Wienbibliothek im Rathaus: Die Hochzeit von Auschwitz

Juni 28, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Nachlass des Widerstandskämpfers Rudolf Friemel

Hochzeitsfoto Margarita Ferrer Rey und Rudolf Friemel, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Obwohl der Wiener Rudolf Friemel (1907–1944) zu den österreichischen Auschwitz-Häftlingen zählte und seine Biografie ein wichtiges Zeugnis des politischen Engagements gegen den Faschismus ist, war seine Geschichte lange nur wenigen bekannt. Erst 2002 wurde seiner Person durch Erich Hackls Buch „Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit“ eine größere öffentliche Wahrnehmung zuteil. Vor Kurzem wurde der Nachlass Friemels an die Wienbibliothek im Rathaus übergeben.

Eine Ausstellung erinnert nun ab 1. Juli mit den wichtigsten Briefen, Fotografien und Lebensdokumenten an den kommunistischen Widerstandskämpfer.

Im Zuge der Neugestaltung der österreichischen Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau stieß das Ausstellungsteam über die Vermittlung Erich Hackls auf Rudolf Friemels in Frankreich lebenden Enkel Rodolphe Friemel, der den Nachlass seines Großvaters verwahrte. Er überantwortete ihn der Wienbibliothek im Rathaus, die nun in einer von Albert Lichtblau, Hannes Sulzenbacher und Barbara Staudinger kuratierten Ausstellung die wichtigsten Briefe, Fotografien, Zeitungsartikel, Kassiber und Lebensdokumente zeigt. In der Broschüre zur Ausstellung zieht Hackl, der für sein Buch zehn Jahre mit der Lebensgeschichte Rudolf Friemels befasst war, Bilanz: „,Die Hochzeit von Auschwitz‘ hat mich in meiner Auffassung bestärkt, dass die größte, jedenfalls nachprüfbare Wirkung von Literatur (einer auf Fakten gestützten, also politisch eingreifenden) auf diejenigen abzielt, von denen sie handelt.“

Antifaschistischer Widerstand in Österreich und Spanien

Friemel wurde 1926 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei sowie des Republikanischen Schutzbunds. Wegen seiner Teilnahme an den Kämpfen gegen das austrofaschistische Regime wurde er Ende 1934 verhaftet. Nach der Inhaftierung trat er 1936 der in Österreich verbotenen Kommunistischen Partei bei und nahm als Brigadist 1937 am Spanischen Bürgerkrieg teil. In dieser Zeit verliebte er sich in Margarita Ferrer Rey († 1987). Friemel war damals noch mit einer Wienerin verheiratet und hatte einen Sohn, Norbert. In Spanien ließ er sich mit Margarita Ferrer Rey kirchlich trauen.

Nach der Niederlage des antifaschistischen Kampfes in Spanien flohen Friemel und Ferrer Rey 1939 aus Spanien nach Frankreich, wo Friemel interniert wurde. Er leistete als Bergarbeiter Arbeitsdienst in einer Mine in Carmaux. 1941 wurde ihr gemeinsamer Sohn Edouard geboren. Auf Empfehlung der Kommunistischen Partei an ihre Mitglieder stellte Friemel im Sommer 1941 einen Antrag zur Rückstellung ins „Deutsche Reich“. Dies stellte sich als schwerer Fehler heraus, da die französischen Behörden bereits an der Grenze Rudolf Friemel, Margarita Ferrer Rey und Edouard der Gestapo übergaben. Friemel wurde in Wien erkennungsdienstlich erfasst und im Jänner 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz überstellt. Margarita und ihr Sohn wurden in ein Heim für ledige Mütter nach Kirchheim unter Teck verbracht.

Hochzeit und Hinrichtung in Auschwitz

Im KZ Auschwitz-Stammlager arbeitete Rudolf Friemel als sogenannter „Funktionshäftling“, als Mechaniker in der Fahrbereitschaft der SS. Als politischer Häftling war es ihm erlaubt, regelmäßig – zensurierte – Briefe nach Hause zu schicken, die ein Teil der Ausstellung sind. Friemel schloss sich der österreichischen Widerstandsgruppe an, die eine wichtige Rolle in der international zusammengesetzten „Kampfgruppe Auschwitz“ einnahm, und der auch andere Österreicher wie Heinrich Dürmayer, Alfred Klahr, Hermann Langbein, Ludwig Soswinski, Ernst Burger und Ludwig „Vickerl“ Vesely angehörten. Wegen seiner französischen Sprachkenntnisse war Friemel wichtig für die Kontakte zur französischen Widerstandsgruppe. Friemels erste Ehe wurde 1941 rechtskräftig geschieden.

