Kay Voges wird neuer Volkstheaterdirektor

Juni 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er bekommt zwei Millionen Euro mehr von der Stadt Wien

Von Dortmund nach Wien: Der künftige Volkstheaterdirektor Kay Voges und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Bild: Christian Jobst/PID

Kay Voges wird mit der Saison 2020/21 neuer künstlerischer Direktor des Wiener Volkstheaters. Das gaben Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler  und die Vorständin der Volkstheater Privatstiftung Judit Havasi heute vormittag bekannt. Der 47-jährige Theatermacher, seit 2010 Intendant des Schauspiel Dortmund, kündigte als erste Überlegungen ein „niederschwelliges Theater“ und eine „Factory für Theaterkunst in ästhetischer und politischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart“ an.

„Das Zentrum des Hauses wird ein Ensemble sein. Ich möchte gern das Ensemble vergrößern“, so Voges. Daneben soll auch der Bereich Performing Arts und der Bereich Musik gefördert werden. Und: „Die Digitalisierung wird für mich eine wichtige Rolle spielen.“ Es sei etwas ganz besonderes, in eine theaterverrückte Stadt berufen zu werden, freut sich Kay Voges: „Im Volkstheater wird es Gegenwartstheater geben, wie es gute Tradition dieses besonderen Hauses ist. Das Volkstheater ist für alle da. Es ist ein Ort der Begegnung, zum Feiern und Reflektieren. Wir wollen Geschichten erzählen mit Menschen aus Fleisch und Blut. Das Volkstheater wird die Türen weit öffnen und mit der Stadtgesellschaft kommunizieren. Ich arbeite dafür, dass das Volkstheater lokal wie auch international eine Strahlkraft entwickelt und in der reichen Theaterkultur Wiens als das fortschrittlichste wahrgenommen wird.“

Unter Voges‘ Ägide belegte das Schauspiel Dortmund in der Kritiker-Jahresumfrage von Theater heute  dreimal in Folge den zweiten Platz als Theater des Jahres im deutschsprachigen Raum. 2017 wurde er mit seiner Inszenierung „Die Borderline Prozession“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seine Inszenierung von „Der Theatermacher“ nach Thomas Bernhard kam dieses Jahr immerhin in die engere Auswahl. Wie Voges als Regisseur arbeitet, lässt sich ab Dezember am Burgtheater überprüfen, wo er Paul Wallfischs Endzeitoper „Dies Irae – Tag des Zorns“ inszenieren wird (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=33571).

Bekanntlich war der Findungsprozess für die Nachfolge von Anna Badora zeitweise ausgesetzt worden, da laut eingesetzter Jury nur mit einer „substanziellen Anhebung der finanziellen Ausstattung“ eine Neuaufstellung des Hauses möglich sei. Erst als die Stadt eine solche Aufbesserung der derzeitigen jährlichen Gesamtförderung von etwa 12,4 Millionen Euro in Aussicht stellte, wurde die Suche wiederaufgenommen. Nun kommen zwei Millionen mehr von der Stadt Wien, aber, betonte Kaup-Hasler bei der Vorstellung Voges‘, „die dritte Million gebe ich nicht auf“. Weshalb sie es „für eine dringende Notwendigkeit“ hält, „dass der Bund nachzieht“.

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7. 6. 2019

Wiener Festwochen: Hass-Triptychon

Mai 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Abgefucktes Altarbild mit aggressiver Troll-Truppe

Bruno Cathomas (re.) und seine Trolle Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke. Bild: © Judith Buss

Wenn Aufregerregisseur Ersan Mondtag einen Text von Aufregerautorin Sibylle Berg inszeniert, darf man sich schon Besonderes erwarten, etwas schräg, schrill, Schreiendes, und tatsächlich – diesbezüglich enttäuschte der Berliner Theatermacher, der vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen die Gemüter mit seiner außergewöhnlichen Ratten-„Orestie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29002) beunruhigte, auch heuer nicht.

