Josef Hader in „Arthur & Claire“

Februar 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einfach Sterben ist wie ein Sechser im Lotto

Josef Hader und Hannah Hoekstra. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Mann mit Angst vor dem Sterben trifft Frau, die sich das Leben nehmen will. Das ist kurzgefasst die Grundkonstellation des Films „Arthur & Claire“, der am Freitag in die österreichischen Kinos kommt. Besagten Mann spielt Josef Hader, der gemeinsam mit Regisseur Miguel Alexandre auch das Drehbuch (nach dem Bühnenstück von Stefan Vögel) – und sich somit eine weitere maßgeschneiderte Rolle auf den Leib schrieb.

„Arthur & Claire“ ist eine leise, anrührende Tragikomödie, weniger skurril, als man Hader schon gesehen hat, aber zynisch genug und ziemlich poetisch. Mit ihm brilliert Hannah Hoekstra; die niederländische Schauspielerin war Berlinale-Shootingstar 2017. Arthur nun hat sich nach Amsterdam aufgemacht, um dort den ärztlich-kontrollierten Freitod zu begehen. Er ist unheilbar an Krebs erkrankt und will in einer Klinik vor Ort seinem Leben ein Ende setzen.

Das will auch Claire aus Gründen, die sich im Laufe des Films als nicht so unwesentlich entschlüsseln werden. Sie hat im Hotel das Nebenzimmer gebucht, die Musik bis zum Anschlag aufgedreht, die Medikamente bereit. Arthur kommt, um zu schimpfen und wird retten. Was folgt, ist ein Zug durch die Nacht mit der unkontrollierten Selbstmordkandidatin mit Coffeeshop-Erfahrung, Danceclub, Kondomladen und Rikschafahrt. Am Ende landen die beiden in einer abgefuckten Bar mit Piano und Highland Whiskey.

Zum Ende sagt Arthur: „Sterben ist das Letzte, was man machen kann im Leben. Das will ich gut machen.“ Es sind derlei Sätze, die dem Film die spezielle Hader-Note geben: „Wenn jemand sagt, ich kann mich entspannen, verkrampfe ich mich sofort.“ – „Ist es typisch österreichisch, dass man jammert, bevor überhaupt etwas Schlimmes passiert ist?“ Und der schönste, angesichts des Angebots „natürlicher“ Drogen in der Einrauchermetropole: „Wenn dich ein Baum erschlägt, ist es auch rein pflanzlich.“

Vom Coffeeshop geht’s … Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

… auf den Dancefloor. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Als Arthur ist Josef Hader einmal mehr in Hochform. Lakonisch und mit schwarzem Humor spielt er einen am Leben Gescheiterten (etwa in der Beziehung zu seinem Sohn, da gibt es ein Nicht-Telefonat zum Abschied, das einem vor Traurigkeit den Atem nimmt), der sich abgebrüht und zynisch gibt, um seine Einsamkeit und Verletzlichkeit zu überspielen. Mit geröteten Augen und traurig-faltigem Blick schleicht er durch die Szenerie, als ob’s für ihn, nein, weil es für ihn kein Morgen mehr gibt.

Hannah Hoekstra gibt eine impulsive, lebenssprühende Claire, die gelernt hat, Trauer und Selbstanklage tief in ihrem Inneren zu vergraben. Der Film lässt sich Zeit, zu erzählen, was passiert ist, dass die beiden so weit gekommen sind. Und so wie die Charaktere sich Schicht für Schicht vom komödiantischen Überzug befreien und sich immer tiefer in die Seelen blicken lassen, so machen es Miguel Alexandre und Kamerafrau Katharina Diessner auch mit Amsterdam.

Mehr und mehr wird der touristische, der „romantische“ Altstadtaspekt dekonstruiert, bis man schließlich im schmucklosen, „industriellen“ Neubaugebiet samt Busbahnhof landet. „Arthur & Claire“ ist ein gelungenes Kammerspiel mit exzellenten Darstellern. Und, wenn man will, mit einer unaufdringlich vorgebrachten Botschaft: Einfach zu sterben, ist wie ein Sechser im Lotto. Deshalb sollte man vorher das Leben bis zur Neige auskosten.

www.arthur-und-claire.de/

  1. 2. 2018

Thomas Stipsits: Das Glück hat einen Vogel

September 28, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

26 Geschichten von der Gunst des Schicksals

„Ungefähr zur selben Zeit …“ So beginnt jede der Kurzgeschichten, die Thomas Stipsits für sein erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“ aufgeschrieben hat. Der Kabarettist und Schauspieler wagt sich als Autor auf neues Terrain, sagt er, doch ist es kein ihm völlig unbekanntes. Denn ein Geschichtenerzähler, das ist Stipsits auch in seinen Bühnenprogrammen; die Figuren seiner im Großen und Ganzen Mittelstandsstorys kennt er also gut – er spielt sie ja auch. Und so kommen einem die Charaktere im Buch durchaus vertraut vor. Es sind Stipsits Humor und sein großes Herz, der aus ihnen und mittels derer er über sie spricht, die die Verwandtschaft herstellen.

