Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

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  1. 10. 2017

Volkstheater: Wien ohne Wiener

Oktober 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimatlieder eines Heimatlosen

„Der Tod muss ein Wiener sein“: Gábor Biedermann, Claudia Sabitzer, Isabella Knöll, Stefan Suske und Günter Franzmeier mit Puppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Lachen bleibt einem nicht im Hals stecken, nein, viel mehr: es dreht einem denselben um. Der Tod muss ein Wiener sein, in diesem Fall ein Wienerlied, weil mörderischer als Georg Kreisler kann man mit einer gewesenen und nie wieder wirklich gewordenen Heimat nicht abrechnen.

So zu hören im Volkstheater, wo Nikolaus Habjan unterstützt von der Musicbanda Franui und einem exzellenten fünfköpfigen Ensemble eine fabelhafte Hommage an den Meister des gallbitteren Humors zur Uraufführung brachte. Dem Premierenpublikum präsentierte sich Habjan auch auf der Bühne; der Regisseur und Puppenbauer übernahm den Part des erkrankten Christoph Rothenbuchner – und bewies sich einmal mehr als großartiger Schauspieler, Kavalierbariton und selbstverständlich Kunstpfeifer. Das Team, das der Tausendsassa um sich versammelt hat, ist mit Claudia Sabitzer, Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Stefan Suske und – Neuzugang am Haus – Isabella Knöll nicht nur handverlesen, sondern zu Teilen auch handgenäht.

Denn natürlich bevölkert Habjan das grausliche Kreisler-Universum mit seinen grotesken Klappmaulpuppen. Da darf weder die desillusionierte Chansonette noch das einäugige Elschen fehlen, da haben kriecherische Staatsbeamte, verzweifelte Triangelspieler und original Wiener Grantscherm ihren Auftritt. Und der Sensenmann. Logisch. Einer muss ja die Goldenen Herzerln am Schlagen hindern und die Wiener in die ewige Walzerseligkeit befördern. Oder so. Genau weiß man’s nicht, was Kreisler, Überlebender, Weltdurchschauer, Einzelgänger, und vor allem dies: ein Anarchist, mit seinen Zeitgenossen vorhatte. Von wegen: Vom End‘ an geht’s bergab …

„Die Geflügelzucht“: Stefan Suske und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Isabella Knöll interpretiert das messerscharfe „Ich kann tanzen“ – mit Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

1938, mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, musste Kreisler in die USA emigrieren. Er nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, arbeitete in New York als Nachtclubmusiker, später in Hollywood, und kehrte 1955 nach Österreich zurück. Dagegen aber, Österreicher zu sein, hat er sich seither verwehrt,denn im Jahre 1945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland ,geflüchtet wurde‘, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück.“

Für Kreisler muss man den Begriff Evergreen neu formulieren als Everblack, in der Marietta-Bar sang er seine „Nichtarischen Arien“, die Heimatlieder eines Heimatlosen, seine höllisch gemütlichen Hassliebeserklärungen an die Stadt und ihre Bürger. Seine Sehnsucht darüber, wie schön „Wien ohne Wiener“ wäre, ist nicht nur titelgebend für die Inszenierung am Volkstheater, sondern auch eingangs zu hören. Der von Habjan gestaltete Liederabend ist eine schräge, schrille Revue, zu 100 Prozent Kreisler, seine Texte auch zwischen den Chansons platziert – und die Musik von Franui unter der Leitung von Andreas Schett exakt passend. Wie schon Kreisler selbst zitiert und interpretiert man, mal klingt’s wie geschrammelt, mal beinah kurt-weill’isch, volkslied- oder operettenhaft mit Harfe, Zither und Hackbrett, mal geht’s im Tangorhythmus, mal im Dreivierteltakt –  und wenn ein Ton ganz besonders daneben fährt, dann darf man annehmen, dass der Kreisler seine Freud‘ daran gehabt hätte.

In paillettenschillernden Conferencierfracks treten die Darsteller auf, die Attitüde: gefeanzt, das heißt vordergründig freundlich, aber tatsächlich das Gegenüber sarkastisch verspotten. Einem schmierigen Fremden-an-der-Nase-Führer fällt Habjan ins Wort: „Der Stephansdom ist nicht das Wahrzeichen von Wien, sondern seine Diagnose.“ Stefan Suske hat große Chansonier-Momente mit „Bidla Buh“ als Frauenmörder und mit „Der Witz“. Günter Franzmeier tritt auf mit verwegen mephistophelischer Haar- und Barttracht. Zu zweit bewegt man die Puppen, spricht ihre Figuren, macht aber auch den Erzähler. Franzmeiers Geflügelzüchter scheitert an Suskes Beamtenschädel, reüssiert aber in der Frage „Was tut man um zu sein“.