Am Volkstheater, ein Haus, um dessen Leitung in der Nachfolge Anna Badoras sich Mondtag übrigens beworben hat, brachte er Bergs „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung, und malt deren düsteres Sittengemälde mit den ihm eigenen opulenten Farben aus. Wofür ihm Bühnenbildnerin Nina Peller eine Riege Pappmaché-Häuser hingestellt hat, die immer gleiche Fassadenprojektion eine gespenstische Ruine, und damit’s entsprechend spooky bleibt, darf sich manch Zuschauer vor seinem Sitznachbar gruseln – an die zwanzig Skelette, die im Schwarzlicht vor sich hinglimmen, die Bildungsschicht bis auf die Knochen verwest, denn Berg, berühmt-berüchtigte Sibylle grotesk-dystopischer Gesellschaftsprophezeiungen, siehe ihr aktueller Roman „GRM“, siehe ihr derzeit im Volx/Margareten zu sehendes Stück „Nach uns das All“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385), führt das Publikum in eine Prekariatswelt, eine Stadt an einem Autobahnzubringer, deren Bewohner die sogenannten Wohlstandsverlierer – und außerdem: Trolle sind.

Mit buntem Aufwärtshaar, Spitzohren und mitunter von Kostümbildnerin Teresa Vergho zum Muskelberg ausgepolstert. Auftritt Benny Claessens als „Hassmaster“, der im weißen Mantel und mit weißer Langhaarperücke aus einem Kanaldeckel kriecht und sich eine Zigarette anraucht. Auf den Zuruf der Souffleuse, dies doch bitte nur hinterm Eisernen Vorhang zu tun, antwortet er mit einem symbolbrechtigen Einreißen der „vierten Wand“. Er singt ein Liedchen, ist die Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater doch dank der Musik von Beni Brachtel, der Berg-Gedichte vertonte, als Anti/Musical ausgewiesen, er hüpft herum und skandiert dabei: „Theater – Realität – Theater – Realität“. Dies nicht der einzige Verweis auf Künstlichkeit, Mondtag, lässt sich interpretieren, befördert die Trolle zurück in ihre Onlineforen, wo sich die Hater hinter Nicknames verstecken, wenn sie ihre Aggressionen virtuell aufbauen.

Bild: © Judith Buss

Bild: © Judith Buss

Bald nämlich entpuppt sich die Truppe als Häufchen Hoffnungsloser, von der „Alkoholikerin der Herzen“ über den auftrainierten Content-Produzenten, vom Schwulen, der von „Teilzeitscheißjobs“ leben muss, über Digitalisierungs- und Outsourcingopfer zum desillusionierten Jugendlichen zum drogenrauschigen Kotzbrocken – und sie alle erzählen in aberwitzig zynischen Schimpftiraden von Missgunst, Ressentiments, Zorn und Zerstörungswut. Bruno Cathomas, Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke gestalten diese Trollarmee. Die Schau ist aber Benny Claessens, sein vulgäres Spiel bildet den Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, wenn er, nur einen knappen Slip am silberglitzernden Körper, tanzt und sich lasziv räkelt, ein Herr über den Überrest der Menschheit.

Benny Claessens als weißer Hassmaster im Troll-Land. Bild: © Judith Buss

Ihnen allen gemein ist die Lethargie und die Langeweile des Sonntags, dies der erste Flügel dieses abgefuckten Altarbildes, und so wächst die Sehnsucht nach einem Montag, der Erlösung in Form von klar strukturierter Erwerbsarbeit bringen soll. Doch kaum ist der Montag im zweiten Flügel angebrochen, sehnt man sich bereits wieder nach dem Wochenende, also den Blick auf den dritten und letzten gerichtet, in dem der Hassmaster endlich zu den Waffen ruft.

Damit man real ausleben kann, was bisher nur im Internet möglich war. „Mit jedem Tag werden wir wütender“, lässt dieser Chor der Abgehängten wissen, während er sich vom digitalen Störfaktor zur veritablen Gefahr entwickelt. Das kann Sibylle Berg: Gegenwartsdiagnosen abliefern, die so fatalistisch wie treffsicher sind, und Ersan Mondtag liefert ihr die messerscharfen Bilder dazu.

