Neue Oper Wien: Der Reigen

November 13, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs

musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte. Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern. Alexander Kaimbacher etwa wagt sich als zum brutal besoffenen Vorstadtkiberer mutierten „Soldaten“ bis an die Ekelgrenze, er trieft vor Widerwärtigkeit, wenn er in breitestem Wienerisch auf die Prostituierte losgeht. Als Autor wiederum kann er gar nicht genug hochgestochen Süßholz raspeln, während ihn Anita Giovanna Rosati als satirisch begabtes Schulmädchen am Gängelband, ist gleich dem Telefonkabel, führt.

Rosati gelingt mit ihrem angenehmen Sopran auch ein schauspielerisches Kabinettstück, mit Marco Di Sapias Ehemann, dem sie weismacht, allein durch den Wein wären seine Verführungskünste so berauschend, dass sie schließlich in seine Arme taumelte. Nach dem Waschmaschinenkoitus mit der „jungen Frau“ Barbara Pöltls, sie danach die mütterlich-mitleidige Dirne, wechselt Di Sapia vom dauerdozierenden Ehemann zum Privatier, früher: Graf, und seinen Bariton von auftrumpfend-oberlehrerhaft zu ältlich-vertrocknet. Großartig ist es, wie seine Körpersprache das beginnende Greisentum der Figur plausibel macht, diese mimisch-gestische Wundertat nur übertroffen von Thomas Lichtenecker.

Dem Countertenor kommt nach Bernhard Langs Wille nämlich die Aufgabe zu, zwischen den Geschlechtern zu pendeln. Lichtenecker gibt den jungen Mann mit einer ordentlichen Portion upperclassiger Verzogenheit – und mit Rosati als herrenreitendem Hausmädchen – und mit Bravour die Schauspielerin. Eine zwischen schrill und süßlich changierende Diva, unduldsam im Wellnessurlaub mit dem mittlerweile ungeliebten Autor, dann, weil mit dem immerhin finanziell potentem Privatier in der Theatergarderobe, eine kokette Kokotte – beide Episoden von der die Handlung gnadenlos ironisierenden Liedtke als jene groteske Komödie entworfen, als die Schnitzler seinen „Reigen“ so gerne gestalten wollte, das Genderspiel auf die Spitze getrieben, die Boy-Actor-Assoziation perfekt, sobald Lichtenecker seine nackte Männerbrust aus dem elisabethanischen Mieder schält.

Schauspielerin und Privatier: Thomas Lichtenecker und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Barbara Pöltl als Prostituierte und Marco Di Sapia als Privatier. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Entscheidend zum Gelingen der Aufführung tragen die optischen Lösungen von Herold und Schaaf bei, die das Bühnenbild nicht nur zu immer wieder neuen Guckkastenzimmern öffnen, sondern auch via animierter Schwarzweißzeichnungen ästhetisch düstere Schauplätze von der Karlsplatzpassage übers Hotel Orient bis zum 30iger-Jahre-Gemeindebau entstehen lassen. Diverse Orgasmen werden als hypnotische Spiralen visualisiert, klar: die sich im Schleudergang drehende Waschtrommel bietet sich geradezu an, neugierige Nachbarn spechteln derweil hinter Vorhängen hervor. Das Publikum zollte allen an diesem Ausnahmeprojekt Beteiligten begeistert Beifall, allen voran selbstverständlich dem wie stets souverän über das Geschehen wachenden Walter Kobéra.

Video: www.youtube.com/watch?v=HXXXc5vlmyU&feature=emb_logo           neueoperwien.at

  1. 11, 2019

Volksoper: Das Gespenst von Canterville

Oktober 19, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicht wirklich wilde’sche Geisterstunde

Der Spukstar unterhält seine untoten Fans: Morten Frank Larsen als Sir Simon, Gespenst von Canterville, mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Pausengespräch drehte sich ums „Wie geht das?“, sind doch eben zum Mitternachts- glockenschlag die Geister aus ihren Gemälden gestiegen, sozusagen vom lebendigen Bild zum untoten Ensemble geworden, um ihrem Spukstar zu huldigen – Sir Simon, seines Zeichens „Das Gespenst von Canterville“ und nunmehr Protagonist der ihm gewidmeten Familienoper von Marius Felix Lange, die die Volksoper als österreichische

Erstaufführung zeigt. Um es kurz zu machen: Die Geheimnisse der Bühnenmagie werden nicht gelüftet, kein Zauberer verrät freiwillig seine Tricks, und Multimedia-Künstler Roman Hansi ist ein großartiger, wie er mit dieser Arbeit einmal mehr beweist. Die von ihm kreierten Video-Wiedergänger fallen im Wortsinn aus dem Rahmen und handeln mysteriös eigenmächtig, wenn sie auf die Solistinnen und Solisten reagieren, erstaunt über Frauke-Beekes Hysterieanfall, erfreut über den schüchternen Kuss zwischen Virginia und David, bevor sie ihre „Rollen“ an Chor und Komparserie weiterreichen.

