Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit

Juli 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Jahre Haft und Folter für ein Gedicht

„Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen – ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang’an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang – und als die Panzer erneut vorrückten, stellte er sich ihnen erneut in den Weg …“

Mit der Erinnerung an dieses Foto, das um die Welt ging, westliche Journalisten, die aufgrund des verhängten Kriegsrechts im Beijing-Hotel festgehalten wurden, hatten den „Tank Man“ mit Teleobjektiven heimlich aufgenommen, beginnt Liao Yiwu sein jüngstes Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“, dem er den Untertitel „Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“ gegeben hat und mit dem sich der Dichter, Dissident und Friedensaktivist einmal mehr gegen das in China staatlich verordnete Vergessen der Geschehnisse rund um das von der Volksbefreiungsarmee angerichtete Blutbad auf dem Tian’anmen-Platz stemmt.

Auch für Liao Yiwu bedeutete dieser 4. Juni vor dreißig Jahren eine grauenhafte Zäsur. Für „Massaker“, sein Protestgedicht im Gedenken an die Opfer (hier nachzulesen: www.amnesty.de/journal/2012/oktober/massaker), wurde er der „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ angeklagt; es folgten vier Jahre Haft und Folter. Erst 2011 gelang es Liao Yiwu aus China zu fliehen, seither lebt er in Berlin. „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“ ist vielleicht Liao Yiwus verstörendstens Projekt wider jene Amnesie, die westliche Politik und Wirtschaft befällt, sobald Menschenrechte den Marktinteressen im Wege stehen.

So hat er etwa für das Kapitel „Aus dem Leben meiner Gefängnisbrüder“ Porträts seiner ehemaligen Mithäftlinge verfasst, Zeilen von einer Intensität und Heftigkeit, die schwer auszuhalten sind, wenn er von Denunziation, öffentlich abzuhaltender Selbst- und Kampfkritik und dem „kleinen, hundehüttenähnlichen Raum“ berichtet, in den „die Politischen“ oft für Monate gesperrt wurden. Er beschreibt deren Angst vor den Gewaltverbrechern, und wie die beiden Gruppen von den Wärtern gegeneinander ausgespielt wurden, „als die politischen Gefangenen einen Hungerstreik durchführten, wurden sie von einer zehnfachen Übermacht von Kriminellen umzingelt …“.

Er erzählt vom „Tierbändiger“ genannten Chen Yunfei, der sich lieber prügeln ließ, „bis seine Schnauze  geschwollen war wie ein Schweinerüssel“, als klein beizugeben, von Hou Duoshu, der eine 80 Kilo schwere Fußfessel tragen musste, weil er in der Bibel las, schildert unfassbare Methoden, einen Menschen zu brechen, Hocken unter einem Stacheldrahtnetz, Tod durch Arbeit, sieht Männer bei lebendigem Leib verfaulen – und die häufigste Sterbeursache hinter Gittern: Krebs.

Bild: pixabay.com

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Dass der Westen vieles wusste, aber wenig tat, erschließt sich auf bestürzende Weise im Kapitel „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“, der todkranke Literaturnobelpreisträger (Leberkrebs), für dessen Enthaftung und Ausreise nach Deutschland Liao Yiwu alle Hebel in Bewegung setzte, heißt: seine Schriftstellerkollegen Herta Müller und Wolf Biermann, Harry Goldstein, Peter Sillem, selbst Joachim Gauck und Angela Merkel. Ein brisanter Briefwechsel, der Liu Xiaobo zwar nicht mehr retten konnte, er starb am 13. Juli 2017, immerhin aber seiner gesundheitlich ebenfalls schwer angeschlagenen Witwe Liu Xia den Weg in die Freiheit ebnete.

Das Buch schließt mit Briefen und Gedichten, die Liao Yiwu im Untersuchungsgefängnis von Chongqing-Stadt gekritzelt hat – mit Bambussplittern und einer violetten medizinischen Tinktur. Die Wolken, ach, brennende Bananenblätter, / die sich schrecklich rollen! / Die Felsen eine Herde hungriger Löwen, Sterne, / die Steinen von der Zungenspitze schnellen / Der Mond, ach, der kreischende Affe, / der über den Horizont springt / und haarige Strahlen schickt / Starr umklammere ich die Finger des Abends …“, liest sich eines mit dem Titel „Die Sonne, dieser Löwe einer elektrischen Entladung, sticht in die geheimen Akupunkturpunkte der Erde“. – „Ich habe wegen meines Geschmiers schon jede Menge Unannehmlichkeiten gehabt“, schreibt er am 30. 7. 1991 an seine „liebe Niaoyu“. „Ich trage das Brandzeichen eines Elektroknüppels auf der Zunge, mir wurden die Hände auf den Rücken gebunden, ich wurde zur Strafe der Sonne ausgesetzt, musste zur Strafe singen, musste zur Strafe auf nassem Boden schlafen, ganz zu schweigen von den Tritten und Faustschlägen, die ich abbekam.“

