The Happy Prince

Mai 31, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rupert Everett glänzt als alternder Oscar Wilde

Oscar Wilde (Rupert Everett) erzählt von seiner Zeit im Gefängnis. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dies also ist die Rolle, die sich Rupert Everett auf den Leib schrieb – wiewohl er sie anfangs selbst gar nicht spielen wollte und erst von Colin Firth überzeugt werden musste, dies also ist gleichzeitig das Regiedebüt des Schauspielstars:

„The Happy Prince“, benannt nach einem der Kunstmärchen von Oscar Wilde, zeichnet dessen letzten Jahre im Exil nach. Am Freitag kommt das filmische Meisterwerk in die heimischen Kinos, eine eindrückliche Parabel auf Leid aufgrund von Leidenschaften. Everett, nicht zuletzt bekannt als brillanter Darsteller von Leinwandadaptionen der bekanntesten Wilde-Komödien, glänzt auch hier. Die Geschichte, die er erzählt, zeigt den Niedergang des großen Autors, zeigt einen Mann an der Grenze, den Verstand zu verlieren, zeigt aber auch einen, der gewillt ist, sein Schicksal mit der ihm eigenen Grandezza und Elegance anzunehmen. Es ist eine bestechende, schmerzhafte Performance, dieser Tod des Dandys.

Wilde, der aus seinen ephebophilen Vorlieben nie ein Geheimnis machte, sie im Gegenteil offen auslebte, verliebte sich in den 1890er-Jahren in den jungen Lord Alfred „Bosie“ Douglas. Dessen Vater hinterließ Wilde im Club eine Visitenkarte mit der Notiz: „Für Oscar Wilde, posierenden Sodomiten“. Es kam zum Gerichtsprozess, den Wilde nicht nur verlor, sondern wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus samt schwerer Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Oscar (Rupert Everett) und Bosie (Colin Morgan) in einem Weinlokal über dem Meer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Reggie (Colin Firth) besucht Wilde (Rupert Everett) am Krankenbett. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis setzt der Film ein: Oscar Wilde ist körperlich gezeichnet. Er verlässt Großbritannien, wo ihm als Geächteten ein Leben unmöglich geworden ist, und wird, verarmt und verlacht, ein Wanderer zwischen Paris und Neapel, wo er als Sebastian Melmoth mehr schlecht als recht seine Tage zubringt – immer so lange, bis sein Inkognito auffliegt und Gastwirte ihn verjagen. Ihm zur Seite stehen sein Freund Reggie Turner und sein ehemaliger Geliebter Robbie Ross, doch dann sucht Oscar wieder Kontakt zu Bosie …

Das alles, schäbige Zimmer in ebensolchen Absteigen, feucht-fröhliche Absinth-Abende in heruntergekommenen Bars, Knaben und Kokain, zeigt Everett in traumhaft schönen Albtraumbildern. In Visionen und Zeitsprüngen wird die Story geschildert.

Die Klammer bilden zwei Pariser Buben, denen Wilde seinen „Happy Prince“ vorträgt, das Märchen eines, der alles für sein Volk gab, bis es ihn schließlich abgehalftert auf den Misthaufen schmiss. Die Schauspieler sind allesamt fantastisch. Neben Everett und Colin Firth als Reggie überzeugen Edwin Thomas als Robbie und Neuentdeckung Colin Morgan als hochfahrender, selbstverliebter Bosie. In den schönsten Szenen sind Bosie und Oscar als Snobs unter sich. Emily Watson komplettiert den Cast als Wildes Ehefrau Constance.

