Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

Volksoper: Zar und Zimmermann

Oktober 14, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Blau-weißes Bilderbuch unterm Käsemond

Keine Scheu vor der Knallchargigkeit: Carsten Süss als Peter Iwanow, Daniel Schmutzhard als Peter der Erste, Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, Georg Wacks als Ratsdiener und Sulie Girardi als Witwe Browe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sobald der Chor der Zimmermannsgesellen mit seinen Holzschuhen Charlie Chaplins berühmten Brötchentanz imitiert, ist klar, in welche Richtung Regisseur Hinrich Horstkotte mit seiner Inszenierung von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Volksoper zielt. Er nimmt das „Komische“ an der Oper ernst, nimmt dem durchaus vorhandenen schwerdeutschen Pathos die Patina, und nimmt sich ganz den Witz des bühnenwirksamen Verwirrspiels vor.

Verbrieft ist Horstkottes Proben-Sager „Vergesst Stanislawski – begrüßt Laurel und Hardy!“, eins von deren Fingerspielen wird zum running gag zwischen Bürgermeister van Bett und seinen Stadtbewohnern, und tatsächlich macht der Regisseur aus Lortzings Figuren Typen und verzichtet zugunsten Spaßfaktor auf psychologische Feinziselierung. Keine Scheu vor Knallchargigkeit dürfen demgemäß die Solistinnen und Solisten haben, Outrieren ist Programm, das gefällt, ist in den beiden Pausen zu hören, nicht jedem, aber wer sich in Horstkottes Werkinterpretation akklimatisiert hat, erfreut sich an einem überaus vergnüglichen Abend.

Saardam ist in diesem Setting mehr als nur ein Zitat. Horstkotte, auch Ausstatter, hebt halb Holland auf die Volksopern-Bühne, er erschafft ein blau-weißes Bilderbuch, von Delfter Kacheln bis zu den typischen Windmühlen, von Fahr- bis Käserädern, selbst der goldgelbe Mond ist eines. Kein Wunder also, dass der Zar sein „Sollte ich entdeckt sein?“ mit gouda-vollem Mund murmelt, bevor im zweiten Bild – der Schauwert dieser Arbeit ist hoch – eine perfekte Kopie des Czaar Peter Huisje angerollt kommt.

Sogar eine Kopie des holländischen Czaar Peter Huisje steht auf der Bühne: Gregor Loebel und Daniel Schmutzhard. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

A-Cappella-Sextett: Carsten Süss, Stefan Cerny, Lars Woldt, Daniel Schmutzhard, Gregor Loebel und Ilker Arcayürek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Des Zaren erste Arie „Verraten! Von euch verraten!“, oft genug gestrichen, haben Horstkotte und Dirigent Christof Prick – er führt das Orchester des Hauses mit wohlklingendem Humor und versteht es, die Sänger unterstützende Akzente zu setzen – belassen. Daniel Schmutzhard als Peter der Erste nützt die Gelegenheit zum Temperamentsausbruch, um den cholerischen Charakter seiner Rolle zu unterstreichen, um ein grimmiges Gesicht, ein aufbrausendes Gefühl ist er nie verlegen, in manch lyrischen Momenten allerdings gelingt es ihm nicht ausreichend, seine Stimme zum Klingen zu bringen.

Horstkotte hat noch kleinste Gesten zur Musik getaktet, das setzt ein sehr spielfreudiges Ensemble voraus, und über ein solches verfügt er glücklicherweise auch. Die Aufführung trägt absolut Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, gesanglich wie darstellerisch. Er gibt im Wortsinn, dafür sorgt Georg Wacks als hinreißend tollpatschiger Ratsdiener mit entsprechender Pumpe, den mit heißer Luft aufgeblasenen, selbstverliebten Politiker, und ist in der dankbaren Partie auch für das eine oder andere Kabinettstück gut – Dideldum! Der Chor, und wie immer ist er eine Freude, begleitet dessen Gehabe mit ironisch-spöttischen Kommentaren.

Die Einstudierung von van Betts Kantate hat Horstkotte in ein Altersheim verlegt, das Warum erschließt sich nur dem, der sein Programmheft-Interview liest …

Regisseur Hinrich Horstkotte holt die Niederlande in die Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für den Holzschuhtanz der Kinder gab’s den größten Applaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Liebespaar sind Carsten Süss und Mara Mastalir als teuflisch eifersüchtiger Deserteur Peter Iwanow und trotzköpfig-kecke Bürgermeistersnichte Marie. Beide überzeugen mit großer Komödiantik, wissen aber auch leise, anrührende Töne anzuschlagen. Mit aller Kraft auf Klischee getrimmt sind Gregor Loebel, als russischer Gesandter Admiral Lefort optisch eine Art Rasputin, Stefan Cerny als spleeniger englischer Gesandter Lord Syndham und – mit Loebel der zweite Volksopern-Debütant in dieser Produktion – Ilker Arcayürek als frauenverführender französischer Gesandter Marquis von Chateauneuf.

