Kammerspiele: Mord im Orientexpress

November 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hercule Poirot und die Frauenpower

Der berühmte Detektiv vor dem ebensolchen Zug: Siegfried Walther als Hercule Poirot und Markus Kofler als Schaffner Michel; hinten: Martin Niedermair und Paul Matić. Bild: Astrid Knie

Einen Whodunit, bei dem mutmaßlich jeder weiß, wer’s war, auf die Bühne zu bringen, ist ein beachtliches Wagnis. Nach der Romanveröffent- lichung vor nunmehr 85 Jahren und diversen Verfilmungen, darunter die Oscar-prämierte All-Star-Produktion von Sidney Lumet und ein nicht weniger prominent besetztes, von Kenneth Branagh mittels eigener Eitelkeit dennoch gemeucheltes Remake, ist Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ nun als deutschsprachige Erstaufführung an den

Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Als Premierenfrage stellte sich die, da sich die Spannung hinsichtlich Tätersuche in Grenzen hält, wie es Regisseur Werner Sobotka und Ensemble gelingen kann, den Luxuszug Fahrt aufnehmen zu lassen; nach erfolgter Ermittlung zwischen Schlaf- und Salonwagen lässt sich ein Teilerfolg festhalten, erzielt durch Coupé-weises glänzendes Schauspiel, doch ist die Inszenierung insgesamt eine recht altbackene, besser als verstaubt passt wohl: verschneite Adaption des Krimiklassikers, optisch mit Eisenbahndampf, Schneegestöber und vorbeiziehender Landschaft als Hommage an die Kinovorbilder umgesetzt.

Kein Geringerer als US-Dramatiker Ken Ludwig, dessen Komödie „Othello darf nicht platzen“ dem Haus beinah 20 Jahre lang einen Kassenschlager bescherte, hat das Buch für die Bühne bearbeitet, und dabei die Zahl der Verdächtigen wie die der Messerstiche auf acht geschrumpft. Aber – die Figuren fehlen einem nicht nur, weil Fan, sondern auch dem Fortgang und der Folgerichtigkeit der Geschichte, die hantige Prinzessinnen-Zofe Hildegard Schmidt, der agile Geschäftsmann Antonio Foscarelli, der vornehme Graf Rudolph Andrenyi, der Arzt Dr. Stavros Constantine – wegen dessen Streichung die Gräfin Andrenyi brevi manu zur Medizinerin upgegradet wird …

Man entdeckt das Mordopfer: Lohner, Matić, Kofler, Nentwich und Niedermair. Bild: Astrid Knie

Poirot bei seiner typischen Abendtoilette mit Haarnetz und Bartbinde: Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

Mary wird verarztet: Krismer und Klamminger, Lohner, Nentwich, Matić, Walther und Maier. Bild: Astrid Knie

Umso absonderlicher ist, dass trotz Personalkürzung und einer Spieldauer von mehr als zwei Stunden, den Charakteren kaum Kontur verliehen wird, und die vielfach gebrochenen und ineinander verstrickten Biografien der Figuren nicht näher untersucht werden. Bis auf Ulli Maiers hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard bleibt die illustre Gesellschaft ziemlich eindimensional und allzu oft dort auf lautstarken Klamauk eingeschworen, wo die Verschwörer durch ihre Spleens und Schrullen auf sich aufmerksam machen sollten. Simpel ersetzt subtil, auch am Ausdruck hapert’s, von Agatha Christies köstlich-kühler Stiff-Upper-Lip-Sprache bleibt zumindest in der deutschen Übersetzung nicht viel, und auffallen Sätze wie, Hercule Poirot zu Miss Debenham: „Sie hat recht …“, wo der belgische Meisterdetektiv bestimmt „Mademoiselle hat recht …“ formuliert hätte.