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Bereits kurz nach seiner Inhaftierung verfolgte er den Plan, seine Ehe mit Margarita Ferrer Rey legalisieren zu lassen, um ihr und seinem Sohn einen rechtmäßigen Aufenthalt im „Deutschen Reich“ zu verschaffen. Seine Bemühungen hatten Erfolg: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen durften Friemel und Ferrer Rey am 18. März 1944 im sonst ausschließlich für das Ausstellen von Totenscheinen zuständigen Standesamt des KZ Auschwitz-Birkenau heiraten. Es war die einzige im KZ Auschwitz geschlossene Ehe, einem Ort, an dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden.

Neben der Braut und dem gemeinsamen Sohn Edouard durften auch der Vater und der Bruder des Bräutigams zur Zeremonie nach Auschwitz kommen. Für die Hochzeit durfte sich Rudolf Friemel die Haare wachsen lassen und Zivilkleidung tragen. Davon zeugen die Hochzeitsfotos, die der Lagerfotograf Wilhelm Brasse anfertigte und die ebenso in der Ausstellung zu sehen sind wie Glückwunschbilletts und ein Hochzeitsgedicht von Mitgefangenen. Für die Hochzeitsnacht wurde dem Brautpaar ein Zimmer im ersten Stock des Blocks 24a, dem Lagerbordell, zur Verfügung gestellt.

Im Oktober 1944, wenige Monate vor der Befreiung von Auschwitz half Friemel bei den Vorbereitungen für einen vom Lagerwiderstand organisierten Fluchtversuch einiger Häftlinge. Der Fluchtversuch scheiterte und Friemel wurden wegen „Fluchtbegünstigung“ gemeinsam mit den österreichischen Widerstandskämpfern Ernst Burger und Ludwig Vesely sowie den polnischen Widerstandskämpfern Piotr Piąty und Bernard Świerczyna am 30. Dezember 1944, nur knapp ein Monat vor der Befreiung, in Anwesenheit der zu diesem Zeitpunkt noch

verbliebenen Häftlinge gehängt. Im Gegensatz zu den anderen Delinquenten, die Häftlingskleidung trugen, schritt Friemel in seinem mit Rosen bestickten Hochzeitshemd zum Galgen. Mithäftlinge erinnerten sich später an unterschiedliche Parolen, die die Verurteilten unmittelbar vor der Hinrichtung gerufen haben. In einem Interview mit Franz Danimann, der wegen seiner kommunistischen Widerstandstätigkeit von 1942 bis zur Befreiung im Stammlager inhaftiert war, heißt es: „Und noch unter dem Galgen haben sie ihre gefesselten Hände gehoben. Ernst Burger: ‚Es lebe ein freies Österreich!‘ Rudi Friemel: ‚Nieder mit der braunen Mordpest!‘ Und Vickerl Vesely: ‚Heute wir, morgen ihr!‘ Und die Polen in ihrer Sprache: ‚Niech żyje wolność, niech żyje Polska.‘ Es lebe die Freiheit, es lebe Polen!“

Telegramm des Standesamts Auschwitz, 6. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Brief von Rudolf Friemel an Margarita Ferrer Rey, 17. Oktober 1943 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Ein Abschiedsgedicht von Rudolf Friemel an seinen Sohn Edouard ist in einer Abschrift von Margarita Ferrer Rey erhalten. In diesem appelliert er an den Sohn: „Folge dem Weg / deines Vaters / Mit jeder Faser deines Willens. / Fest und kompromisslos. / Kämpfe, wie dein Vater gekämpft hat. / Für unsere Idee / und den Fortschritt der Menschheit. / Dieser Weg ist hart: / Aber das Ziel lohnt den Einsatz / Des Menschen, der du sein musst.“ (Übersetzung aus dem Spanischen von Schriftsteller Erich Hackl)

Im Nachlass findet sich eine Abschrift von Rudolf Friemels letztem Brief, der abrupt endet: „Ich habe meine Aufgabe vollständig beendet, ich sterbe standhaft für meine heilige Sache. Die wird siegen, weil sie die Idee der Menschheit ist und deren Fortschritt. Nur ist es schwer sehen schon die Menschheit gerettet von Leiden so nah und doch nicht können uns erreichen und teilnehmen an den Neuaufbau der Welt und gemeinsam mit Euch genießen das Ergebnis vieler Menschenopfer.“

Zu sehen bis 30. September. Montag bis Freitag, 9 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Sommerschließzeiten: Vom 1. bis 19. August ist die Ausstellung nach Voranmeldung zu besichtigen. Führungstermine zur Ausstellung hier.

www.wienbibliothek.at

28. 6. 2022

Kammerspiele: Was ihr wollt

April 28, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Weil ich ein Mädchen bin …

Helden in Strumpfhosen: Markus Kofler, Matthias Franz Stein, Alexander Strömer, Dominic Oley, Tamim Fatal, Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: © M. Schell

Wer hätte gedacht, dass sich im Josefstädter Ensemble derart viele herrliche Dragqueens verstecken? Auf die man noch dazu nur neidisch sein kann, weil – nackte Männerbrust hin oder her – wow, gibt es da sexy Beine zu sehen … In den Kammerspielen der Josefstadt zeigt Regisseur Torsten Fischer Shakespeares „Was ihr wollt“ in (bis auf Maria Bill als melan- cholischem Clown) männlicher Besetzung. Der Kniff passt zum britischen Barden, durfte doch zu dessen Lebzeiten keine Frau auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen. Fischers gemeinsam mit Herbert Schäfer erstellte modernisierte Textfassung sprüht nur so vor Bonmots und Pointen.