Die Geschichten handeln vom Glück. Nicht von dem, das der Wiener „a Masn“ nennt, sondern vom Glücksgefühl, vom Glücklichsein und – ganz wichtig – vom Schokoglück. Stipsits schreibt über die Gunst des Schicksals. Sie widerfährt 26 Menschen, von A wie Andreas bis Z wie Zita, die beiden gleichsam eine Klammer fürs Buch. Der Augustin-Verkäufer und die Upper-Class-Tussi waren in der gleichen Schulklasse.

Nun ist er völlig abgesandelt und sie reich verheiratet. „Das Schicksal schlug aus wie ein panisches Pferd. Die große Sehnsucht nach einem guten Leben, Reichtum und endlosem Vergnügen gepaart mit Phlegma hatte in Andreas Lebensgeschichte tiefe Wunden hinterlassen“, schreibt Stipsits. Der im Übrigen alle seine Figuren liebt. Er wünscht ihnen nur das beste, was anderes würde er mutmaßlich gar nicht aushalten, und so gibt es für Zita Läuterung im noblen Dirndlladen und für Andreas ein Happy End. Sipsits erfindet für seine Geschöpfe vielfältige, ideenreiche Settings, manche der Momentaufnahmen sind flott und fröhlich, manche melancholisch, manche lassen sich Zeit, bis sie ihr Geheimnis preisgeben, die eine oder andere verweigert sich dem ganz, Stipsits Sprache dabei stets präzise und prägnant in der Beschreibung.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Wer den Autor vom Kabarett kennt, wird einige seiner Lieblingsthemen und -dinge wiederfinden. Thujen kommen natürlich vor, Karpathos kommt vor, Stinatz ist selbstverständlich ein Schauplatz, wo im Wirtshaus die „Färbel“-Abende stattfinden, und der Wirt bei diesem Kartenspiel während des angeblichen Vortrags kroatischer Volkslieder betrügt: „Es versteht sich von selbst, dass er keine kroatischen Weisen sang, sondern eher Chansons mit dem Inhalt: ,Der hat a Herz-As, der hat a Pik-Sieben …‘ Für diese Leistungen verrechnete er seinen Stinatzer Kartenkomplizen stolze 25 Prozent der Einnahmen.“ Es gibt wie in „Triest“ einige jener Sätze, denen es keine Beachtung zu schenken gilt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Wir haben damals nichts gehabt. Wenn du nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne … Und eine Hommage an die Mistkübler der MA48, diese „Helden der Kehrrichterei“, die dank ihres Koloniatruppen-Matras „ignorieren, ignorieren, ignorieren“ hysterisch hupende Autofahrer – na, eben – ignorieren können.

Alle seine Geschichten seien im Kern wirklich wahr, ob selbst erlebt oder erzählt bekommen, so Stipsits. Und so kann man bei ihm nachlesen, wie man unliebsame Einladungen möglichst elegant ausschlägt, wie ein Durchschnittstyp sich ein Megaweib sichert, auch wenn die keines ist, was es bedeutet, wenn man im Haus gegenüber drei Mal den selben Mord mitansehen muss, und wie man sich verhalten sollte, wenn die Seitensprung-Konkurrenz kein anderer als ER ist.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Stipsits kramt anstandslos auch im Privaten. Christian verfährt sich auf dem Weg zum Nova-Rock-Soundcheck und begegnet einer jungen, geheimnisvollen Frau. Emil hat noch eine Besprechung mit dem Big Boss, bevor er seinen neuen Job antritt; seine neuen „Bediensteten“ werden eine derzeit noch schreiende blonde Frau und ein nervös auf und ab tigernder Mann sein. Katharina kämpft mit einer Diät und ihrem Schokoaufstrichgusto, während sie die „Ich schau, ob ich zugenommen habe“-Hose im Schrank beäugt. Eine solche hat man selber auch. Sie hängt neben dem „Jö, ich habe abgenommen“-Rock, dieser ein Fake, weil mit Gummizugbund … Unter M ist Stipsits nicht Manuel, sondern Michael eingefallen, ein Kabarettkollege, der nach einem Auftritt in der ausverkauften Stadthalle die lieblos angerichtete Wurstplatte im Backstage-Bereich bejammert, diese ein bekanntes Kleinkünstlertrauma, bevor er im Pub seines Vertrauens eine hochnäsige Burgschauspielerin zur Schnecke macht. Nia würde man drauf kommen, wer da gemeint ist. Hansi Hinterseer erscheint als er selbst, und ist so herzlich wie in echt.

Zu guter Letzt erst das I, das Ich. Dazu nicht Alexander von Biczos „Vogerl“-Zitat, sondern die Nöstlinger: „Glück ist was für Augenblicke“. So kann man bei dieser Lektüre von Geschichte zu Geschichte, von Augenblick zu Augenblick glücklich sein. Thomas Stipsits hat ein Buch geschrieben, das einem im vor der Tür stehenden Herbst die Seele wärmen wird.

