Volksoper: Die Publikumslieblinge im Live-Onlinekonzert

April 24, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke der Operette und Musical-Evergreens

Bild: © Fidelio

Am 26. April präsentieren ORF III, Ö1 und die Klassikplattform fidelio ab 20.15 Uhr den zweiten von vorerst drei hochkarätigen Musikabenden live aus dem Großen Sendesaal des RadioKultur- hauses. Auf dem Programm stehen Meisterwerke der goldenen und silbernen Operettenära sowie zwei Musical-Evergreens. Johanna Arrouas, Martina Mikelić, Rebecca Nelsen, Ursula Pfitzner, Kristiane Kaiser,

Alexandre Beuchat, Ben Connor, Oliver Liebl, Carsten Süss und Vincent Schirrmacher singen Arien und Duette von Jahresregent Franz Lehár, dessen Geburtstag sich zum 150. Mal jährt, sowie aus dem Werk von Johann Strauß, Emmerich Kálmán und Ralph Benatzky. Alexandre Beuchat eröffnet den Abend mit „Da geh ich zu Maxim“ aus Franz Lehárs „Die lustige Witwe“, gefolgt von Rebecca Nelsen mit dem Vilja-Lied. Vincent Schirrmacher singt „Von Apfelblüten einen Kranz“ und „Dein ist mein ganzes Herz“ aus „Das Land des Lächelns“.

Per Videozuspielung von der Bühne der Volksoper ist Martina Mikelić mit „Ich lade gern mir Gäste ein“ aus der „Fledermaus“ zu erleben, gefolgt von Kristiane Kaiser aus dem RadioKulturhaus mit dem feurigen Csárdás der Rosalinde. Einen Ausflug ins Musicalfach macht Stefan Cerny mit „Ol’ Man River“ aus „Showboat“. Carsten Süss interpretiert „Komm Zigan“ aus Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ und gemeinsam mit Ursula Pfitzner das romantische Duett „Sag ja, mein Lieb, sag ja“.

Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Alfred Eschwé

Ben Connor und Rebecca Nelsen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Zwei Duette ganz unterschiedlichen Charakters aus der „Csárdásfürstin“ singen Johanna Arrouas und Ben Connor mit „Machen wir‘s den Schwalben nach“ sowie Ursula Pfitzner und abermals Ben Connor mit „Weißt du es noch“. Mit „Somewhere over the Rainbow“ aus „Der Zauberer von Oz“ träumt sich Johanna Arrouas in eine andere, bessere Welt. Und Oliver Liebl grüßt fröhlich per Zuspielung aus der Volksoper mit dem Schlager „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“ aus Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“. Den Abend beschließen abermals Duette aus der „lustigen Witwe“, interpretiert von Johanna Arrouas und Vincent Schirrmacher mit „Wie eine Rosenknospe“ und Rebecca Nelsen und Alexandre Beuchat mit „Lippen schweigen“.

Begleitet werden die Solistinnen und Solisten von einem Streichquartett des RSO Wien mit Konzertmeister Peter Matzka, Primgeigerin Jue-Hyang Park, Bratschist Martin Kraushofer und Cellistin Solveig Nordmeyer. Am Klavier ist diesmal Volksopern-Korrepetitor Eric Machanic. Durch den Abend führt Christoph Wagner-Trenkwitz. Nach der Volksoper steht am 3. Mai das Konzert der Vereinigten Bühnen Wien an. Die Abende werden als Live-Stream und nach der TV-Ausstrahlung für sieben Tage als Video-on-Demand via ORF-TVthek kostenlos bereitgestellt.

www.volksoper.at           tv.orf.at/orfdrei           www.myfidelio.at           TVthek.ORF.at

24. 4. 2020

Odeon – Serapions Ensemble: Lamento Allegro

Januar 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Tanz um den gestohlenen Esel

Der Oasenmann ist mit Ehefrau und Esel unterwegs ins Niltal, um seine Waren zu verkaufen: Elvis Grezda und Sandra Rato da Trindade. Bild: © Odeon/S. Smidt

Ohnedies ist alles Interpretation und Assoziation. So soll’s auch mit der Szene sein, in der sich Julio Cesar Manfugás Foster an eine in schlammbraune Arbeitskittel gewandete Beamtenschar wendet. Eine nach dem anderen stolpern sie hinter ihrem Schalter hervor, immer mehr werden sie, mit gurkenglasdicken Brillen, schlampig gebundenen Krawatten, diversen Ticks – jedes Zucken ein Verneinen der Zuständigkeit, jede Gebärde eine „Mich geht das nichts an“-Geste.

