Volkstheater startet Online-Streaming

April 1, 2020 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Highlights aus den vergangenen fünf Jahren

„Das Missverständnis“: Seyneb Saleh und Nikolaus Habjan mit den Puppen der Mutter und ihres toten Sohns Jan. Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Das Volkstheater öffnet sein Video-Archiv für das Publikum: Ab 2. April bietet das Haus auf seiner Webseite www.volkstheater.at einen virtuellen Ersatzspielplan. Im täglichen Wechsel bis vorläufig 10. Mai sind Mitschnitte von Vorstellungen, Matineen und Sonderveranstaltungen für jeweils 24 Stunden zu sehen. Ursprünglich waren diese Aufzeichnungen nicht für eine Ausstrahlung gedacht – jede einzelne aber dokumentiert ein künstlerisches Ereignis aus den vergangenen fünf Jahren Volkstheaterarbeit.

Den Auftakt macht der Bertolt-Brecht-Klassiker „Der gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243), ein Highlight der aktuellen Spielzeit und ein eindringlicher Aufruf zu Solidarität auch in schweren Zeiten. Mehr als dreißig Produktionen unter anderem in der Regie von Yael Ronen („Lost and Found“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16723, „Gutmenschen“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28292) und Viktor Bodó („Klein Zaches – Operation Zinnober“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23962, „Peer Gynt“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36713) sind zu sehen.

„König Ottokars Glück und Ende“: Karel Dobrý auf seinem Pferd. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Wien ohne Wiener“: Isabella Knöll und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Verteidigung der Demokratie“: Nils Hohenhövel und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Außerdem Arbeiten von Christine Eder („Verteidigung der Demokratie“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30133, „Alles Walzer, alles brennt“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477) und Nikolaus Habjan („Das Missverständnis“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, „Wien ohne Wiener“-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26649).

Anna Badora selbst zeigt ihre Inszenierung von „Der Kaufmann von Venedig“ mit gleich drei Shakespeare’schen Shylocks (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29479) und ihre Regie des Doppeltextes „Iphigenie in Aulis / Occident Express“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25881).

„Urfaust / FaustIn and out“: Sebastian Pass, Steffi Krautz und Nadine Quittner ist kein szenisches (Bügel-)Eisen zu heiß. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„Wer hat meinen Vater umgebracht“: Sebastian Klein, Peter Fasching, Julia Kreusch und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Der Kaufmann von Venedig“: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Klein Zaches – Operation Zinnober“: 1,87-Meter-Mime Gábor Biedermann als Viktor Bodós Giftzwerg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dazu gesellen sich die Publikumsrenner der großen Bühne wie „Die Zehn Gebote“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27700), „König Ottokars Glück und Ende“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31195) und „Wer hat meinen Vater umgebracht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159) neben Erfolgsproduktionen aus dem Volx/Margareten wie „Urfaust / FaustIn und out“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38575) und „In der Strafkolonie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=3744) sowie Ausgewähltes aus der Diskurs-Reihe „Trojanow trifft.“ und Sonderveranstaltungen.

Für Kinder hat das Volkstheater „Die rote Zora und ihre Bande“ im Stream. Das gesamte Programm findet sich unter www.volkstheater.at/online-spielplan.

www.volkstheater.at

1. 4. 2020

Volx/Margareten: Urfaust / FaustIn and out

Februar 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gretchen im Faust’schen Kellerverlies

Kein Eisen ist zu heiß, Gretchens Gegenwehr wird kurzerhand glattgebügelt: Sebastian Pass, Steffi Krautz und Nadine Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Habe nun, ach! Es oft genug gehört, gesagt, gelesen, doch Günter Franzmeier tut’s noch und noch. Der brüchige Balkon mimt die Studierstube, hier sitzt der Schauspieler erster Wahl und rezitiert, repetiert den Welttheatermonolog, synkopiert, verjandlt, verbalsert seinen Faust, je neue Betonung eine neue Bedeutung, alldieweil unter ihm im Zimmer-Küche-Kabinett-Keller die Wiederholung zum Mundhygiene-Ritual wird. Putzen, spucken, der Notdurftkübel, das mit dem Aufbegehren übt sich erst.

