Hochwald: Evi Romens queerer Anti-Heimatfilm

September 15, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Parabel vom zernarbten Herzen

Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Eines Tages stellte sich ein junger Mann in die Mitte des Ortes und verkündete, er habe das schönste Herz im ganzen Tal. Da trat ein alter Mann aus der Menge und sagte: „Dein Herz ist lange nicht so schön wie meines!“ Die Menschen und der junge Mann blickten auf das Herz des Alten. Es schlug stark, doch es war voller Narben. Stücke waren herausgebrochen und andere eingesetzt, tatsächlich waren da tiefe Löcher, wo ganze Teile fehlten.

„Du machst wohl Witze“, lachte der Junge. „Vergleich dein Herz mit meinem: Meines ist vollkommen und deines ist längst kaputt!“ „Ja“, erwiderte der alte Mann, „dein Herz sieht vollkommen aus, aber ich würde doch niemals mit dir tauschen. Weißt du, jede Narbe in meinem, jede Lücke steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe.“ Diese Parabel erzählt der Imam Mario, als dieser in einer muslimischen Wohngemeinschaft in Bozen eine letzte Zufluchtsstätte findet. Da hat der gestrauchelte Traumtänzer die Talfahrt vom „Hochwald“ schon hinter sich, dies der Titel von Evi Romens wuchtigem Regiedebüt, das bei der diesjährigen Diagonale mit dem Großen Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde und am Freitag in den heimischen Kinos anläuft.

„Hochwald“ ist ein queerer Anti-Heimatfilm über Außenseiter in ländlicher Gegend, kontrast- und mit seinen Irrungen, Wirrungen, Wendungen auch risikoreich, doch Regisseurin und Drehbuchautorin Romens Rechnung geht voll auf, ihr Kalkül Schwul-sein im südtirolerischen Katholizismus, das Gefühl des Deplatziert-Seins, islamistischen Terror und eine rettende Begegnung mit dem Islam auf einen Nenner zu bringen. Durch die Kamera von Martin Gschlacht und Jerzy Palacz präsentiert sich die Amour-Fou-Produktion stylisch, hipp, innovativ.

„Hochwald“ ist atmosphärisch dicht, mit psychologischer Präzision inszeniert und exzellent bildgewaltig fotografiert, und es ist der charismatische Hauptdarsteller Thomas Prenn als Mario, der 107 Minuten lang sein Innerstes nach außen kehrt, und diesem Film seinen schauspielerischen Stempel aufdrückt – wofür der 27-Jährige beim Österreichischen Filmpreis zum besten Hauptdarsteller gekürt wurde. Und so beginnt der Film: Selbstvergessen tanzt Mario im Mehrzwecksaal der Volksschule im fiktiven Südtiroler Dorf „Hochwald“, er trägt Latein-Tanzschuhe, also solche mit Absatz, und hat in seiner Sporttasche allerlei fancy Kostüme dabei.

Eine Karriere als Tänzer schwebt ihm vor, ein Ausbrechen aus der Enge, die ihn erdrückt wie seine Gelegenheitsjobs als Frühstückskoch im Nobelhotel oder in der Fleischhauerei des Stiefvaters Hermann, Würste abdrehen und Mutters Neuen wichsen. Da trifft er in der Dorfdisco Jugendfreund Lenz, Noah Saavedra, dieser nunmehr Schauspielschüler in Wien und auf dem Weg zu einem Casting in Rom, und wohl früher Marios Love Interest. „In Wien sind alle schwul!“ – „Aber bei uns hier nicht“, unterhalten sich Mario und Lenz kichernd und kiffend im eingeschneiten Auto vor der Kirche und unterwegs zur Christmette.

Thomas Prenn im Haufen von Marios fancy Kostümen. Bild: © Amour Fou

Thomas Prenn und Noah Saavedra. Bild: © Amour Fou

Mario fühlt sich nur in der Dorfdisco frei: Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou

Doch gesagt, getan: der sensible, diverse Drogen drückende Mario wird den exaltierten Lenz nach Rom begleiten, der in sich gekehrte, nur im Tanz freie Schulwartssohn und der adelige, weltläufige Winzerspross, auch mit diesen Gegensätzen hantiert Evi Romen, wo sie am ersten Abend in einem Gay Club – gecastet: dessen echte Community – landen. Da passiert’s. „Allahu Akbar“ brüllende, vermummte Männer stürmen das Lokal, schießen wild um sich, Lenz ist tot … Für Marios Coming-Of-Age-Story bedeutet das ein Zurück in die gebirgige Düsternis, eine Konfrontation mit jener gnadenlosen Kleingeistigkeit, vor der seine sexuelle Orientierung nun offen ausgebreitet ist, hin zu Lenz‘ über dessen Homosexualität ahnungslose Eltern. Was Wunder, dass Mario seine Trauerarbeit im Volksschulsaal vor erschrockenen Taferlklasslern performt …

Zwischen den Anschuldigungen von dessen Mutter, Mario hätte Lenz Richtung Pfad der körperlichen Untugend verführt, und seines leiblichen Vaters: „Scheiß-Moslems, die g’hören alle darschossen“, in einer Abwärtsspirale ohne Ausweg, konfrontiert Evi Romen das Publikum nicht nur mit dessen eigenen Ressentiments, sie macht auch etwaige Erwartungshaltungen zunichte, wenn sie die Andersartigkeiten einander nicht abstoßen, sondern sich gegenseitig anziehen lässt. In Bozen nämlich, wo Mario sich in einem Nageldesignstudio unterm Ladentisch mit aufklebbaren Tips versorgt, trifft er nach einem „Schuss“ auf der Bahnhofstoilette Nadim, den er von seiner abgebrochenen Konditorenlehre kennt, und der sich dort fürs Gebet wäscht.

Josef Mohamed, in Wien bekannt als ausdrucksstarker Theaterschauspieler (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=32241, www.mottingers-meinung.at/?p=36095), schlüpft in die Figur des Gratis-Koran verteilenden Nadim wie in eine zweite Haut. Überhaupt ist Hochwald bis in die Nebencharaktere brillant besetzt. Mit Claudia Kottal als Volksschullehrerin und Mutter von Lenz‘ Ausrutscher-Sohn, mit „Hochwürden“ Johannes Silberschneider und Marco Di Sapia als Lenz‘ Künstleragent, mit Ursula Scribano-Ofner als Marios Mutter, Helmuth Häusler als Vater und Hannes Perkmann als Stiefvater. Katja Lechthaler und Walter Sachers sind als Lenz‘ Eltern zu sehen.

Mit Ursula Scribano-Ofner. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Josef Mohamed. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Kida Kodhr Ramadan. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Josef Mohamed (li.). Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Sowie der libanesisch-deutsche Schauspieler und Szenestar Kida Kodhr Ramadan als Imam Mami, in dessen WG Nadim Mario mitnimmt, als der im Drogenrausch auf der Straße zusammenbricht. Es wird die dortige Friedlichkeit und Freundlichkeit sein, das Anerkennen seines Ichs, wie es ist – siehe: die Parabel vom zernarbten Herzen, in dem Mario Halt und Unterstützung findet. „Die Attentäter, des waren kane Muslime, der Islam isch a friedliche Religion“, sagt Nadim, und Marios Vater, als er auf den Armen des Sohns keine neuen Einstiche findet: „War des da Allah?“ Bis sich der nächste Dorfskandal entzündet: „Man hat dich gesehen! Mit den Muselmanen! Des isch pervers! Totalschaden, odr?“

Wie sie einen doch ins Visier nimmt, die Wegschau-, die Menschen-Wegwerf-Gesellschaft, Visier wortwörtlich, als Lenz‘ Vater vom Hochstand aus mit seinem Jagdgewehr auf Mario anlegt … Mit seinen Doppelbödigkeiten, den Doppeldeutigkeiten des Dorfdialekts, die Tabus, um die jeder weiß es, doch keiner beredet, mit seinem spröde erzählten Gefecht Einzelkämpfer gegen Kollektiv, mit dessen Zerrissenheit und dem Zwiespalt, der Gräben durchs Umfeld zieht, ist „Hochwald“ ein gelungenes Stück modernen Neorealismo.

Evi Romen kann Symbolik, die archaische Grundstruktur des Orts als Setting, ausgerechnet Religion als Befreiung von belastenden Glaubensmustern, als Talisman eine weißgelockte Perücke, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, der Hochwald als Stätte der Transformation, und niemals bedient sie ein touristisches Südtirol. Dazu die stimmige Original-Musik von Florian Horwath, die’s hoffentlich bald auf CD gibt, und ein paar 1960er-Klassiker wie „Inch’Allah“ von Adamo.