Als dieser erforscht Siegfried Walther den Mord am zwielichtigen Samuel Ratchett, und er tut das auf seine sympathische, liebenswürdige Weise, indem er das mitunter hochnäsig näselnde Auftreten seiner Rolle einfach mit Charme und ein wenig Tapsigkeit unterwandert, um mit derart Noblesse die noble Bande in die Enge zu treiben. Angetan mit den historisch korrekten Kostümen von Elisabeth Gressel und unterwegs im Nostalgiebühnenbild von Walter Vogelweider, beide von den obligaten Bartbinde und Haarnetz bis zum filigranen Jugendstildekor detailverliebt, zweiteres per 180-Grad-Wende vom Speise- zum Wag(g)on-Lits wechselnd, sind:

Johannes Seilern als galgenhumoriger Eisenbahndirektor Monsieur Bouc, Paul Matić als erst mafiös brummelnder Samuel Ratchett, nach dessen Ableben als militärisch stoischer Oberst Arbuthnot, Martin Niedermair als hektisch-ängstlicher Ratchett-Sekretär Hector MacQueen und Markus Kofler als so undurchsichtiger wie diensteifriger Schaffner Michel. Womit es Walthers Poirot aber tatsächlich zu tun bekommt, ist geballte Frauenpower. Allen voran Ulli Maier, deren wohldosiert ordinäre Mrs. Hubbard das Highlight des Abends ist, eine reiche, ergo resolute Amerikanerin auf Männerfang, wie sie durch anzügliches Gesichter-Schneiden Richtung Michel immer wieder verdeutlicht, aber auch die anderen Mesdames begnadete Künstlerinnen im Intrigenspiel.

Eine hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard: Ulli Maier mit Markus Kofler, Siegfried Walther und Johannes Seilern. Bild: Astrid Knie

Tätersuche im Salonwagen: Therese Lohner, Marianne Nentwich, Siegfried Walther und Ulli Maier. Bild: Astrid Knie

Marianne Nentwich ist als Prinzessin Dragomiroff nie verlegen um markige Sprüche, die die Blaublütige knochentrocken zum Besten gibt. Michaela Klamminger, die bereits bei ihrem „Der Vorname“-Debüt positiv auffiel, macht aus der Gräfin Andrenyi keine Riechfläschchen-Nervöse, sondern eine patente junge Frau mit Hang zum Zupacken, ebenso Alexandra Krismer, die die Mary Debenham als kecke, selbstbewusste Britin spielt. Therese Lohner hat im Gegensatz dazu als Greta Ohlsson die Lacher auf ihrer Seite; mit der grotesken Ausgestaltung der bigott-verhuschten Missionarin gelingt ihr ein vor schriller Hysterie schillernder Spaß jenseits der Erinnerung an die brillante Ingrid Bergman.

Fazit: Werner Sobotka hat seinen „Mord im Orientexpress“ mit großen Stricknadeln gestrickt, er bevorzugt Amüsement vor Suspense, die Darstellerinnen und Darsteller dabei allzeit bereit zu boulevardbetriebenem Powerplay. Während also alle miteinander den Fahrhebel bis zum Anschlag hochkurbeln, hat sich Knall auf Fall der Fall auch schon erledigt. Die Aufklärung des Verbrechens passiert auf Video. Die Lösung ist eine einfache, nämlich dass dieses Agatha-Christie-Stück den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg bescheren wird. Der Applaus und der Vorverkauf lassen jedenfalls darauf schließen.

Video: www.youtube.com/watch?v=eW5H70YWqMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

Neue Oper Wien: Der Reigen

November 13, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs

musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte. Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern. Alexander Kaimbacher etwa wagt sich als zum brutal besoffenen Vorstadtkiberer mutierten „Soldaten“ bis an die Ekelgrenze, er trieft vor Widerwärtigkeit, wenn er in breitestem Wienerisch auf die Prostituierte losgeht. Als Autor wiederum kann er gar nicht genug hochgestochen Süßholz raspeln, während ihn Anita Giovanna Rosati als satirisch begabtes Schulmädchen am Gängelband, ist gleich dem Telefonkabel, führt.

Rosati gelingt mit ihrem angenehmen Sopran auch ein schauspielerisches Kabinettstück, mit Marco Di Sapias Ehemann, dem sie weismacht, allein durch den Wein wären seine Verführungskünste so berauschend, dass sie schließlich in seine Arme taumelte. Nach dem Waschmaschinenkoitus mit der „jungen Frau“ Barbara Pöltls, sie danach die mütterlich-mitleidige Dirne, wechselt Di Sapia vom dauerdozierenden Ehemann zum Privatier, früher: Graf, und seinen Bariton von auftrumpfend-oberlehrerhaft zu ältlich-vertrocknet. Großartig ist es, wie seine Körpersprache das beginnende Greisentum der Figur plausibel macht, diese mimisch-gestische Wundertat nur übertroffen von Thomas Lichtenecker.