Im Volx/Margareten hat Bérénice Hebenstreit Elfriede Jelineks Daunenkissenschlacht gegen Marmorkopf-Goethe inszeniert, „Urfaust / FaustIn and out“, jenen theatralen Kulminationspunkt, an dem die Autorin Margaretes „Ich schreye laut, laut dass alles erwacht“ mit Fritzl-Tochter Elisabeths Satz „Ich habe in all den Jahren oftmals geschrien, aber es hat mich niemand gehört“ kollidieren lässt – und Hebenstreit samt Dramaturg Michael Isenberg haben die Texte derart genialisch verschränkt, dass man verteufelt gut achtgeben muss, wo Geheimrat aufhört und Literaturnobelpreisträgerin anfängt. Sie haben den „Olympier“ nicht etwa über-, sondern die Jelinek fortgeschrieben, nahtlos greift da eins ins andere, bis Doktor Chauvi in der Selbstdekonstruktion angelangt ist.

Nahtlos, das gilt auch für das großartige Raumkonzept von Ivan Bazak, die diversen Lichtstimmungen von Markus Hirscher, die Musik von Kerosin95 aka Kathrin Kolleritsch mit Oliver Cortez. Zu Franzmeier gesellen sich die Unter-der-Erdgeister mit den speziellsten Stimmen des Hauses, Steffi Krautz als GeistIn, Sebastian Pass als Zweiter Geist und Nadine Quittner, deren FaustIn sich zur Gretchen-Figur redupliert. Im Sinne des jeli-neckischen „Ich renne mit der Schaufel und dem Besen hinter ihm her und beseitige den Menschenmüll, den der Klassiker hinterlassen hat“, sind die Eingekerkerten am Großreinemachen, Parkett wischen, Wände wienern, man beachte den Doppelsinn des Wortes „aufräumen“, bügeln. Kein Eisen ist zu heiß, als dass nicht Gretchens Gegenwehr damit zu plätten wäre, die Kellerkinder in Fausts Verlies sind einander Verbündete wie Feinde.

Herr Faust lässt seine Socken sortieren: Pass, Krautz und Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Feigenblatt der Versuchung: Quittner, Pass und Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Sie ist gerichtet. Ist gerettet. Oder doch gerichtet: Steffi Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Postfeministisches Kaffeekränzchen: Quittner, Krautz und Pass. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bis Heinrich-mir-graut-vor-dirs Schwadronade endlich die Widerspruchs-Geister weckt. Haben die drei in ihren blassrosa Puffärmelblusen eben noch mit zusammengekniffenem, damit schärferem Auge schwarze Herrensocken verpaart, Krautz sie vorne auf die Wäscheleine geklammert, während Pass hinter ihr die Kluppen abgeklipst und die Socken ihrem Absturz anheimgestellt hat, heißt: apropos Heim, auch ein Haushalt ist ein Loch, eines ohne Boden, besinnen sie sich nun scheint’s auf ihre stets verneinende Charakterbeschaffenheit.

Der Herr oben ist grad beim Pudel, da pinkeln ihn die unten schon postfeministisch an, pardon, aber die Haxn-Heb‘-Metapher ist von der Jelinek höchstselbst, die Störfaktoten nun beim Kaffeetrinken, Steffi Krautz von geradezu mephistophelischer Süffisanz, Sebastian Pass eine Puck’sche Spukgestalt, das Metawesen mit Migräne und der seinen gefährlichen Spaß treibende Narr – sehr durchdacht ist das alles, sehr klug, wie Hebenstreit den Kanon zwar bedient, aber nie ohne den Hinweis, dass die großen Fragen, die der „Faust“ debattiert, aus Sicht der physisch wie psychisch weggesperrten Frau irrelevant sind. Seine Welt gibt’s für sie nicht. Zutritt verboten.

Ohne den abgenudelten #toxischeMännlichkeit zu bemühen, führt die Regisseurin den 2012er-Text über die Distanz der damaligen Tagesaktualität ins Grundsätzliche männerbestimmter Machtverhältnisse und das fremd- bestimmte In-der-Versenkung-Verschwinden der Frau. Nachdem Quittners Schilderung von Szenen aus dem Fritzl-Keller einem den Magen umgedreht hatten, folgt ihr (auch persönlich empfundener) Protest, wieso allein Margarete zur Büßerin auserkoren ist, folgt die lapidare Feststellung: „Warum all die Mädels in den Kellern? Sie könnten ja in einem Turm gehalten werden. – Aber einen Turm hat nicht jeder.“ Das ist Jelinek pur. Die Tragifarce, die mit ihrer Satire den Dichterfürsten vom Sockel, vom Parnassos in die Alltagsbanalität des Bösen holt.