„Hochwald“ lässt einen atemlos zurück, und mit viel Stoff, um darüber nachzudenken. Die Haken, die die Handlung durch die Unberechenbarkeit ihres Protagonisten Mario schlägt, lenken einen stets in eine neue Richtung, weg vom spezifischen Südtirol, hin ins Universelle. Im exzellenten Ensemble sticht einem Thomas Prenn als introvertierter Extrovertierter ins Auge, und ein solches sollte man auf den Südtiroler Schauspieler auch haben. Sein nächster Streich, „Große Freiheit“ von Sebastian Meise mit Franz Rogowski und Georg Friedrich, wurde dieses Jahr in Cannes in die Sektion Un Certain Regard eingeladen und mit dem Jurypreis ausgezeichnet.

www.facebook.com/hochwaldfilm          Trailer: www.youtube.com/watch?v=VlxjiJe-r1w&t=1s

  1. 9. 2021

Oper im Steinbruch St. Margarethen – live plus online: Turandot

Juli 16, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pretiöse Prinzessin zwischen Elfenbeinschnitzereien

Martina Serafin als Turandot. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Ein Jahr musste das Publikum CoV19-bedingt auf diese „Turandot“ warten. Nun war man bei der Premiere am Mittwoch entsprechend erwartungsvoll – und wurde aufs Feinste überrascht. US-Regisseur Thaddeus Strassberger und sein Bühnenbildner Paul Tate dePoo, nicht zu vergessen der für die 117 teils 15 Kilo schweren Kostüme verant- wortliche italienische Designer Giuseppe Palella bieten ein Bühnenspektakel, wie man’s nicht alle Tage sieht.

In dem von kostbarerer chinesischer Elfenbeinschnitzerei inspirierten Setting tummeln sich Todesdämonen und Skelettschädel, Feuer-Ninjas und in Leder gekleidete Scharfrichterinnen, Akrobaten und Statisten im blauweiß der Ming Vasen, als in der Dynastie sehr beliebte Affenkannen gekleidete Tänzer servieren Tee und Opiumpfeifen, streng dreinblickende Laternenträger stolzieren im zweiten Akt durch die Sitzreihen.

So detailverliebt ist diese wie in den Felsen gemeißelte Fantasiewelt, das Reich von Kaiser Altoum von einer drehbaren Kugel symbolisiert, Turandot gefangen in der golden ausgekleideten Lade eines gigantischen Schmuckkästchens, dass man den Farbenrausch mit dem Auge kaum fassen kann. Die amerikanischen Lichtdesigner JAX Messenger und Driscoll Otto tauchen die Freilichtbühne und den Stein von St. Margarethen spektakulär in sich immer verwandelndes Licht.

Donata D’Annunzio Lombardi als Liù. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Turandot mit der Maske von Ahnfrau Lo-uling. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Benedikt Kobel als greiser Kaiser Altoum. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Wie praktisch also, dass die Inszenierung noch fünf Tage in der tvthek.orf.at und mindestens 30 Tage auf www.myfidelio.at zu streamen (mit deutschen Untertiteln) ist, so dass man vom burgenländischen großen Ganzen – 7.000 Quadratmeter Bühnenfläche gearbeitet, 50 Tonnen Gerüstkonstruktion, ein Gewirr aus Brücken und Treppen – nun via Bildschirm auf die Nahaufnahme zoomen kann. Das funktioniert – gestern erprobt – bei den packenden Bildern bestechend gut, die Aufzeichnung als Mehrwert zum Live-Erlebnis, etwa wenn der Mandarino per Geisterschiff, der fernöstliche Charon gewandet in einen Mantel aus Totenköpfen auf oder der Geist der tapferen Liù in ebendieser Barke von der Bühne gleitet.

Musikalisch überzeugt die Produktion, Dirigent Giuseppe Finzi, der Puccini-Fachmann erstmals in St. Margarethen am Pult, führt mit ruhiger Hand verlässlich durch die Aufführung. Das ungarische Piedra Festivalorchester ist den Solistinnen und Solisten ein aufmerksamer Partner. Ebenfalls hinter der Bühne singt – durchwegs eindrucksvoll – der Philharmonia Chor Wien unter Leitung von Walter Zeh.

