stadtTheater Walfischgasse: Zweifel

Januar 15, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Diese „Sister“ agiert beinhart

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm Bild: Sepp Gallauer

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm
Bild: Sepp Gallauer

Für ihre letzte Rolle am stadtTheater Walfischgasse wählte Intendantin Anita Ammersfeld eine, in der sie brilliert, wie in keiner tragischen  am eigenen Haus bisher. Sie zieht alle Register ihres schauspielerischen Könnens, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung, verkörpert eine Figur, über die man sich ärgern kann, aber auch lachen – und vor allem Verständnis haben muss. Eingeschnürt, wie sie ist, ins Korsett der katholischen Kirche. Klug ausgesucht!

Gegeben wird „Zweifel“ von John Patrick Shanley. Pulitzer-Preis-, Drama-Desk-Award- und Tony-ausgezeichnet. Verfilmt mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman. Der Inhalt: St. Nicholas in der Bronx, New York. Der charismatische Pater Brendan Flynn versucht die strengen Sitten einer katholischen Schule auf den Kopf zu stellen, die mit eiserner Hand von Direktorin Schwester Lukas (Ammersfeld) geführt wird. Doch der Wind des politisch liberalen Wandels weht durch die Gemeinde und so nimmt die Schule ihren ersten schwarzen Schüler auf. Aber dann berichtet die naive Schwester James der autoritären Direktorin, dass Pater Flynn dem neuen Schüler zu viel private Aufmerksamkeit widmet. Messwein ist im Spiel. Und ein Knabenunterhemdchen. Unverzüglich sieht sich Schwester Lukas zum Handeln gezwungen – mit verheerenden Folgen. Das Stück ruft unweigerlich die Missbrauchsfälle in Erinnerung, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschütterten …

Schwester Lukas ist keine „Sister Act“. Sie urteilt streng, agiert beinhart, betet ihre Regeln wie den Rosenkranz. Zufriedenheit ist das Laster Einfältiger. Zu denen gehört in ihren Augen Lehrerin Schwester James (Johanna Withalm), die den Glauben an das Gute im Menschen noch verinnerlicht hat. Lehrer, rügt sie sie, hätten von Gott Herz UND Verstand bekommen. Ersteres hat warm zu bleiben, Zweiterer muss kühl sein. So sehr unterdrückt die Direktorin ihre Gefühle, bewahrt sie stets Haltung, dass sie die anderer (möglicherweise?) missdeutet. Dabei  ist sie trotzdem mit trockenem Humor ausgestattet. Anita Ammersfeld spielt das fabelhaft und weiß den Publikumsjubel auf ihrer Seite.

Regisseurin Christine Wipplinger inszeniert das so straight, so auf „Minustemperatur“, so versteinert, wie die Gesellschaft, die sich im „steineren“ Bühnenbild von Walter Vogelweider bewegt. Ausschließlich wird hier um den heißen Brei herumgeredet. Wobei Shanleys Anliegen durchaus klar werden: „Zweifel“ erzählt vom äußerst schmalen Grat zwischen Überzeugung und Ungewissheit und von der veränderten Wahrnehmung unter den Vorzeichen eines Verdachts. Es hält die Schuldfrage über das Ende hinaus geschickt in der Schwebe und deutet die moralischen Abgründe auf beiden Seiten der Frontlinie an. Jeder Dialog dynamisiert die Handlung, doch keiner davon lässt für den Zuschauer eine letztgültige Schlussfolgerung, was richtig und was falsch ist, zu. Die „Wahrheit“ wird nicht einmal auf dem Nachhauseweg zu finden sein. Zu sehr kann man Fürs und Widers abwägen.

Denn der großartige Alexander Rossi, der unkonventionelle Priester und Lehrer Vater Flynn, bleibt ein undurchschaubarer Januskopf. Hält salbungsvolle Predigten, gibt sich allein im Kirchengarten seinen Wutausbrüchen hin, gibt für den schwarzen Schüler Donald, der vom eigenen Vater verprügelt wird, eine Art Ersatzvater, tauscht mit Schwester Lukas verbale Ohrfeigen aus. Dies die besten Szenen: der Machtkampf zwischen Direktorin und Lehrer, zwischen Priester und Nonne – in einer Funktion er ihr, in der anderen sie ihm unterstellt -, da wird sogar ausgefochten, wer in Besprechungen auf welchem Sessel sitzt. Rachelle Nkou wird als Donalds Mutter vorgeladen. Wütend spielt Nkou diese Mrs. Miller. Man möge sie doch bitte in all das nicht hineinziehen. Für ihren Sohn ist ihr lieber der „Klassenaufstieg“, die gute Schule, gefolgt vom besseren College, als die Frage, ob es da „Annäherungsversuche“ gegeben hätte. Auch das eine starke, aus der Warte der Figur fast verständliche, Aussage.

