Hamakom: Roland Schimmelpfennigs „100 Songs“

September 28, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Happy End ist eine aufgefangene Kaffeetasse

Gottfried Neuner, Sofia Falzberger, Sören Kneidl, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf und Tobias Voigt mit der Toten-Statisterie. Bild: © Marcel Köhler

„Songs Of Love and Death“ hieß vor Jahren das Debütalbum der bombastischen Symphonic-Metal-Band Beyond the Black, und auch wenn deren Dämonentanz im Theater Nestroyhof Hamakom nicht vorkommt, so ist dieser Danse macabre doch exakt Form und Inhalt von Roland Schimmelpfennigs „100 Songs“. Nach dem gesundheitsbedingten Rückzug von Frederic Lion hat die nunmehrige künstlerische Gesamtleiterin des Hauses,

Regisseurin Ingrid Lang, den Text als österreichische Erstaufführung inszeniert. Also sprach Schimmelpfennig über Nietzsches Apokatastasis. Denn des Philosophen zyklisches Geschichtsbild vom verlorenen hin zu einem Zustand der „Allaussöhnung“ und Einheit aller Wesen, wird die kommenden zwei Stunden bestimmend sein – die Gottesfrage sowieso. Auftreten in Schimmelpfennigs szenischer Versuchsanordnung Sofia Falzberger, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf, Sören Kneidl, Gottfried Neuner und Tobias Voigt als vom Autor sogenannte „Gruppe von Frauen und Männern“. Beobachter, Boten, Betroffene, Passanten, Passagiere, gar Erzähler aus dem Totenreich? Ratlos sind sie, da alles „zu kompliziert“, „erschreckend einfach“, „erschreckend kompliziert“ scheint. „Zu weit weg von allem, was man denken kann.“

Schimmelpfennig hat sein Stück im Gedenken an die Madrider Zuganschläge verfasst, Ingrid Lang holt es nach dem Attentat vom 2. November 2020 nach Wien. Das Thema dieser Jukebox der kollektiven Erinnerung ist: der Terror. Die Sprachlosigkeit im Angesicht des Unsagbaren, das betretene Schweigen, die Fantasie des Theaters, über den Tod mit der prallen Wucht des Lebens zu berichten. Zug fährt ein, Trillerpfeife schrillt, im Radio läuft „Bette Davis Eyes“ von Kim Carnes, Sally, der Serviererin im Bahnhofscafé, fällt eine Kaffeetasse zu Boden – und dann: noch mehr Songs, von Iggy Pops „The Passenger“ über „Upside down“ von Diana Ross zur „Road to Nowhere“ der Talking Heads.

„Es war, als ob hunderte Songs gleichzeitig liefen, Tausende von Songs, Millionen, Milliarden“, sagt Tobias Voigt, er und das Ensemble der vielstimmige Chor eines Requiems, eine Pop-Kakophonie aus Liedern, in denen ein paar Minuten ein ganzes Leben besingen. Im zerrissenen Bühnenbild von Vincent Mesnaritsch entwerfen Schimmelpfennigs Figuren Biografien, Beziehungsprobleme, beiläufige tragikomische Tragödien in Endlosschleife, und dies so banal, dass es besonders ist. Immer wieder von Neuem rekapitulieren sie ihre Sehnsüchte und Schwächen während der Vor-Katastrophen-Frist von 8.51 und 8.55 Uhr. Vier Minuten, und die sogenannte Zivilisation in Flammen, und die Zeit ihre Protagonistin.

Eben noch war Gottfried Neuner der Mann am Fenster gegenüber den Gleisen, schon ist er ein Verletzter auf dem Bahnsteig. Sofia Falzberger singt im Wortsinn den Sirenen-Gesang. Zwischen der zutiefst gläubigen Stripperin/ Ana Grigalashvili, dem Mann aus Kabul/ Sören Kneidl, der Fremdgeherin/ Katharina von Harsdorf, dem Verwaltungsbeamten in den besten Jahren/ Sofia Falzberger und Tobias Voigt als 16-jähriger Friseur-Azubi mit Katie Melua in den Kopfhörern sind die Gendergrenzen gesprengt wie die Waggons. Die Atmosphäre ist: Gefangen im Bardo.