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26. 5. 2019

Volkstheater: Der Spielplan der Saison 2019/20

Mai 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdotierung als „verquere Form der Anerkennung“

Anna Badora. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Unsere Richtung ist seit vier Jahren klar, ihr bleiben wir auch in unserer letzten Spielzeit treu.“ Nach dieser Devise präsentierte Intendantin Anna Badora heute den Spielplan 2019/20 fürs Volkstheater Wien. Insgesamt 17 Produktionen, davon acht Ur- und Erstaufführungen, vier Stückentwicklungen und ein Stadtteilprojekt in zwei Bezirken, stellte das Team Roland Koberg, Heike Müller-Merten und Constance Cauers gemeinsam mit der Theatermacherin vor, und gab sich dabei noch einmal gewohnt kämpferisch.

Dass bei einem Budget von sechzehn Millionen Euro bis dato kein Nachfolger gefunden werden konnte, ja, dass die Suche nach einem solchen sogar ausgesetzt wurde, da selbst die Findungskommission eine latente Unterdotierung des Hauses konstatierte, kommentierte Badora beispielsweise als „eine verquere Form der Anerkennung, eine indirekte Form des Komplimentes in dieser Stadt.“ Man habe von Seiten der Kulturpolitik zu wenig registiert, dass künstlerische Wagnisse Zeit brauchen, um in ihrer Qualität von einem Publikum erkannt zu werden, so Badora, die darauf Claus Peymann zitierte: „Ein ständig in die Krise geschriebenes Theater ist nicht sexy.“

Das Thema Auslastung wusste die Hausherrin, der kaufmännische Direktor Cay Stefan Urbanek hatte diesmal erst gar nicht auf dem Podium Platz genommen, gewohnt elegant zu umschiffen. Nur soviel: Man erwarte sich keine Wunder, und: Es gelte abzuwägen, wie man Erfolg definiert. Laut einer Gemeinderats-Anfragebeantwortung lag im Jahr 2018 die Besucherauslastung im Haupthaus mit 52,4 Prozent ebenso wie in den Bezirken mit 47,7 Prozent weit unter den Planzahlen. Dabei kommt wegen der geplanten Generalsanierung ab dem Jänner 2020 eine neue Kraftanstrengung aufs Volkstheater zu.

Man übersiedelt in dieser Zeit in die MuseumsQuartier-Halle E. Für die dortige Zuschauertribüne „streben wir eine Größe von 800 Plätzen an“, so Badora. Offen ist allerdings, wie viele Produktionen, die zuvor noch im Haupthaus Premiere haben werden, dort gezeigt werden können. Mit dem Einzug der Wiener Festwochen in die Halle E im April des kommenden Jahres will das Volkstheater seine Aktivitäten im Volx/Margareten ausdehnen. Auf Nachfrage warnte Badora eindringlich davor, das Volkstheater länger als unbedingt notwendig zu schließen. Der derzeitige Plan sehe die Übernahme durch die neue Direktion für Anfang Oktober 2020 vor, dabei gebe es „sechs Wochen Reserve“ sowie „Abwurfpakete, falls sich etwas als zu teuer erweist“. Das Haus ein Jahr ohne Ersatzspielstätte zu schließen, wie verschiedentlich angedacht wurde, wäre, so Badora, „absurd“ und „der Anfang vom Ende“: Damit beweise man lediglich, „dass das Theater völlig entbehrlich ist“.

Ihren Weg klarer politischer Standpunktsetzungen, der Förderung von im Besonderen Regisseurinnen, der Erschließung neuer Zuschauerkreise und der konsequenten Jugendarbeit will Anna Badora fortsetzen: „Das Volkstheater wird sich weiter einmischen.“  Dazu eröffnet sie die Spielzeit am 11. September mit ihrer Inszenierung von Heimito von Doderers Die Merowinger oder Die totale Familie in einer Bearbeitung von Franzobel (Rezension von dessen aktuellem Roman „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483). Bis zum Start der Generalsanierung kehren bekannte Regiekräfte auf die Hauptbühne des Volkstheaters zurück:

Robert Gerloff mit Der gute Mensch von Sezuan, der erste Brecht unter Badora, die sich an dieser Stelle das Bonmot „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen“ nicht verkneifen kann, Christina Rast mit Wer hat meinen Vater umgebracht von Édouard Louis in Verbindung mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“, und Viktor Bodó mit Peer Gynt. In der Halle E beleuchten Alexander Charim mit dem Gangster-Epos Schwere Knochen von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) die Unterwelt Wiens und Regisseurin Christine Eder in ihrer Stückentwicklung Schuld & Söhne (AT) den Kampf der Geschlechter. Eva Jantschitsch ist beim satirischen Musiktheater wieder mit dabei.