Dem Countertenor kommt nach Bernhard Langs Wille nämlich die Aufgabe zu, zwischen den Geschlechtern zu pendeln. Lichtenecker gibt den jungen Mann mit einer ordentlichen Portion upperclassiger Verzogenheit – und mit Rosati als herrenreitendem Hausmädchen – und mit Bravour die Schauspielerin. Eine zwischen schrill und süßlich changierende Diva, unduldsam im Wellnessurlaub mit dem mittlerweile ungeliebten Autor, dann, weil mit dem immerhin finanziell potentem Privatier in der Theatergarderobe, eine kokette Kokotte – beide Episoden von der die Handlung gnadenlos ironisierenden Liedtke als jene groteske Komödie entworfen, als die Schnitzler seinen „Reigen“ so gerne gestalten wollte, das Genderspiel auf die Spitze getrieben, die Boy-Actor-Assoziation perfekt, sobald Lichtenecker seine nackte Männerbrust aus dem elisabethanischen Mieder schält.

Schauspielerin und Privatier: Thomas Lichtenecker und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Barbara Pöltl als Prostituierte und Marco Di Sapia als Privatier. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Entscheidend zum Gelingen der Aufführung tragen die optischen Lösungen von Herold und Schaaf bei, die das Bühnenbild nicht nur zu immer wieder neuen Guckkastenzimmern öffnen, sondern auch via animierter Schwarzweißzeichnungen ästhetisch düstere Schauplätze von der Karlsplatzpassage übers Hotel Orient bis zum 30iger-Jahre-Gemeindebau entstehen lassen. Diverse Orgasmen werden als hypnotische Spiralen visualisiert, klar: die sich im Schleudergang drehende Waschtrommel bietet sich geradezu an, neugierige Nachbarn spechteln derweil hinter Vorhängen hervor. Das Publikum zollte allen an diesem Ausnahmeprojekt Beteiligten begeistert Beifall, allen voran selbstverständlich dem wie stets souverän über das Geschehen wachenden Walter Kobéra.

Video: www.youtube.com/watch?v=HXXXc5vlmyU&feature=emb_logo           neueoperwien.at

  1. 11, 2019

Volksoper: Das Gespenst von Canterville

Oktober 19, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicht wirklich wilde’sche Geisterstunde

Der Spukstar unterhält seine untoten Fans: Morten Frank Larsen als Sir Simon, Gespenst von Canterville, mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Pausengespräch drehte sich ums „Wie geht das?“, sind doch eben zum Mitternachts- glockenschlag die Geister aus ihren Gemälden gestiegen, sozusagen vom lebendigen Bild zum untoten Ensemble geworden, um ihrem Spukstar zu huldigen – Sir Simon, seines Zeichens „Das Gespenst von Canterville“ und nunmehr Protagonist der ihm gewidmeten Familienoper von Marius Felix Lange, die die Volksoper als österreichische

Erstaufführung zeigt. Um es kurz zu machen: Die Geheimnisse der Bühnenmagie werden nicht gelüftet, kein Zauberer verrät freiwillig seine Tricks, und Multimedia-Künstler Roman Hansi ist ein großartiger, wie er mit dieser Arbeit einmal mehr beweist. Die von ihm kreierten Video-Wiedergänger fallen im Wortsinn aus dem Rahmen und handeln mysteriös eigenmächtig, wenn sie auf die Solistinnen und Solisten reagieren, erstaunt über Frauke-Beekes Hysterieanfall, erfreut über den schüchternen Kuss zwischen Virginia und David, bevor sie ihre „Rollen“ an Chor und Komparserie weiterreichen.

Hansis grünwirbelnder Sturmwind sowie ein Kameraflug durch den Friedhofswald sind ein ausgeklügelter Hightech-Kontrast zum elegant verfallenden Schloss Canterville von Walter Schütze. Wendeltreppauf, -treppab, mal den Morgenstern schwingend, mal mit seinen Sünderketten rasselnd, fegt Morton Frank Larsen als Sir Simon durch Philipp M. Krenns schnittige Inszenierung. Gerrit Prießnitz am Pult führt das Volksopernorchester mit Verve durch Langes Partitur, deren expressiver Stil immer wieder für musikalische Überraschungen gut ist, wenn etwa die Ouvertüre schon als komplette Geisterstunde komponiert ist, Sir Simon beim Geständnis der Ermordung seiner Frau das Volkslied „Flower of Scotland“ zitiert.