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Schön die getanzt-gefightete Szene, in der das studentische Liebespaar mit dem in Trennung befindlichen Ehepaar korrespondiert. Eine Frau verpasst die Abfahrt um Sekunden. Was rettet einem das Leben? Der Zufall, die Suche nach den Allergietabletten, Zuspätkommen, die Schicksalsmelodie? Und wieder ist es 8.55 Uhr. Zerfetzte Kopfdialoge, Gedanken-Gänge, Spiegelungen und Selbstgespräche, Trillerpfeifen-Alarm, das Leben, weiß der empathische Soziologe Schimmelpfennig, ist stets nur ein Vielleicht. Gottfried Neuner als Pfarrer, der zum Begräbnis eines 6-Jährigen unterwegs ist, wird in den Raum stellen, ob Gottes An- oder Abwesenheit für den Menschen günstiger ist.

Neuner ist es auch, der die Pferdemetapher aufbringt, mit Sleipnir, Odins achtbeinigem Kampfross; Kneidl, „dunkelhäutig“ und mit Vollbart, liest über Buraq, ein Reittier mit Frauenantlitz, das der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed für seine Himmelfahrt überbrachte; der Pfarrer sieht in den Wolken die apokalyptischen Reiter. Ist das rote Pferd der Krieg oder die Liebe, das schwarze mit der Waage die Teuerung oder die Gerechtigkeit? Das weiße jedenfalls Jesus Christus und das fahle der Tod … Schimmelpfennigs zwischen Traum und Traumata schwebende Auslassungen sind so surreal wie die Sinnfrage, wie das Sterben an sich.

Und immer noch ist in all den ans Publikum gerichteten Paradoxien nicht klar, wer aus dem Figurenreigen der/die SelbstmordattentäterIn sein mag. In Schimmelpfennigs brutaler, vom Ensemble mit Verve auf die Spielfläche gebrachter, galgenhumorig-poetischer Playlist, ist eine oder einer die Vorstellung des und der anderen. Macht. Erregung. Angst? Erregung. Macht. Angst! Diese Topografie des Allzu-Unmenschlichen, dazu die von den Österreich-Touristen Voigt und von Harsdorf brennend ausgebreitete Landkarte, könnte auch nur der Polt einer Profiler-Fernsehserie sein. Eine Totenreich-Statisterie stellt jene St.-Jakobs-Lichter auf, die vor zwei Jahren den Desider-Friedmann-Platz zum Mahnmal machten.

Im vollbesetzten Hamakom singen Sofia Falzberger, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf, Sören Kneidl, Gottfried Neuner und Tobias Voigt „Don’t Dream It’s Over“ von Crowded House, hey now, hey now, eine Polonaise wär‘ ein Superschluss, beschließt man: Und Erwin fasst der Heidi von hinten an die  … Schulter … Im letzten Moment fängt Gottfried Neuner als „Mann mit der Sporttasche“ die Katharina von Harsdorfs Sally entglittene Kaffeetasse – „gerade nochmal gutgegangen“ und Happy End! Oder? Sie werden einander nur durch zwei Glasscheiben begegnen. Splitter, Scherben, der tolldreiste Gesellschafts- ein grausiger Totentanz, die „100 Songs“, Schimmelpfennigs Wunschkonzert zum Weltuntergang, jedenfalls ein Sog auf diesem Verschiebebahnhof von Gestern, Heute und Morgen. Bis 29. Oktober. Eine Empfehlung.

www.hamakom.at

  1. 9. 2021

aktionstheater ensemble streamt: Salz Burg

März 23, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hungerkünstler des gespielten Worts

Strenge Lehrmeisterin in Sachen Spielbetrieb, Selbstaufgabe und Scheißdrauf: Grande Dame Vera Borek mit Videogestalter Felix Dietlinger (u.). Bild: © aktionstheater ensemble

Das aktionstheater ensemble zeigt als letzte Produktion der vierten Staffel seiner digitalen Aufführungsreihe „Streamen gegen die Einsamkeit“ die noch bis Sonntag zu sehende Performance „Salz Burg“ aus dem Jahr 2012 – und es hat was von der Faszination des Grausens wie zeitgemäß dieser mit den Erfahrungen des Ensembles komplettierte Text von Wolfgang Mörth gerade wieder ist. Das aktionstheater ensemble veranstaltet mit allem Pipapo eine Sponsorenparty, alles ist „vorbereitet aufs allerbest‘ für Geldgeber und andere Gäst´“.

Freilich, bei dem Titel muss der Hofmannsthal herhalten. Zu Jedermanns Freude wickeln sich zwei Pole-Tänzerinnen akrobatisch um die Stangen, vier Minuten pure Körperkunst zum pulsierenden Technobeat von Erdem Tunakan, der einen Pulsinger & Tunakan-Hälfte. Zur ziemlich „experimentellen“ Live-Kameraführung gibt es drei Vidiwalls – Alexander Moissi und sein „Tod“ Werner Krauß auf dem Domplatz, „Die Götter müssen verrückt sein“, „The Sound of Music“ und weiß der Kuckuck aus welchem Film der chinesische Kader ist.

