Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

theaterfink: Auferstehung der hingerichteten Theresia K** oder Das Mordsweib vom Hunglbrunn

August 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theresias Geist macht den Täter dingfest

Am Ufer des Liesingbachs liegt eine Frauenleiche: Matjaz Verdel, Walter Kukla und Sabine Perle. Bild: Joseph Vonblon

Keinen historischen Kriminalfall, sondern einen fiktiven in der Gegenwart handelnden zeigt theaterfink in seiner aktuellen Produktion. Nach dem vorjährigen Streifzug durch die Wiener Rechtsgeschichte mit dem „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K**“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25243, es gibt neue Termine am 31. 8. sowie am 7. 14. und 21. 9.) spielt die Truppe rund um Prinzipalin Susita Fink und Dramaturgin Karin Sedlak bis

22. September die „Auferstehung der hingerichteten Theresia K** oder Das Mordsweib vom Hunglbrunn“. Gemordet wird diesmal in Atzgersdorf, Wien-Liesing, und das gleich in Serie. Nicht weniger als acht Frauen fallen dem Täter zum Opfer, wie es scheint haben sie sich zu Tode gelacht. Die einzige Auffälligkeit: Ihr Meuchler hat ihnen die Namen berühmter Frauenrechtlerinnen in die Haut geritzt. Den Stoff hat theaterfink anlässlich der Jubiläen 170 Jahre Kampf für Gleichberechtigung und 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich gewählt, und wiewohl das Stationentheater wie stets ein wunderbarer Mix aus Schau- und Puppenspiel ist, dient die Wanderung diesmal auch als Lehrstück in Sachen Emanzipation.

Während also das Publikum dem Akkordeonspiel von Heidelinde Gratzl von Tatort zu Tatort folgt, ermitteln Eva Billisch als Kriminalbeamtin Josefa Seisser und Walter Kukla als Gerichtsmediziner Leopold Breitenecker – dieser, tatsächlich existiert habend, bis 1981 eine Koryphäe auf seinem Gebiet – mit den Spurensicherern Sabine Perle, Susita Fink und Matjaz Verdel. Als Zuschauer ist man schnell einmal mitten drin im Geschehen, wird aufgefordert ein polizeiliches Absperrband zu halten oder wird als vermeintlicher Augenzeuge vernommen, und wird vom Breitenecker gescholten, weil man den Leichenfundort „kontaminiert“.

Eva Billisich mit Amalia Holst. Bild: Joseph Vonblon

Adelheid Popp kämpft für Frauenrechte. Bild: Joseph Vonblon

Wo theaterfink ist, ist Hallo. An vielen Fenstern und auf Balkonen lehnen die Leute und schauen zu, Zaungäste schließen sich dem Tross an, Billisich, Fink und Kukla sind jederzeit in der Lage zu improvisieren, drei glänzende Komödianten, drei Volksschauspieler, und gewohnt, auf Tuchfühlung mit dem Publikum auf dessen Zwischenrufe einzugehen. Bald wird klar, die Ermordeten waren alle frauenbewegt, darunter die Chefredakteurin der feministischen Zeitschrift „Umschläge“, die Leiterin eines Lehrinstituts für Mädchen, denen die Eltern den Schulbesuch verweigern, die Leiterin eines Frauenhauses, eine Ehrenamtliche im Dienst von Alleinerzieherinnen in Not …

An jeder Station wird der jeweiligen Vorkämpferin für Emanzipation gedacht: Von Olympe de Gouges, die während der französischen Revolution eine Frauenrechtsdeklaration veröffentlichte und dafür auf der Guillotine landete, Amalia Holst, die erste deutsche Frau mit Doktortitel, Karoline von Perrin, die Pionierin der österreichischen Frauenbewegung, Adelheid Popp, hierzulande die erste Berufspolitikerin, bis zu Österreichs erster Frauenministerin Johanna Dohnal. Die Streitbaren werden mit Moritaten geehrt, diese das Kernstück der Aufführung, und treten schließlich höchstpersönlich, heißt: als Puppen von Nico Oest, auf.

Noch ein Opfer des Serienmörders: Eva Billisich, Walter Kukla, Sabine Perle. Bild: Joseph Vonblon

Das geht gut, bis in einem Frauenhals der Name der Theresia Kandl eingraviert ist. Das kann der Geist der Resi, dargestellt und getanzt von Karin Sedlak, natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und so eilt sie Frau Oberst Seisser zu Hilfe … Zwei Stunden dauert der Atzgersdorfer Rundgang, führt vom Kirchenplatz, vorbei an der Kandlkapelle in der Breitenfurter Straße – die Resi war ja eine gebürtige Atzgersdorferin – und entlang des Liesingbachs. Am Ende findet man sich in der „Gerichtsmedizin“ wieder, wo mit einem Schattenspiel der Fall geklärt wird. Die „Auferstehung der hingerichteten Theresia K**“ ist ein weiterer großartiger Abend von theaterfink. Einfach mitgehen und staunen!