Ist an den passenden Stellen derb, an den richtigen elegisch. Die Darsteller scheuen mitunter auch vor tief aus der Klamottenkiste geholtem Klamauk nicht zurück, und sind in ihrem Spiel in dieser irrwitzig wortwitzigen Romantic Comedy dergestalt stark, dass selbst ein gutgetrimmter Dreitagebart der Illusion keinen Schaden zufügen kann. Und wenn’s die Helden in Strumpfhosen gar zu bunt treiben, unterbricht die Bill als Botin aus einem weniger leichten Leben in den hochemotionalsten Momenten und singt Astor Piazzola.

„Rinascerò“ nach dem mit Tamim Fattal und Ljubiša Lupo Grujčić mehrsprachig erlittenem Schiffbruch, „Los Pájaros Perdidos“ wenn Herzen brechen, „Oblivion“ hat sie selbst übersetzt. Tango Argentino, Tango Nuevo, Musik vom Rio de la Plata, die hier Krzysztof Dobrek am Akkordeon und der Geiger Aliosha Biz alternierend mit Nikolai Tunkowitsch interpretieren. Allein diese Augenblicke sind den Besuch der Vorstellung wert und wurden vom gestrigen Publikum auch mit Szenenapplaus bedankt.

Die Handlung ist tatsächlich sehr geschlechterfixiert: In Illyrien schmachtet Herzog Orsino nach der Hand der Gräfin Olivia, die sich jedoch in der Trauer um den hingeschiedenen Vater und Bruder ergeht. Da stranden die Zwillinge Viola und Sebastian an der Küste, allerdings im jeweiligen Glauben das andere Geschwister sei ertrunken. Viola verkleidet sich als Jüngling „Cesario“ und tritt in die Dienste Orsinos. Beauftragt mit dessen Liebeswerben entbrennt Olivia für den „jungen Mann“.

Rehrl, Niedermair und von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Ach, armer Rehrl! – Ich kannte ihn: Mit Clownin Maria Bill. Bild: © Moritz Schell

Dick und Doof: Robert Joseph Bartl und Matthias Franz Stein. Bild: © M. Schell

Alldieweil versuchen Olivias Onkel und Trunkenbold Sir Toby und Kammerkätzchen Maria den um Olivia werbenden, reichen, aber dümmlichen Sir Andrew auszusackeln; der Olivia besitzen und die Schluckspechte ausmerzen wollende Haushofmeister Malvolio wird per Intrige zum Narren gemacht, Stichwort: Komm‘ im gelben Höschen, dann zeig ich dir mein Möschen. Sebastian erscheint. Orsino und Olivia fighten um den schönen Knaben, der sich zum Glück als zwei vom jeweils angemessenen Sexus entpuppt. Ende gut, Torsten Fischer, denn der Regisseur demontiert die altväterische Ordnung. Immerhin Sir Toby heiratet Maria. Das alles ereignet sich auf der reinweißen Bühne der Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Vorne gibt es einen Spalt für freiwillige und unfreiwillige Abgänge.

Julian Valerio Rehrl spielt niemals travestiehaft, sondern subtil Viola/“Cesario“ und Sebastian, als zweiterer ein burschikoser Haudrauf, als erstere von einer Delikatheit und Zartheit, die nicht nur den Herzog verwirrt. Als solcher bleibt Claudius von Stolzmann hinter seinen Möglichkeiten, die blass geschminkten Gesichter müssen ja nicht in ebensolches Agieren ausarten, mag aber auch sein, dass man von seinem fulminanten Mackie Messer immer noch in der Weise eingenommen ist, dass jede andere Rolle dagegen bis auf Weiteres …

Claudius von Stolzmann, Julian Valerio Rehrl. Bild: © M. Schell

Die Schiffbrüchigen, Mi.: Rehrl als Viola. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair als liebestrunkene Olivia. Bild: © Moritz Schell

Dominic Oley als verhöhnter Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Martin Niedermair ist ganz großartig als beständig am Rande der Hysterie wankende Olivia, die Lady ein Fashion Victim im schwarzen Reifrock und mit extravaganten Hüten – und in Strapsen hinreißend! Alexander Strömer gibt lustvoll die rachsüchtige Kammerzofe Maria (im Rockabilly-Kleid), die mit Sir Toby, Sir Andrew und Ljubiša Lupo Grujčić als Diener Fabian jenen sinistren Plan gegen Malvolio schmiedet. Wobei Robert Joseph Bartl als nie nüchterner Sir Toby und Matthias Franz Stein als „Ich will nach Hause“ wimmernder Sir Andrew als Doubles von Laurel und Hardy – inklusive Saloontänzchen zu „Jerusalema“ – auftreten: Zwei Herren dick und doof. „Er liebt Verkleidungen und Rollenspiele“, sagt Sir Toby über Sir Andrew. Na dann.

