Wienbibliothek digital: Chris Pichler und Robert Reinagl lesen „Komteß Mizzi“

April 1, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Beklemmendes Unsittenbild aus dem Fin de Siècle-Wien

Die Wienbibliothek befasst sich mit dem Fall des „leichten Mädchens“ Marie Veith, deren Geschichte im Zuge eines Sensationsprozesses in der k. u. k. Monarchie für Aufsehen sorgte. Anhand des soeben im Wallstein Verlag erschienenen Buchs „Komteß Mizzi“ von Walter Schübler zeichnen Schauspielerin Chris Pichler und Burgtheater-Akteur Robert Reinagl in zwölf Lesungen ein beklemmendes „Unsittenbild“ aus dem Wien des Fin de Siècle – ab 4. April via der Website www.wienbibliothek.at oder der Facebook-Seite www.facebook.com/wienbibliothek.

Die Fakten, die Schübler recherchierte und rekonstruierte ergeben ein erschütterndes Zeitdokument über eine moralisch zerrüttete Gesellschaft: Am 28. April 1908 werden Marcell Veith, der einen nicht rechtmäßigen Grafentitel führte, und seine 18-jährige Tochter Marie festgenommen. Er wird der Kuppelei, sie der Geheimprostitution beschuldigt. Sie ertränkt sich noch am selben Tag in der Donau, er wird vor Gericht gestellt, der „Skandal-Prozess“ erregt weit über Wien hinaus Aufsehen.

Umso mehr, als hohe Polizeibeamte, die Chefs des Sittenamts und des Sicherheitsbüros, im Tagebuch und in den Kassabüchern Maries als Kunden genannt werden. Kurz nach Verbüßung seiner Haftstrafe veröffentlicht Marcell Veith in einem Krawallblatt die Kundenliste, die er akribisch geführt hatte: 205 „Cavaliere“, allesamt aus den besseren und besten Wiener Kreisen und der österreichischen Hocharistokratie. Aus einer Unmenge historischer Quellen – darunter der tausendseitige Gerichtsakt mit Dutzenden Zeugenaussagen von Fiakerkutschern, Hausmeistern, Nachtportieren, Kellnern, Dienst-, Stuben-, Blumenmädchen, Bordellwirtinnen und Prostituierten, die Protokolle der Hausdurchsuchung, der Abschiedsbrief von Marie Veith bis hin zur skandalisierenden Presseberichterstattung – entwirft Schübler ein Panorama der Doppelmoral dieser Epoche.

„Das Material ist ausgesprochen spannend“, so der Autor. „In den Zeitungsberichten ist die Rede davon, dass der Staatsanwaltschaft als Belastungsmaterial unter anderem die Tagebücher von Mizzi Veith sowie die Rechnungs- bücher ihres Vaters und ‚Kupplers‘ vorlagen, aus denen sie auch zitiert. Der Gerichtsakt ist zwar überliefert und auf dem Aktendeckel sind die Tagebücher und die Kassabücher als ‚Beilagen‘ angeführt ­— diese sind aber verschwunden. Beim Schreiben ging es mir nun vor allem darum, aus diesem ‚Stoff‘ eben nicht Kolportage zu machen. Vom ‚Fall‘, vom Personal, vom Milieu her wär’ das ja geradezu aufg’legt. Der zeitgenössische Boulevard tut genau das, er macht die Causa zum Gegenstand ‚öffentlicher Erregung‘. Ich hingegen erzähle das Ganze unter Einsatz von sehr viel O-Ton – chronikal, lakonisch, sozusagen in Schwarzweiß.“

Bild: Chris Pichler

Robert Reinagl. Bild: © Dieter Steinbach

Das Verfahren selbst wurde von Zeitgenossen heftig diskutiert, so widmete Karl Kraus, dessen Archiv ebenfalls in der Wienbibliothek im Rathaus liegt, dem „Prozeß Veith“ eine Sondernummer seiner Fackel. Bereits zwei Jahre davor sorgte ein pornografischer Roman, der realitätsnah die Missstände von Prostitution und Pädophilie veranschaulicht, für Aufsehen: „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“ erschien anonym, wurde jedoch dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Felix Salten zugeschrieben. Ihm wird die Wienbibliothek gemeinsam mit dem Wien Museum anlässlich seines 75. Todestages im Jahr 2020 ab 14. Oktober eine große Ausstellung widmen.

