Theater in der Josefstadt: Madame Bovary

April 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zwangsjacke der Borderlinerin

Die Bovarys mal fünf sind von Rodolphe Boulanger hingerissen: Bea Brocks, Silvia Meisterle, Therese Lohner, Ulli Fessl, Maria Köstlinger und Christian Nickel. Bild: Astrid Knie

Dass Charles‘ Landarztkittel sich knapp vor der Pause in eine Zwangsjacke für Ehefrau Emma verwandelt, macht Sinn, fühlt sich die doch in ihrer Situation ausweglos gefangen und ergo unglücklich. Regisseurin Anna Bergmann (über-)dreht Gustave Flauberts Fantasien zu seiner Protagonistin. Bei ihr wird die überspannte Provinzgattin zur Borderlinerin – Bergmanns liebste Interpretation, inszeniert sie Weltliteratur-Frauenfiguren -, und die gibt es nicht nur ein Mal, sondern gleich mal fünf:

„Madame Bovary“ am Theater in der Josefstadt. Da gelingt Bergmann vor allem im ersten Teil Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst.

Denn erzählt wird gleichsam posthum. Bergmann setzt auf Prosa, und einen großartigen Christian Nickel als Rodolphe Boulanger als Berichterstatter ein. Er schildert das Drama bis zum Untergang, diese kurze Existenz, die er gekannt hat, der Selbstmord am Ende scheußlich und die Liebe nimmerwährend. Eindrückliche Bilder gelingen da. Ein Albtraumreigen, der sich immer schneller dreht. Emma aus Luken und über Wände kletternd, der Geliebte mit Fetischfuchsmaske, Horrorgestalten in Lack und Leder. So subtil, wie Flaubert es verdient hat, weißt Bergmann darauf hin, dass es im Roman höchst realitätsnah um sexuelle Obsession und erotomanische Fixierungen geht.

Ein unnahbares Elegiebürschchen: Meo Wulf und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Doppelbild von Heiliger und Hure: Bea Brocks und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger, alles gebend, ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert.

Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads „It’s A Fire“ singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend. Das Publikum dankte jedenfalls für den Assoziationsfreiraum, den ihm die Aufführung ließ, mit viel freundlichem Applaus.

Berthe als spooky Puppe ist auch keine Sympathieträgerin: Roman Schmelzer, Suse Wächter und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Ins Wahnsinnsspiel passt auch Suse Wächter, die Berthe Bovary als Puppe führt, zu spooky für eine Sympathieträgerin, ein Hassliebeobjekt für die Mutter und Erdulderin von deren Launen, darin ganz der Vater. Siegfried Walther gibt Monsieur Homais als Laboratoriumsratte und den Lheureux als diabolischen Verführer mit Lagerfeldzopf, der Emmas Kaufrausch mit immer neuen Luxuslabeltragtaschen befeuert.

Beginnt der Abend mit Pantomime, so endet er mit leerem Raum, in dem die Worte aus dem Off hallen. Emma allein auf der Bühne, der Rest ihre Kopfgeburten. Ulli Fessl ist noch da, die nie mehr gelebt haben werdende Emma, und deklamiert in Trauerrobe den Ophelia-Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, wird zur Frau, „die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd …“ Dass Bergmann damit der Bovary pathologisches Betragen in den Schmerz der Welttragödie steigert, schafft deren Hysterie eine Bedeutsamkeit, die angesichts des 20. Jahrhunderts überzogen scheint. Dies als Fußnote nach einem Dreistundenabend, der ansonsten überzeugte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=ftf7DJJ04cU

www.josefstadt.org

  1. 4. 2018

Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Theater franzjosefskai 21: Radetzkymarsch

Oktober 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alexander Waechter brilliert als die ganze Familie Trotta

Bild: Andreas Anker

Große Schauspielkunst gibt es derzeit im Theater franzjosefskai 21 zu sehen. Alexander Waechter hat seine Dramatisierung von Joseph Roths Jahrhundertroman „Radetzkymarsch“ nach der umjubelten Premiere beim Festival Attersee Klassik an sein Haus geholt, und schlüpft nun dort in die Charaktere der gesamten Herren Trotta. Vom „Held von Solferino“ über den Bezirkshauptmann bis zu Carl Joseph. Und siehe, bei seinem Vortrag macht Waechter, wiewohl den Text als Gedächtnisstütze in der Hand, mehr Theater, als andere, wenn sie Theater spielen.