Oder die Zwillinge Leon und Noel, alias die Hausdebütanten Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig, ihre Partien als Rap singen, wie überhaupt jede der Figuren ihr kleines Leitmotiv hat. Der „Sound“ ist also farbenprächtig und humorvoll und meistens ziemlich laut, nicht zuletzt wegen der zusätzlich verwendeten Marimba, Donnerblech, Ketten und Windmaschine, und das stellt sich, zusammen mit dem Einsatz eines ungeheuren Schlagwerks und dergestalt dem Vermissen von subtilen, lyrischen Klängen, alsbald als Crux bei der Sache heraus. Wie der Komponist ist auch Librettist Michael Frowin vorrangig um den Funfaktor bemüht, und zusammen ergibt das eine Leerstelle im Werk.

Sir Simon, hier geistreich auf der Höhe …: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

… und wenig später der Verzweiflung nahe: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine Auslassung, was Oscar Wildes Sinn für fein geschliffene Satire und spitzzüngigen Sarkasmus betrifft. Heißt: Tempo und Timing, Pointe und Persiflage – ja, gewitzte Tiefenbohrung ins Geistreiche – nein. Der Blutfleck-Gag kommt freilich vor, auch der abgetrennte Kopf unter der Speiseglocke oder das Schmieröl für die quietschenden Spukutensilien. Die Jungs jagen das Gespenst mit Wassergewehren, Sir Simons Verzagtheit ob seiner Verdammnis zur ewigen Existenz allerdings gerät zu sehr zur komischen Parodie. „Kindes Mitleidsträne“, wie sie das alte Erlösungsgedicht von Virginia einfordert, gibt es gar nicht.

Statt einer Art mädchenhafter Romantik hat sich Anita Götz als Virginia aufs Aufmüpfig-Burschikose vergelegt, sie ist das Superhirn hinter den Streichen, die Sir Simon retten sollen, will doch Rebecca Nelsen als Frauke-Beeke Hansen dessen Anwesen in Schutt und Asche legen, um auf seinem Platz ein Halloween-Eventresort aufzubauen. Nelsen gelingt die Gestaltung der überreizten, überspannten Großstadthyäne ebenso, wie Götz die der zupackenden, problemlösungsorientierten Gymnasiastin, stimmlich changieren die Damen zwischen scharf und schrill. „Meckerziege“ nennen die Kids die Assistentin und Geliebte ihres Vaters ja nicht umsonst.

Wie dem Vornamen Frauke-Beeke anzumerken, hat Michael Frowin die amerikanische Botschafterfamilie in die eines deutschen Immobilien-Unternehmers verwandelt. Diesen Georg König singt und spielt Reinhard Mayr. Der oberösterreichische Bassist, Kürzesteinspringer, nachdem sowohl Martin Winkler als auch Alternativbesetzung Daniel Ohlenschläger krankheitsbedingt ausgefallen waren, kennt die Partie seit der Uraufführung in Zürich und ist nach nur einer Woche Probenzeit entsprechend perfekt. Seine Szenen mit Larsens Gespenst sind die gesanglichen wie darstellerischen Highlights, wenn der selbsternannte, selbstverliebte, so schön stöhnende Gruselgott auf den prinzipienreitenden Pragmatiker trifft, und schließlich die Schreckgestalt selbst zum Erschreckten wird.

Der neue Schlossherr bietet dem Gespenst Schmieröl für die Ketten an: Morten Frank Larsen und Reinhard Mayr. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beeke schmiedet sinistre Pläne: Rebecca Nelsen mit Regula Rosin und Paul Schweinester. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Spukrequisiten soll das Schlimmste verhindert werden: Schweinester mit Lukas Karzel, Anita Götz und Stefan Bleiberschnig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beekes unfreiwilliger Abgang: Nelsen mit Bleiberschnig, Karzel, Schweinester und Götz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Regula Rosin bringt als Haushälterin Mrs. Umney ihren kräftigen Sopran zur Geltung, und steigert diesen – tatsächlichen – Charakter von kopfschüttelndem Unverständnis zu gereiztem Unmut zu kämpferischer Wut angesichts des Verhaltens der neuen Herrschaft. Peter Schweinester ist als Sohn David Umney ans Haus zurückgekehrt, und was seinem ansprechenden Tenor in der Höhe mitunter abgeht, macht er mit überbordender Spielfreude wett. Schweinesters David wird schließlich gemeinsam mit den quirligen Twins Karzel und Bleiberschnig, Anita Götz‘ Virginia und Sir Simons dämonischen Requisiten die böse Hexe Frauke-Beeke zum unfreiwilligen Verschwinden bringen. Damit‘s märchenhaft heißen kann: Ende gut, alles gut.