Hansis grünwirbelnder Sturmwind sowie ein Kameraflug durch den Friedhofswald sind ein ausgeklügelter Hightech-Kontrast zum elegant verfallenden Schloss Canterville von Walter Schütze. Wendeltreppauf, -treppab, mal den Morgenstern schwingend, mal mit seinen Sünderketten rasselnd, fegt Morton Frank Larsen als Sir Simon durch Philipp M. Krenns schnittige Inszenierung. Gerrit Prießnitz am Pult führt das Volksopernorchester mit Verve durch Langes Partitur, deren expressiver Stil immer wieder für musikalische Überraschungen gut ist, wenn etwa die Ouvertüre schon als komplette Geisterstunde komponiert ist, Sir Simon beim Geständnis der Ermordung seiner Frau das Volkslied „Flower of Scotland“ zitiert.

Oder die Zwillinge Leon und Noel, alias die Hausdebütanten Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig, ihre Partien als Rap singen, wie überhaupt jede der Figuren ihr kleines Leitmotiv hat. Der „Sound“ ist also farbenprächtig und humorvoll und meistens ziemlich laut, nicht zuletzt wegen der zusätzlich verwendeten Marimba, Donnerblech, Ketten und Windmaschine, und das stellt sich, zusammen mit dem Einsatz eines ungeheuren Schlagwerks und dergestalt dem Vermissen von subtilen, lyrischen Klängen, alsbald als Crux bei der Sache heraus. Wie der Komponist ist auch Librettist Michael Frowin vorrangig um den Funfaktor bemüht, und zusammen ergibt das eine Leerstelle im Werk.

Sir Simon, hier geistreich auf der Höhe …: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

… und wenig später der Verzweiflung nahe: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine Auslassung, was Oscar Wildes Sinn für fein geschliffene Satire und spitzzüngigen Sarkasmus betrifft. Heißt: Tempo und Timing, Pointe und Persiflage – ja, gewitzte Tiefenbohrung ins Geistreiche – nein. Der Blutfleck-Gag kommt freilich vor, auch der abgetrennte Kopf unter der Speiseglocke oder das Schmieröl für die quietschenden Spukutensilien. Die Jungs jagen das Gespenst mit Wassergewehren, Sir Simons Verzagtheit ob seiner Verdammnis zur ewigen Existenz allerdings gerät zu sehr zur komischen Parodie. „Kindes Mitleidsträne“, wie sie das alte Erlösungsgedicht von Virginia einfordert, gibt es gar nicht.

Statt einer Art mädchenhafter Romantik hat sich Anita Götz als Virginia aufs Aufmüpfig-Burschikose vergelegt, sie ist das Superhirn hinter den Streichen, die Sir Simon retten sollen, will doch Rebecca Nelsen als Frauke-Beeke Hansen dessen Anwesen in Schutt und Asche legen, um auf seinem Platz ein Halloween-Eventresort aufzubauen. Nelsen gelingt die Gestaltung der überreizten, überspannten Großstadthyäne ebenso, wie Götz die der zupackenden, problemlösungsorientierten Gymnasiastin, stimmlich changieren die Damen zwischen scharf und schrill. „Meckerziege“ nennen die Kids die Assistentin und Geliebte ihres Vaters ja nicht umsonst.

Wie dem Vornamen Frauke-Beeke anzumerken, hat Michael Frowin die amerikanische Botschafterfamilie in die eines deutschen Immobilien-Unternehmers verwandelt. Diesen Georg König singt und spielt Reinhard Mayr. Der oberösterreichische Bassist, Kürzesteinspringer, nachdem sowohl Martin Winkler als auch Alternativbesetzung Daniel Ohlenschläger krankheitsbedingt ausgefallen waren, kennt die Partie seit der Uraufführung in Zürich und ist nach nur einer Woche Probenzeit entsprechend perfekt. Seine Szenen mit Larsens Gespenst sind die gesanglichen wie darstellerischen Highlights, wenn der selbsternannte, selbstverliebte, so schön stöhnende Gruselgott auf den prinzipienreitenden Pragmatiker trifft, und schließlich die Schreckgestalt selbst zum Erschreckten wird.