Faust verschlägt’s vom erhabenen Studierrang in die Tiefen einer TV-Talkshow: Günter Franzmeier mit den jelinekischen Kartonköpfen. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Hebenstreits Ideenreichtum unterstützt die absurde Groteske, siehe Socken, siehe Bügeln, beides wie ein Ballett choreografiert, die Darsteller virtuos beim Sprühnebeln mit dem Spritzerl. Quittner muss den Strom für den Stecker selber produzieren, die Energieversorgung aus dem Oberschenkel funktioniert zwar trotz Elektroschlägen ganz gut, dann hält sie den Stecker ans Herz – und fällt vom Hocker. Welch ein Bild! „Wir sind in bester Form, wenn auch in weiblicher!“, sagt Krautz‘ GeistIn.

Und hat damit einmal mehr die Lacher auf ihrer Seite. Und wieder Zeitenverschiebung, Quittner-Margarete-Elisabeth, die um ihr totes Kindchen trauert, Krautz und Pass, die aufsässigen GeistInnen, die den heiligen O-Ton wie eine Liturgie leiern, Faust, der zornige Zitatenschleuderer, der sich zu guter Letzt gottvaterisch unters Volk mischt. Aber, ach! Der Abstieg ist kein Osterspaziergang, statt in Gretchens Kammer verrennt sich Faust in eine TV-Talkshow, rund um ihn nur Kartonköpfe, die mit ihren Strichcodes irgendwie Elfriede Jelinek ähneln, und seinen Fall öffentlich verhandeln. So kehrt sich das Ist-Gerettet ins Ist-Gerichtet zurück, die Medien sorgen schon dafür, dass das Opfer Mitschuld trägt, und die Online-Foren für passenden Hass und Verachtung.

„Ich habe versucht zu schreien. Aber es kam kein Laut heraus. Meine Stimmbänder haben einfach nicht mitgemacht“, schrieb Natascha Kampusch in ihr Buch. Steffi Krautz spinnt ein Bluthalstuch, aber Nadine Quittner leiht der gehenkten Margarete ihre Stimme. In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem „lieben Menschheitsdrama“ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der „immer gleichen Bilder“ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht. Ein Beweis für die Spielerstärke des Volkstheater, ein Plädoyer für den Erhalt der Spielstätte im Fünften.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2020

Volkstheater: Peer Gynt

Dezember 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bizarres Treiben in der kleinen grauen Zelle

Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Stefan Suske, Evi Kehrstephan, Andreas Grötzinger und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Die Welt in meinem Kopf, durch die ich Ich bin“, weist Peer im vierten Akt gegenüber der illustren Runde Master Cotton, Monsieur Ballon nebst Frau von Eberkopf und dem Trumpeterstraale als das „Gyntsche Prinzip“ aus – die ihn darob zum Dichter und Denker küren, bevor sie den skrupellosen Schweinskerl im nunmehr Ex-Geschäftspartner entdecken. Auf diese Innen- schau fokussiert Viktor Bodó bei seiner Interpretation des dramatischen Gedichts von Henrik Ibsen: „Peer Gynt“ als vorerst letzte Inszenierung des

Budapester Regisseurs am Volkstheater. Der sich, von Anna Badora über Düsseldorf und Graz nach Wien mitgebracht, am Premierenabend sichtlich gerührt für die stets freundliche Aufnahme seiner Szputnyik Shipping Company bedankte – und es steht zu hoffen, dass einem irgend Verantwortlichen eine Eingebung kommt, wie dieser Ausnahmekünstler in der Stadt zu halten ist. Bodó selbst ist um Ideen nie verlegen, sind andere, auch höchst renommierte Regisseure oft genug One-Trick Ponys, hat man von ihm noch keine zwei Arbeiten gesehen, die sich auch nur annähernd ähneln. Und so hat Bodó auch diesmal eine völlig neue Gedankenwelt erfunden, eben die von Peers Gehirn, so ist zu deuten.

Dieses ist eine am Haus natürlich nicht so kleine graue Zelle, das Bühnenbild von Ágnes Bobor, ein in seiner Schlichtheit – mit sozusagen in der Unendlichkeit liegendem Fluchtpunkt – spektakulärer Raum, dessen Perspektiven sich zu immer wieder ungeahnten Öffnungen verschieben, um den ganzen Kosmos des Selbst-, nicht Sinnsuchers zu illustrieren. Deren drei in drei Lebensaltern sind Bodós Peers. Nils Hohenhövel, Jan Thümer und Günter Franzmeier gleich dem alten, dem jungen und dem kleinen Stanislaus – und es ist erstaunlich bei zugegeben physiognomisch perfekter Passform, wie sehr das Darsteller-Trio ein Geist und Körper ist, in brillanter Interaktion, im Infight mit sich selbst, wie sie da mit Gesten oder aus voller Kehle das eigene Tun zu anderer Zeit kommentieren, einander in Schreckmomenten im Stich lassen, sich auch im Zwiegespräch selbst entlarven.

