museum gugging: existence.! Der Mensch in der Sammlung Jean-Claude Volot

Januar 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Abbaye d’Auberive erstmals nach Österreich

Fabian Cerredo, Minotaurus bietet seiner Schönen sein Herz an, 2003 © Bildrecht, Wien 2017, Fonds de l’Abbaye d’Auberive

Das museum gugging präsentiert ab 26. Jänner die Sammlung Jean-Claude Volot. Volot ist eine der ungewöhnlichsten Sammlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Ihn faszinieren die existenziellen Fragen des menschlichen Daseins: Schicksal, Zwänge und Leiden, Entsetzen und Wahn, die Schöpfungskraft und die Liebe.

Werke der Art Brut und Arbeiten bekannter sowie neu zu entdeckender Klassiker wie Karel Appel, Gaston Chaissac, Hans Bellmer oder Louise Giamari sind in dieser Sammlung vereint. Erstmals ist diese Sammlung in Österreich zu sehen. Seit drei Jahrzehnten sammelt Jean-Claude Volot Kunst. Mit der Auswahl seiner Werke ignoriert er den lange als unumstößlich geltenden Kanon in ästhetischen Fragen, den die französischen Museen und Institutionen der Kunst durch ihre Ankaufsentscheidungen bestimmten. Volot nimmt sich Freiheiten in der Zusammenstellung der Arbeiten, die diese Institutionen sich untersagen. Der Sammler hortet alle diese Werke in seinem eigenen Kloster, der Abbaye d’Auberive, in der Haute Marne in einem einsamen Wald in Frankreich.

Tausende Bilder, Objekte und Skulpturen sind dort in Jahrhunderte alten Mauern gelagert, die man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollte, da sie Einblick in Teile des Daseins und vielleicht auch der Seele geben können. Volot sammelt neben Gemälden und Zeichnungen auch andere, eher überraschende Kunstwerke – etwa christlich geprägte Objekte, die von Kunsthandwerkern oder Künstlern im Afrika der Kolonialzeit hergestellt wurden. Die Vielfalt ist ein charakteristisches Merkmal seiner „Galerie“.

Karel Appel, Personage no. 14, 1983, © Karel Appel Foundation / Bildrecht, Wien 2017, Fonds de l’Abbaye d’Auberive

Pinchas Maryan, Ohne Titel, Serie Napoleon, 1973-1974, Photo Atelier Démoulin, Copyright:© Abbaye d’Auberive

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Meine Kaufentscheidungen sind ein Querschnitt durch die künstlerischen Bewegungen unserer Zeit: Art Brut, Expressionismus, Street Art, Art Singulier, Surrealismus, Populärkunst … Die ganze Sammlung stellt die Frage nach den Menschen – ihrem Weg, ihrem Schicksal, ihren Zwängen und ihren Leiden, ihrem Entsetzen, ihrem Wahn, ihrer Schöpfungskraft, ihrem Lieben. Wenn man alles – Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Videos – mit einem einzigen Wort bezeichnen wollte, so ist es das Wort ‚menschlich‘, das mir in den Sinn kommt“, sagt er.

Zwei Kategorien von Künstlern lassen sich in seiner Sammlung unterscheiden: Einerseits jene, die dem Usus des Kunstmarkts entsprechen und andererseits solche Künstler, die sich am Rande der etablierten Kunstwelt ansiedeln. Die Sammlung Volot ignoriert Kategorisierungen. Die Werke seiner Sammlung befinden sich auf gleicher Höhe. Somit wird jegliche hierarchische Beziehungunter den Werken aufgehoben. Volot macht also Schluss mit Schubladen – für ihn wäre es kein Problem etwa Aloïse neben Matisse und La Chaise zu hängen und Wölfli neben Klee. Auf seine Weise, mit „seinen“ Künstlern ist dies genau das, was Volot tut. Die Sammlung setzt sich vornehmlich aus Werken zusammen, für die es gut eingeführte ästhetische Bezeichnungen gibt, aber sie tut so, als existierten diese nicht.

Joël-Peter Witkin, The Beast, New Mexico, 1989, tirage argentique n°8 sur 10, Photo Démoulin © Fonds Abbaye d’Auberive

Sie verweist auf eine Wahrnehmung künstlerischen Schaffens, die verwirrend ist, weil ihre Struktur nicht vorgegeben wird von Klassifikationen, die in Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten vorherrschten und von den meisten Kulturinstitutionen vertreten wurden. Dies ist einer der Gründe, weshalb es sich lohnt, diese Sammlung genauer zu studieren: weil sie sich, vielleicht ohne dass sich ihr Schöpfer dessen bewusst wäre, absolut außerhalb der Normen entwickelt hat.

www.gugging.at

22. 1. 2018