Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

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  1. 1. 2018

Kammerspiele: Pauline Knof im Gespräch

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In „Terror“ ist sie die Kampfpilotin

Pauline Knof (zweite von links) mit Gioia Osthoff, Martina Stilp-Scheifinger, Julia Stemberger, Susa Meyer, Alexandra Krismer und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl/Background: Crown Copyright/www.defenceimagery.mod.uk

Am 23. November hat an den Kammerspielen der Josefstadt „Terror“ Premiere. Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück behandelt ein moralisches Dilemma in erschreckend aktueller Form: Ein Terrorist entführt ein Flugzeug mit 164 Menschen an Bord. Sein Ziel ist ein mit 70.000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion. Kampfpilotin Lara Koch trifft entgegen ihrer Befehle eine Entscheidung: Sie schießt das Flugzeug ab und wählt somit „das kleinere Übel“. Das bringt sie vor Gericht. Einem, bei dem das Publikum als Schöffen allabendlich entscheidet, ob sie falsch oder richtig gehandelt hat. Pauline Knof spielt die Kampfpilotin. Ein Gespräch:

MM: In den Kammerspielen wird „Terror“ ausschließlich von Frauen gespielt. Wie hat Regisseur Julian Pölsler Ihnen diese Entscheidung erklärt?

Pauline Knof: Im deutschsprachigen Raum wurde das Stück noch nie in einer anderen als der Original-Besetzung gespielt. Die erste Idee war, nur aus dem Kampfpiloten eine Frau zu machen, aber dann im Laufe der Vorbereitungen, kam Julian darauf, alles mit Frauen zu besetzen, um zu schauen, was dann mit dem Stück passiert, und ob sich die Wahrnehmung verändert.

MM: Julian Pölsler macht zum ersten Mal eine Theaterregie …

Knof: … und das sehr gut. Er ist vorbereitet, er weiß genau, was er will. Er ist lieb mit uns und legt großen Wert darauf, dass wir in der inhaltlichen Auseinandersetzung gemeinsam zu Entscheidungen kommen, er ist sehr darauf bedacht, unsere Meinung zu hören. Interessant für uns als Ensemble ist, dass Julian von Hause aus Filmregisseur ist und damit natürlich einen neuen Blickwinkel einbringt.

MM: Wie geht es Ihnen als Frau mit einer Rolle, die für Männer geschrieben worden ist?

Knof: Ich denke inzwischen nicht mehr darüber nach, dass es keine Frauenrolle ist. Ich wüsste auch gar nicht wie mir das helfen soll.  Ich habe die Verfilmung mit Florian David Fitz als Kampfpiloten gesehen, da wusste ich noch nicht, dass ich die Rolle spielen werde, und als ich es wusste, habe ich mir eine Aufführung in Frankfurt am Main angeschaut. Als ich den Text schlussendlich in der Hand hatte, dachte ich, dass das so aggressiv klingt, wenn ich das laut spreche, was mir nie aufgefallen ist, als die Männer gespielt haben. Ich glaube, Frauen formulieren mehr im Konjunktiv, weicher und verbindlicher. Frauen, auch wenn wir miteinander reden, wollen gemocht werden vom Gegenüber, suchen den Konsens. Ich selber, wenn ich um etwas bitte, mache sprachlich noch drei Schleifen drumherum. Männer reden so einfach nicht, die sprechen geradeaus und klar. Ausnahmen bestätigen die Regel natürlich, aber ich bin schon gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird.

MM: Wie haben Sie Text und Figur nun für sich erarbeitet?