Es wird Aufstellung genommen, Ähnlichkeiten mit nächstens zu sehenden Angelobungsbilder sind …, im Lärm der Bürokratie geht die Beschwerde des Bürgers, oder weist ihn die Hautfarbe antizipativ als Nichthiesigen aus?, unter. Man hört nur zwei seiner Worte: „Wasser … Essen …“ Weit hergeholt? Stimmt. „Klagen des Bauern“ oder „Der redekundige Oasenmann“ ist ein mittelägyptisches Literaturwerk. Darin wird ein Niedriggestellter auf seinem Weg ins Niltal, wo er seine Waren verkaufen will, von einem leibeigenen Pächter seiner gesamten Habe beraubt. Worauf er sich an dessen Besitzer, den Obervermögensverwalter des Pharaos, der sich wiederum an seine Räte, später an den Pharao höchstselbst wendet.

Doch Gerechtigkeit widerfährt dem Bauern nicht. In neun Klagereden fordert er diese nun für sich ein, wird dafür verprügelt und vom untertänigen Volk sogar mit dem Tode bedroht. Der göttliche Herrscher allerdings lässt die Reden heimlich schriftlich festhalten, denn er ist seit Langem auf der Suche nach einem begnadeten Geschichtenerzähler … „Lamento Allegro“ nennt das Serapions Ensemble seine unter der Leitung von Max Kaufmann, Mario Mattiazzo und Erwin Piplits entstandene Inszenierung des Stoffs, deren Wiederaufnahme im Odeon Theater mit dem Jahreswechsel geschehen ist. Eine Parabel, so das Programmheft, über jene dicke Decke, die sich die Demokratie seit der attischen übergeworfen hat, um derart die Ungleichbehandlung von Staatsvolk und Zugezogenen, heißt: die wahre Macht der Archonten und Demagogen, Apparat die einen, System die anderen, zu tarnen.

In seine bewährt poetischen Bilder packt das Serapions Ensemble auch diesen kollektiven Theaterzauber. Ein Esel, mittels Fahrradgestell zum Laufen gebracht, ein Thespiskarren mit vielfältig nutzbarer Transportkiste, zwei Laufbänder und ein alter Filmprojektor – das sind jene Requisiten, um die herum die neue Kreation aus Schauspiel, Gesang, Tanz und bildnerischen Elementen komponiert ist. Julio Cesar Manfugás Foster, José Antonio Rey Garcia, Elvis Grezda, Ana Grigalashvili, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Miriam Mercedes Vargas Iribar, Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Gerwich Rozmyslowski und Sandra Rato da Trindade gestalten den 90-minütigen Abend.

Thespiskarren ohne Tier: Julio Cesar Manfugás Foster mit Rey Garcia, Vargas Iribar, Rozmyslowski, Grigalashvili und Iszlay. Bild: © Odeon/S. Smidt

Wütende Menge: José Antonio Rey Garcia, Julio Cesar Manfugás Foster, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Gerwich Rozmyslowski, Ana Grigalashvili und Mario Mattiazzo. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Räte kommen zwar aus ihrer Zauberkiste, doch …: Ana Grigalashvili und Elvis Grezda. Bild: © Odeon

… sind mit der Frage überfordert: Ana Grigalashvili, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die belämmerte Beamtenschar: Grezda, Rozmyslowski,  Mattiazzo, Rey Garcia, Iszlay, Rato da Trindade, Grigalashvili, Vargas Iribar. Bild: © Odeon/S. Smidt

Die Krawatte wird als Würgehalsband gebraucht: Grezda, Rozmyslowski, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Wobei jeder mehrere Figuren verkörpert, Sandra Rato da Trindade und Elvis Grezda als Bauersleute beginnen den Reigen, sie in safrangelbem Kaftan, er in lindgrünem, und wie die Kostüme – sie noch aus den Beständen von Ulrike Kaufmann – von Spieler zu Spielerin weitergereicht werden, José Antonio Rey Garcia und Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Mercedes und Miriam Vargas Iribar, macht deutlich wer nun als Chui-ni-Anup nebst Gattin unterwegs ist. Knapp nach Weihnachten erinnern die beiden an die Legende von Marias kleinem Esel, das Schwingen dreier Seile markiert den reißenden Fluss, den es zu durchqueren gilt, dann ein Wandteppich aus Wüste, Wind, Unwetter.