„Bidla Buh“: Stefan Suske ist ein grandioser Frauenmörder. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer als desillusionierte Chansonette mit Puppen-Alter-Ego: „Zu leise für mich“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Frühlingslied vom „Taubenvergiften“ im Park darf nicht fehlen, Claudia Sabitzer als überlebensgroßer rachsüchtiger Vogel, der genau so zum Giftopfer wird wie die böswilligen Ausstreuer. Nikolaus Habjan böhmakelt sich durch den „Bluntschli“. Gábor Biedermann entführt seine Liebste auf eine Kopfreise in die Karibik, weil „Zu Hause ist der Tod“, und will als Ober seine Gäste mit Handgranaten beseitigen: „Dann geht’s mir gut“. Gewaltfantasien in Zeilen wieIch muss ja nicht der erste sein – Ich bleib‘ gern in der Masse! Doch werd‘ ich nicht der letzte sein – Ich weiß ja, wie ich hasse!“ klingen wieder oder immer noch erschreckend aktuell.

Die Attentätersehnsüchte des „kleinen Mannes“ im Anti-Demokratie-Song. Beim „Begräbnis der Freiheit“ hebt sich einem schon der Magen, mehr noch bei der Hexenjagd auf eine Unerwünschte, die mit Fußtritt ins Jenseits befördert wird, und wer glaubt, die Puppe, die das „Kapitalistenlied“ zum besten gibt, hätte Ähnlichkeit, mit einem, der sich am Sonntag zur Wahl stellt … tjahaha … Das „Lied für den Kärntner Männerchor“ gibt’s obendrauf. „Wien ohne Wiener“ ist ein hinreißend gerissener Abend über eine gute, alte Zeit, die schon wieder so schlecht ist, wie sie’s immer war.

Er ist ein langsam abgekletzeltes Pflaster auf der Heimatnarbe aller Blut- und Bodenlosen. Ist die Aufforderung „Niemals Vergessen – zu singen“. Habjan und seine Truppe glänzen vom ersten bis zum letzten Takt, sie geben den Puppen, aber auch sich selber Raum. Isabella Knöll singt (das persönliche Lieblings-)Lied „Ich kann tanzen“, Günter Franzmeier legt sich zum Schluss aufs „Totenbett“: „I kenn kan Strauß, kan Lipizzaner und kan ‚Knabenchor. Weil i mein Lebtog mit der Oabeit zu beschäftigt wor. I find kan Mozart und kan Haydn und kan Schubert schön – I hab a aanzigs Moi den Hitler g’sehn …“

Was man darauf noch sagen kann? Ah ja! „Haallo!“

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  1. 10. 2017

Neu am Volkstheater: Sebastian Pass im Gespräch

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Endlich wieder Extrawurstsemmel mit Gurkerl

Seit dieser Spielzeit neues Ensemblemitglied am Volkstheater: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als er vor zwei Spielzeiten als Diener Johann in Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ das Volkstheater rockte, dachte sich Direktorin Anna Badora wohl: Den will ich haben. Und so kommt’s, dass Sebastian Pass (www.volkstheater.at/person/sebastian-pass-2/) mit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Haus ist. Mit seinem Odysseus in „Iphigenie in Aulis / Occident Express legte er gleich die nächste schauspielerische Glanzleistung hin, nun beginnen für ihn die Proben zu Orwells „1984“. Sebastian Pass im Gespräch über Hausbrandt, Kalksburg und sein Dasein als Hedonist:

MM: Sie waren 2015/16 als Gast in  „Zu ebener Erde und erster Stock“. Was hat sich dazu bewogen fixes Ensemblemitglied zu werden – noch dazu nach einer Inszenierung, die von der Kritik gar gebeutelt wurde? Denkt man sich da: Jetzt bleib‘ ich justament?

Sebastian Pass: Natürlich! Nein, schlicht und einfach: Anna Badora hat mich gefragt und da musste ich gar nicht lange nachdenken, denn in Wien am Volkstheater zu spielen, ist einfach was Großes. Das war das erste Mal, dass ich ein Engagement mit einem großen Ja im Herzen angenommen habe.

MM: Was sind denn die Vorzüge des Volkstheaters?

Pass: Erstens: Ich bin in Wien. Zweitens: Das Volkstheater ist ein irrsinnig schöner Raum, es ist ein Hammer, auf der Bühne zu stehen und ins Publikum zu schauen. Die Kollegen sind großartig, …

MM: Sie passen aber auch dazu, wie die Faust aufs Aug‘.

Pass: … ich wurde mit offenen Armen und herzlichst aufgenommen. Ich spiele ja derzeit in „Iphigenie in Aulis / Occident Express“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25881), und das ist eine wunderschöne Ensemblearbeit. Jetzt freue ich mich schon auf das nächste Stück, und darauf, die nächsten Kollegen kennenzulernen.

