Viennale 2017: Christoph Waltz kommt als Stargast

September 21, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ihm ist ein umfangreiches Tribute gewidmet

Inglourious Basterds: Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa. Bild: Universal Pictures

Einer der Höhepunkte der diesjährigen Viennale (19. Oktober bis 2. November) steht fest: Christoph Waltz kommt nach Wien! Das Filmfestival widmet dem Schauspielstar und zweifachen Oscar-Preisträger ein umfassendes Tribute. „Christoph Waltz zur Viennale zu holen war seit mehreren Jahren ein Herzensprojekt von Hans Hurch. Dass es in diesem Jahr klappt, freut uns ganz besonders“, so der interimistische Leiter der Viennale, Franz Schwartz.

Die gemeinsam mit Christoph Waltz getroffene Auswahl aus seinen Arbeiten umfasst neben Hollywood-Erfolgen wie „Inglourious Basterds“ (2009), „Carnage / Der Gott des Gemetzels“ (2011) oder „Django Unchained“ (2012) auch ältere Filme, die in Deutschland und Österreich produziert wurden, wie „Kopfstand“ (1981) oder „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“ aus dem Jahr 1996. Am 24. Oktober findet im Gartenbaukino eine Galaveranstaltung in Anwesenheit von Christoph Waltz statt, gefolgt von einem ausführlichen Bühnengespräch.

www.viennale.at

21. 9. 2017

Tulpenfieber

August 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Waltz glänzt als schrulliger Ehezausel

Cornelis Sandvoort lässt sich mit seiner jungen Frau porträtieren: Christoph Waltz und Alicia Vikander. Bild: © Thimfilm

Das Tulpenfieber, das hat es tatsächlich gegeben. Es läutete das Goldene Zeitalter der Niederlande ein, ab 1600 profitierte vor allem die Hafenstadt Amsterdam vom Handel mit den wertvollen Mutterzwiebeln, die die holländische Ostindien-Kompagnie aus weit entfernten Gebieten importierte. Die Wirtschaft boomte, die Kunst blühte auf, die Tulpe wurde zum heiß begehrten Statussymbol.

Die Attraktivität trieb die Preise in schwindelerregende Höhen und die Spekulanten auf den Plan. Börsenfieber grassierte, bis – die vielleicht erste Finanzblase der Geschichte platzte. 1637 fanden bei einer Auktion in Haarlem erstmals Händler keine Abnehmer für ihre Gewächse. Panik, Bankrott, der Staat musste eingreifen – auch der Maler Jacob van Loo, im Film „Tulpenfieber“, der diese Woche in den heimischen Kinos anläuft, heißt er Jan van Loos, verlor sein gesamtes Hab und Gut.

Das ist der Stoff, aus dem Deborah Moggach weiland ihren Roman-Bestseller gewoben hat. Daraus hat der hochkarätige Tom Stoppard ein Drehbuch verfasst, das von Justin Chadwick verfilmt wurde. Et voilà, ist hinreißendes Historienkino entstanden, mit Bildern, wie von den flämischen Meistern entworfen – und tatsächlich spielt die Stadt Amsterdam im Film eine Hauptrolle. Gewurschtel und Gewusel, Geschäftigkeit zwischen den Grachten, Schmutz und verschmierte Kinder und die Jagd nach dem ganz großen Gewinn … Die Fotografie von Eigil Bryld lässt Amsterdam wie einen eigenen Organismus atmen und ist fantastisch anzuschauen. Die Schauspieler arrangiert er zum Tableau vivant.

Ergebnis: Sie verliebt sich in den Maler Jan van Loos – Alicia Vikander und Dane Dehaan. Bild: © Thimfilm

Derweil tobt an der Börse das Tulpenfieber: Supermodell Cara Delevingne in einer wichtigen Nebenrolle. Bild: © Thimfilm

Doch mehr. Moggach/Stoppard bescheiden sich natürlich nicht mit einem Blumenkorso. Die Geschichte also: Der reiche Kaufmann Cornelis Sandvoort hat die junge Waise Sophia geheiratet. Seine erste Frau und seine beiden Kinder wurden Opfer der Pest, nun hofft er erneut auf Nachwuchs, aber sein „kleiner Soldat“ ist über die Jahre ziemlich müde geworden. Da verfällt er auf die Idee, sich und die schöne Gattin porträtieren zu lassen – Jan van Loos wird engagiert, und die Gattin verfällt ihm. Kabale und Triebe. Nun werden Fluchtpläne aus dieser unfruchtbaren Ehe geschmiedet.