Der in Istanbul geborene Tenor bringt nicht nur das Herren-A-Cappella-Sextett zum Flirren, sondern auch Chateauneufs wunderbare Romanze „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“. Den größten Jubel schon während der Vorstellung gab’s für die Kinder, die das Publikum mit dem Holzschuhtanz begeisterten. Danach teilten sich Darsteller und Leading Team den Applaus gerecht auf. Und so endet Hinrich Horstkottes „Zar und Zimmermann“-Interpretation mit Happy End fürs ganze Haus.

www.volksoper.at

14. 10. 2018

Volksoper: Die Csárdásfürstin

September 23, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erste Weltkrieg bricht übers Varieté herein

Applaus für die Csárdásfürstin: Lucian Krasznec als Edwin, Elissa Huber als Sylva Varescu, Chor und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Bild zu Beginn beweist bereits, dass hier nichts Patina angesetzt haben wird. Da sitzen Edwin und seine Verlobte in spe, Stasi, in der Bibliothek derer von und zu Lippert-Weylersheim, sie orgelt schon einmal elegisch ein paar „Schwalben“ heim, er langweilt sich über seiner Zeitungslektüre. Da bricht aus dem Hintergrund und das Bühnenbild entzwei Edwins Erinnerung an die Revuewelt der Sylva Varescu.

Das Budapester Sodom tanzt zwischen den Bücherwänden der Blaublüter. Heia, Heia, so beschwingt geht es her, wenn Regisseur Peter Lund an der Volksoper Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ inszeniert. Lund hat sich jedmöglichem Ungarn-Kitsch entzogen, die Optik seiner Arbeit ist von eher Klimt’scher Anmutung, dazu ein Hauch Dada – sogar eine Hugo-Ball-Figur in kubistischem Kostüm ist auf der Bühne.

Nicht einen Moment verliert Lund die Entstehungszeit dieses Schlageralbums der silbernen Operettenära aus den Augen, uraufgeführt 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er kann, das hat er schon bei „Axel an der Himmelstür“ fulminant vorgeführt, den Staub wegblasen und trotzdem werktreu bleiben.

Jakob Semotan brilliert als Boni, mit ihm das Wiener Staatsballett. Bild: © Alfred Eschwé

Von bigott zu flott: Sigrid Hauser als Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim. Bild: © Alfred Eschwé

Und so zeigt er – und wieder arbeitet er mit dem Stilmittel Film – Wochenschauaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, Soldaten im Schützengraben, alte Zeitungsartikel über Siege und öfter noch Verluste, Flanieren über den Ringstraßenkorso und Fallen im Feld. Am Ende werden Kampfflieger übers „Habt euch lieb“ donnern, und man wird wissen, das Glück der frisch vereinten Paare hat ein Ablaufdatum. Wie’s der Feri Bácsi singt: „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht / Ob es morgen nicht schon zu spät …“

Die spritzig-charmante Inszenierung ist unter der diesbezüglichen Leitung von Alfred Eschwé auch musikalisch in Höchstform. Das Volksopern-Orchester kann Walzer, Swing und Charleston vom Feinsten, der Chor des Hauses und das Wiener Staatsballett sind sowieso stets eine Freude.

Ein wahrer Glücksgriff ist Elissa Huber, die als Sylva ihr Volksoperndebüt gibt, die virtuos zwischen lyrischen Höhen und erdigen Tiefen changieren kann, und die darstellerisch Paprika im Blut hat. Lucian Krasznec steht ihr als klassischer Operettenkavalier Edwin – seine Rolle nach einem veritablen „Schwalben“-Streit mit Stasi um „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“ aus Kálmáns „Veilchen vom Montmartre“ aufgewertet – sängerisch und schauspielerisch in nichts nach.

Sylva zerreißt Edwins Eheversprechen: Elissa Huber und Lucian Krasznec. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus den insgesamt hervorragenden Solistinnen und Solisten – etwa Wolfgang Gratschmaier als grummelig-gutmütiger Fürst von und zu Lippert-Weylersheim, Johanna Arrouas als Komtesse Stasi in Verwandlung vom grauen Entlein zum quicksteppenden Schwan, Axel Herrig als so skurriler wie altersweiser Feri Bácsi, der aus seinem Part immer wieder ein Kabinettstück macht – sticht Jakob Semotan als Graf Boni heraus.

