Volksoper: Kiss me, Kate

September 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare wie er swingt und lacht

Peter Lesiak, Juliette Khalil, Martin Bermoser, Ursula Pfitzner, Andreas Lichtenberger, Wolfgang Gratschmaier, Oliver Liebl und Sulie Girardi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Premierenfieber ist ein Gefühl“, das kann man dieser Tage laut sagen, scharren doch sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch ihr Publikum in den Startlöchern zur neuen Saison. Endlich wieder Theater! Und die Volksoper begann dieses vor der ersten Premiere, „Sweet Charity“ am 13. September, mit der Wiederaufnahme ihres Klassikers „Kiss me, Kate“ in der schnittigen Inszenierung von Bernd Mottl aus dem Jahr 2012 – und mit allerhand Rollendebütanten.

Shakespeare wie er swingt und lacht, möchte man den Abend übertiteln, auch wenn Mezzosopranistin Sulie Girardi als Garderobiere Hattie das „Premierenfieber“ einmal mehr in wundersam schönen Operntönen erklingen lässt, und damit das Screwball-Musical in Gang setzt, eine Aufführung, die rundum ausschließlich Erfreuliches zu bieten hat. Fred-Graham-Urgestein Andreas Lichtenberger duelliert sich diesmal mit Ursula Pfitzner als Lilli Vanessi, die beiden Rosenkrieger par excellence.

Und wenn Lilli ihren Quasi-Verlobten Harrison Howell zu Hilfe ruft, der aber nicht kann, weil’s in Baltimore #blacklivesmatter-Unruhen gibt, weshalb der Präsident das nunmehrige Notstandsgebiet als Sicherheitsrisiko für Leib und Leben einstuft, dann ist dieses Käthchen definitiv im Jahr 2020 angekommen. Von Newcomern bis alten Hasen ist diese Produktion gesanglich und schauspielerisch vom Feinsten, Dirigent Guido Mancusi hat das richtige Händchen für die Cole-Porter-Hits, die Choreografie ist schwungvoll, der Volksopernchor sowieso.

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Besagter Fred Graham also ist Produzent und Regisseur eines „Der Widerspenstigen Zähmung“-Projekts, in dem er die Rolle des Petruchio mit sich selbst besetzte, für die Rolle der Kate aber seine Ex-Frau Lilly engagierte. Obwohl es zwischen ihnen nach wie vor knistert, sind die beiden stückkonform auf Krawall gebürstet, Liebe und Hiebe auf und hinter der Bühne – das ergibt eine tollkühne Parodie aufs Showbusiness, großartig, wenn Fred bedauert, eine „Musicalhupfdohle“ für einen Shakespearedarsteller gehalten zu haben, und Bernd Mottl erweiterte den Spaß um eine Schmierentheater-Satire, in der statt des britischen Barden das Chaos herrscht.

Freds kreischbuntes Bauklötzchen-Bühnenbild, das verzweifelt italienische Renaissance imitiert, und die grellen Kostüme mit der unübersehbaren Herrenausstattung verdeutlichen, dass hier nicht die erste Liga spielt – siehe der mittelschwer überkandidelte Fred Graham, der selbsternannt „ernsthafte Mime“, den Andreas Lichtenberger zu Outrage-Höchstleistungen bringt.

Wo ein Star, da ein Sternchen, Juliette Khalil gefällt als Freds frech-frivoles Nachtclubliebchen Lois Lane, die er als Bianca einsetzt, die ihrerseits aber mit dem Bill Calhoun aka Lucentio des Peter Lesiak kokettiert. Was sie zwar prinzipiell mit jedem tut. Ursula Pfitzners brillant bissiges „Nur kein Mann“ konterkarieren Khalil und Lesiak mit einem temperamentvollen „Aber treu bin ich nur dir Schatz auf meine Weise“ – und apropos Bill Calhoun: Da der es geschafft hat, den Schuldschein für seine Spielschulden als Fred Graham zu unterschreiben, erwarten diesen bald zwei zwielichtige Gestalten in der Garderobe.

Christian Graf, Andreas Lichtenberger und Jakob Semotan. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Bermoser mit Ensemble und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wolfgang Gratschmaier, Juliette Khalil, Sulie Girardi und Martin Bermoser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jeffrey Treganza, Juliette Khalil, Peter Lesiak und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf und Jakob Semotan erstmals als Ganovenpaar mit schönstem Jargon, das die Vanessi zwecks Füllen der Theaterkasse daran hindern muss, die Show zu verlassen, was die beiden unter großartigen Kapriolen als „Diener“ auf die Bühne treibt, worauf sie – „Schlag nach bei Shakespeare“, einmal Theaterblut geleckt, nicht mehr zu bremsen sind. Als Laurel und Hardy der Volksoper fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer nur so zu, dies deutlich zu merken am Szenen- wie Schlussapplaus. Auch ihnen ist mit dem „Nicht die Waffe tötet Menschen …“-Zitat Tagesaktuelles in den Mund gelegt.

