Kosmos Theater: Jetzt müssen wir auf morgen warten

Januar 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sch(m)erzhaft satirische Selbstbetrachtungen

Claudia Kottal, Constanze Passin und Anna Kramer. Bild: Bettina Frenzel

Die akustisch besten Jahre? Das sind nämlich jene, von denen man ständig gesagt bekommt, man befände sich in ihnen, obwohl man sich gar nicht danach fühlt. Diese Feststellung ist nur eine der unzähligen treffenden aus Amina Gusners Text „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, der gestern im Kosmos Theater Wien uraufgeführt wurde, in Koproduktion mit dem von Claudia Kottal und Anna Kramer ins Leben gerufenen Kulturverein XYZ.

Der die Autorin nicht nur mit diesem Recherchestück beauftragte, sondern Gusner auch die Regie übertrug. Entstanden ist so ein Abend der sch(m)erzhaft satirischen Selbstbetrachtungen. Für den das in Klammern gefasste M bedeutet, dass hier zwar viel Vergnügtheit verbreitet wird, ist doch, wenn Schadenfreude einen selbst betrifft, das Lachen stets am schönsten, die Sätze aber genau aus diesem Grund auch tief ins Fleisch schneiden. Weil man etliches des Gesagten wie aus dem eigenen Leben gegriffen empfindet und daher als traurig, aber wahr bezeugen kann.

Claudia Kottal, ab Freitag auch in der Kinokomödie „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) zu sehen, Anna Kramer und Constanze Passin zeigen drei Schwestern, ob wirklich oder im Geiste ist schwer auszumachen, wird doch immer wieder von Scheidungstrauma, daraus entstandenem Mutterkomplex und einem nun zu versorgenden, weil alleinstehenden Vater gesprochen, im Ringen um ihre Existenzberechtigung und in der Erwartung, dass die kleinen Glücksversprechungen zum Dasein endlich eingelöst werden. Die Moral von der Geschichte lässt sich leicht vorwegnehmen und lautet, das Leben fängt erst an, wenn man anfängt zu leben.

Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Constanze Passin. Bild: Bettina Frenzel

Doch bis diese Erkenntnis keimt, spielen die Schauspielerinnen, live unterstützt von Singer-Songwriterin Clara Luzia, ein schwarzhumoriges Spiel mit Klischees und stereotypen Rollenbildern, allesamt landläufig bekannte Schablonen, in die Frauen gedrängt werden – oder in die sie sich ganz von allein zwängen. Und so werden zwischen hingehauchten Luftküsschen und sekkanter Launenhaftigkeit Themen wie Dauerdiät, Hyaluron-Spritzen und Kaufrausch abgehandelt, ist einem das Erscheinungsbild doch eigentlich nie gut genug, – und natürlich der K(r)ampf unter den Geschlechtern.

Dieser für Frauen als ewiges Wechselbad zwischen Selbstzweifel, Selbstaufgabe und Selbstachtung dargestellt. Eine Tatsache, die die Geschiedene, die Beziehungsgeschädigte und die Langzeitehefrau vom Lebensziel „einen Mann kriegen“ übers Warten auf den einen Ring und der Angst „übrigzublieben“ bis zur gesellschaftlichen Wertigkeit und dem schwindenden Selbstwertgefühl bei Kinderlosigkeit abhandeln. Kommunikationsprobleme werden mit Rücksicht auf das Geschlecht, das beim Angenörgeltwerden in sich zusammen schrumpft, und mittels Hätscheln von dessen Selbstbewusstsein gelöst, wobei’s kein Ding sein darf, selber den Orgasmus vorzutäuschen.

Kottal, Kramer und Passin agieren mit vollem Einsatz, erschaffen spielerisch Übergänge von der Persiflage zu bitterer Ernsthaftigkeit und wechseln gekonnt die Tempi vom Stakkato-Sprechen zur raumgreifenden Stille. Sie tanzen, singen (unter anderem „Ich find‘ dich scheiße“ von Tic Tac Toe), wüten und schluchzen über Trennungsgespräche und Familienkonflikte und, ja, die mangelnde Frauensolidarität ist echt zum Schmunzeln, wenn der einen vorgeworfen wird, sie solle ihrem Partner gegenüber endlich „niedlich und anhimmelnd sein, statt ständig kritisierend“. Oder wenn, apropos Partner-in, darüber diskutiert wird, man müsse eine neue für den Vater finden, damit man selber nicht mehr für ihn waschen, kochen und putzen müsse.