Die wegen Gattenmords bei der Spinnerin am Kreuz 1809 als erste Frau gehängte Theresia Kandl soll übrigens heute noch Männer verfolgen, die Frauen Übles wollen. Ihr Skelett ist im Wiener Kriminalmuseum ausgestellt.

www.theaterfink.at/

  1. 8. 2018

Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018

Das Rote Wien im Waschsalon: Julius Tandler

September 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren“

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Anlässlich des 80. Todestages von Julius Tandler widmet Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof ab 21. September seine aktuelle Sonderausstellung dem Arzt, Wissenschafter und Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen. Gezeigt werden auch Briefe aus dem im Josephinum befindlichen Nachlass. Tandler, ab 1920 Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, ist eine der zentralen Persönlichkeiten des Roten Wien.

Unter seiner Ägide wird soziale Hilfe von einer „gewährten Gnade“ zum Rechtsanspruch für alle, die sie brauchen. Tandler entwickelt ein System der „geschlossenen Fürsorge“, das die Menschen von der Zeugung bis zum Tod erfasst. Julius Tandler wird am 16. Februar 1869 im mährischen Iglau geboren; bald darauf zieht seine Familie nach Wien. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Mann bringt es dennoch bis zum Medizinstudium an der Wiener Universität, deren medizinische Fakultät zu den führenden der Welt zählt. Emil Zuckerkandl, der Leiter des Anatomischen Instituts, wird bald zu seinem Mentor. 1910 folgt Tandler seinem Lehrer als Leiter des Anatomischen Instituts nach. Als engagierter Arzt und renommierter Wissenschafter sieht er seine Aufgabe nicht nur im Behandeln, sondern auch im Verhindern von Krankheiten.

1919 wird er in den Wiener Gemeinderat gewählt und ist auch mit der Ausarbeitung eines bundesweiten Krankenanstaltengesetzes befasst, das im Juli 1920 im Parlament beschlossen wird. Damit wird die Verpflichtung des Staates, sich an den Kosten der Heilbehandlung sämtlicher Staatsbürger finanziell zu beteiligen, zum ersten Mal gesetzlich verankert. Ab 1920 ist Tandler als Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen für die Neuorganisation des Wiener Fürsorgewesens verantwortlich. Tandlers Wohlfahrtspolitik ist umfassend – und deren Inanspruchnahme freiwillig.

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927. Bild: Waschsalon Karl-Marx-Hof

Ein halbes Jahr nach der Übernahme des Stadtratspostens im November 1920 trägt Julius Tandler im Wiener Gemeinderat die vier Grundsätze seines künftigen Fürsorgesystems vor.  „Die Gesellschaft ist verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren.“ Schon dieser erste Punkt markiert einen grundlegenden Gesinnungswandel: weg von der „regellosen Wohltäterei“, hin zur verpflichtenden öffentlichen Aufgabe und zum Rechtsanspruch jedes Einzelnen, der ja „ungefragt in die menschliche Gesellschaft kommt“. Die „Geschlossenheit der Fürsorge“ – räumlich, zeitlich und qualitativ – ist ebenfalls neu und revolutionär. Die Gemeinde Wien errichtet ein dichtes Netz von Fürsorgestellen, das ab 1932 durch ambulante Dienste ergänzt wird. Gleichzeitig erfasst die Fürsorge die Menschen von der Zeugung bis zum Tod und reicht weit in andere Bereiche hinein – von Infrastruktureinrichtungen in Wohnbauten über Sportstätten und Bäder bis hin zur Arbeitslosenunterstützung. Die finanziellen Voraussetzungen dafür schafft eine zunächst zwei-, später vierprozentige Fürsorgeabgabe, mit der folgerichtig auch Teile des Wohnbauprogramms finanziert werden.

Das aufsehenerregendste Resultat der bevölkerungspolitischen Überlegungen Julius Tandlers ist die Einführung einer Eheberatung. Darüber hinaus wird auch über Empfängnisverhütung als Mittel gegen Geschlechtskrankheiten, über Abtreibung und mögliche „Unvollkommenheiten“ informiert. Für bereits geborene Kinder soll ein dichtes Netz an Mutterberatungsstellen Hilfe und Aufklärung leisten. Unter dem Motto „Kein Wiener Kind darf auf Zeitungspapier geboren werden“ wird 1927 auf Initiative Tandlers das Säuglingswäschepaket eingeführt – eine kostenlose Erstausstattung für alle in Wien geborenen Kinder. Da 1927 auch ein Wahljahr ist, diffamiert die bürgerliche Opposition das Wäschepaket als „Wahlwindeln“. Julius Tandlers Hauptaugenmerk gilt der Kinder- und Jugendfürsorge, dem „Fundament jeder Fürsorge“. „Sinn und Zweck des Daseins einer Generation“ könne seiner Ansicht nach „nur die Sorge um die nächste sein“, und diese gelte es zu „besseren Menschen“ zu erziehen.