MM: Sie spielen im ersten Teil des Abends, in der „Iphigenie“, den Odysseus. Mit nacktem Oberkörper und Mut zum Bauch. Der lässt in der doppelten Bedeutung des Wortes „die Muskeln spielen“.

Pass: Ja, Odysseus ist ein bissl angefressen, dass er da in Aulis festsitzt, und das hat sich bei mir in der Probenarbeit in eine Überheblichkeit und Eitelkeit verwandelt. Und was den Bauch betrifft: Ich muss mich ja nicht anschauen. (Er lacht.) Ich hab’s eigentlich nicht so mit dem Nacktsein, mein bestes Stück zeige ich nicht gerne her, aber den Bauch, das geht schon.

MM: Obwohl es in „Occident Expresseine sehr dezent gehaltene Nacktszene gibt.

Pass: Das ist auch richtig so, denn es geht nicht um Nacktheit, sondern darum, die Verletzlichkeit dieser Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten zu zeigen, ihr Ausgestelltsein, und dass diese Menschen alles verloren haben, dass sie sozusagen nur die nackte Haut retten konnten.

MM: Ist Odysseus Ihnen nahe?

Pass: Teils-teils. Ich bin Hedonist, ich mag gutes Essen, guten Wein, guten Kaffee. Da wo er den Schnösel raushängen lässt, kommen wir nicht zusammen, aber ich verstehe seine Verbitterung, seinen Zorn darüber, dass er gezwungen ist, diesen Krieg mitzumachen.

MM: Und über die Ilias befragt: Wer ist in Homers Schriften ihr Held?

Pass: Sie werden lachen, ich habe am Gymnasium sogar Altgriechisch gehabt, und musste die Ilias zum Teil übersetzen. Ich wollte eigentlich Medizin studieren, deshalb hatte ich mich für Altgriechisch entschieden, mein Professor war allerdings von meinen Übersetzungen nicht sehr angetan … Mein Held? Ich weiß es nicht. Als Altgrieche kann ich mich da schwer entscheiden …

MM: Bevor Sie ans Volkstheater gekommen sind, waren Sie ein Jahr am Staatsschauspiel Dresden. Die Dresdner gegen auf die Wiener ja ab wie Schmidts Katze. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Pass: Tatsächlich, die stehen auf den Wiener Schmäh. Ich wurde ständig aufgefordert, „was Wienerisches“ zu sagen. Ich fand Dresden eine wunderschöne Stadt. Ich habe in der Neustadt gewohnt, das ist wie eine Mischung aus Wien und Berlin: die Überschaubarkeit von Wien und in der Neustadt das Abgefuckte von Berlin. Was mich fasziniert hat: Dass die Leute einem auf der Straße noch in die Augen und nicht aufs Handydisplay schauen. Dort läuft kaum jemand mit dem Handy herum. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, am Elbufer ist die Lebensqualität sehr hoch, leider habe ich es nicht bis in die Sächsische Schweiz geschafft.

Als Odysseus mit Anja Herden in „Iphigenie in Aulis“ … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und in „Occident Express“ (vorne) mit Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden, Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Aber als Kaffeekenner und -liebhaber?

Pass: Ich habe mir meine Mischung, den Hausbrandt, aus Wien mitgenommen. Es stimmt aber auch nicht mehr, dass man in Deutschland keinen Kaffee trinken kann. In Dresden gibt es ein paar gute Kaffeehäuser.

MM: Und was genießen Sie zurück in Wien?

Pass: In einer schönen Stadt zu sein und die Familie – und ich habe eine große mit meiner Mutter, einer Schwester, unzähligen Cousins, Cousinen, Nichten und Freunden – um mich zu haben. Ich bin Wiener, ich bin hier geboren, und es war immer das Ziel hierher zurück- zukommen. Ob mir das gelungen ist, weiß ich noch nicht, denn ich habe einmal einen Vertrag für zwei Jahre unterschrieben. Ich bin aber jetzt 40, und da wird’s dann einmal Zeit, sesshaft zu werden. Eines, was ich beispielsweise genieße, ist in ein Geschäft zu gehen, und ein Extrawurstsemmerl mit Gurkerl zu bestellen. Das kriegt man in Deutschland nicht.

MM: Wie sind Sie den aufgewachsen – Arbeiter- oder Nobelbezirk?

Pass: Sechster Bezirk, Ecke Kettenbrückengasse/Naschmarkt, zwischen desolat und bobo. Dann aber im 15. gelebt, und jetzt wohne ich wieder im 6.

MM: Warum Schauspieler? Von Altgriechisch und der Idee, Arzt zu werden, ein weiter Weg.

