Theater zum Fürchten: Die Macht der Gewohnheit

Juni 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der hohen Kunst des Scheiterns

Zirkusdirektor Caribaldi trifft bei der seiltanzenden Enkelin zumindest einmal den richtigen Ton: Glenna Weber und Thomas Kamper. Bild: Bettina Frenzel

Das Wagnis, Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ zu inszenieren, gehen Regisseur Rüdiger Hentzschel und das Theater zum Fürchten nun an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, ein. Vor allem einer trägt hier volles Risiko, Thomas Kamper in der ehemals Bernhard-Minetti-Rolle des Zirkusdirektor Caribaldi, und die gestaltet er auf so wohlausgewogene Weise mit Wahn und Witz, dass das Publikum beim Schlussapplaus herzlich für die gelungene Leistung dankte.

Die vom manischen Manegenherrscher geknechtete Truppe geben Glenna Weber als seiltanzende Enkelin, Dirk Warme als Jongleur, Regís Mainka als Dompteur und Florian Lebek als Spaßmacher. Doch es sind nicht die artistischen Qualitäten um derentwillen der cholerisch-impulsive Impresario seine Künstler quält, nein, vielmehr versucht er in seinem heruntergekommenen Wanderetablissement seit 20 Jahren ein fehlerfreies „Forellenquintett“ aufzuführen. Endlos soll geprobt werden, bis den mangelhaft begabten Schubert nicht mehr wie ein nasser Fisch entgleitet; die jedoch reagieren je nach Gemütsverfassung mit Renitenz bis Resignation – und so ist die Unternehmung zum Scheitern verurteilt, was Thomas Bernhard in der Variation dreier Akte vorführt.

Der Spaßmacher und der Dompteur trinken mehr als drei Bier: Florian Lebek und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Kleine Liebesgeste mit dem Zivilanzug des Jongleurs: Glenna Weber und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

„Die Macht der Gewohnheit“, 1974 in Salzburg uraufgeführt, ist mehr Ensemblestück, als spätere seiner Werke, Hentzschel trägt dem Rechnung, indem er die Darsteller sich gegen den Monologisierer stemmen lässt. Er ist auch für die Raumgestaltung zuständig und zeigt als Bühnenbild das Zirkushinterzimmer mit Kostümschrankkoffer und Klavier, einen Unort zwischen der zauberischen Glitzerwelt der Akrobatikvorführungen und dem schäbigen Realitätsdesaster. „Die Wahrheit ist immer ein Debakel“ ist einer der hinreißenden Bernhard’schen Sätze dazu. Ansonsten setzt Hentzschel weniger auf die in der Rezeptionsgeschichte übliche Künstlichkeit von Kunstfiguren.

Er hat für Bernhards durchkomponierte Sprache durchweg realistische Spielanlässe geschaffen. Kommt’s hier etwa zum Erlösungsruf „Morgen Augsburg!“, so ist das nicht mehr eine bis ins Absurde gesteigerte Wiederholung, sondern schlicht ein Sprechakt, der auf die Aktion irgendeiner anderen Figur reagiert. Auch Caribaldis besessen breitgewalzte Musikbegriffe – „Casals“, „das Kolophonium“, „das Ferraracello“ – werden so vom Sockel geholt. In diesem Stück über die hohe Kunst des Scheiterns, über einen Perfektionsanspruch, bei dem es kein Gelingen geben kann, erstaunt es doch, wie alltagssprachlich die Bernhard’schen Wortkaskaden klingen können, „gewöhnlich“, jedoch ohne ins Banale abzudriften. Hentzschel macht aus abstrakt expressionistisch, und die Schauspieler folgen ihm auf diesem Weg mit Verve.

Thomas Kamper bedient mit teils clownesker, teils ätzender Schärfe nicht nur Caribaldis Tyrannentum, sondern gestaltet daraus die Tragödie eines Mannes, dem die Dinge längst entglitten sind. Mit gefährlich glitzerndem Auge bringt er seine Böswilligkeiten an, und wenn ihm die ständig zu Boden fallende Haube des Spaßmachers aus seinem routinemäßigen Furor reißt und bis zum Gehtnichtmehr reizt, dann sind das starke, beinah unheimliche Momente. Glenna Weber ist als Enkelin gehorsam bis zur Unterwürfigkeit, schön, wie sie in all den Demütigungsspielchen mit einer fast unbemerkten Bewegung den Sakkoärmel des Zivilanzugs des Jongleurs streichelt – die kleine Geste einer großen Liebe.