Martin Bermoser singt und tanzt als Garderobier Paul ein sehr laszives „Viel zu heiß“. Thomas Sigwald ist nicht wie weiland Kurt Schreibmayer ein würdig-eleganter Harrison Howell, sondern hat als Geschäftsmann mit bester Vernetzung zum Weißen Haus etwas Mafiöses an sich. Wolfgang Gratschmaiers Harry Trevor muss sich als Baptista herrlich komisch mit seinen beiden ungleichen Töchtern plagen. Oliver Liebl und Jeffrey Treganza als Bianca-Verehrer Gremio und Hortensio sowie Georg Wacks als überforderter Inspizient Ralph runden den fabelhaften Cast ab.

Bernd Mottls „Kiss me, Kate“ ist alles andere als ein Nostalgieabend, vielmehr von einer Rasanz und Souveränität, die auch diese 48. Vorstellung hell strahlen lässt. In der Zähmung der Widerspenstigen folgt er dem Weg den Elizabeth Taylor und Richard Burton vorbereitet haben, Lillys Kate ironisiert ihre Unterwerfung auf schmerzhafte Weise, indem sie dem Macho mit ihren High Heels zu Boden ringt … Dafür viel Jubel und Beifallklatschen!

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  1. 9. 2020

Volksoper: Carmen

Januar 5, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Brillante Debüts bei der Wiederaufnahme

Marco Di Sapia als Dancaïro, Vincent Schirrmacher als Don José, Stepanka Pucalkova als Carmen und Johanna Arrouas als Frasquita. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies ist der perfekte Abend, um sich zurückzulehnen, genießerisch die Augen zu schließen und die Musik von einem Besitz ergreifen zu lassen. Zu hören nämlich gibt es Hervorragendes, zu sehen hingegen nicht viel. An der Volksoper stand die Wiederaufnahme von „Carmen“ auf dem Programm, jene Guy-Joosten-Inszenierung, die von 1995 bis 2015 nonstop am Haus gezeigt wurde. Ein Publikumsrenner, der vor zwanzig Jahren mit seinem Verzicht auf Rüschrock-Folklore und Kastagnetten-

Geklapper ordentlich was hermachte, ein hüftschwungloser, puristischer Gegenentwurf zum opulenten Franco Zeffirelli, zum schönheitstrunkenen Francesco Rosi. Nun allerdings lässt sich nicht leugnen, dass das Eifersuchtsdrama im kargen Brandmauerambiente von Bühnenbildner Johannes Leiacker, an dem der Regisseur stets die von Bizet en détail ausgearbeitete Charakterzeichnung als seinen Bezugspunkt festmachte, da nunmehr in Abwesenheit desselben auf die Bühne gehoben, an Feuer verloren hat. Diverse Auftritt sind reinstes solistisches Rampenstehtheater, unmotiviert wirkt auch die Menge, und in dieser Stasis allüberall nimmt im Wortsinn kaum eine Rolle tatsächlich Gestalt an. Was dieser „Carmen“ szenisch fehlt, ist das Temperament für Leid und Leidenschaft. Heißes Herzblut müsste fließen, aber ach …

Ein Glück. Das schauspielerische Manko wird durch die gesangliche Ausführung ausgeglichen. Mit Anja Bihlmaier am Pult, den beiden Hausdebütanten Stepanka Pucalkova als Carmen und Luke Stoker als Escamillo und den sechs Rollendebüts von Julia Koci, Johanna Arrouas, Ghazal Kazemi, Vincent Schirrmacher, Alexandre Beuchat und Marco Di Sapia wird die in deutscher Sprache vorgetragene Produktion zu einer Besonderheit. Ein Erfolg, den zuallererst Bihlmaier für sich verbuchen kann, die gebürtige Schwäbin und designierte Chefdirigentin beim Den Haager Residentie Orkest, Jahrgang 1978, deren Karriere wohl das ist, was man beispiellos nennen muss. Und die das von ihrem kapellmeisterlichen Können vernehmbar angetane Volksopern-Orchester mit leichtfüßiger Raffinesse und federndem Rhythmus durch die Opern-Evergreens führte.

