Volkstheater: Halbe Wahrheiten

April 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Farce ohne billige Pointenjagd

Christoph Rothenbuchner und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Diese Pantoffel sind offenbar ohne Besitzer: Christoph Rothenbuchner als Greg und Evi Kehrstephan als Ginny. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volx/Margareten hatten Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ als Produktion für die Bezirke Premiere. Und Lukas Holzhausen bewies damit, dass er nicht nur als Schauspieler („Alte Meister“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15451, nächste Vorstellung am 5. Mai), sondern auch als Regisseur große Klasse ist. Er hat vom Stück des britischen Dramatikers den halbdurchsichtigen Firnis des Edelboulevards abgekratzt und eine feine Farce freigelegt.

Mit der geht er nicht auf billige Pointenjagd, Holzhausen hat seinem Darstellerquartett auch ein Spiel mit verschwörerischem Augenzwinkern untersagt, sondern er unterläuft den Witz sozusagen, dreht ihn einmal in den Köpfen der Zuschauer und fängt ihn hinterrücks wieder auf. Er hat die Schauspieler Doris Weiner, Michael Abendroth, Evi Kehrstephan und Christoph Rothenbuchner angeleitet, ihre Figuren und deren Verwirrungen und Verzweiflungen ernst zu nehmen, und gerade daraus entsteht die höchste Komödiantik. Vieles wird mit solcher Lakonie hingesagt, als hätte Loriot bei dieser Arbeit Pate gestanden. Die geschliffenen Dialoge sind auf den Punkt inszeniert. Mehr lässt sich von einem Ayckborn-Abend nicht wünschen.

Die Handlung ist verzwickt, nicht zuletzt, weil man einem Publikum, das sie noch nicht kennt, nicht zu viel verraten sollte. In London leben Greg und Ginny, erst kürzlich haben sie einander kennengelernt, und irgendwie hütet Ginny ein Geheimnis um ein paar Herrenpantoffel, aber Greg ist verliebt und will heiraten. Als Ginny aufs Land zu ihren Eltern fährt, reist er nach, um einen anständigen Antrag vor der Familie zu machen. Doch bei Sheila und Philip angekommen, ist offenbar alles ein bisschen anders, und die Vater-Tochter-Beziehung … naja … Ayckbourns Humor lebt von der Höflichkeit. Würde jemals jemand nachfragen, oder kurz nachdenken, die Katastrophen würden sich relativieren. So ist alles Missverständnis und Erstaunen und Notlüge und vornehmes Verzichten. Einer findet den anderen seltsam, aber jeder ist ein Schelm, der daher denkt … Ayckbourns Charaktere beherrschen perfekt die Kultivierung des Aneinander-Vorbeiredens. Und die Schauspieler im Volx, wie man das über die Bühne bringt.

Doris Weiner, Christoph Rothenbuchner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die zukünftigen „Schwiegereltern“ sind verwirrt, aber freundlich: Doris Weiner, Christoph Rothenbuchner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Zuschauer muss man einfach nur zur Kenntnis nehmen, dass, wenn Fremde in jemandes Grünanlage stehen, der nichts anderes als freundlich zu ihnen sein kann. Hans Kudlich hat als Raum für den Austausch dieser Freundlichkeiten einen mittelschwer pflegebedürftigen Garten hingestellt, mit einer ungesund wuchernden Hecke, durch die Michael Abendroth dann und wann brechen muss. Als quasi Tür-auf-Tür-zu-Ersatz. Zwischen Gartentisch und -stühlen entfaltet sich der Wahnsinn.

Christoph Rothenbuchner ist als Greg die Idealbesetzung, der wohlerzogene junge Mann, so wild entschlossen, einen guten Eindruck zu machen, dass er unmögliche Situationen heraufbeschwört. Er ist von Anfang an in der Defensive, weil Ginny offenbar eine schamlos routinierte Schwindlerin ist. Evi Kehrstephan allerdings zeigt das mit so viel Charme, ihr Spiel lässt Ginnys Sympathiewerte derart nach oben schnellen, dass ihr niemand böse sein kann. Als würde man schon ahnen, dass es auch für ihr Handeln einen guten Grund gibt. Die Begegnung mit Sheila und Philip entwickeln die beiden zu einem surreal-anarchischen Spaß, sie reißen Abgründe auf, über denen die Wahrheit nur noch ein schmaler Grat ist.