Jan wirft sich aufs Tulpengeschäft, damit Geld für eine Überseefahrt zusammenkommt. Sophia will ihren Göttergatten zumindest mit einem Erben trösten, und da kommt ihr die ungewollt schwangere Magd Maria gerade recht. Deren Herzensmann wurde – weil Tulpenschulden – für die wenig christliche Seefahrt shanghait, die Schande, die Schande, und so schmieden die beiden Frauen einen sinistren Plan …

Das Ensemble agiert exzellent. Selbst in kleineren Rollen, wie Supermodell Cara Delevingne als durchtriebene Tulpenspekulantin oder Judi Dench, die als Äbtissin eine Gottesanbeterin gibt, eine hantige Mutter Oberin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Dane Dehaan ist als Jan van Loos melancholisch sexy, die Damen Alicia Vikander und Holliday Grainger als Sophia und Maria entzückend anzuschauen.

Sophia schmiedet mit ihrer schwangeren Magd Maria einen sinistren Plan: Holliday Grainger. Bild: © Thimfilm

Judi Dench, brillant als Äbtissin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Bild: © Thimfilm

Und dann ist da er. Christoph Waltz, ein Schauspieltitan, wie immer, wenn er sich darauf besinnt, dass er in Österreich Charakterdarsteller war, bevor er sich ins US-Superschurken-Business begeben hat. Wie er den Cornelis Sandvoort gibt, ist unübertrefflich: ein freundlicher, schrulliger Ehezausel, ein leutselig geschwätziger Mann, der sich um Standhaftigkeit bemüht, nie ein böses Wort findet und für alle nur das Beste will. Man wird im Laufe der Handlung direkt angesäuert, welches Unrecht ihm hier widerfahren soll. Und als es passiert und die Intrige auffliegt, ist er immer noch großherzig und vergibt. Waltz brilliert in dieser Rolle als niederländischer Kaufmann, der verstehen lernt, dass zwar alles seinen Preis hat, aber man nicht mit allem handeln kann.

Das Ende ist dann original calvinistisch: Die Frevler werden abgemahnt, aber nicht zu streng, die guten Menschen werden für ihr Tun belohnt. Alles in allem eine sehr schön schauerliche Gothic Fiction für den nun langsam heraufdämmernden Herbst. Sehenswert.

tulpenfieber-derfilm.de

23. 8. 2017

Sasha Waltz eröffnet im Festspielhaus St. Pölten

September 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit „Sacre“ beginnt ein Strawinsky-Schwerpunkt

Sasha Waltz & Guests: L'Apres-midi d'un Faune. Bild: Bernd Uhlig

Sasha Waltz & Guests: L’Apres-midi d’un Faune. Bild: Bernd Uhlig

Das Festspielhaus St. Pölten startet am 24. September mit der Berliner Choreografin und Opernregisseurin Sasha Waltz in die neue Saison. Sie präsentiert einen dreiteiligen Abend bestehend aus „L’après-midi d’un faune“, der „Scène d’amour“ aus ihrem Ballett „Roméo et Juliette“ sowie dem Finale von Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“.

Die Kreation von Waltz versieht Strawinskis archaisch anmutende, spannungsreiche und kantige Komposition mit einer fulminanten Choreografie. In einer todestanzartigen Spirale aus akrobatischen Windungen und Verrenkungen begehrt das von der Gruppe auserwählte Frühlingsopfer ein letztes Mal auf, bis eine überdimensionale Dolchspitze unter hochdramatischen Klängen – live interpretiert vom Tonkünstler-Orchester unter der Leitung von Titus Engel – dem Kampf ein Ende setzt.