Ein Stuhl, ein Säbel und eine Uniformjacke sind alles, was er an Requisite für sein Spiel braucht. Waechter ist ein pointierter Erzähler und begnadeter Satiriker, und so kommt’s, dass das Publikum bei allen Schicksalsschlägen und inmitten des Verfalls der alten Ordnung „Donaumonarchie“ auch immer wieder von Herzen lachen kann. Die Allüren der k.u.k. Gesellschaft, ihre selbstauferlegten Zwänge und die daraus entstehenden Nöte, ihre Manieren wie ihre Manierismen sind durchaus dazu angetan, eine heutige Zuhörerschaft zur Heiterkeit zu verführen.

Waechter folgt in seinem Zweidreiviertelstunden-Abend – als Solo für einen Schauspieler eine enorme Kraftanstrengung, die Waechter scheint’s ohne Mühe meistert – den wesentlichen Handlungssträngen Roths. Er wird zu Hauptmann Joseph Trotta, und wird mit der Figur heimisch in Stand, Rang und Ruhm.  Er ist aufrichtig erzürnt über die „Fake News“, die Geschichtsklitterung im Lesebuch des Sohnes. Die Beschwerde bei Seiner Majestät wird mit Beförderung erledigt. Es sind mit die schönsten Szenen, kleine Humoresken, wenn Waechter Kaiser Franz Joseph gibt. Wunderbar, wie der Monarch im Laufe der Jahrzehnte aus den Augen verliert, welcher Trotta nun schon wieder mit einem Gesuch an ihn herantritt. Denn auch des Hauptmanns Sohn wird vorsprechen, und um Gnade für seinen Nachkommen bitten.

Als dieser Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, Bezirkshauptmann, weil der Vater ihm nach der eigenen moralischen Schlappe die Militärlaufbahn verbot, ist Waechter ein bärbeißiger Beamter, ein Grantscherben, ein pedantischer Jurist, und wie alle Trotta-Männer nicht geeignet, Gefühle zu zeigen. Dies sehr zum Schaden der Familienbande. Und so wird schließlich der letzte seines Namens, Carl Joseph, weder schneidiger Soldat noch kaisertreuer Staatsdiener. Waechter gestaltet den dritten Trotta als äußerst weichen und feinfühligen Charakter, ein Offizier nach Vaters ausdrücklichem Wunsch, nicht nur deswegen mitunter weinerlich, und immer mit eineinhalb Füßen in der Malaise, weil er entweder für Schuldscheine von Freunden bürgt oder deren Frauen beglückt. „Ja, Vater“, lässt ihn Waechter bei den Zusammenkünften mit diesem angstvoll stammeln. Dass da große Liebe vom Vater für den Sohn ist, erkennt dieser zu spät. Carl Joseph fällt im Ersten Weltkrieg, als er versucht aus einem Brunnen Wasser für seine Kompanie zu schöpfen. Der Großvater ein Held, der Enkel ein Wasserträger … So sah’s wohl die damalige Welt.