Holzhausen bringt mit seiner Inszenierung die Figuren erst recht ins Schleudern. Und plötzlich steht die existenzielle Frage auf, was etwas wert ist. Ehe – Elend – Eifersucht, da müssen die einen erst einmal hin, wo die anderen schon längst nicht mehr sind. Vor allem Doris Weiner gestaltet das als Sheila ganz vorzüglich. Die Dame ist über viele Jahre ehegeschult, ergo abgeklärt, und sie weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, um den Göttergatten auf die Palme zu bringen. Mit Sheila hat Weiner die vielleicht beste Rolle im Stück, denn sie entwickelt sich. Von perplex dahin, dass nicht mehr sicher ist, was sie nicht versteht oder nicht verstehen will. Jedenfalls ist es mehr, als die anderen ihr zutrauen – und so gehört Doris Weiner auch der Schlussgag. Den sie mit entzückender Grandezza vorträgt.

Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ab durch die Hecke: Michael Abendroths Philip ist das Leben zurzeit gar nicht grün. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroths Philip ist ein Schlitzohr mit Tendenz zu Quengler und Querulant, wenn’s nicht nach seinem Willen geht. Doch Abendroth ist als Schauspieler zu brillant, um nur einen Unsympath zu gestalten. Sein Philip ist ein Sehnsüchtler, auf der Suche nach seiner Jugend, nach einem vorletzen Abenteuer, man hat Mitleid mit ihm, wie da sein Kartenhaus zusammenbricht.

Und dann kommt der Moment, wo er „Vater“ wird, die Zungen werden gespitzt, der Tonfall gereizter, er nützt die Situation und ist doch wieder nur – ein Unsympath. Abendroth macht das, so zwischen Tropf und Trottel, ganz hervorragend. Nach zwei Stunden „Halbe Wahrheiten“ und einer unvollständigen Auflösung aller Verzwicktheiten, konnte man einem gelungenen Theaterabend freudig applaudieren. Hier wurden definitiv keine halben Sachen gemacht! Das Volkstheater in den Bezirken darf sich zu Recht über eine schöne letzte Produktion zum diesjährigen Saisonschluss freuen.

Die ursprünglich als vierte Produktion in den Bezirken geplante Uraufführung von Thomas Glavinic’ Theatererstling „Mugshots“ wird im Dezember in der Regie des Autors nachgeholt. Und auch Lukas Holzhausen soll kommende Spielzeit von Intendantin Anna Badora wieder mit einem Regie-Projekt betraut werden. Wie er der Bühne bereits verriet, wird’s „ein echter Knaller“.

www.volkstheater.at

Wien, 30. 4. 2016

Anita Ammersfeld im Gespräch

März 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganze Wahrheiten aus dem stadtTheater

ammersfeld 9808-Sepp GallauerstadtTheater-Prinzipalin Anita Ammersfeld steht derzeit in Alan Ayckbourns Komödie „Halbe Wahrheiten“ auf der eigenen Bühne. Eine Doppelbelastung, die sie gerne auf sich nimmt. Denn es gilt zu sparen, wie sie im Gespräch mit mottingers-meinung.at erzählt. Die öffentliche Hand ist eine feste Faust, dabei warten demnächst spannende Produktionen.

MM: Sie sind als Intendantin des stadtTheaters Walfischgasse voll ausgelastet, stehen nun aber doch wieder einmal auf der eigenen Bühne, in Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“. Der Rolle der Sheila konnten Sie wohl nicht widerstehen?

Anita Ammersfeld: Ja, sie ist deshalb so besonders, weil Sheila ein Geheimnis verbirgt. Und das gilt es zu vermitteln in der Rolle. Sie durchschaut nicht immer alles gleich genau, aber mehr und mehr. Sie macht das Geschehen für sich schlüssig erklärbar. Sie lügt von allen am wenigstens – auch, wenn sie vorgibt, ein Verhältnis zu  haben. Am Ende ist sie die Strippenzieherin.