Der neue Schlossherr bietet dem Gespenst Schmieröl für die Ketten an: Morten Frank Larsen und Reinhard Mayr. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beeke schmiedet sinistre Pläne: Rebecca Nelsen mit Regula Rosin und Paul Schweinester. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Spukrequisiten soll das Schlimmste verhindert werden: Schweinester mit Lukas Karzel, Anita Götz und Stefan Bleiberschnig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beekes unfreiwilliger Abgang: Nelsen mit Bleiberschnig, Karzel, Schweinester und Götz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Regula Rosin bringt als Haushälterin Mrs. Umney ihren kräftigen Sopran zur Geltung, und steigert diesen – tatsächlichen – Charakter von kopfschüttelndem Unverständnis zu gereiztem Unmut zu kämpferischer Wut angesichts des Verhaltens der neuen Herrschaft. Peter Schweinester ist als Sohn David Umney ans Haus zurückgekehrt, und was seinem ansprechenden Tenor in der Höhe mitunter abgeht, macht er mit überbordender Spielfreude wett. Schweinesters David wird schließlich gemeinsam mit den quirligen Twins Karzel und Bleiberschnig, Anita Götz‘ Virginia und Sir Simons dämonischen Requisiten die böse Hexe Frauke-Beeke zum unfreiwilligen Verschwinden bringen. Damit‘s märchenhaft heißen kann: Ende gut, alles gut.

Fazit: Eine wirklich wilde’sche Geisterstunde ist „Das Gespenst von Canterville“ an der Volksoper nicht, einiges daran wirkt eher untief als untot. Das Premierenpublikum war aber ohnedies darauf eingestellt, sich amüsieren zu lassen. Der verstorbene Canterville’sche Clan, der die Zuschauer schon im Foyer abholt und dabei gerne für ein schauriges Selfie zur Verfügung steht, sorgt bereits ab da für beste Stimmung, der Applaus am Schluss war entsprechend. Ein Sammlerstück wird sicher das Programmheft – mit Gespenstermaske und Sir-Simon-Badge, Rätselgedicht und per App zu bewegenden Geisterporträts ein Must-have.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Ma7GfJj0HTg           www.youtube.com/watch?v=Yongnn6Jq24 Komponist Marius Felix Lange, Dirigent Gerrit Prießnitz und Regisseur Philipp M. Krenn im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=YnWqPYC7FY0           www.volksoper.at

  1. 10. 2019

Neue Oper Wien: Angels in America

September 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Himmlisch, brillant und hochaktuell

Der Engel steigt herab in Prior Walters Krankenhauszimmer: Caroline Melzer. Bild: Armin Bardel

Als Tony Kushner sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Theaterstück „Angels in America“ schrieb, hatte es in den USA gerade die George-Bush-Stunde geschlagen, es war die Zeit von Operation Desert Shield und den damit verbunden präsidentischen Lügen, und auch, wenn erst Sohn W. die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner per entsprechendem Verfassungszusatz unterbinden wollte, so war das amerikanische Klima in den 1990er-Jahren alles andere als freundlich für die LGBT-Community.

Die Neue Oper Wien brachte nun gestern im Wiener MuseumsQuartier Péter Eötvös‘ auf Kushners Gay Fantasia on National Themes“ basierende Oper zur österreichischen Erstaufführung. Wie die Vorlage ist das musiktheatralische Werk, für das Mari Mezei das Libretto verfasste, gesellschaftspolitisch klugen Inhalts, wenn Eötvös auch statt der im Stück festgemachten Sozialkritik mehr an den Schicksalen der Protagonisten interessiert ist, deren Los, wie in Kushners Zwischen-Himmel-und-Erde-Text, in Halluzinationen, Visionen, Traumwelten widergespiegelt wird.

Mal verursacht durch den Missbrauch, mal durch die Verabreichung von Medikamenten. Das Thema von „Angels in America“ ist AIDS. Und dass dieses nach wie vor hochaktuell ist, belegen die jüngsten Statistiken der AIDS Hilfe Wien: Weltweit leben 36,9 Millionen Menschen mit HIV/AIDS, davon 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren. In Österreich liegt die Zahl der Infizierten und Erkrankten bei acht- bis neuntausend, und täglich kommen ein, zwei weitere Fälle dazu. Dass sich außerdem homophobe Angriffe wieder häufen, ist eine erschreckende Tatsache. In einer vor dem Sommer erhobenen Studie der Stadt Wien beispielsweise gaben 28 Prozent der Stadtbewohner mit queeren Lebensmodellen an, 2017 deshalb diskriminiert, lächerlich gemacht und beschimpft worden zu sein, ein Viertel davon war sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Über Eötvös‘ Arbeit sagt Neue-Oper-Wien-Intendant und Dirigent des Abends Walter Kobéra in seinem unbedingt empfehlenswerten Einführungsgespräch: „Das Werk kommt von Herzen. Möge es zu Herzen gehen.“ Und so geschieht es. Eötvös, der sich stets gern vom Lokalkolorit des verwendeten Dramas inspirieren lässt, seien‘s russische Töne bei den „Tri Sestri“ nach Tschechow oder französisch anmutende bei „Le Balcon“ nach Jean Genet, hat diesmal punkto Klangsprache auf die Melodien der großen Broadwaymusicals zurückgegriffen – erkennbar an der Besetzung des amadeus ensemble-wien mit zusätzlich zwei Schlagwerken, Hammondorgel, Gitarre und E-Gitarre, die bei der Begegnung von Louis und Joe eine Art „Doppelkonzert“ geben.