Caribaldi ertappt den Spaßmacher und den Dompteur beim besoffenen Müßiggang: Florian Lebek, Thomas Kamper und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Für die Dirk Warme als Jongleur verantwortlich ist, der längst die Flucht zu einem Engagement in Bordeaux geplant hat und als einziger Caribaldi einzuschüchtern vermag. Zwischen Niedertracht und Schwachsinn, Intrige und Erpressungen bewegen sich Florian Lebek als Spaßmacher, der im Unklaren lässt, ob er als August so dumm ist oder sich nur so dumm stellt. Regís Mainka ist ein martialischer Dompteur, der Neffe des Zirkusdirektors, der alles dazu tut, um dessen Illusion zu zerstören.

Wie er am Ende volltrunken zum gewalttätigen Kunstzertrümmerer wird, da ist Hentzschel ganz nah an Bernhard. „Durch diese Tür / kommen Ihre Opfer herein“, sagt der Jongleur zu Caribaldi. „Nicht Menschen / Instrumente“.

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  1. 6. 2019

Theater zum Fürchten: Donadieu

Mai 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage, wie man Folterern vergeben kann

Lavalette bemüht sich um Benehmen im Haus des „Feindes“ Donaudieu: Roger Murbach, Alina Bachmayr-Heyda, Wolfgang Lesky und Clemens Aap Lindenberg. Bild: Bettina Frenzel

1629, während der letzten Hugenottenerhebung in Frankreich. Zwei Kuriere des Königs begehren in einer stürmischen Nacht Einlass in das Schloss eines protestantischen Adeligen, Gastfreundschaft wird ihnen trotz der religiösen Feindschaft gewährt. Da erkennen Tochter und Dienerin in einem der Fremden den Marterer und Mörder der Mutter – nun lodert ein Gewissenskonflikt auf: Soll man die Frau rächen oder den Mann, der ein Friedensedikt mit sich trägt um dessen willen ziehen lassen?

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, das Schauspiel „Donadieu“, und es ist schön, dass man sich des Dramatikers Fritz Hochwälder wieder besinnt, der mit unter anderem „Das heilige Experiment“ und „Der Himbeerpflücker“ maßgebliche Werke der österreichischen Bühnenliteratur schuf, jedoch heute für die Spielpläne fast gänzlich vergessen ist. 1953, im Schatten des Dritten Reichs, hat Hochwälder als Hausautor des Burgtheaters sein Stück verfasst, nichts hat es an Aktualität eingebüßt. Themen wie Glaubensfreiheit oder politisch instrumentalisierte Religion, die die Menschen entzweit, Krieg, Flüchtlinge, Hass auf alle, die als „anders“ abgetan werden, sind gegenwärtig. Wie die vom Juden, bekennenden Linken, Schweiz-Exilanten Hochwälder gestellte Frage, wie denn aus den Folterern von gestern wieder die Nachbarn von morgen werden sollten.

TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max lässt den „Donadieu“ im historischen Kostüm. Gemeinsam mit Marcus Ganser hat er ein Bühnenbild erdacht, das von Prunksaal bis zu den Schlafgemächern entlang einer Galerie im ersten Stock eine halbe Burg darstellt. Mit viel Liebe zum Detail sind eine Feuerstelle oder ein Lesepult aufgestellt, das Publikum nimmt diesmal zu beiden Seiten der Spielfläche statt, was eine intensive Nähe zum an dramatischen Wendungen reichen Geschehen schafft.

Clemens Aap Lindenberg und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Wie schnell hier die Stimmung umschlägt, demonstrieren vor allem Clemens Aap Lindenberg in der Titelrolle und Wolfgang Lesky und Dirk Warme als die beiden Kuriere Lavalette und Du Bosc. Die ersten beiden Ehrenmänner, die an die Bestrafung von Kriegsgräuel glauben und es an moderater Haltung und gegenseitigem Respekt nicht fehlen lassen, zweiterer ein Bösewicht wie das dem Bilderbuch, der schlussendlich erneut entgleist und sich enttarnt, als er die Bewohner des Schlosses ihrer Menschenwürde beraubt und demütigt.