Knof: Da ich mich weder mit Militär noch mit Gerichtsverhandlungen auskannte, bin ich in die Recherche gegangen. Ich habe also endlos gelesen und mir Dokumentationen angeschaut über die  Kampfpilotenausbildung, den Eurofighter und alle technischen Begriffe, die im Stück fallen. Den Piloten scheint es in erster Linie ums Fliegen zu gehen, und die zivile Luftfahrt reicht nicht aus um diese Adrenalinsucht zu befriedigen. Allein im Eurofighter zu sitzen, diese Wahnsinnsmaschine zu beherrschen, diese Manöver zu fliegen, das scheint das Größte für sie zu sein. Ich habe den Eindruck bekommen, dass der Kampfeinsatz als notwendiges Übel gesehen wird, um auf diesem Niveau fliegen zu können.

MM: Die Ausbildung gehört ja zu den härtesten der Welt, nur einer von 10.000 Bewerbern wird am Ende den Eurofighter fliegen, heißt es im Stück.

Knof: Das ist Hochleistungssport, so eine Maschine zu fliegen, die sind mit Mitte Dreißig, Anfang Vierzig durch. Im Cockpit wirken G-Kräfte, das heißt das Vielfache des eigenen Körpergewichts, eine extreme Belastung vor allem für die Wirbelsäule. In Deutschland gibt es zwei Frauen, die Kampfpilotinnen sind, eine von ihnen, Nicola Baumann, wurde gerade bei der NASA aufgenommen und wird hoffentlich die erste deutsche Frau im All.

MM: Diese Lara Koch, die Sie gestalten werden, wie ist die? Beim Lesen des Textes nicht unbedingt sympathisch, die spricht Sätze, da dreht sich einem der Magen um …

Knof: Ich muss die Figur verteidigen. Ich darf nicht den Hauch eines Zweifels haben, dass ich das Richtige getan habe, wenn ich in diese Gerichtsverhandlungen gehe. Ich habe eine rationale, keine emotionale Entscheidung in der Luft getroffen.  Für mich stellt sich die Frage der Sympathie also nicht. Ich muss als Figur der Lara Koch inhaltlich überzeugen, eine bestimmte Geisteshaltung aufzeigen. Ich möchte in der Aufführung nicht damit punkten, dass ich eine Frau bin, oder dass Lara Mutter eines Sohnes ist. So möchte ich nicht gewinnen.

MM: Es geht Ihnen ums Gewinnen?

Knof: Als Pilotin auf jeden Fall. Als Schauspielerin nicht. Im Stück geht es um das Ausloten des kleineren Übels. Ein Zivilflugzeug wird entführt, die Eurofighter steigen auf, um das Flugzeug zu begleiten und zur Landung zu zwingen. Doch der Terrorist lässt sich nicht abdrängen und gibt sein Vorhaben nicht auf, die Maschine in ein vollbesetztes Stadion zu lenken. Die Kampfpiloten kommen in eine Lose-Lose-Situation. In dem Moment ist Lara Kochs Schicksal schon entschieden, denn wenn sie schießt, tötet sie Zivilisten, und wenn sie die Maschine ins Stadion krachen lässt, auch. Dazu kommt, dass, sobald sie schießt und gegen den Befehl der Vorgesetzten verstößt, ihre Karriere vorbei ist, sie wird wahrscheinlich nie wieder auch nur eine Zivilmaschine fliegen dürfen.

MM: Ist sie so rational in dem Moment, in dem sie abdrückt, dass ihr das durch den Kopf geht?

Knof: Ja. Dazu gibt es Anhaltspunkte im Verlauf des Abends, über die ich noch nichts verraten will. Der Text ist ja relativ emotionslos, bis auf eine Reaktion von Lara, die die Staatsanwältin aus ihr herausholt. Das Problem ist, dass der Krieg zu uns kommt, dass wir nicht mehr nur nach Afghanistan fahren und dort, weit weg, einen Krieg führen. Sondern wir kommen in unserem eigenen, vermeintlich friedlichen Land in die Situation, solche Entscheidungen treffen zu müssen. Daher finde ich, dass der Titel „Terror“ in zwei Richtungen geht, denn es ist nicht nur der Terror der Terroristen, sondern auch der Terror, den wir unserer eigenen Bevölkerung eventuell antun müssen. Wie kann der Staat seine Zivilisten schützen, müssen die Gesetze sich ändern, weil sich die Art der Kriegsführung geändert hat? Was wird aus unserer Freiheit, wie kann man sie schützen, wieviel ist sie uns wert? Das sind auch die Fragen des Abends.