Schwester Lukas siegt, Vater Flynn wird versetzt. Ohne tatsächliche Beweise. Die „Zweifel“ bleiben also. Nur nicht daran, dass dies ein außergewöhnlicher Abend ist. Und der Wiener Theaterspielplan ohne das stadtTheater um eine spannende Spielstätte ärmer sein wird.

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Wien, 15. 1. 2015

stadtTheater Walfischgasse: Der Beweis

Oktober 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gleichung mit familiären Variablen

Anna Sophie Krenn, André Pohl Bild: Sabine Hauswirth

Anna Sophie Krenn, André Pohl
Bild: Sabine Hauswirth

Da fällt ein Satz, über den ich sehr lachen musste: „Mein Vater hat sich der Mathematik immer von der Seite genähert.“ Ich auch – nur sagte die Mathematik zu mir: Red‘ mi ned von der Seitn an! – und im Schularbeitsheft stand wieder eine Note jenseits der guten. Anita Ammersfeld, die gerade in der vergangenen Saison einen nie dagewesenen Lauf hatte (die Erfolgsproduktionen „C(r)ash“ www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid/ oder www.mottingers-meinung.at/stadttheater-walfischgasse-halbe-wahrheiten/ stehen nach wie vor auf dem Spielplan), verkündete vor Kurzem die aktuelle sei ihre letzte. Um nun mit der ersten Premiere, David Auburns „Der Beweis“, den Beweis anzutreten, wie sehr das stadtTheater im Wiener  Bühnenpotpourri fehlen wird. Na, danke herzlich.

„Der Beweis“ erhielt alle wichtigen US-amerikanischen Theaterpreise, darunter den Drama League Award, den Preis der New Yorker Theaterkritiker, den Tony Award 2001 für das Beste Stück, den Pulitzer-Preis 2001 für Theater und ist ein noch nie in Wien gezeigtes Stück. Eine Komödie mit Sinn und Hintersinn, mit so viel Tragik, dass es gerade noch auszuhalten ist. Eine Fortführung der im Vorjahr begonnenen Reihe, wenn man so möchte. Es geht um „Geist“ – im doppelten Wortsinn: Robert, ein berühmter Mathematik-Professor, hochbegabt, hochdekoriert, verliert durch eine mysteriöse Krankheit den Verstand. Seine Tochter Catherine, dem Vater immer eng verbunden, gibt ihr Leben auf, um ihn zu pflegen. Schwester Claire macht fernab in New York als Bankerin Karriere. Als Robert stirbt kommt sie zur Beerdigung, findet die Schwester verwahrlost und verwirrt vor. Und plötzlich steht die Frage im Raum: Hat Catherine Roberts Genie oder Wahnsinn geerbt? Oder beides? Denn da ist auch noch Ex-Student, nun selbst Uni-Unterrichtender, Hal, der in Roberts Notizen einen bahnbrechenden  mathematischen Beweis (für die Hodge-Theorie: diese verbindet die mathematischen Teilgebiete Analysis, Differentialgeometrie und algebraische Topologie; benannt ist die Hodge-Theorie nach dem Mathematiker William Vallance Douglas Hodge, der diese in den 1930er-Jahren entwickelte) findet, ihn prüfen und als Vermächtnis seines Lehrmeisters veröffentlichen will.
Doch Catherine sagt, die Gleichung sei von ihr …
Carolin Pienkos inszeniert „unakademisch“, heißt: kein Proseminar für Rechenkünstler, sondern erzählt eine Familiengeschichte. Unterbrochen durch Blackouts, wie sie getrübter Geist oder verzwickte Verwandtschaftsverhältnisse ebenso an sich haben. Ilona Glöckel hat dafür ein großartiges Bühnenbild geschaffen: ein Häuschen, samt Veranda und Innenraum, das die Schauspieler im Laufe der Handlung Runde um Runde im Kreis drehen. Josefstadt-Leihgabe André Pohl brilliert als Robert. Ist er gerade bei Verstand ist er ein scharfzüngiger Egomane, wechselt ohne Vorwarnung zum liebevollen Vater, nervig beim Versuch das Talent seiner Tochter Catherine wachzurütteln – und ist sofort wieder egoistisch – schutzbedürftig -, wenn sie beginnt, Zukunftspläne zu schmieden. A Beautiful Mind, der nicht loslassen kann. Apropos: Ist es nicht erstaunlich, wie viele Mathematiker durchgedreht sind? Von Kurt Gödel bis John Forbes Nash.
Die Schwestern, Anna Sophie Krenn als Catherine und Eva-Christina Binder als Claire, stehen der Leistung um nichts nach. Auch Claire hat dieses Zwänglerische, das der Familie eigen ist. Sie ist eine Listenschreiberin, ansonsten aber Typ Erfolgsmensch – und dennoch der Schwester neidig, dass sie Vaters Denkmustern folgen kann, während Claire nur eine Wallstreet-Rechnerin ist. Pienkos arbeitet die Geschwisterrivalität, das Buhlen um Liebe und Aufmerksamkeit sehr exakt heraus, stellt es gleichsam in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Krenn, eigentlich die Protagonistin des Ganzen, verausgabt sich mit ihren nervenheilanstaltigen Temperamentsausbrüchen bis zur Selbstaufgabe. Die Emotionen, die sie über die Rampe spült, reißen einen mit sich.
Und dann ist da noch Michael Schusser als Hal, Typ tollpatschiger Teddybär (in der „Big Bang Theory“ wäre er eindeutig Leonard), der sich mit 28 schon auf intellektueller Talfahrt glaubt und dringend einen Erfolg braucht. Ob er am Ende ein Guter oder ein Böser ist – bitte selber nachschauen.
Mit „Der Beweis“ servieren Intendantin Anita Ammersfeld und Regisseurin Carolin Pienkos jedenfalls einmal mehr Unterhaltung mit Haltung. Von Logos bis Logik, von Herz und Hirn, von Vertrauens- und Liebensverhältnissen berichtet David Auburn. Und genau wie der Autor lässt auch die Regisseurin eine Variable in der Gleichung unbekannt: das menschliche X – beziehungsweise Y.