MM: Sheila ist eine Salondame mit Selbstironie …

Ammersfeld: Das wäre eine Rolle für die Nicoletti, die Degischer, die Almassy gewesen. Dieses Rollenfach ist heute nicht mehr in dem Ausmaß, wie’s früher war, vorhanden. Ich glaube auch, dass man heute die Theaterform Komödie, Schauspiel, wo solche Rollen gefragt sind, ganz anders interpretiert. Heute werden derlei Figuren lieber als schrullige „Tanten“ gezeigt. Die Elegance hat man leider aufgegeben.

MM: Ist Ihnen an Sheila auch persönlich manches nahe?

Ammersfeld: Ich bringe einiges für die Sheila mit. Regisseurin Carolin Pienkos hat das auch bemerkt und oft betont. Ich musste nicht an der Figur viel machen, sondern an der Interpretation. Das hat Carolin Pienkos mit mir auch gemacht. Sie ist eine sehr genaue Arbeiterin, sie schaut sehr genau hin und lenkt auch sehr genau. Ich spiele selten selber, ich schüttle mir das nicht aus dem Ärmel. Ich kann nicht sagen: Ich muss schnell Bürokram erledigen, ich finde, die Kollegen haben ein Recht, dass ich ihnen bei den Proben voll und ganz zur Verfügung stehe, bei der Sache bin.

 MM: Im stadtTheater kristallisiert sich allmählich ein Kern …

Ammersfeld: … ein harter Kern heraus.

 MM: Carolin Pienkos gehört dazu, Cornelius Obonya, Rupert Henning, Oliver Bayer, Fritz Egger … Das ist ja schon ein „Ensemble“.

Ammersfeld: Wenn das so leicht wäre! Es ist schwierig, weil wir eben kein fixes Ensemble haben. Es geht darum, die richtigen Leute in den richtigen Konstellationen zusammen zu bringen. Wir arbeiten Richtung anspruchsvolles Kammerspiel, mit kleiner Besetzung. Umso wichtiger ist, dass die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt. Und gleichzeitig geht’s darum, jene Künstler zu verpflichten, die fürs Haus interessant sind. Da führt man lange vorher schon Gespräche, weil die Besten natürlich auch bestens beschäftigt sind. Wenn eine Produktion ausfällt, können wir nicht einfach eine andere einschieben, weil eben kein Ensemble da ist, das einspringen könnte.

 MM: Sie holen sich auch Kollegen, die in ganz anderen Biotopen zuhause sind: Barbara Horvath vom Schauspielhaus Wien spielt in „Drei Mal Leben“, Hubsi Kramar in „Halbe Wahrheiten“ …

Ammersfeld: Sie hierher zu bringen, ist spannend. Diese Künstler haben eine ganz andere Zugangsweise zum Beruf. Das letztendlich zum Funktionieren zu bringen, sie sich einmal in einem anderen Biotop erproben zu lassen, ist spannend und aufregend. Ich glaube, dass unser Publikum die Vielschichtigkeit, die wir auf die Beine stellen, schätzt. Hubsi ist ein wunderbarer Kollege, einer, der für mich die richtige Haltung und Lebenseinstellung hat, selbst Theatermacher ist, ein Bühnenmensch ist. Ich bin froh und glücklich, mit ihm gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Wir verstehen uns großartig, auch in seinen Ideologien. Er ist ein hochanständiger, völlig unkorrupter Mensch, geradeheraus bis zur Schmerzhaftigkeit. Und er schadet sich damit mitunter auch und es ist ihm wurscht. Das ist eine Haltung, die ich unglaublich bewundere. Wir sind sehr unterschiedlich: Die Lady und der Linke. Aber wir verstehen uns prächtig.

 MM: Wo nehmen Sie die Energie her?

Ammersfeld: Das frage ich mich manchmal auch. Ich habe die Sieben-Tage-Woche bei 14- bis 16-Stunden-Tagen. Wenn ich nicht im Theater bin, arbeite ich daheim am Schreibtisch.

