ruby, Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“, und es werden nicht wenige Zuschauer im Abgang bemurmeln, dass die Ära Emmy Werner mit nur einer Produktion gewürdigt wurde.

Bei den „Derbys“ laufen die Darsteller kreuz und quer durch alle Etagen des Volkstheaters: Katharina Klar, Steffi, Krautz, Lukas Watzl, Sebastian Klein und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schließlich noch Thomas Bernhard und „Vor dem Ruhestand“, dies ein Stück der ersten Schottenberg-Spielzeit, dessen – ohne mahnenden Politfingerzeig kann’s Lolić nicht – von Anna Badora abmontierter roter Stern symbolträchtig über die Bühne getragen wird, bevor die zunehmend enervierenden Showmaster Kehrstephan und Thümer genüsslich die „Hitlerzimmer“-Affäre breittreten. Jenen Raum, in dem der „Führer“ die Pause verbringen sollte, nur dass er das Volkstheater nie besuchte,

und deren – no na – braune Holztäfelung Michael Schottenberg im Jahr 2005 erst als Bühnenbild für „Vor dem Ruhestand“ abnehmen ließ, bevor er sie auf Geheiß des Bundesdenkmalamtes wieder montieren musste. Seit Badora nennt sich das immer noch braungebretterte Erbstück vornehmer Bibliothek … Alldieweil versuchen Birgit Stöger und Sebastian Klein als Filmstatistin Gloria Beatty und gescheiterter Regisseur Robert Syverton vergebens ihren Status als Hauptcharaktere zu behaupten, dabei wäre die zynische Komparsin doch eigentlich eine Paraderolle für die so gekonnt spröde spielende Stöger. Warum Kehrstephan und Thümer ihr Ende – der hoffnungslosen Gloria gibt Robert schließlich den Gnadenschuss – quer durch den Abend vorwegnehmen, man weiß es nicht.

Ebenso wenig, warum Lolić auf die Idee verfallen konnte, die Tanzszenen sich in der Roten Bar ereignen zu lassen, wohingegen die im Wortsinn gähnend leere Bühne als Ruheraum dient. Wozu das Programmheft eine Choreografin ausweist, bleibt nicht weniger unklar, wird doch kaum mehr als geschunkelt und dieses unscharf-grobkörnig auf eine Leinwand im Hintergrund übertragen, die noch dazu von einem die Sicht nehmenden Lichtobjekt verhängt ist. Der gebürtige Grazer Lukas Watzl macht noch schnell vor, wie’s das Publikum verärgern würde, spielte „ein Piefke“ Turrinis „Rozznjogd“, und lässt dieses Gegeneinander-Ausspielen von Österreichisch vs. Deutsch in der Moralpredigt gipfeln, mit dem Dialekt würden einschlägige Politiker dem Wahlvolk suggerieren „Ich bin einer von euch“.

Dazwischen finden die „Derbys“ statt, bei denen die Schauspieler, gefolgt von den Livekameras, durch alle Ebenen des Hauses hetzen. Dass diese Überfrachtung mit Volkstheaterfakten, Tanzparkettchaos und Politstatement, keinen Platz für Personenzeichnung oder Rollengestaltung lässt, ist klar. Immerhin einsichtig, dass man, noch dazu nach dieser Aufführung, das derzeitige Volkstheater als „Baustelle ins Ungewisse“ deklariert. Saniert müssen nämlich nicht nur die Wände werden, sondern auch das, was sich in ihnen abspielt.