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Wien, 16. 10. 2014

Die 10. Spielzeit des stadtTheaters Walfischgasse

September 1, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Intendantin Anita Ammersfeld

präsentiert die  Jubiläumssaison

Der Beweis von David Auburn: Michael Schusser, Eva-Christina Binder, André Pohl, Anna Sophie Krenn Bild: Sabine Hauswirth

Der Beweis von David Auburn: Michael Schusser, Eva-Christina Binder, André Pohl, Anna Sophie Krenn
Bild: Sabine Hauswirth

Die Saison 2013/14 war in der Walfischgasse ein guter Jahrgang. Das stadtTheater konnte ordentlich zulegen: bei verkauften Karten ohne Abos immerhin plus ca. 3%, bei den Abos beachtliche 19 %. Durch die Einführung eines 10-Vorstellungen-Abos, das von zwei unterschiedlichen Personen benutzt werden kann, wurde bei der viel relevanteren Zahl der verkauften Abo-Plätze sogar eine unglaubliche Steigerung von über 30 % erreicht!

Kein, Wunder, gab’s doch einen Bühnenerfolg nach dem anderen – von denen einige auch in der Saison 2014/15 noch zu sehen sein werden, wie ab 28. September das von Rupert Henning geschriebene Auftragswerk „C(R)ASH“ mit dem unvergleichlichen Cornelius Obonya in der Hauptrolle und Claudia Kottal und Stefano Bernardin als Antagonisten. www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid/Publikumsliebling Oliver Baier ist der Star der zweiten Reprise der vergangenen Saison: „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière ist ab 4. November zu sehen. In weiteren Rollen spielen Ildiko Babos, Michael Rast, Alexander Rossi und Sinikka Schubert. Die  dritte Wiederaufnahme der letzten Saison ist Alan Ayckbourns amüsantes und überraschendes Stück „Halbe Wahrheiten“ mit Anita Ammersfeld und Hubsi Kramar als langjähriges Ehepaar und Sophie Prusa und Matthias Franz Stein als junges Paar – erstmals wieder am 21. November. www.mottingers-meinung.at/stadttheater-walfischgasse-halbe-wahrheiten/Fortgesetzt wird auch in der Jubiläums-Saison die immer beliebtere Reihe „Peter Huemer im Gespräch mit …“, zu Gast sind diesmal zwei der bekanntesten Persönlichkeiten Deutschlands, nämlich der keinem Disput ausweichende Gregor Gysi am 26. Oktober und der jederzeit unterhaltsame Harald Schmidt am 23. November.

Doch natürlich wird es auch neue Premieren geben: Mit den mehrfach ausgezeichneten Theaterstücken „Der Beweis“ von David Auburn, eine Wien-Premiere, in dem es um die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn geht und John Patrick Shanleys „Zweifel“, das im prüden katholischen Amerika der 60er-Jahre angesiedelt ist und das allgegenwärtige Misstrauen in dieser Zeit behandelt, zeigt Intendantin Anita Ammersfeld wieder Mut, das Publikum mit Themen, die unter die Haut gehen, zu konfrontieren.