Bild: Andreas Anker

Bild: Andreas Anker

Aus Roths Chronik und Psychogramm einer Epoche bindet Waechter natürlich auch die Nebenfiguren in seinen Abend ein. Sie geraten ihm zu köstlichen oder betroffen machenden Miniaturen, manche versehen mit diesem leicht näselndem Alt-Österreichisch, dem Schönbrunner Deutsch, das Waechter so hinreißend beherrscht. Er wird zur aufreizend erotischen Frau Slama, zum schrulligen Faktotum Diener Jacques, er böhmakelt als Onufrij, spricht als Kapturak mit russischem, als Graf Batthyany mit ungarischem und als Graf Chojnitzky mit polnischem Akzent, ist ein fistelstimmiger Leutnant Kindermann und ein anrührender jüdischer Regimentsarzt Demant.

Dies überhaupt ein Glanzlicht der Aufführung, wie Waechter ein ganzes Regiment erschafft, mit Stimm-Modulation und mit feinen, für jede Figur neu erdachten Details. Wem immer Waechter im Moment Stimme und Gestalt verleiht, seine größte „Waffe“ ist seine Wahrhaftigkeit. Und wenn’s bei einem übermütigen Bordellbesuch nach Mäusen und Maiglöckchen riecht, dann glaubt man beinah, dass einen diese exotische Duftmarke an der Nase führt. Mit Blackouts hat Waechter die einzelnen Kapitel getrennt. Das Leitmotiv, den Radetzkymarsch lässt er zwischendurch immer wieder anklingen, am deutlichsten bei Carl Josephs Sterben: ratatam ratatam ratatatatam … Das klingt schon nach Maschinengewehr. Und der gütige alte Herr von Schönbrunn wandte sich „An meine Völker!“… „Radetzkymarsch“ in der fulminanten Darbietung von Alexander Waechter ist bis 25. Oktober im Theater franzjosefskai 21 zu sehen.

www.franzjosefskai21.at

  1. 10. 2017

Kammerspiele: Menschen im Hotel

März 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur ein Glühwürmchen in der Dunkelheit

Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen Bild: Herwig Prammer

Der großartige Siegfried Walther, Silvia Meisterle und Raphael von Bargen
Bild: Herwig Prammer

Es fehlt an Prunk und Pomp. An diesem Marmor, der doch nur falsch und Stuck ist. An der Behauptung etwas großes und dabei letztlich Kulisse zu sein, die die Grandhotels einer längst verwehten Zeit ausmacht. Wie die Figuren in Vicki Baums „Menschen im Hotel“. 1928 entwarf die österreichische Autorin ihr Panorama Fleisch gewordener Trompe-l’œils, Cesare Lievi hat nun an den Kammerspielen eine Bühnenfassung in Szene gesetzt – und ist dabei einen Schritt weiter, vielleicht einen zu weit gegangen.

Der italienische Regisseur hat sich einer Art Neorealismo verpflichtet, und, als wolle er im Sinne Roland Barthes‘ „als Wirklichkeit darstellen, was die bürgerliche Gesellschaft sich bemüht zu verbergen“, von Anfang an die klappernden Skelette unter den mühsam aufgerichteten Fassaden freigelegt. Das ist im Baum’schen Kosmos zwar an späterer Stelle korrekt, doch so raubt es dem Abend vom Fleck weg die Elegance, das Geheimnis, die Ambivalenz. Bis hin zum mit Schiebetüren für den schnellen Szenenwechsel überaus funktionalen Bühnenbild von Maurizio Balò glaubt man sich in einem strengen, spröden Schwarzweißfilm, in dem die Schauspieler ihren Text herstelzen. Anna Bergmann, von der die Buchbearbeitung stammt, erlaubt kaleidoskopartige Einblicke in das Panoptikum der Vicki Baum. Sie hat die Reisenden, die sich durchs Hotel wie Dantes Ovid durch den Orkus bewegen, auf eine Handvoll reduziert. Eine alternde Primaballerina verliebt sich in einen nicht ganz ehrenwerten jungen Baron, der es auf ihren Schmuck abgesehen hatte. Ein kleiner Angestellter, den nahen Tod vor Augen, beginnt das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ein Generaldirektor zockt um die Zukunft seiner Firma und bedrängt eine Sekretärin, die doch eigentlich zum Film möchte. Sie alle beobachtet ein Arzt, ein Dauergast der Hölle, dem dieser Nicht-Ort zum Abbild des Lebens geworden ist.