Fischer versteht es, Shakespeare zu aktualisieren, ohne sich zu weit von ihm zu entfernen und doch überkommene Geschlechterrollen aufzuzeigen. Bisexualität auszuleben ist in dieser Welt kaum mehr kontroversiell, dagegen kann man als Mann immer noch misogyne Frauenbilder propagieren. Ein Beispiel: Nicht einmal die frauenfeindliche Tirade des Herzogs  – „Frauen haben kleinere Herzen als Männer“ – kann Violas Gefühle trüben. Allein für Orsino dauert es etwas länger, sich diese einzugestehen, muss er sich doch damit abfinden, sich vermeintlich in einen Mann verliebt zu haben.

Alexander Strömer als Kammerzofe Maria, Bartl und Stein. Bild: © M.Schell

Szenenapplaus: Die Bill singt Astor Piazzolla. Bild: © Moritz Schell

Mit gefälschtem Brief getäuscht: Dominic Oley als Malvolio. Bild: © Moritz Schell

Wer darf wen wie berühren? Was darf wer zu wem sagen? „Ich glaub, du musst mal wieder flachgelegt werden“, meint Sir Toby zu Nichte Olivia – das klingt von einem an den anderen männlichen Schauspieler adressiert schon ganz anders. Zu all diesen Irrungen und Wirrungen gehört ebenso Markus Koflers Seemann Antonio, der Sebastian rettete und bei Fischer als Flüchtlingsschlepper auftritt. Anno 2022 haben Liebeschwüre, Umgarnungen und Küsse zwischen Männern einen anderen, Vienna-Pride-Subtext als vielleicht ums Jahr 1600.

„Ich konnt‘ Euch so nicht lassen: mein Verlangen, / Scharf wie geschliffner Stahl, hat mich gespornt, / Und nicht bloß Trieb zu Euch / Auch Kümmernis, wie Eure Reise ginge … / Bei diesen Gründen / Der Furcht ist meine will’ge Liebe Euch / So eher nachgeeilt!“, so Antonio. Bleibt als einziger Vertreter toxischer Männlichkeit Dominic Oley als moralinsaurer, alsbald um Contenance ringender Malvolio, als der sich Oley jede nur denkbare Blöße gibt. Und immer wieder fällt, von verschiedenen Figuren gesagt, ein: Macht doch, was ihr wollt. Fazit: Das Publikum, darunter zwei Reihen ukrainischer Schülerinnen und Schüler, lachte bis beinah das Zwerchfell barst. Empfehlung: Schauen Sie sich das an!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QI9FYFf0bQQ           www.josefstadt.org

28. 4. 2022

Belvedere: Lebensnah. Realistische Kunst 1850 – 1950

März 14, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Blick auf soziogesellschaftliche Gegebenheiten

Wilhelm Trübner: Caesar am Rubicon, um 1878. © Belvedere, Wien

Ist alles realistisch, was lebensnah scheint? Welche Kontinuitäten finden sich im Realismus über die Jahrzehnte hinweg? Die neue Sonder- schau im Oberen Belvedere „Lebensnah. Realistische Kunst von 1850 bis 1950“ zeigt ab 18. März den Facetten- reichtum einer Kunst- auffassung, die sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Jahr 1950 auch als Spiegel ihrer sozialen Umwelt verstand. Bis heute begeistern Werke realistischer Strömungen durch ihre beeindruckenden Maltechniken und Themenvielfalt.

Der Ausstellung ging ein Streifzug durch die Sammlung des Belvedere voraus. Die dabei entdeckten Werke, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den 1950er-Jahren stammen, haben sich einer wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe verschrieben und werden nun in einer erhellenden Gegenüberstellung präsentiert. Welche Merkmale und Inhalte finden sich über diesen Zeitraum hinweg in den verschiedenen realistischen Ausrichtungen?

Edouard Frédéric Wilhelm Richter: Orientalin, um 1875. © Belvedere, Wien

Jef Leempoels: Die Weinenden, um 1895. © Belvedere, Wien

Sergius Pauser: Luis Trenker mit Kamera, 1938. © Belvedere, Wien

Hierfür werden Kunstwerke unterschiedlicher Entstehungsphasen miteinander konfrontiert. Die Schau zeigt bisher kaum gezeigte Gemälde, die sich durch eine lebensnahe Darstellung auszeichnen. Diese Nähe zur realen Welt wird vielfach durch eine besondere Akribie in der Maltechnik erzielt. Der Blick auf das, was „real“ zu sein scheint, rückt auch den sozioanalytischen Inhalt mancher Werke in den Fokus: So spiegeln realistische Sujets auch soziale und gesellschaftliche Realitäten wider.