Der Beweis: Premiere am 15. Oktober. Inhalt: Catherine und ihr Vater Robert, ein berühmter Mathematik-Professor haben ein sehr enges Verhältnis. Als der hochbegabte und -dekorierte Vater durch eine mysteriöse Geisteskrankheit den Verstand verliert, gibt Catherine ihr Mathematikstudium auf, um ihren Vater zu pflegen. Aber das einstige Mathematik-Genie Robert gibt seine besessene Suche nach einer weiteren bahnbrechenden mathematischen Entdeckung bis zu seinem Tod nicht auf. Als Robert stirbt, hält Cathrine im Geiste den Dialog mit ihrem Vater aufrecht und wird zunehmend verfolgt von der Furcht, an der gleichen Krankheit wie er zu leiden. Ihre Schwester Claire reist zur Beerdigung aus New York an. Sie ist sehr besorgt über Catherines Zustand, die verbittert und verwahrlost wirkt. Die beiden Schwestern haben sich über die Jahre voneinander entfremdet und Claire beginnt sehr schnell, Catherine in ihrer Angst zu bestärken, die Geisteskrankheit des Vaters geerbt zu haben. Vorsichtig fasst Catherine Vertrauen zu Hal, einem ehemaligen Studenten ihres Vaters, der dessen immens großen Nachlass sichtet. Er hofft, in den überwiegend sinnlosen Formeln, die Robert vom Schreibzwang getrieben hundertfach verfasst hat, eine mathematisch geniale Idee zu finden. Dank Catherines Hilfe entdeckt Hal in Roberts Notizen tatsächlich einen spektakulären mathematischen Beweis. Doch wer hat ihn geschrieben ? Catherine behauptet Unglaubliches oder beweist diese Behauptung lediglich ihre Unzurechnungsfähigkeit ? Weder Hal noch Claire glauben ihr und auch sie selbst verliert zunehmend die Gewissheit. Genie und Wahnsinn, Vertrauen und Liebe, undefinierbare Variable, denen mit Zahlenlogik nicht mehr beizukommen ist. „Der Beweis“ erhielt alle wichtigen US-amerikanischen Theaterpreise, darunter den Drama League Award, den Preis der New Yorker Theaterkritiker, den Tony Award 2001 für das Beste Stück, sogar den Pulitzer-Preis 2001 für Theater und ist ein noch nie in Wien gezeigtes Stück. Mit André Pohl, Eva Christina Binder, Anna Sophie Krenn und Michael Schusser; Regie Carolin Pienkos

Zweifel: Premiere am 14. Jänner. Inhalt: 1964, St. Nicholas in der Bronx, New York. Der charismatische Pater Brendan Flynn versucht die strengen Sitten einer katholischen Schule auf den Kopf zu stellen, die mit eiserner Hand von Schwester Aloysius geführt wird. Doch der Wind des politisch liberalen Wandels weht durch die Gemeinde und so nimmt die Schule ihren ersten schwarzen Schüler auf. Aber dann berichtet die naive Schwester James der autoritären Direktorin, dass Pater Flynn dem neuen Schüler zu viel private Aufmerksamkeit widmet. Unverzüglich sieht sich Schwester Aloysius zum Handeln gezwungen – mit verheerenden Folgen. Das Stück ruft unweigerlich die Missbrauchsfälle in Erinnerung, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschütterten. Doch es geht hier auch um ein gänzlich anderes Thema. „Zweifel“ erzählt ebenso vom äußerst schmalen Grat zwischen Überzeugung und Ungewissheit und von der veränderten Wahrnehmung unter den Vorzeichen eines Verdachts. Es hält die Schuldfrage bis zum Ende geschickt in der Schwebe und deutet die moralischen Abgründe auf beiden Seiten der Frontlinie an. Jeder Dialog dynamisiert die Handlung, doch keiner davon lässt für den Zuschauer eine letztgültige Schlussfolgerung zu. Das Publikum kann sich durch diesen Mechanismus selbst niemals dem Zweifel entziehen, es ringt genauso vergebens wie die handelnden Personen um die Erkenntnis, was richtig und was falsch ist. Sein Stück handle davon, dass Zweifel „Wachstum und Veränderung“ ermöglicht, so John Patrick Shanley. Der Autor und Regisseur John Patrick Shanley adaptierte sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Broadway-Stück 2008 selbst für die Leinwand. In den Hauptrollen sind Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams sowie Viola Davis zu sehen. Der Film, das Drehbuch und alle Hauptdarsteller erhielten etliche Preise und Oscar-Nominierungen. Eine Geschichte über die Suche nach Wahrheit, die Mächte des Wandels und die verheerenden Folgen des Gerechtigkeitswahns in einer von moralischen Überzeugungen bestimmten Zeit. Mit Anita Ammersfeld, Rachelle Nkou, Johanna Withalm und Alexander Rossi; Regie Carolin Pienkos.