Jan Thümer, Nils Hohenhövel und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dorka Gryllus als Ingrid und ihr Entführer Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schiffbruch im Schlauchboot: Günter Franzmeier als Peer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jedem sind dabei seine Momente geschenkt. Hohenhövel, als er Braut Ingrid auf den zweiten Rang entführt und sie dort zum Gaudium des Publikums lautstark liebt, und anrührend bei der Himmelskutschenfahrt mit der sterbenden Mutter Aase. Thümer im Aufeinanderprallen mit der Grüngekleideten, samt Sex und versuchtem Augenausstechen im Troll-OP, und großartig als reicher Sklavenhändler in Marokko, wo er mit seinem hochmütigen Geschwätz die ganze Hohlheit der Figur Peer Gynt ausstellt. Franzmeier unter anderem beim schlussendlichen Schiffbruch, und freilich darf der Schauspielstar einmal mehr mit seinem Können als E-Gitarrero glänzen. Die Peers werden nämlich zu Rockband-Propheten, der jüngste am Schlagzeug, der mittlere sich immerhin tapfer an der Six-String festhaltend.

Wortgewandt wirft man einander Flunkereien und Lügengeschichten zu, um die große, die des Lebens zu übertünchen, wann immer den einen seine Verkommenheit in eine Sackgasse führt, wissen die anderen beiden einen Fluchtweg. Bodó erzählt ein surreales Lügen-Märchen. „Peer Gynt“ ist in dieser Aufführung buchstäblich ein Schelmen-Stück, ein bizarr-poetischer Albtraum, und Ibsens Anti-Held, wiewohl eine Ur-Ich-AG von derart überheblicher Arroganz und Selbstgefälligkeit, dass ihn diese Egomanie zu einem sehr heutigen Charakter macht, ein durchaus nicht unsympathischer Protagonist.

Begleitet wird dieser von drei Akteurinnen und drei Akteuren, die mit überbordender Spiellust jeweils mehrere der zum Narren gehaltenen Narren verkörpern: Steffi Krautz ist unter anderem eine resolute Mutter Aase, im Rollstuhl zwischen Festnetztelefon und Röhrenfernseher, deren lapidares „Läg‘ ich doch im schwarzen Sarg“ auf Peers Bocksritt-Schwindel der erste Lacher des Abends ist, und macht ihr Erscheinen als ägyptische Säule zum dadaistischen Kabinettstück. Evi Kehrstephan ist vor allem eine kesse, Wind und Wetter beherrschende Grüngekleidete, ein Monsterauftritt, den nicht einmal Stefan Suske als deren Vater und verbeamteter Trollkönig, der Dovre-Alte, toppt. Suske macht auch den lautmalerisch parlierenden Haegstadbauer, der seinem Bräutigam/ Sohn auf die Sprünge, heißt: ins Hochzeitsbett helfen will – Günther Wiederschwinger, der, ob Eheaspirant, Troll oder Master Cotton, beständig über dasselbe, selbstverständlich nicht vorhandene Hindernis stolpert.

Tête-à-Tête mit des Trollkönigs Tochter: Evi Kehrstephan, Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Troll-OP: Grötzinger, Kehrstephan, Suske, Thümer, Wiederschwinger, Hohenhövel und Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Habgierige Handelspartner aus aller Welt: Suske, Steffi Krautz, Thümer, Grötzinger und Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für mich soll’s schwarze Bälle regnen: Günter Franzmeier, Stefan Suske und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was Bodó zeigt, ist im besten Sinne Absurdes Theater, seine konzise Spielfassung irr witzig, detailverliebt und ausgestattet mit einer ausgeklügelten Bewegungschoreografie, besonders für die drei Peers, die die stets nur flüchtige Begegnung mit Kehrstephans Solvejg auf der Stelle tretend, den Messerkampf mit der Troll-Prinzessin in Zeitlupe absolvieren. Dorka Gryllus lässt sich als Braut Ingrid allzu bereitwillig vom ersten Peer verführen, und raubt als exotisch-erotisches Groupie Anitra den dritten bis zu den Hi-Hats aus. Sollte jemals Ibsens Intention die Satire gewesen sein, so erfüllt Andreas Grötzinger diese Vorgabe vom Feinsten. Egal, ob als Haudrauf-Schmied Aslak, Peers hässlicher Troll-Sohn oder bärbeißiger Schiffskapitän, er ist in jeder Szene ein Gewinn. Und ein Hauptgarant fürs Gelingen des Bodó’schen Slapstick – herrlich allein schon sein Strickmützentrick.