Anton Filkuka: Holzsammelnde Kinder, 1925. Bild: Johannes Stoll / © Belvedere, Wien

Erich Miller-Hauenfels: Hof zwischen Großstadthäusern, 1934. © Belvedere, Wien

 

Herbert Ploberger, Stillleben, 1926. Bild: Johannes Stoll / © Belvedere, Wien

August Eduard Wenzel: Im Museum, 1939.
© Belvedere, Wien


Von vertrauten Motivgattungen wie dem Porträt oder dem Stillleben spannt sich der Bogen zu komplexeren Themen wie der Instrumentalisierung realistischer Malerei in der Politik und sozialer Einflussnahme. Mit einigen der Bilder gibt es nach Jahren im Depot ein Wiedersehen, darunter Édouard Frédéric Wilhelm Richters „Orientalin“ (um 1875), Emanuel Baschnys „Lesender Mann“ (1905), Erich Miller-Hauenfels’ „Hof zwischen Großstadthäusern“ (1934) und Gustav Klimts „Bildnis der Mathilde Trau“ (um 1893) – seit 2019 Dauerleihgabe im Belvedere. Die Ausstellung ist kuratiert von Kerstin Jesse und Franz Smola.

Zu sehen bis 1. November.

www.belvedere.at

14. 3. 2022

Karikaturmuseum Krems: 100 Jahre Paul Flora. Von bitterbös bis augenzwinkernd

Februar 19, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Poetisch-ironische Erzählungen vom „Rabenvater“

Ein beliebtes Motiv, die schwarzen Vögel: Paul Flora, Das Gespräch der Raben, 2009 © Galerie Seywald, Nachlassvertretung für Paul Flora

Anlässlich des 100. Geburtstags von Paul Flora widmen das Karikaturmuseum Krems und die Paul Flora Nachlassvertretung dem Zeichner, Karikaturisten und Illustrator ab 20. Februar eine umfassende Retrospektive. Mit Tusche und Feder erschuf Paul Flora in seinen Zeichnungen ein eigenes Universum, bevölkert von Geistern und Harlekins, Poeten und Sphinxen, Geheimagenten, Marionetten, verwurzelten Tirolern und venezianischen Pestdoktoren. Der gebürtige Südtiroler konstruierte

wundersame Landschaften mit eigenwilligen Architekturen, Kugeln, Penthäusern, Lokomotiven und Fluggeräten. Floras Zeichnungen sind Erzählungen voller Poesie und Ironie, wobei Vergangenheit und Gegenwart in ein spezifisches Verhältnis zueinander treten. Immer wieder brachte er die Lagunenstadt Venedig aufs Papier. Bekannt sind auch seine Raben-Darstellungen. Am Papier versinnbildlichen die Vögel mit ihren spitzen Schnäbeln menschliches Verhalten. Ein Rundgang durch die Ausstellung führt von Schülerzeichnungen und satirischen Geschichten aus den frühen Schaffensjahren bis zu seinen bekannten und beliebten Motiven. Eine Auswahl von gesellschaftspolitischen Zeichnungen für DIE ZEIT und Fotos seiner „Karikaturen-Verbrennungen“ loten die besondere Beziehung von Flora zur Karikatur aus. Erich Kästner sah in Flora einen „Bilderschriftsteller“. Zweifelsohne zählt Paul Flora zu den herausragenden Zeichnerinnen und Zeichnern des 20. Jahrhunderts.

Schon in jungen Jahren war die zeichnerische Begabung von Paul Flora sichtbar. Als 13Jähriger brachte er das täglich in der Mittelschule, heute: Akademisches Gymnasium Innsbruck, Beobachtete auf Papier. Zeichnerisch schilderte er den Schulalltag mit maßregelndem Direktor, dem leidenschaftlich Klavier spielenden Gesangslehrer und dem wütend auf den Tisch schlagenden Deutschprofessor. Kontrastreich zu seinen Schülerzeichnungen wirkt die ebenso im Alter von 13 Jahren angefertigte düstere Darstellung des Andreas Hofer. Auf ockerfarbenem Hintergrund thematisiert Flora mit kräftigem, schwarzem Strich die Hinrichtung des Tiroler Freiheitskämpfers. Einzig das Haar und die vom toten Körper herabtaumelnden Schuhe sind markant in Rot gesetzt.