Anläßlich der Jubiläums-Saison wird auch ein für Intendantin Anita Ammersfeld besonders wichtiges Stück wieder ins Scheinwerferlicht gerückt: Das Eröffnungs-Stück des stadtTheaters Walfischgasse, „Freunde, das Leben ist lebenswert„, an das sich, wie auch das Gästebuch des Theaters zeigt, Besucher der ersten Stunde auch heute noch gerne erinnern. Der Schweizer Autor Charles Lewinsky, ein weiterer Freund des Hauses, schrieb für diese Wiederaufnahme eine Neufassung. Das Stück beleuchtet die grausamen Schicksale der Wiener Theater-Legenden Fritz Löhner-Beda, Fritz Grünbaum und des Komponisten Hermann Leopoldi. Premiere am 4. März 2014. Inhalt: Wien, 1934: Der Librettist Fritz Löhner-Beda trifft in launiger Party-Stimmung auf seine Freunde, den Kabarettisten Fritz Grünbaum, und den Komponisten Hermann Leopoldi. Drei jüdische Künstler, die Frack tragen, sich amüsieren und, der eine mehr, der andere weniger, ihren Erfolg genießen.  Der Schlager- und Operettentexter Löhner-Beda, ein Star der österreichischen Kulturszene vor 1938, hat einen Chauffeur, der für Adolf Hitler schwärmt und hilflose Gedichte zu dessen Lob schreibt. Nach dem Anschluss landet Löhner in Buchenwald und trifft dort seinen Fahrer als Wächter wieder an. Beda schreibt im Lager nicht nur das legendäre Buchenwald-Lied, sondern – was tut man nicht für einen Laib Brot ? – auch heimlich die Führer-Loblieder, mit denen der junge Möchtegern-Poet an einem Wettbewerb der SS teilnehmen will. Er macht seine Sache zu gut. Der ehemalige Chauffeur wird zum Finale des Wettbewerbs nach Berlin eingeladen, wo er ohne seinen Ghostwriter versagt und zur Strafe in den Osten versetzt wird. So verliert Löhner seinen Schutz im Lager und wird seinerseits nach Auschwitz deportiert.Im Stück kommentieren und kontrastieren Löhners beliebte Lieder – von „Was machst Du mit den Knien, lieber Hans“, „Benjamin, ich hab´ nichts anzuziehen“ bis „Rosa, wir fahr´n nach Lodz“ oder „Ausgerechnet Bananen“ – die Handlung. Mit Hannes Gastinger, Johannes Seilern, Sebastian Eckhardt, Mathhias Hacker, Reinhardt Winter, Patrick Lammer, Jörg Stelling und Marcus Thill; Buch und Regie: Charles Lewinsky.

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Wien, 1. 9. 2014

Anita Ammersfeld im Gespräch

März 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganze Wahrheiten aus dem stadtTheater

ammersfeld 9808-Sepp GallauerstadtTheater-Prinzipalin Anita Ammersfeld steht derzeit in Alan Ayckbourns Komödie „Halbe Wahrheiten“ auf der eigenen Bühne. Eine Doppelbelastung, die sie gerne auf sich nimmt. Denn es gilt zu sparen, wie sie im Gespräch mit mottingers-meinung.at erzählt. Die öffentliche Hand ist eine feste Faust, dabei warten demnächst spannende Produktionen.

MM: Sie sind als Intendantin des stadtTheaters Walfischgasse voll ausgelastet, stehen nun aber doch wieder einmal auf der eigenen Bühne, in Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“. Der Rolle der Sheila konnten Sie wohl nicht widerstehen?

Anita Ammersfeld: Ja, sie ist deshalb so besonders, weil Sheila ein Geheimnis verbirgt. Und das gilt es zu vermitteln in der Rolle. Sie durchschaut nicht immer alles gleich genau, aber mehr und mehr. Sie macht das Geschehen für sich schlüssig erklärbar. Sie lügt von allen am wenigstens – auch, wenn sie vorgibt, ein Verhältnis zu  haben. Am Ende ist sie die Strippenzieherin.

MM: Sheila ist eine Salondame mit Selbstironie …

Ammersfeld: Das wäre eine Rolle für die Nicoletti, die Degischer, die Almassy gewesen. Dieses Rollenfach ist heute nicht mehr in dem Ausmaß, wie’s früher war, vorhanden. Ich glaube auch, dass man heute die Theaterform Komödie, Schauspiel, wo solche Rollen gefragt sind, ganz anders interpretiert. Heute werden derlei Figuren lieber als schrullige „Tanten“ gezeigt. Die Elegance hat man leider aufgegeben.

MM: Ist Ihnen an Sheila auch persönlich manches nahe?

Ammersfeld: Ich bringe einiges für die Sheila mit. Regisseurin Carolin Pienkos hat das auch bemerkt und oft betont. Ich musste nicht an der Figur viel machen, sondern an der Interpretation. Das hat Carolin Pienkos mit mir auch gemacht. Sie ist eine sehr genaue Arbeiterin, sie schaut sehr genau hin und lenkt auch sehr genau. Ich spiele selten selber, ich schüttle mir das nicht aus dem Ärmel. Ich kann nicht sagen: Ich muss schnell Bürokram erledigen, ich finde, die Kollegen haben ein Recht, dass ich ihnen bei den Proben voll und ganz zur Verfügung stehe, bei der Sache bin.

 MM: Im stadtTheater kristallisiert sich allmählich ein Kern …

Ammersfeld: … ein harter Kern heraus.