„Ich war in diesem Sarg über zwei Jahre lebendig begraben und habe es überstanden“, so Liao Yiwu. „Herr Wang“, im britischen Sunday Express erschien eines Tages der Name des 19-jährigen Studenten Wang Weilin für den „Tank Man“, wurde von drei Geheimdienstagenten vom Chang’an-Boulevard samt seinen beiden Einkaufstaschen entfernt. Es wird angenommen, dass er in aller Stille exekutiert wurde, obwohl die chinesische Staatsspitze dies entschieden dementiert. In einer schöneren Fassung der Geschichte soll Wang Weilin nach einer mysteriösen Überfahrt in Taiwan gesehen worden sein, wo er angeblich als Archäologe arbeitet. Wer weiß? Vielleicht schreibt Liao Yiwu nach all seinen Zeitzeugenberichten darüber einmal einen romantischen Roman.

Über den Autor: Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht „Massaker“, wofür er für vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. 2011, als „Für ein Lied und hundert Lieder“ in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seitdem lebt er in Berlin. 2012 erschien „Die Kugel und das Opium“, 2013 „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ sowie 2014 „Gott ist rot“. Liao Yiwu wurde unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

S. Fischer, Liao Yiwu: „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

www.fischerverlage.de

7. 7. 2019

Burghart Klaußner: Vor dem Anfang

Januar 20, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwejkiade während der Schlacht um Berlin

„Vor dem Anfang“, damit meint Burghart Klaußner die Zeit vor der bedingungslosen Kapitulation der nazideutschen Streitkräfte. Es ist der 23. April 1945 in Berlin, und der Schauspieler, Sänger, Regisseur, nun auch Buchautor erzählt in seinem Debütroman von der Schicksalsgemeinschaft zweier Soldaten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Fritz, der eine, der jüngere, ein Rausreder, Durchlavierer und kein Kind von Traurigkeit, hat die Front nicht einmal noch von Weitem gesehen. Schulz, der andere und im Schützengraben schon einmal schwer verwundet, ist stiller, zäher, grüblerischer, vorausplanender – und daher ratloser.

Der Krieg liegt in den letzten Zügen, die Russen rücken näher, und weil die beiden von der Fliegerreserve auf dem Flugplatz Johannisthal absolut nichts mehr zu tun haben und bei einer Zigarette dem Müßiggang frönen, verpassen sie den Abzug ihrer Truppe. Was dazu führt, dass sie vom letzten sich noch nicht verdünnisiert habenden Vorgesetzten dazu verdonnert werden, die Geldkasse der Einheit dem Reichsluftfahrtministerium zu überbringen. Der Auftrag bedeutet eine Tour quer durch die beschossene Stadt auf den einzig verbliebenen Fortbewegungsmitteln – zwei Fahrrädern.

Was folgt ist eine Schwejkiade während der Schlacht um Berlin. Klaußner schreibt unprätentiös und prägnant, klar und kraftvoll, seine knappe Sprache ein Synonym für die durchs Pedale-Treten und die permanente Angst vor Fliegerbomben und Granaten erzeugte Atemlosigkeit seiner Protagonisten. Deren Dialoge schwanken zwischen Lakonie und trockenem Humor, und dass Klaußner sie so wunderbar berlinern lässt, macht zum Gutteil den Charme des Buches aus. Man spürt die große Wärme, die der Autor seinen Figuren entgegenbringt, etwa, wenn er ihnen hilft, dem Irrsinn der vor ihnen liegenden vierundzwanzig Stunden mit dem einzig möglichen Mittel beizukommen: indem sie den Ereignissen mit Gelassenheit und Ironie begegnen.