Eine Erniedrigung, die Lindenbergs Donadieu, vom ersten Aufbrausen schließlich in der Vernunft angelangt, mit stoischer Ruhe ertragen kann, nicht aber der hochanständige Lavalette. Wie über dem Gebaren dieses exzellent agierenden Dreiergespanns ständig die Gefahr schwebt, macht eine Reihe ebenfalls ausgezeichneter TzF-Schauspieler deutlich. Bernie Feit gibt den Escambarlat als geschwätzigen Dichter und erst käufliche Seele, die – zum äußersten getrieben – doch noch ihren Heldenmut findet.

Margot Ganser-Skofic ist eine vor Empörung bebende Schaffnerin Barbe, Kari Rakkola ein aufbrausender schwedischer Hauptmann Tiefenbach, während Roger Murbach als Pfarrer Berthelien um den lieben Frieden bemüht ist. Alina Bachmayr-Heyda als rachedurstige Tochter Judith und Robert Elsinger als feuerversehrter Nicolas komplettieren das Ensemble. Bruno Max versteht es mit dieser Inszenierung einmal mehr, aus einem schwierigen Stoff einen stetig sich beschleunigenden, spannungsreichen Abend zu machen.

Sein „Donadieu“ besticht durch eine fein ziselierte Figurenzeichnung, die die Charaktere fernab jeder Thesenhaftigkeit als Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne stellt. Und er macht Hochwälders Aufruf zu Aufarbeitung und Aussöhnung deutlich. Das Theater zum Fürchten ist mit dieser Arbeit um eine unterhaltsame, lehrreiche Aufführung reicher.

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  1. 5. 2018

Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

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Wien, 26. 4. 2017

Theater zum Fürchten: Onkel Wanja

Februar 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wohlstandsbürger zittern um ihre Werte

Onkel Wanja will den Professor am Verkauf des Guts hindern: Dirk Warme und Rainer Friedrichsen. Bild: Bettina Frenzel

Da jammern sie also wieder auf hohem Niveau, pflegen ihren Ennui und warten darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Rüdiger Hentzschel hat inszeniert und dabei alles richtig gemacht. Er versteht den russischen Theatertitanen – wie der sich selbst – als Komödienautor, er versteht es auch aus dessen ewiggültigem Text den Sukkus zu ziehen, der am mehr als hundert Jahre alten Stück gerade heute interessiert.

Hentzschel führt eine Wohlstandsgesellschaft vor, die ob drohender Veränderungen um ihre Werte zittert. Um jeden Preis gilt es, bestehende Standards aufrecht zu erhalten, doch fällt das schwer, hat man sich in der Frage nach Tun oder Nichtstun längst für Zweiteres entschieden. So ist denn auch der Aufbruch ins Neue unmöglich, viel wird geredet, nichts unternommen, und die beste aller Welten ist immer noch die Scheinwelt. In der kann man sich’s ungemütlich einrichten, sich in den Verstrickungen des Lebens verheddern und an der eigenen Existenz laborieren.

Dass diese Seelenqualen für den Betrachter von außen komisches Potenzial haben, hat Hentzschel mit offensichtlichem Genuss auf die Bühne gehoben. Sein Abend ist für die Lach- wie Denkmuskeln gedacht. Dabei hat er auf jeden Schnockes verzichtet und ganz auf die Macht des Wortes vertraut. Im von ihm gestalteten Bühnenraum stapeln sich die Stühle. So unaufgeräumt wirkt das Bild wie die Psyche der Figuren, die Hentzschel mit seinem Ensemble prägnant in Szene setzt. Die Darsteller haben ihre Charaktere fein geschliffen, mit Verve wird aneinander vorbeigeredet, -gelebt und -geliebt. So viel Freude am Spiel überträgt sich freilich aufs Publikum, das am Ende der höchst erfreulichen Aufführung amüsiert applaudierte.