 MM: Carolin Pienkos gehört dazu, Cornelius Obonya, Rupert Henning, Oliver Bayer, Fritz Egger … Das ist ja schon ein „Ensemble“.

Ammersfeld: Wenn das so leicht wäre! Es ist schwierig, weil wir eben kein fixes Ensemble haben. Es geht darum, die richtigen Leute in den richtigen Konstellationen zusammen zu bringen. Wir arbeiten Richtung anspruchsvolles Kammerspiel, mit kleiner Besetzung. Umso wichtiger ist, dass die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt. Und gleichzeitig geht’s darum, jene Künstler zu verpflichten, die fürs Haus interessant sind. Da führt man lange vorher schon Gespräche, weil die Besten natürlich auch bestens beschäftigt sind. Wenn eine Produktion ausfällt, können wir nicht einfach eine andere einschieben, weil eben kein Ensemble da ist, das einspringen könnte.

 MM: Sie holen sich auch Kollegen, die in ganz anderen Biotopen zuhause sind: Barbara Horvath vom Schauspielhaus Wien spielt in „Drei Mal Leben“, Hubsi Kramar in „Halbe Wahrheiten“ …

Ammersfeld: Sie hierher zu bringen, ist spannend. Diese Künstler haben eine ganz andere Zugangsweise zum Beruf. Das letztendlich zum Funktionieren zu bringen, sie sich einmal in einem anderen Biotop erproben zu lassen, ist spannend und aufregend. Ich glaube, dass unser Publikum die Vielschichtigkeit, die wir auf die Beine stellen, schätzt. Hubsi ist ein wunderbarer Kollege, einer, der für mich die richtige Haltung und Lebenseinstellung hat, selbst Theatermacher ist, ein Bühnenmensch ist. Ich bin froh und glücklich, mit ihm gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Wir verstehen uns großartig, auch in seinen Ideologien. Er ist ein hochanständiger, völlig unkorrupter Mensch, geradeheraus bis zur Schmerzhaftigkeit. Und er schadet sich damit mitunter auch und es ist ihm wurscht. Das ist eine Haltung, die ich unglaublich bewundere. Wir sind sehr unterschiedlich: Die Lady und der Linke. Aber wir verstehen uns prächtig.

 MM: Wo nehmen Sie die Energie her?

Ammersfeld: Das frage ich mich manchmal auch. Ich habe die Sieben-Tage-Woche bei 14- bis 16-Stunden-Tagen. Wenn ich nicht im Theater bin, arbeite ich daheim am Schreibtisch.

MM: Einem Ondit zufolge greifen Sie in Inszenierungen ein, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Ammersfeld: Das haben Sie gehört? Das stimmt auch. Das ist eine Sache, mit der jeder, der mit mir arbeitet, rechnen muss. Aber es ist immer zum Besten der Produktion. Ich bin in vieler Hinsicht ein Bauchmensch, ich habe sensible Sensoren für Dinge und ich weiß mittlerweile auch genau, was hier am Haus verlangt wird und funktioniert und was nicht. Ich würde es als fahrlässig erachten, wenn ich darüber hinweggehen würde, wenn etwas möglicherweise in eine falsche Richtung ausufert – was aber mittlerweile höchst selten passiert. Denn am Ende des Tages bin ich für Auslastungszahlen und Einnahmen verantwortlich.

 MM: Das stimmt.

Ammersfeld: Wir müssen hier sehr genau rechnen. Und ich trage die Gesamtverantwortung. Es geht letzten Endes alles auf meinem Rücken aus, sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge, die es mitunter auch gibt. Man sollte versuchen so wenig Fehler wie möglich zu machen, so wenig falsche Entscheidungen wie möglich zu treffen. Ich kann mir nicht nur den Lorbeer umhängen, ich muss auch den Karren aus der Scheiße ziehen. Und es war schon oft genug Feuer am Dach, obwohl wir sehr zusammenhalten, eine Familie sind. Aber keine Demokratie; einer – ich – muss Flagge und Rückgrat zeigen. Ich betrachte Theater als moralische Instanz, wir haben einen Auftrag. Den nehme ich voller Begeisterung auf mich. Mit so viel Kompromissen, wie sich nicht verhindern lassen.

 MM: Das stadtTheater ist auf einem guten Weg. Sie haben mit „Drei Mal Leben“, „Mord mit kleinen Fehlern“, „C(r)ash“, „Der Vorname“, „Halbe Wahrheiten“ … Erfolgsproduktionen eingefahren. Soll das der Weg sein? Unterhaltung mit Haltung?

Ammersfeld: Das war von Anfang an mein Anspruch. Wir wollen kleine Stücke auf hohem Niveau zeigen. Auch ein Krimi ist Unterhaltung. Ein Theaterabend soll etwas in den Köpfen der Zuschauer hinterlassen, soll zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Er soll die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung befeuern – und kleine Stücke können das oft sehr gut. Das geht auch bei uns gar nicht anders. Wir haben keine Senkbühne, keine Drehbühne, keine Seitbühne. Wir haben keine Bühnentiefe, keinen Schnürboden, wir haben fast keine Verwandlungsmöglichkeit – und da wird Kreativität – nicht aus dem Vollen schöpfen zu können, ohne, dass das Niveau auf der Strecke bleibt – in lichte Höhen geschraubt. DAS ist Theater.