Nicht nur stoßen die Kameraden, Fritz und Schulz sind keine Freunde und durchaus aufeinander misstrauisch, auf einen schießwütigen Leutnant, der mit bunt zusammengewürfeltem Volkssturm-Haufen eine ohnedies verlorene Stellung hält, sondern sie geraten immer wieder auch in Straßenkontrollen der Feldgendarmerie, die die Echtheit ihres Marschbefehls anzweifelt. Deserteure gibt es dieser Tage allüberall, an die Wand gestellt ist man schnell, und es ist Fritz‘ Berliner Schnauze zu danken, dass derlei brenzlige Situationen glimpflich ausgehen. Tatsächlich schmiedet das Duo Pläne zur Fahnenflucht, wenn auch unterschiedlicher Art. Schulz will sich in einer verlassenen Gartenkolonie, durch die sie radeln, verstecken, Fritz an den Wannsee, wo der besser situierte Promi-Gastwirt ein Segelboot liegen hat. Mit Zivilkleidung und genug Proviant, um das Ende der Auseinandersetzungen abzuwarten.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Was diese „Traute“ betrifft, unterfüttert der passionierte Segler Klaußner seine Momentaufnahme des Krieges mit als Rückblenden eingeschobenen Erinnerungssplittern, manchmal auch traumartigen Sequenzen. Diese Aufgabe obliegt Fritz, der an Augenblicke des Glücks auf seinem Schiff zurückdenkt, aber auch an seine Kindheit zwischen alkoholsüchtigem Vater und energischer Mutter, an Deformationen, die ihm seine Erziehung beigebracht hat, und an die Zeit seiner Selbstentdeckung, als er in einem aus der Erwachsenen-Bibiliothek entwendeten Buch „Brüste“ statt Bürste las. Auch die Verfolgung der Juden taucht aus Fritz‘ Gedanken auf, als ihm eine frühe Demütigung eines älteren Herrn mit Davidstern durch einen wütenden Mob wieder einfällt.

Klaußner erschafft plastische Nebencharaktere und pointierte Beschreibungen, die sich zu einer authentischen Kulisse für diesen Roadtrip durch Ruinen fügen. Eine der besten dieser Episoden ereignet sich in einem Luftschutzkeller, in dem Fritz und Schulz Unterschlupf finden, erst feindselig beäugt vom Luftschutzwart, „der aussah wie ein kaiserlicher Polizist, mit dickem Schnauzbart und friedensmäßiger Plauze“, bis ihnen eine Frau ein Stück ihres in Sicherheit gebrachten Kuchens anbietet – mit den Worten: „Ranjeklotzt und nich jezittert, ran an Sarg und mitjeweent!“ Schön auch die Szene, in der sich Fritz im ausgebombten Schillertheater auf einen der wenigen noch intakten Sitze setzt, und vor seinem geistigen Auge die Feenwelt der letzten hier gesehenen Vorstellung von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ aufersteht. Dies ein beinah biografischer Exkurs über das Haus, an dem Klaußner zu Beginn seiner Karriere engagiert war.

„Die Welt existierte zuletzt nur noch in einem Umkreis von einigen Kilometern. Ein Kreis, der sich wie durch ein elastisches Band, je nach dem Stand der Informationen, ausdehnte oder zusammenzog“, schildert Klaußner die prekäre Unordnung im Schatten des untergehenden Dritten Reichs, in dem sich Menschen zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht in unsinnig gewordener Pflichterfüllung ergehen oder Fluchtversuche mit ungewissem Ausgang wagen. Aus diesem Hin und Her bezieht „Vor dem Anfang“ seine soghafte Spannung, die Frage stellt sich, ob Fritz und Schulz den Waffenstillstand überhaupt noch erleben werden. Denn als die Soldaten nach ihrer Odyssee endlich im Ministerium ankommen, ist dort alles in hektischer Auflösung, alles rennet, rettet, flüchtet, Verhängnisvolles wird vernichtet oder auf Lastwagen verladen, und dann ist plötzlich Schulz weg. Fritz steht allein im sich leerenden Gebäude, und wird, als er sich die Stempelwut der Wehrmacht für sein Soldbuch zu Nutze machen will, von einem SS-Offizier hopsgenommen und Richtung Gefechtslinie geschleppt. Ausgerechnet. Auf den buchstäblich letzten Metern noch eingefangen.