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  1. 9. 2019

Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

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  1. 11. 2018

Volkstheater: Claudia Sabitzer im Gespräch

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dem „Mittelschichtblues“ geht sie in die Bezirke

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am 30. September eröffnet das Volkstheater in den Bezirken die Spielzeit mit der Premiere von „Mittelschichtblues“. Claudia Sabitzer (mehr: www.volkstheater.at/person/claudia-sabitzer/) spielt die Hauptrolle in dieser Komödie des US-Dramatikers David Lindsay-Abaire. Sie ist Margaret, fünfzig, alleinerziehende Mutter einer Tochter mit Behinderung, mit miesen Job in einem Ein-Dollar-Shop. Den sie dann auch noch verliert. Was also tun?, wird in der Freundinnenrunde beratschlagt. Jean gibt einen Hinweis: Mike hat’s geschafft, er ist Arzt geworden, führt eine Praxis in der Innenstadt, verfügt über ein mutmaßlich finanzkräftiges soziales Netzwerk – und war in Jugendjahren einen Sommer lang Margarets Liebe.

Legitimation genug, sich zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Doch Mike, der hehre Self-Made-Man mitten im American Dream, sieht in Margarets misslicher Lage allein ihr persönliches Versagen … In der Regie von Ingo Berk spielen mit Sabitzer Günter Franzmeier den Mike, Nancy Mensah-Offei, Martina Spitzer, Lukas Watzl und Doris Weiner.

Claudia Sabitzer im Gespräch:

MM: Der „Mittelschichtblues“ ist eine Kleine-Leute-Komödie. Worum geht’s konkret?

Claudia Sabitzer: Um eine Frau mittleren Alters, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, etwas aus ihrem Leben zu machen, was aufgrund der äußeren Umstände für sie nicht so leicht ist. Aber sie ist unerbittlich, eine sympathische Figur, die versucht aus allem das Beste zu machen und auch in allem das Beste zu sehen. Das finde ich sehr schön, denn die Figur ist mir diesbezüglich ähnlich, wir treffen einander da ein bissl.

MM: Eine sympathische Figur wird diese Margaret in Ihrer Darstellung. Beim Lesen des Stücks schwankte ich zwischen vorurteilsbehafteter Nervensäge und unsympathisch – wiewohl das natürlich komisch geschrieben ist…

Sabitzer: Ich finde es interessant, dass Sie das sagen. Margaret hat ein schwer behindertes Kind, für das zwei Männer als Vater infrage kommen: Mike, der Arzt, der es geschafft hat, und ein Teenagerflirt, ein Loser, der mittlerweile die Flucht ergriffen hat. Das Stück klärt die Frage und klärt sie auch nicht. Wir haben das bei den Proben diskutiert, und je nachdem wen die Leute für den Kindsvater halten, halten sie Margaret für sympathisch oder nur eigenartig. Zum Schluss wird eindeutig angesprochen, welcher Mann der Erzeuger ist, sage ich. (Sie lacht.)

MM: Das Stück sorgt jetzt schon für Diskussionen, wie schön! Der „Mittelschichtblues“ behandelt Themen unserer Zeit, den Zwei-Klassen-Kampf. Es geht um Herkunft und ob man sich von ihr befreien kann.

Sabitzer: Das ist eine Sache, die mir immer präsenter wird, seit ich selber Kinder habe. In der Schule ist Herkunft leider oft ein Thema, in kleinen Dingen wird den Kindern da gesagt, du bist, wo du herkommst. Deine Mutter ist Alleinerzieherin mit mehreren Kindern? Na, dann kann aus dir ja nichts G’scheites werden, du kommst sicher nicht ins Gymnasium. Ich bin da immer wieder irritiert, wieso so etwas Thema ist. Wir sind eine Gesellschaft mit Standesdünkel! Furchtbar!

MM: Im Stück gibt es eine Szene zwischen Margaret und Mike, in der Sie ihm die besseren Karten unterstellt, weil sich seine Eltern für seine schulischen Leistungen interessiert haben, während es den ihren ganz egal war. Wie wichtig sind Eltern bei der Schulbildung, was muss Schule alleine leisten?