Paul Flora, Der Galgen (verso: Andreas Hofer), um 1935 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Paul Flora, Foto: Othmar Kopp © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Paul Flora, Der Stab wird gebrochen, 1938 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Als 15Jähriger sah der Tiroler erstmals Zeichnungen des Malers Alfred Kubin. Für eine gewisse Zeit beschäftigte sich Flora intensiv mit Kubin, um schließlich zu sich selbst zu finden. Ihr Hang zum Skurrilen, Literarischen und Grafischen einte die Männer. Die später entstandene Künstlerfreundschaft sollte bis zu Kubins Tod 1959 bestehen. Intellektuelle Reflexion, technische Meisterschaft und die Vorliebe für das originelle, etwas abseitige Sujet zeichnen Floras Gesamtwerk aus. Skurrile Menschendarstellungen und detaillierte Architekturen bis hin zu riesigen Kugeln durchziehen seine Arbeiten. Ein Dinosaurier mit erschreckend menschlichen Zügen vor Gebirgskulisse und ein alpiner Skipionier deuten auf die Tiroler Wurzeln hin. Populär sind Floras Raben mit ihren spitzen Schnäbeln. Er zeichnete sie oft und in unverwechselbarer Manier. Den Impuls, die Vögel abzubilden, gab ein ausgestopfter Rabe, den der Künstler geschenkt bekam und der fortan auf seinem Schreibtisch stand.

Auf ähnlich großes Interesse stießen die VenedigMotive. Anstatt die Lagunenstadt als Sehnsuchtsort zu zeigen, hüllt der Künstler sie in einen düsteren Schleier. Allgemein sind Floras Werke von einem melancholischen Grundtenor durchzogen. Begriffe wie Verzweiflung und Traurigkeit würden die subtile Stimmung seiner gezeichneten Züge allerdings fälschlicherweise vereinfachen. Schon im nächsten Moment lugen die Gespenster der Nacht um die Ecke. Es sind Vampire, Wiedergänger und Marionetten, die von ihren Fesseln befreit heraneilen, um nächtlichen Karneval zu feiern. Denn auch der feine Humor hat in Floras Werken seinen Platz. Zeitlebens stand er „augenzwinkernd und ein wenig amüsiert außerhalb“, beschrieb etwa Marion Gräfin Dönhoff den Künstler.

Paul Flora, Das Gespräch des Raben mit dem Hahn II, 1987 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Venezianische Maskerade II, 2000 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Die vom Nasenclub, 2002 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Mord, 1965 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

1957 gewann Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin und Mitherausgeberin der ZEIT, Paul Flora als Karikaturisten für das Hamburger Blatt. Innerhalb von 14 Jahren gestaltete Flora mehr als 3.000 eigenständige Blätter für die deutsche Wochenzeitung. Etliche von ihnen übernahmen internationale Blätter wie The Times oder The Observer. Inspiration für seine Inhalte erhielt Flora bei der Morgenlektüre von Zeitungen. So thematisierte er in einer Karikatur von 1964 die XI. Olympischen Winterspiele in Innsbruck. Zu seinen politischen Lieblingszielen zählten Josef Strauß, Gamat Abdel Nasser, Ludwig Erhard und Charles de Gaulle.

Flora selbst verstand sich als Zeichner, nicht als Karikaturist. Um diese eigene Wahrnehmung breitenwirksam zu stärken, soll Flora bei einer spektakulären Aktion 1980 sogar die Verbrennung seiner Karikaturen inszeniert haben. Es ist ungeklärt, ob sich in der Kiste politische Karikaturen befanden. Tatsache ist, dass man heute lediglich den Aufbewahrungsort von 800 der ursprünglich 3.000 Karikaturen kennt. Paul Flora war eine außergewöhnliche Persönlichkeit von großer Popularität. Er war ein Querdenker und ein Unbequemer, der Stellung bezog, mitredete und mitgestaltete. Er verstarb in der Nacht auf den 15. Mai 2009.

Die Retrospektive ist bis 29. Jänner 2023 zu sehen.

www.karikaturmuseum.at

19. 2. 2022

Burgtheater: Die Ärztin

Januar 8, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine brillante Fortschreibung des Professor Bernhardi

Die Ärztin vor dem Tribunal einer TV-Talkshow: Sophie von Kessel, Bless Amada, Zeynep Buyraç und Gunther Eckes. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Sich in Wien an eine Schnitzler-Fortschreibung zu wagen, da mag die Angelegenheit andernorts noch so bejubelt worden sein, ist ein Wagnis. Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat gewagt und gewonnen. Icke, von der Orestie bis „Onkel Wanja“ bekannt für diese Arbeitsweise, hat sich den „Professor Bernhardi“ als Vorlage für sein Stück „Die Ärztin“ hergenommen, die hervorragende Übersetzung ins Deutsche stammt von Christina Schlögl.