Roland Koberg, Heike Müller-Merten, Anna Badora und Constance Cauers. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

150 Seiten: Ein volles Programm für die Spielzeit 2019/20 Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

An körperliche Grenzen gehen die Protagonisten im Tanzmarathondrama Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss in der Regie von Miloš Lolić, der in seiner fünften Arbeit am Haus auch die ungewisse Zukunft des Hauses ansprechen will, und in den Uraufführungen im Volx/Margareten: Armin Petras beschäftigt sich in Körper-Krieg, nach den von Ines Geipel im Sachbuch „Verlorene Spiele“ aufgezeichneten Fallbeispielen misshandelter minderjähriger Sportlerinnen, mit der zerstörerischen Kraft des Dopings, die Ausnahme-Choreografin und Performerin Florentina Holzinger begibt sich mit Wir Hungerkünstler/innen (AT) auf die Spuren einer lebensgefährlichen, oft betrügerischen Attraktion des frühen 20. Jahrhunderts in den Wiener Caféhäusern. Ein weiteres Phänomen dieser Zeit beleuchtet Nestroypreisträgerin Sara Ostertag in Haummas net sche?, und nimmt das Publikum anhand der Texte von Christine Nöstlinger mit auf eine Reise durch die Geschichte des Wiener Gemeindebaus.

Felix Hafner inszeniert Franz Kafkas In der Strafkolonie als Fanal „gegen die von der Politik geforderte Verschärfung der Justiz“, Bérénice Hebenstreit den Goethe-Jelinek’schen Urfaust / FaustIn and out. Zusätzlich finden ab Jänner die beliebten Formate Trojanow trifft. und Volkstheatergespräche mit Corinna Milborn sowie das Late-Night-Format Nachtvolx des Ensembles nach der sanierungsbedingten Schließung des Haupthauses ebenfalls im Volx/Margareten statt. Badora: „Bühnenbildner Ivan Bazak wird für das Volx ein neues Raumkonzept entwickeln, so dass dort ein Zentrum für Wiener ,Nachtschattengewächse‘ entstehen kann.“ Als erweitertes Programm verspricht sie Diskussionen bis Tanzperformances, „Sonntagsreden“ und einen sinnsuchenden „Utopien-Stammtisch“ für Städtebewohner.

Der Spielplan der Bezirke-Tournee – die in ihr 65. Jahr und ins 15. unter der Leitung von Doris Weiner geht – ist von Komödie bis Melodram breit gefächert: Zu sehen sind Die Reißleine von David Lindsay-Abaire mit Doris Weiner und Erika Mottl, die den erbitterten Kampf zweier Frauen um den Platz an der Sonne, heißt im Seniorenheim: um das Bett am Fenster austragen, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran mit Michael Abendroth, Weh dem, der lügt! und Warten auf Godot wie immer in 19 Spielstätten entlang der Route durch 15 Wiener Gemeindebezirke.

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8. 5. 2019

Volkstheater: Endstation Sehnsucht

März 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blanches Albtraum in Bonbonfarben

In den Elysischen Gefilden herrscht eine Bande von Raubtieren: Nils Hohenhövel, Alaedin Gamian, Katharina Klar, Birgit Stöger, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Vorstellung beginnt im Arthouse-Casino. Blanche, überlebensgroß auf den Eisernen Vorhang projiziert, mit einer Runde Männer am Spieltisch, gewinnt – und bekommt doch nur einen Jeton ausgehändigt. 632 steht darauf. Das ist die Hausnummer von ihrer Schwester Stella und deren Ehemann Stanley. Schon irrt sie auf der Suche nach der Adresse in den „Elysischen Gefilden“ nahe der Straßenbahn-Endstelle „Sehnsucht“ durch die Katakomben des Theaters.