MM: Motto: Not macht erfinderisch?

Ammersfeld: Unbedingt. Wir müssen mit 2500 Euro pro Bühnenbild auskommen. Da ernte ich oft verzweifelte Blicke, aber unser Budget erlaubt uns einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr Geld ausgeben, als ich habe. Und siehe da: Es ist sich immer noch ausgegangen. Meine Theaterleute müssen den moralischen Anspruch auch an sich selbst stellen, denn es würde mir beispielsweise nie einfallen, mir eine Schauspielergage zu zahlen, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich habe ein Gehalt als Theaterleiterin, das muss reichen.

MM: Reizwort Förderungen?

Ammersfeld: Wir sind nach wie vor sehr gering gefördert, die Summe macht nicht einmal ein Sechstel unseres Budgets aus. Den Rest müssen wir selbst stemmen, selbst erwirtschaften. Wir wurden erst gar nicht gefördert, dann sehr geringfügig. In zweiten Jahr haben wir 50.000 Euro Baukostenzuschuss bekommen, dann waren’s 100.000, jetzt sind’s 300.000 Euro. Das ist auch keine Subvention, das ist eine Förderung. Wir haben pro Saison 40.000 Zuschauer, das heißt jeder Sitzplatz ist nicht 7,20 Euro gefördert. (Bei den Bundestheater: 110 Euro, bei den Vereinigten Bühnen Graz 123 Euro, Anm.) Wir sind vom Kontrollamt geprüft worden und haben eine römisch 1A bekommen. Die sagten, wir sind vorbildlich, obwohl Häuser unserer Größenordnung mit einem Vierfachen gefördert werden. Das haben wir halt nicht. Das Kontrollamt hat unsere Transparenz in allen Bereichen gelobt. Ich musste mir diese kaufmännischen Dinge ja auch aneignen, erarbeiten, als ich das Theater übernommen habe, und wurde punkto Knowhow sehr von meinem Mann Erwin Javor unterstützt.

MM: Kränkt, ärgert, frustiert, ist Ihnen wurscht, dass manche Journalisten und die Nestroy-Jury Berührungsängste mit dem stadtTheater haben?

Ammersfeld: Das kann  ich mir nicht erklären, achte auch ehrlich gesagt nicht allzu sehr darauf. Ich fühle mich von den Printmedien durchaus gut behandelt, allen voran von Werner Rosenberger und mottingers-meinung.at. Andere kommen, um uns zu verreißen, da ist mir lieber, sie kommen gar nicht. Ich mache hier meinen Job so gut ich kann. Also kann ich mich nicht ärgern. Was den Nestroy-Preis betrifft: Das ist nicht mein Hauptbegehren, dazu mache ich nicht Theater. Gut Ding braucht Weile. Also mal sehen 😉

MM: Was kommt nächste Spielzeit?

Ammersfeld: Wir werden im Oktober „Der Beweis“ von David Auburn herausbringen. Ein Krimi im Mathematikermilieu. Im Jänner wollen wir „Zweifel“ von John Patrick Shanley machen. Da geht’s um vermeintlichen Missbrauch in der Kirche. Ein spannendes relevantes Gesellschaftsstück. Da ist die Theaterdirektorin Ammersfeld mit der Schauspielerin Ammersfeld gerade in Diskussionen, ob sie mitspielen wird. Das habe ich mir mit mir noch nicht ausgemacht, ob ich mich selbst finanziell über den Tisch ziehe. (Sie lacht.)

MM: Ein Wunsch?

Ammersfeld: Es soll mit dem Rückenwind, der uns immer wieder Erfolg beschert, weitergehen.

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Wien, 13. 3. 2014

stadtTheater Walfischgasse: Halbe Wahrheiten

März 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

So spielt man Alan Ayckbourn

Hubsi Kramar, Anita Ammersfeld Bild: Sabine Hauswirth

Hubsi Kramar, Anita Ammersfeld
Bild: Sabine Hauswirth

Endlich. Alan Ayckbourn. Es ist stadtTheater-Prinziplin Anita Ammersfeld anzurechnen, dass in Österreich wieder einmal eine Komödie des Londoner Stardramatikers auf dem Spielplan steht. Anderenorts meint man eine Scheu vor dessen kniffligen Beziehungstralalas wahrzunehmen. Es ist nicht leicht. Ayckbourn muss sitzen, à la minute, schnell muss es gehen, Schlag auf Schlag, sonst lösen sich Situationskomik und verbaler Infight in Langeweile auf. Ziehen wie ein Strudelteig ist da nicht drin. Regisseurin Carolin Pienkos, die dem stadtTheater unter anderem mit Autor Rubert Hennings „C(r)ash“ mit Ehemann Cornelius Obonya in der Hauptrolle und „Revanche“ zwei Kassenmagneten beschert hat, versteht es mit leichter Hand in Abgründe zu tauchen. Denn „seicht“ ist an Ayckbourns Edelboulevard nichts – eine Kunst, die die Briten meisterlich beherrschen. Pienkos hat den brillant-pointierten Text ebenso inszeniert. So macht man einen Ayckbourn!