Wer hier nun, inmitten der raumgreifenden Tableaus, seine emotionalen Mauern niederreißen muss, ist Martina Serafin, die Intendanten-Bruder Daniel Serafin als Turandot auserkoren hat. Die Turandot gilt als eine der Paraderollen der österreichischen Sopranistin. Sie hat sie bereits an der MET und in der Arena di Verona gesungen. Hier ist sie zunächst eine exzentrische Erscheinung, die sich die Alte-Frau-Maske ihrer Ahnfrau Lo-uling vors Gesicht hält, die grell geschminkte Greisin von vor 1000 Jahren: „Jetzt lebst du in mir noch einmal …“

Das Totenschiff des Mandarino. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Opulentes Bühnenbild. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Andrea Shin als Prinz Calaf. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Der kaiserliche Garten. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Die allmähliche Herzerweichung der Turandot vermag Serafin auch auf der riesigen Spielfläche zu vermitteln. Die stärksten Momente hat sie stimmlich in der ausdrucksstarken Mittellage, weniger in den expressiv-überspannten Spitzentönen -und für geschmeidiges Phrasieren bleibt im Wortsinn hier wenig Spielraum.

Unter den Sängern sticht Andrea Shin als Calaf hervor. Der hierzulande ausgebildete Südkoreaner meistert die Aufgabe, die wohl am häufigsten plattgewalzte Event-Arie zu beleben: „Nessun dorma“ klingt bei ihm gestalterisch durchdacht und auch in der Höhe souverän. Ein würdiger Partner für Martina Serafin, zwei stolze Protagonisten, die sich im Steinbruch begegnen.

Die am Premierenabend von Donata D’Annunzio gesungene Liù erhielt bereits beim ersten Auftritt Szenenapplaus. Die italienische Puccini-Spezialistin nützt ihre Auftritte für feine Linienführung und berührend gestaltete Zwischentöne. Alessandro Guerzoni als entthronter Timur ist ihr mit seiner mahnenden Bass-Stimme ein ebenbürtiges Gegenüber. Für die Rollen der Minister Ping, Pang und Pong konnten mit Leo An, Jonathan Winell und Enrico Casari ebenso profilierte wie spielfreudige Sänger verpflichtet werden. Mit Kammersänger Benedikt Kobel verleiht ein langjähriges/tragendes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper dem greisen Kaiser Altoum Statur und Charakter. Ein beeindruckender Abend, der mit großem Jubel für alle Beteiligten endete.

www.operimsteinbruch.at      esterhazy.at           tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13890354/Erlebnis-Buehne-Aus-der-Oper-im-Steinbruch-Turandot/14098791           www.myfidelio.at

  1. 7. 2021

Kammerspiele: Monsieur Pierre geht online

Oktober 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der diskrete Charme des alten Grantscherm

Kongeniales Herrendoppel: Wolfgang Hübsch und Claudius von Stolzmann. Bild: Rita Newman

Ach, man ist ja sowieso befangen, weil man erstens den Film mit Pierre Richard schon so gemocht hat, und zweitens … Wolfgang Hübsch! An den Kammerspielen der Josefstadt brilliert dieser nun als Protagonist in „Monsieur Pierre geht online“, der Theateradaption jener französischen Filmkomödie, die Stéphane Robelin vor drei Jahren dem „großen Blonden“ auf den Leib schrieb (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25662), und

Hübsch mit seinem Grantscherm-Charme ist einfach hinreißend. Wie er als Pierre über die Bühne tänzelt, wenn’s nach seinem Willen geht, wie den sein Rückenleiden immer dann ereilt, wenn’s für ihn zum Vorteil ist, Hübsch gibt sich als kauziger, verschmitzter, schlitzohriger Komödiant, der wie jeder Meister dieser Disziplin auf die Melancholie nicht vergisst. Zwar ist er kein „Pierrot“ wie der Richard, auch wenn dies sein Nickname ist, und bei weitem kein sanftmütiger Schalk. Nein, der sitzt Hübsch vielmehr im Nacken, wenn er als manipulativ mitleidheischender Miese-Peter die Wiener Variante des Pariser Witwers gibt.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch das eine Interesse, sich alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau anzuschauen. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und seiner Trauer und verwahrlost zusehends. Weshalb Tochter Sylvie einen sinistren Plan schmiedet: Der neue Freund ihres Nachwuchs‘ Juliette, ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora. Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings abschickt. Klar, dass das nicht gutgehen kann … Eine moderne Cyrano-Erzählung war das weiland bei Robelin, worauf Regisseur Werner Sobotka aber weitestgehend verzichtet.