Vorbei an Fluchtplan und Erste-Hilfe-Kasten, hinein in den Zuschauerraum. Auftritt Steffi Krautz als Blanche DuBois. Nomen est omen. Weißer Hosenanzug, weißer Schirm, bodenlang weißes Insektenschutznetz, als wüsste die von Tennessee Williams bereits in seiner ersten Anmerkung als Motte bezeichnete Figur, dass sie sich in dieser Inszenierung noch in sich selber fangen wird. Und während die Krautz mittels des Autors Regieanweisungen ein schäbiges New-Orleans-Viertel herbeiredet, wird der Blick auf die Bühne frei – eine Herrenhaustreppe, gesäumt von Plastikblumen, englische Wallpaper, Stuckaturen, Kristallluster, als wär’s eine hinterfotzige Parodie auf den verlorenen Familiensitz Belle Rêve. Blanche ist in ihrem Albtraum angekommen. Der Horror hat Bonbonfarbe.

Dass Regisseurin Pınar Karabuluts Interpretation von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ am Volkstheater weite Teile des Publikums ratlos zurückließ, ist verständlich. Auf das von ihr gemeinsam mit Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlović und Kostümverantwortlicher Johanna Stenzel erdachte Konzept muss man sich einlassen wollen. Steckt doch im Wort Konzept sowohl die Klasse als auch die Krux dieser Aufführung. Auf der Habenseite steht, dass Karabulut das Südstaatendrama durch Verweigerung des obligaten Eiskasten-Küchentisch-Ambientes und unter Vermeidung eines zu zerreißenden Feinrippunterhemds von jeder ikonischen Vorbelastung befreit hat. Nichts atmet noch schwitziges Arbeitermilieu vs versnobten Landadel, hier tragen Mann wie Frau kreischbunte Perücken und schrill gemusterte Outfits – The Big Easy reloaded.

Animalische Anziehung zwischen Stella und Stanley: Katharina Klar und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aufeinanderprallen zweier Provokateure: Jan Thümer und Steffi Krautz als Blanche. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gekonnt dröselt Karabulut derart Rollen und deren Klischees auf. So ist, Blanche überrascht Katharina Klars Stella bei einer Art Martial-Arts-Training, der Schmerzensruf, der durch den Raum tönt auch nicht einer nach ihr, sondern nach „Stanley!“. Später wird die Pokerrunde Stanley, Mitch, Steve und Pablo – Jan Thümer, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier und Alaedin Gamian in High Heels – ihren Herrenabend mit einer megametrosexuellen Voguing-Choreografie beginnen. Mit ihrem Bilderbogen gelingen Karabulut von Platzregen über Dunstschwaden bis Feuersbrunst effektvolle Momente. Geschickt weist sie durch die Polarität von Gesprochenem und zu Sehendem auf Blanches bipolare Störung hin. Wenn die in diesem Setting empört von „solchen Verhältnissen“ spricht, ist doppelt klar, dass sich für sie die Realität längst ins Irreale verschoben hat.

Diesen Sack macht Karabulut auch konsequent zu. So sieht Blanche nicht nur ihre in den Selbstmord gegangene Jugendliebe Allan in Merlin Miglincis Zeitungsausträger, sondern auch Stanley, in gruselgrünes Licht getaucht, echsengleich auf sie zukriechen. Eine schöne Illustration dafür, dass der Lizard King seine Opfergabe von Anfang an im Visier hat. Allein, skurril, satirisch, surreal, ist nicht alles. Kann nicht alles sein. Woran Karabuluts Inszenierung intensiv krankt, ist Charakterzeichnung. Obwohl so farbenprächtig angetan, bleiben die Figuren blass, kommen erste Kräfte des Volkstheaters auf seltsame Weise nicht zum Spielen.

Katharina Klar bleibt zwischen Brüllen und Geil-Sein stecken, Jan Thümer im geckenhaften Herumstelzen. Selbst ein Günter Franzmeier wird vom Regiekonzept erschlagen. Nils Hohenhövel schafft als melancholischer Mitch wenigstens ein, zwei sensible Szenen. Bleibt Steffi Krautz als Blanche – und die führt ihre Rolle, als wär‘ sie die Antithese des von Tennessee Williams vorgesehenen „Eindruck des Zerbrechlichen und Flüchtigen“. Ihre Störenfriedin ist ein Cougar, krankheitsbedingt zwischen Aggression, Angespanntheit und Apathie changierend. Die Krautz kann’s. Flirten und sehnsüchteln und verführen, mädchen- und divenhaft sein, dann wieder hart und herrisch. Dass sie gegen Stanley die Hüften ebenso wie den Baseballschläger schwingt, und er sie statt Vergewaltigung zur Messer-Fellatio zwingt, wirkt vollkommen stimmig. Auch, dass sie sich am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä herbeifantasiert.

