Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

www.burgtheater.at

  1. 6. 2018

Essl Museum: Diversity of Voices

November 30, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Junge Künstler zeigen mit Bildern ihren Blick auf Europa

Júlia Végh, Balance (part of Fiction of the reality), 2014, Collage painting, acrylic on plastic sheet Copyright & Bild: Júlia Végh

Júlia Végh, Balance (part of Fiction of the reality), 2014, Collage painting, acrylic on plastic sheet. Copyright & Bild: Júlia Végh

Ab 4. Dezember zeigt die Ausstellung „Diversity of Voices“ die Neuentdeckungen des Essl Museum aus ganz Europa, 21 Werke, zusammengesetzt aus denen der 16 Preisträger des Essl Art Award Cee 2015 und den fünf Collector’s Invitations. Die Schau ist eine Spurensuche nach künstlerischen Strategien und neuen Ansätzen in Bulgarien, Kroatien, Rumänien, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, der Türkei und Ungarn.

„Diese neue, junge Generation von Künstlerinnen und Künstlern ist in eine Zeit hinein geboren, die von gesellschaftlicher wie politischer Veränderung geprägt ist. Viele reagieren aktiv auf die Auswirkungen dieser Umbrüche. Das Kunstschaffen der jungen Leute kann als zukunftsweisend betrachtet werden und bestimmt werden wir von einigen bald öfter hören“, sagt Kuratorin Viktoria Calvo-Tomek. Die Fragestellungen, mit denen sich die Künstler beschäftigen, sind nicht in Länderklischees zu pressen, sondern immer öfter global. Es sind dies Institutions- und Gesellschaftskritik, Identität, kunstimmanente Themen oder der subversive Umgang mit künstlerischem Material.

Interessant zu beobachten ist, dass viele der ausgestellten Arbeiten Schönheit und Poesie ausstrahlen, jedoch gleichzeitig durchaus kritische Fragen aufwerfen. So bei der Fotoserie „Fregoli Cotard“ von Irina Ghenu: Einerseits unglaublich schön anzuschauen, versucht die Künstlerin die oftmals sinnentleerten Abbildungen aus Hochglanzmagazinen kritisch zu hinterfragen und mit ihren persönlichen Inhalten zu füllen. In der komplexen installativen Arbeit „I (don’t) want to be a Polish artist“ thematisiert sie den Themenkomplex Identität und den Sinn und Unsinn von nationaler Zugehörigkeit. Die Beschäftigung mit der eigenen Person und lange zurückliegenden Erinnerungen spielt eine wichtige Rolle im Schaffen von Maruša Meglič, Kalina Mavrodieva und Iveta Čermáková. Ihren Werken gemeinsam ist die Sicht, dass Erinnerungen flüchtig sind und oft sehr individuell interpretiert werden. Nina Kamenjarin versucht ihre eigene Identität in ihren Videos zu verbergen, obwohl sie gleichzeitig deren Protagonistin ist.
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Gesellschaftskritik üben Angel Chobanov, Daniel Ghercă, Kristián Németh und Baran Çağınlı in ihren Arbeiten, die zu aktuellen politischen Themen Stellung nehmen. Die Themen spannen sich dabei von häuslicher Gewalt, über das allgegenwärtige Flüchtlingsdrama bis hin zu heftiger Institutionskritik an der katholischen Kirche. Bei Dániel Bernáth, Dáriusz Gwizdala, Peter Sit und Júlia Végh scheint zusätzlich die Grenze zwischen Realität und Surrealität zu verschwimmen. Mit einer Faszination für das Exotische werfen die Arbeiten von Monika Pascoe Mikyšková und Evrim Terkeşli feministische Fragestellungen auf.
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Wien, 30. 11. 2015