Schwarze Bälle regnet’s vom Himmel, gegen die Suske flugs einen Regenschirm aufspannt, die profitgierigen Businessmenschen, nicht die Trolle tanzen zu Edvard Griegs entsprechendem Marsch, im Nebel schälen sich die Peers aus der Zwiebel, legen Schicht für Schicht ihre Kleidung ab, bis sie im Halbdunkel nackt dastehen, als wär’s ein Ecce homo des Homo mendax. Im Kairoer Irrenhaus wird dem Selbstsuchtkaiser Peer eine Zahnkrone aufgesetzt. In dieser Groteske nämlich lässt Bodó die Reise enden, beim Tod der absoluten Vernunft, ein Wiedersehen mit, die Erlösung durch Solvejg gönnt er Peer nicht. Das Ensemble schleppt sich erst wie wiedergängerische Geisteskranke an die Rampe, dann starten Kehrstephan und Krautz die Psychoanalyse. Suske gibt einen schusseligen Doktor Begriffenfeldt. Die kleine graue Zelle, Peer muss nicht dem Knopfkönig, sondern seinen Alter-Egos Rechenschaft ablegen, hier schließt sich der Kreis. Der Premierenjubel war groß.

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  1. 12. 2019

Volkstheater/Bezirke: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

November 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die 114 Suren als Symbol für Sein Lenkrad

Fahrstunde mit dem Koran als Lenkrad: Dominik Warta, Bagher Ahmadi und Michael Abendroth. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Am Ende, das heißt: am neuen Anfang, wenn Momo die geerbte Schatulle öffnet, wird ein warmes Strahlen auf sein Gesicht fallen. Im hölzernen Kästchen nämlich befindet sich eine Ausgabe des Heiligen Buchs des Islam, und der Lichtvers aus dessen 24. Sure – „Gott führt zu Seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an“, steht darin geschrieben – ist nicht nur die Inspirationsquelle des Sufismus, sondern gleichsam auch der Leitsatz von Éric-Emmanuel Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Vom elsässischen Bestsellerautor erst als einer von drei Bühnenmonologen über die Weltreligionen verfasst, arbeitete Schmitt seinen Text später zur Erzählung um, bis die Story schließlich mit Omar Sharif in der Titelrolle zum Kino-Blockbuster wurde. Für die Bezirke-Tour des Volkstheaters haben Regisseur Jan Gehler und Dramaturg Michael Isenberg den tragikomischen Roadtrip für drei Schauspieler aufbereitet, Michael Abendroth, Bagher Ahmadi und Dominik Warta, und es ist vor allem der aus Afghanistan stammende Schauspielstudent an der Wiener MUK, der mit seinem Feuer und seinem Charme die Herzen des Premieren- publikums entflammt.

Die Inszenierung ist, wie die Franzosen formulieren würden, super sympa, und neben der liebenswerten Behandlung von Schmitts Pariser Rue-Bleue-Charakteren, ist Gehler auch die intensive Beschäftigung mit der jüngsten der Abrahamsreligionen hoch anzurechnen. Wie Schmitt in seinem literarischen Viertel Faubourg-Montmartre an jedem Detail feilte, so auch Gehler, bis zum Symbol der Rose, deren zwei getrocknete und gepresste Momo im Buch findet, und deren Beschaffenheit die Stationen in der Entwicklung des Derwischs darstellen – die Dornen die Schari’a, das islamische Gesetz, der Stängel Tariqa, den mystischen Weg, die Blüte Haqīqa, die Wahrheit, die als Duft Ma’rifa, die Erkenntnis, in sich trägt.