Fazit: Eine wirklich wilde’sche Geisterstunde ist „Das Gespenst von Canterville“ an der Volksoper nicht, einiges daran wirkt eher untief als untot. Das Premierenpublikum war aber ohnedies darauf eingestellt, sich amüsieren zu lassen. Der verstorbene Canterville’sche Clan, der die Zuschauer schon im Foyer abholt und dabei gerne für ein schauriges Selfie zur Verfügung steht, sorgt bereits ab da für beste Stimmung, der Applaus am Schluss war entsprechend. Ein Sammlerstück wird sicher das Programmheft – mit Gespenstermaske und Sir-Simon-Badge, Rätselgedicht und per App zu bewegenden Geisterporträts ein Must-have.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Ma7GfJj0HTg           www.youtube.com/watch?v=Yongnn6Jq24 Komponist Marius Felix Lange, Dirigent Gerrit Prießnitz und Regisseur Philipp M. Krenn im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=YnWqPYC7FY0           www.volksoper.at

  1. 10. 2019

Neue Oper Wien: Angels in America

September 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Himmlisch, brillant und hochaktuell

Der Engel steigt herab in Prior Walters Krankenhauszimmer: Caroline Melzer. Bild: Armin Bardel

Als Tony Kushner sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Theaterstück „Angels in America“ schrieb, hatte es in den USA gerade die George-Bush-Stunde geschlagen, es war die Zeit von Operation Desert Shield und den damit verbunden präsidentischen Lügen, und auch, wenn erst Sohn W. die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner per entsprechendem Verfassungszusatz unterbinden wollte, so war das amerikanische Klima in den 1990er-Jahren alles andere als freundlich für die LGBT-Community.

Die Neue Oper Wien brachte nun gestern im Wiener MuseumsQuartier Péter Eötvös‘ auf Kushners Gay Fantasia on National Themes“ basierende Oper zur österreichischen Erstaufführung. Wie die Vorlage ist das musiktheatralische Werk, für das Mari Mezei das Libretto verfasste, gesellschaftspolitisch klugen Inhalts, wenn Eötvös auch statt der im Stück festgemachten Sozialkritik mehr an den Schicksalen der Protagonisten interessiert ist, deren Los, wie in Kushners Zwischen-Himmel-und-Erde-Text, in Halluzinationen, Visionen, Traumwelten widergespiegelt wird.

Mal verursacht durch den Missbrauch, mal durch die Verabreichung von Medikamenten. Das Thema von „Angels in America“ ist AIDS. Und dass dieses nach wie vor hochaktuell ist, belegen die jüngsten Statistiken der AIDS Hilfe Wien: Weltweit leben 36,9 Millionen Menschen mit HIV/AIDS, davon 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren. In Österreich liegt die Zahl der Infizierten und Erkrankten bei acht- bis neuntausend, und täglich kommen ein, zwei weitere Fälle dazu. Dass sich außerdem homophobe Angriffe wieder häufen, ist eine erschreckende Tatsache. In einer vor dem Sommer erhobenen Studie der Stadt Wien beispielsweise gaben 28 Prozent der Stadtbewohner mit queeren Lebensmodellen an, 2017 deshalb diskriminiert, lächerlich gemacht und beschimpft worden zu sein, ein Viertel davon war sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Über Eötvös‘ Arbeit sagt Neue-Oper-Wien-Intendant und Dirigent des Abends Walter Kobéra in seinem unbedingt empfehlenswerten Einführungsgespräch: „Das Werk kommt von Herzen. Möge es zu Herzen gehen.“ Und so geschieht es. Eötvös, der sich stets gern vom Lokalkolorit des verwendeten Dramas inspirieren lässt, seien‘s russische Töne bei den „Tri Sestri“ nach Tschechow oder französisch anmutende bei „Le Balcon“ nach Jean Genet, hat diesmal punkto Klangsprache auf die Melodien der großen Broadwaymusicals zurückgegriffen – erkennbar an der Besetzung des amadeus ensemble-wien mit zusätzlich zwei Schlagwerken, Hammondorgel, Gitarre und E-Gitarre, die bei der Begegnung von Louis und Joe eine Art „Doppelkonzert“ geben.