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Tandlers Wirkungsbereich umfasst auch den Kampf gegen Volksseuchen wie Tuberkulose, Alkoholismus und Krebs. Auf seine Initiative hin startet die Gemeinde Wien „einen umfassenden Angriff gegen die Tuberkulose“, die wegen ihres gehäuften Auftretens in Wien europaweit als „Morbus Viennensis“, als „Wiener Krankheit“, bekannt ist. Auf Tandlers Betreiben hin erwirbt die Gemeinde fünf Gramm Radium und richtet in Lainz eine Sonderabteilung für Strahlentherapie ein. 1922 wird die Trinkerheilstätte „Am Steinhof“ eröffnet, 1925 auch eine eigene Trinkerfürsorgestelle eingerichtet. Der einzig gangbare Weg zur Bekämpfung der Alkoholsucht, so Tandler, sei der „Kampf gegen die Inhaltlosigkeit des Daseins“, „gegen Entfremdung des Arbeitsprodukts vom Arbeiter durch Industrialisierung und Mechanisierung.“

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Tandler, der nicht nur innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei höchstes Ansehen genießt – Finanzstadtrat Hugo Breitner nennt ihn halb scherzhaft seinen „teuersten Freund“ –, bleibt zeitlebens ein selbstbewusster und manchmal unbequemer Außenseiter. Legendär und gefürchtet ist sein bissiger Humor.

Zwar kulturell durch das traditionelle Judentum geprägt, aber keineswegs religiös und bereits 1899 zum katholischen Glauben konvertiert ist, sieht er sich zeitlebens mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Vom Ausbruch des Bürgerkriegs 1934 erfährt Tandler während eines Aufenthalts in China. Nach Wien zurückgekehrt, wird er vorübergehend verhaftet. Man nimmt ihm sogar Brille, Hosenträger und Schuhbänder ab. Über diese schäbige Behandlung empört, sagt er: „Glauben Sie wirklich, daß ich aus China gekommen bin, um mir in der Rossauer Lände die Pulsadern aufzuschneiden?“ Seinen Sarkasmus behält er bei. Als der Internist Carl von Noorden anfragen lässt, wann er Tandler besuchen könne, erhält er zur Antwort: „Ich bin den ganzen Tag zu Hause.“

dasrotewien-waschsalon.at

Wien, 19. 9. 2016

WienDrama: Eisemann – Der Tänzer, der vom Himmel fiel

Juni 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein spannendes Stück Wiener Stadtgeschichte

Gioia Osthoff, Stefan Sterzinger und Patrick Seletzky Bild: © Nela Pichl

Die Eisemanns und ihr teuflischer Einflüsterer: Gioia Osthoff, Stefan Sterzinger und Patrick Seletzky. Bild: © Nela Pichl

Gioia Osthoff, Patrick Seletzky und Stefan Sterzinger. Bild: © Nela Pichl

Bereit für den großen Auftritt: Osthoff und Seletzky versuchen sich auch als Artisten. Bild: © Nela Pichl

Stefan Sterzinger und sein Akkordeon, das sind schon so Momente an diesem Abend. Der Musiker ist Mitspieler, ein Sänger der Moritat, deren Fortgang er selbst verursacht hat. Als Mephisto eines fast faustischen Pakts, der einmal mehr einen Menschen erst aufs Hochseil und danach in den Abgrund trieb. So stellt es zumindest der Wiener Dramatiker Bernd Watzka dar. Er hat für sein jüngstes Stück „Eisemann – Der Tänzer, der vom Himmel fiel“ viel Fantasie über einen tatsächlichen Todesfall gelegt. WienDrama hat den Text nun in der Regie von Markus Kupferblum und mit den Darstellern Gioia Osthoff, Patrick Seletzky und Stefan Sterzinger zur Uraufführung gebracht.

Josef Eisemann war Seiltänzer. Ein „Donauschwabe“, 1911 in Novi Sad geboren und in den 1930-Jahren bereits von Budapest bis Belgrad ein Star. Sogar eine internationale Filmkarriere stand ihm in Aussicht, als er in einigen Harry-Piel-Filmen als Double für den „tollen Harry“ agierte. Watzka nannte wohl mit viel Sinn für Hintersinn die Sterzinger-Figur nach dem politisch beweglichen Publikumsliebling.