Dass Julio Cesar Manfugás Foster mit seiner vazierenden Truppe den Thespiskarren nicht länger allein ziehen will, mag – siehe Subventionssituation – als selbstironisches Augenzwinkern gedeutet werden, jedenfalls wird das Grautier gestohlen. Es bleibt der Imaginationskraft jedes einzelnen überlassen, in die folgenden Choreografien einen roten Faden einzuweben, die Strahlkraft der Aufführung versteht es, Fantasiebegabte aller Ausbildungsgrade für sich einzunehmen. Mit einem Maskenmix von Commedia dell’arte bis Mad Max, mit Musik von Goran Bregović, Philipp Glass, Meredith Monk, Mohammad Reza Mortazavi bis Richard Wagner.

Gesprochen, gesungen wird in vielen Ensemblesprachen, Gerwich Rozmyslowski führt, als die Reihe an ihm ist, seine Beschwerde auf Wienerisch. „Zu wem kann ich heute reden?“, das Gebet um Gerechtigkeit, wird zur Anklage, wird kämpferisch circensisch, wird zu einem resignativen „Wozu soll ich noch reden?“. Ein per Hoverboard schwebender Trenchcoat-/Würdenträger befragt die Räte, dies einer der skurril-schönsten Momente, wenn die vielarmige, verschlafene Obrigkeit, an der Spitze Ana Grigalashvili, aus der Kiste tritt, und unterm sich selbst eingeflüsterten Motto „Sag‘ kein Wort!“ mehr und mehr ins Taumeln gerät.

Der redekundige Oasenmann wird von Pharaos Stoffsäulen eingewickelt: Elvis Grezda, Ana Grigalashvili und Mercedes Miriam Vargas Iribar. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Dramatik des Visuellen, die wunderbar berührende Grausamkeit des Ganzen, wird um Textzitate erweitert, vom „Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba“ aus dem Papyrus Berlin 3024 bis zum Gedicht „Die Freiheit ist schrecklich“ von Ali Podrimja. Freiheit, sagt das Serapions Ensemble damit, ist Verantwortung, und nur der eigenverantwortliche Mensch kann eine diesem würdige, lebenswerte Gesellschaft bilden. In der eine ethische Grundhaltung jedem einzelnen

inne ist, ohne dass ihn Gesetze dazu zwingen. Eigeninitiative ist das Credo zur Stunde. Die Darsteller tanzen nach Haka-Art. Das abschließende, überwältigende Bild: Aus sich drehenden Stoffzylindern wird ein Säulenpalast, der zusammen mit den historischen Kolonnaden der einstigen Getreidebörse ein monumentales Gesamtkunstwerk ergibt. Und während im Thronsaal des Pharaos dessen Untertanen am Schlips wie am Würgehalsband geführt werden, fallen die Stoffe und umschlingen den Bauern. Steht er da als königlich gekleideter Auserwählter oder als ein seinem Gebieter Ausgelieferter?

Die Gedankenwelt des Bauern und die allzu menschliche Universalgeschichte verschwimmen.  „Auf dem Rücken der Schildkröte / ein jedes Ding war schrecklich / auch die Freiheit“, rezitiert Grezda, nun wieder Oasenmann, Ali Podrimja. Da erkennt man erst, was das Auge bereits vorher beobachtet hat: Je mehr sich der Beraubte in seinen Klagen mit dem Diebstahl beschäftigt, desto mehr beraubt er sich der Freiheit. Das ist der Preis fürs Recht bekommen, für Privilegien und Reichtum aus der Hand der Machthaber. Sehr eindrucksvoll verschwindet zum Schluss die Frau erst durch die, dann auf der Filmleinwand, und mit ihr der Esel – mutmaßlich ins wahrhaft Freisein. Tosender Applaus für diese absolut staunenswerte Produktion.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zn4NvfvbFRs&feature=youtu.be           vimeo.com/330207813           www.odeon-theater.at

  1. 1. 2020

Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Werk X: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Februar 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feuer frei auf die Fake News!

Slapstick mit Staatsanwalt: Jennifer Frank als Katharina Blum, Peter Pertusini als Ankläger Hach, Daniel Wagner und Sören Kneidl als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Bild: © Alexander Gotter

Der Schluss ist schockierend, genau genommen skandalös, doch scheint Regisseur Harald Posch der Meinung zu sein, dass man die von ihm als solche ausgeforschten Skandalblätter der Republik nicht mit Samthandschuhen anfassen zu braucht. Und so lässt er die Schauspieler deren führende Köpfe als Schießscheiben aufstellen, heißt: deren Fotos unterm Fadenkreuz, und dem Publikum eine Pistole anbieten. Einmal abdrücken gefällig? Feuer frei auf die Fake News!