Prior Walter und sein Lover Luis Ironson: David Adam Moore und Franz Gürtelschmied. Bild: Armin Bardel

Krankenpfleger Belize kümmert sich um den „Propheten“ Prior: Tim Severloh und David Adam Moore. Bild: Armin Bardel

Eötvös‘ Komposition ist trotz der Schwere des Sujets erstaunlich zugänglich, leicht und melodiös. Fürs Zwischenmenschliche hat er ein leis‘-poetisches Vokabular erdacht, die Metaebene Himmel illustriert er auf atemberaubend sinnliche Weise. An den schönsten Stellen greift all dies ineinander. Der Inhalt, als solcher nicht leicht zu fassen, hier kurz zusammengefasst: Der Hauptcharakter Prior Walter erfährt, dass er an AIDS erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Auf Erden, heißt: in New York, bedeutet das für ihn, dass sich sein Lover Luis Ironson von ihm trennt, weil er vor dem qualvollen Sterben seines Partners fliehen will.

Vom Himmel herab steigt aber ein Engel, der Prior verkündet, „der Prophet“ zur Rettung der Menschheit zu sein, die er dazu bewegen soll, ihrem Fortschrittsglauben als der Wurzel allen Übels abzuschwören. Aus Salt Lake City ist das Mormonenehepaar Harper und Joseph „Joe“ Pitt neu in die Metropole am Hudson River gezogen. Die psychisch labile Harper ist der Großstadt nicht gewachsen und greift immer öfter zu Valium, da sieht sie in einer Vision Prior, der ihr offenbart, dass Joe schwul ist. Was dieser im Central Park, wo er Männerpaare bespannt, inzwischen selbst feststellt. Joe trifft Luis, die beiden gehen eine Beziehung ein, während im Spital Krankenpfleger Belize verzweifelt versucht, Prior klarzumachen:

Sein Engel war nur eine durchs Morphium ausgelöste Halluzination. Zwei real existiert habende Figuren gehören ebenfalls zum Personal: Roy Cohn, ein Staatsanwalt, der in der McCarthy-Ära zum berüchtigsten aller Kommunistenjäger aufstieg, und der in seiner Eigenbewertung als Präsidentenmacher als letztem Donald Trump das politische Handwerk beibrachte. Der ausgewiesene Schwulenhasser Cohn war selber homosexuell, 1984 wurde bei ihm AIDS diagnostiziert, doch bis zu seinem Tod zwei Jahre später gab er vor, an Leberkrebs zu leiden. In der Oper erscheint ihm knapp vor seinem Ende, um ihn zu verspotten, Ethel Rosenberg, in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Julius wegen Spionage für die Sowjetunion angeklagt. Auf Cohns Betreiben wurde nicht nur er, sondern auch sie, bei der die Beweislage wesentlich dünner war, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Cohn gab 1986 zu, dass die Regierung die Beweise gegen die Rosenbergs „hergestellt“ habe …

Regisseur Matthias Oldag setzt in seiner Inszenierung ganz auf den vom Werk vorgegebenen Dauerdreh von Tragik zu Komik. Nicht ohne Witz ist etwa eine celestische Konferenz der Engel aller Kontinente, in der sie versuchen, mittels steinaltem Röhrenradio Nachrichten von der Erde zu empfangen, dabei angetan wie eben noch die Obdachlosen, die sich in der Bronx um ein Mülltonnenfeuer versammelten. Auftritt „Prophet“ Prior, der zwar nicht das nietzscheeske „Gott ist tot“ verkündet, aber immerhin dessen Davonschleichen vor den Sorgen seiner Geschöpfe. Priors Aufforderung, ihm bei Wiedererscheinen den Prozess zu machen, statt Gottes Gericht – Gott vor Gericht, hinterlässt in Anbetracht seines Zustands beim Zuschauer einen ziemlichen Kloß im Hals.

Dies Wechselbad der Gefühle hat Bühnen- und Kostümbildner Nikolaus Webern für den schnellen Szenenwechsel ausgestattet. Wenige, von den Darstellern bewegte Versatzstücke definieren die diversen Schauplätze, oft sind mehrere zugleich auf der Bühne, vorne Harper allein am Schminktisch, hinten Cohns Büro, in dem er seinen Adlatus Joe herumkommandiert. Auch die Trennungen von Joe und Harper sowie Prior und Luis laufen parallel, dazu ringsum Projektionen – Hochhaussilhouette, Bow Brigde, Star-Spangled Banner und Live-Videos, die die Solistinnen und Solisten überlebensgroß an die Wand werfen. Auf dem Bühnenboden liegt Schnee (oder liegen da doch Engelsfedern?).

