Landestheater Niederösterreich: Front

Februar 21, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Luk Perceval gastiert wieder in St. Pölten

3012796098_6599034d5f_b„Front“ heißt die Polyphonie nach „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, „Le Feu“ von Henri Barbusse und Zeitdokumenten, die der flämische Starregisseur diesmal mitgebracht hat. Dazu verwendet er Zitate aus „The Forbidden Zone“ von Mary Borden, „The Backwash War“ von Ellen Newbold La Motte, „Chef de Section“ von Guillaume Apollinaire und „Erziehung von Verdun“ von Arnold Zweig. Perceval nennt seine Arbeit ein Requiem für den unbekannten Soldaten, nicht „Theaterstück“. Er will, dass das Publikum den Schmerz des auf der Bühne Dargebotenen teilt. Und das gelingt so großartig wie grauenvoll.

Erster Weltkrieg. In diesem Falle natürlich nach Belgien verlegt. Kaiser Wilhelm II. erklärte in einem Brief lapidar, seine Truppen würden durch das neutrale Belgien marschieren, weil das der kürzeste Weg nach Frankreich sei. Der belgische König Albert I. lehnte das ab. Mit dem Rechtsbruch des deutschen Nachbarn begann für Belgien „Der große Krieg“ (La Grande Guerre, de Grote Oorlog), dessen Ende am 11. November 1918 noch heute nationaler Gedenktag des Königreichs ist. Für die Deutschen wurde der Überfall wesentlich folgenschwerer, als es die siegesgewissen Generäle sich vorstellten. Großbritannien als Garantiemacht Belgiens nahm den Überfall zum Anlass, in den Krieg einzutreten. Und natürlich standen auch die Franzosen Gewehr bei Fuß. Ein Gemetzel. So weit die Historie.

Doch Perceval zeigt nicht die Befehlshabenden, sondern die Befehlsempfänger. Neun Notenständer sind an der Rampe des Landestheater aufgestellt, dazu Kisten als Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ein Gebilde, das sich im Laufe des Abends als riesiges stählernes Schlagwerk, das knallend, schabend, als ohrenbetäubendes entmenschlichtes Kreischen, als Geschützfeuer, als Donner, Stahl, der auf Stahl reibt, äußern wird. Ein Trompetensignal hebt an. Das Ensemble – Patrick Bartsch, die Ausnahmeschauspieler Bernd Grawert als Paul Bäumer und Burghart Klaußner als Stanislaus Katczinsky, Benjamin-Lew Klon, Oscar von Rompay, Peter Seynaeve, Steffen Siegmund, Oana Salomon, Katelijne Verbeke, Steven van Watermeulen, Gilles Welinski und Ferdinand Frösch (Live-Musik) – betritt die Bühne, gekleidet in Frack oder schwarze Abendanzüge, stellt oder setzt sich in Position und lässt seine Instrumente erklingen: seine Stimmen. Viersprachig.

Franzosen, Engländer, Belgier und Deutsche liegen sich, kaum 100 Meter voneinander entfernt, in Schützengräben gegenüber, schießen aufeinander, singen gegen einander an, graben sich ein und werden von Ratten, Läusen, Feuchtigkeit und Hunger geplagt. Es sind die Frontschweine, einfache Soldaten, die in dieser Produktion zu Wort kommen, wie der Landwehrmann Stanislaus Katczinsky, der über den sechsten Sinn für dicke Luft, sprich: Chlorgas, verfügt, oder der belgische Kompanieführer De Wit, der sich besinnungslos in den Krieg stürzt, aus Verzweiflung über die vermeintliche Untreue seiner Frau im besetzen Heimatdorf. Da ist die flämische Mutter, die vom Handel mit den Soldaten leben muss, und die englische Krankenschwester, die nach dem Tod ihres Verlobten an die Front zieht, um verwundete Soldaten zu pflegen. Immerhin gibt es für sie eine kleine, wenn auch nicht zu Ende erzählte Lazarett-Loyestory. Ansonsten: Allüberall menschliches Leid. Soldatisches und ziviles. Längst verteidigen sich diese gerade noch lebenden Gespenster nicht mehr vor einem „Feind“, sondern vor dem Tod an sich. Oft ist im Halbdunkel unklar, wer gerade spricht. Doch, es ist klar, nicht der Mensch, sondern der Krieg.

Es ist kaum auszuhalten. Die Geräusche sterbender Menschen und Pferde. Wimmern, weinen, wiehern. Bei Granatenangriffen drehen sich die Schauspieler wie Derwische. Die Schilderung entsetzlicher Verstümmelungen; Selbstverstümmelung als vermeintlicher letzter Ausweg. Projektionen auf den Bühnenhintergrund. Die Gratulationen der Kameraden an Amputierte. Heimwärts geht’s – röchelnd, ohne Bein oder ohne Arm. Der Irrsinn lauert an jeder Ecke. Oft lacht er. Katelijne Verbeke spielt als Mutter, deren Kinder nach und nach vom Schlachtfeld genommen werden, eindrucksvoll ein langsames Wahnsinnigwerden. „Wer hier nicht den Verstand verliert, muss zumindest das Gefühl verlieren“, heißt es an einer Stelle. Perceval gelingt es, die im Antikriegsgenre lauernde Heroisierung zu vermeiden, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Er verweigert sich dem Kommentar, bietet keine Erklärung für das Unbegreifbare. Einen Krieg, dessen Sinn seine Figuren nicht verstehen und dessen Struktur sie nicht durchschauen. Und so stehen einander im Schlussbild  Steven van Watermeulen und Bernd Grawert gegenüber und sprechen jeder für sich einen Monolog, zweisprachig. Zu verstehen ist: nichts.