Gestern verhalf der künstlerische Leiter des Werk X ebendort Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zur Theaterpremiere. Es war der Tag, an dem in Bratislava 30.000 Menschen der Ermordung des slowakischen Investigativ-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnírová vor genau einem Jahr gedachten, und Kuciak kommt an diesem Abend auch vor. Ebenso die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, die wie er korrupten Politikern auf der Spur war. Solcherart befördert Posch Bölls von ihm selbst so genanntes Pamphlet in die Aktualität – mit dem angriffigen Hinweis, dass es stets nur die guten unter den Berichterstattern sind, die ein gewaltsames Ende finden.

Vieles gilt es zu bereinigen: Wiltrud Schreiner, Daniel Wagner und Sören Kneidl im Verhörraum. Bild: © Alexander Gotter

Saubermachen nach dem „Blutbad“: Wiltrud Schreiner als Else Woltersheim und Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

„Katharina Blum“, eine Provokation, das war der Text schon im Erscheinungsjahr 1974, ein literarisches Anprangern des Axel-Springer-Verlags in Form einer fiktiven ZEITUNG, eine „Hetz-Maschine“, so Posch im Gespräch, von der es hierzulande derzeit sogar drei gebe. Diesem Propagandaboulevard kommt die Inszenierung mit Poschs probaten Mitteln der Groteske und des sarkastischen Humors bei. Das Spieltempo ist hoch, auf Schnellsprech folgt Slapstick, auf intellektuelle Debatten über rohe Bürgerlichkeit vs Bürgertum der blanke Irrsinn, die Raumtemperatur ist in etwa die der britischen „Carry-On“-Filme.

Als Katharina Blum ist erstmals am Haus Jennifer Frank zu sehen, und sie gestaltet die Titelrolle intensiv, changierend zwischen gedemütigt und verletzt, dann plötzlich aufbegehrend und stark; sie singt auch wunderbar anrührend Nick Caves „Henry Lee“. Rund um Frank geben Wiltrud Schreiner, Sören Kneidl, Peter Pertusini und Daniel Wagner unzählige der Böll-Figuren. Trude und Hubert Blorna, dessen Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ von der ZEITUNG als „eiskalt und berechnend“ falsch zitiert wird, Alois Sträubleder, Else Woltersheim …

Daniel Wagner und Sören Kneidl sind großartig als die Knallchargen-Kommissare Beizmenne und Moeding. Allein mit einer akrobatischen erst Fuß-, dann Kopf-im-Kübel-Nummer schenken sie sich nichts, die Symbolik selbsterklärend – die beiden haben sich in ihrem Ermittlungsunsinn verfangen, und auch ihr „Zugriff“ auf Katharinas Badezimmer ist brüllend komisch. Wagner macht außerdem den rücksichtslosen Reporter Werner Tötges zum Horst-Schlämmer-Lookalike, Sören Kneidl mit Gitarre und Kapuzenhoodie den Ludwig Götten. Der gebündelte Wahnsinn findet in den Kostümen und auf der Drei-Ebenen-Bühne von Daniel Sommergruber statt, oben Katharinas Nasszelle, in der Mitte der Verhörraum, unten das Domizil der Blornas, dazu die obligate Leinwand für Live-Großaufnahmen. Die Story, die Posch in diesem Setting schildert, ist folgende: Die Blum hat auf einer Party Ludwig kennengelernt und mit nach Hause genommen. Am nächsten Tag stürmt die Polizei ihre Wohnung, auf der Suche nach dem „Staatsgefährder“, der im „Asylbusiness“ tätig sein soll.

Klar weist sich Poschs Blum gegenüber ihrer Tante Else, dargestellt von Wiltrud Schreiner, als Ludwigs Verlobte aus, klar weist sie Staatsanwalt Hach, ihn spielt Peter Pertusini, beide zusammen auch das Ehepaar Blorna, wegen seiner Begriffsungenauigkeit zurecht. Zärtlich ist nicht zudringlich, Ludwig war das eine, andere Männer sind das andere. Und während derart die Auswüchse der Post-Truth-Ära, Bot-Armeen und die Cambridge Analytica verhandelt werden, Katharinas schwerkranker Mutter das Wort im Mund umgedreht und auch ihr Ex-Ehemann zur Causa befragt wird, lässt Posch die gegenseitige Anbiederung der Medien und der Macht in einer Fellatio gipfeln oder eine Innenministermaske in Strapsen und High Heels tänzeln. Bölls angedachter Selbstmord der Blum wird zum zornigen Blutbeutelwerfen im Bad.