Überhaupt versteht sich die Aufführung auf Zeichen, und dies am schönsten, wenn das Koran-Kästchen bei der bevorstehenden Autofahrt emblematisch zu Seinem Lenkrad wird. Die Spielfläche bleibt bis auf die Vordersitze leer. Die Darsteller gestalten mit Kreidezeichnungen den Raum – Eiffelturm, Sacré-Cœur und Moulin Rouge werden an eine schwarze Tafel gekritzelt, ein Baguette, eine Flasche Beaujolais, in Emmareh- oder Einweihungsblau ein sich drehender Derwisch. Denn Monsieur Ibrahim, der einzige „Araber“ in der jüdischen Straße, ist gerade das nicht, dafür alles andere: alteingesessener Citoyen in der Stadt der Liebe, ursprünglich vom Goldenen Halbmond, Kolonialwarenhändler und Sufi.

Moses erfährt vom Selbstmord seines Vaters: Ahmadi und Warta. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die erste Lektion des Monsieur Ibrahim lautet „Lächeln!“: Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Monsieur Ibrahim nimmt Moses als Sohn an: Abendroth und Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Michael Abendroth stattet die Figur mit einer stoischen Verschmitztheit aus, die sowohl Monsieur Ibrahims spirituellen Habitus als auch seinen Hang zur Schlitzohrigkeit glaubhaft macht. Dieser Mann weiß, dass in der Ruhe zwar die Kraft, im Lächeln aber das Glücklichsein liegt, und dies ist lediglich eine der Lehren, die er Momo auf die Reise Richtung Levante und durchs Leben mitgibt, als der meint, die Mundwinkel nach oben zu ziehen, sei nur was für reiche Leute. Momo, eigentlich Moses, ist ein elfjähriger jüdischer Junge, der bei seinem Vater, einem Rechtsanwalt ohne Fälle, wohnt. Die Mutter hat vor dem unerträglichen Misanthropen bald nach Momos Geburt die Flucht ergriffen. Weshalb der nun den Sohn zum Haushaltssklaven degradiert.

Moses holt sich die Liebe, die er in der kalt-geheimniskrämerischen Atmosphäre seines Zuhauses nicht kriegt, bei den käuflichen Damen im Arrondissement, den darob entstehenden Geldverlust kompensiert er, indem er „beim Orientalen“ Konserven stiehlt – was Monsieur Ibrahim freilich längst bemerkt hat. Es ist ein Kunst- wie Glücksgriff Gehlers diesen diebischen Moses von Bagher Ahmadi verkörpern zu lassen, und im Sinne selbiger Liberté, Égalité, Fraternité den Muslim vom gebürtigen Hamburger mit Hauptwohnsitz Wien Abendroth. Nicht nur passt die Chemie der beiden, nicht nur können’s die zwei wunderbar zwischenmenscheln lassen, Ahmadi erweist sich auch als temperamentvoller, starker Sprecher, der seine Sätze mitunter, statt auf Hebräisch, in Farsi spricht.

Derart mäandern die 80 Minuten von Bonhomie zu melancholischem Humor, bis Moses‘ Vater, der seine binären Codes nach der Gleichung Jude sein ist gleich depressiv sein wie den Teufel an die Wand malt, Selbstmord begeht. Dem großartigen Dominik Warta kommt die Aufgabe zu, von Szene zu Szene zu sie alle zu sein: der finstere Vater, der nicht aus seinem Schneckenhaus kann, der unsensible Polizist, der die Todesnachricht überbringt, die überraschend auftauchende, von der Situation aber überforderte Mutter … Zwei Kabinettstücke liefert das Darstellertrio ab:

Das strahlende Licht aus der Schatulle macht aus Moses Mohammed: Bagher Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Im Adoptionsamt, denn Ibrahim will Moses an Kindes statt annehmen, mit Warta als bärbeißigem, aufs Prozedere pochenden Beamten, und in der Fahrschule mit Warta als Karntnarisch parlierendem Fahrlehrer. Und auch als bezaubernde Brigitte Bardot entpuppt sich Warta als Idealbesetzung. Mit der Weisheit des Koran und seinem unerschütterlichen Optimismus im Gepäck nimmt Monsieur Ibrahim Momo nun mit auf eine Expedition in neue Erfahrungswelten, und er lädt ihn ein zum Tanz zum Gedeih der Seele.

Der Schluss ist bekannt: Momo wird das Heilige Buch und die Greißlerei bekommen, zu Mohammed und zum neuen „Araber“ im Laden um die Ecke werden. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ für die Volkstheater-Bezirke-Tour ist eine hinreißend gefühlvolle Produktion, die eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer übers Aufeinander-Zugehen statt Voneinander-Abschotten verbindet, und von Regisseur Gehler bei aller Reduktion der Mittel mit genau dem Maß an Kitsch versehen, den das Ganze braucht. Nächste Termine: ab 4. Dezember.

