Wiener Festwochen: Tiefer Schweb

Juni 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Marthalerei auf dem Boden des Binnenmeers

Die Macht der Tracht: Hassan Akkouch, Walter Hess, Ueli Jäggi, Stefan Merki, Annette Paulmann, Jürg Kienberger, Olivia Grigolli und Raphael Clamer. Bild: Thomas Aurin

Der erfolgreich in Bayern Eingebürgerte – in diesem Falle Hassan Akkouch – kann alle Inhaltsstoffe der Weißwurst nennen und Schuhplatteln. Dies unterscheidet ihn positiv von den 900 „außereuropäischen“ Individuen, die in einem aus neun Kreuzfahrtschiffen bestehenden Dorf über der tiefsten Stelle des Bodensees auf Asyl warten. Ihre Fremdheit hat das Binnenmeer, so scheint’s, mit fremdartigen Bakterien verseucht.

Und wegen all dieser Misslichkeiten tagt nun unten am „Tiefen Schweb“, in der „geheimen Klausurdruckkammer 55b“ eine Bande Bürokraten, deren Aufgabe es ist, die Biosphäre wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Soweit der Inhalt von Christoph Marthalers jüngster Produktion, die für die Wiener Festwochen von den Münchner Kammerspielen ans Theater an der Wien übersiedelt ist. Mit der Einladung des immer wieder gern gesehenen Gastes setzt Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin auf eine sichere Bank, und tatsächlich ist auch diesmal der Jubel für den Schweizer Regisseur und seine handverlesene Truppe – Ueli Jäggi, Olivia Grigolli, Hassan Akkouch, Annette Paulmann, Walter Hess, Jürg Kienberger, Stefan Merki und Raphael Clamer – nach der Premiere groß.

Marthaler präsentiert eine Art Verwaltungsrevue, in der skurrile Vertreter eines verbraucht-siechen Europas Methoden zur Abschottung gegen neue weltweite Wanderungsbewegungen finden wollen – ein Thema, das ihn zumindest seit den Hamburger „Wehleidern“ begleitet. Musik gibt’s von Volksweisen und Mozart bis zu Bach und Kirchengesängen, als Höhepunkt eine dreifach georgelte Battle zwischen Simon & Garfunkels „Sound of Silence“ und Procol Harums „White Shade of Pale“ (Kienberger, Clamer und Merki, Gesang: Jäggi mit beinah Gary-Brooker-Originalstimme), gefolgt von Paulmanns lauthals dargebotener – no na – „Fischerin vom Bodensee“.

Und wie nebenbei, zwischen Tretbootabenteuern und dem „Zauberflöten“-Tamino, flicht Marthaler seine Anliegen zur Zeit ein. Verhandelt den abgenudelten Begriff Heimat, sinniert über das hiesige „Werte- und Bekenntnissystem“ und lässt seine Figuren über die „Integrationskompatibilität“ der an der Oberfläche angeschwemmten Fremden schwadronieren. Das alles ist Dada bis gaga. Marthalerei vom Feinsten. Die Loslassung seiner gesamten surrealen Fantasie. Duri Bischoff hat dazu eine holzgetäfelte Bühne erdacht, auf der sich immer wieder unerwartet neue Räume auftun, mit einem riesengrünen Kachelofen als einzigem Ausstieg zur Außenwelt. Allerdings, so müssen die weiblichen Mitglieder der kafkaesken Kommission, bald feststellen, wurde auf den Einbau von Damentoiletten vergessen.

