Christina Dalcher: Vox

September 2, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fast feministischer Science-Fiction-Thriller

Wenn es ein Wesenszug der Science Fiction ist, Zeiterscheinungen aufzunehmen und als mögliche Zukunftsvision zuzuspitzen, dann ist der amerikanischen Autorin Christina Dalcher mit ihrem Debütroman „Vox“ eine düster-bedrohliche Dystopie gelungen. Höchst aktuell berichtet Dalcher davon, wie schnell rechter Fundamentalismus zu gesellschaftlicher Repression führt, wie fragil Demokratie ist, und wie dünn der Firnis der Zivilisation. Dies alles nicht in einem zwielichtigen Land, sondern in den USA. Unweigerlich an die #MeToo-Enthüllungen muss man denken, an die frauenverachtenden Äußerungen von Donald Trump, an den hierzulande gerade eingeführten 12-Stunden-Arbeitstag, liest man Dalchers Buch.

Sie lässt eine Ich-Erzählerin, Jean, von den jüngsten Entwicklungen berichten. Die sehen so aus, dass Frauen nur noch das Aussprechen von 100 Wörtern pro Tag erlaubt ist. Ein Wortzähler am Handgelenk übernimmt die Überwachung, ab Wort 101 sendet das „Armband“ Stromschläge aus, die von Mal zu Mal heftiger werden – einer Nachbarin wird so der halbe Unterarm weggekokelt. Bücher sind für den alleinigen Gebrauch von Männern weggesperrt. Für Frauen gibt es weder E-Mail-Konto noch Handy.

Unterrichtsgegenstände für Töchter sind Hauswirtschaftslehre und Haushaltsbuchführung. Der heterosexuelle Weiße hat das Sagen, alles Weibliche ist aus dem öffentlichen Leben verbannt. „All meine Wörter wirbeln in meinem Kopf herum, kommen als schwerer, sinnloser Seufzer aus meiner Kehle heraus. Und ich kann nur an Jackies (Jeans Freundin und Frauenrechtskämpferin, Anm.) letzte Worte denken. Denk darüber nach, was du tun musst, um frei zu bleiben“, so Jean. Ausgegangen ist dieser Wahnsinn vom „Bible Belt“ in den Südstaaten, der Führer der gar nicht mehr freien Welt ist allerdings kein Polterer wie der derzeitige, sondern verfolgt seine Pläne mit kaltem Kalkül – instruiert und manipuliert von einem verschlagenen Fernsehprediger. „Make America Moral Again“ ist das Motto der sich selbst „die Reinen“ Nennenden, und die Frau selbstverständlich Schuld an ihrer Vergewaltigung, Fettleibigket, Schulschießereien, Erektionsstörungen …

Mitten in der Ausweglosigkeit widerfährt Vierfach-Mutter Jean Sonderbares. Der Bruder des Präsidenten, so wird ihr gesagt, leidet nach einem Unfall am Wernicke-Syndrom, heißt: einem Ausfall des Sprachzentrums im Gehirn, und die ehemalige Neurowissenschaftlerin soll’s richten. Während ihr ältester Sohn sich den Reinen anschließt und zum Denunzianten wird, während der Waschlappen-Ehemann nichts ist außer hilflos überfordert, macht Jean nicht nur brisante Entdeckungen, sondern auch die Bekanntschaft mit einer Widerstandsbewegung, deren Anführer der Postbote Del und seine schwarze Frau Sharon sind. Und auch in den Kellergeschossen des Geheimgebäudes, in denen Jean an einem Serum forscht, kommt Rettung von unerwarteter Seite.

„Vox“, diese Parabel auf totalitäre Regime, ist ein durchaus spannender Pageturner. Allerdings hat Dalchers Erstling auch einige Schwächen. Als da wären die Figur von Jeans Liebhaber Lorenzo, einem italienischen so wissenschaftlich versiertem wie virilem Helden, mit dessen Kind sie schwanger geht – und dessen mannhafte Hilfe die in seiner Gegenwart gar nicht mehr emanzipatorisch eingestellte Protagonistin in jeder Lebenslage braucht. Oder – Achtung: Spoiler! – die in einem James-Bond-Film besser aufgehobene Schurkerei, nach der das Weiße Haus nicht weniger plant, als das Serum, in sein Gegenteil verwandelt, als Biowaffe gegen Europa einzusetzen, und dessen Bevölkerung zu stammelnden Zombies zu machen. So lässt einen, was als Protestschrei gegen das Patriachat beginnt, am Ende manchmal auch leise aufseufzen.