Entstanden ist so die hochintelligente, hochenergetische, am Ende mit viel Applaus bedankte deutschsprachige Erstaufführung am Burgtheater. Mit einem sich die Seele aus dem Leib spielenden Ensemble, Leib und Seele ja sozusagen die Metareflexion des Dramas, angeführt von der famosen Sophie von Kessel, doch gab’s auch einige – zumindest für einen selbst – neue Gesichter zu entdecken: den in Togo geborenen Bless Amada, seit dieser Spielzeit am Haus, den deutsch-ghanaischen Theater- und Filmschauspieler Ernst Allan Hausmann. Sandra Selimović kennt man unter anderem aus dem Kosmos Theater und dem Werk X, wo auch Zeynep Buyraç künstlerisch verwurzelt ist.

Skurril mutet im Kontext an, wie schubladendenkend Buyraç von den Medien als „erste türkischstämmige Burgtheaterschauspielerin“ präsentiert wurde, ist derlei doch genau das, was Icke nicht will. Icke hält sich in Wien ans erprobte Konzept seiner 2019-Uraufführung am Londoner Almeida: Cross-Casting sowohl was Geschlecht als auch Hautfarbe betrifft. Erst aus den Dialogen entschlüsselt sich, wer hier Mann/Frau, Schwarz/Weiß ist, und diese Erkenntnisse sind allemal für Überraschungen gut – und über allen thront Teresa Müllner am Schlagwerk, die zweieinhalb Stunden lang, auch in der Pause, für Atmosphäre sorgt, einem Herzschlag, einer Hektik, die sich zum Crescendo steigert, einem sanften Vibrieren der Becken für die wenigen stillen Momente.

Die Story, die sich im mit London identen, da ebenfalls von Hildegard Bechtler besorgtem Bühnenbild abspielt, ist auf den ersten Blick nicht allzu weit von Schnitzler entfernt: Professor Ruth Wolff, P.W. – böser Wolf witzeln ihre Kollegen anfangs noch, verweigert einem Priester den Zutritt zu einem an einer Sepsis nach Abtreibung sterbenden Mädchen. Lange ist Wolff wie Bernhardi im Original überzeugt, dass sie es sich leisten könne, sich aus den Querelen und Machtspielen herauszuhalten. Worin sie sich täuscht. Das Ganze gerät zum Skandal, Wolff, die säkulare Jüdin, ins Kreuzfeuer der Kritik. Hier wendet sich das Blatt von 1912, denn Wolff, Leiterin einer prestigeträchtigen Alzheimer-Klinik und -Forschungseinrichtung, muss sich jäh die Frage stellen lassen, ob sie etwas gegen das Christentum oder, denn der Pfarrer ist einer, gegen Schwarze habe, ob sie eine Rassistin sei.

Sophie von Kessel als spitzzüngige Ruth Wolff. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Mit Maresi Riegner, oben am Schlagwerk: Teresa Müllner. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Sandra Selimović als Lebenspartnerin Charlie und Sophie von Kessel. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Entlang dieser Bassline entwickelt Icke seinen Bernhardi 2.0. Themen wie Postenschacher, Religion gegen Wissenschaft, wobei die eine Seite um nichts weniger fanatisch ist, als die andere, das Ringen darum, wer über Ethik und Moral zu werten habe, scheinen als epochenübergreifende Praxis auf. Darüber hinaus allerdings verhandelt „Die Ärztin“ eine toxische „Identitätspolitik“, dies der neue Kampfbegriff für die Zuordnung von Menschen zu einer bestimmten Gruppe. Verhandelt „Die Ärztin“ Zuschreibungen in einer Welt, in der auch Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft zum gesellschaftspolitischen Stolperstein werden können.

Sie fühle sich keiner Gruppe zugehörig, sagt Ruth Wolff denn auch mehrmals. Da ist der Shitstorm längst über sie hinweggefegt, hat sie die selbstgerechte Political Correctness der Social Media Communities längst erfahren, „ich trende“ sagt sie dazu, sitzt sie bereits im Fernsehstudio dem Tribunal der Talkshow „Im Ring“ gegenüber, wo sie sich der in einen Topf geworfenen Ressentiments bald nicht mehr erwehren kann – ihre Gegenüber etwa eine Abtreibungsgegnerin, ein Aktivist „mit Schwerpunkt postkoloniale Theorie“ oder die Leiterin einer „nationalen Aktionsgruppe zur Bekämpfung unbewusster Vorurteile“, das hat schon Witz.

Von Kessel agiert in diesem Diversitätsdilemma als spitzfindige, scharfzüngige Ruth. Das Paradoxon ihrer Performance heißt: eiskalt emotional. Ickes Text ist, was man im Englischen witty nennt, und wofür es keine adäquate Übersetzung gibt: geistreich, galgenhumorig, die Sarkasmen zugespitzt zu Satzpfeilen, jede Medisance ein Treffer, und ja, darüber wird im Saal gelacht. „Hexe in Weiß“ nennt sich Ruth als die Hexenjagd, die mediale Hinrichtung im digitalen Zeitalter beginnt. Ihr Leitsatz „Es ist vorbei, wenn es eine Leiche gibt“, wird sich schlussendlich als radikale, das Publikum atemlos zurücklassende Lösung anbieten.