MM: Einem Ondit zufolge greifen Sie in Inszenierungen ein, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Ammersfeld: Das haben Sie gehört? Das stimmt auch. Das ist eine Sache, mit der jeder, der mit mir arbeitet, rechnen muss. Aber es ist immer zum Besten der Produktion. Ich bin in vieler Hinsicht ein Bauchmensch, ich habe sensible Sensoren für Dinge und ich weiß mittlerweile auch genau, was hier am Haus verlangt wird und funktioniert und was nicht. Ich würde es als fahrlässig erachten, wenn ich darüber hinweggehen würde, wenn etwas möglicherweise in eine falsche Richtung ausufert – was aber mittlerweile höchst selten passiert. Denn am Ende des Tages bin ich für Auslastungszahlen und Einnahmen verantwortlich.

 MM: Das stimmt.

Ammersfeld: Wir müssen hier sehr genau rechnen. Und ich trage die Gesamtverantwortung. Es geht letzten Endes alles auf meinem Rücken aus, sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge, die es mitunter auch gibt. Man sollte versuchen so wenig Fehler wie möglich zu machen, so wenig falsche Entscheidungen wie möglich zu treffen. Ich kann mir nicht nur den Lorbeer umhängen, ich muss auch den Karren aus der Scheiße ziehen. Und es war schon oft genug Feuer am Dach, obwohl wir sehr zusammenhalten, eine Familie sind. Aber keine Demokratie; einer – ich – muss Flagge und Rückgrat zeigen. Ich betrachte Theater als moralische Instanz, wir haben einen Auftrag. Den nehme ich voller Begeisterung auf mich. Mit so viel Kompromissen, wie sich nicht verhindern lassen.

 MM: Das stadtTheater ist auf einem guten Weg. Sie haben mit „Drei Mal Leben“, „Mord mit kleinen Fehlern“, „C(r)ash“, „Der Vorname“, „Halbe Wahrheiten“ … Erfolgsproduktionen eingefahren. Soll das der Weg sein? Unterhaltung mit Haltung?

Ammersfeld: Das war von Anfang an mein Anspruch. Wir wollen kleine Stücke auf hohem Niveau zeigen. Auch ein Krimi ist Unterhaltung. Ein Theaterabend soll etwas in den Köpfen der Zuschauer hinterlassen, soll zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Er soll die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung befeuern – und kleine Stücke können das oft sehr gut. Das geht auch bei uns gar nicht anders. Wir haben keine Senkbühne, keine Drehbühne, keine Seitbühne. Wir haben keine Bühnentiefe, keinen Schnürboden, wir haben fast keine Verwandlungsmöglichkeit – und da wird Kreativität – nicht aus dem Vollen schöpfen zu können, ohne, dass das Niveau auf der Strecke bleibt – in lichte Höhen geschraubt. DAS ist Theater.

MM: Motto: Not macht erfinderisch?

Ammersfeld: Unbedingt. Wir müssen mit 2500 Euro pro Bühnenbild auskommen. Da ernte ich oft verzweifelte Blicke, aber unser Budget erlaubt uns einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr Geld ausgeben, als ich habe. Und siehe da: Es ist sich immer noch ausgegangen. Meine Theaterleute müssen den moralischen Anspruch auch an sich selbst stellen, denn es würde mir beispielsweise nie einfallen, mir eine Schauspielergage zu zahlen, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich habe ein Gehalt als Theaterleiterin, das muss reichen.

MM: Reizwort Förderungen?

Ammersfeld: Wir sind nach wie vor sehr gering gefördert, die Summe macht nicht einmal ein Sechstel unseres Budgets aus. Den Rest müssen wir selbst stemmen, selbst erwirtschaften. Wir wurden erst gar nicht gefördert, dann sehr geringfügig. In zweiten Jahr haben wir 50.000 Euro Baukostenzuschuss bekommen, dann waren’s 100.000, jetzt sind’s 300.000 Euro. Das ist auch keine Subvention, das ist eine Förderung. Wir haben pro Saison 40.000 Zuschauer, das heißt jeder Sitzplatz ist nicht 7,20 Euro gefördert. (Bei den Bundestheater: 110 Euro, bei den Vereinigten Bühnen Graz 123 Euro, Anm.) Wir sind vom Kontrollamt geprüft worden und haben eine römisch 1A bekommen. Die sagten, wir sind vorbildlich, obwohl Häuser unserer Größenordnung mit einem Vierfachen gefördert werden. Das haben wir halt nicht. Das Kontrollamt hat unsere Transparenz in allen Bereichen gelobt. Ich musste mir diese kaufmännischen Dinge ja auch aneignen, erarbeiten, als ich das Theater übernommen habe, und wurde punkto Knowhow sehr von meinem Mann Erwin Javor unterstützt.