„Front“, gerade auf Europa-Tournee, ist ein Abend, dem man sich ausliefern muss. Er tut weh, das muss man aushalten. Aber ihn nicht gesehen zu haben, ist keine Option.

Noch heute, 21. 2., im Landestheater Niederösterreich.

www.landestheater.net

Trailer: https://www.youtube.com/watch?V=zJQQfs8M81A

Wien, 21. 2. 2015

Wiener Festwochen: „Gift. Eine Ehegeschichte“

Mai 28, 2013 in Bühne

Trauer lässt sich nicht durch zwei teilen

Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen Bild: Phile Deprez

Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen
Bild: Phile Deprez

So leise, beinah unaufwändig kann eine Inszenierung sein. So schmerzlich, so intensiv, dann wieder irritierend lustig, bitter-komisch. So intim, weil zwei großartige Schauspieler diese Intimität zulassen. Und am Ende schließlich – auch Zuschauer müssen atmen – tröstend. Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, zeigt als Regisseur im Rahmen der Festwochen Lot Vekemans‘ „Gift. Eine Ehegeschichte“ im Theater Akzent. Dazu braucht er ein paar Bänke mit daran befestigsten Stühlen. Seine Ehefrau und auch künstlerisch kongeniale Partnerin Elsie de Brauw (die in Wien spätestens seit 2011 und „Opening Night“ von Ivo van Hove nach John Cassavetes ein Publikumsliebling ist) und Steven van Watermeulen als Antagonisten.

Die Ehegeschichte ist eigentlich eine Nach-der-Scheidungstory. Mann und Frau haben einander jahrelang nicht gesehen. Er ging in ein neues Leben, sie blieb im alten – wo der Tod des gemeinsamen Kindes ihr täglicher Begleiter ist. Nun soll das Grab umgebettet werden, weil Gift im Friedhofsboden gefunden wurde. Der Schlussstrich, von ihm einst als Selbstschutz gezogen, muss also wieder ausradiert werden. Alte Wunden brechen auf. Und die stinken bekanntlich am Schlimmsten. Verlust ist ein Eingeständnis für Verletzlichkeit. Das kann nicht jeder. Wenn der Tod kommt, stirbt die Liebe, beginnt die Trauer sich von innen nach außen zu fressen. Harte Töne schützen dann vor der eigenen Betroffenheit. Manche schweißt so ein Erlebnis zusammen. Bei Vekemans‘ Paar ist alles zu Gift geworden. Fremd und unverständlich bis zum Hass, dass der eine in eine Zukunft aufbrach, die andere in der Vergangenheit verrottet. Die Trauer ist zum letzten Grund ihrer Existenz geworden … Und diese Trauer lässt sich nicht durch zwei teilen …

Simons, Meister der kleinen Gesten für große Gefühle, lotet das Leiden bis zum Grund aus. Eine berührende Szene, wie van Watermeulen voll Ungeduld an den „Tatort“ kommt, sich gezwungen sieht, überhaupt hinzukommen. Auftritt Elsie de Brauw: Taumelnd wie eine Untote, mühevoll selbstbeherrscht, voll Zynismus über die Ungerechtigkeit der Welt an sich und die ihres Ex im Besonderen. Sie lässt ihm gar keinen anderen Platz als die Defensive. Simons lässt die beiden langsam, aber unaufhaltsam auf einen Höhepunkt zusteuern, der unkalkulierbar ist, der in einer Katastrophe enden könnte. Und Autorin Vekemans lässt nichts aus. Dass es Grau in so vielen Schattierungen gibt? – das peinliche Wiedersehen, das Niemals-Ansprechen-des-„Themas“, Beleigtheit auf beiden Seiten, Hohn und Spott, Galle und – ja, da ist es wieder: Gift. De Brauw und van Watermeulen spielen das nicht. Sie sind. Echt. Ehrlich.

Wie eine Stimme „von drüben“ (der verstorbene Sohn?) mutet dazu der Gesang von Countertenor Steve Dugardin an. A Cappella interpretiert er Lieder von John Dowland, der damit den Hof um Queen Elizabeth I. melancholisierte: „In darkness let me dwell“ oder „Flow my tears“. Wie ein intensives Habt-euch-wieder-lieb aus dem Totenreich. So intensiv wie der ganze Abend, der mit heftigem Applaus belohnt wurde. Allerdings, nur als Tipp: Frau Zuschauerin sollte sich die Nase pudern, bevor sie wieder ins Foyer tritt.

www.festwochen.at

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www.muenchner-kammerspiele.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 28. 5. 2013