Martin Suters „Die dunkle Seite des Mondes“ im Kino

Januar 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Moritz Bleibtreu besticht mit radikaler Performance

Moritz Bleibtreu Bild: © Felix Cramer

Moritz Bleibtreu
Bild: © Felix Cramer

Die Bücher des Schweizer Erfolgsautors Martin Suter werden von Film und Fernsehen gern und mit wechselndem Erfolg als Vorlage verwendet. Zwei seiner Werke aus der „neurologischen Trilogie“ hatten es ja schon auf die Leinwand geschafft, während Francis Girods Verfilmung von „Ein perfekter Freund“ allerdings nur in Frankreich zum Hit wurde, erlangte „Small World“ von Bruno Chiche dank Superstar Gérard Depardieu als Demenzpatienten internationale Anerkennung. Nun also kommt am 15. Jänner „Die dunkle Seite des Mondes“ ins Kino, der Titel eine Anspielung auf das Pink-Floyd-Album, von dem Suter sagt: „Es ist bis heute eines meiner liebsten. Und die Musik war zu ihrer Zeit eine treue Tripbegleiterin in der Szene.“

Der deutsche Regisseur Stephan Rick übernahm den Arbeitsauftrag vom ursprünglich vorgesehenen Oliver Hirschbiegel und adaptierte die Geschichte eines Anwalts, dessen Leben sich nach einem durch halluzinogene Pilze ausgelösten Rausch radikal ändert, für die Leinwand. Der Film präsentiert sich als rasanter Psychotrip, der den Zuschauer von der ersten Minuten an in seinen Bann zieht. Die Spannung ist von Anfang an hoch, doch Rick versteht es, die Spirale immer noch weiter anzuziehen. Dass das gelingt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, der eine beeindruckende Performance abliefert.

Bleibtreu spielt den Wirtschaftsanwalt Urs Blank. Dieser ist der unangefochtene Star auf seinem Gebiet. Er ist erfolgreich, hat Geld und die für ihn perfekte Frau (Doris Schretzmayer). Der Selbstmord eines Geschäftskollegen wirft Blank jedoch aus der Bahn. Er fängt an, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Vielleicht auch deshalb fühlt er sich so zu Lucille (Nora von Waldstätten) hingezogen, die ihm mit ihrem alternativen Lebensstil eine ganz neue Welt eröffnet – und ihn mit magic mushrooms verführt. Mit Folgen für Blank, denn nach diesem Abenteuer verändert sich seine Persönlichkeit. Seine dunkle Seite kommt zum Vorschein. Zunächst fast unbemerkt, dann mit unbarmherziger Macht brechen lang unterdrückte Aggressionen aus ihm heraus. Und machen den zivilisierten Anwalt zum instinktgetriebenen Individuum, verwandeln den Dr. Jekyll in Mr. Hyde. Zutiefst verunsichert von seiner Wandlung flüchtet sich Blank aus seinem alten Leben in den Wald, um dort nach einem Gegenmittel für den missglückten Selbstversuch zu suchen. Doch für seinen Geschäftspartner Ott (Jürgen Prochnow) ist der unberechenbare Blank eine tickende Zeitbombe geworden. So wird er zum Gejagten – und sein Kampf um seine Rückkehr zum Wettlauf um sein Leben …

Bleibtreu begibt sich auf eine darstellerische Tour de Force. Sein Urs Blank ist so sensibel wie brutal, funktioniert als Mörder ebenso wie als Liebhaber. Die Ambivalenz, die der Schauspieler der Suter’schen Figur gelassen hat, macht den großen Reiz des Films aus – und zeigt einmal mehr, wie vielfältig er in seinem Spiel sein kann. Ließ der Autor seinen Roman schon zwischen Psychothriller und Psychogramm eines Mannes in der Midlife-Crisis, zwischen Horror- und -märchen changieren, so tut dies Bleibtreu mit seiner Rolle erst recht. Da hat einer Schubladen souverän und mit so großer Kraft zugeschlagen, dass sie von keinem Katalogisierer mehr zu öffnen sein werden!