MM: Kränkt, ärgert, frustiert, ist Ihnen wurscht, dass manche Journalisten und die Nestroy-Jury Berührungsängste mit dem stadtTheater haben?

Ammersfeld: Das kann  ich mir nicht erklären, achte auch ehrlich gesagt nicht allzu sehr darauf. Ich fühle mich von den Printmedien durchaus gut behandelt, allen voran von Werner Rosenberger und mottingers-meinung.at. Andere kommen, um uns zu verreißen, da ist mir lieber, sie kommen gar nicht. Ich mache hier meinen Job so gut ich kann. Also kann ich mich nicht ärgern. Was den Nestroy-Preis betrifft: Das ist nicht mein Hauptbegehren, dazu mache ich nicht Theater. Gut Ding braucht Weile. Also mal sehen 😉

MM: Was kommt nächste Spielzeit?

Ammersfeld: Wir werden im Oktober „Der Beweis“ von David Auburn herausbringen. Ein Krimi im Mathematikermilieu. Im Jänner wollen wir „Zweifel“ von John Patrick Shanley machen. Da geht’s um vermeintlichen Missbrauch in der Kirche. Ein spannendes relevantes Gesellschaftsstück. Da ist die Theaterdirektorin Ammersfeld mit der Schauspielerin Ammersfeld gerade in Diskussionen, ob sie mitspielen wird. Das habe ich mir mit mir noch nicht ausgemacht, ob ich mich selbst finanziell über den Tisch ziehe. (Sie lacht.)

MM: Ein Wunsch?

Ammersfeld: Es soll mit dem Rückenwind, der uns immer wieder Erfolg beschert, weitergehen.

www.stadttheater.org

www.mottingers-meinung.at/stadttheater-walfischgasse-halbe-wahrheiten/

Wien, 13. 3. 2014

stadtTheater Walfischgasse: Halbe Wahrheiten

März 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

So spielt man Alan Ayckbourn

Hubsi Kramar, Anita Ammersfeld Bild: Sabine Hauswirth

Hubsi Kramar, Anita Ammersfeld
Bild: Sabine Hauswirth

Endlich. Alan Ayckbourn. Es ist stadtTheater-Prinziplin Anita Ammersfeld anzurechnen, dass in Österreich wieder einmal eine Komödie des Londoner Stardramatikers auf dem Spielplan steht. Anderenorts meint man eine Scheu vor dessen kniffligen Beziehungstralalas wahrzunehmen. Es ist nicht leicht. Ayckbourn muss sitzen, à la minute, schnell muss es gehen, Schlag auf Schlag, sonst lösen sich Situationskomik und verbaler Infight in Langeweile auf. Ziehen wie ein Strudelteig ist da nicht drin. Regisseurin Carolin Pienkos, die dem stadtTheater unter anderem mit Autor Rubert Hennings „C(r)ash“ mit Ehemann Cornelius Obonya in der Hauptrolle und „Revanche“ zwei Kassenmagneten beschert hat, versteht es mit leichter Hand in Abgründe zu tauchen. Denn „seicht“ ist an Ayckbourns Edelboulevard nichts – eine Kunst, die die Briten meisterlich beherrschen. Pienkos hat den brillant-pointierten Text ebenso inszeniert. So macht man einen Ayckbourn!