Luke Stoker als Escamillo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stepanka Pucalkova als Carmen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vincent Schirrmacher als Don José. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Verve wird derart französisches Flair mit Andalusien-Anklängen erschaffen, musiziert so akzentuiert wie apart. Nie kam Bizets Geniestreich mit – und man hat beides oft genug gehört – lautem Rums oder als L’Amour-Hatscher aus dem Orchestergraben. Was die Habanera zu einem beinah Chanson werden ließ, zum Freiheitsstatement einer starken, unabhängigen Frau statt einer aufreizenden Forcierung des Geschlechter- kampfs. Als Carmen bemüht sich Stepanka Pucalkova mal in Arbeitskittel, mal in – sorry fürs Wortspiel – Zigarettenhose um gute Figur. Die tschechische Mezzosopranistin mit Homebase Semperoper ist offensichtlich darauf bedacht, keinerlei Laszivität zu bedienen, ihre Carmen ist ganz Working-Class-Woman, und hat sich in der sie begehrenden Soldatenwelt einen Selbstschutzmantel aus arroganter Unnahbarkeit übergeworfen.

Das macht Pucalkovas Tabakblätterdreherin mehr zum draufgängerischen Schmugglerkumpel denn zum erotischen Männeralbtraum, sängerisch vor allem auch in den Höhenlagen ausgezeichnet, gelingt ihr die Darstellung der Härte dieser Frau bis in die Todesszene bestechend gut. Der australische Bass Luke Stoker ist ebenfalls erstmals im Volksopern-Einsatz, und gibt als Escamillo eine beachtenswerte stimmliche Talentprobe ab. Was seinen Torero an Statur als geborenen Gewinner ausweist, vermisst man jedoch an stolzer Attitüde. Die Messerstechereien mit Vincent Schirrmachers Don José sind allein wegen der Differenz in Größe und Gewichtsklasse der Kontrahenten unfreiwillig humoreske Szenen, an denen sich bestimmt feilen ließe.

Eine Blume für den Auserwählten: Vincent Schirrmacher und Stepanka Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schmugglerbande: Di Sapia, David Sitka, Pucalkova, Arrouas und Ghazal Kazemi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci als innig liebende Micaëla mit Schirrmacher und Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Escamillo im Schmugglerquartier: Luke Stoker mit Pucalkova, Di Sapia und Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ansonsten ist Schirrmacher wie allzeit auch hier Garant für prägnante, packende Rollenporträts, sein erstes Erscheinen gemeinsam mit einer in Schwarz gekleideten Witwe und einem Mädchen in Erstkommunionsweiß ein anrührendes Sinnbild für Josés Lebens- und Liebessituation, Schirrmachers Sergeant eher introvertierter, eigenbrötlerischer Grübler als jähzornig-hitzköpfiger Eifersüchtler – auch in dieser Figur bleibt die Aufführung bei ihrer Unterkühltheit. Dass der Zuschauerliebling die Blumenarie mit seinem warm timbrierten Tenor wohl zu nehmen weiß, bedarf eigentlich keiner extra Erwähnung. Im Schlussduett mit Pucalkovas Carmen läuft Schirrmacher zur Höchstform auf, wie er da eiskalte Verzweiflung spielt, bevor er zu ebensolcher Klinge greift.

Julia Koci macht als Micaëla von ihrer weichen, zu innigen Tönen befähigten Sopranstimme besten Gebrauch. Des Weiteren und auffallend beim Schmugglerquintett überzeugen Johanna Arrouas als Frasquita, Ghazal Kazemi als Mercédès, Marco Di Sapia als Dancaïro und Davd Sitka als Remendado, vier Solistinnen und Solisten, deren Spielfreude man das vielfältige Wirken am Haus, immer wieder auch in Operette und Musical, auf erfreuliche Weise anmerkt. Nicht minder mit Bühnenpräsenz gesegnet ist Moralès-Debütant Alexandre Beuchat; Yasushi Hirano ist ein solider Zuniga; Georg Wacks Lillas Pastia kommt, dem Mundwerk nach zu urteilen, aus Wien. Chor, sowie Kinder- und Jugendchor sind wie stets ein tosendes Bravo wert, wie der Abend generell mit großem Applaus bedankt wurde. Womit nun wenigstens im Saal die Action herrschte, nach der man sich im Spiel vergeblich gesehnt hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=obZbQX3nEd4                     www.youtube.com/watch?v=WmfJJOH3saI           www.volksoper.at

  1. 1. 2020

Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019

Volksoper: Zar und Zimmermann

Oktober 14, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Blau-weißes Bilderbuch unterm Käsemond

Keine Scheu vor der Knallchargigkeit: Carsten Süss als Peter Iwanow, Daniel Schmutzhard als Peter der Erste, Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, Georg Wacks als Ratsdiener und Sulie Girardi als Witwe Browe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sobald der Chor der Zimmermannsgesellen mit seinen Holzschuhen Charlie Chaplins berühmten Brötchentanz imitiert, ist klar, in welche Richtung Regisseur Hinrich Horstkotte mit seiner Inszenierung von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Volksoper zielt. Er nimmt das „Komische“ an der Oper ernst, nimmt dem durchaus vorhandenen schwerdeutschen Pathos die Patina, und nimmt sich ganz den Witz des bühnenwirksamen Verwirrspiels vor.