Anna Kramer, Constanze Passin und Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Amina Gusner hat – im Bühnenbild und mit den Kostümen ihrer Schwester Inken Gusner – keine Facette von Frau-Sein ausgelassen, ihre Figuren wollen weiblicher, am weiblichsten werden, und wenn zu deren selbstauferlegter Aufgabe, mitgegebene Muster ungefragt zu übernehmen, Sätze wie der von der Verantwortung fallen, die ungleich schwieriger sei, wenn man versuche man selber zu sein, und nicht das, was die anderen wollen, dann tut das schon weh.

Derart ist „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, von Gusner auf der Grundlage von Gesprächen mit verschiedensten Frauen entwickelt, in Wortsinn aus dem Alltag gegriffen. Situationen zum Lachen, zum Weinen, zum Ärgern folgen Schlag auf Schlag, ein Puzzle an Begegnungen, die am Ende ein Ganzes ergeben, und immer geht es um ein persönliches Sich-Behaupten, ein Brücken bauen und Grenzen einreißen. Dies ja gleichsam das Vereinsmotto von XYZ: die Vielfalt von Lebensformen jenseits von Chromosomen-Normen sichtbar und spürbar zu machen. So sagen Claudia Kottal und Anna Kramer: „Empathie ist in diesen Zeiten ein vom Aussterben bedrohtes Gut und Theater einer der wenigen Orte, wo man sie nähren kann.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_0mfElTOYtk

kosmostheater.at

  1. 1. 2019

Warten aufs Bleiben. Ein Gastmahl.

September 12, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Kultur und kulinarische Köstlichkeiten

Bild: Kinoki

Bild: Kinoki

Ab 16. September in der Zacherlfabrik:

Flüchtlinge und KünstlerInnen aus dem Umfeld des Votivkirchenprotestes laden zu tiefen Einblicken, leidenschaftlichen Liebesgeschichten, explodierenden interkulturellen Konflikten, religiösen Verwirrungen, gut getarnten Rassismen, frisch zubereiteten orientalischen Köstlichkeiten und herzergreifenden Liedern.

Seien Sie zu Gast bei den Gästen.

Gönnen Sie sich unlösbare Widersprüche à la carte. Erlauben Sie sich etwas Empathie zum Nachtisch.

GastgeberInnen: Said Chafé, Issa Amadzai, Ali Asmat, Mohamed Mouaz – DJ Amine, Adalat Khan, Muhammad Atef Wazir, Natalie Ananda Assmann, Julia Harnoncourt, Tina Leisch, Ibrahim Amir, Hannah Müller , Sandra Selimovic, Shakil Khan, u.v.a.

Musik von Habib Samandi, Oscar Antoli, Stojan Vavti, Fernando Argueta. Muhammad Atef Wazir und Ali Asmat.

http://wartenaufsbleiben.wordpress.com

Wien, 12. 9. 2014

Wiederaufnahme: Hubsi Kramars „Warten auf Godot“

Dezember 5, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der 3raum gastiert im Ateliertheater Reloaded

Markus Kofler, Hubsi Kramar Bild: Bernhard Mrak

Markus Kofler, Hubsi Kramar
Bild: Bernhard Mrak

Nach den erfolgreichen Aufführungen im August (Wien, NÖ, Burgenland und Kärnten) ist Hubsi Kramars Inszenierung von Becketts „Warten auf Godot“ von 11. bis 14. Dezember im Ateliertheater Reloaded zu sehen. Es spielen Markus Kofler (Estragon), Hubsi Kramar (Wladimir), Oliver Vollmann (Pozzo), Hannes Lengauer (Lucky) und Arthur Berghammer (Junge).

