Sommerspiele Melk: „Monte Christo“

Juni 21, 2013 in Bühne, Klassik

Das Unmögliche möglich gemacht

Denis Petkovic Bild: www.photo-graphic-art.at

Denis Petkovic
Bild: www.photo-graphic-art.at

Alexander Hauer, Intendant und Regisseur der Sommerspiele Melk, war ja noch nie ein Mann, der große Aufgaben scheute. Jahr für Jahr ackert er sich durch die Weltliteratur, kein mindestens 1500-Seiten-Schmöker, den er nicht auf die Bühne stellen würde. Und das stets mit größtem künstlerischen Feingefühl. Hauer macht das Außergewöhnliche möglich. Und dieses Jahr sogar das Unmögliche. Denn noch wenige Tage vor der Premiere stand seine Wachauarena 2,80 Meter unter Wasser; hunderte helfende Hände entfernten nach dessen Abfließen die Massen an Donauschlamm; die Künstler probten derweil in der zweiten Spielstätte, der kleinen „Tischlerei“. Und – Glück im Unglück? – die durch die Enge der Situation erzwungene Intimität tat dieser Inszenierung von „Monte Christo“ mehr als gut. Denn Autorin Susanne Felicitas Wolf, die die Bühnenfassung von Alexandre Dumas‘ „Abenteuerroman schrieb, legte an der Geschichte, die jeder in- und auswendig zu kennen glaubt, völlig neue Seiten frei. Sie befreite den Stoff von allem, was nach Mantel-und-Degen riecht, ließ die Figuren stattdessen mit der Feder fechten. Mit Diagolen, die weniger messerscharf, als schmerzhafte Nadelstiche unter die Nägel sind. Mit psychologischer Kriegsführung wird hier die Intrige, der vermeintliche Hochverrat Edmond Dantès‘ eingefädelt. Als der im Château d’If in Klarfolie gefesselt, wie in einen Kokon eingesponnen wird, bis ihm die Luft wegbleibt, schießt einem kurz durch den Kopf: Guantanamo. Interessant auch, wie sich bei Wolf von Monte Christo über seine Widersacher Danglars, de Villefort bis Fernando in ihren Taten und Untaten alle auf den einen Gott berufen … Und Stift Melk als Hintergrundkulisse …

Die Bühne von Daniel Sommergruber dann: ein Gesamtkunstwerk, ein Gerüst aus unzähligen leeren Bilderrahmen, Schatten der Vergangenheit, das die Schauspieler wie Freeclimber erklettern, zwei Plattformen und eine aufklappbare Mittelrampe, auf denen Marseille, Paris, der Kerker … nebeneinander Platz finden. Dazu ein ausgeklügeltes Licht- (Dietrich Körner) und Sounddesign (Bernhard Sodek). Schon als Edmond als verliebter, hoffnungsfroher, junger Seemann seinen Feinden noch mit naiver Ehrlichkeit begegnet, lässt die – teilweise Live- Musik das nahende Unheil bereits ahnen.

Das Ensemble überzeugt mit intensivem Spiel. Gänsehaut selbst bei Sarahawindtemperaturen. Allen voran brilliert Denis Petkovic als Monte Christo. Nun ein freier, reicher Mann, der Liebe haben könnte, und den doch nur der Hass bewegt. Einer, der sich selbst als Racheengel Gottes bezeichnet, ein Gotteskrieger, ein Spinner, eine Spinne, die in ihrem Netz auf die Opfer wartet. Rote Handschuhe trägt Petkovic – von Nick Cave weiß man, dass auch der Teufel solche haben soll. Petkovic zeigt alle Facetten des Wahnsinns, der als Gift der Vergeltung durch seine Adern strömt. Und endet endlich in tiefster Verzweiflung. Er ist kein triumphierend abgehender Graf, sondern muss erkennen, dass sein „Feldzug“ auch Kollateralschäden verursacht. Den Tod Unschuldiger. Ergo: Keine Erleichterung, keine Erlösung. Im überaus stimmigen Schlussbild öffnet sich wieder die Gefängniszelle. Monte Christos Seele bleibt für immer darin gefangen. Eine starke schauspielerische Leitung. Ebenso großartig agieren – um nur ein paar zu nennen – Julian Loidl als verschlagener Bankier Danglars, Alexandra Maria Timmel als seine zur Zynikerin gewordene Frau, Giuseppe Rizzo als versprecherischer Staatsanwalt de Villefort, dem das Ganze den Verstand kostet. Und Christian Preuss, berührend als gutherziger Reeder Morrel und später als Abbé Faria. Für 2014 hat sich Hauer übrigens Fritz Langs „Metropolis“ vorgenommen …

Benefizkonzert: Michael Schade, ab kommendem Jahr Intendant der Barocktage Stift Melk, veranstaltet am 22. Juni, 17 Uhr, im Kolomanisaal des Stifts, ein Benefizkonzert für die Hochwasseropfer. Mit ihm interpretieren Florian Boesch, Nina Bernsteiner und Mitglieder des Concentus Musicus Wien Werke von Händel und Bach.

www.kultur-melk.at 

www.kultur-melk.at/sommerspiele/programm.php

www.mottingers-meinung.at/denis-petkovic-im-gesprach

www.barocktagemelk.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 6. 2013

Denis Petkovic im Gespräch

Juni 11, 2013 in Bühne

„Monte Christo“ bei den Sommerspielen Melk

Bild:  www.photo-graphic-art.at

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Am 19. Juni soll in der Wachauarena Melk „Monte Christo“ uraufgeführt werden. Da heißt es derzeit: Daumen halten. Ein Gespräch mit dem Titel(anti)helden Denis Petkovic über Hochwasser, Hass und Herkunft:

MM: Wie ist wegen des Hochwassers die Probensituation?