Die Hölle. Zehn Jahre ist es her, dass die eine vorüber rauschte, zehn Jahre wird es in Österreich noch dauern, bis die nächste kommt. Vicki Baum erkannte früh die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausging. Aber davon wissen ihre Figuren noch nichts, diese Pechvögel und Glücksritter, diese Blender und Betrüger größeren und kleineren Ausmaßes. Sie laborieren noch an ihren Erste-Weltkriegsnarben, während schon die Weltwirtschaftskrise und der Zweite neue Wunden schlagen wollen. Keiner ist hier, was er vorgibt, ja nicht einmal, was er selber glaubt, zu sein. Alle suchen. Und währenddessen findet das Eigentliche anderswo statt.

Lievi hat das firnissfrei inszeniert, hat versucht, die vordergründige Krimihandlung und die tiefgründige Liebesgeschichte als Gesellschaftspanorama der „Goldenen“ Zwanzigerjahre zu entwerfen. Mit „Filmscheinwerfern“ und „Dolby Surround“, sogar mit einem automatischen Klavier, setzt er auf den Kinoeffekt, schön auch die Idee, das Publikum quasi in der Portiersloge zu platzieren, aber seine Gesellschaft, sie schillert zu wenig. Die Geschäftemacher und Gschaftlhuber, die Lobbyisten in der Lobby, die durch riskante Affären verbundenen Zwangs- und Zweckgemeinschaften sind allesamt als Scherenschnitte angelegt. Wo sich die Figuren Maske um Maske um Maske abreißen lassen sollten, enttarnen sie sich flink, freiwillig, allzu friktionsfrei. Als hätten sie sich bei ihrem Tanz auf dem Vulkan die Fersen schon verbrannt, bevor der Vorhang überhaupt aufging, und wollten nun nur noch ins rettende Fußbad. Es ist seltsam, wie eine Sache gefühlt zu kurz geraten und trotzdem langatmig sein kann.

Raphael von Bargen legt den Baron von Gaigern als leutseligen Lebemann an. Zwar erschließt sich nicht wirklich, warum er sich Hals über Kopf in die von Sona MacDonald als exaltierte Hysterikerin gespielte Grusinskaya verliebt, aber immerhin kommt es ihm zu, durch ihr Leid sein Menschsein zu finden. Silvia Meisterle ist als Stenotypistin Flämmchen verhalten sexy, Marianne Nentwich eine dauerbesorgte Suzette, Alexander Absenger ein Raubtier als Chauffeur. Alexander Waechter hat als Arzt Dr. Otternschlag immerhin die besten Sätze. Wie ein schwarzes Gewissen wacht er, der vom Leben nichts mehr erwartet und ergo nicht enttäuscht werden kann, über die anderen. Die Drehtür muss immer offenstehen, sagt er, und meint damit den Ausgang in den Selbstmord. „Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab … hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Und wenn Sie abreisen, kommt ein anderer an und legt sich in Ihr Bett, Schluss.“ Welch ein Resümee über die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Ansonsten bleibt auch Waechter unauffällig.

Während die Kollegen sich um Typgestaltung bemühen, sind da zwei, die aus ihren Figuren Charaktere formen. Und zwar solche von Fallada-Format. Vor allem Siegfried Walther ist großartig als sterbenskranker Kringelein, der brave Buchhalter, der verzweifelte „kleine Mann“, der den Rücken durchstreckt und, ein erstes und letztes Mal, sich aufbäumt. „Und wenn ich ein Dreck bin, dann sind Sie ein viel größerer Dreck, Herr Generaldirektor“, haucht er atemlos über seinen neuen Mut. Und das macht Walther ganz fabelhaft. Er verkörpert ein Zeitsymptom, er und der von Heribert Sasse dargestellte Generaldirektor Preysing, zwei unterschiedliche Systeme. Das untergehende und ein aufkeimendes Europa, und wenn Lievis Arbeit dieser Tage etwas zu sagen hat, dann an dieser Stelle. Die Wirtschaft hat moralisch wieder abgewirtschaftet. Und der Angestellte sieht sich beraubt um die Stelle, mit der er sich gern identifizieren konnte. Befristung und schnell-schnell heißen die neuen Schlagworte. Coupon schneiden siegt über Arbeitsplätze sichern.