Verbrieft ist Horstkottes Proben-Sager „Vergesst Stanislawski – begrüßt Laurel und Hardy!“, eins von deren Fingerspielen wird zum running gag zwischen Bürgermeister van Bett und seinen Stadtbewohnern, und tatsächlich macht der Regisseur aus Lortzings Figuren Typen und verzichtet zugunsten Spaßfaktor auf psychologische Feinziselierung. Keine Scheu vor Knallchargigkeit dürfen demgemäß die Solistinnen und Solisten haben, Outrieren ist Programm, das gefällt, ist in den beiden Pausen zu hören, nicht jedem, aber wer sich in Horstkottes Werkinterpretation akklimatisiert hat, erfreut sich an einem überaus vergnüglichen Abend.

Saardam ist in diesem Setting mehr als nur ein Zitat. Horstkotte, auch Ausstatter, hebt halb Holland auf die Volksopern-Bühne, er erschafft ein blau-weißes Bilderbuch, von Delfter Kacheln bis zu den typischen Windmühlen, von Fahr- bis Käserädern, selbst der goldgelbe Mond ist eines. Kein Wunder also, dass der Zar sein „Sollte ich entdeckt sein?“ mit gouda-vollem Mund murmelt, bevor im zweiten Bild – der Schauwert dieser Arbeit ist hoch – eine perfekte Kopie des Czaar Peter Huisje angerollt kommt.

Sogar eine Kopie des holländischen Czaar Peter Huisje steht auf der Bühne: Gregor Loebel und Daniel Schmutzhard. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

A-Cappella-Sextett: Carsten Süss, Stefan Cerny, Lars Woldt, Daniel Schmutzhard, Gregor Loebel und Ilker Arcayürek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Des Zaren erste Arie „Verraten! Von euch verraten!“, oft genug gestrichen, haben Horstkotte und Dirigent Christof Prick – er führt das Orchester des Hauses mit wohlklingendem Humor und versteht es, die Sänger unterstützende Akzente zu setzen – belassen. Daniel Schmutzhard als Peter der Erste nützt die Gelegenheit zum Temperamentsausbruch, um den cholerischen Charakter seiner Rolle zu unterstreichen, um ein grimmiges Gesicht, ein aufbrausendes Gefühl ist er nie verlegen, in manch lyrischen Momenten allerdings gelingt es ihm nicht ausreichend, seine Stimme zum Klingen zu bringen.

Horstkotte hat noch kleinste Gesten zur Musik getaktet, das setzt ein sehr spielfreudiges Ensemble voraus, und über ein solches verfügt er glücklicherweise auch. Die Aufführung trägt absolut Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, gesanglich wie darstellerisch. Er gibt im Wortsinn, dafür sorgt Georg Wacks als hinreißend tollpatschiger Ratsdiener mit entsprechender Pumpe, den mit heißer Luft aufgeblasenen, selbstverliebten Politiker, und ist in der dankbaren Partie auch für das eine oder andere Kabinettstück gut – Dideldum! Der Chor, und wie immer ist er eine Freude, begleitet dessen Gehabe mit ironisch-spöttischen Kommentaren.

Die Einstudierung von van Betts Kantate hat Horstkotte in ein Altersheim verlegt, das Warum erschließt sich nur dem, der sein Programmheft-Interview liest …

Regisseur Hinrich Horstkotte holt die Niederlande in die Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für den Holzschuhtanz der Kinder gab’s den größten Applaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Liebespaar sind Carsten Süss und Mara Mastalir als teuflisch eifersüchtiger Deserteur Peter Iwanow und trotzköpfig-kecke Bürgermeistersnichte Marie. Beide überzeugen mit großer Komödiantik, wissen aber auch leise, anrührende Töne anzuschlagen. Mit aller Kraft auf Klischee getrimmt sind Gregor Loebel, als russischer Gesandter Admiral Lefort optisch eine Art Rasputin, Stefan Cerny als spleeniger englischer Gesandter Lord Syndham und – mit Loebel der zweite Volksopern-Debütant in dieser Produktion – Ilker Arcayürek als frauenverführender französischer Gesandter Marquis von Chateauneuf.

Der in Istanbul geborene Tenor bringt nicht nur das Herren-A-Cappella-Sextett zum Flirren, sondern auch Chateauneufs wunderbare Romanze „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“. Den größten Jubel schon während der Vorstellung gab’s für die Kinder, die das Publikum mit dem Holzschuhtanz begeisterten. Danach teilten sich Darsteller und Leading Team den Applaus gerecht auf. Und so endet Hinrich Horstkottes „Zar und Zimmermann“-Interpretation mit Happy End fürs ganze Haus.

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14. 10. 2018