 

 

 

Die Rezension vom Sommer: www.mottingers-meinung.at/warten-auf-godot-endlich-in-wien/
Nun heißt’s hoffen, dass Hubsi Kramar auch für seine fabelhafte Inszenierung “Kopf im Rachen der Natur” von Joachim J. Vötter bald wieder einen Aufführungsort findet: www.mottingers-meinung.at/hubsi-kramar-mit-dem-3raum-on-tour-2/

www.3raum.or.at

www.ateliertheater.net

Wien, 5. 12. 2013

„Warten auf Godot“ endlich in Wien

August 23, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramars 3raum rockt die Einöde

Markus Kofler, Hubsi Kramar Bild: Bernhard Mrak

Markus Kofler, Hubsi Kramar
Bild: Bernhard Mrak

Endlich. Nach dem Burgenland und der Buckligen Welt ist Hubsi Kramars Neuinszenierung von „Warten auf Godot“ in Wien angekommen. In der zukünftigen Seestadt Aspern (Fabrik Publik bis 24. 8.), 1220 Wien. Und die gute Nachricht ist: Wegen der großen Nachfrage wurde am Samstag, 16.15 Uhr, eine Zusatzvorstellung eingeschoben.

Becketts „Godot“ ist so etwas wie Kramars Lebensstück. Vier Mal hat er es bereits gemacht, immer wieder anders interpretiert. Nun, in the middle of nowhere, kommt dem 3raum-Ensemble die Donaustädter Einöde als Kulisse sehr entgegen. Gespielt wird – bei Schönwetter, sonst drinnen – auf einer Wiese mit dem notwendigen einsamen Baum. Zwischen noch nicht fertiger U2-Verlängerung und einem Dutzend Baukränen für die Seestadt, Kieshaufen und Blutmond. Sound von der Ostbahn und den Baustellen. Endzeitstimmung, was willst du mehr? „Ein lauschiges Plätzchen“, merkt Estragon (Markus Kofler) texttreu einmal an – und natürlich lacht das in Decken gemummelte Publikum. So also hat Kramar die Grenzsituation der Beckett’schen Figuren zwischen Leben und Tod, diese Gestalten, die auf der ewig enttäuschten Illusion des Wartens beharren oder in rührender Hilflosigkeit die Gewissheit ihres Verfalls überspielen, diesen Zyklus apokalyptischer Szenarios diesmal ins Gestrüpp gestellt: Als schwarz gekleidete Weißclowns mit entsprechend geschminkten Gesichtern, als Buster Keatons Nachfahren, Gestalten wie Geister. Dank Becketts Stück durchgeistigt. Ein seltsames (Liebes?)-paar, das die weisen Worte mit Witz unterlegt. Und dennoch die Tragi- in der Komödie nie aus dem Auge verliert.

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!

Kramar spielt Wladimir, Didi, den mit dem Pipiproblem, einer der sich gern selbst deklamieren hört über die letztlich unerfüllte Hoffnung auf die Ankunft eines Heil bringenden Propheten oder sonstigen Erlösers. Mit großer Geste reißt Wladimir groß das Maul auf, in dem nur gähnende Leere herrscht. Wie immer ebenso fabelhaft als Darsteller ist Markus Kofler. Sein Estragon, Gogo, der, dem die Füße weh tun, ist mehr Skeptiker, Imitator von Didis Tamtam. Wunderbar, wie Kofler die Zerrissenheit zwischen Bleiben und Gehen anlegt. Durch Pozzo (Oliver Vollmann) und seinen Dienersklaven Lucky (Hannes Lengauer – beide sehr gut) ist das Quartett perfekt für den Zeitvertreib voll Demütigungen und  Stimmungswechsel in diesem doppelten Einakter. Ein Sprach-Spiel. Brutal-ängstlich, surreal-fröhlich. Mit dem Befehl an Lucky „laut zu denken“ hat die Theodizee erst recht begonnen.