Stieftochter Sonja und ihre neue Mutter Jeléna versöhnen sich: Sonja Kreibich und Selina Ströbele. Bild: Bettina Frenzel

Margot Ganser-Skofic ist eine entzückende alte Kinderfrau Marina. Bild: Bettina Frenzel

„Er plagt sie, ich plag‘ mich selbst“, sagt Wanja an einer Stelle über die Ehe des Professors mit Jeléna – und dieser Satz kann hier für alle gelten. Dirk Warme verleiht der Rolle Profil, sein Onkel Wanja leidet weniger an Lethargie, als am Lebendig-sein-Müssen, leidet weniger daran, dass die Menschheit ihren Ist-Zustand nicht überstehen könnte, als daran, dass vielleicht doch … Und so ist er ein Querulant und Querdenker, der Zustände und Umstände seziert, ein Fleisch gewordener aufbrausender Überdruss. Selten zeigt ein Wanja so viel Temperament wie Warme.

Dieser exzellenten Interpretation steht die von Rainer Doppler als Ástrow in nichts nach. Er legt den Arzt, von dem stets gesagt wird, er wäre Tschechows Identifikationsfigur, als abgeklärten Philosophen an, der überm Menschsein resigniert hat. Ist Wanja der Zynismus, so ist Ástrow der Sarkasmus – und die Ironie an der Sache ist, dass sich beide in die Frau des Professors verlieben. Selina Ströbele stellt diese Jeléna als liebenswerte, aufrechte Person dar, die mit allen gut sein will, und die Aussöhnung mit ihrer Stieftochter Sonja, gespielt von Sonja Kreibich, sucht. Doch eskaliert die Situation vollkommen, als Wanja seine angebetete Jeléna und seinen Freund Ástrow in kompromittierender Pose entdeckt. Dass Sonja ihn liebt, nimmt der hoffnungslos überarbeitete und vom stumpfsinnigen Landleben verbitterte Arzt kaum wahr.

Arzt Ástrow macht bei Jeléna das Rennen, Onkel Wanja muss zuschauen: Selina Ströbele, Rainer Doppler und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Den Professor, der von all dem gar nichts bemerkt, gestaltet Rainer Friedrichsen hart am Thomas-Bernhard’schen. Als solcher bringt er Unruhe ins Landleben, weil er der Verwandtschaft nicht länger beim Zeitvergeuden zusehen, sondern sein teures Stadtleben finanzieren will. Die Familie soll also aus ihrem Heim vertrieben, das Gut verkauft werden. Wie Friedrichsen vom gichtigen Greis zum eiskalten Kalkulator wird, ist großartig, auch, wie er die Lebenslust beschwört und doch Todessehnsucht mitschwingt.

Das fabelhaft agierende Ensemble komplettieren Susanne Altschul als Maria, als vom akademischen Glanz ihres Schwiegersohns geblendete Mutti, und RRemi Brandner als Schnorrer Teljégin. Entzückend ist Margot Ganser-Skofic als alte Kinderfrau Marina. Die große Mimin, die zum Glück wieder Theater spielt, hält zum Schluss, als jeder Lebenssinn und damit endgültig alles verloren scheint, den Schimmer der Hoffnung aufrecht. Gott ist gnädig, weiß die Amme. Zumindest wird er’s im Jenseits sein. Gegen irdischen Kummer hilft derweil ihr altbewährter Lindenblütentee.

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Wien, 19. 2. 2017

Juli Zeh im Theater Drachengasse

Mai 2, 2013 in Tipps

„Corpus Delicti“ in einer Wiener Fassung

Bild:  © Andreas FRIESS/picturedesk

Bild: © Andreas FRIESS/picturedesk

Am 2. Mai hat in der Drachengasse die Eigenproduktion „Corpus Delicti“, ein Science-Fiction-Szenario von Juli Zeh, Premiere. Schauplatz: Irgendwann im 21. Jahrhundert. Alle Krankheiten sind ausgerottet, Gesundheit ist die höchste Bürgerpflicht. Wer krank oder traurig ist, macht sich staatsfeindlicher Umtriebe schuldig und wird angeklagt. Doch Mia Holl hat ihren Ernährungsbericht nicht abgegeben, die Bakterienkonzentration in ihrer Wohnung steigt an, und ihre sportliche Leistungskurve ist eingebrochen. Damit macht sie sich der methodenfeindlicher Vergehen schuldig. Da gibt es kein Pardon. Auch wenn Mia meint, sie bräuchte nach dem Selbstmord ihres Bruders Moritz nur ein wenig Ruhe. Der Staat kann nicht zulassen, dass Gefühle statt gesundem Menschenverstand ihr Leben bestimmen oder sie gar zu einer Sympathisantin der R.A.K. machen, die das Recht auf Krankheit fordert. Jetzt, wo sie durch den Verlust von Moritz ihre besondere Begabung für Schmerz entdeckt hat, ist die Gefahr dafür zu groß: Mia muss weg …