Blanche mit toter Jugendliebe Allan und neuem Verehrer Mitch: Nils Hohenhövel, Merlin Miglinci und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Blanche am Ende als Unbeflecktes Herz Mariä: Steffi Krautz, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Unterm Strich bleibt also ein Tennessee Williams, den Pinar Karabulut im Wortsinn entmottet, heißt: von überkommenen Theatertraditionen entlüftet, hat. Das zu sehen macht schon Spaß, nur wär’s mit mehr Interesse für Schauspielkunst nebst all dem Programmatischen perfekt gewesen.

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  1. 3. 2019

Volkstheater: Rojava

März 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wille steht fürs Auftragswerk

Muss er schießen, fällt Michael in Ohnmacht: Mona Matbou Riahi, Isabella Knöll, Rina Kaçinari, Peter Fasching, Golnar Shahyar und Maria Petrova. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein politisches Manifest macht nicht unbedingt den besten Theaterabend; wie immer ehrlich und ehrenwert die Angelegenheit auch gemeint sein mag, sie kann durchaus ins Auge gehen. So geschehen nun am Volkstheater bei der Uraufführung von „Rojava“, einem, man muss es tatsächlich sagen, nur mittelmäßigen Text von Autor Ibrahim Amir, zu dem Regisseur Sandy Lopičić offenbar keinen rechten Zugang gefunden hat.

Wiewohl das von Volkstheater-Direktorin Anna Badora beauftragte Stück auf eine schwarze Märchenpädagogik setzt, ist das Märchenhafteste am Ganzen die Musik, die Lopičić gemeinsam mit Golnar Shahyar und Imre Lichtenberger Bozoki erdacht hat, und nun von einem Mini-Orkestar live performen lässt. Die Damen Golnar Shahyar, Rina Kaçinari, Mona Matbou Riahi und Maria Petrova (selbstverständlich auch Imre Lichtenberger Bozoki) sind denn auch Teil seiner Inszenierung, als Soldatinnen jener Frauenverteidigungseinheiten, die entscheidend zum Gelingen der gesellschaftlichen Revolution in Rojava beitragen wollen. Heißt: in der Demokratischen Föderation Nordsyrien, einem de facto autonomen Gebiet entlang der türkischen Grenze.

Bewohnt von Kurden, Turkmenen, Arabern und Assyrern-Aramäern, die sich die Gleichberechtigung von Frauen, Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe auf die Fahnen geheftet, mit ihrem Verständnis von Menschenrechten laut Human Rights Watch allerdings noch zu kämpfen haben. Dass die Türkei die Existenz Rojavas ablehnt und im Jänner 2018 den Kanton Afrin militärisch eroberte, hat die Situation extrem verschlimmert; sollten sich die USA realiter aus Syrien zurückziehen, wird sie in dieser Politutopie, eingekeilt zwischen Erdoğan-Land, IS und Assad-Regime, noch prekärer werden. Amirs Eltern, er selber seit 2002 in Österreich, leben nach wie vor in Afrin. Im Programmheft-Interview spricht er über die antikurdischen Maßnahmen der Besatzungsmacht Türkei, die Sorge um Vater und Mutter und sein persönliches Dilemma nicht vor Ort aktiv zu sein. Soweit der selbsttherapeutische Background.

In Wien – Michaels Mutter Ursula stellt Flüchtling Alan zur Rede: Luka Vlatković und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In Rojava – Der blinde Kaua zeigt, wie die Kurden im Glück und im Unglück tanzen: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die Amir in seinem Stück erzählt, ist die zweier Männer. Der Wiener Michael, und nicht zufällig wurde wohl der Name des Satanbezwingers gewählt, bricht auf nach Rojava, um sich der Befreiungsbewegung anzuschließen. Kaum angekommen, lernt er den Kurden Alan kennen, der nichts als weg will aus dem Krieg. Schon steht der europäische Idealist gegen den illusionsbefreiten Einheimischen, den keine Ideologie mehr halten kann. Alan gelingt es, Michael dessen Reisepass abzuschwatzen – und so macht sich der auf nach Wien.