Von Martin Gruber aufs Korn genommen wird jedenfalls der Kniefall der Hochkultur vor den Finanzstarken. Tobias – Voigt!, æ-Aficionados wissen’s, die Darsteller kreieren im Spiel eine fiktive Figur ihrer selbst – buhlt als Armer Nachbar um die Gunst der „Bewilligungsbefugten“, Sponsoren, Subventionsgebern, Kulturpolitiker: „Nur diesen Beutel teil‘ mit mir …“ Der Akteur mit der schwächelnden Blase und den kraftstrotzenden Grundsätzen, der eingangs, weil auf eine freie Toilette wartend, klorollenlange Assoziationsketten über begrenzte Kapazitäten und Ressourcen-Verteilung abwickelte, weiß um das große Theater mit den per Eigendefinition „Gönnern“.

„Bewilligungsdarsteller mit fixer Gage“, schimpft er sie. Und man selbst? „ …das Biafra, die Sahelzone, das Somalia der Bühnenkunst, Hungerkünstler des gespielten Worts, die Ausgezehrten des Spielbetriebs …“ Vom Speichel des Publikums müsse man sich ernähren, sagt Tobias, und nicht einmal das ist anno 2020/2021 via Stream mehr möglich. „Salz Burg“ ist als heute betrachtete Inszenierung ein Entwicklungsschritt auf dem Weg, den die schnelle Eingreiftruppe zur theatralen Aufarbeitung aktueller Themen 2008 einschlug, weg von den Klassikern, hin zur poetischen, in doppeltem Sinne „Verdichtung“ der gesellschaftspolitischen Realität.

Martina Ambach lamentiert. Bild: © aktionstheater ensemble

Vera Borek deklamiert. Bild: © aktionstheater ensemble

Susanne Brandt kalmiert. Bild: © aktionstheater ensemble

Was Martin Gruber und Martin Ojster hier ansprechen, und schön ist’s zu sehen, wie etwa Michaela Bilgeri und Susanne Brandt bereits an ihren Manierismen feilen, wird in den kommenden Projekten noch präziser werden: Vom Demokratie-Ennui bis zum egozentrierten Weltbild Europas, vom Couchkomfort zum Faschismus, von der Selbst-Infantilisierung über Interesselosigkeit zu einer Konsumsucht, die sich wie ein Krebs ausbreitet – ein collagenähnliches Panorama des Österreichischen, bei dem das Ensemble aufs Anarchischste den Aufstand probt, doch die Barrikaden des Kulturestablishments nicht ohne Selbst/Ironie stürmt.

2012 war das aufg’legt. Die Salzburger Festspiele hatten eben erst den zum Eröffnungsredner bestimmten Jean Ziegler wieder ausgeladen, „diesen Fremdkörper im Festspielorganismus“, sagt Bilgeri, „800 Millionen hungernde Menschen scheißen drauf“, sagt Brandt, „unterm Schirm der Kunst nichts spüren und nichts riechen“, das sei das Ersatzerlebnis, die Ersatzbefriedigung! Wie stets ist Martin Gruber der Moral von der Geschicht‘ elegant ausgewichen, persönliche Befindlich- und Wehleidigkeit hat hingegen hinreichend Platz.

Susanne hat sich für die Rolle der Sandy in „Grease“ beworben, für Musical ist ja Geld da und außerdem „bin ich innen nicht so, wie ich außen ausschau‘, ich fühl‘ mich wie ein Modeltyp“. Fabelhaft verzweifelt und urkomisch ist die Brandt, während sie sich durch ein Best-of-Webber singt. Michaela würde als Stellenangebot auch Blow Jobs annehmen. Martina (Ambach), eben noch Backstage-Anekdoten runterleiernd, eine im Bühnenpelz schwitzende Sängerin, ein Sponsor, der inszenatorische Oberhand will, „weil er’s schließlich zahlt hat“, bricht bei ihrer Selbst/Aufgabe in Tränen aus – so böse sind alle zu den Festspielen, dabei „is des quasi mei Ursprung.“