Luis und Joseph Pitt kommen sich im Central Park näher: Franz Gürtelschmied und Wolfgang Resch. Bild: Armin Bardel

Die auf sein Geheiß auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Ethel Rosenberg sucht Roy Cohn heim: Sophie Rennert und Karl Huml. Bild: Armin Bardel

Eötvös und Librettistin Mezei haben die in sich verwobene, ihrer Entwirrung harrende Handlung in einen feinen Humor gekleidet, haben daraus ein Spiel mit Geschlechtern und ihren Rollenbildern gemacht, in dem das Ensemble durchwegs brilliert. Caroline Melzer, derzeit an der Volksoper auch als „Gräfin Mariza“ zu erleben, schwebt als weißer, später schwarzer Engel aus den Lüften herab, und trägt mit ihrem wunderschönen Sopran am ehesten das vor, was man „Eötvös pur“ zu nennen vermag – eine Partie, extravagant klingend und extrem fordernd. David Adam Moore weiß seinen lyrischen Bariton gekonnt zu führen, und ist nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch auf der Höhe, ob er sich „der Seuche“ nun leidend hingibt oder aufbegehrend entgegenstellt – oder sich vom Engel zum Orgasmus singen lässt.

Alle weiteren Solistinnen und Solisten sind in jeweils mehreren Rollen zu sehen: So ist etwa Sophie Rennert stark, wenn sie als Harper Pitt begreifen muss, dass Joe in ihr nur seinen „besten Kumpel“ sieht, und dessen als Eheretterin angereister Mutter Hannah gesteht, dass ihr Joes Penis fehlt. Inna Savchenko gestaltet diese Hannah mit perfekt großem Stimmumfang und in der Darstellung eindrucksvoll zurückgenommen, während sie anzunehmen trachtet, was sie bisher abgelehnt hat. Bariton Wolfgang Resch ist als verkrampfter Joe hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Lust, da trifft er Franz Gürtelschmieds Luis, den der als lasziven Verführer gibt, dem es ein Leichtes ist „Klemmschwester“ Joe auf seine Seite des Sex‘ zu ziehen.

Überzeugend ist auch Countertenor Tim Severloh in seiner Rolle als Krankenpfleger Belize, eine ehemalige Drag Queen, die den Glitzerfummel gegens OP-Grün tauschte, und nun Prior und Roy betreut. Wie Severlohs Belize als Reaktion auf die Narreteien ihrer Patienten die Stimme bis zum Schrillpunkt in höchste Höhen schraubt, ist bemerkenswert. Karl Huml schließlich ist als Roy Cohn zu sehen, sein kräftiger Bassbariton wie maßgeschneidert für die Figur des windigen Anwalts, arrogant und zynisch selbst noch in maßloser Angst – in die ihn neben der Diagnose AIDS auch Ethel Rosenberg versetzt, noch einmal gilt es die Leistung von Sophie Renner hervorzuheben, die ihm samt Elektroden-Kopfriemen auf der Leinwand erscheint – unheimlich vor sich hin summend und vor Schadenfreude irre grinsend.

Für Prior steht vor dem Hingang die Hoffnung. Auf mehr Leben, zumindest darauf keinen Tod mehr im Geheimen sterben zu müssen. Er hat sich von den fortschrittsgegnerischen Engeln abgewandt, sein Prophetenbuch abgegeben, kann er doch der Modernität und mithin der Wissenschaft, die seither einiges in der HIV/AIDS-Forschung erreicht hat, nicht abschwören. Er will nun als Mensch sein Leid annehmen. Das macht ihn mehr zur Messiasgestalt als jede Predigt. Und das Ensemble verteilt Red Ribbons ans Publikum, das diesem und dem anwesenden Komponisten mit riesigem Jubel für diese rundum geglückte und beglückende Produktion dankte.

www.neueoperwien.at

  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Herz & Hirn II: Gunkl & Walter im Gespräch

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dem Publikum wie im Wohnzimmer sitzen

Gunkl & Walter. Bild: Robert Peres

Gunkl & Walter sind mit ihrem neuen Programm unterwegs. Das heißt „Herz & Hirn II“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30094) und handelt von Ziegengöttern, dem Langzeitgedächtnis von Fliegen – und ist ein einziges Verplaudern. Ein Gespräch über eigentlich eh alles:

MM: Mit Ihrem Programm „Herz & Hirn II“ wollen Sie vom Publikum neben aktivem Zuhören auch aktives Mitreden. Ist das schon einmal passiert?