Im stimmigen Setting von Ausstatterin Vibeke Andersen, durchs Drehen der Bühne zugleich Kriegsschauplatz, Märtyrergedenkstätte und Wiener Wohnung, und unter Verwendung der eindrücklichen Comicbilder von Zerocalcare aus dessen Graphic Novel „Kobane Calling“, versucht Lopičić sein Wiener Regiedebüt zu stemmen. Allein, Amirs Vorlage leidet nicht nur an einem beinahe lachhaften Pathos, ausgerechnet er, der sonst seine Stücke so gekonnt mit bitterbösem Witz durchsetzt, hat diesmal ganz aufs Scharfzüngige verzichtet, sondern auch an mangelnder Charakterzeichnung. Fast sämtliche Figuren sind ihm flach geraten, kaum ein Beweggrund noch eine Begegnung wird näher beleuchtet, doch scheint das Thema zu wichtig, um nur, wie’s hier geschieht, im schnellen Szenenwechsel hurtig drüberzufahren. Amir will viel. Will über Missverständnisse und Mentalitäten philosophieren, über die seelischen Konflikte der aus dem Krieg Weg- und der nie Hingegangenen, will darüber berichten, wie Sympathien in falschen Vorstellungen fußen, will mitten in der Schlacht über die Liebe, eine davon sogar eine lesbische, sinnieren – und darüber, wofür es sich zu sterben lohnt.

In Summe erinnert das alles ein wenig an „Wem die Stunde schlägt“, nicht der spröd-elegante Hemingway, sondern die sentimentalisierte Version von Melodram-Mann Sam Wood. Die Darsteller mühen sich an ihren Rollen mit unterschiedlicher Fortune. Am nachvollziehbarsten gestaltet Sebastian Pass Alans Cousin, den blinden Kaua, ein geistreicher Zyniker, der es sich zum Sport gemacht hat, die diversen abgefeuerten Schusswaffen an ihrem Sound zu erkennen. Peter Fasching spielt den Revolutionsromantiker Michael, der sich an der Front als völlig untauglich erweist, fällt er doch schon bei den Schießübungen in Ohnmacht. Dass er im Tarnüberzug auf dem Rücken statt eines Maschinengewehrs seine Gitarre trägt, ist ein gelungener Einfall dazu.

Michael zwischen zwei Frauen: Peter Fasching mit Golnar Shahyar als Wienerin Derya … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Freiheitskämpferin Hevin: Isabella Knöll und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatković bleibt als Alan blass, was daran liegen mag, dass er kaum zu Wort kommt, dafür ständig von den anderen abgekanzelt wird. Erst in Rojava von Michael, der ihm bescheinigt, in Europa als Dritter-Klasse-Mensch behandelt zu werden, dies die stärkste Szene im Stück, später von Michaels Mutter, Claudia Sabitzer als Ursula (und auch als militärische Befehlshaberin Fidan), die ihm Feigheit vor dem Feind vorwirft, während ihr Sohn womöglich gerade sein Leben für Alans Sache opfert. Dessen Argument, es sei seine Sache nicht, im Kugelhagel zu krepieren, folgt sie natürlich nicht …

Isabella Kröll sucht als martialische Kommandantin Hevin das Mädchen in sich, das sich Michael hingeben könnte, muss ihn aber zurückstoßen, um den Schutz der emanzipatorischen Truppe nicht zu verlieren. Dass Märchen nicht gut ausgehen müssen, erlebt nach zwei Stunden zwanzig nur ein Teil des ursprünglichen Publikums, haben doch in der Pause nicht wenige Zuschauer den Heimweg angetreten. Was die Frage aufwirft, wie sehr Amirs „Rojava“ in Zeiten, da Europa ganz gegenteilig die Rückkehr abgehalfterter IS-Kämpferinnen und -Kämpfer hiesiger Staatsbürgerschaften ablehnend diskutiert,

und sich in Österreich im Fall Samra und Sabina offenbar gerade Außenamt gegen Innenministerium stellt, einen Nerv treffen kann. Soll als letzter Satz über Amirs Stückkonstruktion hier wie folgt stehen: Der gute Wille steht fürs Auftragswerk.

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1. 3. 2019