Michaela Bilgeri. Bild: © aktionstheater ensemble

Tobias Voigt. Bild: © aktionstheater ensemble

Susanne Brandt. Bild: © aktionstheater ensemble

Alle an der Pole Dance Stange. Bild: © aktionstheater ensemble

Derart wird schwadroniert und lamentiert, alles immer haarscharf pathetisch, und mittendrin erstaunt, erschreckt, „im falschen Film“ grad recht – Vera Borek, die Grande Dame des Wiener Volkstheaters, die – „Aufpassen, Kinder!“ – den Nachwuchs bei der Pole Dance Stange hält, in Tonfall und Geste eine gestrenge Ballettmeisterin, Ihre Deutungshoheit, die Bedeutungsschweres zu künden hat, „ …über wie viele Schatten ich schon gesprungen bin …“, „ihr fragt euch, wie bewahre ich bei all dem meine Würde, und ich sage euch, scheißt’s auf die Würde“.

Borek taumelt zum Mikrophon, „mit der richtigen Technik spielen wir die neueste Gesetzesnovelle zur Künstlersozialversicherung als wäre sie von Elfriede Jelinek“, ja, das war auch 2012, um Michaela Bilgeri aus „Wie geht es weiter“ zu zitieren, „ein Riesenthema bei uns“, die Borek will die im Trüben fischenden Kritiker mit postdramatischen Eindrücken beeindrucken, bevor sie sich neben ihren cognacfarbenen Lederfauteuil setzt. Martina hilft, Michaela lacht. Heimlich.

„Planlose Aktivitäten, sprühend vor Energie, aber alles in allem rätselhaft“, rekapituliert Tobias als wäre er einer der erwähnten Kritiker. Damit das klar ist, ES GEHT UMS GELD! Susannes irrer Smalltalk, Schmollmund-Schlampe Michaela, Martina mit ihrem urwüchsigen Charme, wer würde da gern spenden? Viel fehlt nicht, dass ihm das ergänzende Samen- wie Geifer von den Lippen tropft, toxische Männlichkeit heißt sich das. Der nächste Mythopoet, Videomacher Felix Dietlinger, redet von Rebranding, man müsse Content und Hype zugleich zu sein.

„Wie bewahre ich bei all dem meine Würde …?: Vera Borek. Bild: © aktionstheater ensemble

Was Wunder, dass die Berühmtheit in der Runde, die Borek, die ohnedies den Großteil des Abends neben der Espressomaschine verbracht hat, nun als güldene Kaffeekapsel epiphaniert. Vera Borek als fleischgewordene Werbefläche, das ist Product-Placement auf höchster künstlerischer Ebene, das ist Theater-Placement mit subtilem Produktzusammenhang. Noch ästhetischer, authentischer, aussagekräftiger geht nicht.

Und mit ihrer unverwechselbaren, vom Schneidenden ins Somnambule wechselnden Stimme schließt die Borek: „Da draußen gibt es irgendwo die Freiheit der Kunst … glaube ich … dann lass‘ mich sanft hinübergehen, vielleicht geh‘ ich in Freuden ein …“ Und aus dem Hofer-Sackerl schneit’s Federn. Wer wohl gerupft worden ist?

aktionstheater.at           Trailer: vimeo.com/42688565

23. 3. 2021

Theater Drachengasse VoD: Das weiße Dorf

Januar 29, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles im Griff auf dem sinkenden Beziehungsschiff

Ruth und Ivan und eine getanzte Fantasie, wie’s hätte sein können: Johannes Benecke und Naemi Latzer, vorne: Julia Müllner und Hugo Le Brigand. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Vom bequemen Nickisuit übers Strickwesterl bis zu den Hausschlappen, rein nach den Kostümen von Thomas Garvie sind Darsteller wie Publikum modisch absolut Lockdown-up-to-date. Dass der Ausstatter auch tollkühn den kompletten Bühnenraum des Theaters Drachengasse geflutet hat, lässt sich Pandemie-bedingt nur via Bildschirm erleben. Ab heute, 20 Uhr, wenn die Drachengasse die Uraufführung von „Das weiße Dorf“ als Video on Demand anbietet. www.mottingers-meinung.at sah den Mitschnitt vorab.

Und siehe, während vielerorts Dramen zu Textflächen komprimiert und in diesen Charaktere zur Beliebigkeit gesplittet werden, findet hier Dialog statt. Ein höchst konkreter zwischen Ruth und Ivan, die beiden offenbar früher ein Paar, jetzt mit jeweils neuem Partner, neuer Partnerin auf Amazonas-Kreuzfahrt – und wie sich auf einem Schiff nicht ständig über den Weg laufen? An der Reling wie aneinander gekettet geht’s erst um die vorbeiziehende Landschaft, den perfekten Service an Bord, später wird gelobhudelt über zwischenzeitlich gemachte Karrieren.