Gunkl: Jaja. Immer wieder stellen Leute Fragen, die wir versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu beantworten. Das ist ja Teil zwei unseres Programms, und schon bei Teil eins war es so, Mitreden ist also sozusagen Programm. Ich habe den Eindruck, die Menschen sind froh, mitreden zu können, und das tun sie in einem sehr angenehmen Rahmen. Wir bemühen uns, bei aller Klarheit, die wir zu gewissen Dingen haben, nett zu sein, den Abend nett zu gestalten, und die Menschen genießen das auch, dass wir ein Gärtchen bereitstellen, an dem es möglich ist, sich zu beteiligen. Das ist ein Unterschied zum Rausblöken all dessen, was einem am Oarsch geht, Hass und Galle unters Volk zu bringen, dieses sich Einbringen.

Gerhard Walter: Was ich immer wieder höre, ist, dass die Leute das Gefühl haben, sie würden mit uns im Wohnzimmer sitzen. Das ist schön, wenn wir das vermitteln. Es ist ja für uns auch interessant, dass durch die Beteiligung des Publikums der Abend auch für uns immer wieder neu ist. Wir wissen nie, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt. Natürlich gibt es im Hintergrund ein Ding, das man in der geistigen Lade hat, aber das ist nicht zwingend. Einmal ist vom vorbereiteten ersten Teil vor der Pause nichts übriggeblieben …

Gunkl: Da war der Abend freie Gestaltung.

MM: Sie geben auch gleich zu Beginn das Verplaudern als wesentlichen Bestandteil Ihrer Doppelconférence vor. Wie kommen Sie auf Themen, wo schränken Sie ein, und wie rot ist der Faden tatsächlich?

Gunkl: Wir treffen uns im Kaffeehaus und plaudern, und dann sind wir, was die Gespräche so angenehm macht, sehr schnell auf einer Ebene, von der aus wir die Grundlagen betrachten, nicht die Ereignisse selbst. So kann man weiter ausholen und tiefer gehen.

Walter: Obwohl uns einiges trennt, nämlich die Art der Wahrnehmung von Dingen in der Wirklichkeit, sind wir einander in dem, was wir wahrnehmen, ähnlich. Die Tankstellen-Plüschkängurus, über die wir scherzen, die fallen uns beiden auf. Oder das unfreiwillige Mitnehmen einer Fliege im Auto.

MM: Das habe ich mich – mit schlechtem Gewissen – auch schon gefragt: Was denkt sich eine Fliege, wenn sie unfreiwillig mitgenommen wird, und plötzlich in Melk landet? Wartet dann die Fliegenmama daheim umsonst mit den Knödeln?

Gunkl: Diese Anteilnahme des Publikums ist wirklich erfreulich. Uns sind aber auch schon einige Dinge, die wir im Programm hatten, abmontiert worden. Zum Beispiel der altsumerische Ziegengott, auf den man trifft, wenn er die Himmelstür öffnet. Sagt einer aus dem Publikum in Tulln: „Die Sumerer hatten keine Jenseitsvorstellung.“ Das ist gut! Jetzt ist er halt ein altphrygischer Ziegengott. Und mit der Fliege: Unlängst in der Kulisse kam eine junge Dame auf uns zu und meinte, es sei so, dass Fliegen ein Gedächtnis von einer Sekunde haben. Somit kann ich auch Ihr schlechtes Gewissen beruhigen, die Fliege denkt sich genau nichts. Erstaunlich finde ich, dass bei so vielen unserer Themen, die völlig daneben sind, die Leute sich trotzdem geistig einfädeln.

Walter: Das schafft ein Miteinander, „Herz & Hirn“ ist ein gemeinsames Ding, und wenn wir uns manchmal irren, na, dann lassen wir uns gern verbessern.

MM: Im Gegensatz dazu, dass Kabarett mitunter mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen kann, indem der Künstler „von oben herab den Deppen unten“ erklärt, was Sache ist. Dieser Falle entgehen Sie.

Gunkl: Natürlich muss man etwas zu sagen haben, wenn man auf eine Bühne geht, ohne dem geht’s nicht. Aber grundsätzlich ist die Idee des Austausches etwas sehr Schönes. Ich mag Kabarett nicht sehen, in dem eine ideendichte Wagenburg aufgebaut wird, ein Sitzkreis mit Schulterklopfen, in den von außen nichts eindringen kann, mit der Aussicht, dass der Abend völlig ergebnisfrei ist, außer, dass man sich noch mehr der Gruppe zuwendet, der man ohnedies schon angehört. Dies in der Annahme, außen ist es ungut, aber innen ist die Welt in Ordnung. Wenn man sich dazu aufschwingt, dass einem Leute zuhören sollen, muss man ihnen sagen, schaut’s euch das an, und nicht a priori vermitteln, es ist eh alles schlecht. Der andere ist eben anders, und er hat auch das Recht, anders zu sein.