Was Wunder, hat er Wolfgang Hübsch mit Claudius von Stolzmann als Alex doch einen kongenial schöngeistigen Konkurrenten im Kampf um Floras Gunst an die Seite gestellt. Die fabelhafte Textfassung von Folke Braband beschert dem Ensemble ein Powerplay an bissigem Pointen-Ping-Pong, der Dialog analog-digital macht einen Gutteil des Humors aus. Dessen missverständliche Untiefen durchwaten die Darsteller mit sichtlichem Vergnügen. Sagt Alex, Pierre müsse ein Fenster öffnen, fragt der: „Im Schlafzimmer?“ – und persönlicher Favorit ist dessen Ansage, er hätte etwas auf „Goggl Mops“ gefunden.

Susa Meyer als selbstgerechte Tochter Sylvie. Bild: Rita Newman

Monsieur Pierre fesch und auf Freiersfüßen. Bild: Rita Newman

Martina Ebm gibt sich ganz mädchenhaft. Bild: Rita Newman

Werner Sobotka hat für Wolfgang Hübsch mit Witz und Herzenswärme und viel Sinn für Details ein Virtuosen-Stück voller Zwischentöne inszeniert, hat sich behutsam dem Thema Alterseinsamkeit gewidmet, dazu Aktuelles von Homeoffice bis Zoomkonferenz eingeflochten, und es ist wunderbar, wie der Musical- und Operettenaffine diesen Abend zum Walzertanzen bringt. Das Bühnenbild von Walter Vogelweider wechselt von Pierres staubiger Bücherhöhle zum kühlen Neonchic von Sylvies Apartment und der Brüsseler Bar, in der Pierre/Alex Flora zum ersten Mal trifft. Auf kleinen Videowänden allüberall läuft der Chat, poppen Portale auf, wird geskypt.

Und noch einmal: Welch ein Paar, Hübsch und von Stolzmann, deren Beziehung sich sozusagen vom Duett zum Duell, von der Männerverschwörung zum gegenseitigen Fallensteller zum von der Damentrias in die Ecke argumentierten und alsbald aufgeflogenen Schwindler-Duo entwickelt. Pierre und Alex schenken einander mit ihren eifersüchtigen Aktionen nichts und Hübsch und von Stolzmann damit alles, wenn sie das Lügenmärchen des anderen derart aufbauschen, dass der nicht mehr weiß, wie raus aus der Sache.

Buchhändler Pierre gibt sich bei Flora als Sinologe aus, womit er Alex von dessen Computer-Fachchinesisch in die Zwickmühle eines falschen Mandarin bringt, aus Rache macht der aus dem „Großvater“ einen Vulkanologen, worauf Pierre für Flora in Windeseile ein paar Lava-Abenteuer erfinden muss. Herrliche Szenen sind das, wenn Pierre von Langzeitloser Alex mehr Selbstbewusstsein fordert, „Wie steh‘ ich denn sonst da!“ und „Hoffentlich ist sie nicht enttäuscht!“, oder wenn Sylvie für den Vater schon ein Altersheim ins Auge fasst, und ihn schließlich fesch und auf Freiersfüßen wiederfinden muss.

Verblüfft von der weiten Welt des Webs. Bild: Rita Newman

Die Chat-Kulisse. Bild: Rita Newman

In der Zwickmühle schmerzt der Rücken. Bild: Rita Newman

Familienverhör, re.: Larissa Fuchs. Bild: Rita Newman

Susa Meyer gibt diese Sylvie mit dem Beamtenpragmatismus einer, auf deren selbstgerechten Schultern die ganze Familie lastet. Großartig, wie ihre Moralvorstellungen als schlüpfrige Gedanken auf und davon galoppieren, glaubt sie doch in Physiotherapeutin Flora eindeutig eine „Masseuse“ zu erkennen. „Monsieur Pierre geht online“ ist ein Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence, die Situationen durch ihre Fehldeutungen „Spiel, Satz & Sieg“ in der Schwebe gehalten, ohne jemals auf plumpen Boden zu prallen.