Über den Autor: Walter Schübler, geboren 1963, Publizist mit Schwerpunkt Biografik, lebt in Wien. 2014 erhielt er den Preis der Stadt Wien für Publizistik. Veröffentlichungen unter anderem: „Anton Kuh. Biographie“ 2018, „Anton Kuh: Werke“, Hg., 2016; „Gottfried August Bürger. Biographie“ 2012.

Wallstein Verlag, Walter Schübler: „Komteß Mizzi. Eine Chronik aus dem Wien um 1900“, Sachbuch, 236 Seiten.

www.wallstein-verlag.de

www.wienbibliothek.at           www.facebook.com/wienbibliothek

1. 4. 2020

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen

Januar 19, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Armenleute-Krott“ als Chronistin des Arbeiterelends

SD_1392-7_Lavant_Bd2_Prosa_lay_3.inddAls 1984, elf Jahre nach Christine Lavants Tod, ein erster literaturwissenschaftlicher Sammelband ihres Werks erschien, enthielt dieser keinen Beitrag zu ihren Erzählungen. Wohl aber eine Wortspende des deutschen Linguisten Harald Weinrich, die der Autorin jede Legitimation zur Prosa aberkannte. Von einem „dumpf-demütigen Geisteszustand“ ist da die Rede, von der Rückgängigmachung der europäischen Aufklärung, vom Hinnehmen und Dulden aller Mächte und Herrschaften. „Selten hat jemand, das Ziel vor Augen, ärger danebengetroffen“, schreibt Klaus Amann dazu. Weinrich verwechselte die Befangenheit von Lavants Figuren mit den Anschauungen der Autorin.

Ein Fehler, dem auch das Werk von Lavant-Verehrer Thomas Bernhard immer wieder unterworfen wird. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Die Kärntner „Armenleute-Krott“ ist eine streitbare Anwältin eben dieser. Mit ungeschöntem Realismus schreibt sie über Arbeiterelend und das schwere Leben des Kleinstbauernstandes. Sie steht auf gegen die Ungerechtigkeit dessen, was sich Schicksal nennt, tatsächlich aber von Obrigkeiten verschuldet ist. In ihrer Auflehnung gegen die höchsten, bis hin zu Gott, stehen die Erzählungen ihrer Lyrik in nichts nach. Lavants markante und widerspenstige, gleichsam aber poetische Prosa schnürt einem beim Lesen den Hals zu. Dass man diese Mark-und-Bein-Erfahrung nun wieder machen kann, ist dem Wallstein Verlag zu danken, der sich der gefeierten Lyrikerin in einer vierbändigen Werkausgabe nähert.

Nach den „Zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten“, erschienen 2014, liegen nun die „Zu Lebzeiten veröffentlichten Erzählungen“ vor. Neben Lavants ersten Büchern „Das Kind“ (1948) und „Das Krüglein“ (1949) enthält der Band „Thora und die Rosenkugel“ (1956), die beiden Sammlungen „Baruscha“ (1952) – der titelgebende ist Lavants  Lieblingstext – und „Nell“ (1969) sowie die verstreut publizierten Erzählungen. Das Nachwort des oben zitierten Herausgebers Amann gibt Einblicke nicht nur in die Arbeits-, sondern auch die Lebensweise der Autorin. Der Wiedererkennungswert in den Erzählungen ist hoch, denn Lavant, was sie an sich selbst immer wieder kritisierte, schrieb Gedichte und Geschichten nur über Zustände, die sie auch kannte. „Das Kind“, in der sie ihre eigene Skrofulose-Erkrankung verarbeitet, und „Das Krüglein“, in der sie als Personal ihre ganze Familie nebst Verwandtschaft auffährt, sind im besten Sinne autobiografisch zu nennen. Weshalb sich die Thonhauserin ursprünglich auch den „Decknamen“ Lavant gab.

Doch die aus der Wirklichkeit geschöpften klaren Worte sorgten auf dem Dorfe für mehr Unmut als Lavants enigmatische, ergo schwerer zugängliche Verse. „Ich wagte mich nahezu nicht aufs Postamt weil ich fürchtete die Kirchleute zu treffen. Bekannte Bauersleute, die alle – seit hier das ‚Krüglein‘ bekannt geworden ist – eine Riesenwut auf mich haben“, steht in einem Brief an eine Freundin. Und weiter: „Das ist das Schwere wenn man als Dichterin nur aus der Wahrhaftigkeit etwas holen kann, dass man dann Vorgänge blosslegt und in die Öffentlichkeit bringt, die besser verborgen bleiben.“ Lavants Thema sind großenteils Kindernöte in einer Welt der Erwachsenen. Sie hat ein Herz für die hässlichen, hasenschartigen, die die Schikanen über sich ergehen lassen müssen, die sich die Jungen von den Alten abgeschaut haben. „Der Knabe“ flüchtet sich deshalb mit „Indianertschako“ in eine „Old Schatterhand“-Fantasie, „Thora“ spielt die vornehme Dame. Was beides in der Umgebung noch mehr Unverständnis erzeugt.