Sasse selbst überzeugt als Turbokapitalist, der glaubt, sich mit Geld alles nehmen zu können. Wenig erinnert noch an den Original-Preysing, der zu ehrlich für die neuen Regeln der Börse war. Dieser hier ist skrupellos und schmierig und wird in seiner Ekelhaftigkeit die Rechnung präsentiert bekommen. Am Ende, wenn sich die Szenen in einem Kunstgriff ineinander schieben und alle Schauspieler gleichzeitig auf der Bühne sind, wird Kringelein auf- und Preysing zusammenbrechen. Vicki Baum sagte einmal, sie gebe sich keinen „Glühwürmchenillusionen“ über die Zukunft hin. Ein Glück. Cesare Lievi lässt in der Dunkelheit zumindest eins leuchten.

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 16. März.

Raphael von Bargen im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18096

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2016

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

September 16, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Spät noch spottet die Drossel

Gehe hin stelle einen Waechter von Harper Lee

Gehe hin stelle einen Waechter von Harper Lee

Na, wenn das mal nicht die Nachtigall stört. Da schrieb eine junge Lady aus den Südstaaten 1957, wohl befeuert von der Kraft einer Rosa Parks und eines Martin Luther King, einen Roman und sah sich statt eines Bus- mit einem quasi Buchboykott konfrontiert. Ihre Lektorin Therese von Hohoff Torrey riet der jungen Lady von einer Veröffentlichung ihrer Gedanken ab – und zu versöhnlicheren. Harper Lee schrieb ihren Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“. Der Vogel ist eigentlich eine Spottdrossel, a mockingbird, und spät aber doch: Nun spottet diese Drossel. Denn der zwanzig Jahre danach angesiedelte literarische Vorgänger mit dem etwas sperrigen Titel „Gehe hin, stelle einen Wächter“ wurde nun (wieder-)gefunden und veröffentlicht. Die Story mit dem ach so zufällig von der geschäftstüchtigen Lee-Anwältin Tonja Carter gefundenen Schatz im Safe ist eine eigene, man kann nur hoffen, dass hier im Sinne der 89-jährigen Schriftstellerin gehandelt wurde, und hat nichts mit der Geschichte zu tun …