„The Happy Prince“ ist das fiebrige Porträt eines skandalösen Genies. Im Nachspann ist zu lesen, dass Oscar Wilde posthum von den britischen Behörden pardoniert wurde. Es sollte wohl umgekehrt sein …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=nw9AwSKAxXQ

  1. 5. 2018

Sherlock: Die Braut des Grauens

April 27, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Meisterdetektiv ermittelt im viktorianischen London

sherlock-die-braut-des-grauensWeil die Kinoverpflichtungen von Benedict Cumberbatch und Martin Freeman den Drehstart von Staffel vier verschoben haben, heißt: 2016 ist mit keinen neuen Folgen zu rechnen, seit Kurzem wird aber in Cardiff gearbeitet, tröstet man Fans der BBC-Serie mit einem Special. Das war in Großbritannien sogar im Kino zu sehen und ist hierzulande bei Polyband auf DVD erschienen. „Die Braut des Grauens“ ist ein Muss, nicht weil die Lösung des Falls so aufsehenerregend wäre, die ist tatsächlich eher mau, sondern weil der 90-Minüter direkt an die letzte ausgestrahlte Staffel anschließt und mutmaßlich zur nächsten überleiten wird.

Am Ende von Staffel drei hatte es Moriarty ja geschafft, trotz tödlichen Kopfschusses auf den Reklametafeln am Piccadilly Circus aufzutauchen. Wie aber André Heller lehrt, sind die besten Abenteuer im Kopf, und in den, seinen Gedächtnispalast, zieht sich Sherlock bekanntlich gern zurück.

Man befindet sich also im viktorianischen England, und „Sherlock“ Cumberbatch und „Watson“ Freeman wandeln mit Deerstalker, Pfeife und Schnauzbart auf den Spuren ihrer literarischen Vorbilder. Pferdekutschen befahren die Baker Street 221B, ein Kaminfeuer lodert und auf einem Balkon steckt sich eine grell geschminkte Braut den Lauf einer Pistole in den Mund, drückt ab und stirbt. Kurzfristig. Denn die Weißgewandete, dargestellt von Natasha O’Keeffe, kennt offenbar die Geheimnisse der Wiederauferstehung und killt als Wiedergängerin einen tyrannischen (Ehe-)Mann nach dem anderen. Das Ganze dröselt sich schließlich als Akt der erstarkenden Suffragettenbewegung auf, aber das ist nicht wirklich elementar, wenn auch ziemlich gruselig.

Der Horror ist, was sich hinter dieser Geschichte verbirgt. Denn die Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss entziehen ihrer eigenständigen Alternativerzählung bald das Netz und verweisen auf einen doppelten Boden. Mark Gatiss sagt als Bruder Mycroft, nunmehr fett und Plumpudding fressend, sogar die anachronistische Zeile, Moriarty wäre ein „Virus“ auf Sherlocks „Festplatte“. Ah! Das sind die kleinen, feinen Gänsehautmomente des Films. Und natürlich spielen Kokain und die Klippe am Reichenbachfall eine Rolle.

Dazu gibt es allerhand Humorvolles, das dem Entschlüsseln des Rätsels durchaus dienlich ist. Denn eines ist hier das Spiegelbild eines anderen. Etwa, wenn Dr. Watson, der zeitgemäß nicht in seinem Blog, sondern im Strand Magazine veröffentlicht, sich von Vermieterin Mrs. Hudson alias Una Stubbs vorwerfen lassen muss, sie wäre zu mehr als zur bloß teeservierenden Nebenhandlung nutze. Oder Watson in den Momenten eines verbalen Wutausbruchs – seine Frau Mary, gespielt von Freeman-Lebensgefährtin Amanda Abbington, entpuppt sich als jamesbondige Geheimagentin in Mycrofts Diensten – kurz zum schnurrbartlosen John wird. Schön auch, dass Gerichtsmedizinerin Molly Hooper, zur Rolle von Louise Brealey gab’s ja nie eine Vorlage von Sir Arthur Conan Doyle, sich anno 1895 als Mann verkleidet muss.

Sherlock Holmes und Dr. Watson ermitteln diesmal im viktorianischen London: Martin Freeman und Benedict Cumberbatch. Bild: BBC

Sherlock und Watson ermitteln im viktorianischen London: Martin Freeman und Benedict Cumberbatch. Bild: BBC/Polyband

Kaum tot, steht sie wieder auf: Natasha O’Keeffe als schießwütige Braut des Grauens. Bild: BBC

Kaum tot, steht sie wieder auf und killt den nächsten Ehemann: Natasha O’Keeffe als schießwütige Braut des Grauens. Bild: BBC/Polyband