In „L‘après-midi d‘un faune“ mit Musik von Claude Debussy erzählen die Tänzerinnen und Tänzer von Geistern und Träumen und verleihen der Kraft des Animalischen vor einer knalligen Pop-Art-Szenerie neue Bildwelten. Mit betörender Leichtigkeit beflügelt schließlich das Liebesduett „Scène d‘amour“ aus „Roméo et Juliette“ mit Musik von Hector Berlioz romantische Fantasien und hinterlässt einen überschwänglich euphorischen Nachgeschmack. „Seit Langem interessieren mich archaische Mythen und Riten, die die Macht und erhabene Ordnung der Natur beschwören“, sagt Sasha Waltz. So erforschte sie mit „Continu“, der Festspielhaus-Eröffnungsproduktion 2015, die archaischen Momente im Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft. Wenn nun mit 26 Tänzern dem Wesen und der Position des Opfers in der Gesellschaft auf den Grund gegangen wird, setzt sich die Reihe fort, in der Waltz nach den Kräften und Dynamiken forscht, die zwischen Gruppen und Einzelnen entstehen können.

Sasha Waltz & Guests: Le sacre du printemps. Bild: Bernd Uhlig

Le sacre du printemps. Bild: Bernd Uhlig

Sasha Waltz & Guests: Scene d'Amour. Bild: Stylianos Tsatsos

Scene d’Amour. Bild: Stylianos Tsatsos

Der Abend eröffnet neben der startenden Saison außerdem den Themenschwerpunkt zu Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“, der sich durch mehrere Produktionen der ganzen Saison zieht. So verbindet José Montalvo in seiner Performance „Y Olé!“ am 26. November Flamenco-Rhythmen mit Strawinskis monumentaler Komposition und Marie Chouinard stellt mit ihrer Interpretation des Stoffes am 9. Juni einmal mehr die Brisanz ihrer Kreationen unter Beweis.

www.festspielhaus.at

Wien, 19. 9. 2016

Christoph Waltz in Terry Gilliams

Dezember 2, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

The Zero Theorem

Qohen Leth (Christoph Waltz). Bild: © Filmladen Filmverleih

Qohen Leth (Christoph Waltz).
Bild: © Filmladen Filmverleih

Kunterbunt geht die Welt unter: Ex-Monthy-Phyton Terry Gilliam hat es nach der Don-Quixote-Schlappe endlich geschafft, eines seiner Lieblingswerke fertig zu stellen: „The Zero Theorem“ läuft ab 5. Dezember in den Kinos. In einer dystopischen Zukunft lebt das exzentrische Computergenie Qohen Leth (Christoph Waltz) äußerst zurückgezogen in der Ruine einer ausgebrannten Kirche. Für eine anonyme Firma, die mittels des Supercomputers ManCom den virtuellen Raum beherrscht und von Arbeitsdrohnen bevölkert ist, arbeitet Q – wie er von seinem Vorgesetzten Joby (David Thewlis) genannt wird – fieberhaft daran, das „Zero Theorem“ zu lösen. Diese mathematische Formel enthält nichts Geringeres als die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens (Douglas-Adams-Kenner wüssten, die Antwort lautet 42 😉 ). Den Machthabern dieser Orwellgleichen Zukunftswelt, in der Q lebt, scheint dies gar nicht zu gefallen. Sie schicken ihm immer wieder die lasziv-verführerische Bainsley (Mélanie Thierry) sowie Bob (Lucas Hedges), den rebellischen Sohn des mysteriösen Firmenvorstands „Management“ oder den Chefdikator (Matt Damon) ins Haus, um seine Forschungen zu stören und die Lösung des größten Rätsels der Menschheit zu verhindern. Doch Leth, der von einer persönlichen Tragödie schwer traumatisiert ist, hat sich fest vorgenommen, seine Arbeit zu Ende zu bringen. Denn man hat ihm in Aussicht gestellt, dass er dann jenen Anruf erhalten würde, auf den er seit Jahren verzweifelt wartet. Doch erst nachdem er die Macht der Liebe und der Begierde gespürt hat, kann er den wahren Grund für seine Existenz begreifen. In weiteren Rollen sind Tilda Swinton mit Monsterperücke und Ben Whishaw zu sehen.