In dieser entführt Harper Lee einmal mehr – eigentlich zum ersten Mal – nach Maycomb, Alabama. Das Personal ist großenteils bekannt: Scout Finch, die nun Jean Louise genannt werden will, ist keine kindlich-naive Ich-Erzählerin mehr, sondern lässt über sich berichten, ist 26 Jahre alt, lebt und arbeitet in New York und kommt auf Urlaub nach Hause. Dort führt Atticus‘ Schwester Alexandra den Haushalt, weil die vielgeliebte schwarze Perle Calpurnia in Pension gegangen ist. „Neger“, „negro“, darf man in dem Buch sagen, so die editorische Notiz, weil es zum Zeitkolorit passt. Einer von Calpurnias „Negersöhnen“ wird die Handlung in Gang bringen, hat er doch mit dem Auto unabsichtlich einen Weißen totgefahren und braucht einen Anwalt. Ah! Doch bevor es zu dem kommt, noch ein Schreck: Scouts Bruder Jem ist nicht mehr. Einfach umgekippt wegen eines offenbar von der Mutter ererbten schwachen Herzens, wie Harper Lees Bruder Edwin, der als Pilot den Zweiten Weltkrieg überlebte und 1951 an einem Aneurysma starb. Dann ist da noch Henry Clinton, Hank, ein ehemaliger Schulfreund Scouts, Atticus‘ Protegé, familiär bedingt „white trash“, eine der Depression entstiegene Schicht, die mit den Schwarzen um den Erhalt ihrer Klasse kämpft, der beruflich wie gesellschaftlich in die Finch’schen Fußstapfen treten will und immer schon in Jean Louise verliebt war. Und schließlich Attikus. Überlebensgroß von Gregory Peck zur Ikone aller Aufrechten gemacht. Nun von Arthritis geplagt und Rassist. Einer, der die „Negerbevölkerung“ im Streit mit seiner „farbenblinden“ Tochter als rückständig bezeichnet und sich überdies als Kritiker der NAACP, der National Association for the Advancement of Colored People, entpuppt. Einer, in dessen Zimmer Jean Louise die Hetzbroschüre „Die schwarze Pest“ findet, der nach dem Grundsatz „separate but equal“ agiert. Schlüsselszene ist eine Bürgerratssitzung an gleicher Stelle, an der der Fall Tom Robinson verhandelt wurde, nur dass nun ein weißer Südstaatler unter dem Vorsitz von Scouts Vaters auf übelste Weise für die Rassentrennung plädieren darf.

Lee hat ihrer Leitfigur das Licht entzogen – und es ist weder denen zu trauen, die angesichts dieses Umstands „Pfui!“ rufen, noch denen die darob erklären, so einfach zu beantworten sei diese Rassismusfrage des Romans nicht. Die Botschaft des „Wächters“ ist komplexer und anspruchsvoller als die der „Nachtigall“, wo der Appell zur Empathie alles war, die Charaktere sind ihrer Eindimensionalität entkleidet, zwiegespaltener, facettenreicher. Nun heißt es nach dem titelgebenden Bibelwort Jesaja 21, 6: „Der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“ Vieles an diesem Buch ist erstaunlich, erstaunlicher als an seinem Nachfolger, ein unglaublich mutiges Produkt der 1950er-Jahre und unheimlich aktuell. Wegen Baltimore, Ferguson, Charleston, Hempstead … und Lees unmittelbarer Nachbarschaft Tuscaloosa. Wegen Wahlkämpfern, Stimmenfängern auf beiden Seiten des Ozeans, deren Hasslitaneien mit immer den selben Worten die immer gleichen Nicht-Argumente wiederkäuen und damit auftrumpen wollen. Onkel Jack ist in diesem Zusammenhang eine großartige Figur, wenn er argumentiert, dass die Besitzenden keinen weiteren Besitz mehr anhäufen werden können, wenn die Yankees, heißt: die Demokraten, Herr, Obama Dich unser!, ein völlig überflüssiges soziales System aufbauen, dass die Schwachen, ergo „die Krausköpfe“ stützt und schützt. Im Land of the Free darf einem doch nicht die Freiheit genommen werden, in Armut unterzugehen.

Vor derlei Dingen wiegt einen Harper Lee durch gefährlich gefällige Anekdoten, Begebenheiten aus Scouts Kindheit und Jugend – etwa die, wie Scout anlässlich ihrer ersten Menstruation überzeugt ist, sterben zu müssen, weil Atticus sie natürlich nicht übers Frau werden aufgeklärt hat – immer wieder in Sicherheit, auch wenn die Grauslichkeit durchblutet. Ihr Buch ist wie ein Gemälde von Andrew Wyeth. Allein die Ortsbeschreibung: „Wenn man nicht viel brauchte, war alles reichlich vorhanden“, so miefig, Tante Zandras Korsetts ein Synonym für die Enggeschnürtheit dieser Gesellschaft, man möchte aggressiv werden, würde einen nicht der spitzbübische Tonfall der Autorin zum Schmunzeln bringen. Sie zwinkert einem beim Lesen sozusagen verschwörerisch zu. Doch auch ihre Sympathieträgerin schont die Schreiberin nicht: „Sie war verschwenderisch mit ihrem Mitleid und selbstgefällig in ihrer geborgenen Welt“, formuliert sie über Jean Louise, nach heutiger Lesart auch sie von Rassismus nicht frei, sondern befallen von einer Art Toleranzrassismus, einer Gönnerhaftigkeit, nach der man „denen“, die nicht „wir“ sind, von ganzem Herzen auch was Gutes gönnt …