In „Die Braut des Grauens“ bewegt sich Sherlock einmal mehr auf dem schmalen Grat zwischen cleverer Selbstbetrachtung und pompöser Selbstverliebtheit. Das Detektiv-Spiel ist atmosphärisch dicht, und Ungereimtheiten, vor allem die an den Haaren herbeigezogene Erklärung fürs Ende des Falls, sind verziehen, weil es einfach Spaß macht Benedict Cumberbatch und Martin Freeman mitten im Irrsinn zuzuschauen. Außerdem verweisen die Autoren oft genug auf die Escape-Taste, und so wird Watson konsequenterweise zu Sherlocks „Firewall“. Nun bleibt zu hoffen, dass sie in Staffel vier eine gute Auflösung des “Did you miss me?”-Cliffhangers liefern. Übrigens, Spoiler, eines ist über die neuen Folgen schon bekannt: John und Mary müssen sich auf ihre bis dato größte Herausforderung vorbereiten – Eltern zu werden. Mit Patenonkel Sherlock kann das ja was werden …

Polyband: Sherlock – Die Braut des Grauens, zwei DVDs im Softschuber, Laufzeit 90 Minuten + 86 Minuten Bonusmaterial (Mark Gatiss: A Study in Sherlock, Mark Gatiss: Production Diary u.v.a.), Sprachen und Untertitel: Englisch und Deutsch, inklusive Booklet mit Hintergrundinformationen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=wd_xkl9zp8M

polyband.de

Wien, 27. 4. 2016

Colonia Dignidad

Februar 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Exploitationfilm über das Pinochet-Regime

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen
Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Zweifellos, Regisseur Florian Gallenberger hat es gut gemeint. Hat ein wichtiges Thema aufgegriffen, hat möglicherweise auf den großen Markt USA geschielt, weil dieses Thema nicht nur deutsch, sondern panamerikanisch ist, ist aber am Ziel weit vorbei geschlittert. Er erzählt eine wahre Geschichte. Und dies ist sein größtes Problem. Einen Exploitationfilm über das Pinochet-Regime zu drehen, das geht nicht.

Was „Colonia Dignidad“, der ab 19. Februar in den heimischen Kinos läuft, fehlt, ist die Gallenbergers Filmen sonst eigene beobachtende Distanz, vielleicht sogar eine spröde Relaxtheit, aus der heraus man versuchen hätte können, den Zuschauern den unbegreiflichen Schrecken begreiflich zu machen. Hier sind alle seeehr aufgeregt. Daniel Brühl und Emma Watson und Michael Nyqvist, der als Sektenführer Paul Schäfer aussehen muss, als wäre er an einem Bad-Hair-Day aus Stephen Kings Salem entsprungen. Der wirkliche Schäfer wirkte schon optisch, wie der, der er war: ein übrig gebliebener Nazi.

Die Colonia Dignidad war ein hermetisch abgeriegeltes Lager südlich von Santiago de Chile. 1961 vom Bonner Laienprediger Paul Schäfer gegründet, existierte es knapp vier Jahrzehnte unter dessen Schreckensherrschaft. Die Bewohner wurden wie Gefangene gehalten und lebten nach Schäfers selbstherrlichen Regeln. Es gab körperliche Züchtigungen, Gefügigmachung durch Drogen, Vergewaltigungen. Nur wenigen gelang jemals die Flucht aus dem bäuerlichen „Musterdorf“. Die deutsche Botschaft pflegte enge Verbindungen zu Schäfer. Mit dem Militärputsch durch General Augusto Pinochet 1973 begann ein noch dunkleres Kapitel: Schäfer stellte der Diktatur die Colonia als Folterlager zur Verfügung, produzierte Waffen, Giftgas und versuchte sogar, Uran anzureichern.