Jürgen Prochnow hatte in seiner beeindruckenden Karriere zweifellos schon bedeutendere Rollen, als die des Ott, doch ist es wie immer erfreulich, den Boot-Star wieder einmal im Kino zu sehen. Als eiskalter, unberechenbarer Machtmensch überzeugt Prochnow selbst in seinen seltenen Momenten. Er ist nicht nur erbitterter Gegner Blanks, sondern wird als Kämpfer auch handgreiflich, was zu einem blutigen Showdown im Wald führt, den die gewieften Kameramänner Stefan Ciupek und Felix Cramer mit poetisch-expressiven Bildern ausmalen. Zu einem wiederkehrenden Motiv werden etwa Begegnungen mit einem schwarzen Wolf, das sind geheimnisumwitterte Sequenzen, doch gefertigt, ohne dass der Film dadurch künstlich oder verkopft wirken würde.

Ein Dämpfer für Suter-Auskenner mag es sein, dass Rick, der auch das Drehbuch schrieb, Blanks Halluzinationserfahrungen und seine Naturerlebnisse stark zusammenstrich, obwohl sie beinah die Hälfte der literarischen Vorlage ausmachen. Dennoch ist Ricks Verfilmung von „Die dunkle Seite des Mondes“ eine in sich stimmige, erstklassige Analyse über den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, auf dem sich der Mensch befindet. Sehenswert!

www.dsdm-film.de

Wien, 11. 1. 2016

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Josef Hader im Gespräch

Februar 20, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Brenner: „Das ewige Leben“

Josef Hader  Bild: © Dor Film

Josef Hader
Bild: © Dor Film

Am 5. März startet in den heimischen Kinos „Das ewige Leben“: Gestern stand er am Rande des Abgrunds, heute ist er einen Schritt weiter: In Wolfgang Murnbergers vierter Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas verschlägt es den Brenner zurück in seine Heimatstadt Graz – wo ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit auf ihn lauert. Mit dabei: Tobias Moretti, Roland Düringer, Johannes Silberschneider, Hary Prinz und Nora von Waldstätten.

Jetzt wär’s echt schön, wenn eine Zeitlang einmal nichts passieren würde. Der Brenner (Josef Hader, wer sonst) ist nun vollinhaltlich eine gescheiterte Existenz, nur das kleine Haus seiner verstorbenen Mutter im Grazer Nicht-sehr-Nobelbezirk Puntigam ist ihm geblieben, eine erbärmliche Bruchbude ohne Strom, dafür mit undichtem Dach. Also zieht er um, von der Hauptstadt in die Heimatstadt. Back to the roots, sozusagen. Die sind durch eine Jugendsünde ziemlich angefault, genau wie sein Dachstuhl. Als Brenner nämlich seinen alten Polizeischulfreund Köck (Roland Düringer), heute als zwielichtiger Altwarenhändler tätig, aufsucht, um sich Geld auszuborgen, steht auf einmal auch der Aschenbrenner (Tobias Moretti) da – auch einer von damals, und immer noch einer von denen: Aschenbrenner ist jetzt Chef der Kriminalpolizei. Tja, und wenig später ist der Köck tot, und der Brenner liegt mit einem Kopfschuss im Krankenhaus …
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Das Leben ist hart, aber unfair. In seinem vierten Kino-Abenteuer als trauriger Sturschädel Brenner ähnelt Josef Hader mehr denn je den Anti-Helden aus den großen Tragödien – Hirn, Herz und Seele werden ihm ordentlich hergebeutelt in diesem furios inszenierten Krimi, in dem neben Tobias Moretti als beängstigend moralbefreitem Amtsfürsten, Nora von Waldstätten als ebenso charismatischer wie tatkräftiger Medizinerin und Roland Düringer als herrlich grindigem Kleinkriminellen auch die steirische Hauptstadt Graz in all ihrer Pracht zur Geltung kommt: Ein filmischer Hochgenuss, bis zum bitterbös-brachialen Ende. Josef Hader im Gespräch:

MM: Vor zwei Wintern bin ich in dieses Caféhaus gekommen und Hader, Murnberger, Haas saßen an einem Tisch. Ich dachte: Jetzt fotografieren und twittern: Jetzt wird wieder was passieren. Der flotte Dreier funktioniert also noch?