Semotan erweist sich als einwandfreier Komödiant, der mit den Mädis vom Chantant um die Wette über die Bühne wirbeln, singen, tanzen, spielen, und alles gleichzeitig kann. Kein Wunder, dass ihm die Herzen des Publikums zufliegen. Ein weiterer komischer Genuss ist naturgemäß Sigrid Hauser als Fürstin Anhilte, auch diese Rolle für ihre großartige Verkörperin vergrößert und ums Lied der „Hajmasi Hilda und Paul“ erweitert, eine bigotte Bissgurn, die sich als flotte Brettldiva entpuppen wird. Keine Frage, mit dieser „Csárdásfürstin“ fügt die Volksoper ihrem Spielplan ein weiteres Highlight hinzu.

www.volksoper.at

23. 9. 2018

Volksoper: Gasparone

Juni 3, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert mit ironischem Augenzwinkern

Sebastian Geyer als „Der Fremde“. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sehr schwungvoll und sehr Wienerisch geriet der „Gasparone“ an der Volksoper. Da darf die Garde des Bürgermeisters angetan als heimische Polizisten Strafzettel ans Publikum verteilen, ebendieser Nasoni den Spritzwein ordern und ordentlich Dialekt gesprochen werden. Regisseur Olivier Tambosi hat sich für die 1931-Fassung des Millöcker-Werks entschieden, mit allen Hits von „Denk ich an dich, schwarze Ninetta“ über „Er soll dein Herr sein! Wie stolz das klingt!“  bis „Nur Gold will ich haben und Edelgestein“, inklusive des größten Schlagers „Dunkelrote Rosen, bring’ ich, schöne Frau“, der ja ursprünglich aus der „Diana“ stammt.

Tambosi setzt damit auf eine Zeit in der das Singspiel in der Bearbeitung von Ernst Steffan und Paul Knepler schon zur Revueoperette mutiert war. Dem Rechnung tragend zeigt sich das Ensemble tanzfreudig, weder Solisten noch Chor stehen kaum eine Minute still, und das Volksopernorchester unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller, der für ein Lied des Bürgermeisters sogar die Bühne erklimmt, um dort Klavier zu spielen, zeigt dazu, was es kann – von Walzer über Tarantella bis Tango.

Die Inszenierung mit ironischem Augenzwinkern ist ein über weite Strecken würdiger Abschluss einer gelungenen Saison. Der Inhalt: Im beschaulichen Städtchen Trapani hat sich’s jeder gerichtet. Der korrupte Nasoni versucht eine profitable Ehe zwischen der reichen Witwe Carlotta und seinem Nichtsnutzsohn Sindulfo zu stiften. Wirt Benozzo ist gleichzeitig Chef einer Schmugglerbande und nur in Bedrängnis, wenn seine Frau Sora Liebesdienste von ihm erwartet. Benozzo war es auch, der die Legende vom Räuberhauptmann Gasparone in Umlauf gebracht hat, so ein Superschurke kommt ihm gerade recht, um die eigenen Vergehen zu vertuschen. Da steht eines Tages ein Fremder auf dem Hauptplatz. Ist er der böse Geist, den man einmal zu oft beschworen hat? Unruhe macht sich breit. Vor allem, als sich herausstellt, dass der Unbekannte nicht nur die Umtriebe durchschaut, sondern sich auch in Carlotta verliebt hat …

Christian Graf als Luigi, Marco Di Sapia als Benozzo, Gerhard Ernst als Baboleno Nasoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerhard Ernst mit Mara Mastalir als Carlotta und Johanna Arrouas als Sora. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bühnenbildner Andreas Wilkens hat dafür eine Hügellandschaft erdacht, die mal mit Teppichen, mal mit Zeitungsschlagzeilen ausgelegt ist. Das erste Bild ist eine Bettenburg, in der die Bewohner Trapanis unsanft aus dem Schlaf gerissen werden, später gibt’s Strand, Mond und ein Motorboot, das in den Himmel entschwebt. In dieser Kulisse begeistert vor allen anderen Gerhard Ernst als Nasoni. Ernst stellt einen Politikerschlingel erster Güte auf die Bühne, weiß im richtigen Moment zu rühren, dann wieder das Publikum zum Lachen zu bringen. Herrlich die Verhörszene mit Carlotta und Sora, in der er – ganz Klischee des hiesigen Beamten – erst einmal die Brotzeit auspackt, bevor’s ans Eingemachte geht.

Ihm in nichts nach stehen Marco Di Sapia als Benozzo und Johanna Arrouas als Sora. Die beiden geben ein temperamentvolles Buffopaar, das nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich überzeugt. Christian Graf als Luigi ist auf dem besten Wege, ein neuer Publikumsliebling am Haus zu werden. Dass gegen dieses Quartett, das auch den meisten Applaus bekam, schwer anzukommen ist, musste das erste Paar, Mara Mastalir als Carlotta und Volksopern-Debütant Sebastian Geyer als Fremder, erfahren.

Doch während Mastalir ihre Partie noch ordentlich erledigte, blieb Geyer, obwohl in mephistophelisches Rot gewandet, in jeder Hinsicht blass. Und ziemlich schwer verständlich. Auch David Sitka als Sindulfo schaffte es nicht wirklich, aus seiner prinzipiell dankbaren Rolle etwas zu machen. Alles in allem aber ist dieser „Gasparone“ ein Gute-Laune-Abend, bei dem man sich zum letzten Mal in dieser Spielzeit gepflegt unterhalten kann. Jetzt heißt es abwarten, was die nächste bringt.

www.volksoper.at

  1. 6. 2018