Pass: Meine Mutter behauptet immer, ich hätte irgendwann gesagt, dass ich Schauspieler werden will. Ich behaupte, das war nicht so. Ich war in der Rahlgasse bis zur dritten Klasse Gymnasium, dann meinte meine Mutter ich brauche etwas Strengeres, und hat mich ins Kollegium Kalksburg geschickt. Und dort hat es eine Theatergruppe gegeben. Da bin ich eingestiegen, und es hat Spaß gemacht. Ich habe mich dann nicht für Medizin, sondern für Jus eingeschrieben, aber gleichzeitig die Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar gemacht. Ich bin hin – und hatte keine Ahnung. Ich habe meinen Deutschprofessor gefragt, was ich vortragen soll, und der gab mir unter anderem Thomas Bernhards „Theatermacher“. Mit meinen 19 Jahren habe ich also einen 65-Jährigen gespielt, und mich gewundert, warum ein Regiestudent vorbeikam und sagte: Sehr mutig, sehr mutig!

MM: Und?

Pass: Ich bin ins Finale gekommen, war aber mit der Atmosphäre am Reinhardt-Seminar überfordert, habe aber dort erfahren, dass es das Konservatorium gibt – und so wurde ich ein Elfriede-Ott-Schüler. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt, und habe mich langsam in die Wiener Theaterszene hineingearbeitet. Wenn man das Konservatorium unter der Ott absolviert hat, hat man wahnsinnig viel gelernt, ist aber immer noch ein Mensch. Und es ist einem nichts mehr peinlich. Und das sind zwei Dinge, die ich für diesen Beruf sehr wichtig finde: Man muss seine Schamgrenzen zwar runter setzen, aber dabei ein Mensch bleiben. Das ist ein irrsinnig sympathischer Gedanke.

MM: Damit ist meine nächste Frage, was macht Sie als Schauspieler aus, beantwortet. Ihnen ist nichts mehr peinlich.

Pass: Natürlich habe ich eine Peinlichkeitsgrenze, und als junger Schauspieler musste ich oft über meine Schmerzgrenze gehen, aber ich laufe mittlerweile innerlich rot an. Außen ist die Maske drüber, und gut ist’s. Was mich als Schauspieler ausmacht, ist vermutlich, dass mir mein Beruf wirklich Spaß macht. Ich mag es, mit Leuten zu arbeiten, und ich mag über meine Grenzen geführt werden. Ich habe einen sehr aufregenden Beruf, aber auch einen anstrengenden, weil man pausenlos kritisiert wird, nicht nur von Zeitungskritikern, auch von Regisseuren und Kollegen während der Proben.

MM: Diese Nach-der-Probe-Kritiken und -Selbstkritiken haben ja mitunter etwas vom diesbezüglichen maoistischen Ritual?

Pass: Jajaja, man ist permanent mit seinem Spiegelbild konfrontiert. Das muss man aushalten. Aber, wie gesagt, ich mag meinen Beruf. Ich mag Geschichten, ich mag träumen, ich mag Fantasie, und das Kindliche, das man in der Pubertät unbedingt verlieren wollte, um erwachsen zu sein, und das man sich als Schauspieler wieder aneignen und ausleben darf. Das ist ein großes Geschenk, dass man das machen darf.

MM: Schauen Sie sich an, was an anderen Wiener Bühnen läuft?

Pass: Ja! Wenn ich spielfrei habe, auf jeden Fall: Burg, TAG und auch die freie Szene, die ja in Wien zu Glück über weite Strecken noch bestehen kann.

MM: Auf der Webseite des Volkstheaters gibt es einen kurzen Film mit Ihnen. Da kommt die Rede aufs Lampenfieber, und sie nennen als Ihr Heilmittel Cola und Bananen. Heilt man damit nicht Durchfall?

Pass: Stimmt eigentlich. Meine Verdauung ist aber relativ gut. Es ist so, dass ich aus Nervosität nichts essen kann, und da sind die Bananen gut, weil sie Energie geben, aber nicht im Magen liegen. Ich bin dann beruhigt, weil ich mir sage, ich habe etwas gegessen und werde auf der Bühne nicht umfallen. Und Cola ist einfach Koffein und Kohlensäure. Soletti nehm‘ ich eh keine dazu … Ich habe also keinen Durchfall, manchmal aber geistige Verstopfung. Das Peinlichste, das mir je passiert ist, war, als ich in Coburg den „Urfaust“ gespielt habe. Ich fang‘ an mit: Habe nun, ach! Und mir ist nicht mehr eingefallen, was ich studiert habe. Zum Glück gibt’s die Souffleusen und Souffleure!

MM: Ihre nächste Premiere wird George Orwells „1984“ am 17. November. Das haben wir alle in der Schule gelesen. Wie ist nun die Wiederbeschäftigung mit dem Stoff?