Denis Petkovic: Wir haben eine Woche auf der Bühne, die tatsächlich überschwemmt war, verloren. Einerseits. Andererseits gab uns die Zeit, in der wir uns in den kleinen Spielraum, die „Tischlerei“, zurückziehen mussten, die Möglichkeit, an der Psychologie der Figuren zu arbeiten und Details zu klären.

MM: „Der Graf von Monte Christo“ – kennt jeder, vielfach verfilmt. Was haben Sie für sich Neues in dem Stoff entdeckt?

Petkovic: Durch die Verfilmungen glaubt man, dass Alexandre Dumas einen Abenteuerroman geschrieben hat. Hat er auch. Aber nicht nur. Das ist Weltliteratur, brillant geschrieben. Für uns ist das Thema aber jenseits dieser Abenteuergeschichte interessant: wir erkunden wir bei einer Tiefenbohrung das Thema der Rache. Und welche Konsequenzen sie hat. Wenn man Selbstjustiz übt, selber für Gerechtigkeit sorgt, fühlt man sich dann besser? Fühlt man sich dann erlöst? Das treibt Monte Christo: Jemand, der aus unerfindlichen Gründen in Einzelhaft gesteckt wird, bis heute eine der schlimmsten Foltern, die es gibt, nach 14 Jahren durch eine Schicksalsfügung frei kommt und sich rächt – und zwar nicht „billig“, sondern mit einem ausgeklügelten Plan. Er trifft jeden seiner Feinde dort, wo’s ihm am meisten weh tut. Den Bankier Danglar beim Geld; beim Staatsanwalt Villefort vergiftet er die Familie. Dabei stirbt auch ein Kind – ein Kollateralschaden, den er nicht auf dem Plan hatte und der Monte Christo auch Gewissensbisse macht.

MM: Die Bühnenfassung ist von Susanne F. Wolf. Klingt, als ob sie sich tatsächlich den „psychotherapeutischen“ Teil herausgefiltert hätte.

Petkovic: Genau. Es wird mit Sicherheit kein Happy End geben. Er wird mit Sicherheit implodieren. Meine Aufgabe ist, auf der Bühne sinnlich sichtbar zu machen, dass Rache zu keiner Erlösung führt. Denn er fühlt sich ja anfangs als Werkzeug Gottes, als „Hammer“ Gottes, wie Attila sich genannt hat. Das Ganze ist überhaupt religiös durchtränkt, daher passt Stift Melk als Kulisse wieder einmal wunderbar dazu. Wie vergangenes Jahr bei der „Päpstin“.

MM: Was hat Sie an der Figur des Monte Christo angezogen?

Petkovic: Die Zerrissenheit, die innere Zerfressenheit. Was tut sich jemand an, um diese Rache durchzuziehen? Wie verhärtet, wie gebrochen muss man sein, um das umzusetzen? Monte Christo geht für seinen Plan über Leichen. Das ist eine Form von Wahnsinn. Das was man anderen antut, tut man letztendlich sich selber an. Er sucht nach Liebe und ist tatsächlich nur noch ein Fanatiker. Da gibt es genug Parallelen zu heute. Im arabischen Raum, in den USA, wo George W. Bush „der Stimme Gottes“ folgte. Monte Christo trägt eine Fassade von Charme, von Eloquenz vor sich her, aber hinter dieser Fassade ist alles zerbrochen. Das ist höchst spannend zu spielen.

MM: Können Sie das nachvollziehen, dass jemand 14 Jahre über seiner Rache brütet?

Petkovic: Ich habe gelesen, dass 81 Prozent aller Männer und 75 Prozent der Frauen schon Mordfantasien hatten. Was anderes ist natürlich, diese umzusetzen. Meine Familie kommt aus Serbien. Mein Großvater hat während des Zweiten Weltkriegs seine gesamte Familie verloren. Er war aus Bosnien-Herzegowina, bei Mostar, und seine Familie wurde von kroatischen Ustaschas buchstäblich lebendig begraben. Das Wunderbare an meinem Großvater aber war, dass er nie Hass oder Wut auf die Kroaten an sich hatte. Aus seiner Traumatisierung heraus, hätte man das sogar verstehen können. Aber er hat nie alle Menschen über einen Kamm geschert. Das hat mich jetzt noch einmal neu beschäftigt. Meine Großmutter ist 93, ich hab’ sie neulich angerufen und sie sagte, er hätte nie Ressentiments gehabt, er hatte in sich eine ungewöhnliche Weisheit. Er sagte nur einmal: Das ist allen auf allen Seiten passiert. Nur meiner Mutter und meiner Tante hat er die Namen seiner beiden getöteten Schwestern gegeben. Damit sie sozusagen weiterleben. Als in den 1990er Jahren auf dem Balkan diese unsäglichen Kriege passiert sind, haben aber bestimmte Menschen genau diese alten Wunden bei vielen aufgerissen. Unter Tito gab es ja keine Vergangenheitsbewältigung.