Die gegenseitige Anbiederung von Macht und Medien wird bald in einer Fellatio gipfeln: Peter Pertusini und Sören Kneidl, hinten: Jennifer Frank. Bild: © Alexander Gotter

Das alles im Turbogang, der 90 Minuten lang nicht runtergeschaltet wird, mit Schauspielern, die ohne Selbstschonung Schwerstarbeit leisten. Und mitten in deren Waffengang gegen – um Hannah Arendt wiederzugeben – das Wahrlügen entwirft Jennifer Frank eine Grafik der „Eigentümer österreichischer Medien“. Es sind weniger als eine Handvoll, und jeder mit jedem auf Umwegen verbandelt, 49.44 Prozent da, 50.56 Prozent dort.

Da ist man doch froh, dass man zu hundert Prozent nur sich gehört. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Werk X ist eine explosive Aufführung, deren Spreng-Stoff beim nächsten Zur-Hand-Nehmen einer ZEITUNG hoffentlich bedacht werden wird.

Harald Posch im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32038

werk-x.at

  1. 2. 2019

Werk X: Harald Posch im Gespräch über „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Februar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hetz-Maschinen gibt es in Österreich derzeit drei“

Die Boulevardpresse bedrängt Katharina Blum: Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Bild: © Alexander Gotter

Im Werk X stellt Harald Posch, gemeinsam mit Ali M. Abdullah künstlerischer Leiter des Hauses, Heinrich Bölls 1974 erschienene Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne. Der Text beschreibt, wie eine bisher unbescholtene Frau wegen eines One-Night-Stands mit einem mutmaßlichen Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulvardpresse wird – bis sie schließlich tatsächlich eine Wahnsinnstat begeht.

Poschs Inszenierung dieses „Pamphlets“, wie der Autor selbst es nannte, soll beleuchten, wie Sensationsjournalismus wirkt und wie die Wahrheit in der „Post-Truth“-Ära immer wieder unter die Räder gerät – auch, weil sie weder in den Medien noch in der Politik ernsthafte Verteidiger mehr hat. Es spielen Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Premiere ist am 21. Februar. Harald Posch im Gespräch:

MM: Die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat einen zweiten Titel, der lautet „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“. Was hat Sie jetzt angesprochen, auf diesen Text zurückzugreifen?

Harald Posch: Böll beschreibt eine mediale Hysterisierung, einen Übergriff durch Boulevardmedien. Er macht das aufgrund eines Einzelschicksals, aber im Prinzip stand auch damals in den 1970er-Jahren, zu Beginn der RAF-Zeit in Deutschland, klare Meinungsmache dahinter, die politische Ziele verfolgt hat. Diesbezüglich ist die Parallele zur Gegenwart sofort da, nämlich so etwas wie eine gesellschaftliche Außenfeindbestimmung. So wie damals die Linke dazu benutzt wurde, viel mehr daraus zu machen, als tatsächlich da war, wird das heute – Stichwort Migrationsdebatte – gemacht. Und der Boulevard setzt sich da natürlich genüsslich drauf, um die Diskussion am Dampfen zu halten und voran zu treiben. Und in diesem Vakuum lässt sich gut Politik machen, da spaltet man die Gesellschaft schön und trifft im Hintergrund politische Entscheidungen, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Das hat mich an der „Katharina Blum“ sehr interessiert.

MM: Böll selbst ist sehr angegriffen worden, weil er einen Essay über Ulrike Meinhof geschrieben hat. Man hat ihm Sympathien für die RAF unterstellt. Die Zeitung, gegen die er sich gewandt hat, gibt es immer noch. Kann man gegen Medien überhaupt etwas bewirken?

Posch: Der Springer-Verlag, den er im Speziellen aufs Korn genommen hat, ist nach wie vor sehr mächtig, auch hierzulande. Aber das war ja einer der Gründe, warum Böll die „Katharina Blum“ geschrieben hat, damit er an die Öffentlichkeit gehen kann, der „Krieg“ ist dadurch ja sehr intensiv geworden. Böll war sehr erfolgreich, hat sechs Millionen Exemplare verkauft, worauf der Springer-Verlag in den eigenen Zeitungen die Bestseller-Listen nicht mehr veröffentlicht hat, da ist also viel in Bewegung geraten. Aber natürlich ist die Macht des Boulevards ungebrochen, und man weiß das auch. Der letzte, der versucht hat, dagegen oder nicht ganz im Einklang mit ihm zu marschieren, war der vergangene österreichische Bundeskanzler, der mit seinem Amt dafür gebüßt hat.