Als Ruths Gegenspieler, der nationalistische, antisemitische Professor Roger Hardiman, kommt Zeynep Buyraç zum Zug, sie gestaltet mit Verve einen schlauen Intriganten und Zyniker. Einen Karrierestrategen, der niemals die Contenance verliert, will er für alle, für allem für sich doch nur das Beste. Einen Machtmenschen, der weiß, wie er mit einem Minimum von Anstrengung dominieren und sich dabei auch noch amüsieren kann. Derlei Figuren kennt man aus der hiesigen Politik. Und apropos: Stacyian Jackson gibt die Gesundheitsministerin, vormals Ruths Assistenzärztin, die es mit dem Kalkül einer Politikerin versteht, ihr Fähnlein nach dem Wind der öffentlichen Meinung zu hängen.

Philipp Hauß, Bardo Böhlefeld, Melanie Sidhu, Ernest Allan Hausmann, Gunther Eckes, Bless Amada und Sophie von Kessel. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Intrigant Hardiman übernimmt das Team: Gunther Eckes, Bardo Böhlefeld, Zeynep Buyraç, Melanie Sidhu und Ernest Allan Hausmann. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Stacyian Jackson als Gesundheitsministerin, Sophie von Kessel und Ernest Allan Hausmann. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Ähnliche Ansprüche, unterschiedliche Anschauungen: Sophie von Kessel und Philipp Hauß. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Bless Amada spielt den loyalen, weiß-jüdischen Dr. Michael Copley, Ernest Allan Hausmann macht aus Klinik-Grandseigneur Professor Brian Cyprian einen herrlich cholerischen Charakter. Bardo Böhlefeld im Herrenanzug ist erst Krankenhaus-Pressesprecherin Rebecca, dann der Talkshow-Moderator. Gunther Eckes als katholisch geifernder Dr. Paul Murphy und Melanie Sidhu als Assistenzarzt Junior machen sich ob der Krise übers wirtschaftliche Überleben des Krankenhauses Gedanken, auch diesen aktuellen Aspekt der Ökonomie um jeden Preis bringt Icke ein.

Philipp Hauß ist mal als schwarzer Pfarrer, mal als bigotter Vater des verstorbenen Mädchens zu lesen, ein Vater, dem sich die Schwangere offensichtlich nicht anzuvertrauen traute. Wie stets überzeugt Hauß mit seiner ruhigen, überlegten Art zu spielen. Ihn auf der Bühne zu sehen, ist immer ein Gewinn. Die anderen agieren wie auf einem Pulverfass, Sophie von Kessel hält den ganzen Abend die Lunte in der Hand und beeindruckt auf ihrem Weg von der selbstbewussten Medizinerin hin zur gebrochenen Existenz.

Die Situationen eskalieren, die Entgleisungen nehmen zu, zum Feindbild wird die weiße, jüdische Frau. Management stellt sich gegen Menschlichkeit und der Ministerin Definition von Opportunismus lautet „offen und transparent sein“. Auch einen Seitenhieb auf Covid-19-Debatten verkneift man sich nicht, wenn Bless Amada festhält: „Menschen, die lieber sterben, als technischen Fortschritt anzunehmen – Menschen, die sich vor jeder neuen Idee fürchten, worauf ich nur sagen kann: ‚Sterbt ruhig, wenn ihr wollt, aber meine Kinder werden geimpft'“.

Im Gegensatz zur aggressiven Klinikwelt, scheint Ruth daheim eine heile zu haben. Mit Nachbars-Transkind Sami aka Maresi Riegner und Sandra Selimović als Lebensgefährtin Charlie. Umso mehr schockiert, als sich bei einem finalen Besuch des Pfarrers und dem gemeinsamen Versuch, die wissenschaftliche und die religiöse Weltanschauung auf einen Nenner zu bringen (und wieder Schnitzler: von allen Figuren sind sich der Gottesmann und die Klinikchefin am nächsten, braucht’s doch für beiden Professionen Mitgefühl, Idealismus und Glaubensstärke), Charlies Rolle enträtselt. Beglückt, benommen, betroffen, macht man sich zur 22-Uhr-Sperrstunde auf dem Nachhauseweg.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=9LyWkpdtyu4          www.burgtheater.at          roberticke.com

TIPP: Am 13. Jänner um 18.45 Uhr spricht Sophie von Kessel im Online-Talk-Format „Werk im Fokus“ des Burgtheaters über „Die Ärztin“. Live auf Zoom. Die Teilnahme ist kostenlos. Der Link geht an alle Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten.

8.1. 2022