Über den Autor:
Thomas Stipsits, 1983 in Leoben geboren, schrieb bereits in der Schule Lieder und kleine Sketche. 2000 erhielt er den Kärntner Kleinkunstpreis. 2004, gemeinsam mit Klaus Eckel, Pepi Hopf und Martin Kosch den Österreichischen Kabarettförderpreis. Sein Programm „Griechenland“ feierte Anfang 2006 Premiere, aktuell tritt er zusammen mit Manuel Rubey und seinem Bruder Christian mit dem Programm „Gott & Söhne“ auf. Er ist in zahlreichen Fernsehproduktionen („Braunschlag“, „Tatort“, „Vorstadtweiber“) und Kinofilmen (aktuell: „Baumschlager“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26085) zu sehen und tritt regelmäßig in „Was gibt es Neues?“ auf. Zusammen mit seiner Frau Katharina Straßer gestaltete er im ORF die Comedy-Serie „Gemischtes Doppel“. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn, Emil. Als Musiker tritt er mit Ulli Bäer und Willi Gansterer mit der Danzer-Hommage „Von Danzer bis Stinatz“ auf.

Ueberreuter Sachbuch, Thomas Stipsits: „Das Glück hat einen Vogel“, Kurzgeschichten, 160 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.stipsits.com

  1. 9. 2017

Jessica Hausner im Gespräch

Oktober 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Amour fou“ eröffnet die Viennale

Birte Schnöink, Christian Friedel Bild: © Stadtkino Filmverleih

Birte Schnöink, Christian Friedel
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Nach der Weltpremiere im Rahmen der Un certain Regard Sektion beim Filmfestival in Cannes und erfolgreicher Tournee durch die Festivals dieser Erde kommt Jessica Hausners (Hotel, Lourdes) neuester Film Amour Fou auch nach Österreich. Er ist am 23. Oktober Eröffnungsfilm der Viennale. Im Anschluss an die Viennale wird der Film am 7. November regulär in den Kinos starten. In den Hauptrollen sind Christian Friedel (Das weiße Band) und Birte Schnöink (eben ausgezeichnet mit dem Boy-Gobert-Preis für Nachwuchsschauspieler) zu sehen; für die exzellente Kameraarbeit zeichnet Martin Gschlacht (Lourdes, Im Keller) verantwortlich. Inhalt: Berlin zur Zeit der Romantik. Der Dichter Heinrich hat den Wunsch, durch die Liebe den unausweichlichen Tod zu überwinden: seine ihm nahe stehende Cousine Marie lässt sich aber partout nicht davon überzeugen, zu zweit dem übermächtigen Schicksal entgegenzutreten, und gemeinsam mit Heinrich den eigenen Tod zu bestimmen. Doch die junge Ehefrau eines Bekannten, Henriette – als sie erfährt, dass sie sterbenskrank sei – findet Gefallen an dem Angebot. Eine romantische Komödie, frei inspiriert durch den Suizid des Dichters Heinrich von Kleist 1811.

Jessica Hausner im Gespräch:

MM: “Amour Fou“ hatte Weltpremiere in der Reihe „Un certain Regard“ in Cannes, wurde auf neun Internationalen Filmfestivals von Toronto bis Melbourne gezeigt, ist Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale. Hätten Sie Ihrem Werk, diesem leisen Kammerspiel,  vorab diese Strahlkraft zugetraut?

Jessica Hausner: Warum nicht? Wenn der Film spannend ist. Ich gehe immer davon aus, dass, wenn ich etwas erzähle, es so mache, dass es jemanden interessiert. Also hoffe ich immer darauf, dass meine Filme erfolgreich sein werden und Leute das gut finden.

MM: Ihre Geschichte ist frei inspiriert von der Heinrich von Kleists. Was war Ihr Interesse an diesem Stoff?

Hausner: Weniger die Doppelselbstmordgeschichte, als man glauben möchte. Das statt am Anfang der Arbeit: Doppelselbstmord aus Liebe. Das war der Aufhänger. Was mich daran interessiert hat, bis ich letztlich auch auf Heinrich von Kleists Biografie gestoßen bin, war, die Absurdität, die so einem Plan inne wohnt. Wieso wollen zwei Menschen miteinander sterben, wenn der Tod einen doch sicher von einander trennt? Das war ein Widerspruch in sich, der mich interessiert hat. Welchen seiner Wünsche projiziert man auf einen anderen? Und mit welchem Ausgang? Ich habe verschiedene Stoffe recherchiert, etwa „Norway today“, die waren mir alle zu wenig lustig, zu theatralisch, zu tragisch, und das liegt mir nicht. Ich bin da nicht weiter gekommen.

MM: Und bei Kleist …

Hausner: … hat mich dann interessiert, dass er auf der Suche nach einem Sterbepartner verschiedene Leute gefragt hat: zuerst seinen besten Freund, dann seine Cousine, die wollten beide nicht. Dann hat er endlich Henriette Vogel gefunden, die dachte, dass sie sterbenskrank ist, und sowieso sterben muss. Ich fand das in sich so unromantisch, so banal, dass es mich interessiert hat: Das romantische Bild einer Liebe wird hier in Frage gestellt.

MM: Es ist also Ihre Ironie, dass Sie den Film „romantische Komödie“ genannt haben.