In der brodelnden Buchstabensuppe Süden wird Sprache als Waffe eingesetzt, „Niggerslang“ zur bewusst gewählten Abgrenzung von den Weißen. Die Übersetzer Ulrike Wasel und Klaus Timmermann setzen das gekonnt um und verhindern wie nebenbei, dass Harper Lees Text zum didaktischen Druckkochtopf wird. Sie finden für Lees klare, emanzipierte Gedanken, für ihre selbstbewusst schlagfertigen Worte unmittelbare und sehr atmosphärische Bilder. Lieblingsszene ist die eines Ehemalige-Schulfreundinnen-Kaffeekränzchens, das Alexandra, diese Blanche-DuBois-Gestalt, ihrer Nichte Jean Louise aufgezwungen hat, wo wild Gandhi, Kommunisten und Katholiken als Alleseins in eben diesen Topf geworfen werden, während Jean Louises Gedanken zum Geplapper sind: „Ich würde gerne deinen Kopf auseinander nehmen, eine Tatsache hineingeben und zusehen, wie sie durch deine Hirnwindungen läuft, bis sie aus deinem Mund wieder herauskommt.“ Gegen verschobene Wahrnehmung ist bis heute kein Kraut gewachsen.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist das Manifest einer, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten geboren“  glaubte. Interessant, wie man sich hier mit der Autorin identifiziert, deren Figuren keine Identifikationsfläche mehr bieten. Schade, dass einen die späte Veröffentlichung des Aufschreis beraubt, den das Buch bei seinen Zeitgenossen mutmaßlich entfesselt hätte. Schade, dass Harper Lee sich entschloss, nicht mehr zu publizieren. Sie hätte einer Welt, deren Menschlichkeit immer noch in den Geburtswehen liegt, sicher viel zu sagen gehabt. Die Rassismusfrage? Wird zu der von Mitläufertum ob gesellschaftspolitischen Drucks. Jean Louise fragt: „Wie kannst du mit dir selber leben?“ Und Atticus antwortet: „Das ist verhältnismäßig leicht. Manchmal äußere ich meine Überzeugungen einfach nicht, das ist alles.“ Klar, dass das nicht alles sein darf.

Über die Autorin:
Harper Lee wurde 1926 in Monroeville, Alabama geboren. Sie studierte ab 1945 Jus an der Universität von Alabama, ging aber vor dem Abschluss nach New York und arbeitete bei einer internationalen Luftverkehrsgesellschaft. Für das 1960 veröffentlichte Debüt und ihr bisher einziges Buch „Wer die Nachtigall stört“ erhielt sie mehrere Preise, unter anderem den Pulitzer-Preis. Der Roman zählt zu den bedeutendsten US-amerikanischen Romanen des 20. Jahrhunderts, wurde in 40 Sprachen übersetzt und hat sich international etwa 40 Millionen Mal verkauft. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ wurde von Harper Lee vor ihrem Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“ geschrieben. Der Roman galt bisher als verschollen und erschien nun, fast sechzig Jahre später, weltweit zeitgleich. Harper Lee, 2007 mit der amerikanischen Freiheitsmedaille des Präsidenten ausgezeichnet, lebt heute zurückgezogen in ihrem Heimatort.

DVA, Harper Lee: „Gehe hin, stelle einen Wächter“, Roman, 320 Seiten. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

www.randomhouse.de/dva

Wien, 16. 9. 2015