Josef Hader: Er hat funktioniert. Es war kein leichtes Schreiben, wir haben zwei-, zweieinhalb Jahre gebraucht, um die Geschichte dort zu haben, wo wir sie wollten. Also, einfach war’s nicht, aber wir haben uns nicht zerstritten und sind noch immer gute Freunde.

MM: Im Drehbuch wird Ihr Name als erster genannt. Ist das, weil Sie so berühmt oder so berüchtigt sind? Wie laufen Kreativprozesse bei euch ab?

Hader: Am Beginn ist es so, dass wir uns ein bissl kasernieren und überlegen, wie die Filmgeschichte ausschauen soll, wie weit wir vom Roman weggehen wollen, dann schreiben Wolfgang Murnberger und ich abwechselnd Fassungen, die dann zu dritt diskutiert werden. Bei Meinungsverschiedenheiten gibt’s eine eindeutige Mehrheit.

MM: Der Brenner ist eine Figur, die Sie – natürlich mit Abständen – seit 14 Jahren verkörpern. Ist er Ihnen zur zweiten Haut geworden?

Hader: Nein, überhaupt nicht. Bevor man die Rolle spielt, muss man sich vom Drehbuch abnabeln. Man muss sich nicht mehr, wie als Drehbuchautor für die Szene, sondern für die Figur interessieren. Also nicht, wie die Szene besser werden soll, sondern wie’s meiner Figur in der Situation geht, welche Interessen sie im Moment hat. Das ist ein schwieriger Prozess, den Drehbuchautor hinter sich zu lassen und Schauspieler zu sein. Da gibt es keine Routine. Noch dazu, wo der Brenner in jedem Film vor neue Probleme gestellt wird.

MM: Aber in Summe kann man schon sagen, Josef Hader ist gereift wie guter Rotwein und der Brenner eher wie Camembert.

Hader: Ein schönes Bild. Da kann i gar nichts sagen dazu, so schön ist die Metapher.

MM: In „Das ewige Leben“ ist der Brenner endlich total am Sand. Dazu haben Sie sich Äußerlichkeiten überlegt.

Hader: Wolfgang und ich haben uns das überlegt. Es sollte neu sein: Also Vollbart, das war mein Vorschlag. Und Wolfgang sagte: Das passt, besser kann man sozialen Abstieg nicht mit einem modischen Accessoire kombinieren.

MM: Ist Ihnen der Brenner über die Jahre sympathischer geworden?

Hader: Ich glaub’, dass er mir nicht sympathischer geworden ist. Man erfährt von Film zu Film mehr über ihn – und je mehr man über jemanden erfährt, um zu schwieriger ist es, ihn zu mögen. Wenn er ein realer Mensch wäre, würde man ihn für ein Oarschloch halten.

MM: Ich sehe das etwas anders: Sie haben es geschafft, das österreichische Kinopublikum von der Schadenfreude über diese tragische Figur Brenner zum Mitleiden zu bringen. Sie erfüllen da fast eine katholische Funktion.

Hader (er lacht): Dazu kann ich kaum was sagen. Der Film hat seine Zauberregeln, und eine davon ist, dass einen Figuren, an denen man im Leben nicht einmal anstreifen möchte, im Kino zum Weinen bringen. Dass man sie am liebsten umarmen möchte. Das liegt sicher daran, dass man sich emotional in Situationen hineinziehen lassen kann, die weit weg auf der Leinwand stattfinden.

MM: Der erste Brenner-Film war eine Krimi-Komödie, der zweite ein Thriller, der dritte ein Horrorfilm. Ist „Das ewige Leben“ nun ein Cop-Story?