Pass: Ich nicht! Wir haben in der Schule „Animal Farm“ gelesen, ich beschäftige mich also zum ersten Mal mit „1984“. Ich habe mit dem Buch angefangen, ich bin grad mittendrin, hab‘ mir aber jetzt einmal den Film mit Richard Burton und John Hurt angeschaut.

MM: Welche Rolle werden Sie spielen?

Pass: Das weiß ich noch nicht.

Als Diener Johann (oben) in „Zu ebener Erde und erster Stock“. Mit Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: In diesen Tagen, da alles immer restriktiver wird, „1984“ zu spielen, ist eine Zeit-Ansage.

Pass: Zweifellos, der ganze Spielplan von Anna Badora ist es. Ich finde es wichtig, dass Theater zeitpolitisch ist. Ich glaube fest, dass Theater etwas bewirken kann. Als ich 25 war, ist mein Vater gestorben. Meine Schwester ist in einem medizinischen Beruf, und hat sich sehr gekümmert. Ich war damals in Linz und kam mir so nutzlos vor und sagte ihr das. Und meine Schwester sagte, das stimmt nicht, weil die Menschen bei mir im Theater abschalten können, träumen können, ich sie auf andere Gedanken bringe …

MM: Wobei ich unterstelle, dass Anna Badora will, dass wir nicht ab-, sondern einschalten.

Pass: Einschalten beim Abschalten. Heißt, das Denken von den Alltagssorgen weg zu den Weltproblemen bewegen. Theater soll zum Nachdenken anregen, andere Blickwinkel aufzeigen, neue Gedanken, Ideen, Impulse vermitteln. Und natürlich darf man sich im Theater auch aufregen, wenn es einem nicht gefallen hat. Ich finde es großartig, dass wir am Volkstheater immer wieder die Möglichkeit haben, mit Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Unlängst sagte ein Ehepaar zu mir, warum wir die „Iphigenie“ mit „Occident Express“ verknüpft haben …

MM: Ihre Antwort?

Ich sagte das Naheliegendste: Weil das eine vor dem Krieg und das andere nach dem Krieg ist. Darauf das Paar: Ah so, und wir dachten, wegen der Flüchtlinge, die über die Türkei, heißt: Troja, und Griechenland kommen, also vom selben Ausgangspunkt. Das war für mich ein wunderbarer neuer Gedanke, der mir so noch nicht gekommen war. So kann jeder in einer Aufführung etwas anderes sehen.

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  1. 10. 2017

Volkstheater/Bezirke: Das Haus am See

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Raue Schale, batzweicher Kern

Ein Bühnentraumpaar: Doris Weiner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich halte nur Ausschau nach etwas Interessantem, während ich drauf warte, dass ich wieder dran bin.“ Sagt Norman über Gespräche, die er (nicht) führt. Das ist so seine Art, die spöttisch-sarkastische, quasi seine Tarnung. Denn man weiß ja, wie’s so ist bei Männern – raue Schale, batzweicher Kern.

Das Volkstheater tourt zum Saisonauftakt mit einer super sympathischen Produktion durch die Bezirke: „Das Haus am See“ von Ernst Thompson, und wer glaubt, sich an einen Oscar-prämierten Film erinnern zu können, den einzigen den Jane und Henry Fonda jemals miteinander gedreht haben (außerdem Henry Fondas letzter), Katherine Hepburn als weiterer Star mit dabei, der liegt ganz richtig.

Fürs Volkstheater sind nun Doris Weiner, Michael Abendroth und Steffi Krautz in deren Rollen geschlüpft, Weiner und Abendroth, die schon vergangene Saison bei „Halbe Wahrheiten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) gezeigt haben, wie gut sie als Bühnenpaar harmonieren. Die Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken feiert mit dieser Premiere auch noch ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum am Haus.

Inszeniert hat Ingo Berk, der sein Ensemble mit leichter, aber bestimmter Hand durch das Stück führt. Die Pointen sitzen, das Tempo und das Timing stimmen – und gemeinsam hat man aus den Figuren fein ziseliert Charaktere geschaffen. Ethel und Norman verbringen also ihren 48. Sommer am goldenen See, die immer gleiche Urlaubsdestination mit alljährlich denselben Freizeitvergnügungen, was in Normans Fall bedeutet: angeln, angeln, angeln … Dies Jahr soll außerdem sein 80. Geburtstag gefeiert werden, weshalb sich nach acht Jahren Absenz Tochter Chelsea angekündigt hat. Ihr Verhältnis zum Vater ist nicht friktionsfrei. Doch Chelsea will ihren Eltern ihren neuen Lebenspartner Bill vorstellen. Man reist an – mit Bills Sohn Billy im Schlepptau. Und der Teenager wird Normans Welt ziemlich auf den Kopf stellen …