Erst nach der Abdankung Pinochets 1990 wurden die Strafverfolgungsbehörden aktiv, Schäfer floh nach Argentinien und wurde dort 2004 verhaftet und schließlich in Chile zu 33 Jahren Haft wegen vielfachem Kindesmissbrauchs verurteilt. Er starb 2010 im Gefängnis in Santiago. Die hoch traumatisierten Mitglieder der Colonia Dignidad, die mittlerweile in Villa Baviera umbenannt wurde, versuchen seitdem einen Neuanfang, unter anderem mit einem Hotel über den Folterzellen. Sie scheinen bis heute psychologisch nicht in der Lage, diesen Ort des Grauens zu verlassen …

Gallenbergers Film setzt 1973 an. Ein – warum auch immer deutscher – Fotograf, der mit der politischen Opposition sympathisiert, und seine – warum auch immer deutsche, ja, wir haben’s verstanden, es ist doch eine deutsche Geschichte – Freundin/Lufthansa-Stewardess geraten in die Fänge des Regimes. Er wird in die Colonia verschleppt, sie folgt ihm zwecks Befreiung und trotz Warnungen von allen Seiten undercover nach. Als gebe es rund um Schäfers Scheußlichkeit nicht genug Storys zu erzählen, haben sich die Drehbuchautoren Gallenberger und Torsten Wenzel genau die eine ausgedacht, die ganz bestimmt nicht wahrscheinlich ist. Und damit nicht genug. Gallenberger, der Politthriller-Vorbilder wie „Die drei Tage des Condors“ und „Die Unbestechlichen“, leider nicht Costa-Gavras’  hervorragenden „Vermißt“, im Munde führt, konnte sich offenbar nicht entscheiden, welche Art von Film er machen wollte.

Er wabert zwischen Betroffenheitskiste und Gefängnisausbruchfilm und Splatter für ärmere hin und her. Die Lagerzäune sind hoch, die Keller sind tief, die Schießhunde bellen. Bildgestalter Kolja Brandt gestaltet alles schön schrecklich, als wäre Folter nicht schrecklich genug. Nur, dass der sonst vorzügliche Daniel Brühl die Gehirnschäden nach den Peinigungen mit Strom nicht derspielt. Mag sein, dass der sensible Schauspieler die Darstellung nicht zu nah an sich herankommen lassen wollte? An Gallenbergers Film ist jedenfalls trotz des Einsatzes aller dramatischer Mittel nichts „echt“. Im Sinne von: glaubwürdig. Manches ist sogar lächerlich. Das Ganze schaut aus, als hätte Eli Roth einen seiner humorloseren Tage gehabt. Handlung nein, Misshandlung ja.

Was da Peitschenhiebe auf weibliche Rücken niedersausen, was Emma Watson – in ihrer ersten Hauptrolle seit „Harry Potter“ – an den tatsächlich stattgehabten „Herrenabenden“ an Demütigungen zu ertragen hat. Gerade noch hüpfte sie glücklich-nackt wie ein junges Fohlen mit ihrem Daniel durch die sonnendurchflutete Wohnung … Man nimmt der fröhlichen Flugbegleiterin und ihrem Auslöser auch nicht die große Liebe ab, die zulässt, das alles zu erdulden. Die gesofteten Szenen in Santiago sind eher wie ein Urlaubsflirt, aus dem heraus sich die Charaktere nicht weiterentwickeln. Sie bleiben Scherenschnitte.

Es kommt ein Zeitpunkt, an dem einem die Schauspieler nur noch leid tun. Richenda Carey hat als Aufseherin Gisela das Wort „Fotze“ zu ihrem Lieblingsfluch gemacht; Michael Nyqvist spielt, Klischee as Klischee can, den sinistren Filmbösewicht wie einen sinistren Filmbösewicht. August Zirner als deutscher Botschafter in Chile und Martin Wuttke als Leiter des Amnesty-International-Büros in Santiago kommen gleich gar nicht zum Spielen. Ein Glück. So ersparen sie sich einen Großteil der platten Dialoge. Gallenberger verwendet den historischen Horror für seinen Horrorfilm, ohne das Publikum mittels weiterführender Aussage irgendwo hinzuführen. Es geht ihm offenbar weniger um das Ausloten repressiver politischer und religiöser Systeme, als um das Ausstellen von deren Gräueltaten. Das ist zu wenig. Für die Zuschauer und als Dokument über die Opfer.