Hausner: Ja. Es ist damit gemeint, dass der Film keine Tragödie ist. Deshalb ist die Sprache meiner Figuren auch sehr lakonisch. Sie sagen endgültige Sätze einfach so vor sich hin. Das untragische Sprechen von tragischen Inhalten ist berührender als umgekehrt. Und manchmal sogar komisch.

MM: Wie sehen Sie Heinrich? Ich finde ihn egoistisch, überspannt, von dieser damals en voguen Schwermut, einer der die Kant-Krise durchleidet … Christian Friedel spielt ihn fast zu sympathisch 😉

Hausner: Deshalb wurde er ja besetzt. (Sie lacht.) Er spielt die Szenen ganz untragisch, er bringt die richtige Leichtigkeit, den passenden Humor für den Film mit. Was den echten Kleist betrifft, habe ich keine Ansprüche, zu spekulieren, was in ihm vorgegangen ist. Die Figur in meinem Film ist auf eine Weise egoistisch, aber dieser Egoismus ist sehr allgemeinmenschlich, der ist nicht schlimmer als bei jedem anderen Menschen. Heinrich sucht jemanden, dem er wichtiger ist, als das eigene Leben. Das ist fast kindlich. Er meint’s nicht böse, er kann nur nicht aus seiner Haut, er möchte sein Bedürfnis verwirklichen: nicht alleine zu sterben. Henriette agiert kaum anders: Wenn sie denkt, dass sie sterben muss, sagt sie zu; wenn sie denkt, dass sie geheilt werden kann, macht sie einen Rückzieher.

MM: Henriette spielt Birte Schnöink …

Hausner: Birte übertreibt diese weibliche Schüchternheit, die im 19. Jahrhundert von Frauen gefragt war, nicht. Sie spielt sehr natürlich, so dass sie diese damals anerzogene Zurückhaltung gut darstellen kann.

MM: Als Henriette einmal in einer ihrer Stimmungsschwankungen ist, sagt sie zu Heinrich: „Es gibt kein anderes Leben als dieses hier“. Haben Sie dazu eine Privatmeinung?

Hausner: Man kann nicht wählen. Der Lebensweg, den man geht, ist eigentlich wenig veränderbar. Auch in unserer Zeit, in der Freiheit suggeriert wird, habe ich den Eindruck, dass man sehr wenig wirklich wählen kann. Viel mehr folgt man bestimmten Möglichkeiten, die sich einem bieten. Eine sehr beschränkte freie Wahl..

MM: Meine Lieblingsfigur ist die Mutter, die völlig realitätsbezogen in der Geschichte sitzt, und verbale Ohrfeigen verteilt.

Hausner: Ich fand die Mutter-Henriette-Henriettes-Tochter-Konstellation interessant. Wie da Lebensgrundsätze weitergegeben werden. Henriette ist eine Opferfigur, hat eine Passivität, die die Mutter nicht hat. Am Ende bleibt als Hoffnungsträger das Mädchen, das sich vielleicht vom Frauenbild ihrer Zeit emanzipieren wird.

 MM: Ist der Moment, wo unsere Existenzen an „Amour fou“ andocken, das ruhelose Streben nach dem idealen Glück?

Hausner: Ja, ich glaube schon. Jeder hat seine Sehnsucht im Kopf, manch einer geht daran kaputt. Was das Streben im Leben ist, kann man sich aber oft nicht aussuchen.

 MM: Die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht sind sehr ruhig, in sehr gesetzten Farben. Wie arbeiten sie in punkto Bildgestaltung und Optik zusammen?

Hausner: Wenn ich das Drehbuch geschrieben habe, zeichne ich ein Storyboard. Da zeige ich Bild für Bild, welche Einstellungen ich machen möchte. Das ist eine sehr langwierige Arbeit, definiert aber schon die Bildgestaltung. Diese Komposition kann auch dazu führen, dass ich Szenen aus dem Drehbuch wieder streiche, weil das Bild mehr erzählt als der Dialog. Wenn das Storyboard fertig ist, verabrede ich mich mit Martin Gschlacht und wir besprechen es. Dann reden wir über die Farbigkeit des Films. Er ist ja auch für die Lichtgestaltung verantwortlich. In diesem Fall wollte ich die Konvention der „Kerzenbeleuchtung“ der herkömmlichen Filme, die im 19. Jahrhundert spielen, vermeiden. Er hat dann eben vorgeschlagen, dass man Licht von oben setzt, wie einen Kerzenleuchter an der Decke. So ergab sich ein sehr sanftes Oberlicht, das dem Film, glaube ich, einen sehr ungewöhnlichen Look verleiht.

 MM: Sie waren zuletzt Ende August beim Filmfestival von Venedig Jurymitglied. Wie  war der Seitenwechsel? Wie ist das, einmal zu bewerten, wenn man weiß, wie es ist, selbst mit seiner Arbeit bewertet zu werden?

Hausner: Ich fand’s eine angenehme Abwechslung, mal auf der anderen Seite zu stehen. Und es war auch interessant, in einem so konzentrierten Zeitraum zwanzig Filme anzuschauen und darüber zu diskutieren. Es war sehr interessant, die Jurykollegen waren sehr interessant. Ich hab’s wirklich genossen. Es war ganz gut, wieder einmal darüber zu reflektieren, was man selber gut und schlecht findet, und wie Filme auf andere wirken. Ich persönlich mag ja Filme, die etwas Seltsames an sich haben, etwas Irritierendes. Ich interessiere mich für die unlösbaren Rätsel des Menschseins.