Mit „Vor dem Anfang“ fordert Burghart Klaußner zur Selbstbefragung darüber auf, wie es sich in einer entmenschlichten Zeit zu verhalten gilt. Dieser ethische Anspruch macht seinen kammerspielartigen Roman ebenso lesenswert, wie Klaußners Talent mit knappen Strichen Stimmungen und Sinneseindrücke zu zeichnen. Was den Schluss betrifft, so dies: Wie bei jeder guten Geschichte gibt’s auch hier einen Regenbogen. Und an dessen Ende findet sich bekanntlich ein Goldtopf …

Über den Autor: Burghart Klaußner, geboren 1949 in Berlin, absolvierte das Max Reinhardt Seminar und spielte nach Anfängen bei Tabori, an der Schaubühne und dem Schillertheater an nahezu allen bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. Er ist ständiger Gast im Ensemble des Burgtheaters, wo er derzeit in „Der Besuch der alten Dame“ zu sehen ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28967). Für seine Darstellung des Pfarrers in Michael Hanekes „Das weiße Band“ und eines entführten Managers in Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ wurde er jeweils mit dem Deutschen Filmpreis sowie dem Preis der deutschen Filmkritik als bester Darsteller ausgezeichnet. Grandios auch seine Leistung in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15024), für die er den Bayerischen Filmpreis erhielt. Burghart Klaußner ist Mitglied der freien Akademie der Künste in Hamburg und der deutschen Filmakademie. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg. „Vor dem Anfang“ ist sein erster Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Burghart Klaußner: „Vor dem Anfang“, Roman, 176 Seiten.

Burghart Klaußner liest aus „Vor dem Anfang“: www.youtube.com/watch?v=juCCvLBMMkU

Burghart Klaußner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=9361

www.burghartklaussner.de          www.kiwi-verlag.de

  1. 1. 2019

Theater Akzent: Gebrüllt vor Lachen

November 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei sympathische Psychopathen

Stefano Bernardin und Dagmar Bernhard. Bild: Karl Satzinger

Als der US-Dramatiker Christopher Durang vor mehr als dreißig Jahren sein Stück „Gebrüllt vor Lachen“ verfasste, der Titel einem Zitat von Samuel Beckett entliehen, spiegelte es die Angst vor dem Gerade-erst-Begreifen von Aids wider, laut damaligem Papst-Zitat Gottes verseuchende Antwort auf die Sünde Schwulsein.

Der Meister der absurden Satire, immer wieder befasst mit Kirche und Kindesmissbrauch und (Homo-)Sexualität, schrieb eine Abrechnung mit Religion und deren Ersatzformen von Selbsthilfetherapien bis Konsumrausch. Die könnte aktueller kaum sein. Und wurde deshalb nun von Regisseur Hubsi Kramar im Theater Akzent mit Stefano Bernardin und Dagmar Bernhard inszeniert.

Der Inhalt, treffen sich ein Mann und eine Frau am Thunfischregal, klingt wie der Beginn eines Witzes. Und irrwitzig wird’s im Verlauf des Abends auch. Dieser setzt sich aus zwei Monologen und einer Albtraumsequenz zusammen. Erst berichtet sie über einen Ignoranten, der ihr den Weg zur Supermarktstellage verstellt, doch spricht sie ihn deswegen nicht etwa an, sondern steigert sich wortlos in ihren Zorn hinein – bis sie ihn auf den Kopf schlägt. Dann er. Bemüht im Negativsten noch das Positive zu sehen, von wegen halbvollem Glas und so. Und schließlich die Konfrontation in Form einer skurrilen Talkshow, die Thunfischdosenszene in x Varianten, und alle enden sie in Gewalt.

Bernhard und Bernardin machen die Aufführung mit Temperament und viel Gespür fürs Timing zu einer verspielt-verschrobenen Geschlechterschlacht. Zwei Stadtneurotiker treffen da aufeinander, sie in ihrem Vortrag explosiv und laut und nicht immer politisch korrekt, er als Klischee-Hipster mit Haarband und Hawaiihemd und „Kumbaya“ singend – und immer wieder schafft es Kramar mitten im größten Tralala, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Etwa, wenn die Frau was von Nervenheilanstalt schwadroniert, und sich als Pessimistin mit Hass auf alle Glücklichen enttarnt. Wie sie das Publikum direkt anspricht, wird rasch klar, dass die akrobatische Performance so humorvoll wie hintergründig ist. „Gebrüllt vor Lachen, inmitten allerheftigsten Leids“ lautet übrigens das Beckett-Zitat.