Ergo sind die berührenden Momente des Films nur die letzten, wenn tatsächlich dokumentarische Bilder der Colonia gezeigt werden. 350 Menschen haben hier gelebt und gelitten. Nachzulesen in Klaus Schnellenkamps Autobiografie „Geboren im Schatten der Angst“, erschienen 2007 im Herbig-Verlag. Das Buch gilt bislang als der einzige umfassende Bericht eines Zeitzeugen der Sekte. Es ist ein wertvolles Argument zu Gallenbergers Film. Und kann als faktische Ergänzung der Fiktion gelesen werden.

www.coloniadignidad.de

Filmdoku über Paul Schäfer und die Colonia Dignidad: www.youtube.com/watch?v=5oObdFq78_s

Wien, 17. 2. 2016

Die Bücherdiebin

März 20, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lesen kann Wunden heilen

Liesel Meminger (Sophie Nélisse) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Liesel Meminger (Sophie Nélisse)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Es wäre leicht zu sagen, dieser Film ist kindlich-naiv. Die 13-jährige Hauptdarstellerin Sophie Nélisse, „Liesel“, wurde in der kanadischen Provinz Quebec geboren. Vom Holocaust hat sie in der Schule so gut wie nichts gehört. Anne Frank? Kennt sie nicht. Im Dritten Reich wurden Bücher verbrannt? Wirklich? Ihr deutscher Partner, Nico Liersch (Rudi Steiner), 14 Jahre alt, weiß das natürlich alles. Und genau so sollte man „Die Bücherdiebin“ sehen: Wie Tom Cruises für europäische Augen grottenschlechte „Operation Walküre“, die aber in den USA das Bewusstsein schuf, dass es sehr wohl innerdeutschen Widerstand gab. Nicht jeder Fritz war ein Nazi. Außerdem adelt Regisseur Brian Percival („Downton Abbey“ – we love it!) die Verfilmung seines Weltbestsellers des australischen Autors Markus Zusak mit Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer und Ben Becker als Tod. Als tiefrauchige Stimme aus dem Off. Darüber hinaus sind Burgschauspieler Oliver Stokowski als Rudis Vater, Burg-Gast Matthias Matschke als NSDAP-Mitglied und Heike Makatsch als Liesels Mutter zu sehen

Erzählt die Geschichte von Liesel, deren jüngerer Bruder stirbt, kurz bevor sie zu ihren neuen Pflegeltern kommt – zum herzensguten Hans Hubermann (Geoffrey Rush) und zu seiner etwas kratzbürstigen Frau Rosa (Emily Watson). Rosa verkörpert anscheinend das Böse und Inhumane dieses an den Führerlippen hängenden Deutschlands, ihr Mann Hans das nun untergebutterte Menschliche, das gute Worte nun nur noch zu flüstern, milde Gesten nur noch heimlich auszuführen wagt. Erschüttert vom nur ein paar Tage zurückliegenden tragischen Tod ihres jüngeren Bruders und noch etwas eingeschüchtert von ihren neuen „Eltern“, die sie gerade erst kennengelernt hat, bemüht sich Liesel, sich anzupassen – zu Hause wie auch in der Schule, wo ihre Klassenkameraden sie als Dummkopf verspotten, weil sie noch nicht lesen kann. Doch mit der unbeirrbaren Leidenschaft einer wissbegierigen Schülerin, ist Liesel entschlossen, diesen Makel abzustellen. Und sie bekommt Hilfe, von ihrem einfühlsamen „Papa“ Hans, der Tag und Nacht mit Liesel arbeitet, als sie über ihrem ersten Buch sitzt und es intensiv studiert. Hans ist von Beruf Anstreicher und sein ständiger Begleiter ist ein altes Akkordeon, dem er warme und keuchende Klänge und Akkorde entlockt. Er wirkt wie ein sehr einfacher Mann, tatsächlich aber steht er in puncto Komplexität keiner Figur nach, die Rush in seiner Karriere bisher verkörpert hat. „Hans’ größte Gabe ist meines Erachtens seine sehr ausgeprägte emotionale Intelligenz“, beschreibt Rush seine Figur. „Und diese Feinfühligkeit führt auch dazu, dass er fast auf Anhieb eine enge Beziehung zu Liesel aufbauen kann. Hans spürt, dass Liesel sehr schwere Zeiten durchgemacht hat und er versucht Wege zu finden, sie aus der Reserve zu locken – manchmal eben auch durch das Akkordeon, das er mit großer Begeisterung spielt.“

Fantasie und die Macht und die Magie der Worte, Herz und Seele wie auch der unbedingte Wille, durchzuhalten und das Gefühl, dass letztlich das Gute triumphieren wird, sind die dramaturgischen Motoren des Films. Nur so kann man den verstörenden Ereignissen entfliehen. Lesen kann Wunden heilen.