MM: Sie arbeiten an Ihren Projekten länger als andere Filmemacher. Was geht in diesem Prozess wie vor? Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Hausner: Ich sammle, trage Ideen mit mir herum, schreibe eine Seite darüber auf. Wenn ich in der Fertigstellung eines Films bin, hab’ ich meistens schon etwas Neues im Kopf. Dann drängt sich eine Idee in den Vordergrund, an der ich lange recherchiere, spreche im Fall von „Amour Fou“ mit Historikern, die mir über die Zeit an sich erzählt haben, Kleist-Forschern, Medizinhistorikern, wegen Henriettes Krankheit, lese Literatur von und über Kleist … schreibe dann noch einmal zwei Seiten Kurzinhalt – und wenn ich das habe, fange ich an, es auszuarbeiten. Das Ganze dauert so ein, zwei Jahre.

MM: Wenn Sie sagen „was Neues im Kopf“, darf ich nachfragen?

Hausner: Es gibt schon was, aber es ist noch nicht ganz spruchreif. Es könnte sein, dass es ein Mystery-Genre-Film wird. Ich bin noch nicht ganz sicher: Außerirdische oder Psychose. Es geht auf jeden Fall um ein seltsames Rätsel, das sich bedrohlich auf bestimmte Menschen auswirkt.

www.amourfoufilm.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y8F37hJIf70

www.viennale.at

Wien, 17. 10. 2014

Volkstheater: Die Vögel

September 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sheer Heart Attack

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel Bild: © Lalo Jodlbauer

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel
Bild: © Lalo Jodlbauer

Regisseur Thomas Schulte-Michels ist wie „Queen“ (wobei er eindeutig die Rolle von Brian May übernimmt und alle anderen Freddie Mercury sein lässt): Mit jeder Inszenierung erfindet er sich neu, doch der Sound ist immer eindeutig als ein Schulte-Michels zu erkennen. More of most! Bombastisch, fantastisch! Herrreinspaziert, meine Damen und Herren! „Die Vögel“ von Aristophanes hat er sich diesmal als Eröffnungspremiere am Volkstheater vorgenommen. Er lässt das Haus zum 125-Jahr-Jubiläum abheben. Volkstheater – V wie Flügel. Allein schon seine Bearbeitung des 2500 Jahre alten Textes sticht. Von Euro-Junkies ist die Rede, vom Afro-Gesocks. Pisthetairos (Günter Franzmeier) und Kumpan Euelpides (Till Firit) sind nämlich weg aus Athen, um einen migrantenresistenten Ort zu suchen. Den finden sie bei den Vögel – keine Steuern, keine Schulden versprechen König Wiedehopf (Thomas Kamper) und sein Sekretär Marabu (Alexander Lhotzky). Na, da kann man doch bleiben. Und sinistre Pläne schmieden. Heißt: Ein Zwischenreich zwischen Menschen unten und Göttern oben schaffen und so beide in die Knie zwingen. Am Ende siegt der schlimmste Schurke. Pisthetairos. Und die Moral von der Geschicht‘: Moral hilft dir im Leben nicht.

Schulte-Michels arbeitet bei allem circensisch-caotischem Bühnentohuwabohu diesen Aspekt klar heraus: Ein freies Volk wird in eine Diktatur getrieben, von der man ihm auch noch einredet, sie wäre seine Idee gewesen. Der Kannibalismus ist selbst gewählt, die Knechtschaft sozusagen an der Urne angekreuzt, weil da zwei so schön reden und so viel versprechen können. Wo sollte man da anfangen mit historischen und aktuellen Querverweisen? Aristophanes‘ Athen-Schelte steht nur für den Anfang. Schelm, denk’s dir doch aus, sagt Schulte-Michels. Das „Würzelchen, das beflügelt“, davon hat der ganze Abend einen großen Bissen genommen. Auf der Wolkenkuckucksheim-Treppe, dem Verbindungsstück der Welten, nisten die schrägsten, die schrillsten Vögel seit der Erfindung der Laufmasche in Strumpfhosen. Kostümbildnerin Tanja Liebermann hat die Nähmaschine zum Durchdrehen gebracht, bunte Pussy-Riot-Wollmützen und Silberkleidchen erfunden, Federhüte und -boas, Tutus und Tatas. Und zwei, drei Untergatten, diesmal aber blütenrein. Ohne die kann Schumi nicht. Während also die Hetz und die Hatz losgehen, hat Schulte-Michels die Antike immer im Auge: Ein Chor zwitschert beziehungsweise krächzt mit „Schuhu“ Patrick Lammer einwandfreie, vielseitig zotige Lieder bis die Ohren bluten, Franzmeier und Firit alias Protagonist und Antagonist spielen mit den Worten Ping Pong. Und der Gewinner mit den meisten Silben pro Sekunde ist … Nicht immer ist wegen Glöckchengeläut, Trommelwirbel, Beckenschlag alles gut hörbar. Macht nichts. Wer den meisten Lärm macht, ist der Überflieger. Und globales Verständnis doch das Faustschlagwort der Stunde.