Der Titel „Warten auf Godot“ soll, so eine Anekdote, auf eine Tour-de-France-Etappe zurückgehen, die sich Beckett irgendwo in Frankreich angesehen habe. Als alle Rennfahrer vorbei waren, habe er gehen wollen, aber gesehen, dass einige Zuschauer noch blieben. Auf seine Frage, worauf sie warteten, hätten sie geantwortet: „Auf Godeau!“ Dieser war angeblich der langsamste Fahrer des Rennens. Die Geschichte ist vermutlich nur Legende, da es nie einen Fahrer dieses Namens bei der Tour de France gab. Godot, verkündet ein Hirtenknabe, kommt auch nicht. Heute nicht und morgen nicht und übermorgen … Das Leben ist Wiederholung. Illusion? Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen … Derzeit in der Asperner Steppe.

www.3raum.or.at

www.mottingers-meinung.at/hubsi-kramar-mit-dem-3raum-on-tour/

Wien, 23. 8. 2013

Hubsi Kramar mit dem 3raum on Tour

Juli 5, 2013 in Tipps

„Warten auf Godot“

Markus Kofler (Estragon), Hubsi Kramar (Wladimir) Bild: Bernhard Mrak

Markus Kofler (Estragon), Hubsi Kramar (Wladimir)
Bild: Bernhard Mrak

Samuel Becketts „Warten Auf Godot“ ist die große Liebe von Hubsi Kramar. Dies ist bereits das 4. Mal, dass er Godot inszeniert: nach den erfolgreichen Aufführungen im Residenztheater, im ehemaligen Rondellkino und im Kabelwerk nun auch an verschiedenen Orten im Burgenland, in Niederösterreich und Wien als „3raum unterwegs“. Inhalt: An einer Landstraße mit einem kahlen Baum verbringen die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir ihre Zeit  damit, „nichts zu tun“ und auf eine Person namens Godot zu warten, die sie nicht kennen, von der sie nichts Genaues wissen, nicht einmal, ob es sie überhaupt gibt. Auch als sich später vorübergehend der Landbesitzer Pozzo  mit seinem Diener Lucky zu ihnen gesellt, bringt das keine Veränderung und sorgt statt für Klarheit eher für zusätzliche Verwirrung. Am Ende jedes Aktes erscheint ein angeblich von Godot ausgesandter etwas ängstlicher Botenjunge, der verkündet, dass sich Godots Ankunft weiter verzögern, er aber ganz bestimmt kommen werde. Spätestens dann dämmern den Wartenden Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer Situation…

Beckett  hat mit diesem Text den Versuch unternommen  die menschliche Tragödie des 20. Jahrhunderts, Faschismus und dessen Schrecken, spürbar zu machen, mit all den Tiefen der zwischenmenschlichen und seelischen Konflikte, die so ein Stoff mit sich bringt. Er hat damit das ganze Theater seiner Zeit auf den Kopf gestellt. Damals war es der große Skandal. Heute gehört das Stück  zu den großen Klassikern. Es ist eine radikale komische Tragödie – alles was Theater braucht, aber mit den reduziertesten Mitteln. Die Natur-Arena des Kleylehof bei Nickelsdorf wurde liebevoll vom Künstler Franz J. Gyolcs geschaffen und ist ein großartiger Ort um Godot aufzuführen. Das mit großer Sorgfalt restaurierte Wirtshaus Huber in Thernberg und seine reizvolle Umgebung eignen sich bestens, um auf Godot zu warten. Im 22. Wiener Gemeindebezirk bietet die gerade entstehende Seestadt eine großartige Kulisse.

Es spielen: Markus KOFLER (Estragon), Hubsi KRAMAR (Wladimir), Oliver VOLLMANN (Pozzo), Hannes LENGAUER (Lucky), Regie: Hubsi Kramar,  Produktionsleitung: Alexandra Reisinger.

PREMIERE ist am 8. August in der Naturarena Kleylehof, Nickelsdorf, Burgenland. Dort finden auch noch Vorstellungen am 9. und 10. August  statt. Am 16. und 17. August wird in der Landschaft des Wirtshaus Huber, Thernberg, Bucklige Welt, Niederösterreich, gespielt. Und am 22., 23. und 24. August kommt die Produktion in die Fabrik Publik, aspern Seestadt, Wien. Teilweise werden Gratis-Shuttlebusse angeboten.

www.3raum.or.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 6. 2013