In diesem luziden Science-Fiction-Drama läuft Kinozauberer Terry Gilliam wieder zur Hochform auf. Der neue Film ist nichts weniger als die Summe seiner Meisterwerke „Time Bandits“, „12 Monkeys“ und „Brazil“, nur, dass diesmal statt Robert de Niro der zweifache Wiener Oscarpreisträger Waltz – als glatzköpfiger Exzentriker, ein verschrobener Kauz, der von sich im Plural spricht, im Getriebe eines kafkaesken Verwaltungsapparat steckt. „The Zero Theorem“ ist ein faszinierender Ausflug in Gilliams Parallel-Universum aus Fantasie, Geist und schwarzem Humor, ein schillernder Crash-Kurs in Existenz-Philosophie –dividiert durch Popcorn. Es wimmelt nur so vor subversiven Botschaften und satirischen Überzeichnungen  -wer mit Gilliams Ideenwildwuchswelten schon bisher nichts anfangen konnte, sollte den Film auslassen.
Terry Gilliam möchte es dem Publikum überlassen, herauszufinden, welche Botschaft der Film vermitteln soll; dennoch betont er einige der herausragenden Themenkreise:
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Qohen ist isoliert, doch niemals einsam.
Terry Gilliam: Es gibt einen großen Unterschied und das ist einer der wichtigsten Themenkreise im Film. Das Leben hat auf ihn eingehämmert, er hat vielleicht viele Enttäuschungen ertragen müssen und möchte eigentlich nur alleine sein. Wie kann man in dieser hoch vernetzten Welt, in der es keine Schlupflöcher gibt, sich selbst als allein, aber nicht einsam definieren? Das treibt mich wirklich um. Meiner Meinung nach findet man gerade dann zu sich selbst, wenn man alleine ist.
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Warum die Sinnlosigkeit von mathematischen Modellen zur Entschlüsselung des Sinns des Lebens?
Gilliam: Unsere Welt wird heute von Algorithmen beherrscht; jeder vertraut darauf, dass man die Formel finden kann, die einen reich machen wird. Das gesamte Bankwesen basiert auf Algorithmen. Und was haben die uns letztes Mal alles eingebrockt! Ich glaube einfach nicht, dass man das Leben abmessen und quantifizieren kann.
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Gibt es noch Privatsphäre?
Gilliam: Wir haben keine Privatsphäre – die hat man uns längst genommen. Sie ist weg. Tatsächlich scheinen wir sie bereitwillig aufgegeben zu haben durch unsere Sehnsucht nach Vernetzung. Die NSA sammelt doch jetzt alles, was geht. Wie kann man diesen Trend umkehren? Das geht wahrscheinlich gar nicht, also muss man seinen eigenen Weg finden, um damit zu leben.


http://zerotheorem-film.de/

Wien, 2. 12. 2014

Kino: Ein Oscar für Christoph Waltz

Januar 26, 2013 in Film

Djangos Frau ist tot, Baby!

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Der österreichische Schauspieler Christoph Waltz wurde für seine Rolle als Kopfgeldjäger Dr. Schultz mit dem Oscar als bester Nebendarsteller ausgezeichnet. Damit verlieh ihm Hollywood schon den zweiten goldenen Schwertträger. Quentin Tarantino erhielt den Preis für das beste Originaldrehbuch.

US-Regisseur Quentin Tarantino hat nicht nur ein Herz, sondern ist auch ein Meister des Trash-Kinos. Vom Comic-Episoden-Irrsinn „Pulp Fiction“ bis zum absichtlich falsch buchstabierten Nazi-Exploitation-Movie „Inglourious Basterds“ hat er das immer wieder und nach vorliegendem Ergebnis immer wieder hoch dekoriert bewiesen.