Procol Harum meets Simon & Garfunkel: Jürg Kienberger, Raphael Clamer, Stefan Merki an den Heimorgeln und Sänger Ueli Jäggi. Bild: Thomas Aurin

Doch das tut dem verstaatlichten Pflichtbewusstsein keinen Abbruch. Annette Paulmann poetry-slammt die Tugenden des Ausschussmenschen von A wie Ausdauer bis Z wie Zivilcourage. Ueli Jäggi katalogisiert mit Verve die fremdsprachigen Namen für Bodensee. In einem so beiläufigen wie tiefsinnigen Dialog am Pissoir diskutieren Jäggi und Walter Hess in Heidegger’schem Duktus einen herrlichen Doppelsinn:

Ausschuss als Gremium und Ausschuss als Abfall. Das Wesen des Ersteren, sagen sie, sei über sein „Nicht-Wollen“ bestimmt. Also über das, was er ablehnt, aber auch über das, was ihm unwillkürlich widerfährt. Wie eben seine kauzigen Einlassungen auf eine zunehmend irreale Heimatsehnsucht. Im Stakkato der Sitzungsprosa kommt es zu weiteren verqueren Selbstdefinitionen. Aus all dem entsteht das eindrückliche Bild einer Bunkermentalität. Marthaler reimt Abschottung auf „Schotten dicht!“, alle stehen hier unter Druck und mitunter ist die Luft so dick, dass es kaum zum Atmen ist, dann muss im Panikraum panisch ein Ventilrad gedreht werden. Nach links selbstverständlich. Marthalers begrinsenswerte Parabel hat viele derart hinterfotzige Querverweise.

Zum Ende kommt’s zu einer großartigen Modenschau von von Sara Kittelmann entworfenen, kühn verschnittenen Kleidern, Lederhosen und Hüten. Da entfaltet sich die ganze Macht der Tracht, werden Ausgänge zugenagelt und wird Stacheldraht ausgerollt. Da jongliert Marthaler noch einmal mit den Imponderabilien einer im Umbruch begriffenen Welt, der mit engstirniger Binnenperspektive nicht länger beizukommen sein wird. Welch ein Abend. Politisch klug und voll sanfter Schrulligkeit. Man muss diesen Aberwitz einfach mögen!

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  1. 6. 2018

Wiener Festwochen: Die Selbstmord-Schwestern

Juni 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geduldsspiel mit Mangagirls

Bild: Judith Buss

SMI²LE heißt das Prinzip, in dem Timothy Leary die weitere Entwicklung der Menschheit sah. Viel mehr kann man bei Susanne Kennedys Debüt bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent auch nicht tun. Lächeln und aussitzen. Ihre Überprüfung, ab welchem Zeitpunkt Installation die Grenzen des Theaters sprengt, ist weniger – wie angekündigt – „herausfordernd“, sondern entpuppt sich auf die Dauer als Gedulds-Spiel. In langen 90 Minuten präsentiert Kennedy, was in ihrer Hand von Jeffrey Eugenides‘ Roman „Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides“ übriggeblieben ist.

Dazu mixt sie munter Leary und seine Entwicklungstheorie der acht Bewusstseinsstufen – sie verwendet den US-Psychologen, der einst den Gebrauch von psychedelischen Drogen als Freiflughilfe propagierte, in Form einer glatzköpfigen Avatarin als Tripsitter, und das Bardo Thödröl, das tibetische Totenbuch, in dem die Erlebnisse der menschlichen Seele beim Sterben geschildert werden und das Verstorbenen als Führer zum Licht der Erlösung / zur Wiedergeburt dienen soll.

Gestorben wird bei Eugenides nämlich eine Menge. Fünf Schwestern begehen nacheinander Selbstmord, die Gründe dafür sind unklar, diffus scheint es mit der Verweigerung des letzten Abschnitts der Adoleszenz zu tun zu haben. Nachbarsjungen beobachten begierig die Mädchen, einmal richtig fummeln dürfen!, und sie werden es sein, die als erwachsene Männer erzählen und immer noch spekulieren, warum die kleinstädtische Lisbon-Nachkommenschaft samt und sonders den Freitod wählte.

Dieses Männermotiv fließt in Kennedys Arbeit ebenso ein, wie der beschriebene Umstand, dass die Jungen einen veritablen Schrein für die Mädchen errichteten, in dem sie aus dem Müll gefischte Devotionalien deponierten – von Haarbürsten bis Tampons. Was Kennedy und ihre Bühnenbildnerin Lena Newton zeigen ist ebendieser Schrein als Hightech-Verherrlichungsapparat. Auf x-en Monitoren blinkt und flimmert es, Youtube-Girlies, die ihre pubertären Lebensweisheiten zum Besten geben, Kirsten Dunst in Sofia Coppolas Selbstmord-Schwestern-Verfilmung, die Jungfrau Maria mit blutendem Herzen …, hinten ein nacktes Schneewittchen in gläsernem Sarg, in Vitrinen sind Donuts aufgespießt, stehen Coca-Cola-Flaschen, hurra, wir machen hier Popkultur.