Ein Paar Pantoffel löst diesmal die Irrungen und Wirrungen aus, sorgt für Versprechen und Versprecher – und am Ende noch für einen Knalleffekt. Der an dieser Stelle aber nicht verraten wird. Der junge, verliebte Greg findet die Unglücksschlapfen  unter dem Bett seiner Freundin. Ginny, schon mit einem Fuß im Zug, der sie zu ihren Eltern aufs Land bringen soll, hat keine Zeit mehr für Antworten. Auch nicht für eine auf Gregs Heiratsantrag. Also beschließt der geheim zu den Eltern ins Grüne vorauszufahren, man will schließlich seine Aufwartung machen und sich erklären. In der Idylle trifft Greg Sheila, freundlich, zuvorkommend, aber völlig ahnungslos, was dieser symphatische Fremde von ihr will. Tochter? Hat sie keine. Sondern Sheilas Ehemann ein Verhältnis mit Ginny. Und weil der Schelm denkt, wie er ist, unterstellt er seiner Frau ebenfalls eines. Da ist Greg nun natürlich ein passender Kandidat, will er doch bei Philip um die Hand Sheilas anhalten. Oder? Als auch noch Ginny auftaucht, ist das Chaos perfekt …

Das ausgezeichnete Darsteller-Quartett gibt unter Pienkos‘ Anleitung Vollgas. Allen voran Matthias Franz Stein, am Theater in der Josefstadt als Pfarrer Fürthauer in „Jägerstätter“ und demnächst als Franz-Ferdinand-Attentäter Danilo Ilic in „Die Schüsse von Sarajevo“ für die Kost zuständig, die einem im Hals stecken bleibt, beweist sich als begnadeter Komödiant. Auch, weil, wenn Komik sich stets in der Tragik gründet, sein Greg die tragische Figur des Ganzen ist. Ein so guter Mensch, dass er Böses nicht einmal argwöhnen kann, taumelt er planlos ob der Vorgänge durch die Handlung. Trocken, auch ein wenig trottelig. Es ist zu merken, dass er Spaß an der Sache hat. Apropos, trottelig: Der zweite Herr der Viererbande, Hubsi Kramar, kann’s auch sehr schön. Zuständig für die schönsten Oscar-Wilde-Inszenierungen Wiens, hat er sich das Very-British-Sein zu eigen gemacht. Er spielt es aus, in allen Klischees – von der Begeisterung für Golfspielen und Gartenpflege bis zu der für Orangenmarmelade, ist spleenig, abgedreht, gaga. Wie er sich dreht und windet, sein Schwindel droht aufzufliegen. Wunderbar eine Szene, wo er die Heckenschere im Kopf schon zum Mordinstrument auserkoren hat. Aber er ist eben doch nur ein Pantoffelheld. Anita Ammersfeld als Sheila hat ihr Schlitzohr mit süffisantem Sarkasmus im Griff. Erst überrumpelt, nimmt sie die Zügel mehr und mehr in die Hand. Aber weil man ja Grande Dame ist, natürlich so, dass es die Anwesenden nicht merken. Ammersfeld dirigiert mit einer höflichen Handbewegung, setzt mit einem Augenbrauenhochziehen Narreteien ein Ende. Sie genießt das Geheimnis, das sie umweht.  Und ertränkt Argumente der anderen in Kaffee. Ein wunderbare Leistung. Auch Sophie Prusa ist als Ginny geheimnisumwittert. Sie ist der Katalysator der Komödie, sprudelt über, um Spuren zu verwischen, verstrickt sich in halbe Wahrheiten und hat doch nicht die Chuzpe, die Lüge durchzuziehen. Punkto Manipulation findet Ginny in Sheila ihre Meisterin, Greg und Philip werden zu Marionetten an ihrem Gängelband.

Dass das stadtTheater Walfischgasse mit dieser Produktion voll ins Schwarze getroffen hat, ist die ganze Wahrheit. Man hat dort derzeit einen wohlverdienten Lauf. Das Premierenpublikum war amüsiert und dankte mit langem Applaus.

www.stadttheater.org

Weitere Erfolgsproduktionen des stadtTheaters:

www.mottingers-meinung.at/in-den-fusstapfen-von-michael-caine

www.mottingers-meinung.at/oliver-baier-in-der-walfischgasse

www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid

Wien, 6. 3. 2014