MM: Wobei man hierzulande das Gefühl hat, dass sich der Boulevard in zwei politische Lager spaltet: für Türkis-Blau und dagegen.

Posch: Das wäre fast etwas, das zu wünschen wäre, aber Boulevard arbeitet immer opportun, mit Sensationsjournalismus, mit Unwahrheiten, mit aufgeblasenen Nebensächlichkeiten vor allem, mit Gewaltdarstellung und Sexismus. Wenn dagegen was tun, dann so wie Katharina Blum auf die exakte Bedeutung jedes einzelnen Wortes Wert legen. Sie streitet in der Einvernahme mit der Polizei darüber, ob jemand zudringlich oder zärtlich wurde, weil Zudringlichkeit etwas nicht Einvernehmliches ist, Zärtlichkeit schon, et cetera. Immer wieder beharrt sie darauf, dass etwas nicht ausdifferenziert dargestellt ist.

MM: Das heißt, sie beharrt auf Sprachgenauigkeit.

Posch: Auf Darstellungsgenauigkeit, auf Fakten. Nicht so, wie Herr Gudenus unlängst gepostet hat, Migranten schleppten die Krätze ein. Es ist so unfassbar, in jedem anderen europäischen Land wäre er rücktrittsreif, bei uns tritt nicht einmal jemand in die Nähe eines Rücktritts. Oder Herbert Kickl, der sich hält, weil er der Rechtsintellektuelle, der Stratege in der Partei ist. Ohne ihn wäre die FPÖ nicht halb so weit, wie sie heute ist.

MM: Um den Text zum Kern zu bringen: Katharina Blum hat einen One-Night-Stand. Sie nimmt einen Mann mit, der sich im Nachhinein als zwielichtig zeigt. Wie ist das genau?

Posch: Genau, sie lernt jemanden kennen, ist aber in Wahrheit eine sehr auf sich selbst bedachte, in sich gekehrte Frau. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei ihre Wohnung, sie sagt, sie weiß nicht, wohin der Mann gegangen ist, und man eröffnet ihr, dass er staatspolizeilich gesucht wird, weil man ihm ein zunächst ein nicht näher benanntes Verbrechen anhängt, und er sogar in Verdacht gerät, ein politisches Verbrechen geplant zu haben, Waffendiebstahl, Mord und so weiter. Alles im Rahmen der medial geschürten RAF-Hysterie. Blum wird einvernommen, man drängt sie immer mehr in die Ecke, weil man ihr nicht glaubt, dass sie den vorher wirklich nicht gekannt, mit ihm nichts Konspiratives aufgebaut hat, und plötzlich dringen die Informationen, die nur die Polizei haben sollte, an die Medien.

MM: Die was tun?

Posch: Die wiederum veröffentlichen, bauschen immer mehr Halbwahrheiten auf, skandalisieren sie als Person bis zum „Verbrecherflittchen“. Die Journalisten gehen zu Blums Mutter ins Krankenhaus, zu ihrem Arbeitgeber, holen sich von überall Informationen, alle in der Richtung, in die sie sie brauchen, veröffentlichen Fotos, wie man sie in der Früh abführt, wie man das klassisch kennt, bis sie so bedrängt wird, dass sie beschließt, den Journalisten, der die Geschehnisse hauptverantwortlich trägt, zu erschießen. Was sie auch tut, und das ist natürlich ein Skandal, weil Journalistenmord per se eine No-Go-Area und zu Recht ein totales Tabu ist. Da spielt Böll mit Moral auf zwei Seiten, deshalb ist der Untertitel „Wie Gewalt entsteht“ so wichtig. Aus Gewalt entsteht wieder Gewalt.

MM: Die Statistik besagt, 2018 sind 64 Journalisten und 13 Blogger ermordet worden.

Posch: Und diese Taten rücken in unmittelbare Nachbarschaft, siehe Slowakei, wo Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová erschossen wurden, den haben wir sogar im Stück drin, auch die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia …

MM: … Ján Kuciak, das muss man dazu sagen, der zuvor vom deswegen später zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet wurde.