Die Volkstheatertruppe glänzt wie meist durch eine hervorragende Ensembleleistung. Man ist hier auf einander eingespielt; Franzmeier und Firit wie zwei Seiten einer Münze. Zahl‘, sagt die eine, sonst rollt der Kopf, sagt die andere. Alle anderen hat die Vogelgrippe voll erwischt. Sehr schön Wiedehopf-Kamper, dessen Federkrone wie die aus dem Weltmuseum entliehene Rache des Montezuma aussieht. Ein Indianer-Zombie. Oder er ist bei all dem Stress schon in der Schreckmauser. Man will doch nisten ohne Kolonisten. Und dann liefert erst Ronald Kuste als ungeratener Sohn ein Kabinettstück ab, bevor der Gesetzes-Macher-Mensch (Günther Wiederschwinger) auftaucht. Wunderbar: Die Bürokratie als Wiedergänger. So oft kann man sie den Vögeln gar nicht zum Zerhacken vorwerfen, dass sie totzukriegen wäre. Patrick O. Beck ist ein einwandfreier Prometheus; die blutige Leber notdürftig verbunden, verkündet er den Niedergang der Götter. Die schicken denn auch Unterhändler: Rainer Frieb als Poseidon, Haymon Maria Buttinger als Triballer und Erwin Ebenbauer als kochbegeisterten Herakles, der mit glänzendem Goldhaar und neckischem Negligée jeden Senioren-Drag-Queen-Wettbewerb gewinnen würde. Sie müssen Pisthetairos schließlich den Blitz des Zeus aushändigen. Von all den irren Szenen bleibt eine im Hirn hängen, in der es Schulte-Michels ins katholische Kuttenlager verschlägt. Wiedehopf, Marabu und Schuhu als Vorbeter in liturgischen Gewändern. Sehet die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht  und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Nein, nein, es erntet schon jeder, was er sät. Nur die Gerechtigkeit ist dabei keine Maßeinheit.

Oder am Volkstheater vielleicht doch. Schulte-Michels und seine Mitverschwörer haben viel Lust und Liebe in ihr Projekt gesteckt und wurden mit viel Applaus dafür belohnt. Jemand sollte mal mit Fürst Albert reden. Möglicherweise bepreist man den Spielmacher beim Zirkusfestival von Monte Carlo ja mit dem Goldenen Clown.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/thomas-schulte-michels-im-gespraech

Wien, 15. 9. 2014

Thomas Schulte-Michels im Gespräch

September 8, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volkstheater: „Die Vögel“

Tany Gabriel, Günter Franzmeier, Till Firit und Komparserie Bild: © Lalo Jodlbauer

Tany Gabriel, Günter Franzmeier, Till Firit und Komparserie
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 14. September zeigt Thomas Schulte-Michels – als Abschluss des Tags der offenen Tür zur 125-Jahr-Feier des Volkstheaters – seine Inszenierung von Aristophanes‘ „Die Vögel“: Geplagt von Schulden und von vielen Zuwanderern, die dem Staat auf der Tasche liegen und den Frieden stören, suchen die zwei Athener Pisthetairos („der seine Gefährten Überzeugende“) und Euelpides („der das Gute Hoffende“) eine bessere Welt. Fündig werden sie bei den Vögeln, die sie von der Gründung einer Stadt überzeugen – dem zum Sprichwort gewordenen „Wolkenkuckucksheim“, das es mit einer Mauer abzugrenzen gilt. Aus dieser strategisch idealen Lage zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Reich der Menschen und dem Reich der Götter, könnten die Vögel wieder zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückfinden: über Menschen und Götter zu herrschen. Die Nachricht von diesem möglichen Paradies spricht sich schnell herum; rasch fügen sich die Menschen den neuen Hierarchien, zwielichtige Gestalten begehren Einlass und die Götter, denen man die von der Erde aufsteigenden Opferdämpfe wegfängt, versuchen, ihrer bedrohten Lage Herr zu werden. Mit Hilfe von Prometheus setzt sich Pisthetairos über die Vögel hinweg, greift nach dem Blitz des Zeus – und damit nach absoluter Macht … Diese 414 v. Chr. in Athen uraufgeführte Komödie erweist sich trotz ihrer zweieinhalbtausend Jahre alten Geschichte als überraschend aktuell. Thomas Schulte-Michels wird „Die Vögel“ als politische Allegorie mit 17 SchauspielerInnen und 25 KomparsInnen auf die Bühne bringen. Ein Gespräch:

MM: Sie haben die vergangene Saison am Volkstheater mit „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/volkstheater-die-letzten-tage-der-menschheit/ beendet, nun eröffnen Sie die neue mit „Die Vögel“ und entführen das Publikum ins Wolkenkuckucksheim. Wieder eine Art Irrenhaus. Warum haben Sie sich für Aristophanes entschieden? 