Dazu passt die Aufmachung der Schauspieler Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber und Damian Rebgetz, die sich dem japanischen Cosplay-Trend folgend, als Mangamädchen verkleidet haben (Kostüme: Teresa Vergho). Einzig Figurentheatermacher Ingmar Thilo darf sich maskenlos als jüngste Lisbon-Tochter und erster Todesfall das graue Greisenhaar bürsten lassen. Und weil bei Kennedy Verfremdung bis zur Unverständlichkeit Trumpf ist, ist der Text vorab eingesprochen, Voice over: Çiğdem Teke. Wer an dieser kitschigen Illusionsmaschine etwas deuten möchte, hat von vorne herein verloren.

Was von dieser Aufführung (?) im Gedächtnis bleibt, ist nicht viel. Kennedy, die seit Beginn ihrer Regisseurinnen-Tätigkeit an der Reduktion von Handlung und Aktion arbeitet, hat’s diesmal auf die Spitze getrieben, hat ihre Arbeit hermetisch abgeriegelt. Was anfangs noch spannend und schön anzuschauen ist, wird mit der Zeit öde, der Erkenntnisgewinn – und ging’s Leary-Guru nicht schließlich darum? – tendiert gegen Null, die vielen auch im Programmzettel herbeizitierten Reverenzen verpuffen ins Nichts. „You may feel confused and bewildered“ / „Sie könnten sich jetzt verwirrt und perplex fühlen“, sagt Learys Stimme kurz vor dem Ende. Das Wiener Publikum hielt’s höflich aus und applaudierte kurz, bevor es schnell zum Ausgang drängte.

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  1. 6. 2018

Kammerspiele: All About Eve

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zelebrieren der Zwischentöne

Diva Margo Channing chrasht die Party: Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz, Gioia Osthoff und Fritz Egger. Bild: Sepp Gallauer

Im Wortsinn gemacht für die Kammerspiele ist die bitter-bissige Komödie „All About Eve“ die Donnerstagabend am Haus uraufgeführt wurde. Starautor Christopher Hampton hat die Bühnenfassung des Mankiewicz-Films mit Bette Davis aus dem Jahr 1950 erstellt, ob seiner Erkrankung führte Herbert Föttinger Regie – und der hat das Stück nicht nur als Vehikel für zehn hervorragende Schauspieler inszeniert, sondern als so kultivierte wie spöttische Satire auf den Theaterbetrieb an sich interpretiert.

Vorgeführt wird das Personal, das sich hinter der Bühne so tummelt. Von der Garderoberin bis zur Schauspieldiva, vom Dramatiker bis zum Kritiker, den Fan nicht zu vergessen, und das Ensemble füllt diese klischierten Figuren lustvoll mit eigenständigem Leben und zelebriert genüsslich die Zwischentöne. Denn Hamptons Text strotzt vor trockenem Humor. Die Gemein- und Frechheiten werden mal subtil, mal hinterhältig an den Mann oder an die Frau gebracht. Alles wird hier so gesagt, wie’s gemeint ist, nur ausgesprochen als ob nicht. Das Publikum reagierte auf all die Kabalen höchst amüsiert und dankte am Ende mit viel Applaus.