Bild: Karl Satzinger

Bild: Karl Satzinger

Bernhard nervt ganz großartig mit ihrem enervierenden Lachen, mit ihrer Geschwätzigkeit, mit der sie mehr als eine halbe Stunde über die Köpfe der Zuschauer hinwegfegt, immer knapp vor Zusammenbruch, mit wenigen nachdenklich stillen Momenten, so dass man im manisch-depressiven Auftritt der Frau tatsächlich die Wirkung von Tabletten vermutet. Bernardin wiederum brilliert als Hypochonder und Selbstbemitleider, sein Vortrag nicht weniger erhitzt und hektisch, obwohl er versucht, mit Harmoniezeremonie und Good Vibrations und einem Om auf den Lippen, den eben erlebten Vorfall zu begreifen.

Dem Superöko und der Thunfischterroristin hat Kramar, anders könnte es bei ihm gar nicht sein, ein paar tagesaktuelle Sager über Abschiebungen, Ausländerfeindlichkeit und anderen aggressiven „Österreich zuerst“-Standpunkten in den Mund gelegt, doch unterm Strich bleiben die beiden einfach zwei sympathische Psychopathen.

Und während der Mann sich mit seiner Spiritualität und seinem Faschistenvater abplagt, auf dem Höhepunkt der Farce schwebt Bernardin als Prager Kindl vom Himmel herab, und sie beschließt, innere Weisheit nicht mehr in bewusstseinserweiternden Ratgebern zu suchen, während sie auf ihn schießt und ihn abwatscht und er sich nicht wehrt, kommt der Frau die allumfassende Erkenntnis, die sie natürlich sofort mit dem Publikum teilt: „Ich geb‘ Ihnen einen Schlüssel zur Existenz: Immer atmen. Das ist die Grundlage des Lebens, das ist im Grunde die Grundlage. Wenn Sie nicht atmen, sterben Sie.“ Süßer Augenblick einer großen Sehnsucht. Der die davor dargebotenen Gemeinheiten fast schon wieder wett macht.

Zu sehen bis 7. Dezember.

www.akzent.at

  1. 11. 2018

Akademietheater: Vor Sonnenaufgang

Dezember 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bipolar gestörte Familienverhältnisse

Fröhliches Feiern: Markus Meyer (Thomas Hoffmann), Dörte Lyssewski (Annemarie Krause), Michael Maertens (Alfred Loth) und Marie Luise Stockinger (Helene). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die langerwartete Geburt setzt ein, Martha wird nun ihr Kind bekommen. Sekt wird zu Fruchtwasser, drei kreischende Männer ersetzen die gebärende Frau, einer fällt in Dauerohnmachten, einer hält sich an der Flasche fest, einer hämmert ins Klavier … Dies die Temperatur von Dušan David Pařízeks Inszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater.

Für die der Regisseur einmal mehr seine zuletzt am Volkstheater immer wieder eingesetzten, geliebten Overheadprojektoren und seine Schminktische mitgebracht hat, von beiden jeweils zwei Stück, wobei erstere diesmal als Rampenscheinwerfer dienen. So viel zum szenischen Teil des Abends. Zwingender als Pařízeks Arbeit ist jedenfalls die von Ewald Palmetshofer. Von ihm nämlich stammt der Text, eine Gerhart-Hauptmann-Überschreibung im Auftrag des Theaters Basel, nun ist in Wien zu sehen, wie brillant das geworden ist.

1889 hat Hauptmann sein Werk verfasst. Darin besucht der Volkswirt Alfred Loth seinen alten Studienfreund Thomas Hoffmann auf dem Lande, wo der in eine ortsansässige Bauernfamilie eingeheiratet hat. Der linke Intellektuelle trifft auf einen konservativ Gewordenen und ist entsetzt, auch über den allüberall herrschenden Alkoholismus, ist er selbst doch strikter Abstinenzler. Zwar gibt es ein Liebesintermezzo mit der jüngeren Tochter des Hauses, Helene, doch wird Alfred sie wieder verlassen – eben, weil ihm in der Familie zu viel gesoffen wird.