Über die Autorin: Christina Dalcher pendelt zwischen den Südstaaten und Neapel. Die gebürtige Amerikanerin, zu deren Helden Stephen King und Carl Sagan zählen, promovierte an der Georgetown University in Theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust. Ihre Kurzgeschichten und Flash Fiction erschienen weltweit in Magazinen und Zeitschriften, unter anderem wurde sie für den Pushcart Prize nominiert. „Vox“ ist ihr Debütroman.

S. Fischer Verlage, Christina Dalcher: „Vox“, Roman, 400 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle.

www.fischerverlage.de

  1. 9. 2018

Interview: „Grimm“ige Gute-Nacht-Geschichten

Februar 25, 2013 in Film

Schickt eure Kinder lieber ins Bett!

Natürlich. Man kann sich immer auf die Position zurückziehen, so was sei lächerlich, kindisch und überhaupt … Aber nachts allein – muss ja nicht im Wald sein -, wenn die Schatten über die Wände schleichen. Da fällt sie einem wieder ein, die Oma am Bettrand, die von Kindern erzählte, die der große böse Wolf auffraß, oder die von einer Hexe fürs Nachtmahl gemästet wurden. Und wenn einem dann noch Tante Mary erzählt, dass man ein Nachfahre der berühmten Brüder Grimm (die Berliner Jakon und Wilhelm lebten im 18./19. Jahrhundert waren Sprachwissenschaftler und Sammler der  durchaus grausamen „Grimms Märchen“) ist, und die heilige Verplichtung hat „das Böse“ aus der Welt zu schaffen, wird’s richtig gruselig.

So ergeht es nämlich Polizist Nick Burkhardt (David Giuntoli) in der neuen VOX-Serie „Grimm“. Und plötzlich sieht für ihn jede smarte Blondine wie eine zähnebleckende, das eben noch so hübsche Lächeln zur Fratze verzerrte, Untote aus, nur um sich gleich darauf wieder als harmlose Städterin zu zeigen, offenbart sich für ihn hinter jeder zweiten Menschengesichtermaske ein Tierwesen, sei’s Wolf, sei’s Bär.

So eine US-Serie (NBC) hat freilich nur noch wenig mit Rotkäppchen“, „Rapunzel“ oder „Schneewittchen“ zu tun, sondern geht davon aus, dass die Monster unter uns leben. Wer sich über derlei Dinge amüsieren kann, wird lachen, wenn der Wolf – jetzt heißt er „Blutbader“ – nach seinem Opfer schnüffelnd rund ums Haus läuft. Das er mi Plastikpüppchen und Spitzchendeckchen schmückt. Und erfreulicherweise muss es gar nicht immer Grimm sein: Für eine Episode war „Goldlöckchen und die drei Bären“, ein Märchen  aus der angelsächsischen Tradition, die Vorlage. Nur sind’s hier fünf – Vater, Mutter und drei Söhne – die auf rituelle Bluthatz gehen.

Für Kinder sind die deftigen Special Effects tatsächlich nichts.

Der Modernisierung des Vampirmythos ist entnommen, dass ein Getriebener seine Triebe  unter Kontrolle halten kann. Mit Pilates und gesunder Ernährung. So ist die beste Rolle der Serie Silas Weir Mitchell als „Blutbader“, also Wolf, Monroe. Er wird zu Nicks wichtigstem Ratgeber. Er kennt andere Geschichten über die  Brüder Grimm und ihre Nachkommen. Man erzählt sich in Tiermenschenkreisen Abgründiges über sie – „Meine Familie hatte immer schreckliche Angst vor euch. Meinem Großvater habt ihr den Kopf aufgespießt“, sagt Monroe. Eine ganz neue Perspektive auf die Märchenwelt.