MM: Das Publikum fungiert gleichsam als Schöffen und fällt am Schluss das Urteil. „Terror“ ist kein typisches Kammerspiele-Stück. Fiel die Entscheidung fürs Haus, weil der Raum intimer ist, und man Abstimmungen besser vornehmen kann?

Knof: Das weiß ich tatsächlich nicht. Ich nehme es an. Eine Durchmischung ist sicher nicht schlecht, so dass man nicht oben im 8. Bezirk nur die ernsten Stücke und unten im 1.  ausschließlich die Komödien spielt. Wir haben ja auch eine klassische Komödie „Wie man Hasen jagt“ im großen Haus und das läuft sehr gut. Außerdem glaube ich, auch wenn wir in „Terror“ ein ernstes Thema ansprechen, dass der Abend unterhaltsam wird. Unsere Aufgabe ist es, die Aufführung so spannend zu machen, dass die Leute an der Stuhlkante sitzen und der Entscheidung, die sie selbst treffen müssen, entgegenfiebern. In Frankfurt musste ich selber im Publikum entscheiden, ob schuldig oder unschuldig und das macht schon was mit einem.

MM: So gut wie Sie spielen, wird die Entscheidung ausfallen.

Knof: Ich glaube fest daran, dass beide Sichtweisen auf die Problematik gute Argumente liefern. Persönlich finde ich unbedingt, dass die Verfassung geschützt werden muss. Es hat zwei Weltkriege und Millionen von Opfern erfordert, dass wir heute diese Verfassungen haben und die gilt es 100-prozentig zu verteidigen. Die Würde des Menschen wird ständig angetastet, aber die Unantastbarkeit steht am Anfang unserer Verfassung, das ist der Leitsatz, das Ideal, das wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Mord ist Mord – egal, ob an 164 oder an 10.000 Menschen. Was im Stück allerdings gar nicht diskutiert wird, ist das Strafmaß im Falle einer Verurteilung.

MM: Stimmt. Es geht nur eine ultimative Entscheidung, um Ja oder Nein.

Knof: … und so funktioniert unser Rechtssystem nicht. Beweggründe zur Tat werden in den Schuldspruch einbezogen. Bei so einem Fall würden auch nicht Schöffen, sondern Richter entscheiden, es ginge ja auch um einen Präzedenzfall. Das Urteil hätte in der Realität eine enorme Reichweite und Bedeutung. Die „Höchststrafe“ für mich auf der Bühne ist nur, dass man mich die ganze Zeit sitzen lässt, mein Körper hält dieses Nicht-Bewegen fast nicht aus. Mein Spieltrieb ist völlig ausgebremst. Aber es ist eine interessante Erfahrung, viel darstellen zu wollen mit minimaler Gestik. Die Uniform unterstützt mich darin natürlich sehr.

MM: In der Fiktion, welche Entscheidung wünschen Sie sich, welche Diskussion möchten Sie auslösen?

Knof: Es gibt eine interaktive Weltkarte (terror.theater/), auf der man nachschauen kann, wo in der Welt wie abgestimmt wurde in den verschiedenen Inszenierungen. Da ist auffällig, dass es im deutschsprachigen Raum meistens sehr deutlich Freispruch ist, in den asiatischen Ländern ist meistens schuldig. Ich finde ein Abend ist ein guter Abend, wenn die beiden Lager gleich stark sind, mein Ehrgeiz ist es, näher an die 50:50 ranzukommen. Ich will, dass die Zuschauer die ganze Zeit mental in Bewegung sind, bis sie die beiden Plädoyers gehört haben, und dass Ihnen dann die Entscheidung erst recht schwerfällt. Außerdem bin ich gespannt, wie die Männer im Publikum reagieren, wenn eine Frau so sachlich, direkt und unemotional spricht. Und ich freue mich auf die anstehenden Publikumsgespräche.