Für Regie und die Wiener Fassung ist Andrea Hügli zuständig. Es spielen Melanie Herbe, Volker König, Tamara Stern und Dirk Warme. Zu sehen bis 15. Juni.

Zur Autorin: Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn. Sie studierte Jus in Passau und Leipzig, sowie Literatur in Leipzig. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen (Verlag Schöffling & Co.), Essays und Zeitungsartikel. Einige Prosatexte wurden dramatisiert („Spieltrieb“, „Schilf“ – am Münchner Volkstheater dramatisiert, mit Johannes Silberschneider in der Titelrolle). Für „Corpus Delicti“ erhielt sie 2008 den erstmals verliehenen Jürgen-Bansemer-und-Ute-Nyssen-Dramatikerpreis. Im Theater Drachengasse war2011 ihr Stück „Der Kaktus“ zu sehen.

Plädoyer gegen die Fitness-Diktatur: Ein Interview mit Juli Zeh in stern.de
Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt mit ihrem Roman „Corpus delicti“ gegen einen wachsenden Gesundheitswahn in unserer Gesellschaft an. Im stern.de-Interview erklärt sie, warum sie sich über die Fitness-Diktatur aufregt, wie wenig Gesundheit mit Glück zu tun hat – und weshalb sie raucht und trinkt.
Frau Zeh, rauchen Sie?
Ja.
Trinken Sie Alkohol?
Ja, auch das.
Gerade machen Sie sich einen Kaffee.
Richtig.
Das ist alles nicht besonders gesund. Treiben Sie denn wenigstens regelmäßig Sport?
Tue ich, aber nicht der Fitness zuliebe. Ich bin leidenschaftliche Reiterin. Das mache ich nicht, weil ich denke, ich müsste mich bewegen, um gesund zu bleiben. Ich bin da einfach süchtig danach.
Sie tun es nicht der Gemeinschaft der Krankenversicherten zuliebe, der Sie damit vielleicht die Kosten für die Krankheiten senken könnten, die möglicherweise aus Ihrem Nikotin-, Koffein- und Ethanol-Konsum entstehen?
Ganz im Gegenteil. Reiten kann ja so was von gesundheitsschädlich sein. Neben Skifahren gehört das, glaube ich, zu den Sportarten, bei denen man überlegt, ob man dafür nicht Sonderkategorien bei den Versicherungen schaffen sollte.
Das soll die Leute entlasten, die besser auf sich selbst achten. Was halten Sie von dieser Logik?
Das ist überhaupt keine Logik, sondern ein fatales Missverständnis. Das Prinzip Versicherung basiert ja gerade auf dem Solidaritätsgedanken und der Idee des Ausgleichs. Wenn man einer Versicherung beitritt, aber der Meinung ist, nichts zahlen zu müssen für die Risiken, die andere Leute eingehen, hat man das Prinzip nicht verstanden. Gerade die Argumentation mit der Selbstgefährdung ist die größte Chimäre überhaupt. Wenn man damit anfängt, wird das zu einem völlig unbegrenzten Argument. Dann müsste man den Leuten verbieten, das Bett zu verlassen. Wobei ich gar nicht weiß, wie sicher statistisch der Aufenthalt im Bett ist. Das Betreten eines Badezimmers ist in der Hinsicht jedenfalls gefährlich. Wenn man mit Gerechtigkeitsargumenten das Risiko minimieren will, dann dürften wir alle nicht mehr duschen. Das ist nämlich gefährlicher als Skifahren. Diese ganze Überlegung ist doch absurd.