Martina Ebm stattet Flora mit genau der ernsthaft romantischen Mädchenhaftigkeit aus, der man zutraut, in Pierre eine neue Jugendlichkeit und in Alex den draufgängerischen Liebhaber zu entfachen. Die Juliette von der mit Lebenspartner Johannes Krisch ans Haus gewechselten BE-Schauspielerin Larissa Fuchs wird von Anfang an auf die Art Karrierebiest getrimmt, von dem Alex ein Abschiednehmen nicht schwerfallen kann.

Keine Angst, für alle gibt’s ein Happy End. Pierre, Sylvie und Juliette sind nämlich eine David-Trauergemeinde, Juliettes Ex, der nach Shanghai gegangen ist, und mit dem – Martin Niedermair – sie immer noch videotelefoniert. Weshalb Alex zum Gaudium des Publikums mit glühenden Ohren die schlimmsten Dinge über sich und sein Schmarotzertum in Sylvies „Hotel Mama“ hören muss, bis David nach Paris zurückkehrt. Für Pierre hat Alex den gleichen Schabernack parat, wie der zuvor für ihn. Und schließlich öffnet auch Sylvie das Tor zum Datingportal …

Für einen Moment zugeschaltet hat sich in seiner Aufführung auch Werner Sobotka als Fernsehmacher Frederic, der von Alex Pitches für eine Gerichtsmediziner-Serie fordert, etwas, das die alten Zuschauer nicht vergrault und die jungen dennoch unterhält. Das scheint wie ein Motto über diesem rundum geglückten, supersympathischen „Monsieur Pierre“ zu stehen, dem man auch nach dem morgigen Samstag noch viele Vorstellungen wünscht.

Video: www.youtube.com/watch?v=988WHzW-w2w           www.josefstadt.org

  1. 10. 2020

Die Neue Oper Wien streamt Videos ihrer Produktionen

April 3, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Anfang macht Bernhard Langs „Der Reigen“

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Auch die Neue Oper Wien hat nun einen Stream eingerichtet. Videos vergangener Produktionen finden sich ab sofort hier: neueoperwien.at/node/179/aktuell/video. Die Videos werden laufend ergänzt und bleiben voraussichtlich bis 30. Juni online. Den Anfang machen „Der Reigen“ von Bernhard Lang, Libretto von Michael Sturminger nach Arthur Schnitzler, Inszenierung von Alexandra Liedtke.

Sowie Šimon Vosečeks „Biedermann und die Brandstifter“ nach Max Frisch in der Regie von Béatrice Lachaussée. Für 22. Juni ist die österreichische Erstaufführung von „Prosperina“ in der Wiener Kammeroper geplant. Wolfgang Rihm hat sich des Goethe-Stoffes angenommen und ein Kleinod geschaffen, das 2009 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde. Rihms Partitur ist herausragend, vom ersten Takt an strömen raumgreifend die für den Komponisten typischen Klänge und tragen so den Kampf der Dauergefangenen in der Unterwelt um eine menschenwürdige Existenz aus: Ein vokaler Befreiungsschlag einer tragischen Persönlichkeit. Die Prosperina singt und spielt Rebecca Nelsen, die Inszenierung ist von Rebecca Greenstein, am Pult wie stets: NOW-Intendant Walter Kobéra.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Kritik: Der Reigen

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte.

Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=36070

neueoperwien.at           neueoperwien.at/node/179/aktuell/video

Der Reigen: www.youtube.com/watch?time_continue=16&v=AC3IkVfRXj4&feature=emb_logo

Biedermann und die Brandstifter: www.youtube.com/watch?time_continue=1297&v=0ZNm59fr7zY&feature=emb_logo

3. 4. 2020

Wienbibliothek digital: Chris Pichler und Robert Reinagl lesen „Komteß Mizzi“

April 1, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Beklemmendes Unsittenbild aus dem Fin de Siècle-Wien

Die Wienbibliothek befasst sich mit dem Fall des „leichten Mädchens“ Marie Veith, deren Geschichte im Zuge eines Sensationsprozesses in der k. u. k. Monarchie für Aufsehen sorgte. Anhand des soeben im Wallstein Verlag erschienenen Buchs „Komteß Mizzi“ von Walter Schübler zeichnen Schauspielerin Chris Pichler und Burgtheater-Akteur Robert Reinagl in zwölf Lesungen ein beklemmendes „Unsittenbild“ aus dem Wien des Fin de Siècle – ab 4. April via der Website www.wienbibliothek.at oder der Facebook-Seite www.facebook.com/wienbibliothek.