Posch: Aufgrund seiner Korruptionsrecherchen und weil der der ganzen Regierung Mafia-Kontakte nachweisen konnte. Da ist, dass Fico gehen musste nicht viel, da hätte sich die ganze Regierung verabschieden müssen. Galizia war an den Panama Papers dran und hat Verbindungen zur maltesischen Regierung nachgewiesen. Das Interessante ist, ohne dass ich zu viel über die Premiere verraten möchte, dass alle diese Journalisten keine Boulevardjournalisten waren, sie standen alle nicht für eine rechte publizierende Seite. Das waren Aufklärungsjournalisten, seriöse Investigativjournalisten, und das ist unfassbar, das muss statistisch festgehalten werden.

MM: Sie nennen Ihre Inszenierung ein Stück aus der Post-Truth-Ära. Was meinen Sie damit?

Posch: Die Post-Truth-Ära ist angeblich erst mit Trump großgeworden, und bedeutet, dass die Politik medial bewusst mit der Unwahrheit arbeitet, um eine Gesellschaft restaurativ zurück zu entwickeln. Das hat viele reaktionäre Ausformungen, dazu kommen im Gegensatz zu Bölls Zeiten die sozialen Medien, und was da anvisiert passiert, siehe Cambridge Analytica, Bot-Armeen, ist kaum fassbar. So gesehen sollte, den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu überprüfen, mittlerweile oberstes Gebot von jedermann und jederfrau sein, und wenn’s die letzte Facebook-Meldung ist, die man bekommt.

MM: Aber wie einfach ist das noch? Gerade von den sozialen Medien wird ja sehr richtig gesagt, dass sich jeder in seiner Blase bewegt. Wie kann ich da noch eine Meldung überprüfen?

Posch: Sucht man die Fake News, ist der Prozess sicher ein schwieriger. Wenn man aber jemand ist, der seriös informiert sein möchte, hat man doch die Möglichkeit, verschiedene Printmedien herzunehmen und zu schauen, kann das stimmen oder nicht. Man muss Quellen auf ihr Vertraulichkeit checken, wofür sich allerdings viele Leute leider die Zeit nicht nehmen.

MM: Das Phänomen ist älter als „Katharina Blum“. Hannah Arendt hat schon von den Wahrlügen gesprochen. Ist die einfache Botschaft tatsächlich immer die glaubhafte?

Posch: Ja, weil sie auch einfache Antworten oder Lösungen anbietet. Die Gesellschaft ist unglaublich komplex geworden, wir haben mit der Digitalisierung zu kämpfen, wir haben ökologisch zu kämpfen, haben mit einer wahnsinnigen Diversifizierung zu kämpfen. Das ist das Problem der linken Erzählung, dass es keine homogenen gesellschaftlichen Gruppen mehr gibt. Es gibt „die Arbeiterschaft“ nicht mehr – „das Volk“ hat es sowieso nie gegeben. Heute muss man jeden aus seiner individuellen Ecke abholen. Vieles wird den Leuten heute zu komplex, da greifen sie auf einfache Antworten zurück, und diese Vereinfachung ist natürlich politisch in jede Richtung brandgefährlich. Ein Thema, das wir auch in den Abend hineinschleifen ist, dass es am Ende gar keine Debatte um Links- und Rechtsschemata ist, was auch die Rechten gern ins Spiel bringen, indem sie die politische Mitte als links diffamieren, damit sie selber in die Mitte rutschen, doch das ist es nicht.

MM: Sondern?

Posch: Wir leben im Westen in einer neoliberalen Zeit. Dieser Neoliberalismus hat eine vollkommene Entgrenzung durchgesetzt, die keine sozialen Spielregeln in der Ökonomie mehr zulässt, was wahnsinnig viele Gruppen der Gesellschaft wirtschaftlich an den Rand gedrängt, eine neue Armut geschaffen hat, Menschen, die nicht mehr am Bildungs- oder am Gesundheitswesen partizipieren können. Und die werden nicht gehört, die haben keine politische Stimme. Und dann kommen die, die sagen: So wird’s funktionieren Leute, und denen wird geglaubt.

MM: Siehe der sogenannte Rust Belt in den USA, dessen Bewohner von den Ostküstenmedien immer nur als Hinterwäldler abgetan wurden, und der sehr stark Trump gewählt hat? Im Irrglauben, dass ein Superwirtschaftsboss ihre Stimmen vertreten wird?

Posch: Das ist das Schlimme an der Demagogie überhaupt, dass der Demagoge kein soziales Versprechen mehr abgibt. Er sagt, ich kann euch nicht versprechen, dass es euch besser gehen wird, wenn ihr mich wählt, dass wir dann genug für alle haben, aber wir werden dem anderen Hund den Knochen aus dem Maul reißen und wir werden ihn selbst fressen. Dass es dabei Kollateralschäden gibt, das wird immer sein, aber was da ist, das teilen wir uns unter einander, und die anderen bekommen nichts. Das ist so ein einfaches Bild, so schlüssig, und macht diesen großen Unterschied zwischen Demagogen und Demokraten, deshalb sind erstere nie, auch wenn sie sich nach dem National- das -Sozialistisch dazuschreiben, die Stimme des Volkes.