Die im Titel angesprochene Eve ist eine Verehrerin von Bühnenstar Margo Channing. Durch einen glücklichen Zufall in deren Haushalt verfrachtet, macht sie sich dort unentbehrlich und nimmt mehr und mehr die Gepflogenheiten der Hausherrin an. Während sie die Übernahme vorbereitet, macht sie sich durch Intrigen den Hofstaat der Channing zu eigen. Bald ist sie im Erfolgsstück „Gereift in Holz“ deren Zweitbesetzung, und spätestens jetzt ist klar, Eve hat die ganze Angelegenheit von langer Hand geplant. Margo wird sich zurückziehen und der jüngeren ihren Platz an der Rampe überlassen müssen. Doch da ist nicht nur ein Theaterkritiker, der die Wahrheit über Eves Vergangenheit kennt und zum Erpresser wird, an der Bühnentür wartet auch schon der nächste Fan. Und diesmal auf Eve …

Martina Ebm und Joseph Lorenz. Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

An den Kammerspielen brillieren Sandra Cervik und Martina Ebm als durchaus sympathische, wenn auch exaltierte Margo Channing und bei ihr Einschmeichlerin und gewiefte Karriereplanerin Eve Harrington. Ebm vollführt die Verwandlung vom bescheidenen Mauerblümchen zum pelztragenden Starlet mit viel Fingerspitzengefühl für den Werdegang ihrer Figur, während die Cervik vormacht, wie elegant Sarkasmus sein kann. Berührend eine Szene, in der sie allein und weinend im „Gereift in Holz“-Bühnenbild zusammenbricht, großartig, wenn sie im Zorn eine Party crasht, weil sie Eves Unterwürfigkeit längst als Manipulation enttarnt hat. Auf dem Höhepunkt der Divenzwistigkeiten muss zweitere ersterer einen Schauspielpreis überreichen – ein Kabinettstück.

Joseph Lorenz fungiert als Erzähler am Mikrophon wie als Mitwirkender am Ränkespiel. Er gestaltet den Kritiker Addison DeWitt als distinguierten, selbstverliebten Snob, der meint alle nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Als Meister des verbalen Schlagabtausches zeigen sich auch Alexander Pschill als schrulliger Erfolgsdramatiker Lloyd Richards und Martina Stilp als dessen Frau Karen, er aus Geldnot ein Überläufer zu Eve, sie die ehrliche und loyale Freundin Margos. Raphael von Bargen gibt Margos angesichts von Eves Avancen unerschütterlichen Liebhaber und Regisseur Bill Sampson, Susa Meyer burschikos die gute Seele und Garderoberin Birdie. Gioia Osthoff als ewiges Talent Claudia Caswell, Fritz Egger als Produzent Max Fabian und Swintha Gersthofer als Phoebe komplettieren den Cast.

Eve Harrington eignet sich Margos Hofstaat an: Martina Ebm, Martina Stilp, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz und Gioia Osthoff. Bild: Sepp Gallauer

Für all das hat Walter Vogelweider ein sehr klares Bühnenbild erdacht, das mit jeweils einem Versatzstück – ein Klavier, gespielt von Belush Korenyi, ein Schminkspiegel, eine Bar – den Spielort kennzeichnet, die aufgestellten Scheinwerfer wirken wie eine Reminiszenz an die sechsfach Oscar-prämierte Kinoversion. Die Kostüme von Birgit Hutter erinnern an deren Entstehungszeit in den Fifties.

„All About Eve“ an den Kammerspielen punktet mit treffsicheren Dialogen und fulminanten Schauspielerleistungen. Der traditionsreiche Tempel Theater wird geistreich aufs Korn genommen, seine Protagonisten charmant und liebevoll ironisiert. Dass der Stoff auch über die Tragödie des Älter- und Ausrangiertwerdens geht, lässt die Cervik in einigen wichtigen Momenten aufblitzen. Vor allem um sie aber bräuchte man sich keine Sorgen zu machen, sie wird von Arbeit zu Arbeit besser.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SLIOBEMI9Hg

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  1. 3. 2018

Theater in der Josefstadt: Fremdenzimmer

Januar 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Lösung liegt in der Luft

Ein Fremder in der Wohnung! Ulli Maier als Herta Zamanik, Tamim Fattal als Samir und Erwin Steinhauer als Gustl Knapp. Bild: Herbert Neubauer

Am Ende wird abgehoben, rein ins Flugzeug, raus in eine bessere Welt. So schön surreal endet Peter Turrinis Tragikomödie „Fremdenzimmer“, von Herbert Föttinger am Donnertag am Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Turrinis Text sei unter den Eindrücken des Jahres 2015 erarbeitet worden, erfährt man eingangs im Gespräch, doch definitiv ging es dem Dramatiker weniger darum eine Flüchtlingsgeschichte zu schreiben.