Für Eisemann aber folgte mit voller Wucht der Zweite Weltkrieg, er wurde eingezogen, geriet in französische Kriegsgefangenschaft, wurde aus seiner Heimat vertrieben und landete völlig verarmt in Wien. Wo er angesichts der drückenden Not wieder zu trainieren begann. 1949 arbeitete er an seinem Meisterstück, einer Reihe von artistischen Aufführungen, bei denen er den Donaukanal von der Leopoldstadt in Richtung der heutigen Strandbar Hermann überquerte. Tag für Tag zeigte er tollere Kunststücke: „Spaziergang im Polkaschritt“, „Abendessen am Seil“, „Kopfstand am Fahrrad“ oder – besonders gewagt – den „Todessprung“, bei dem er von einem Sessel auf das Seil sprang. Glorreiche Schlussattraktion der Vorstellungen sollte am Abend des 17. Juli eine Kanalüberquerung zu zweit sein: Eisemann mit seiner 16-jährigen Tochter Rosa auf den Schultern. Berichtet wird über vielerlei Verhängnis, was aber passierte, ist bis heute ein Rätsel – die beiden stürzten in den Tod, direkt auf das harte Pflaster des Treppelwegs.

Patrick Seletzky ist ein großartiger Eisemann. Wie sich die Melancholie um seine Augen festgesetzt hat, gestaltet er sowohl die Verbitterung um ein verlorenes Zeitalter, als auch die Verzweiflung über ein verlorenes Leben. Zwar hat er das Seil gegen den Schneiderzwirn getauscht, aber zufrieden ist er damit nicht. Watzka erzählt von Jahren, in denen das Glück in Wien gerade wieder neu erfunden werden und Spektakel deshalb sein musste. Sterzinger lässt das Lied vom diesbezüglich flüchtigen „Vogerl“ anklingen, doch da gibt’s auch subtil angedachte aktuelle Bezüge. Die Erwerbsarmut, ein Flüchtlingsschicksal. So braucht’s nicht allzu viel, um Eisemann wieder zu dem zu überreden, was der Artist „kalkuliertes Risiko“ nennt. Der Künstler wie sein Publikum suchen die Sensation – und „Harry“ ist der Reporter dazu. Seletzky spielt das Spiel mit der Gefahr famos, halb zog sie ihn, halb sank er hin, er ist fast zu intensiv für den kleinen Spielraum im Schwarzberg, in dem die Premiere stattfand. Im Herbst wird er in zwei Produktionen an der Josefstadt zu sehen sein.

Josef Eisemann tanzt über dem Donaukanal. Bild: © Bezirksmuseum Landstraße

Josef Eisemann tanzt über dem Donaukanal. Bild: © Bezirksmuseum Landstraße

Gioia Osthoff spielt Eisemanns Tochter Rosa, im Kontrast zum Vater ist sie die verkörperte Lebenslust. Sie tanzt über die Bühne wie über den Himmel, Osthoff und Seletzky haben sich ein wenig Akrobatik angeeignet, das Artistenblut pulsiert in ihren Adern, und mit unbändiger Freude und dem dazu gehörigen kindlichen Egoismus will sie ihren Traum von Licht und Luft erfüllt wissen. Ihre Bühnenenergie ist die Folie, auf der verdeutlicht wird, wie sehr allein Eisemann mit seinen Selbstzweifeln ist. Mehr Action fordert sein Umfeld beständig, und auch das ist sehr modern. Watzkas Text ist mehr als die Schilderung eines tragischen Ereignisses, voll Ironie und Witz auch eine Analyse jener Kraft, die Künstler immer wieder antreibt. Als wär’s eine Art Selbstbespiegelung angesichts dieser kleinen, feinen Produktion.

Markus Kupferblum hat sein Ensemble einfühlsam und aufmerksam für all diese Zwischentöne angeleitet. Er lässt ihm Raum zu agieren, ohne es in der Historie zu verhaften. Dazu gibt’s den einen oder anderen Gimmick; von Konrad Stania ist ein Visual: die Skyline rund um die Urania verwandelt sich zum Seil über den Kanal. Die Schreckensminute wird schließlich Stefan Sterzinger erzählen, er wird sie aufschreiben für die Nachwelt. Lange erinnerte eine Marmortafel am Donaukanal an Josef und Rosa Eisemann. Was mit ihr geschah, ist ebenso unbekannt wie das weitere Schicksal von Eisemanns Frau und Sohn. Nun hat Bernd Watzka den Artisten ein Denkmal gesetzt. Als spannendes Stück Wiener Stadtgeschichte.

„Eisemann – Der Tänzer, der vom Himmel fiel“ wird bis Mitte Juni an unterschiedlichen Spielorten in ganz Wien aufgeführt; alle Termine:

wiendrama.wordpress.com

Wien, 2. 6. 2016