Tochter Chelsea kommt nach acht Jahren Absenz wieder an den See: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bald wird er zum vielgeliebten Stiefenkel avancieren: Florian Appelius mit Doris Weiner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Abend lebt vom so witzigen wie gewitzten verbalen Schlagabtausch zwischen Ethel und Norman. Sie nennt ihn „morbide“, er lacht sie aus, weil sie darauf besteht „in mittlerem Alter“ zu sein. „Du bist ein altes Muttchen“, korrigiert er sie, doch Ethel lässt sich von Normans bärbeißiger Art nicht die gute Laune nehmen. Weiner und Abendroth spielen das auf höchstem humoristischen Niveau, ihr Einander-Necken sozusagen extradry. Weiners Ethel wirkt immer so, als würde sie innerlich ein Liedchen über selektive Wahrnehmung trällern, während der Ehemann vor sich hin brummelt – natürlich hat Abendroth mit Normans unmöglichem Benehmen die meisten Lacher auf seiner Seite.

Dabei hängt über den Ferien eine dunkle Wolke: Norman verliert zunehmend sein Gedächtnis, auch hat er Herzprobleme, eine Tatsache, die selbst beim Publikum für einen kurzen Herzaussetzer sorgen wird. Abendroth zeigt sich in diesen Momenten als der große Charakterdarsteller, der er ist, wenn er etwa mit verstörtem Gesichtsausdruck vom aufgetragenen Beerensammeln zurückkommt, weil er den Weg durch den Wald nicht mehr gefunden hat.

Zu diesem Zyklus aus Vergessen-haben und Sich-wieder-erinnern-Können gehört wohl eine Wampanoag-Squaw, die die Umbauten in dem von Damian Hitz mit viel Liebe fürs Detail erdachten Bühnenbild – das Innere eines putzigen Häuschens mit Wohnbereich und Essplatz und zu erahnendem Aufgang in den ersten Stock – besorgt. Die eigentlichen Einwohner, vertrieben als aus ihrer Heimat „New England“ wurde …

Postbote Charlie macht sich immer noch Hoffnungen auf Chelsea: Doris Weiner und Dominik Warta. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Deren neuer Lover Bill übt sich als Paradeschwiegersohn: Michael Abendroth und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Abendroth stattet seinen Norman mit einer trotzig vorgeschobenen Unterlippe aus, als wolle er, da auf seine Endlichkeit zurückgeworfen, eine Verlängerung seiner Existenz fordern. Das geht freilich nicht ohne zynischen Kommentar ab, in diesem Falle lässt Norman wissen, dass er nur noch Kurzgeschichten lese, weil er sich mehr sowieso nicht merken kann und sich mehr vielleicht ohnedies nicht ausgeht. Weiners Ethel macht, was derlei Frauen in solchen Situationen tun: die eigene Angst hinunter schlucken und sich nichts anmerken lassen. Inszeniert sich Norman als Problemfall, so mimt sie seinen Puffer zur Welt.

In dieses Szenario platzt lautstark die Tochter. Steffi Krautz ist eine großartige Chelsea. Auch sie Typ raue Schale, weicher Kern. Lustig und bestens aufgelegt schlüpft sie bei der Fliegentür herein, doch ist durch Krautz‘ prägnantes Spiel die Befangenheit beim Wiedersehen beinah zum Greifen nahe. Das Tackling mit dem Vater geht denn auch sofort los, nie konnte sie seinen Ansprüchen auch nur irgend genügen, auch wenn die Mutter als Schiedsrichterin zu intervenieren versucht.

Während man sich in familiären Zweikämpfen fetzt, übt Günther Wiederschwinger als Bill der zukünftige Paradeschwiegersohn zu sein. Dominik Warta ist als Postbote Charlie ein gutmütiger Einfaltspinsel, der sich, war er doch etliche Sommer lang Chelseas Jugendschwarm, immer noch Chancen ausrechnet.

Und dann ist da noch Billy. Und dann rücken Chelsea und Bill mit ihrem Anliegen heraus. Sie wollen Billy für den Rest der Ferien bei Ethel und Norman lassen, um in Europa die traute Zweisamkeit zu üben. So geschieht’s – und der Junge wird für Norman zum wahren Jungbrunnen. Florian Appelius macht aus Billy einen sich obercool gebenden 16-Jährigen, aber wie er dasteht, wie bestellt und nicht abgeholt, in Normans und Ethels Holzhausrustikalität, das ist schon sehr fein und nuanciert gespielt. Bald wird sich Norman „voll fett“ in Jugendsprech üben und Billy seine Liebe zum Angeln entdecken …

„Das Haus am See“ ist das elegante Beispiel eines aus dem englischsprachigen Raum kommenden well-made play. Die Aufführung besticht dank Ingo Berks Regie bei aller Komödiantik durch große Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit – und vor allem durch den Charme des Darsteller-Sextett, das die Wärme und Zuneigung, die diese komplizierte Familie letztendlich doch zusammenhält, jede Sekunde spüren lässt. Ein gelungener Auftakt für die Bezirke-Tournee 2017/18, ein Abend, auf den man sich freuen kann.