Palmetshofers Fassung deutet die Differenzen nur an. Die gesellschaftlichen Grenzen sind bei ihm verwischter, die Figuren wirken verlorener, taumelnd. Ihre Sprachlosigkeit ist in Halbsätzen, in abgebrochenen Sätzen festgehalten; sie mäandern durch das, was sie sagen wollen, und gerade weil sie so im Unkonkreten bleiben, ist diese Familienaufstellung sehr prägnant. Die Krauses sind natürlich längst keine Bauern mehr, sondern Unternehmer, Alfred ein Journalist bei einem linken Wochenblatt, dem man zunächst unterstellt, einen Aufdeckerartikel schreiben zu wollen.

Doch dahinter lauert die Familienkrankheit …: Michael Abendroth (Egon Krause) und Dörte Lyssewski. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… alle leiden an Depressionen und an Alkoholismus: Markus Meyer und Stefanie Dvorak (Martha). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Michael Maertens ist großartig als unsicherer, sensibler Eindringling, denn eigentlich bereitet sich die Familie auf die Geburt von Tochter Marthas erstem Kind vor, wie er vor Verlegenheit von einem Fuß auf den anderen tritt, und trotzdem seine Standpunkte durchsetzt, das ist Maertens vom Feinsten. Markus Meyer als Thomas Hoffmann ist ihm ein entsprechend starker Widerpart, nicht wirklich unsympathisch, aber auch keine Figur, der die Herzen zufliegen. So distanziert, wie er sich zum Geschehen verhält ist klar, ihm ist nur am Firmengeld und am Chefsessel gelegen.

Palmetshofer geht dem bei Hauptmann festgeschriebenen Alkoholismus auf den Grund, er verortet ihn in einer Familienkrankheit. Jeder scheint hier an einer bipolaren Störung zu leiden, vor allem die Töchter des Hauses sind manisch-depressiv, doch erfährt man das nur allmählich und mehr zwischen den Zeilen: dass Martha (Stefanie Dvorak überintensiv) ihr – schließlich ohnedies tot geborenes – Kind deshalb nicht wird lieben können, und dass ihre Schwester Helene offenbar Job und Wohnung verloren hat. Marie-Luise Stockinger gestaltet sie als eine, die sich bemüht, gute Miene zum bösen Lebensspiel zu machen. Fabian Krüger gibt den Hausarzt Dr. Schimmelpfennig als einen, der Helene liebt, aber um ihre Probleme weiß.

Der Arzt bleibt unglücklicher Beobachter: Fabian Krüger (Dr. Peter Schimmelpfennig). Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Vater und Stiefmutter glänzen der vom Volkstheater ausgeborgte Michael Abendroth und Dörte Lyssewski, sie als überdrehte Übermutter, er als bärbeißiger guter Kerl, geben die beiden der Aufführung die Prise Humor, die sie braucht. Während der Alkohol in Strömen fließt … Der Schluss ist bei Palmetshofer je nach Sichtweise happy. Alfred, nun über Helenes Zustand, ihre „dunkle Seite“ informiert, bleibt dennoch – doch wie soll das enden?

Im Kern ist Pařízek weder zu Palmetshofer noch zu Hauptmann viel eingefallen, und, was die Schauspieler nicht selber aus den Charakteren rauszuholen vermögen, verflacht. Mehr Regieideen als die Gimmicks von gestern hätten dem Abend gutgetan. Und ein Esstisch.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2017

Werk X Eldorado: mutterseele. dieses leben wollt ich nicht

März 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Wortsinn: eine Familienaufstellung

Ein Spiel auf mehreren Ebenen: Lilly Prohaska als Rita (hinten), Florian Stohr und Lisa Weidenmüller als Sven und Marie (Mitte), Nikolaij Janocha als Maries Vater Gerhard (vorne). Bild: © Edi Haberl

Nicht nur das Werk X in Meidling, auch dessen Innenstadtdependance Eldorado ist immer wieder für dramatische Entdeckungen gut. Diesmal gilt die Aufmerksamkeit Autor Thomas Perle und seinem Stück „mutterseele. dieses leben wollt ich nicht“, das wie mit spitzen Nadeln unter die Haut fährt. Perle, 1987 in Rumänien geboren, schrieb seinen Text bei den Wiener Wortstätten; nun hat ihn Regisseurin Lina Hölscher als Kooperation von „perlen vor die säue“ und dem Werk X zur Uraufführung gebracht.