Doch Brian Percival inszeniert ein geschicktes Täuschungsmanöver. Die Hubermanns, so verschieden die Charaktere und Überlebensstrategien von ihr und ihm auch sein mögen, sind alles ­andere als Nazis. Es sind Oppositionelle, von den waschechten Hakenkreuzlern misstrauisch beäugt und  aus­gegrenzt. Wie wagemutig und anders sie sind, zeigt sich, als sie den Juden Max (Ben Schnetzer) bei sich verstecken. Liesels Faszination für ihren neuen Mitbewohner erwacht, da beide verwandte Seelen sind. Beide sind Vertriebene, haben ihre Familien verloren und entwickeln zueinander eine starke Bindung. Beide lieben sie Bücher, und das wird für ihr Überleben schließlich genauso wichtig wie Essen und Schutz. Max lehrt Liesel viel mehr als nur noch besser lesen zu können. Er lehrt sie, wie sie Worte einsetzen und verwenden muss und öffnet ihr damit die Augen für die Welt, in der sie lebt – in seinem neuen Heim, im dunklen und manchmal eisigkalten Keller. Auch ihr junger Nachbar und Schulkamerad Rudi Steiner verändert Liesel. Liesel und Rudi werden schnell Freunde, machen alles gemeinsam und stehlen zusammen auch Bücher, wobei Liesel stets betont, dass sie diese nur „ausleihen“ würde. Tatsächlich ist es auch Rudi, der Liesel den Spitznamen „Die Bücherdiebin“ gibt.

„Die Bücherdiebin“ beginnt Verbotenes zu lesen und holt sich Literatur auch aus dem Haus eines Nazibonzen und von den für sie aufgestellten Scheiterhaufen. In einer von  großen Emotionen aufgeheizten  Sequenz wird Liesel Zeuge, wie unter dem Jubel der Stadtbewohner Tausende von Büchern in den Flammen verbrennen. Nach diesem schockierenden Erlebnis rettet Liesel ein Buch, das noch vor Hitze qualmt, vor dem alles vernichtenden Feuer. Eine brandgefährliche Situation … Für seinen Roman ließ sich Markus Zusak von Geschichten inspirieren, die ihm seine Eltern in seiner Kindheit in Australien erzählten. „Man hatte das Gefühl, als würde unsere Küche zu einem Teil von Europa, wenn meine Mutter und mein Vater von ihrer Kindheit in Deutschland und Österreich, von den Bombardierungen Münchens und von den Gefangenen erzählten, die die Nazis im Marschschritt durch die Straßen trieben“, erinnert sich Zusak. „Damals war mir das noch nicht bewusst, aber diese Geschichten brachten mich schließlich dazu, Schriftsteller werden zu wollen. Ein zentrales Thema der Geschichte ist, dass Hitler die Menschen, das deutsche Volk, mit seinen Worten zerstört. Liesel holt sich diese Worte zurück, sie stiehlt sie und schreibt dann mit ihnen ihre eigene Geschichte.“

Brian Percival geht sehr sorgsam mit der Vorlage um; er inszeniert fehlerlos. Und führt seine Schauspieler zu Höchstleistungen. Manche werden „Die Bücherdiebin“ als opulent bebilderte Schulze schelten, man sollte darin aber eine große Geschichte über Mut, Mitmenschlichkeit und Anstand sehen. Und übers Neinsagen. Natürlich gibt es drastischere Filme über das Dritte Reich. Sie sind wichtig. Aber hier darf man froh sein über jeden, der sich zu Zivilcourage – und zum Lesen – animieren lässt!

www.diebuecherdiebin-derfilm.de

www.thebookthief.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Wt38kDWjaI

Wien, 20. 3. 2014

TV-Serie: Der berühmteste Detektiv der Welt

Februar 8, 2013 in Film

Sherlock & Watson: Benedict Cumberbatch (li.), Martin Freeman
16.05.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/5

Sexy „Sherlock“ im deutschen TV

ARD zeigt ab Donnerstag (20.15) neue Folgen der Krimireihe. In Großbritannien wurde Darsteller Benedict Cumberbatch zum „World’s Sexiest Man“ gekürt.