Nun hat sich der Genre-Gauner bei von ihm ebenso verehrten Klassikern bedient: den Italo-Western. In „Django Unchained“ plündert er mit diebischer Freude das Zitatenschatzkästchen der drei großen Sergios – Corbucci, dem tatsächlichen Django-Erfinder, an dessen Kult-Film „Leichen pflastern seinen Weg“ auch Tarantinos Schnee-Szenen erinnern, Leone und Sollima.

Im Gegensatz zu früheren Sarkasmusschmonzetten kommt Tarantino diesmal aber nicht aus dem Windschatten des triumphalen Trios.

„Django Unchained“ ist eine wunderbare, großartig gelungene Hommage an den italienischen Western der 1960er Jahre. Aber er ist kein Django-Film.

Wofür weder der zu Recht Oscarnominierte Christoph Waltz als deutscher Kopfgeldjäger Dr. Schultz, noch der zu Unrecht nicht Oscarnominierte Jamie Foxx als Ex-Sklave Django etwas können.Was fehlt ist: der Sarg. Simpel gesagt.

Als der politisch links außen stehende Corbucci 1966 seinen „Django“ mit Franco Nero (der Schauspielstar absolviert bei Tarantino übrigens einen kurzen, durch seine stechend blauen Augen markanten Kurzauftritt) drehte, wollte er brutal einen zeitgenössisch-gesellschaftskritischen Film gegen die Leinwand schleudern. In Europa mehrten sich die Studentenunruhen, die Proteste gegen den Vietnamkrieg. Der Kalte Krieg kochte. Terroristische Gruppierungen wie die RAF oder die Roten Brigaden glaubten, als einsame „Pistoleros“ für das, was sie unter Recht verstanden, sorgen zu können. Ohne Rücksicht auf Kollateralschäden.

Das ist Django: Ein wortkarger Verfechter der Selbstjustiz, der das dafür notwendige Maschinengewehr in einem Sarg hinter sich her zieht. Ein zynischer Gewalttäter, der sich auch an Frauen vergreift. Seine eigene ist tot. Was er Gott nicht verzeiht. Und deshalb auf kein Jüngstes Gericht wartet, sondern schon einmal selber die Postapokalypse einläutet. Berühmtestes Filmzitat: „Es gibt bloß eins, was wichtig ist: dass man sterben muss.“

Zwei Szenen mussten im katholischen Italien aus einer ersten Fassung gestrichen werden: Die, in der Django auf einem Friedhof hinter einem Grabkreuz in Deckung geht – und dieses von seinem Gegner mit Kugeln durchsiebt wird. Und die, in dem der Desperado einem Widersacher ein Ohr abschneidet und zum Fressen in den Mund schiebt.

Tarantino verhält sich in Vielem als braver Schüler seines Lehrers. Vor allem punkto makabrem Humor steht er Corbucci in nichts nach. Waltz, getarnt als reisender Zahnarzt, der sich mitten im Nirgendwo des gepflegtesten Ausdrucks befleißigt, bevor er losballert, ist eine Show für sich. Es gibt eine – im Gegensatz zu Corbucci – saukomische Ku-Klux-Clan-Szene; es wird ohne Rücksicht aufs Geschlecht ausgepeitscht und anderweitig gefoltert. Und das ausgerechnet auf Leonardo DiCaprios Gut namens „Candyland“. Man ist dankbar, dass man nicht en detail sehen muss, wie einem „Nigger“ die Augen in den Kopf gedrückt werden; ein anderer, der von Hunden zerfetzt wird, trennt sich allzu offensichtlich als die Stoffpuppe auf, die er ist. Dass Franco Neros „Django“ von seinem Feind die Hände zertrümmert werden, deutet Tarantino an, lässt es DiCaprio aber nicht ausführen.

Anzurechnen ist dem Amerikaner, dass er sich via Jamie Foxx mit dem unaufgearbeiteten Kapitel der Sklaverei in den USA auseinandersetzt.