Und sie hat daraus im Wortsinn eine Familienaufstellung gemacht. Perle hat ein Spiel auf drei Ebenen geschaffen, das Hölscher auf drei Spielebenen umsetzt. Erzählt wird die Geschichte von Rita und Marie, einer Alkoholikerin und einer Tochter, die Angst hat, so zu werden wie die Mutter. Eine alt gewordene Rita, verbittert, verlassen, verlebt, dämmert schnapsbenebelt durch ihren Alltag. Ganz oben auf der Absturztreppe hadert sie mit einem Schicksal, das der jungen Rita auf der unteren Etage im Moment widerfährt. Schwangerschaft, überstürzte Hochzeit, der Mann ein Schläger, Fremdgänger und Säufer. Immer öfter greift auch Rita zur Flasche, trinkt sich den Kummer weg, als ob das tatsächlich ginge. Und in der Mitte Marie – samt Sven, dem treusorgenden, gutherzigen Lover. Doch Marie kann seine Liebe nicht annehmen. Das hat sie nicht gelernt – und so ist zu befürchten, dass ihr der Weg der Mutter offen steht …

Lilly Prohaska spielt die alt gewordene Rita mit der ihr eigenen Intensität. Sie gestaltet die Mutter als Ich-bezogene Monstrosität, ausgestattet mit dem Alkoholiker-typischen Egoismus; ihre Rita ist nicht nur eine Frau, die nicht zuhören kann, sondern die Gegenwart und Zukunft (vor allem die der Tochter) gar nicht erst interessieren, weil sie in der Vergangenheit zurückgeblieben ist. Marie, die sich eine Kindheit und Jugend lang für ihre Exzesse geschämt hat, attestiert sie ein „schönes Leben“, weil sich ihre Perspektive längst Richtung Verbohrtheit verschoben hat. Trotzdem, Prohaska gelingt es, ein Menschenwesen zu formen, das Mitgefühl erweckt. Man versteht diese Rita kaum, will’s vielleicht auch gar nicht, doch sie tut einem leid, weil sie doch weiß, dass der Tod schon im Hausflur auf sie wartet.

Die ältere Rita mit Tochter Marie: Lilly Prohaska und Lisa Weidenmüller. Bild: © Edi Haberl

Die junge Rita mit Ehemann Gerhard: Claudia Carus und Nikolaij Janocha. Bild: © Edi Haberl

Genau so geht’s auch Marie, die vor der Mutter immer wieder flieht, und doch zurückkommen und nach deren Wohlergehen sehen muss. Ein sinnloses, nervenaufreibendes Unterfangen, denn wer sich mit Alkohol aus dem Leben befördern will, dem gelingt das meist auch. Lisa Weidenmüller liefert in diesem Wechselbad der Emotionen eine starke Performance ab. Und so sind denn auch die Szenen am gewaltigsten, in denen Prohaska und Weidenmüller als Mutter und Tochter in den Infight gehen. Claudia Carus schlüpft in die Rolle der jungen Rita, Nikolaij Janocha spielt Ritas Ehemann Gerhard, Florian Stohr Maries Freund Sven.

Perles Text ist beinhart. Er hat seine Figuren der Sprache beraubt, hat ihnen den Ausdruck amputiert. Er lässt sie wortstammeln, in Halbsätzen ärgern sie sich über ihre Existenz. Der Grundton des Abends ist Aggression, die Grundhaltung Eskalation. Doch während derart gerauft und gerungen wird, malen die drei Darstellerinnen abwechselnd auch den Bühnenhintergrund aus. Ein Kinderzimmer in Sonnengelb? Oder blüht hier die Leberzirrhose? Man weiß es nicht. Die Szenen beginnen, sich ineinander zu schieben. Gewesenes greift in eben Stattfindendes ein, Zukünftiges mischt sich in die Vergangenheit.

Hölschers für den Anfang vorgegebene Form löst sich immer mehr im Chaos von Ritas Leben auf. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen schreit sie ihre Tochter an, dass sie nie Mutter werden wollte. Und dann erfährt auch Marie, dass sie ein Kind bekommt, das sie nicht will. Dies als Anhaltspunkt für den Titel. Den Text hat Hölscher bis in seine Tiefen ausgelotet; ein, zwei jugendsündige Untiefen macht vor allem das fabelhafte Darstellerinnentrio wett. Was bleibt, ist viel Wahres. So wie Maries erschreckende Erkenntnis, man könne wohl erst richtig erwachsen werden, wenn die Eltern tot sind. Oder man sie für sich für selbiges erklärt.

werk-x.at

www.wortstaetten.at

Wien, 8. 3. 2017