Bronski & Grünberg: Kabale & Liebe

April 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Schiller in neuen Rollenbildern

Bild: © Philine Hofmann

Nach seinem überragenden Vorjahrs-„Philoktet“ am Volx/Margareten inszenierte Calle Fuhr nun im Bronski & Grünberg Theater Friedrich Schillers „Kabale & Liebe“.  Und die kleine, feine Bühne, die sich immer mehr zum Wiener Must See mausert, kann auch mit dieser Produktion ihre Erfolgsgeschichte beim Publikum fortschreiben. Fuhr versammelt eine Handvoll hervorragender junger Schauspieler um sich: Johannes Nussbaum, bekannt aus den ORF-„Vorstadtweibern“, „Chucks“-Entdeckung Anna Posch, Luka Vlatkovic, Nanette Waidmann und Laura Laufenberg. Ihnen zur Seite steht Patrick Seletzky als Präsident von Walter.

Mit seinem sehr klaren ästhetischen Konzept setzt Fuhr ganz auf die Wirkmacht des Wortes – und auf die seines Ensembles. Er hat Schiller ins Heute weitergedacht, ein paar Änderungen vorgenommen, so ist Vater Miller, dargestellt von Nanette Waidmann, nun eine liebevoll-emanzipierte Mutter, und immer wieder schleichen die Figuren durch die finsteren (Gedanken-)Gänge der Handlung, die ihnen nur eine Lichtschnur erhellt. „Bösewicht“ gibt es dennoch keinen.

Fuhr arbeitet stattdessen fein differenziert die Zwänge und Nöte von Menschen heraus, die sich ins Umfeld von Staatsgewalt begeben haben, und dort nun ums Überleben, zumindest aber ums eigene Fortkommen kämpfen müssen. So ist Luka Vlatkovic als Sekretare Wurm kein sinistrer Unmensch, sondern ein von Liebe und anderen Dämonen in die Intrige Getriebener, einer davon der Präsident, der ihn deutlich als Werkzeug für seine Machenschaften verwendet. Der Lady Milford darf Anna Posch den großen „Wohltäterin des Volkes“-Monolog angedeihen lassen, auch sie eine Art Gefangene des Hofes, an dem sie um die Reste ihres Rufes rittert. Intensiv ist dieses Spiel, und dass nicht jeder Schillersatz sitzt und sticht, mitunter Emotionen in hysterische Schreierei münden, dann wieder manches wie aufgesagt klingt, wird durch Momente großer Wahrhaftigkeit mehr als wett gemacht.

Für diese sorgt neben Vlatkovic allen voran Johannes Nussbaum als Ferdinand, dessen Verstörtheit ob der Umstände berührt, der Vater-Sohn-Konflikt noch mehr als sonst betont durch die herzliche Beziehung Luises – Laura Laufenberg – zur Mutter Miller. Dass Fuhr dabei niemals moralisch wertet, sondern die Zuschauer behutsam durch ein ambivalentes Figurentableau navigiert, dass er Friedrich Schiller darob mit neuen Rollenbildern versieht, macht den Abend zu einem besonderen. Diese „Kabale & Liebe“ kann wärmstens empfohlen werden.

www.bronski-gruenberg.at/

  1. 4. 2018

Volkstheaterpremiere

Februar 8, 2013 in Bühne

Faust (Denis Petkovic) und seine „Margarete“ (Nanette Waidmann) .
21.10.2012, 11:29

Urfaust: Inszenierung unterwegs verloren

Das Wiener Volkstheater zeigt Enrico Lübbes Inszenierung von Goethes „Urfaust“. Nach etwa einer Stunde geht der Sache der Schmäh aus.

Der Schluss kommt überraschend. Faust schießt sich eine Kugel in die Brust, auch auf Mephistos Hemd breitet sich ein Blutfleck aus. Beide stürzen tot zu Boden.

Am Volkstheater inszenierte Enrico Lübbe, Jahrgang 1975 und Schauspieldirektor in Chemnitz, Goethes 1775 entstandenen „Urfaust“. Da war der noch ein Stürmer und Dränger. Da fehlen im Unterschied zum 33 Jahre später entstandenen Geheimratseckendrama der Prolog im Himmel, ergo die Wette Gottes mit dem Teufel, dessen Pakt mit Faust und anderes Mystisches.

Entsprechend irdisch legt Lübbe den Abend an. Fürs Erste hat er Tempo, Witz und Musik von Deep Purple.

„Faust“ Denis Petković ist, gekleidet in Rautenpulli und Cordhose, ein Nerd, der in der „Big Bang Theory“ auf Sheldons Sofa sitzen könnte. Seinen Antrag von Arm und Geleit beantworten gleich neun Fräuleins mit einer saftigen Watschn.

Auftritt Mephisto

Der ist die zweite Seele, ach, in seiner Brust. Und auch, wenn die Idee vom bösen Alter Ego vom Dichterfürsten festgeschrieben ist, entwickelt sie im Spiel von Günter Franzmeier eine eigene Qualität.

Er verleibt sich Zitatenschätze der anderen Figuren ein, etwa Gretchens „Am Golde hängt …“, gängelt sie alle wie ein Puppenspieler. Er ist Petković’ Schatten, gegen den der vergeblich boxt.

Nanette Waidmanns „Gretchen“ ist kein unschuldig Ding, sie giert nach Leben – schön Lübbes Einfall, erst sie und Faust nackt ineinander fallen zu lassen; Blackout; schon liegt Mephisto bei ihr.

Sobald aber Leben in Margarete heranwächst, geht der Sache der Schmäh aus. Es scheint, als hätte Lübbe seine Inszenierung unterwegs irgendwo verloren. Nach knapp einer Stunde ist das … schade. Gretchen brabbelt blöde vor sich hin, die Herren siehe oben. Und ein Zuschauer stellt fest: Wer den Faust nicht kennt, kennt sich jetzt nicht aus. Ende.