Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno

Oktober 14, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Off Theater: In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein

Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht. Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schleicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36197). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine Psychotherapie fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei …

Vorstellungen bis Ende November.

www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177

  1. 10. 2020

netzzeit 2019 Out of Control: This is what happened in the Telephone Booth

November 17, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert

sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich. Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion vom netzzeit-Festival 2019 Out of Control mit Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert – und zwar noch genau sechs Mal.

Video: www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           www.netzzeit.at           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

17. 11. 2019

Österreichisches Filmmuseum: Wahl der Waffen

August 22, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Kinoschau über den französischen Kriminalfilm

Le Choix des armes (Wahl der Waffen), 1981, Alain Corneau. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Le Choix des armes (Wahl der Waffen), 1981, Alain Corneau. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Zum Saisonauftakt präsentiert das Filmmuseum ab 26. August eine große Schau zum französischen Kriminalfilm: Ausgehend vom Innovationsschub durch die Nouvelle Vague um 1960 wird der Krimi aus seiner klassischen Periode in die Moderne geschleudert. Als Genre-Spiegelbild der nationalen Verfassung erlebt er dabei nicht nur eine ästhetische Wandlung, sondern auch eine politische und kulturelle.

Während Jean-Pierre Melville, als Galionsfigur und Vorbild, den Gangsterfilm zu absoluter „Reinheit“ führt, macht sich eine neue Regie-Generation von François Truffaut bis Claude Sautet daran, das Traditionsgenre für ein verjüngtes Publikum von Grund auf zu überholen. Dabei wird Vaterfigur Jean Gabin als Inbegriff des internationalen Superstars à la française von einem neuen Männertypus abgelöst: Lino Ventura reüssiert als ruppigerer Nachfolger Gabins, und Jean-Paul Belmondo sichert sich mit jugendlicher Coolness einen – abgesehen vielleicht von Alain Delon – einzigartigen Status, der insbesondere im Kriminalfilm Dekaden mitprägt. Erst in den Achtzigern findet sich in Gérard Depardieu ein würdiger Erbe: im Geiste einer rohen Wildheit und gespeist aus der Politisierung und radikalen Zuspitzung des Genres durch federführende Regisseure der 1970er-Jahre  wie Alain Corneau, Yves Boisset und Philippe Labro, und Autoren wie Jean-Patrick Manchette, Schöpfer des französischen Krimi-Überbegriffs „Polar“.

Coup de torchon (Der Saustall), 1981, Bertrand Tavernier. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Coup de torchon (Der Saustall), 1981, Bertrand Tavernier. Bild: Österreichisches Filmmuseum

A bout de souffle (Außer Atem), 1960, Jean-Luc Godard. Bild: Österreichisches Filmmuseum

A bout de souffle (Außer Atem), 1960, Jean-Luc Godard. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Parallel dazu führt die Entwicklung des populären Kinos in Richtung Oberflächenspannung, wie etwa bei den Action-Serien rund um Belmondo, zur Geburt des Cinéma du look, geprägt Anfang der Achtziger von Jean-Jacques Beineix‘ „Diva“ und in den folgenden Dekaden von Luc Besson  zur Weltexport-Marke gemacht. Doch im Gegensatz zum Rest Europas hat sich Frankreich erfolgreich gegen die gleichzeitige Nivellierung des Krimis unter fortschreitendem Druck der Fernseh-Konkurrenz behauptet: Zentrale Werke von Altmeistern wie Claude Chabrol belegen das ebenso wie die Weiterführung der soziologischen Polar-Tendenz im neuen Millennium bei Jacques Audiard oder Éric Valette.