Thomas Schulte-Michels: Weil er ein uralter aktuellster Autor ist. Er hat 414 v. Chr. ein nach wie vor brandaktuelles Stück geschrieben : eine Geschichte der Manipulation. Leider haben wir uns, in unserer scheinbar aufgeklärten Zeit von diesem Manipulieren und Manipuliert werden nicht verabschieden können. Es finden sich immer wieder welche, die bereitwilligst den Orgon geben und welche, die der Tartuffe sind.

MM: Die Volkstheater-Textfassung ist von Ihnen. Was haben Sie aus dem überreichen Stoff herausgefiltert?

Schulte-Michels: Theater ist kein Museum. Man muss die alten Stoffe und Geschichten aus ihrer Zeit abholen und einem heutigen Publikum verständlich machen. Vieles aus dem Einst ist uns heute unverständlich ; das schmeiße ich raus. Wenn die Leute ins Theater gehen, haben sie zu Recht den Anspruch, dass sie unterhaltend, ihnen etwas über sie erzählt wird, was vor ihnen andere wohl auch schon mal betroffen hat. Das ist erzählens- und darstell-wert. Und hierbei sind sie nicht mit ausuferndern Geschichtsbalast zu belästigen und zu langweilen. Damit fällt aus vielen Vorlagen schon mal eine beträchtliche Menge an Textmaterial weg. Und es bleibt ein Konzentrat auf nichts mehr Wegzulassendes. Kurz: Stück + Stoff – Optimierung durch konzentrierende Minimalisierung halten den Zuseher interessiert und wach. Meine Inszenierungen dauern in der Regel um die 100 Minuten. Da habe ich der SMS-Generation ohnedies schon große Aufmerksamkeit abverlangt. In dieser Zeitspanne lässt sich kompakt und konzentriert viel „verhandeln“ .Ich hab mich dann „aus“- erzählt. Alles mehr an Länge wäre mir quälende Strapazierung bis Vernichtung ausgeliehener Lebenszeit.

MM: „Die Vögel“ waren von Aristophanes angelegt als politische Satire, in der sich die Athener ungern wieder erkannt haben und darüber nicht glücklich waren. Sie machen’s wohl etwas distanzierter?

Schulte-Michels: Ich spiele nicht auf euren ehemaligen Finanzminister an, falls das die Frage ist. Ich beziehe mich generell auf unangenehme Zeitgenossen in unserem Gesellschafts –System. Die da handeln nach dem : Wie gelingt es mir mit Hilfe anderer über die Köpfe anderer hinweg nach oben zu kommen; oben angekommen heisst’s dann unverblümt: So, ihr Idioten, jetzt sag’ ich euch wo’s langgeht. Ein Repräsentant dieser unangenehmen Spezies ist der Aristophanes – Pisthetairos .Typen wie den gab es , die gibt es , die wird’s geben…die sind einfach da… überall und immer wieder .. ein universelles, Pestresistentes Radikalunkraut in unserer turbokapitalistichen, darwinistischen Welt. Zu viele passen in in dieses Schema. Vom Janusköpfigen Putin, über den Kopftuch – Erdogan bis zu den Terror Autokraten des ISis „Kalifats“. Die Bergpredigt steht auf verlorenem Posten.

MM: Sie wollen zwar weg vom Mythologischen, aber Prometheus und Herakles gibt es in Ihrer Inszenierung trotzdem.

Schulte-Michels: Ohne über – menschliche Figuren geht’s doch auch heute nicht: Egal, ob Glocken läuten, von Minaretten gerufen oder Zettel in eine Mauer gesteckt werden, immer wird uns verkündet: Mein göttlicher Impresario ist der Wahrhaftige, der richtige. Und unter diesem Schirm von Offenbarungsversprechungen lässt sich eine Menge „gestalten“. Dass der Mensch ganz offensichtlich ein Depot braucht, in das er Selbst -Verantwortung delegieren kann, in das er einzahlt und hofft, dass er irgendetwas „höheren Orts „ zurückbekommt, das gilt nach wie vor. Die Aufklärung hat’s schwer. Der Libertin hat schlechte Karten .

MM: Agnostiker oder Athestist?

Schulte-Michels: Agnostiker. Ich komme aus der katholischen Ecke, bin aber zu lax und zu schlampig, um den augustinischen Gottesbeweis zu widerlegen. Zum Atheisten reichts nicht. Ich bin der ungläubige Thomas, da haben meine Eltern kein falsches Etikett gezogen.

MM: Es gibt Menschen, die verströmen natürliche Autorität. Und andere, denen die Macht von einer Gruppe Schwächlinge verliehen wird. Im Reich der Idioten ist ein Kretin König.

Schulte-Michels: Den aber nur die Epauletten dazu machen.

MM: Ihre Inszenierungen kennend, meine ich, Sie haben einen Hang zum Skurrilen, Satirischem.

Schulte-Michels: Ist das so? Na ja, wenn ich nur das fotografiere, was auf dem Bordstein steht – ich hatte auch meine Phase des fotografischen Dokumentiertheaters -, dann ist mir das inzwischen zu langweilig, das interessiert mich nicht mehr. Ich bin zum Kasperltheater zurückgekommen. Mehr ist nicht.