Das ist Verdienst und Problem von „Django Unchained“ zugleich – und da soll gar nicht darüber philosophiert werden, warum ein ehemaliger Sklave so einen flotten Umgang mit der Flinte pflegt. Aber eine Ehefrau? Und die 165 Minuten lang suchen? Und mit der dann ein glückliches Leben als der schnellste Schütze im Süden führen? Sorry, Quentin, das geht sich nicht aus. Django als verliebter Göttergatte ist wie Schnitzel mit Tunke.

Da hätten die beiden ja gleich dem Nordstern folgen können, Jamie Foxx wäre den Unionstruppen beigetreten und später in Fort Sumter verreckt …

www.unchainedmovie.com
www.djangounchained.de

Von Michaela Mottinger
Wien, 19. 1. 2013

Geschichte einer Nobelherberge

06.01.2013. Von Michaela Mottinger http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

In „Das Adlon“ auf ORF 2 (Sonntag, 20.15 Uhr) wird die Geschichte des gleichnamigen Berliner Hotels erzählt.

Er könne sich, sagt Heino Ferch, vor allem an die großartige Big Band des Adlon erinnern. 1997 war das. Und der Anlass die Premiere der „Comedian Harmonists“, ein Kinofilm, in dem Ferch eine der Hauptrollen spielte.

1997 hatte das Adlon schon drei politische Systeme überdauert. Die Kaiserzeit, die Nazis, die DDR. Es lag, wie das ganze Land, in Trümmern. Und wurde doch von der Ruine wieder zur Nobelherberge aufgebaut.

Produzent Oliver Berben und Regisseur Uli Edel setzen dem Hotel in einem TV-Dreiteiler (6., 7., 9. Jänner, 20.15, ORF 2) nun ein filmisches Denkmal. Am 7. Jänner im Kulturmontag: Die Doku „Adlon verpflichtet“ von Dagmar Wittmers.

„Das Adlon. Eine Familiensaga“ verbindet die reale Geschichte der Familie Adlon über vier Generationen mit der fiktiven Figur Sonja Schadt, der Tochter eines Hausangestellten. Sie ist es, die die große güldene Welt oben mit der der kleinen Leute unten verbindet. Ihr Leben ist aus Briefen von Angestellten, die das Adlon in seinem Archiv aufbewahrt, gespeist, um es so authentisch wie möglich zu erzählen.

„Unser Projekt ist viel mehr als ein Hotelfilm“, so Oliver Berben. „Das Adlon ist ein Zeitzeuge. Es erzählt eine Vielzahl von Geschichten und hütet unzählige Geheimnisse. Bei einem so altehrwürdigen Haus einmal durch das Schlüsselloch zu spähen, all die Komödien und Tragödien zu erforschen, die sich darin abspielten, war für mich das Spannendste an der Arbeit.“
Die nicht weniger als drei Jahre dauerte.

Regisseur Percy Adlon („Zuckerbaby“, „Out of Rosenheim“, „Mahler auf der Couch“), ein unehelicher Hoteliers-Spross, der 1996 mit dem TV-Film „In der glanzvollen Welt des Hotel Adlon“ selbst schon einmal dessen Geschichte aufarbeitete, stand dem Team als Konsulent zur Seite. Ferch, der Louis Adlon spielt: „Über Percy Adlons Film habe ich mich dem Thema angenähert. Außerdem habe ich das Buch ,meiner‘ Frau Hedda, die von Marie Bäumer verkörpert wird, gelesen. Sie schildert die Geschehnisse aus ihrer Sicht und weiß viele Fakten.“

Stars und Kostüme

103 Rollen wurden für das Fernsehspektakel gecastet. Neben Ferch und Bäumer unter anderem Rosemarie Fendel, Burghart Klaußner, Thomas Thieme, Sunnyi Melles, Wotan Wilke Möhring und Jürgen Vogel. Viele Figuren sieht man im Wandel der Jahrzehnte – weshalb Vogel auf die Frage, was das Anstrengendste am Dreh war, auch stöhnte: „Die Maske!“

c_Adlon004.jpg

„Ich hatte mindestens fünf Perücken und maßgeschneiderte Silikonteile, um im Laufe der Zeit 70 Jahre alt zu werden“, lacht Ferch. Marie Bäumer erzählt: „Ich habe mir einen Gürtel aus Gardinenblei nähen lassen, um gebeugter zu gehen.“Dafür durfte sie als junge Hedda ausgiebig reiten. Das tut sie nämlich gern. Hat schließlich auch der um ihre Sicherheit besorgte Produzent eingesehen.