Kaum auszuhalten ist das, wie bei Lavant die Leut‘ brutal oder bigott werden, so hart wie ihre nackte Existenz. Die Menschen sind ihrer Sprache beraubt, in wunderbaren Kunstgriffen ändert die Autorin oft mitten im Satz die Erzählperspektive, um das Stumme, Versteinerte, das „Naive“ im Ausdruck ihrer Wortwucht gegenüber zu stellen. Die Gesellschaft ist beherrscht von Aberglaube und der Ausgrenzung alles „anderen“, so hat man’s vom Herrn Pfarrer und vom Herrn Bürgermeister gelernt. „Denn ’nur die Gerechten werden in das Himmelreich eingehen‘, hat der Herr Pfarrer gepredigt. Aber, dann wird ja der Oberlehrer auch zu uns kommen? Der ist ja ungerecht! Der gibt bloß den Bauernkindern, die was bringen können, alles Einser“, philosophiert „Das Kind“. Eine Frau, die das x-te gebiert, überlegt, wie sie ihre älteren Töchter und Söhne aus der Stube bringt, um bei diesem Akt möglichst unauffällig allein zu sein. Ein Bub, an die reiche Tante „verkauft“ und von dieser gequält, lässt dafür Tiere leiden. „Und die Mutter weiß immer nicht, wie die Stube bezahlen und die Milch. Und das Fleisch und das Brot wird auch immer teurer … beim Stricken in der Nacht verdient man ja nicht einmal so viel wie’s Schwarze unterm Fingernagel. Sagt die Mutter.“

In einem Anhang werden Lavants Dialektausdrücke erklärt. Viel Vergessenes findet sich wieder. „Behüt‘ euch Gott mit Rosenwasser“, tatsächlich eine harsche Aufforderung nun bitte endlich das Feld zu räumen, hat man zuletzt in den 1980ern die oberösterreichische Urgroßmutter sagen hören. „Dreckleiten“, von einem deutschen Verleger einst zu „Dreckleiter“ verschlimmbessert, meint einen schwer zu erklimmenden, weil steilen Berghang. Die Herausgeber haben sich durch Typoskripte und handschriftliche Ergänzungen, die Lavant hatte nicht immer eine Schreibmaschine zur Verfügung, sie musste sich eine borgen, geackert, um ein möglichst authentisches Bild der Texte zu erstellen. Wie mündlich erzählt soll es sich lesen, denn Lavant wies immer wieder darauf hin, dass für sie die Prosa die Fortsetzung des mündlichen Erzählens ist. Und wie wichtig ein derartiges Weitergeben von Geschichten in ihrer Familie war.

In der „Landes-Irrenanstalt“ in Klagenfurt – 1935 hatte sie versucht sich mit dem Schlafpulver ihrer Mutter zu töten – begann Christine Lavant mit dem Aufschreiben der Geschichten. Im Dorf hieß es, „die spinnt“, erzählte sie später in einem Interview. Man fürchtete die kettenrauchende, dichtende „Verrückte“. Und als ihre älteste Schwester sie im Anschluss-Österreich wieder in die Nervenklinik einweisen wollte, verstummte die Autorin. Im „Mustergau Kärnten“ wurde die Euthanasie, die massenhafte Ermordung körperlich und geistig Kranker besonders eifrig betrieben. Lavants panische Angst davor ist mehrfach bezeugt. Erst 1945 begann sie wieder zu schreiben, „wie rasend“, „wie eine Besessene“. Dass die Prosa dabei zeitlebens nie gegen die Lyrik reüssieren konnte, von „Baruscha“ wurden 790 der 3000 gedruckten Exemplare verkauft, von „Nell“ 770, ist ein Versäumnis, das nun auf höchstem Niveau nachgeholt werden kann. Lavants Geliebter, der Maler Werner Berg, schrieb ihr einmal über die „Merkwürdigkeit Deiner Modernität“. Nun ist es hoch an der Zeit, diesem Mix aus Kitsch und Kolportage, aus Hochmut und Demut, aus krudem Naturalismus und fantastischer Imagination, den Lavant aufbietet, um die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer „Mühseligen und Beladenen“ zu illustrieren, ihrem Sprach-Sarkasmus und ihrer feinen Ironie in der Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse, die ihnen zustehende Reverenz zu erweisen.