MM: Sie sind als Schauspielerin sehr breit aufgestellt. Sie spielen an der Josefstadt die Komödie, „Wie man Hasen jagt“, im Mitterer-Abend „Galápagos“ eine Pionierin und Bäuerin, jetzt „Terror“ … Ist das eine Qualität der Josefstadt, dass man so vielfältig arbeiten kann?

Knof: Die Josefstadt und die Kammerspiele haben tatsächlich eine große Bandbreite. Es gibt viele Uraufführungen, österreichische Autoren, Klassiker, Komödien und Musicals. Es ist tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich so unterschiedlich zeigen kann. Als Anfängerin ist man oft das „junge Mädl“, also: hoffen und bangen und weinen. Nun bin ich 15 Jahre im Beruf und die Rollen werden vielfältiger und interessanter. Ich bin da der Josefstadt und Herbert Föttinger sehr dankbar, dass man mir zutraut die Kampfpilotin zu sein. Ich liebe diese Abwechslung in der aktuellen Spielzeit. Wir sind ein tolles Ensemble, wir spielen alle sehr viele Vorstellungen miteinander, das ist ja auch Lebenszeit und die wird mir von Jahr zu Jahr teurer. Also abgesehen von „Terror“ welches ein interessantes Stück ist, bin ich dankbar, von sechs starken Frauen am Abend umgeben zu sein und dieses Stück mit ihnen durch die Spielzeit zu bringen. Als nächstes kommt Mitte März „In der Löwengrube“, das ist wieder eine ganz andere Thematik. Steffi Mohr macht wieder ein Felix Mitterer Stück, und wir führen unsere Zusammenarbeit nach „Galápagos“ fort. Ich spiele die „Diva der Josefstadt“, denn der Fall hat sich in der NS-Zeit ja tatsächlich hier ereignet. Das wird das Kontrastprogramm zur Kampfpilotin und zur Leontine in der „Hasenjagd“.

MM: Also wunschlos und glücklich?

Knof: Ich bin da einfach gestrickt. Ich hoffe, wir bleiben alle gesund, haben schöne Arbeit und das Publikum mag, was wir tun.

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18. 11. 2017

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

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  1. 9. 2017

Kammerspiele: Shakespeare in Love

September 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Theater ist auf den Hund gekommen

Will Shakespeare wundert sich über seine Gefühle für den jungen Schauspieler Thomas Kent: Dominic Oley und Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Nun ist es also empirisch nachgewiesen: 22 Menschen passen auf die Bühne der Kammerspiele, können sogar noch fechten, tanzen, musizieren, außer ihnen aber hat kein Löschpapier mehr Platz … Das zweite Haus der Josefstadt eröffnete am Donnerstag mit der Komödie „Shakespeare in Love“. Die war 1998 ein Kino-Blockbuster, das Drehbuch von Tom Stoppard und Marc Norman, wurde mit sieben Oscars und drei Golden Globes bedacht.

Und gab der schönen Gwyneth Paltrow die Gelegenheit zu beweisen, dass sie auch Komödiantin sein kann. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger ist es nun gelungen, sich von Disney Theatrical Productions die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung der Bühnenfassung von Lee Hall zu sichern. Fabian Alder hat inszeniert, ganz „großer Bahnhof“, ein rasantes Lustspiel mit scherenschnittigen Figuren. Bei der Geschwindigkeit, die hier eindreiviertel Stunden lang vorgelegt wird, ist eine tiefergehende Charakterauslotung wahrhaft kaum mehr möglich. Aber das macht nichts. Das Stück lebt von den scharfsinnigen, scharfzüngigen Dialogen des genialischen Tom Stoppard, glänzend übersetzt von Corinna Brocher, von Timing und Tempo, und diesbezüglich ist Alder ein Meister: Jede Pointe sitzt, jedes Bonmot ist auf den Punkt gebracht. Die Schauspieler agieren allesamt in Höchstform, die eine oder andere Darbietung ist beinah circensisch, und das Publikum dankte mit großem Jubel und viel Applaus.