Als eine hiesige, eine „einheimische“ zu bespiegeln. Der vorkommende syrische Junge nämlich kommt erst gar nicht zu Wort – bis auf einen in Englisch gehaltenen Monolog über das Grauen seiner Flucht. Stumm, mit großen, fragenden Augen bleibt er Katalysator, Ventil, Projektionsfläche für diffuseste Ängste und Ablehnung von allem, was mit „Ausländer“ irgend zu tun hat. Wie die Realität so spielt. Was Turrini da an Vorurteilen und Vorverurteilungen, Widerstreben und Widerwillen für sein Volksstück zusammengetragen hat, spricht für seinen hinterlistigen Humor. Und Ulli Maier und Erwin Steinhauer bringen das Ganze so über die Rampe, dass einem beim Lachen die Tränen in die Augen steigen. „Fremdenzimmer“ ist ein entlarvendes Stück, weil es wie vor sich hingesagt formuliert, was von vielen, von immer mehr auch schon so vor sich hin … Ohne daran zu denken, dass Sprache die schärfste Waffe ist.

Davon erzählt Turrini, und dies wie immer mit einer großen Liebe für seine Figuren. Er erzählt von Herzen, die so hart geworden sind, dass sie umso leichter brechen, von zwei Leben, in die nie die Hoffnung fuhr. Bis er den beiden ein Licht aufsteckt. So gesehen ist „Fremdenzimmer“ ein Zimmer mit Aussicht. Peter Turrini kommt schließlich nämlich zu dem Schluss: Die Lösung liegt in der Luft. Man brauche sie nur zu greifen. Für all das verzichtet Regisseur Föttinger auch auf Verortung, was sich hier abspielt, das kann sich überall ereignen, heißt das, und Walter Vogelweider schuf dafür einen imaginären Bühnenraum.

Man hat einander nicht mehr viel zu sagen: Ulli Maier und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Nur manchmal darf man noch träumen von einem besseren Gestern: Ulli Maier und Tamim Fattal. Bild: Herbert Neubauer

In diesem spielen Herta Zamanik und Gustl Knapp, Maier und Steinhauer, tagtäglich ihr Beziehungstheater. Man hat sich auseinandergelebt, einander schon lange nichts mehr zu sagen, da steigt zwischen Karaoke Singen und Modellflugzeug Basteln die brennende Welt, die man nur aus dem Fernsehen kennt, in die Wohnung ein. Samir aus Aleppo, dargestellt von Tamim Fattal. Er will sein Handy aufladen, und weil Gustl sagt, in seiner Wohnung nicht, und Herta meint, das wäre aber bitteschön auch die ihre, wird er von ihr gezwungen zu bleiben. Als Sohnersatz, der tatsächliche ist vor mehr als 30 Jahren verschwunden. „Wir verstehen uns auch nicht, wir tun nur so“, wischt Herta Gustls Argumente wegen fehlender Deutschkenntnisse vom Tisch.

In durch Scheinwerferblendung und Christian Brandauers Musik getrennten Szenen lässt Föttinger das Spiel nun ablaufen. Immer schneller drehen sich Gustls Ressentiments und Hertas positiv gemeinter, dennoch Rassismus im Kreis. Motto: Alles nicht so bös gemeint, aber man wird doch im eigenen Land noch sagen dürfen … Ulli Maier und Erwin Steinhauer gestalten das fabelhaft, schwankend zwischen der inzwischen eingekehrten Lakonie, mit der sie über ihr verpfuschtes, verpasstes Dasein reden, und einem dennoch Aufbrausen über die Ungerechtigkeit des Schicksals.