Über die Autorin:

Christine Lavant (machte den Namen ihres Heimatflusses zum Pseudonym), eigentlich Thonhauser, verheiratete Habernig, geboren 1915 in St. Stefan im Lavanttal, Kärnten, als neuntes Kind eines Bergmanns und einer Flickschneiderin, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt unter anderem den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970). Zeit ihres Lebens von körperlichen und seelischen Leiden gepeinigt, starb sie 1973 in Wolfsberg. Ein Gutteil ihres literarischen Nachlasses ist noch nicht veröffentlicht.

Wallstein Verlag, Christine Lavant: „Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen“, 800 Seiten. Herausgegeben von Klaus Amann und Brigitte Strasser. Mit einem Nachwort von Klaus Amann. Reihe: Christine Lavant: Werke in vier Bänden (Hg. von Klaus Amann und Doris Moser. Im Auftrag des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und der Hans Schmid Privatstiftung); Bd. 2

www.wallstein-verlag.de

Mehr zu Lavants Lyrik, Rezension Bd. 1: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Derzeit am Volkstheater: Lavants „Das Wechselbälgchen“, Rezension www.mottingers-meinung.at/?p=16498

Wien, 19. 1. 2016

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte

August 25, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 100. eine Werkausgabe

SD_1391-0_Lavant_Bd1_Lyrik_lay C_5.inddChristine Lavant wäre am 4. Juli 100 Jahre alt geworden. Festakte begleiten den Jahrestag der Kärntner Lyrikerin und Erzählerin schon seit etlichen Monaten. Der Wallstein Verlag arbeitet an einer vierbändigen Werkausgabe. Der erste Band versammelt alle zu Lebzeiten publizierten Gedichte in einer komplett neu edierten Fassung. Er enthält neben den drei Gedichtbänden, die Lavants Ruhm begründet haben, „Die Bettlerschale“, „Spindel im Mond“ und „Der Pfauenschrei“, auch das Frühwerk „Die unvollendete Liebe“, Lavants späte, in Liebhaberausgaben und Sammelbänden veröffentlichte Lyrik, „Sonnenvogel“, „Wirf ab den Lehm“ und „Hälfte des Herzens“ sowie zahlreiche verstreute Gedichte, die erstmals wieder zugänglich gemacht werden. Band zwei erscheint im November und bietet alle zwölf zu Lebzeiten Lavants erschienenen Erzählungen.

Dass es derart lang zur ersten Werkausgabe und die finanzielle Unterstützung des Unternehmers Hans Schmid gebraucht hat, ist in gewisser Weise skandalös. Umso beglückender, was den Herausgebern Doris Moser und Fabjan Hafner nun geglückt ist: Ein klischeefreier Blick auf die fast immer als fast immer Kopftuch tragende, katholische Schmerzensfrau beschriebene Lavant. Es gilt eine Streitbare wiederzuentdecken, deren Notiz „Wenn schon nicht Himmel, dann ordentlich Hölle“ weniger einer krankheitsbedingt mühseligen Existenz als einem unbeugsamen Widerspruchsgeist gegen die Fährnisse des Lebens zuzuschreiben ist. Die Textgestaltung wird plausibel begründet, die unbedingt lesenswerten Nachworte erhellen Kontexte und Bezüge und die Anmerkungen erklären die wunderbaren Dialektausdrücke wie „Kinigelhase“ oder „Gesatzel“.

Wieder brach er bei dem Nachbarn ein,
und ich hatte Tür und Fenster offen,
meine Augen waren vollgesoffen
wie zwei Schwämme vom Verlassensein.

Dumm verknäulte sich in meinem Mund
Schluchzen, Bitten und verbohrtes Drohen,
während drüben schon die Hühner flohen
samt der Katze und dem alten Hund.

Doch er kam nicht, nahm sich wieder nur
einen, der noch gerne leben wollte,
und die Monduhr, die verrückte, rollte
meine Stunde rasch aus seiner Spur

Bitter trocknen mir die Augen ein,
bitter rinnt der Schlaftrunk durch die Kehle,
bitter bet´ ich für die arme Seele
und zerkaue mein Verlassensein.