Sabitzer: Eltern haben einen nicht unerheblichen Anteil. Sollten ihn haben. Eltern sollten Kindern alles ermöglichen können, womit wir leider wieder beim Geld sind. Kann man sich Nachhilfestunden leisten? Oder ist meine eigene Ausbildung so gut, dass mein Kind mich fragen kann? Kann ich mit meinem Sohn Englisch machen? Das sind lauter so Dinge, die aufs Kind zurückfallen. Der Zwei-Klassen-Kampf, wie Sie gesagt haben, beginnt im Elternhaus. Wenn daheim gewisse Voraussetzungen nicht gegeben sind, wird es für das Kind ungleich schwieriger.

MM: Kinder brauchen beim Lernen ein Vorbild?

Sabitzer: Sie brauchen eine Bezugsperson für die Bildung. Ich hatte eine Bibliothekarin, die mich sehr gepusht hat. Die hat gemerkt, ich lese gern, und hat mir immer schon Bücher ausgesucht und hingeschoben, die ich so nie aus dem Regal gezogen hätte. An dieser Frau habe ich mich sehr orientiert, auch im späteren Leben, ich denke oft an sie zurück, ach, das würde Elsa jetzt so oder so machen. Auch da kann eine Möglichkeit sein. So ein Mensch öffnet im Kopf Türen, wenn man so einen Menschen nicht hat, braucht man viel Kraft, um das selber zu tun.

MM: Margaret hat durch ihre mangelnde Ausbildung schlechte Jobs, die sie auch immer wieder verliert. Aus immer denselben Gründen. Ein AMS-Mitarbeiter würde sagen: Die üblichen Ausreden, warum das und das nicht geht, und er kennt sie alle schon.

Sabitzer: Ich glaube, als Alleinerzieherin mit einem schwerstbehinderten Kind hat sie Mitgefühl verdient. Auf Joyce aufpassen oder Geld verdienen – beides unter einen Hut zu bringen, ist schon sehr schwer. Ich finde man kann Margaret keinen Vorwurf machen, sie versucht zu managen, woran andere verzweifeln würden. Der „Mittelschichtblues“ spielt in den USA, in der übelsten Gegend von Boston, ich bin aber nicht sicher, ob es hier einfacher ist.

MM: Holt Ingo Berk die Handlung näher an Europa?

Sabitzer: Jein. Die Themen sind allgegenwärtig, diese sozialen Brennpunkte gibt es überall, auch in Wien. South-Boston ist vielleicht extrem, aber solche Grätzel sind hier auch nicht anders. Wir spielen das Stück nicht speziell amerikanisch, aber auch nicht speziell Wienerisch.

MM: Margaret, die selbst um Verständnis heischt, hat für Leute anderer Hautfarbe und Herkunft sehr wenig Empathie. Der Gegenpol ist Mikes Frau Kate, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten Geboren“ glaubt. Kate ist aus bestem Hause. Ist Intoleranz etwas Schichtspezifisches?

Sabitzer: Nein! Ich weiß es nicht. Kate hat auch ihre Schwierigkeiten, sie ist dunkelhäutig und wird auf dem Spielplatz für die Nanny ihrer Kinder gehalten. Nur in ihrem privaten Umfeld spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Margaret wiederum kommt aus einer Gegend, in der es immer wieder Rassenunruhen gab, also beurteilt sie die Dinge anders. Sie ist mit Diskriminierung aufgewachsen, sich im Kopf davon zu befreien, ist sicher nicht ganz einfach. Ich versuche ihre Art nachzuvollziehen, was nicht einfach ist, weil ich aus einem ganz anderen Umfeld komme.

MM: Ken Loach gewinnt mit solchen Stoffen, siehe „Ich, Daniel Blake“, Preise …

Sabitzer: Das ist auch Thema bei den Proben. Den Zeitbezug zu sehen, den Bezug zu sich selber und eigenen Erlebnissen zu sehen. Ja, darüber sprechen wir viel.

MM: … dem Bezirke-Publikum wird damit aber ein Stück präsentiert, das Probleme spiegelt, möglicherweise ein Stück eigenen Alltags, denen es im Theater vielleicht gern für zwei Stunden entfliehen möchte. Wie soll da die Reaktion sein?