Prior Walter und sein Lover Luis Ironson: David Adam Moore und Franz Gürtelschmied. Bild: Armin Bardel

Krankenpfleger Belize kümmert sich um den „Propheten“ Prior: Tim Severloh und David Adam Moore. Bild: Armin Bardel

Eötvös‘ Komposition ist trotz der Schwere des Sujets erstaunlich zugänglich, leicht und melodiös. Fürs Zwischenmenschliche hat er ein leis‘-poetisches Vokabular erdacht, die Metaebene Himmel illustriert er auf atemberaubend sinnliche Weise. An den schönsten Stellen greift all dies ineinander. Der Inhalt, als solcher nicht leicht zu fassen, hier kurz zusammengefasst: Der Hauptcharakter Prior Walter erfährt, dass er an AIDS erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Auf Erden, heißt: in New York, bedeutet das für ihn, dass sich sein Lover Luis Ironson von ihm trennt, weil er vor dem qualvollen Sterben seines Partners fliehen will.

Vom Himmel herab steigt aber ein Engel, der Prior verkündet, „der Prophet“ zur Rettung der Menschheit zu sein, die er dazu bewegen soll, ihrem Fortschrittsglauben als der Wurzel allen Übels abzuschwören. Aus Salt Lake City ist das Mormonenehepaar Harper und Joseph „Joe“ Pitt neu in die Metropole am Hudson River gezogen. Die psychisch labile Harper ist der Großstadt nicht gewachsen und greift immer öfter zu Valium, da sieht sie in einer Vision Prior, der ihr offenbart, dass Joe schwul ist. Was dieser im Central Park, wo er Männerpaare bespannt, inzwischen selbst feststellt. Joe trifft Luis, die beiden gehen eine Beziehung ein, während im Spital Krankenpfleger Belize verzweifelt versucht, Prior klarzumachen:

Sein Engel war nur eine durchs Morphium ausgelöste Halluzination. Zwei real existiert habende Figuren gehören ebenfalls zum Personal: Roy Cohn, ein Staatsanwalt, der in der McCarthy-Ära zum berüchtigsten aller Kommunistenjäger aufstieg, und der in seiner Eigenbewertung als Präsidentenmacher als letztem Donald Trump das politische Handwerk beibrachte. Der ausgewiesene Schwulenhasser Cohn war selber homosexuell, 1984 wurde bei ihm AIDS diagnostiziert, doch bis zu seinem Tod zwei Jahre später gab er vor, an Leberkrebs zu leiden. In der Oper erscheint ihm knapp vor seinem Ende, um ihn zu verspotten, Ethel Rosenberg, in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Julius wegen Spionage für die Sowjetunion angeklagt. Auf Cohns Betreiben wurde nicht nur er, sondern auch sie, bei der die Beweislage wesentlich dünner war, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Cohn gab 1986 zu, dass die Regierung die Beweise gegen die Rosenbergs „hergestellt“ habe …

Regisseur Matthias Oldag setzt in seiner Inszenierung ganz auf den vom Werk vorgegebenen Dauerdreh von Tragik zu Komik. Nicht ohne Witz ist etwa eine celestische Konferenz der Engel aller Kontinente, in der sie versuchen, mittels steinaltem Röhrenradio Nachrichten von der Erde zu empfangen, dabei angetan wie eben noch die Obdachlosen, die sich in der Bronx um ein Mülltonnenfeuer versammelten. Auftritt „Prophet“ Prior, der zwar nicht das nietzscheeske „Gott ist tot“ verkündet, aber immerhin dessen Davonschleichen vor den Sorgen seiner Geschöpfe. Priors Aufforderung, ihm bei Wiedererscheinen den Prozess zu machen, statt Gottes Gericht – Gott vor Gericht, hinterlässt in Anbetracht seines Zustands beim Zuschauer einen ziemlichen Kloß im Hals.