Die Fakten, die Schübler recherchierte und rekonstruierte ergeben ein erschütterndes Zeitdokument über eine moralisch zerrüttete Gesellschaft: Am 28. April 1908 werden Marcell Veith, der einen nicht rechtmäßigen Grafentitel führte, und seine 18-jährige Tochter Marie festgenommen. Er wird der Kuppelei, sie der Geheimprostitution beschuldigt. Sie ertränkt sich noch am selben Tag in der Donau, er wird vor Gericht gestellt, der „Skandal-Prozess“ erregt weit über Wien hinaus Aufsehen.

Umso mehr, als hohe Polizeibeamte, die Chefs des Sittenamts und des Sicherheitsbüros, im Tagebuch und in den Kassabüchern Maries als Kunden genannt werden. Kurz nach Verbüßung seiner Haftstrafe veröffentlicht Marcell Veith in einem Krawallblatt die Kundenliste, die er akribisch geführt hatte: 205 „Cavaliere“, allesamt aus den besseren und besten Wiener Kreisen und der österreichischen Hocharistokratie. Aus einer Unmenge historischer Quellen – darunter der tausendseitige Gerichtsakt mit Dutzenden Zeugenaussagen von Fiakerkutschern, Hausmeistern, Nachtportieren, Kellnern, Dienst-, Stuben-, Blumenmädchen, Bordellwirtinnen und Prostituierten, die Protokolle der Hausdurchsuchung, der Abschiedsbrief von Marie Veith bis hin zur skandalisierenden Presseberichterstattung – entwirft Schübler ein Panorama der Doppelmoral dieser Epoche.

„Das Material ist ausgesprochen spannend“, so der Autor. „In den Zeitungsberichten ist die Rede davon, dass der Staatsanwaltschaft als Belastungsmaterial unter anderem die Tagebücher von Mizzi Veith sowie die Rechnungs- bücher ihres Vaters und ‚Kupplers‘ vorlagen, aus denen sie auch zitiert. Der Gerichtsakt ist zwar überliefert und auf dem Aktendeckel sind die Tagebücher und die Kassabücher als ‚Beilagen‘ angeführt ­— diese sind aber verschwunden. Beim Schreiben ging es mir nun vor allem darum, aus diesem ‚Stoff‘ eben nicht Kolportage zu machen. Vom ‚Fall‘, vom Personal, vom Milieu her wär’ das ja geradezu aufg’legt. Der zeitgenössische Boulevard tut genau das, er macht die Causa zum Gegenstand ‚öffentlicher Erregung‘. Ich hingegen erzähle das Ganze unter Einsatz von sehr viel O-Ton – chronikal, lakonisch, sozusagen in Schwarzweiß.“

Bild: Chris Pichler

Robert Reinagl. Bild: © Dieter Steinbach

Das Verfahren selbst wurde von Zeitgenossen heftig diskutiert, so widmete Karl Kraus, dessen Archiv ebenfalls in der Wienbibliothek im Rathaus liegt, dem „Prozeß Veith“ eine Sondernummer seiner Fackel. Bereits zwei Jahre davor sorgte ein pornografischer Roman, der realitätsnah die Missstände von Prostitution und Pädophilie veranschaulicht, für Aufsehen: „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“ erschien anonym, wurde jedoch dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Felix Salten zugeschrieben. Ihm wird die Wienbibliothek gemeinsam mit dem Wien Museum anlässlich seines 75. Todestages im Jahr 2020 ab 14. Oktober eine große Ausstellung widmen.

Über den Autor: Walter Schübler, geboren 1963, Publizist mit Schwerpunkt Biografik, lebt in Wien. 2014 erhielt er den Preis der Stadt Wien für Publizistik. Veröffentlichungen unter anderem: „Anton Kuh. Biographie“ 2018, „Anton Kuh: Werke“, Hg., 2016; „Gottfried August Bürger. Biographie“ 2012.

Wallstein Verlag, Walter Schübler: „Komteß Mizzi. Eine Chronik aus dem Wien um 1900“, Sachbuch, 236 Seiten.

www.wallstein-verlag.de

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1. 4. 2020