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  1. 11. 2019

Volkstheater: Wer hat meinen Vater umgebracht

November 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Blaumann über die Gelbwesten debattieren

Eddys Abrechnung mit dem Vater wandelt sich bei Édouard zur politischen Anklage: Sebastian Klein, Peter Fasching, Julia Kreusch, Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies zum ersten Jahrestag der Gelbwestenbewegung zu schreiben, ist wohl einer jener Zufälle, die es bekanntlich nicht gibt. Gestern erst standen die Gilets jaunes, heißt: deren Darsteller, auf der Bühne des Volkstheaters, heute wartet Frankreich gespannt darauf, ob sich die Wut der Westen neu entfacht. Nichts nämlich hat sich im Macron’schen Machtbereich zum Besseren entwickelt, seit Édouard Louis vergangenen Dezember öffentlich erklärte „Wer eine Gelbweste beleidigt,

beleidigt meinen Vater“, und die Xeno- wie Homophoben in den Protestreihen damit entschuldigte, dass sie „etwas Richtiges und Radikales verkörpern“ und es dank ihres Mouvement endlich eine Kraft gebe, die der herrschenden Klasse Angst einjage. In der entsprechenden Theaterszene sagt Louis diese Sätze in einer Talkshow, von deren Moderator mit blödsinnigen Fragen terrorisiert, währenddessen von den Geistern seiner Vergangenheit drang- saliert. „Schwuchtel“ und Schlimmeres raunen ihm die Strichmännchen-Masken gefährlich zu, ein Flashback im Fernsehstudio, der aus dem zum Bestsellerautor avancierten Édouard wieder den verspotteten, verprügelten Eddy Bellegueule, aus dem Pariser Intellektuellen wieder den Prekariatssohn aus der Picardie macht.

Es sind Regisseurin Christina Rast und Dramaturgin Heike Müller-Merten, die unter dem Titel „Wer hat meinen Vater umgebracht“ Louis‘ gleichnamiges Essay mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“ unterfüttert haben, und derart die autobiografische Auseinandersetzung Eddy/ Édouards mit dem Vater zwischen der aggressiven, von Abscheu geprägten Abrechnung des Erstlings und der politisch scharfsinnigen Gesellschaftsanalyse der 70-Seiten-Schrift pendeln lassen – die so entstandene Collage nunmehr am Freitag mit Louis‘ Segen zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, die Produktion mit ihrem sozialkritischen Ansatz, Politisches sei gleich privat und umgekehrt, perfekt fürs Haus und von dessen Publikum bei der Premiere auch heftig akklamiert.

„Wäre dieses Buch ein Theaterstück, würden ein Vater und ein Sohn in einem großen, leeren Raum stehen, mit einigen Metern Abstand zwischen ihnen. Sie sehen sich kaum an, bisweilen berühren sich ihre Körper, aber sie bleiben voneinander isoliert. Der Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters, für die der Vater keine Worte hat.“ Louis‘ Text beginnt mit diesen Zeilen, die sich Rast zum Leitfaden ihrer Inszenierung erkoren hat. Die Figur des Eddy/Édouard verteilt sie auf fünf Schauspieler, Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass und Birgit Stöger, die gemeinsam die diversen Puzzleteile von Louis‘ Persönlichkeit zu seinem Ganzen machen.

Birgit Stöger mit Vaterpuppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sebastian Pass in Pailletten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Mutter. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gibt Klein mehr den sensiblen Denker, Fasching eher den kopfgesteuerten Künstler, ist Kreusch eindeutig Eddy aus kindlicher Perspektive, spielt Stöger den Polit- und Pass den Schwulenaktivist, dies alles hier zu einfach formuliert und im Spiel nie so simpel transportiert, ergeben sich daraus dennoch die verschiedenen Annäherungsversuche an den Vater. Dieser ist zu verstehen als omnipräsente Großbaustelle, als Leerfläche für die psychologische Projektion – und bei Rast umgesetzt als riesige Puppe, ein Arbeiterklassenkollektivkörper, ein gigantischer Sandsack, der am ebensolchen Tisch mutmaßlich volltrunken zusammengesunken ist und später nur mit Mühe herumgeschleppt werden kann.