Doch plötzlich knattert’s und knistert’s, wird anfängliche Verlegenheit mit gemeinsamer Vergangenheit weggelacht. Ist das schon ein Flirt? Nein, da steht man doch längst drüber … Teresa Dopler gewann für ihr Stück den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2019, Valerie Voigt hat’s nun inszeniert. Und Naemi Latzer und Johannes Benecke sind fabelhaft als Ruth und Ivan, die beiden lupenreine Bobos, die sich dies Echtheitszertifikat mittels heftigem Polieren ihrer glatten Oberfläche erarbeiten.

Mit Allerwelts-Small-Talk kaschieren sie den gemeinsamen Imperfekt, lächeln nicht vergessen, positiv äußern, durch Nachfragen Interesse zeigen, Reaktionen interpretieren, das geht so weit, bis einen das Zuschauen schmerzt, und man sich fragt, wann diese Überfreundlichkeit in die Katastrophe kippen wird. Valerie Voigt bringt mit ihrer sich ganz auf die Schauspielerkraft und deren Sinn für Rhythmus verlassenden Arbeit das Impropre von Doplers Figuren auf den Punkt. Latzer und Benecke interpretieren dies mit Mimik und Gestik, sie machen ihre Körper zum Lügendetektor, der Ruths und Ivans Schönrederei in ihrer Falschheit entlarvt.

Latzer und Benecke. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Benecke und Latzer. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Ihre erwähnt glatte Oberfläche wird in der des knöcheltiefen schwarzen Wassers gespiegelt, fast fühlt man das feuchte Urwaldklima aufsteigen, und mitten drin Hugo Le Brigand und Julia Müllner als Gegensatz-Paar, sich – in einer Choreografie von Karin Pauer – umtänzelnd, sich umschlingend, Ruth und Ivan und eine Liebe, wie sie hätte sein können …

Teresa Doplers „Das weiße Dorf“ ist ein feiner Glücksgriff zum 40. Jubiläum des 1981 von Emmy Werner gegründeten Theaters Drachengasse. Die gebürtige Linzerin versteht es, den Weg eines jungen, modernen Europas auszuschildern, dessen Protagonistinnen und Protagonisten im steten Vorwärtsstreben vieles opfern – die Einsamkeit im Privaten, dieser Tage freilich virulent, ist bei Weitem kein Corona-Symptom, die im Ringen um „Authentizität“, heißt: Natürlichkeit, auf die Künstlichkeit eines sorgsam gebastelten Social-Media-Images setzen.

Auch via Bildschirm überträgt sich diese Atmosphäre, doch bleibt zu hoffen, dass die Drachengasse die Aufführung auch live wird zeigen können. Bis dahin, heute Abend, 20 Uhr! Tickets: www.drachengasse.at/spielplan_detail.asp?ID=937 bzw. www.eventbrite.de

www.drachengasse.at

  1. 1. 2021

Landestheater NÖ online: Der Parasit

April 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Grand Guignol in Grau

Ein Emporkömmling will hoch hinaus: Petra Strasser, Emilia Rupperti, Tobias Artner als „Parasit“ Selicour, Rafael Schuchter und René Dumont. Bild: © Bild: Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich eröffnete seinen Osterspecial-Stream am Samstag mit Schillers „Der Parasit“ in der Regie von Fabian Alder – und der hat aus des großen Klassikers Beamtensatire ein Grand Guignol in Grau gemacht. Wiewohl freilich eine Aufzeichnung eine Aufführung nicht ersetzen kann, schafft es das mit großer Spielfreude agierende Ensemble aus

St. Pölten und Klagenfurt, die Komödie ist eine Koproduktion mit dem dortigen Stadttheater, auch via Bildschirm „live“ zu wirken. Bemerkenswert auch auf Film ist das Bühnenbild, Thomas Garvies rotierendes Oktagon mit den im Wortsinn Drehtüren, rund um die Amtsstubenpforten ein endlosschleifiger Korridor, auf dem die Staatsdiener zu kakophonischer Drehorgelmusik ihre Runden … naja, äh … drehen. Ihr Suchlauf nach dem Einlass zu Eheglück und Karrierechance dabei ein Monty-Phyton’scher Silly Walk; ihr Katzbuckeln im Ministerium hat sie bürokratisch verformt, das System haftet an ihnen wie eine zweite Haut.