Die Story, samt Stück im Stück, handelt sozusagen von der Entstehung von Shakespeares „Romeo und Julia“. Der britische Barde hat Schreibhemmung, dafür aber einen Haufen Schulden. Er quält sich mit der Komödie „Romeo und Ethel, die Piratentochter“. Die Premiere naht, die Proben sind eine Katastrophe, die Besetzung ist ein Graus. Da tritt der junge Schauspieler Thomas Kent auf den Plan, in Wirklichkeit Viola De Lesseps, Töchterchen aus besserem Hause, die es, zu Zeiten da nur Männern das Schauspielen gestattet war, zur Bühne und in die Nähe des von ihr verehrten Dichters drängt. „Tom“ kriegt die Rolle des Romeo, und Will seine Gefühle nicht mehr auf die Reihe. Was im weiteren Verlauf geschieht, Lieben und Leiden, inspiriert Shakespeare dann zum schönsten Liebesdrama aller Zeiten …

Die Amme ist natürlich in alles eingeweiht: Therese Lohner mit Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Begeistertes Publikum: Swintha Gersthofer, Therese Lohner und Oliver Huether. Bild: Astrid Knie

Dass Stoppard in die romantic comedy eine mit Shakespeare-Zitaten gespickte Satire einschreiben musste, ist logisch. Und so ist „Shakespeare in Love“ auch eine hinreißende Parodie auf den Theaterbetrieb. Intendant gegen Autor, die Schauspieler gegen alle, ein Sponsor, der seine Rechte geltend machen will und mit einer Minirolle befriedigt wird, Bühnen im Wettstreit um das Publikum – aber wenn’s hart auf hart kommt, hält die Herde der Theatertiere zusammen.

Apropos, Tiere: Dies der running gag im Stück – seit Curtain-Theatre-Prinzipal Burbage eigenmächtig bei einer Aufführung von „Zwei Herren aus Verona“ vor Königin Elizabeth den Hund Spot eingeführt hat, weil die Queen Vierbeiner liebt, wollen alle nur noch Stücke mit Hund haben. Bei Stoppard ist das Theater im Wortsinn auf den Hund gekommen, und Superautor Shakespeare selten Herr seiner selbst, seine gewiefteren Ideen – siehe Spot/Crab – haben in der Regel andere …

Auf die Bühne der Kammerspiele hat Ines Nadler die Andeutung eines elisabethanischen public playhouse gestellt, eine Konstruktion, die ein Spiel auf zwei Ebenen zulässt, sodass Szenen schnell ineinandergreifen können.

Herrlich anzuschauen sind die historisch anmutenden Kostüme von Frank Lichtenberg. In diesem Setting treten einander Dominic Oley als Will Shakespeare und Swintha Gersthofer als vom Theatervirus infizierte Viola De Lesseps/Thomas Kent gegenüber, und die beiden sind ein hinreißendes Liebespaar. Oleys Shakespeare, sowohl Intellektueller wie Romantiker, tänzelt beständig am Rande der (komischen) Verzweiflung und erweist sich als Dramatiker als erstaunlich durchsetzungsarm. Er wird von allen Seiten angetrieben und – da ist es wieder – von allen Hunden gehetzt. Gersthofer macht auf emanzipiert in einer Machowelt, ist aber in erster Linie schwer verliebt. In den Szenen, in denen die beiden „Romeo und Julia“ spielen, sind sie anrührend und sprachlich großartig, besser als manch andere in einer tatsächlichen „Romeo und Julia“-Inszenierung.