Leichenweiß, die Augen blinde X-e, der Mund mit vier Stichen zugenäht, dokumentiert die Puppe des Vaters Leben als ein langsames Sterben. In der Fabrik zum schwerkranken Wrack geschuftet, wird er arbeitslos und zum Alkoholiker, ein von andauernden Schmerzen geplagter Sozialhilfeempfänger, wird ein Teil des politischen Systems Armut. Im erst symbolträchtig „gewalt“-igen Elternhaus, dann vorm Flaschenzug-Gerüst, das Bühnenbild von Franziska Rast, die Kostüme von Sarah Borchardt, ereignet sich weniger Handlung, als ein Anschlagen von Thesen, die Pose ein Hessel’sches „Empört euch!“, auch wenn sich Louis bevorzugter auf seinen Freund und Philosophen Didier Eribon oder den Soziologen Pierre Bourdieu rückbezieht – bei seinem Aufzählen der Vatermörder: Chirac, Sarkozy, Hollande, Hirsch …

„Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller“, heißt es an einer Stelle. Dabei hält das Ensemble Politikerporträts hoch, und wie sich die Bilder bis Österreich gleichen. Blaumann tragen die Darsteller nun allesamt, und schildern, was es mit der von Sarkozy erfundenen Allocation d’aide au retour à l’emploi auf sich hat, die den invaliden Vater zu einem Job als Straßenkehrer zwingt, „buckeln trotz ruinierter Wirbelsäule“ nennt das der Sohn, oder was Macrons Kürzung der Wohnbeihilfe um „nur“ fünf Euro für deren Bezieher bedeutet. Und weil Édouard Louis‘ Eltern die Fronten vom sozialistischen Proletariat zu Le Pens Front National gewechselt haben, bekommt auch die Linke Schelte ab, nämlich ihre ureigenste Klientel mitten im Klassenkampf im Stich gelassen, Louis wörtlich: „verrraten“, zu haben.

Birgit Stöger beklagt das Opfer aus der Arbeiterklasse. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kränzewerfen beim imaginären Begräbnis. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Talkshow: Sebastian Klein, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Gelbwesten gehen auf die Straße. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bemerkenswert ist, wie Rast und Team die Kurve vom Pamphlet zur Bühnentauglichkeit kratzen. Mit teils surrealen Albtraumsequenzen, teils comichaft witzigen Episoden, mit poetischen Momenten, bitterem Spott und picksüßer Ironie macht Rast Louis‘ Text theatral. Da singt Sebastian Pass in Pupurpailletten gewandet Celine Dions „Parler à mon père“, Birgit Stöger mit französischem Schmelz in der Stimme Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“, klettert Peter Fasching in Mutters Fatsuit-Schürze auf Vaters Schoß, bevor Stöger sie zur schrill kreischenden Furie umfunktioniert, werden Trauerkränze im Kreis geworfen, will der Bruder den Vater totprügeln, weil er der Mutter verboten hat, ihrem Ältesten weiter Geld für Drogen zuzustecken.

Als Pass‘ Eddy wie eine Diva discotanzt und der Vater ostentativ wegschaut, outet ihn Stögers Mutter als früher ebenfalls „heiße Sohle“, seinen Männlichkeitswahn als letzte verzweifelte Selbstbehauptung, seinen Arbeiterstolz als erste Bekundung seiner Scham. Dass frauenfeindliche oder rassistische Sprüche, wie finanziell unabhängige Frauen seien ganz sicher frigide und lesbisch oder alle Araber bevorzugten perverse Sexpraktiken, unwillkürlich zum Lachen verleiten, liegt im hohen Maß am fabelhaften Spiel der beiden. Der Schluss ist auf der Bühne so versöhnlich wie im schmalen Band, indem sich der Vater beim Sohn entschuldigt, er, der Jahrzehnte lang Ausländer und Homosexuelle für alles Faule im Staate Frankreich verantwortlich machte, hinterfragt jetzt die eigenen Werte. Er akzeptiert das politische Engagement des Sohnes, sogar dessen Schwulsein und erkundigt sich ernsthaft interessiert nach dessen Lebenspartner.

Eine Gefühls- und Gesinnungswende um 180 Grad mit Vaters abschließendem Satz: „Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution“. Ein kluger, aufwühlender und nachdenklich stimmender Theaterabend mit einem glänzend agierenden Ensemble. Diese Aufführung ist eine Sternstunde fürs Volkstheater.

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TIPP: Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ am Schauspielhaus Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36095

  1. 11. 2019