Dass ihn die Leserinnen eines britischen Boulevardblatts zum „World’s Sexiest Man“ kürten. Dass er David Beckham, Johnny Depp, Robert Pattinson auf die Plätze verwies. Das alles kostet Benedict Cumberbatch ein distinguiertes Lächeln, während er selbst sein Aussehen mit dem des – immerhin berühmten – Rennpferds Shergar vergleicht. Pferdegesicht hin, Pferdegesicht her. Intelligenz ist sexy. Das weiß der „Sherlock“-Darsteller genau.

Als die BBC 2010 die ersten Folgen ihrer Krimireihe „Sherlock“ ausstrahlte, folgte auf Skepsis Euphorie bei TV-Kritikern und Fernsehpreisverleihern. Drehbuchautor Steven Moffat hatte Arthur Conan Doyles Detektiv von Deer­stalker-Mütze und (Crack-)Pfeife befreit und ihn mit Laptop und Handy ausgestattet. Ein Sherlock Holmes des 21. Jahrhunderts.

„Sherlock“ als Karrierekick

Der ab Donnerstag in der ARD (20.15) und ab 20. Mai auf ORFeins (22.05) drei neue, sehr heutige Fälle lösen wird: „Ein Skandal in Belgravia“, „Die Hunde von Baskerville“ und „Der Reichenbachfall“. So wird etwa in der beschaulichen Gemeinde Baskerville am Geheimprojekt H.O.U.N.D. gearbeitet, in einem Labor für Genforschung. Inmitten all der Modernität kommt auch der Schmäh nicht zu kurz. Mit dem werden die großen Doyle-Themen behandelt: Von der immer im Raum stehenden, immer abgestrittenen homophilen Zuneigung zwischen Holmes und Watson bis zum melancholischen Geigenspiel. Für Schauspieler Cumberbatch übrigens die größte Herausforderung: „Es war verdammt furchtbar (eigentlich sagt er: fucking awful) , bis ich gelernt habe, den Bogen richtig zu halten.“

Cumberbatch und seinem „Watson“ Martin Freeman hat die Fernseharbeit zu höheren Leinwandweihen verholfen. Ersterer war im Kinothriller „Dame, König, As, Spion“ und in Steven Spielbergs „Gefährten“ zu sehen – und wird Kirk-Gegenspieler im nächsten Star-Trek-Film.

Zweiterer hat das ganz große Los gezogen: Freeman ist als Peter Jacksons „Der Hobbit“ ab Dezember in den Kinos. Da kann Cumberbatch nicht weit sein: „Ich werde dem Drachen Smaug nicht nur die Stimme leihen, sondern ihn mittels Performance Capture auch ,spielen‘.“

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/13

Serienhit „Sherlock Holmes“

Dank BBC ist der Detektiv im 21. Jahrhundert angekommen. Ab Sonntag zeigt die ARD die ausgezeichnete Serie „Sherlock“.

Die Geschichten kann man nicht verbessern, das war uns klar“, sagt Benedict Cumberbatch. „Aber wir wollten sie erweitern.“ Der 35-jährige Brite schlüpfte für die BBC in die Haut eines berühmten, wenn auch fiktiven, Landsmannes: „Sherlock“ heißt die Serie, deren erste Folgen ab 24. Juli in der ARD zu sehen sind. Und weil die Drehbücher von den BBC-Topautoren Steven Moffat und Mark Gatiss (beide auch verantwortlich für „Doctor Who“) stammen, durfte man sich zu Recht mehr erwarten, als die x-te Deerstalker-Hut-und-Pfeifen-Story.