Walter: Was genau das ist, was uns verbindet.

MM: Wo sind Sie anders? Beim Sport ist mir aufgefallen.

Walter: Wenn man’s auseinanderteilen möchte, ja, in der Betrachtung. Zum aktiven Sport haben wir beide keine Empirie. Ich bin jemand, der gern zwischen Situationen hin- und herwechselt.

Gunkl: Wo ich mir schon denke: Oida …

MM: Sie der Springer, Sie der Turm?

Walter: Das ist vielleicht ein bisschen zu kantig gedacht, es ist ja kein Kampf von Wattebausch gegen Rechenschieber. Aber prinzipiell stimmt’s.

Gunkl: Gerhard hat diese grundsätzliche Bereitschaft, in Situationen hineinzugehen. Für mich ist das möglich, aber nicht das Ziel. Das ist das Andere. Für mich ist die Situation manchmal halt auch, aber ich suche sie nicht, ich schaue eher, dass ich außen entlangkomme.

Walter: Wir beide ärgern uns wenig über Dinge in unserem persönlichen Umfeld; bei Politik und Gesellschaftlichem ist das im Gegenteil nicht so. Wir sind beide Menschen, die mit anderen ganz gut auskommen, und wenn ich aber den Fernseher aufdrehe und sehe, wie da der eine gegen den anderen ausgespielt wird, denke ich mir, wovon reden die und was genau ist das Problem?

Gunkl & Walter. Bild: Robert Peres

MM: Sie waren zuerst Freunde, bevor Sie gemeinsam auf die Bühne gegangen sind. Wie sind Sie aneinander geraten?

Walter: Ich habe damals begonnen, Kabarett zu spielen, und war Zivildiener bei der Caritas. Dort war auch Toni Matosic von Monti Beton, und den habe ich gefragt, ob er jemanden kennt, mit dem ich reden kann – und er hat mir die Nummer vom Gunkl gegeben.

 

Gunkl: Wir haben uns dann zu dritt getroffen, und seither sind wir befreundet. Ich kannte Toni noch, aus der Zeit, als ich Kellner im „Roten Engel“ war …

MM: Und wie ist es für Sie, mit einem zweiten auf der Bühne zu agieren?

Gunkl: Das kommt sehr auf den zweiten an. Mit Gerhard Walter ist es wunderbar, weil keiner von uns gegen den anderen gewinnen will. Wir wollen einen guten Abend gewinnen, das ist das Spielziel, und wer mehr Wuchtln bringt oder sie dem anderen wegschnappt, das gibt es nicht.

MM: Ihre 13 Prozent Asperger halten die Nähe aus.

Gunkl: Wenn es in einer Struktur ist, kann ich mit anderen durchaus. Ich muss nicht Leuchtturmwärter sein, ich bin ja beruflich immer mit Menschen zugange, nämlich mit denen, die jenseits der Bühnenkante sitzen, und da gibt es eine Struktur, und da kenne ich die Abläufe und die Zielsetzungen und die Methoden. Und wenn ich mit jemandem auf der Bühne sitze, der das auch so kennt und versteht und in der Lage ist zu praktizieren, dann ist es wunderbar. Wenn ich mit jemandem auf der Bühne wäre, von dem ich von einem Tag auf den anderen nicht weiß, wie er drauf ist, der plötzlich eine Devotierungsnummer oder eine Flagellantenpartie abhält, das wäre für mich sehr unangenehm. Da würde ich mir denken, ich mach’s lieber allein.

Walter: Gunkl ist sogar ein sehr umgänglicher Mensch innerhalb der Struktur, die er sich geschaffen hat. In 18 Jahren Freundschaft kann ich mich da nicht beklagen. Bei ihm hat das Menschliche eine Ordnung, es hat einen Rahmen innerhalb dessen man mit ihm umgehen kann. Bei ihm erkennt man sofort, woran man ist, das ist mir lieber als die Raunzer …

Gunkl: … die darauf hoffen, dass sie sich irgendwann einmal selber glauben.

Walter: Ich denke, man lebt besser miteinander, wenn man nicht so viel raunzt. Es ist aber auch schwieriger, weil „fäuln“ ist leicht.

Gunkl: Man darf sich nie auf den selbstbehaupteten Anspruch moralischer Überlegenheit begeben, quasi sagen, man ist besser als die Welt. Das bringt genau überhaupt nichts, außer einem Gefühl der Rechtschaffenheit, das nirgendswo validiert wird, außer in meinem Gefühl. Also renne ich ständig irgendwo an, wodurch ich mich nur bestärkt fühle in meinem Gefühl, und das führt zu Solipsismus, das granuliert zu kleinen Grüppchen, die alles andere, das nicht sie sind, schlecht finden, und sich dadurch gut behaupten.