Grimm

Silas Weir Mitchell als „Blutbader“ Monroe
Bild: VOX/Universal

Ein Interview mit den Hauptdarsteller „Grimm“-Nachfahre David Giuntoli und „Blutbader“ Silas Weir Mitchell:

David, was erwartet die Zuschauer in der neuen Mystery-Crime-Serie „Grimm“?

David Giuntoli: „Grimm“ ist eine Krimiserie, ein ‚Cop Drama‘, bei dem alles auf den Kopf gestellt ist. In dieser Welt gehören die Märchen der Gebrüder Grimm zur Realität und sind Bestandteil der Menschheit. Meine Rolle Nick findet heraus, dass er ein Nachfahre dieser Grimm-Familie ist. Sie sind Profiler und es ist ihre Pflicht, die bösen Kreaturen aus den alten Märchen und Sagen zu jagen und zu töten.

Gibt es Märchen oder Wesen aus den alten Sagen, die es Ihnen besonders angetan haben und die Sie gerne in der Serie sehen würden?

David Giuntoli: Wir arbeiten mit ungefähr 300 Märchen. Es ist toll geworden, eine extra Vorliebe für
eines kann ich darum gar nicht sagen. Wir haben viele der berühmtesten Märchen eingesetzt.
Rumpelstilzchen fehlt vielleicht noch. Und eines, in dem ich acht Stunden schlafen müsste, wäre
wundervoll. Mein Märchenfavorit war auch früher schon immer Rapunzel – die Folge wird in
Staffel eins zu sehen sein. Es ist eine wunderbare Folge, auf die sich die Zuschauer freuen
können. Das Märchen ist auf eine sehr besondere Art eingearbeitet in die Serie…

Wie ist es, in dieser Serie mitzuwirken, in diesem besonderen Genre – Mystery-Crime? Ist es auch physisch eine Herausforderung?

David Giuntoli: Ja, die Kälte beim Dreh ist hart. Seinen Text zu sagen, wenn deine Lippen einfrieren ist sehr schwierig. Meine Serienkollegen und ich, haben in ungefähr jeder dritten Folge eine aufwendige und kräftezehrende physische Auseinandersetzung und das kann einen am Anfang wirklich fertig machen. Ich dachte eigentlich immer: ‚Ach, ich schaff das schon. Ich bin jung und stark.‘ Aber ich wurde sofort eines Besseren belehrt.

Silas, Sie spielen in der neuen US-Serie den Blutbader Monroe. Können Sie Ihren Seriencharakter näher beschreiben?

Silas Weir Mitchell: Ich bin ein Blutbader, der große böse Wolf sozusagen. Aber eine Art reformierter Blutbader. Ich versuche, als Mensch zu leben und auf dem richtigen Pfad zu bleiben, habe eine menschliche Gestalt angenommen und schlage mich als Uhrenmacher durch. Die Zuschauer werden definitiv mehr über meinen Charakter in zukünftigen Episoden erfahren. Aber die Familiengeschichte bleibt erstmal im Dunkeln.

Was hat Sie an der Rolle des Monroe besonders gereizt und an der Serie Grimm?

Silas Weir Mitchell: Ich habe das Drehbuch gelesen und es war cool. Aber was mich besonders an der
Rolle reizt, ist der innere Konflikt meiner Serienfigur. Es ist ein reichhaltiges Terrain für einen Schauspieler, dass man eine Rolle mit so einem Geheimnis und Hintergrund hat. Das zu spielen, macht wirklich Spaß. Ich finde auch die mythologischen Elemente der Geschichte sehr fesselnd.

Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis der Serie?

Silas Weir Mitchell: Es ist ein Geschenk. Ich bin sehr dankbar dafür, Teil dieses tollen Teams zu
sein und gleichzeitig glaube ich, dass wir einen Nerv getroffen haben. Die Autoren haben einen
Hybriden geschaffen, der funktioniert. Das ist schwierig zu erreichen. Es ist eine Serie, die
gruselig ist und Spaß macht.

„Grimm“, immer montags auf VOX, 21.15

www.vox.de/cms/sendungen/grimm.html

www.nbc.com/grimm

Von Rudolf Mottinger

Wien, 25. 3. 2013