Heißt: Kostümbildnerin Johanna Lakner hat den Pro- wie Antagonisten übergroße Aktenschranksakkos übergezogen, ein kantig-steifer Thorax, der die geistige Unbeweglichkeit als körperliche versinnbildlicht und in dem feststeckend sich die zur Inflexibilität Verdammten in kolossale Gesten flüchten. Trefflich zeigt das die Figur des Ministers Narbonne, ihn spielt René Dumont, der seine Klappmaulpuppenarme nur mithilfe seines Kammerdieners, Raffael Schuchter als Michel, rühren kann. Wodurch sich die Frage stellt, ob sich hier Volk oder dessen Vertreter gebärden.

Dass Alder auf schaumgebremsten Slapstick setzt, macht das Kabale-und-Liebe-Lustspiel umso spaßiger, die Schauspieler wechseln zwischen Schockstarre und Zappelphilipp, Naivlinge treffen auf Narren auf Neider auf Tunichtguts, die Orgel orgelt Queens „We Are The Champions“ zu den Wie-Wahlkampf-Auftritten des Ministers und Michael Jacksons „Smooth Criminal“, zu dem Selicour ein Siegestänzchen aufs politische Parkett legt.

Tobias Voigt, Heike Kretschmer als La Roche und Dominic Marcus Singer. Bild: © Alexi Pelekanos

Petra Strasser als Madame Belmont mit „Charlotte“ Emilia Rupperti. Bild: © Alexi Pelekanos

Den gibt brillant Tobias Artner. Sein Selicour ist ein speichelleckender Blender, ein Bescheidenheitsheuchler, der sich in Narbonnes Ohren geschleimt hat, ein Nach-oben-Buckler-nach-unten-Treter, der seine Pedaltaktik intensiviert, je tiefer er in die Bredouille gerät. Ihm gegenüber baut sich Heike Kretschmer als La Roche auf, ein barscher Bürohengst, der mit Donnerstimme jedes Korruptionsangebot weit von sich weist. Kretschmer gelingt es grandios einen La Roche zu zeichnen, der seine Rechtschaffenheit durch seine andauernde Rage sabotiert. Je mehr er sich erzürnt, umso größer des Ministers Ennui.

Tobias Voigt und Dominic Marcus Singer sind als Vater und Sohn Firmin zwei sich verzagt gegen Selicours Heimtücke sträubende Opfer, Petra Strasser eine hingegen für den Ränkeschmied entflammte Ministersmutter Madame Belmont, die ihre Enkelin, Emilia Rupperti als Charlotte, weil sie selbst ja nicht die Braut sein kann, Richtung Traualtar treiben will. Während man derart mit Vergnügen verfolgt, wie sich der Intrigenspinner im eigenen Netz fängt, weil La Roche aufklärerisch tobend längst die Fäden in der Hand hat, vergisst Alder aufs Gesellschaftskritische nicht.

„Der Schein regiert die Welt – und Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.“ Mit dieser Unfrohen Botschaft endet das Original. Hier nun darf Team Alder, nachdem René Dumont über „kriechende Mittelmäßigkeit“, Schein und Scheinheiligkeit und ein Sich-Schuldig-Machen, duldet man populistisches Agieren und Agitieren, ins Publikum philosophiert hat, den dringenden Appell „Aufpassen!“ an dieses richten.

Kastensystem in Aktenschranksakkos: Madame Belmont beobachtet, wie ein unliebsamer Bittsteller von Selicour unsanft expediert wird. Bild: © Alexi Pelekanos

Die Moral von der Geschicht‘ hat ein Nachspiel, in dem die Darsteller Slogans, Klassenkampf von links, Neokonservatismus von rechts, Kulturpessimismus, Kapitalismus-Schelte, politisch korrekte Pseudopolitik, auf die Zuschauer niederprasseln lassen. „So sind wir nicht“, zitiert der Minister. Und Selicour? Demonstriert, dass man das kastige Sakko nicht nur alleine stehen lassen,

sondern auch darin versinken kann. Mehr und mehr geht der Schwindler im Stoff unter, bis er scheint’s ganz verschwunden ist; „Der Parasit“ wird insektenklein und von Firmin-Sohn wie ein solches zertreten. Dass im Weiteren Emilia Ruppertis Charlotte, statt mit ihrem Karl ins Finale zu entschweben, Dominic Marcus Singer laut schreiend in den Schwitzkasten nimmt, ist schon was für Connaisseurs. „Tell the Truth, Act now“, skandiert sie die Extinction-Rebellion-Parole. Falls sich darauf ein Reim zu machen ist, dann maximal der, dass Frauen durchaus eine bedrohte Art sind. Und nein, das ist kein Bonmot.