Der Theaterdirektor und sein Dramatiker: Siegfried Walther als Henslowe mit Dominic Oley. Bild: Astrid Knie

Königin Elizabeth und ihr Haushofmeister Tilney: Ulli Maier und Markus Kofler. Bild: Astrid Knie

Als Shakespeare beginnt Viola den Hof zu machen, tritt Christopher „Kit“ Marlowe auf den Plan. Von ihm nämlich, dem besseren Poeten, stammt in Wahrheit Sonett XVIII, „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“, er sagt es Will unter Violas Balkon vor, wie Cyrano dem Christian einflüstert. Oliver Rosskopf gestaltet Marlowe als Draufgänger und Streithansl, mit ihm schwappt das Testosteron über die Bühne. Gesteigert nur von Claudius von Stolzmann als Schauspielstar Ned Alleyn, der sich seines Auftritts und seiner Wirkung bis in die blonden Haarspitzen bewusst ist. Er soll der Mercutio werden, und liefert eine filmreife Fechtsszene.

Siegfried Walther hat als schmuddeliger Rose-Theatre-Direktor Henslowe die Lacher auf seiner Seite. Köstlich, wie er, zunehmend erahnend, dass er für das falsche Stück bezahlt hat, in den Texten, die Shakespeare erst nach und nach aushändigt, 1. einen Schiffbruch, 2. Piraten, 3. einen Hund sucht. Als abgebrühten ebensolchem kann ihn immerhin nichts erschüttern. Egal was schiefgeht, Henslowe hat sein Theatermacher-Mantra: Alles wird gut werden durch ein Wunder.

Alexander Strömer ist in der Rolle von Henslowes stets wie aus dem Ei gepellten Konkurrenten Burbage zu sehen. Oliver Huether bekommt als Geldgeber Fennyman den Ein-Satz-Part des Apothekers: Sein Sinn wird leicht, die Börse auch. Nikolaus Barton ist ein brutaler, unsympathischer Adelspleitier Wessex, dem Viola zur Frau versprochen ist. Gelungen der John Webster von Marius Zernatto, quasi der erste Splatter-Fan, dem immer dann wohl ist, wenn auf der Bühne Köpfe rollen und Herzen durchbohrt werden. Dies ist umso witziger, wenn man weiß, was aus Webster geworden ist – ein Autor von düster-grausamen Theaterstücken. Markus Kofler hasst als rechthaberischer Haushofmeister Tilney das Theater und will alle schließen, wird aber von seiner Herrin zurechtgewiesen.

Haushofmeister Tilney schließt das Rose Theatre: Markus Kofler, Philip Kelz, Oliver Huether, Swintha Gersthofer, Siegfried Walther, Alexander Strömer und Dominic Oley; oben: Marius Zernatto. Bild: Astrid Knie

Diese, Königin Elizabeth, stattet Ulli Maier als Lookalike mit trockenem Humor aus. Mit einem halben Dutzend junger Männer im Schlepptau segelt sie übers Parkett, alle Kabalen durchschauend, aber doch nicht in das Leben der niederen Ränge eingreifend. Nichts fehlt an diesem „Shakespeare in Love“. Weder Nachtigall noch Lerche, weder Gift noch Dolch – und natürlich auch nicht die Amme, die Therese Lohner zur hantigen Beschützerin macht.

Am Ende ist ein Stück Weltliteratur fertig, und ist bewiesen, dass der Herzschmerz-geplagte Künstler der bessere ist. Es folgt: „Was ihr wollt“. „Shakespeare in Love“, dieses so subtile, saloppe Stück, macht auf seine komödiantische Art eines wieder einmal klar: Nämlich, warum da einer aus Stratford nach mehr als 400 Jahren immer noch Globe-ale Gültigkeit hat.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2017