MM: Von Ihnen stammt der Satz „Wer ohne Aber denkt, ist gefährlich“. Wo setzen Sie bei sich ein Aber an?

Gunkl: Permanent. Man muss wissen, dass das Aber immer wieder akut werden kann. Man muss nur wissen, was man vor und hinter das Aber stellt. Die Situationen, wo man ohne Aber auskommt, sind ganz selten, da muss man wissen, dass das ein Sonderfall von Erlebnis ist.

Walter: Genau. Das betrifft auch die Geschichte von den Toronto Maple Leafs, die ich erzähle, in der die Fans vor einem Spiel die US-Hymne fertiggesungen haben. Da denke ich mir, so wäre es schön, Beistrich: aber, so ist es nicht. Das ist die Peilung, wo wir hin sollten. Natürlich, wenn dir einer den letzten Parkplatz wegschnappt, ist die Peilung wieder weg.

Gunkl: Dazu ist mir als Tip des Tages eingefallen: Der Klügere muss nicht nachgeben, um sich als der Klügere zu erweisen, aber er darf in der Auseinandersetzung dem Dümmeren nicht die Wahl der Waffen überlassen.

MM: Apropos: Wahl der Waffen, warum gibt es in Österreich kein tagespolitisches Kabarett mehr? In Deutschland gibt es „Die Anstalt“, Urban Priol, Bruno Jonas … Warum interessiert das hierzulande niemanden?

Gunkl: Die Tragweite dessen, was österreichische Staatssekretäre gestern gesagt haben und morgen schon wieder wurscht ist, interessiert mich nicht. Ich finde, wie gesagt, Grundlagen viel interessanter als die Ereignisse.

Walter: Das geht mir auch so. Der Inhalt ist bei politischen Geschichten immer wieder auch austauschbar. Im Moment, das muss ich schon zugeben, hat man den Eindruck, die Weltpolitik rutscht wohin, wo mir meine Verständnisinseln abhandenkommen. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, nur die Art und Weise, wie respektlos das mittlerweile einander mitgeteilt wird, ist mir unverständlich. Aber ich kann mich nicht eine Woche zurückziehen, darüber nachdenken, und dann auf der Bühne etwas erwidern.

MM: Warum?

Walter: Die Zeit gibt es nicht mehr. Es gibt eine Wahnsinnsmeldung nach der anderen, und eine schlechte Meldung wird durch die nächste ersetzt, da kann man nicht in die Tiefe gehen. Ich habe es ab und zu schon probiert, aber es gelingt mir nicht, das in einen feinen, angenehmen, kabarettistischen Kontext zu stellen, ohne, dass mir der Hut durch die Decke schießt. Die Politik ist so neben die Bock, dass es schwer fällt, das zu toppen. Was soll man da noch drüberlegen?

Gunkl: Die Ereignisse sind so wuchtig, dass die Grundlagen überlagert werden. Wenn man erklärt, wie Trump funktioniert, interessiert das keine Sau, weil das, was er gerade gesagt hat, weil er eben so funktioniert, eine Konfettikanone an Komplettscheißdreck ist. Und als solches viel spannender.

Walter: Und Dinge, die so klar auf dem Tisch liegen, die muss man als Künstler nicht kommentieren. Die weiß ohnedies jeder.

MM: Wenn ich Ihnen so zuhöre, habe ich dennoch den Eindruck, Sie sind immer am Materialsammeln.

Gunkl: Sammeln nicht, es hüpft uns an.

Walter: Genau. Was wir in „Herz & Hirn II“ erzählen, ist nur ein Bruchstück dessen, was wir über Monate erarbeitet haben. Eigentlich ist „Herz & Hirn III“ auch schon fertig. Die Schwierigkeit bei Teil zwei war nur zu entscheiden …

Gunkl: … was spielen wir leider nicht.

MM: Gunkl, Sie bekommen am 26. November den Österreichischen Kabarettpreis überreicht. Ist das was?

Gunkl: Ja, Preise sind nichts, was man anstrebt, wenn man auf eine Bühne geht, aber man freut sich, wenn man sie bekommt. Ich habe also keinen „Na endlich!“-Gedanken. Meine liebste Preis-Entgegennahme wäre ja – was aber natürlich nicht passiert ist – der Oscar für Dustin Hoffman als „Rain Man“, wie er die Statue nimmt und sagt: „I would like to thank – nobody“.

MM: Wenn also nicht Preise, was streben Sie an?

Gunkl: Jeden Abend eine gute Vorstellung. Wenn man wirklich das große Glück hat, dass man diesen Beruf hat, dass man das, was man denkt und empfindet, vor Menschen, die einem zwei Stunden lang zuhören und dafür auch noch bezahlen, erzählen kann, wenn man das nicht, mit allem, was man ist und hat, macht, dann hat man den Beruf nicht verdient.

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11. 11. 2018