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  1. 10. 2017

Volkstheater: Höllenangst

September 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volk kommt nicht die Halfpipe hoch

Familie Pfrim fürchtet sich vorm Leibhaftigen: Günter Franzmeier, Claudia Sabitzer und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für die einen ist es ein Schutzwall, für die anderen eine sturmreife Barrikade, oben sind der Freiherr und der Staatssekretär, unten die Schusterfamilie, die Kammerjungfer, die Bedienten. Immer wieder nehmen sie Anlauf, laufen gegen die Mauer der „Mehrleister“ an, rutschen ab – und landen erneut am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchien. Mit diesem starken Bild beginnt Regisseur Felix Hafner seine Inszenierung von Johann Nestroys „Höllenangst“ am Volkstheater.

Er wiederholt es im Laufe des Abends mehrmals, dieses Anrennen gegen die metallisch-graue Halfpipe zur Einhaltung der Hackordnung, die Camilla Hägebarth als Bühnenbild erdacht hat. „Höllenangst“ ist Nestroys politischstes Stück. Verfasst rund um das Revolutionsjahr 1848, 1849 schließlich auf die Bühne gebracht, stellt es den Machtapparat der Reichen und Privilegierten bloß. Die Dinge werden deutlicher als in anderen Possen beim Namen genannt: ein Minister liegt im Sterben, Adel und Politik bemächtigen sich des Vermögens einer Waise, deren unliebsamer Onkel wird ins Gefängnis verfrachtet – und wenn am Ende, nachdem alles aufgeklärt, die ganze Stadt ob der Wahl eines neuen Ministers „illuminiert“ ist, lässt Nestroy offen, ob vor Freude oder weil’s schon wieder brennt.

Hafner macht im Wahljahr 2017 deutlich, wie bestürzend aktuell, eigentlich: wie zeitlos, dieses bissige Spiel ums Auf und Ab, ums Oben und Unten ist. Zwar sind aus feudalen Abhängigkeiten neoliberalistische geworden, doch ob Ausbeutung oder Selbstausbeutung bleibt sich letztlich gleich. Der Kapitalismus steht in Hochblüte; wer zahlen kann, schafft an. Mit Hafners Interpretation der „Höllenangst“ setzt das Volkstheater den von Direktorin Anna Badora beschrittenen Weg fort, in Theaterklassikern Konflikte der Gegenwart zu spiegeln.

Tauschhandel mit dem „Teufel“: Thomas Frank als Wendelin und Christoph Rothenbuchner als Oberrichter Thurming. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Sturm auf die Barrikaden wird bei Felix Hafner zur Rutschpartie: Kaspar Locher und Stefan Suske (oben), Luka Vlatković, Isabella Knöll, Valentin Postlmayr, Günther Franzmeier und Claudia Sabitzer (unten). Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Pfrims haben für Reichthal wichtige Papiere aufbewahrt: Günter Franzmeier, Gábor Biedermann und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Tempo der Aufführung ist hoch. Unerwartet freigelegte Schlupflöcher in der Halfpipe erlauben rasante Auftritte und Abgänge. Es wird geschlittert, gestolpert, geflutscht, drei Meter rauf-runter-rauf, der Körpereinsatz der Schauspieler grenzt ans Akrobatische,und mehr als einmal fragt man sich, ob’s gerade Absicht war oder gerade noch Glück gehabt? Die Plätze in bester Höhenlage, dort, wo sich die Wohlhabenden vorm Volk absetzen, sind besetzt. Stefan Suske steht als Bösewicht Freiherr von Stromberg über seinem Besitz wie ein Kapitän an der Schiffsreling.

Später wird sich sein Spezi, Kaspar Locher als der in Unschuldsweiß gewandete Staatssekretär Arnstedt dazugesellen. Die beiden haben die Erbschaft von Strombergs Mündel, der Baronesse Adele (Laura Laufenberg), eingezogen – und sonnen sich nun im Glanz des erbeuteten Geldes.

Auftreten nun Christoph Rothenbuchner als ehrlicher, ob der Verhältnisse leicht amüsierter Oberrichter Thurming, seit drei Wochen Adeles geheimer Ehemann, und Gábor Biedermann als Adeles ehrenwerter Onkel, der inhaftiert gewesene Freiherr von Reichthal. Dass die beiden in die Bredouille kommen, ist klar. Auch, dass es beide mit der Schusterfamilie Pfrim zu tun bekommen werden. Die Pfrims, Günther Franzmeier als Familienoberhaupt, Claudia Sabitzer als Ehefrau Eva und Thomas Frank als Sohn Wendelin, sind das Herzstück der Aufführung. Vor allem Franzmeier und Frank agieren wie entfesselt.