 

 

Gute Manieren, falsche Bilder

„Der letzte Weynfeldt“: Ein Fernsehfilm nach Martin Suter mit Stefan Kurt in der Titelrolle.

05.01.2013, Von Michaela Mottinger http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

Ein bankrotter Freund bittet Kunsthändler Adrian Weynfeldt, das Gemälde „Femme nue devant une salamandre“ von Félix Vallotton in seine nächste Auktion zu bringen. Der Freund besitzt vom Bild Original und Fälschung. Da taucht eine Femme fatale auf – und eine weitere Fälschung. Die wird versteigert. Und das Original besitzt … eine originelle Schlusspointe.

2008 erschien der Roman „Der letzte Weynfeldt“ von Martin Suter. Eine Mischung aus Komödie, Thriller und Liebesgeschichte. Der Bestseller wurde verfilmt; das ZDF zeigt ihn am  5. Jänner um 21.45 Uhr.

Der Schweizer Autor, ein bekennender Fernsehfreak, ließ sich vertraglich zusichern, dass er bei der Wahl der Produktionsgesellschaft und der Regisseure mitreden dürfe. Und stellte für das Projekt sonst nur eine Bedingung: ein Schweizer Schauspieler, der wunderbare Stefan Kurt, der 2012 auch bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne stand, sollte den Weynfeldt spielen. Man kennt einander schon von anderen Produktionen. „Und jedes Mal war er wunderbar“, so Suter.

„Stefan verleiht Weynfeldt genau die Mischung aus vermeintlicher Überheblichkeit und Bescheidenheit, die die Figur im Roman auszeichnet.“

Auch Stefan Kurt war von der Rolle sofort angetan: „Ich liebe es, diese zurückgenommenen Charaktere zu spielen. Das liegt mir im Blut. Wahrscheinlich steckt in Adrian Weynfeldt einiges von meiner eigenen Person. Weynfeldt ist eher der stille Beobachter, er reagiert, statt dass er agiert. Das muss man sehr minimalistisch spielen, diese Contenance in jeder Situation. Ich habe mir dafür einen speziellen Gesichtsausdruck zurechtgelegt.“

Weynfeldt ist wie aus der Zeit gefallen. Seine antrainiert guten Manieren lassen ihn oft überheblich wirken. Die Fassade beginnt erst zu bröckeln, als ihm Marie Bäumer als Lorena, die damenhafteste Schlampe, die man im Fernsehen je gesehen hat, und ihr Liebhaber/Zuhälter Pedroni alias Nicholas Ofczarek, nachstellen. Mit immer neuen Erpressungsgeldforderungen.

Erlesene Besetzung

Auch die übrige Besetzung ist erlesen: Vadim Glowna spielt Dr. Baier, den insolventen Vallotton-Besitzer; Annemarie Düringer ist die ob der neuen Dame des Hauses, Lorena, missmutige Hausdame Frau Hauser.

Für Stefan Kurt, sehr gern Ausstellungsbesucher, aber ahnungslos in Sachen Kunstfälschung, waren die Dreharbeiten lehrreich. Vor allem die Begegnungen mit Experten Christoph Keller, der als Berater zur Verfügung stand. „Kunstleute umgibt ein anderer Geist“, so Kurt. „Das ist ein eigener Menschenschlag. Hochgebildet, sehr höflich, aber auch sehr bestimmt.“

Stefan Kurt hat sich das alles durch die Lektüre diverser Knigge-Bücher und einen Schnellkurs bei Isa Gräfin von Hardenberg angeeignet.

Was er sich für seinen Weynfeldt wünscht? „Dass die Zuschauer Empathie für diesen verschrobenen Menschen entwickeln.“