Heute noch zu sehen bis 16 Uhr und wieder am 12. April ab 16 Uhr: vimeo.com/360206873

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7IxnEfOnF1k

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Ian McEwan „Die Kakerlake“, eine köstlich-kafkaeske Persiflage auf die aktuelle britische Politik, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37733

5.4. 2020

Burgtheater: Dies Irae – Tag des Zorns

Dezember 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction Apocalypse

Vor der Apokalypse ist postapokalyptisch: Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Florian Teichtmeister. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, wie um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s ganz gut, bis hierher lief’s ganz gut, jusqu’ici tout va bien, so far so good …“ So beginnt der französische Spielfilm „La Haine“ von Mathieu Kassovitz, so begann gestern die Endzeit-Oper „Dies Irae – Tag des Zorns“ am Burgtheater. Felix Rech, brillant als Pentheus in den „Bakchen“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=34408), saust entlang einer Fensterfassade steil bergab und zählt die Sekunden bis zu seinem Aufschlag, sein Gesichtsausdruck dabei gelassen, denn wie gesagt … Der Sturzflug des Schauspielers via Vidiwall ist nur einer der Wow-schau!-Effekte, den die Materialschlacht zum Thema Weltuntergang in knackigen zwei Stunden zeigt.

Kay Voges, designierter Volkstheaterdirektor, der sich mit dieser Arbeit erstmals dem Wiener Publikum präsentiert, Komponist und Tastenvirtuose Paul Wallfisch, Volkstheater-Voges‘ zukünftiges musikalisches Mastermind, und Dramaturg Alexander Kerlin sind angetreten, um der Eschatologie das von ihr erzeugte Entsetzen wie einen maroden Zahn zu ziehen. Dies mittels einer Pulp Fiction Apocalypse. Als würde der Sterbensschreck grundlos überbewertet, als wäre der Totentanz ein Rock’n’Roll samt Sex & Drugs, und auch Rech darf später, statt auf dem Erdboden sein Ende zu finden, mit Andrea Wenzl Liebe machen, und zwischen diesen Bezugspunkten kleiner Tod, Todestrieb, Todesangst changiert der ganze Abend.

Honi soit, der angesichts dieser Uraufführung denkt, Hausherr Martin Kušej klammere sich einmal mehr an sein Konzept vom männlich-martialisch-dunkelmetallischen Maschinentheater, wiewohl die Bühne von Daniel Roskamp derlei Bildern ähnelt. Anarchie, Kakophonie, das Chaos der Schöpfung sind bei dieser freien Assoziation Programm. Vom Labyrinth der Schauplätze, das über schmale Treppen und Durchgänge ins Innere eines Flugzeugrumpfes, einen Operationssaal, einen Love-Room und ein mit Zivilisationsresten zugemülltes Schlachtfeld reicht. Vom Samplen von Klassik, Rock und Pop, Schubert, Strauss, Britten, Prince – bis zu Carole Kings „I Feel the Earth Move“ als einer Art Leitmotiv.

Katharina Pichler und Mavie Hörbiger. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech fällt und fällt und … Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Mit Zitaten von – selbstverständlich und mit Quellenangabe versehen – der Offenbarung des Johannes und des Buchs Hesekiel über Friedrich Nietzsche und Karl Kraus bis Kassandra und Greta Thunberg – Sinnsprüche unzähliger Weltuntergangspropheten entlarvt, ernstgenommen, als Erheiterung gedacht. Die „Rede des toten Christus“ von Jean Paul gibt dem Nihilismusgedanken gehörig Zunder, Hugo von Hofmannsthals „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“ aus dem Rosenkavalier passt auch perfekt, all die gesungenen und gesprochenen Brocken aus dem literarischen Steinbruch. Erzählt werden keine einzelnen Geschichten, vorhanden sind weder Plot noch Protagonisten, vielmehr ereignet sich ein Knäuel an Dramen gleichzeitig. Kaleidoskopisch dreht sich ein Panoptikum, dreht sich die Bühne, Voges‘ und Wallfischs Doomsday-Loop gilt für alles und jeden. Man wolle, so Voges im Programmheft, so den „Moment vor dem Ende“ porträtieren, ohne dass der Moment selbst ein Ende finde. Mission accomplished!