 MM: Sie sind in Deutschland geboren …

Petkovic: … und aufgewachsen. Habe dann aber einige Jahre bei meiner Großmutter in Zentralserbien gelebt. Wenn man mich heute fragt, wo kommst du her, antworte ich immer noch: Jugoslawien – und kriege zur Antwort: Das gibt’s ja nicht mehr. Neulich war mein Cousin mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Wien zu Besuch. Da fragte uns auf der Straße jemand nach dem Weg. Und mein Neffe sagt – typisch Kind: Hey, du sprichst ja auch Serbisch. Worauf der Mann antwortet: Nein, ich spreche Bosnisch. Daraus hat der Kleine gelernt, stellt sich am nächsten Tag breitbeinig auf dem Kinderspielplatz auf und rief: Spricht hier jemand Serbisch, Kroatisch oder Bosnisch und will mit mir spielen? Worauf die anderen Kinder dann natürlich ankamen.

MM: Wie war das in Ihrer Kindheit?

Petkovic: Ich stand Anfang der 70er von heute auf morgen in einem Berliner Kindergarten ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Man versucht sich dann als Kind mit allen Mitteln anzupassen, man will ja Freunde haben, nicht „anders“ sein. Man saugt alles auf wie ein Schwamm. Das viel bemühte Schlagwort von der „Integration“ hat auch mit eigener Energie zu tun. Die Integration klopft nicht an deine Tür, da musst du dich schon auch bemühen. Ich habe dann in Deutschland an der Ernst-Busch-Schule Schauspiel studiert, kam 2000 nach Wien, erst unter Bachler ans Burgtheater, dann als Gast ans Volkstheater und gehe im August für zwei Jahre nach Leipzig in ein Fixengagement. Wir sind ja fahrendes Volk …

MM: In Ihren diversen Rollen haben ich Sie immer wieder fechten gesehen. Ziehen Sie gern den Degen. Auch als Monte Christo?

Petkovic: Ja, ich muss gestehen, ich fechte ganz gern. Monte Christo ficht eher im übertragenen Sinne. Er führt den Degen wie von Geisterhand. Einfach jemanden „abzustechen“ wäre ihm doch viel zu simpel. Das brächte ihn doch um den perversen Genuss, aus dem Hinterhalt zu agieren.

MM: Sie arbeiten nun zum zweiten Mal mit Intendant und Regisseur Alexander Hauer zusammen. Wie geht’s?

Petkovic: Gut. Er ist ein Liebender. Das tut wahnsinnig gut. Man fühlt sich bei ihm frei und wertgeschätzt. Das was er da jedes Jahr auf die Beine stellt, ist unglaublich. Die Leute reisen von überall an, um diesen ganz besonderen Ort und diese ganz besonderen Stücke zu erleben.

MM: Eine persönliche Frage noch: Wo fühlen Sie sich zugehörig?

Petkovic: Das ist eine interessante Frage. Es gibt einen spannenden Disput zwischen Monte Christo und Villefort zu diesem Thema, wo Monte Christo ihm eine Menge seiner Haltungen an den Kopf wirft. Und am Ende sagt er: Ich studiere die Städte und die Menschen, bevor ich neue Länder betrete, und es gelingt mir, sie besser zu kennen, als sie sich selbst. Er versenkt sich in den Gegner, bis er weiß, wie er funktioniert. Ich persönlich nehme das Beste aus allen Kulturen auf, das ist eine Chance, ein Reichtum. Ich hatte als Teenager schon die Zweifel: Wer bin eigentlich ich? Heute sage ich: Kosmopolit. Ich lasse mich nicht mehr in Schubladen stecken. Beim Fernsehen beispielsweise bricht sich das an mir wie eine Welle. Ich bin kein pockennarbiger, balkanesischer Bösewicht. Auch, wenn ich Petkovic heiße.

MM: Wenn Sie bald nach Leipzig gehen, was nehmen Sie aus Wien mit?

Petkovic: Erstens die Erkenntnis, dass für die Österreicher der „schlimmste Ausländer“ der Piefke ist. Und ich mitunter wegen meines Hochdeutschs getadelt wurde: Bei uns haaßt des Cafe ned „Kafffe“. Und, dass ein Wiener die größte Boshaftigkeit einem so charmant sagen kann, dass man erst bei längerem Nachdenken dahinter kommt. Vieles, was gesagt wird, geht zumindest einmal um die Ecke. Das ist eine Sprachspielerei, die könnte man sich aneignen.

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Von Michaela Mottinger

Wien, 11. 6. 2013