Explosionen

Dieser Holmes ist definitiv im 21. Jahrhundert angekommen, hat eine Website, schreibt SMS – „schießt, rollt sich über Autos oder fliegt bei Explosionen durch die Luft“, freut sich Cumberbatch.

Trotzdem ist „Sherlock“ immer noch die von Sir Arthur Conan Doyle erdachte Figur. Das beginnt bei Cumberbatch selbst, der wie vom Autor beschrieben „groß, schlank, mit einem Gesicht wie ein Raubvogel“ ist.
Ein attraktiver Raubvogel.

Sein Holmes ist immer noch Geigenspieler, trägt aber Nikotinpflaster – wer raucht heute schon noch? – und muss die Polizei für eine Drogenrazzia in seine Wohnung lassen.

Metrosexuell

Im 21. Jahrhundert angekommen: Holmes (Benedict Cumberbatch, li.) und Watson (Martin Freeman).
Im 21. Jahrhundert angekommen: Holmes (Benedict Cumberbatch, li.) und Watson (Martin Freeman).

Apropos, Baker Street 221B (daneben ist jetzt eine Sandwichbude): Als Holmes mit Watson das Domizil bezieht, sagt die Vermieterin: „Im oberen Stock ist ein zweites Schlafzimmer, falls die Herren ein zweites Schlafzimmer brauchen.“ Womit auch die bei Conan Doyle anklingende „Bruderromanze“ paraphrasiert ist.

„Sherlock und John gehören schon zur recht männlichen Fraktion – aber vielleicht mit einem kleinen Hang zum Metrosexuellen“, versucht Watson-Darsteller Martin Freeman richtigzustellen. Als bekannt wurde, dass der Schauspieler, bei uns bekannt als Arthur Dent in „Per Anhalter durch die Galaxis“ und nun von Peter Jacksons als Bilbo Beutlin für dessen Verfilmung von „Der Hobbit“ ausgewählt, Dr. John Watson spielen würde, herrschte im Vereinigten Königreich erst keine Freude.

Fans trauten dem Komödianten nicht zu, den vielschichtigen, vom Albtraum Afghanistan-Krieg (in der Serie der aktuelle) beschädigten Charakter darzustellen.
Doch Freeman reüssierte.
Er spielt einen hart gewordenen Kriegsveteranen, der viel mehr ist als ein Assistent und Stichwortgeber. Er deckt Holmes‘ Flanke, rettet ihm gleich im ersten Fall das Leben – und gibt Stichworte nur, wenn daraus Humor entstehen soll. Der ist – wie sollte es anders sein – very british snobby. „Wie lebt es sich mit euren kleinen Gehirnen? Ist das nicht furchtbar langweilig?“, fragt Holmes am Tatort die ermittelnden Beamten rund um Inspector Lestrade.

In Großbritannien wurde die erste „Sherlock“-Staffel mit dem renommierten Film- und Fernsehpreis BAFTA ausgezeichnet. Ab Herbst läuft in der BBC die zweite. Da sind dann „Der Hund von Baskerville“ und „Der Reichenbachfall“ dabei.

Vorausgesehen: Sherlock – Ein Fall von Pink

„Sherlocks“ erster Fall ist eine Variation von Conan Doyles erstem Roman „Eine Studie in Scharlachrot“, in dem sich Holmes und Watson kennenlernen, um gleich zu klären, warum ein Mordopfer das deutsche Wort „Rache“ an den Tatort geritzt hat. Cumberbatchs Sherlock ist ein hoch funktionaler Soziopath, ein Spieler, so smart wie charismatisch wie spooky. Wenn er im Stakkato seine Schlüsse zieht, werden seine Gedankengänge zu Schriftzügen auf dem Bildschirm. Und das ist nicht der einzige Gimmick, mit dem Regisseur Paul McGuigan trickst. Der beste ist, dass man die Lösung des Falls in den ersten 30 Sekunden serviert bekommt – und natürlich keine Ahnung hat, dass dem so ist! Das ist ein Holmes, wie er Conan Doyle sicher gefallen hätte: Gewieft, witzig – unwiderstehlich