Ein Paar Pantoffel löst diesmal die Irrungen und Wirrungen aus, sorgt für Versprechen und Versprecher – und am Ende noch für einen Knalleffekt. Der an dieser Stelle aber nicht verraten wird. Der junge, verliebte Greg findet die Unglücksschlapfen  unter dem Bett seiner Freundin. Ginny, schon mit einem Fuß im Zug, der sie zu ihren Eltern aufs Land bringen soll, hat keine Zeit mehr für Antworten. Auch nicht für eine auf Gregs Heiratsantrag. Also beschließt der geheim zu den Eltern ins Grüne vorauszufahren, man will schließlich seine Aufwartung machen und sich erklären. In der Idylle trifft Greg Sheila, freundlich, zuvorkommend, aber völlig ahnungslos, was dieser symphatische Fremde von ihr will. Tochter? Hat sie keine. Sondern Sheilas Ehemann ein Verhältnis mit Ginny. Und weil der Schelm denkt, wie er ist, unterstellt er seiner Frau ebenfalls eines. Da ist Greg nun natürlich ein passender Kandidat, will er doch bei Philip um die Hand Sheilas anhalten. Oder? Als auch noch Ginny auftaucht, ist das Chaos perfekt …

Das ausgezeichnete Darsteller-Quartett gibt unter Pienkos‘ Anleitung Vollgas. Allen voran Matthias Franz Stein, am Theater in der Josefstadt als Pfarrer Fürthauer in „Jägerstätter“ und demnächst als Franz-Ferdinand-Attentäter Danilo Ilic in „Die Schüsse von Sarajevo“ für die Kost zuständig, die einem im Hals stecken bleibt, beweist sich als begnadeter Komödiant. Auch, weil, wenn Komik sich stets in der Tragik gründet, sein Greg die tragische Figur des Ganzen ist. Ein so guter Mensch, dass er Böses nicht einmal argwöhnen kann, taumelt er planlos ob der Vorgänge durch die Handlung. Trocken, auch ein wenig trottelig. Es ist zu merken, dass er Spaß an der Sache hat. Apropos, trottelig: Der zweite Herr der Viererbande, Hubsi Kramar, kann’s auch sehr schön. Zuständig für die schönsten Oscar-Wilde-Inszenierungen Wiens, hat er sich das Very-British-Sein zu eigen gemacht. Er spielt es aus, in allen Klischees – von der Begeisterung für Golfspielen und Gartenpflege bis zu der für Orangenmarmelade, ist spleenig, abgedreht, gaga. Wie er sich dreht und windet, sein Schwindel droht aufzufliegen. Wunderbar eine Szene, wo er die Heckenschere im Kopf schon zum Mordinstrument auserkoren hat. Aber er ist eben doch nur ein Pantoffelheld. Anita Ammersfeld als Sheila hat ihr Schlitzohr mit süffisantem Sarkasmus im Griff. Erst überrumpelt, nimmt sie die Zügel mehr und mehr in die Hand. Aber weil man ja Grande Dame ist, natürlich so, dass es die Anwesenden nicht merken. Ammersfeld dirigiert mit einer höflichen Handbewegung, setzt mit einem Augenbrauenhochziehen Narreteien ein Ende. Sie genießt das Geheimnis, das sie umweht.  Und ertränkt Argumente der anderen in Kaffee. Ein wunderbare Leistung. Auch Sophie Prusa ist als Ginny geheimnisumwittert. Sie ist der Katalysator der Komödie, sprudelt über, um Spuren zu verwischen, verstrickt sich in halbe Wahrheiten und hat doch nicht die Chuzpe, die Lüge durchzuziehen. Punkto Manipulation findet Ginny in Sheila ihre Meisterin, Greg und Philip werden zu Marionetten an ihrem Gängelband.

Dass das stadtTheater Walfischgasse mit dieser Produktion voll ins Schwarze getroffen hat, ist die ganze Wahrheit. Man hat dort derzeit einen wohlverdienten Lauf. Das Premierenpublikum war amüsiert und dankte mit langem Applaus.

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Weitere Erfolgsproduktionen des stadtTheaters:

www.mottingers-meinung.at/in-den-fusstapfen-von-michael-caine

www.mottingers-meinung.at/oliver-baier-in-der-walfischgasse

www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid

Wien, 6. 3. 2014