Zu Ende gedacht, hieße das, man müsste die Leute genau überwachen, um festzustellen, wie riskant sie leben.
Das wäre die praktische Seite. Ich lehne aber schon die theoretische Seite komplett ab. Dieses Menschenbild steht dem, was ich für richtig halte, diametral entgegen. Die Idee, ein gutes Leben als ein risikofreies Leben definieren zu wollen und diese Auffassung dann auch noch der ganzen Gesellschaft aufzuoktroyieren, das widert mich an.
Deshalb haben Sie Ihren neuen Roman „Corpus delicti“ veröffentlicht, der in einer Gesundheitsdiktatur spielt.
Es ist das erste Mal, dass ich ein Buch geschrieben habe, um mich zu erleichtern. Ich hatte richtig das Bedürfnis, das aufzuschreiben, damit ich jetzt sagen kann: Ich habe ein Mal darauf hingewiesen!
Ihr Roman entwirft eine Kontrollgesellschaft, in der der Einzelne sich als Kämpfer für den gesunden Körper beweisen muss. Es gibt ein Pflichtpensum an Sport, selbst in den Toiletten wird der Magensäuregehalt gemessen, um Krankheiten sofort zu registrieren und auszumerzen. Sie denken sich aber gar nicht allzu viel aus, Sie nehmen aktuelle Entwicklungen und spitzen sie zu.
Ich wollte keine Zukunftsvision schreiben und sagen: In so und so viel Jahren sieht es so und so aus. Ich habe tatsächlich Dinge, die jetzt schon da sind, in ein fiktives System übertragen und ein bisschen überdreht. Vor allem habe ich den Totalitätsanspruch hinzugefügt. Es gibt auch jetzt schon Pflichtuntersuchungen für Kinder, das wird von den Eltern oft sogar gutgeheißen.
In Ihrem Buch ziehen Sie die Pflichtuntersuchungen vor: Sie finden schon am Ungeborenen statt.
Es kann nicht mehr lange dauern, bis man Fruchtwasseruntersuchungen machen muss. Es ist ja auch schon so, dass das Amt vor der Tür steht, wenn man zu den Vorsorgeuntersuchungen für seine Kinder nicht geht. Ich wollte eigentlich sagen: Leute, stellt mal diese Mentalität infrage! Überlegt euch mal, was für ein Weltbild dahinter steht! Es beginnt schon mit der Art, wie in der Werbung Menschen präsentiert werden. Eine Inflation von Gesundheitsmagazin- Berichterstattung auf allen Kanälen: Print, Radio, Fernsehen. An jeder Ecke wird andauernd gesagt, wie man sich zu verhalten hat und was gesund sei und was nicht, ohne dass einer überhaupt erst einmal gefragt hätte, wie dieser Begriff Gesundheit definiert ist. Außerdem gibt es auch noch politische Bewegungen. Man möchte erstmals in der Gesetzgebung zu Krankenversicherungen Krankheit mit Schuld identifizieren. Da soll quasi drinstehen, dass, wer sich selbstverschuldet verletzt, keinen Anspruch mehr auf Fürsorge hat. Da kriege ich echt Pickel.
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Es ist Religionsersatz geworden für die Leute. Über viele hundert Jahre galt die Vorstellung: Der Körper ist Asche und Staub. Die Seele aber wird nach dem Tod in eine andere Welt überführt, die ist das Eigentliche und Heilige. Und es gibt einen Gott, der unser Schicksal bestimmt. Eine Krankheit ist dann auch eine Entscheidung Gottes, die ich zu ertragen habe. Dieses Weltbild wurde komplett abgebaut, selbst religiöse Leute sehen das heute etwas anders. Übrig bleibt der Mensch mit einem ungeheuren Maß an Selbstverantwortung und ohne einen Gott, der über richtig oder falsch, gesund oder krank entscheidet. Nur beim Einzelnen liegt die Verantwortung. Daraus entwickelt sich so ein Zwang zum Glücklichsein. Und zu glücklich gehört dabei auch gesund. So rennen die Leute dann verzweifelt irgendwelchen Ratgeberhinweisen hinterher, wie sie denn diesen heiligen Zustand auf Erden erreichen können, für den sie auf einmal ganz allein verantwortlich sind. Wer das nicht hinkriegt, ist selber schuld. Nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor seinem Freundeskreis und letztlich vor der Gesellschaft. Ein religiöses Zwangssystem hat sich in ein areligiöses Zwangssystem verwandelt.

www.drachengasse.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 2. 5. 2013