Es war die Schauspielerin Brigitte Karner, die einen als erste auf Christine Lavant aufmerksam machte. Vier kopierte A4-Seiten, weil damals nichts erhältlich, alles vergriffen war. Unter Schmerzen detonierten diese Verse, ihre surrealen Metaphern im Kopf. Diese Sprache, ihr Sinn, ihre Form. Da bettelt ein weibliches Ich demütig-hochmütig um Glück, randaliert gegen Gott und die Welt, steht so vehement auf gegen das der Konvention geschuldete Manns-Bild, dass man der Lavant frühen Feminismus unterstellen möchte. Ihr Zorn, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre lebenslange Depression, ihre Liebe – vor allem die zerstörerische zum verheirateten Maler Werner Berg – sind Lavants Antrieb. Glaube, Katholizismus? Ja, hingebrüllte „Kreuzzertretung“ für den Einen, der auf Erden „wie ein Werwolf haust“. Wobei man nie annehmen sollte, man habe die Lavant zu fassen gekriegt. Es bleibt ein unfassbarer Teil an ihren kühnen, oft rabiaten Auslassungen.

Laut Moser/Fabjan ist klar, Lavants Lyrik irrlichtert nicht durch ihre Lästerlitaneien, sie war eine akribische Arbeiterin, eine souveräne Textgestalterin, die entwarf und verwarf und verbrannte, was sie verwarf, Verleger an den Rand des Wahnsinns trieb, weil sie nichts gut genug zum Verlegen fand, jedenfalls weit weg vom Bild der ungelehrten Naturwunderdichterin, der Legende vom unbedarften Kräuterweiblein, wiewohl sie dieses gern bediente. „Jetzt kommen die Fotografen, jetzt muss ich die Zähne herausnehmen“, ist ein dazu überlieferter Spruch. Thomas Bernhard, nicht gerade bekannt für kollegiale Zuneigung, schätzte Lavants Gedichte und charakterisierte die Lyrikerin in einem Brief folgendermaßen: „Die Lavant war eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene. Sie wohnte auf der Betondecke eines Supermarktes an einer Straßenkreuzung in Wolfsberg und tippte ihre Gedichte gleich in die Maschine. Das ist für mich großartiger als das verlogene Weltfremdmärchen mit katholischer Talschlussromantik, das gottbefohlene, das um sie bis heute immer verbreitet worden ist.“

Zeitlebens haderte die Lavant, belegt durch ihre unzähligen Briefe, ihr Tor zum Außen, sie korrespondierte unter anderem mit Nelly Sachs, Martin Buber, Hilde Domin, Thomas Bernhard und Wieland Schmied, damit, in ihrer Schöpfung zu sehr am Privaten zu kleben, nicht die „großen Themen“, was immer die ihrer Meinung nach hätten sein sollen, aufzugreifen. Sie könne eben nur über das schreiben, was sie kenne, und das sei sie selbst, meinte sie. Dass sie beim Schreiben jeden ihrer Leser (er)kannte, ist das Paradox an dieser Bemerkung. Das wird sie mittlerweile wohl auch erkannt haben. Viel mehr Leser sind ihr zu wünschen. Mit der Wallstein-Werkausgabe ist zu hoffen, dass Christine Lavant endlich im gesamten Sprachraum das Prädikat „unentdeckt“ verliert.

Über die Autorin:

Christine Lavant (machte den Namen ihres Heimatflusses zum Pseudonym), eigentlich Thonhauser, verheiratete Habernig, geboren 1915 in St. Stefan im Lavanttal, Kärnten, als neuntes Kind eines Bergmanns und einer Flickschneiderin, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt u. a. den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970). Zeit ihres Lebens von körperlichen und seelischen Leiden gepeinigt, starb sie 1973 in Wolfsberg. Ein Gutteil ihres literarischen Nachlasses ist noch nicht veröffentlicht.

Wallstein Verlag, Christine Lavant: „Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte“, 720 Seiten. Hg. und mit einem Nachwort von Doris Moser und Fabjan Hafner. Reihe: Christine Lavant: Werke in vier Bänden (Hg. von Klaus Amann und Doris Moser. Im Auftrag des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und der Hans Schmid Privatstiftung); Bd. 01

www.wallstein-verlag.de

Wien, 25. 8. 2015