Florian Teichtmeister kündigt als Flugkapitän der Air Mageddon den Flight to Gomorra an, schaltet dann allerdings auf Autopilot, um über Gottes Willen zu sinnieren, ergo: Panik bei Passagierin Dörte Lyssewski, nicht nur, weil etliche Mitreisende auf rätselhafte Weise spurlos verschwunden sind, siehe Stephen Kings „Langoliers“, sondern auch, weil die Maschine dabei ist, abzuschmieren. In einer Absteige namens Eden/Ende jagt ein Höhepunkt den nächsten, Live-Koitus mit Darstellern aus der heimischen Sex-Positive-Szene war vor der Premiere ja vollmundig angekündigt worden und natürlich kein Aufreger, und sind Wenzl und Resch wie Romeo und Julia Akt I, so Barbara Petritsch und Martin Schwab dieselben Akt V.

Er auf dem Sterbebett sehnlichst auf eine komödiantische, keinesfalls bitte tragödische Erlösung wartend, sie immer noch unterwegs mit Brautkranz, beide sich ihrem Ende entgegen neigend. Exitus ist, wenn man trotzdem lacht. Markus Meyer macht einen versifften Hotelpagen-Riff-Raff, Sopranistin Kaoko Amano singt, dem Aussehen nach eine yūrei aus der Edo jidai, zum Steinerweichen schön, Elma Stefanía Ágústsdóttir, schon in der „Edda“ ein Gesamtkunstwerk (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418), ist eine weitere von Voges‘ stolz-aufrechten Frauengestalten und schreitet als solche bedeutungsschwanger wispernd die Spielflächen ab. Mavie Hörbiger und Katharina Pichler agieren als untote Wladimir und Estragon, die ihr Warten auf … wiedergängerisch treppauf, treppab staksen lässt.

Runa Schymanski, Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir, Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Martin Schwab, Barbara Petritsch, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Materialschlacht auf dem Gräberfeld: Kaoko Amano, Andrea Wenzl und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Runa Schymanski, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Yana Ermilova. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Die beiden haben den besten, weil clownesken Part, jedenfalls das großartigste Zwiegespräch: „Letzte Nacht bin ich dem Heiland begegnet.“ – „Und was hat er gesagt?“ – „Nichts.“ – „Immerhin.“ Wie aus dem Zauberfüllhorn träufeln Voges und Wallfisch immer wieder Neues, Skurriles, Albtraumhaftes in die Augen und Ohren des Publikums, ihr Multimediaspektakel gleichsam ein Absurdes Theater, in dem die Melancholia die Euphoria, erstere nach Lars von Trier, zweitere laut Sam Levinson, umarmt, die Live-Musik von Wallfisch, Percussionist Larry Mullins aka Toby Dammit und Violinist Simon Goff ein ebenso wichtiger Kitt der Collage, wie die Video-Art von Robi Voigt und die Video- und Lichtgestaltung von Voxi Bärenklau und die Castorf’schen Live-Kameras, heißt: innen spielen, nach außen projizieren – ein Teamwork, das dem A und Ω immerhin etwas Burlesque verleiht.

Führt doch der Weg die Figuren weder Richtung Himmel noch Hölle, sie stolpern vielmehr die Möbiusschleife entlang oder stecken zum Schluss wie Happy-Days-Winnie im Dreckshügel fest. Die Wenzl muss lautstark gebären, Lyssewski trägt als Schwarze Witwe den Seherinnen-Monolog aus der Orestie vor, Weihrauchduft wabert durch den Saal, es gibt Krieg und ein eigentlich längst postapokalyptisches Gräberfeld, Hesekiel 37, 1-14, in dem Runa Schymanski mit Space-Odyssey-Affenmaske nach Knochen wühlt, und die einzig weißgewandete Ágústsdóttir unter den von Mona Ulrich krähenschwarz Eingekleideten lädt zur Black Mass. Teichtmeister fragt via Leinwand den Vater nach dessen Verbleib, Schwab lebt Castellucci-gleich ab, Rech, von der Schubumkehr erfasst, fliegt nun hinan. Ob sich so das Volkstheater füllen lässt?

Fazit: „Dies Irae“ ist mehr Ausstattungs- als Sonstwas-Oper, Schauwert schlägt Story, weshalb sich Sinnsucher sinnlos im Hightech-Dickicht verirren. Die Technikabteilungen des Burgtheaters liefern eine Leistungsschau vom Feinsten, sie halten das Perpetuum mobile gekonnt in Bewegung, und aus dem Off kommt „Was ist los?“ – „Das Ende kommt.“ – „Das Ende?“ – „Vermutlich.“ Und wenn sie nicht gestorben sind, querverweisen sie noch heute.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019