Der Umbruch des französischen Krimis ab Ende der 1950er-Jahre folgt einem neuen Lebensgefühl, einem Aufbegehren gegen den Paternalismus der Nachkriegsjahre. Er ist nun international ausgerichtet und neigt zu verspielter Stilisierung. Der US-Einfluss zeigt sich in Jean-Luc Godards Gangsterfilm-Radikalkur „Außer Atem“, in Truffauts Adaption von Krimi-Kapazunder David Goodis‘ „Tirez sur le pianiste“ oder bei Louis Malle, der Miles Davis für den Soundtrack zu „Fahrstuhl zum Schafott“ engagiert. Thriller-Gott Hitchcock wird zum Bezugspunkt für Truffaut, etwa für „Die Braut trug schwarz“ mit Jeanne Moreau als Femme Fatale, wie für den Veteranen René Clément, der in „Plein soleil“ Delon als amoralischen Killer zum Star macht. Indessen erlebt der Polar dank radikaler Entschlackung und maximaler Lakonie eine ganz eigenständige Modernisierung, angekündigt in Sautets „Classe tous risques“, vollendet in Melvilles Meisterwerken.

Für einen weiteren Schub sorgten der Aufruhr im Mai ’68 und das darauffolgende Ende der Ära De Gaulle – ein Symbol für „Stabilität“, das freilich längst wirtschaftlich und sozial angeknackst war. Während Chabrol-Hauptwerke wie „Le Boucher“ die innere Fäulnis der Bourgeoisie auf den Punkt brachten, entstand auch eine linksradikale und anarchisch-satirische Strömung, ein härterer, wütender, geschärfter Neo-Polar, inspiriert von den Kriminalromanen Jean-Patrick Manchettes. Der auch in seinem Humor tiefschwarze Terror-Thriller „Nada“, Gipfeltreffen von Chabrol und Manchette, ist das Nonplusultra systemischer Kritik in den 1970er-Jahren. Zum zentralen Filmemacher dieses Aufbruchs wird jedoch Yves Boisset, flankiert von Anarchisten wie Jean-Pierre Mocky und Regievirtuosen wie Philippe Labro.

The Outside Man (Un homme est mort), 1972, Jacques Deray. Bild: Österreichisches Filmmuseum

The Outside Man (Un homme est mort), 1972, Jacques Deray. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Le Deuxième Souffle (Der zweite Atem), 1966, Jean-Pierre Melville. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Le Deuxième Souffle (Der zweite Atem), 1966, Jean-Pierre Melville. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Boissets Demontagen der Polizei in „Un condé“ und „La Femme flic“ und der Justiz in „Le Juge Fayard dit le Shériff“ fusionieren die Kraft des populären Kinos und sozialen Protest auf mustergültige Art. Sein Meisterwerk, die antirassistische Krimi-Satire „Dupont Lajoie“ aus dem Jahr 1975, legt den Finger in eine klaffende Wunde: Die Reaktionen auf den Zustrom nordafrikanischer Immigranten prägen den Polar parallel zum nationalen Tagesgeschehen, über Bertrand Taverniers Kolonialära-Reflexion „Der Saustall“ und Maurice Pialats Genre-Abgesang „Police“ bis zu „La Haine“ von Mathieu Kassovitz. In „La Haine“ kulminieren viele Schlüsseltendenzen: etwa die Banlieue-Analysen von Alain Corneau in „Série noire“, aber auch der Wandel des Kinos in Richtung Entertainment, im Gefolge eines Beineix oder Besson. Die Polar-Renaissance im neuen Jahrtausend hat sich von dieser Entwicklung nicht entmutigen lassen: Filme wie Audiards die Angst vor Muslimen betonender „Un prophète“ oder Valettes „Une affaire d’état“ mit seiner linken Fusion von Korruptions-Politthriller und Polizistinnen-Power belegen die Wirkmacht von Polar-Traditionsbewusstsein im Zeichen einer neuen Kino/Ära.

Ein Tipp: Am 8. und 9. September wird Dominik Graf, der bedeutendste deutschsprachige Krimi-Regisseur (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=1353), im Filmmuseum zu Gast sein und über den französischen Neo-Polar sprechen.

www.filmmuseum.at

Salzburg, 22. 8. 2016