MM: Das Verbreiten von Fake News werfen heutzutage Politiker, die ihrerseits mit alternativen Fakten arbeiten, seriösen Medien vor. Warum funktioniert aus diesen Kreisen die Opferhaltung?

Posch: Weil die Leute, die sie vorgeben zu vertreten, tatsächlich Opfer sind. Nicht Opfer der seriösen Medien, sondern eben des neoliberalen Systems, das auf solche Leute pfeift, sie ausbeutet und wegschmeißt, wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind. Diese Menschen wissen und fühlen, was es heißt, Opfer zu sein, und wenn da einer hingeht und irgendeinen Schuldigen findet, das meinte ich vorhin mit Außenfeindbestimmung, einen der sagt, die Flüchtlinge sind schuld und die seriösen Medien sind schuld und die Linken sind schuld, dann wird das so angenommen. Wenn man einem weißen, 45-jährigen Arbeiter in Detroit sagt, er muss jetzt ein Binnen-I schreiben und seiner Homophobie abschwören, dann hat der deutlich ein paar andere Sorgen. Und dann kommt einer und sagt, diese Linken haben nichts anderes zu tun, als dich damit zu quälen, und zack, schon springt der an. Das ist der emotionale Brückenschlag.

MM: Wenn ich’s vorhin richtig verstanden habe, ziehen Sie Ihre Arbeit vom Jahr 1974 ins Heute herüber?

Posch: Natürlich, warum macht man „Katharina Blum“ sonst im Jahr 2019? Ich habe den Text radikaler gemacht, aber es sind ohnedies genug Parallelen da. Böll schreibt über „die ZEITUNG“ als Medienmaschine, aber er nennt die Springer-Verlags-Medien nie beim Namen. Von diesen „Hetz-Maschinen“ gibt es in Österreich aber derzeit gleich drei. Ich halte mich aber ganz streng an Bölls Pamphlet, wie er es genannt hat, und erzähle sehr schön pragmatisch seinen Plot nach. Es gibt ja sehr witzige Dialoge und sehr spaßige Figuren, wie zum Beispiel die Kriminalbeamten. Es wird also auch zum Lachen, die Darstellungsart wird allerdings à la Werk X sein, schräger, als man sich einen Böll vorstellt, hoffe ich. Und es sind einige aktuelle Texte eingearbeitet.

Die deutsche Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank spielt erstmals im Werk X. Bild: © Alexander Gotter

MM: Zum ersten Mal am Haus spielt Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank?

Posch: Ja, sie hat in Deutschland große Karriere gemacht, hat aber am Reinhardt-Seminar studiert und zwei Jahre lang am Volkstheater gespielt, woher sie unsere Dramaturgin Hannah Lioba Egenolf kennt. Jennifer Frank war Hannah ab und an hier besuchen, hat sich unser Theater angeschaut, und es stand immer im Raum, ob man sie nicht besetzen kann.

Und wenn ich eine Katharina Blum suche, greife ich natürlich so hoch ich kann, also freue ich mich sehr, dass das jetzt geklappt hat, es ist auch eine wunderschöne Zusammenarbeit.

MM: Zur Halbzeit der laufenden Saison gefragt: Wie läuft’s?

Posch: Gut, wir haben ein Repertoire aufgebaut, das ausgezeichnet besucht wird, „Homohalal“, auch „Erschlagt die Armen!“, das beim Publikum sehr gut funktioniert hat, da waren wir komplett ausverkauft, da haben Oliver Huether von der Josefstadt und Veronika Glatzner erstmals bei uns gespielt. Auch „Aufstand der Unschuldigen“ von Ali M. Abdullah läuft gut, und, was mich besonders freut, wir spielen im siebenten Jahr immer noch „Gegen die Wand“ mit Zeynep Buyrac und sind komplett voll, obwohl wir kein einziges Plakat aufgehängt haben. Ich kenne Leute, die sind da schon fünf Mal reingegangen. Jetzt kommt eben die „Katharina Blum“, und danach im Mai Falk Richters „Je suis Fassbinder“, eine österreichische Erstaufführung.

Rezension „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“: www.mottingers-meinung.at/?p=32109

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18. 2. 2019