Gustl, der wegen eines mutmaßlich Nervenzusammenbruchs frühpensionierte Postler, der grantelnde Schmerzensman, der sich selber einen „alten Sozi“ nennt, und an Gott und der Welt (ver-)zweifelt, Herta, die „wer weiß was alles“ machen musste, um sich und ihr Kind durchzubringen. Turrini, wie in etlichen seiner Stücke, zeigt mit dem Finger auf eine Sozialdemokratie, die ihre Stammwähler aus Ignoranz gegenüber deren Sorgen und Problemen in die Richtung derer getrieben hat und treibt, die den vielzitierten „kleinen Mann“ mit offenen Armen an ihre blaue Brust ziehen. Samir, nun mit Steirerjanker ausstaffiert, sieht sich Gustls Sermonen und Hertas Mehlspeismassakern ausgeliefert.

„Ihr könnt‘s eher Hammel, gell“, sagt sie, und wunderbar ist, wie Steinhauers Gustl, der Diabetiker, eine Cremeschnitte umschleicht. Großartig, wie der Kampf der Kulturen am Blutdruckmessgerät ausgetragen wird. Beklemmend, wie es nach dem Biertrinken heißt: Volle Integration! Steinhauer und Maier spielen das so, wie ihre Figuren sind: ohne Genierer. Ihre trockene, pointierte Darstellung sorgt dafür, dass sich eine mögliche Sentimentalität im Zaum hält. Aber so unnachgiebig die Herta und ihr Gustl scheinen mögen, machen sie doch durch kleine Gesten deutlich, dass eine Liebesannäherung noch möglich ist.

Am Ende wird in Peter Turrinis Volksstück endlich abgehoben: Ulli Maier, Tamim Fattal und Erwin Steinhauer. Bild: Herbert Neubauer

Und sie wird passieren. Durch den Fremden. Durch die gemeinsam erlebte Fürsorge für jemanden Dritten. Und weil der Mensch den Menschen schlussendlich als solchen erkennt. Turrini, der alte Humanist, glaubt an Lernfähigkeit. Bei ihm siegt Poesie über Politik. Von wegen „konzentrierte Unterbringung“.

„Die beste Lösung ist, man kommt in Kontakt und hört sich ihre Geschichte an“, sagt Ulli Maier im Gespräch mit mottingers-meinung.at übers Kennenlernen als Hilfsmittel gegen die hysterisch geführte sogenannte „Flüchtlingsdebatte“. Eine Lösung, die wie gesagt, in der Luft liegt. Zu „Fremdenzimmer“, zu Herta und Gustl, zu Abschiebung und Ausweisung, fällt einem noch Saint-Exupéry ein: Man bleibt ein Leben lang für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat.

Ulli Maier im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28021

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=NOtjfvm9AhQ

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  1. 1. 2018

Volksoper: Die Räuber

Oktober 15, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zurücklehnen und genießen

Die dunkle Seite der Macht – Karl inmitten seiner Räuber: Vincent Schirrmacher mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper gibt es zum zweiten Mal seit 1963 eine Inszenierung von Verdis „Die Räuber“ zu erleben – und die Inszenierung krankt vornehmlich an zwei Dingen: An der immer noch verwendeten deutschen Fassung von Hans Hartleb, die so hanebüchen Reim‘-dich-oder-ich-fress‘-dich daherkommt, dass es einem ein Graus ist. Und an dem vollkommen fehlenden Willen zur szenischen Gestaltung des Abends.

Regisseur Alexander Schulin dachte sich offenbar „Zurücklehnen und genießen“, denn dieses kann man mit Dirigent Jac van Steen wunderbar tun. Augen zu und durch! Verdi komponierte „Die Räuber“ 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Veneto fasste er den Entschluss, sich des Stoffes anzunehmen; die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Schillers Stück ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor. Bei der Uraufführung am 22. Juli des Jahres stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, die Aufführung wurde zum Triumph.

Das „Melodramma tragico“ des Meisters ist noch ganz dem Belcanto verpflichtet, dies der ausdrückliche Wunsch der britischen Auftraggeber, lässt aber bereits seine späteren Werke erahnen. Entsprechend verbreitet das Orchester der Volksoper unter van Steen keinerlei Italianitá. Man setzt auf Heftigkeit und Kraft, und beides tut der Theatralik der Oper gut. Van Steen versteht Verdis Theaterinstinkt und dessen Abzielen auf größtmögliche Wirkung. Er spannt die Rezitative wie eine Feder für den folgenden Gefühlsausbruch.