Sabitzer: Das wird sich zeigen. Wir spielen eine Komödie, aber Humor ist ja eine persönliche Sache. Wir haben sehr gelacht bei den Proben, was aber nichts heißen will. Ich bin selber schon sehr gespannt, wie das Publikum reagieren wird …

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: Mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie waren vergangene Saison mit dem „Wechselbälgchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16498) auf Bezirke-Tour. Wie war’s? Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt?

Sabitzer: Es war lustig. Und wahnsinnig anstrengend. Wir hatten ein Superteam, eine eingeschworene Truppe, mit der wir durch die Lande gezogen sind. Mit dem Publikum war es manchmal ein bisschen schwierig, da kam beispielsweise überhaupt kein Applaus, und man fragt sich, ob die das überhaupt wollen, und dann hört man von Doris Weiner, es hat ihnen so gut gefallen. Ich bin da ein bisschen altmodisch, für mich ist Applaus ein Zeichen von Respekt und Lohn der Arbeit. Das ist für uns Schauspieler das Zuckerl nach zwei Stunden Arbeit.

MM: Sie sind seit mehr als zehn Jahren am Haus. Wie sind Sie ursprünglich hierhergekommen?

Sabitzer: Über den Schotti. Ich habe am Schubert Konservatorium studiert, und gehört, das Michael Schottenberg ein Vorsprechen macht, an dem ich in meinem Jahrgang noch gar nicht hätte teilnehmen dürfen. Aber ich bin mit den höheren Semestern mitgeschlichen, hab‘ mich eingetragen in die Liste, und so hat’s geklappt. Das war der „Cyrano“, seither hat er meinen Weg begleitet, und als er das Volkstheater übernommen hat, habe ich ihm ein Kärtchen geschrieben: Wenn du mich brauchst, ich komme.

MM: Und unter der neuen Direktion hier zu bleiben, war keine Frage?

Sabitzer: Ich finde Anna Badora in der derzeitigen österreichischen Theaterlandschaft die spannendste Intendantin und Theatermacherin. Als klar war, dass sie kommt, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich hier weitermachen kann. Wobei es gar kein Weitermachen, sondern ein Neumachen ist. Es hat sich sehr viel verändert, nicht nur das Ensemble, auch die Strukturen, selbst der Zuschauerraum ist neu, die Akustik, die Ästhetik, alles … das Volkstheater ist wirklich ein neues Haus.

MM: Was ist Ihre Bilanz der ersten Saison? Es gab Ups, es gab Downs …

Sabitzer: (Sie lacht.) Ich finde, das ist absolut normal. Ich habe das am Nationaltheater Mannheim mit Jens-Daniel Herzog erlebt, da haben wir drei Jahre lang vor 80 Leuten gespielt – bei 700 Sitzplätzen. Da waren die Leute wahnsinnig: Uäh, was ist das? Und plötzlich wurden wir angenommen. Die Suppe muss schmecken, aber man muss sie immer wieder anders würzen. Ein Haus neu aufzustellen, einmal durchzublasen, das braucht seine Zeit.

MM: Was kommt diese Saison noch von Ihnen?

Sabitzer: „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek, darauf freue ich mich schon sehr. Regie führen wird Miloš Lolić, mit dem ich am Haus schon sehr feine „Präsidentinnen“ gemacht habe. Miloš ist ein sehr genauer Regisseur, ich bin gespannt, was er aus dem Stück, das ja eine Textfläche mit vielen Interpretationsmöglichkeiten ist, machen wird. Intensiv beschäftige ich mich aber erst nach der „Mittelschichtblues“-Premiere damit.

MM: Für die Sie uns in Aussicht stellen?

Sabitzer: Ein tolles Ensemble! Und dass man mit dem Feeling nach Hause gehen kann, das Leben kann auch gut sein. Egal, wie’s läuft, es geht immer irgendwie weiter. Heute ist heute, morgen ist morgen. Das ist doch eine wunderbare Message.

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Wien, 22. 9. 2016