Hader: Wir versuchen nie Seriencharakter zu haben, jede Anspielung auf frühere Filme zu vermeiden. Jeder Film soll sein eigener Genremix sein. Ein Teil davon ist Cop-Film. Diese alten, gescheiterten Männer kann man am besten in diesem Genre zeigen. Weil’s vielleicht einmal gute Polizisten waren. Das lässt ihnen einen Rest von Würde.

MM: Sie haben diesmal zwei sehr prominente Kombattanten Tobias Moretti und Roland Düringer. Wie war die Zusammenarbeit? Ein steter Wechsel von der finnischen Sauna ins Eiswasserbecken?

Hader: Johannes Silberschneider ist auch dabei. Als Brenners nerviger Nachbar. Und alles war natürlich total harmonisch. Ich würde auch, wenn die Sesseln geflogen wären und wir uns niedergebrüllt hätten, sagen, dass alles super war. Aber es war tatsächlich so. Wir haben alle eine Gemeinsamkeit: Wir sind Improvisierer, Musikanten, haben gern wenn der Partner einmal was anderes macht und man anders regieren muss. Von daher sind wir, obwohl wir sehr unterschiedliche Menschen sind, sehr ähnlich von der Schauspielweise. Wir haben uns beim Arbeiten sehr gut verstanden. Den Roland kenne ich ja schon immer; wir haben im Kabarett Niedermair miteinander in den 80er-Jahren angefangen. Den Tobias habe ich neu kennen gelernt, wir waren anfangs ein bisschen vorsichtig miteinander. Aber spätestens, wenn wir über Musik oder über Hans Brenner (österr. Schauspieler, † 1998, Vater von Moritz Bleibtreu, Anm.), den wir beide gekannt und sehr geschätzt haben, und der ja auch der Namensgeber der Figur ist, haben wir jede Scheu fallen gelassen. Tobias ist ein richtig lässiger Jazzer als Schauspieler, er spielt aus dem Bauch, hat noch wunderbare Ideen, knapp bevor sich die Kamera einschaltet: Sagt, schau’, mach’ da des anders. Des is total einmalig in der Zusammenarbeit.

MM: Was man von der Handlung verraten kann: Es gibt mehr Tote, als in einem durchschnittlichen „Dirty Harry“, und es gibt mehr als einen Täter.

Hader: Leute, kommt ins Kino! (Er lacht wieder.) Aber im Vergleich dazu, dass es in jedem „Tatort“ nur mehr Serienkiller gibt, sind wir sehr bescheiden. Wir machen ja keine Whodunits, die sind dem Wolfgang und mir zu sehr Mathematikrätsel. Wir wollen Drama, Brenners Kampf , davonzukommen, zeigen und menschliche Beziehungen in den Mittelpunkt stellen.

MM: Der Brenner leidet in diesem Film stärker denn je an Migräne …

Hader: Ja, deswegen habe ich auch mit Menschen gesprochen, die das Gefühl kennen, dass einem der Schädel explodiert. Weil, i hab’ nie Kopfweh. Selbst noch durchzechten Nächten nicht.

MM: Sie machen als Brenner diesmal Dinge, die ich Ihnen nicht zu getraut hätte: mit einer Kettensäge hantieren und Moped fahren. Haben Sie Gefahrenzulage bekommen.

Hader: Die kriegt man nicht beim österreichischen Film, aber sie wäre tatsächlich notwendig gewesen, weil dieses Moped ein altes war. Die Hinterachse hat’s immer gewandlt. Ich musste recht wild damit herumfahren, und ich war oft froh, wenn eine Mopedszene im Kasten war, wenn ich wusste, ich muss mich jetzt nicht wieder auf der Verfolgungsjagd im Tunnel zwischen LKW und Wand durchdrücken. Ohne Sturzhelm und hoffentlich ohne Reifenplatzer. Aber Motorsäge und Moped, sind etwas, das man einfach lernt, wenn man am Land aufwachst. Des kann jeder von an Bauernhof.