Maximilian, Graf von Moor, ist erschüttert über die Intrigen seines Sohnes Franz: Kurt Rydl und Boaz Daniel mit David Sitka als Herrmann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Amalia leidet unter dem Treiben im Schloss: Sofia Soloviy und Boaz Daniel mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er versteht die Vaterfigur des Maximilian, Graf von Moor, gleich wie in „Rigoletto“ oder „Don Carlo“ als den Kern der Melodieschöpfung, und ergo das Duett Amalia/Franz als erotisch und leidenschaftlich, das von Amalia und Karl aber als keusch und bereits himmelwärts gewandt. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“ Der Chor, Einstudierung: Holger Kristen, ist van Steen die dunkle Seite der Macht – und wie immer an der Volksoper grandios. Das Brüderpaar verkörpern Vincent Schirrmacher als Karl und Boaz Daniel als Franz.

Schirrmacher ist ein Sänger und Schauspieler, wie ihn sich jedes Opernhaus nur wünschen kann. Der Tenor, dessen Stimme sich früher für das italienische Fach als bedingt geeignet erwies, „dreht voll auf“, wenn man’s so flapsig sagen darf, setzt ganz auf die dramatische Verzweiflung seiner Partie – und überzeugt kraftvoll und verwegen gesanglich auf ganzer Linie. Boaz Daniel, seinerseits in der Staatsoper so was wie der „Mann für alle Fälle“, liefert einen korrekten Franz ab. Sein Bösewicht besticht durch seine Trockenheit; Gefühle sind diesem Teufel fremd. Kurt Rydl hat als Maximilian einen „dunklen Abend“.

Er fokussiert seine Stimme auf das Leid seiner Figur, und mit rauem Timbre und merklichem Vibrato gestaltete er einen Vater, der einsehen muss, mehr als eine falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben. Die beste Leistung bietet die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy als Amalia, der gefürchteten Jenny-Lind-Partie, von Verdi der „schwedischen Nachtigall“ auf den Leib geschrieben – und angeblich der Grund für die seltene Aufführung der Oper. Soloviy geht durch diesen Mythos ohne Schaden zu nehmen. Sie hat italienisches Timbre, versteht es, klar zu phrasieren und kann ihre Stimme in höchste Höhen schrauben. Als Hermann und Roller ergänzten David Sitka und Christian Drescher achtbar die Riege der Solistin und der Solisten.

Karl will seinen von Franz in den Tod getriebenen Vater rächen: Kurt Rydl und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was nun die Optik betrifft, hatte Alexander Schulin wenig Einfälle. Nichts ist hier so effektvoll wie die Musik. Das Vorspiel wird ihm zum Celloabend von Roland Lindenthal im Hause Moor. Danach bestimmt ein schwarzer Kubus von Bettina Meyer die Bühne. Er kann sich um die eigene Achse drehen und stellt – siehe Interview im Programmheft – die Innenwelten dar. Die im Schloss und die seelischen. So viel zum Raumkonzept, ah ja, die Bäume im Wald sind Neonröhren. Dazu passen die historisierenden Kostüme von Bettina Walter nicht.

Personenführung gibt es de facto keine. Sämtliche Bewegungen der Solisten und des sonst so spiel- und rollengestaltungsfreudigen Chores sind vorhersehbar (furchtbar, wie Franz mit in der Luft zappelnden Beinchen stirbt); dass Rydls alter Moor auch der Pfarrer Moser ist, fällt nicht weiter auf, man denkt, ein Greis im Nachtgewand … Alle Gesten wirken wie aus den anno-anno-Jahren, als man Opernsängern vorwarf, gerade mal drei Handbewegungen zu beherrschen. Wie Stewardessen beim Erklären des Befindens der Notausgänge.

www.volksoper.at

  1. 10. 2017