Dies Wechselbad der Gefühle hat Bühnen- und Kostümbildner Nikolaus Webern für den schnellen Szenenwechsel ausgestattet. Wenige, von den Darstellern bewegte Versatzstücke definieren die diversen Schauplätze, oft sind mehrere zugleich auf der Bühne, vorne Harper allein am Schminktisch, hinten Cohns Büro, in dem er seinen Adlatus Joe herumkommandiert. Auch die Trennungen von Joe und Harper sowie Prior und Luis laufen parallel, dazu ringsum Projektionen – Hochhaussilhouette, Bow Brigde, Star-Spangled Banner und Live-Videos, die die Solistinnen und Solisten überlebensgroß an die Wand werfen. Auf dem Bühnenboden liegt Schnee (oder liegen da doch Engelsfedern?).

Luis und Joseph Pitt kommen sich im Central Park näher: Franz Gürtelschmied und Wolfgang Resch. Bild: Armin Bardel

Die auf sein Geheiß auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Ethel Rosenberg sucht Roy Cohn heim: Sophie Rennert und Karl Huml. Bild: Armin Bardel

Eötvös und Librettistin Mezei haben die in sich verwobene, ihrer Entwirrung harrende Handlung in einen feinen Humor gekleidet, haben daraus ein Spiel mit Geschlechtern und ihren Rollenbildern gemacht, in dem das Ensemble durchwegs brilliert. Caroline Melzer, derzeit an der Volksoper auch als „Gräfin Mariza“ zu erleben, schwebt als weißer, später schwarzer Engel aus den Lüften herab, und trägt mit ihrem wunderschönen Sopran am ehesten das vor, was man „Eötvös pur“ zu nennen vermag – eine Partie, extravagant klingend und extrem fordernd. David Adam Moore weiß seinen lyrischen Bariton gekonnt zu führen, und ist nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch auf der Höhe, ob er sich „der Seuche“ nun leidend hingibt oder aufbegehrend entgegenstellt – oder sich vom Engel zum Orgasmus singen lässt.

Alle weiteren Solistinnen und Solisten sind in jeweils mehreren Rollen zu sehen: So ist etwa Sophie Rennert stark, wenn sie als Harper Pitt begreifen muss, dass Joe in ihr nur seinen „besten Kumpel“ sieht, und dessen als Eheretterin angereister Mutter Hannah gesteht, dass ihr Joes Penis fehlt. Inna Savchenko gestaltet diese Hannah mit perfekt großem Stimmumfang und in der Darstellung eindrucksvoll zurückgenommen, während sie anzunehmen trachtet, was sie bisher abgelehnt hat. Bariton Wolfgang Resch ist als verkrampfter Joe hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Lust, da trifft er Franz Gürtelschmieds Luis, den der als lasziven Verführer gibt, dem es ein Leichtes ist „Klemmschwester“ Joe auf seine Seite des Sex‘ zu ziehen.

Überzeugend ist auch Countertenor Tim Severloh in seiner Rolle als Krankenpfleger Belize, eine ehemalige Drag Queen, die den Glitzerfummel gegens OP-Grün tauschte, und nun Prior und Roy betreut. Wie Severlohs Belize als Reaktion auf die Narreteien ihrer Patienten die Stimme bis zum Schrillpunkt in höchste Höhen schraubt, ist bemerkenswert. Karl Huml schließlich ist als Roy Cohn zu sehen, sein kräftiger Bassbariton wie maßgeschneidert für die Figur des windigen Anwalts, arrogant und zynisch selbst noch in maßloser Angst – in die ihn neben der Diagnose AIDS auch Ethel Rosenberg versetzt, noch einmal gilt es die Leistung von Sophie Renner hervorzuheben, die ihm samt Elektroden-Kopfriemen auf der Leinwand erscheint – unheimlich vor sich hin summend und vor Schadenfreude irre grinsend.

Für Prior steht vor dem Hingang die Hoffnung. Auf mehr Leben, zumindest darauf keinen Tod mehr im Geheimen sterben zu müssen. Er hat sich von den fortschrittsgegnerischen Engeln abgewandt, sein Prophetenbuch abgegeben, kann er doch der Modernität und mithin der Wissenschaft, die seither einiges in der HIV/AIDS-Forschung erreicht hat, nicht abschwören. Er will nun als Mensch sein Leid annehmen. Das macht ihn mehr zur Messiasgestalt als jede Predigt. Und das Ensemble verteilt Red Ribbons ans Publikum, das diesem und dem anwesenden Komponisten mit riesigem Jubel für diese rundum geglückte und beglückende Produktion dankte.

www.neueoperwien.at

  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018