Wendelin, der sich als Gefängniswärter anheuern ließ, um Reichthal zur Flucht zu verhelfen, hält den durchs Fenster eingestiegenen Oberrichter für den eben erst von ihm um Hilfe angerufenen Teufel – und hält sich daher im weiteren Verlauf als Schützling des Leibhaftigen für unantastbar. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Mutter Eva wiederum, Adeles ehemalige Amme, hat von deren Mutter wichtige Papiere, die Reichthal erhalten muss.

Und schon ist der Intrigen-Spiel perfekt. Franzmeier und Frank, bereits in „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Dreamteam, setzen ihr Zusammenspiel aufs Feinste fort, die beiden können Nestroy, und vor allem, da Hafner dessen ausgeklügelte Sprache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, die Charaktere, ihre Eigenschaften und Handlungen über die Nestroy’schen Wortverdrehungen und Satzspielereien erklärt, sind zwei so präzise Sprecher wie die beiden unerlässlich. Franzmeier brilliert als Vater Pfrim, dessen Fatalismus ihn nicht davon abhält, sich die Welt schön zu trinken. Wunderbar die Szene, in der er im Haus des Oberrichters um seinen irrtümlich inhaftierten Sohn kämpft, und die allgemeine Verwirrung bis zum äußersten treibt.

Diesen gibt Frank als Revolutionär und Aufbegehrer, nicht gegen die weltliche, sondern gegen die höhere Ordnung, die ihm so einen schlechten Platz auf Erden zugedacht hat. Franks Wendelin ist mit wehleidigem Pathos voll bis zum Überlaufen, ein Verkannter auf Lebzeiten. Wie er aber um die Aufmerksamkeit eines ehemaligen Gefängniswärterkollegen (Mario Schober) buhlt, indem er in bester Monty-Python’s„Ministry of Silly Walks“- Manier vor diesem auf und ab patrouilliert, das ist große Klasse. Das Metaphern-Monster der Bühnenkonstruktion kommt auch in den Pfrim’schen Momenten zum Einsatz: Als der Schuster endlich seinen Trumpf ausspielt, nämlich, dass die Gattin Beweismittel gegen Stromberg und den Staatssekretär in der Hand hat, erklimmt Franzmeier den höchsten Punkt der Halfpipe und jagt die Betrüger nach unten.

Isabella Knöll, seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, beweist als Rosalie, Wendelins Geliebte und Adeles Kammerjungfer, Talent fürs Komödiantische bis hin zum Slapstick. Wie sie immer wieder gegen Thomas Frank anrennt, erst unfreiwillig, dann mit zunehmendem Zorn, das ist im Wortsinn umwerfend. Auch, wie sie temperamentvoll beteuert: „Ich bin eine stille, sanfte Person, aber aufbringen muss man mich nicht“, bringt das Publikum zum Lachen. Knöll hat Feuer, ihre Streitszene mit Wendelin (Er: „Dich erwartet die Hölle an meiner Seite.“ Sie: Gibt ihm eine Watschn.) gehört mit zum Unterhaltsamsten des Abends. Valentin Postlmayr und Luka Vlatković, ersterer Bedienter bei Stromberg und mit dem Mantra: „Er zahlt halt gut“ ausgestattet, zweiterer Bedienter und Pizzabote bei Thurming, komplettieren das Ensemble.

Die Couplets sind hochpolitisch: Luka Vlatković, Thomas Frank und Günter Franzmeier als Nestroy-Boyband. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Couplets hat Peter Klien neu getextet und Clemens Wenger neu vertont. Das Musikalische reicht von Tango-Anklängen bis zum sperrigen, schwer zu bewältigenden Rap, der Inhalt ist tagespolitisch brisant, vom Brexit bis zu mangelnden Frauenrechten, von falschen Wahlversprechen bis zur obligatorischen Social-Media-Schelte. Wendelins Aberglauben-Song darf natürlich nicht fehlen, gesungen von Thomas Frank, Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier.

Und auch Luka Vlatković greift zum Mikrophon. Am Ende bleiben zwei arme Teufel, Vater und Sohn Pfrim, denen die Freiheit ausgegangen ist, und die ausgegangen sind, um sie wiederzuerlangen. Als Pilger nach Rom wollen sie den Beelzebub abschütteln, werden freilich eingeholt und über ihre Irrtümer aufgeklärt. Das Premierenpublikum im Volkstheater zeigte sich ob Felix Hafners Inszenierung begeistert und dankte mit Jubel und Applaus. Der junge Theatermacher, der am Haus schon mit Thomas Köcks „Isabelle H.“ und Molières „Der Menschenfeind“ überzeugte, setzt mit diesem Abend seinen Erfolgskurs fort.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2017