MM: Es gibt zwei nachfolgende Wolf-Haas-Brenners: „Der Brenner und der liebe Gott“ und „Brennerova“, in dem er heiratet. Was wäre für Sie schlimmer? Gott oder Ehe?

Hader: Interessanter ist sicher, den lieber Gott zu treffen. Das haben noch wenige erlebt.

MM: Wie geht’s jetzt weiter?

Hader: Mit einer Pause. Das ist wie bei einer Geburt. Nach zwei, drei Jahren, wenn man vergessen hat, wie schwer das war, geht man’s wieder an. Vorausgesetzt, die Resonanz beim Publikum ist entsprechend.

MM: Und Kabarett? Wann kommt was Neues?

Hader: Ich habe eine Idee, aber nicht das Gefühl, ich muss das jetzt unbedingt sofort machen. Ich habe mich ans Teamwork beim Film so gewöhnt. Ich mache als nächstes mit Erni Mangold und Maria Hofstätter einen „Landkrimi“ in Oberösterreich – und ich freu’ mich schon sehr darauf. Das sind zwei Schauspielerinnen, mit denen ich schon so gern so lang’ was machen wollte, und jetzt hat es sich ergeben.

MM: Sie werden doch auf Ihre alten Tage nicht noch gesellig werden?

Hader: Nur beim Arbeiten, nicht im Leben.

MM: Wie finden Sie Ihre Rolle als Ikone des Kabaretts? Junge Kollegen zitieren Sie oder Sie sprechen in deren Programmen vom Band. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Hader: Dadurch, dass i immer mit mir z’samm’ bin, kenn’ i mi besser als andere. Und dadurch ist keine Gefahr gegeben, dass ich mich selber als irgendetwas empfinde, das an der Wand hängt.

http://dasewigeleben.at/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=FnUyX6zyV8o

Wien, 20. 2. 2015

Der Brenner kommt wieder ins Kino

März 14, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das ewige Leben“ wird verfilmt

Wolf Haas, Josef Hader, Wolfgang Murnberger Bild: Berlinale

Wolf Haas, Josef Hader, Wolfgang Murnberger
Bild: Berlinale

Im Advent sah man Wolf Haas, Wolfgang Murnberger und Josef Hader schon konspirativ in einer Ecke im Cafe Eiles sitzen. Da war’s klar: Jetzt wird schon wieder was passieren! Dieser Tage startet die vierte ( nach Komm Süsser Tod 2000, Silentium 2004, Der Knochenmann 2009) Verfilmung eines Haas’schen Brenner-Krimis, Das ewige Leben, in der bewährten Murnberger-Regie, mit dem genialen Hauptdarsteller Hader. Leicht kommen diese Dinge ja nicht zustande, denn drei große Geister triften punkto Drehbuch oft Richtung verschiedener Auffassungen. Aber man hat sich zusammengerauft. Wieder einmal. Ein Glück.

Die hochkarätige Besetzung der Dor-Film-Produktion: Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten, Christopher Schärf, Roland Düringer, Margarethe Tiesel, Hary Prinz, Johannes Silberschneider, Sasa Barbul, uvm.

Brenner kehrt nach Graz zurück, in die Stadt seiner Jugend. In der Konfrontation mit seinen Jugendfreunden, seiner Jugendliebe und seiner großen Jugendsünde, kommt es zu Morden und einem verhängnisvollen Kopfschuss. Als Brenner aus dem Koma erwacht, macht er sich auf die Suche nach seinem Mörder – obwohl alle behaupten, er sei es selbst gewesen. Am Anfang war Brenner am Ende aber am Ende könnte er vor einem neuen Anfang stehen.

www.hader.at

Der Knochenmann: www.youtube.com/watch?v=oAbTtJGNQ7o

www.dor-film.com

www.filmladen.at

Wien, 14. 3. 2014