MM: Die Kostüme von Tanja Liebermann wirken wie ein Mix aus Geisterbahn, Vermummungsverbot und Pussy Riot …

Schulte-Michels: Das haben Sie schön gesagt, da würde ich nichts negieren wollen. (Er lacht.) Ja, alles was uns im Moment begegnet. Mit Tanja Liebermann arbeite ich gern zusammen; ich bin ja kein Bühnenbildner, sondern Raummacher, Ich bin Bauhaus-Fan: Design follows Function. Nix Dekor..Funktionales! Ich mache eine weitgehenst leere Vitrine und sage: Tanja, stell’ mir da die Menschen rein. Ich mag den auch austattungsmässig konzentrierten Minimalismus, damit die Leute, die sich da oben abmühen, möglichst viel Raum fürs Eigentliche haben.Wir sind die Serviceabteilung, Support für die Schauspieler.

MM: Wie wird der Raum diesmal sein?

Schulte-Michels: Die Treppe, die wir schon vom „Revisor“ kennen…ist auch da. Die ist ein Sinnbild für das „Dazwischen“ Dazwischen ist die Luft. …unten: Menschenwelt…Mitte: Vögel…oben: Götter. So hat das der Autor auch vorgegeben. Außerdem steht das Hinaufsteigen einer Treppe auch für das Erklimmen von Macht. Das uralte von Unten nach Oben. Die von Unten setzen sich an der Spitze der Bewegung, schalten die bisherigen Machthaber aus. Und Fehltritte darf man sich nicht erlauben, sonst fällt man.

MM: Sie halten Ihr Ensemble also wieder fit.

Schulte-Michels: Ja, ja, da muss der Meniskus was aushalten. Alle müssen schwer trainieren, auch ich, sonst geht das überhaupt nicht. Dafür haben bei der Premiere alle eine flotte Wade.

MM: Pisthetairos, dargestellt von Günter Franzmeier, ist der Spielmacher. Ist er auch die Hauptrolle?

Schulte-Michels: Ich habe viel Monologisches aufgeteilt…. auf ihn, den Pistethairos und Till Firit, den Euelpides – so wird durch „Duettisierung“ das dramatische Potential „freigelegt“, durch die personelle Aufstockung von einem auf zwei Akteure bekommt das Inhaltliche mehr Dynamik. Es gibt ein Wechselspiel, einen Schlagabtausch. Die beiden sind wie Wladimir und Estragon, wie Laurel und Hardy. Dieses Duo wird zum Quartett erweitert durch Thomas Kamper als König Wiedehopf und seinen Sekretär „Marabu“ Alexander Lhotzky. Gute Menschen sind sie alle nicht. Mit guten Menschen auf der Bühne habe ich meine Probleme. Und es endet bei mir zum Schluss auch nicht „lustig“.

 MM: Ans Theater als moralische Anstalt glauben Sie also?

Schulte-Michels: Anstalt mit Unterhaltungswert. Wenn überhaupt Anstalt…. Wir haben im Theater die Möglichkeit, auf etwas zu verweisen, nicht etwas zu verändern. Veränderung ist eine maßlose Überschätzung. Wir müssen uns nicht einbilden, etwas bewirken zu können. Aber wir sind ja die subventionierten Narren – und Narren waren immer diejenigen, die gesagt haben: Da stinkt’s! Kratzer am Lack kriegen wir mitunter schon hin!

MM: In einem Interview, das ich gelesen habe, haben Sie sich als „Teamplayer“ bezeichnet. Mannschaftskapitän, Trainer oder Sportdirektor?

Schulte-Michels: Der Sportdirektor kann nicht direkt etwas auf dem Spielfeld bewirken, der braucht seine Spieler…die brauchen Gott sei Dank auch ihn…sonst wäre ich arbeitslos. Ich kriege von Freund Schotti (Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg, Anm.) einen Sandkasten zur Verfügung gestellt und er sagt zu mir: Jetzt mach’ schöne Förmchen mit den Kameraden da drin. Dann muss ich mir überlegen, will ich eine Sandburg oder eine Treppe bauen oder ein Sandloch buddeln…Dann budeln alle mit…… Primus inter Pares ist der Job schon. Die Spielregeln müssen klar sein. Ich hasse Übergriffe, halte aber sehr viel davon, mit denen im Sandkasten auf Augenhöhe zu spielen. Und das ist ein Punkt, der am Volkstheater mit allen off- und on – Stage – Menschen ausnahmslos hervorragend klappt. Deshalb komme ich gern ans Haus. Es gibt hier ein einmaliges Miteinander. Das ist nicht immer die Regel!

MM: Das Wolkenkuckucksheim ist ein auch ein Sehnsuchtsort, an den sich viele wünschen. Wie wäre Ihres?

Schulte-Michels: Ich hab’s nicht so mit Wolken. Ich bette mich lieber in Wolle. Ich lebe mit meiner Frau und sehr zufrieden im dörflich-grossstädtischen Basel, die Beine, die unter meinem Hintern hängen, funktionieren noch. Wenn meine Arbeit nicht mehr an der Zeit angedockt ist oder ob ich nur noch Trampelpfadtheater mache, heißt: mir selbst hinterher renne. … dann würde ich aufhören. Ohne Pensionsschock. Aber auch ohne Hängematte. Langeweile kenne ich nicht, zum Glück kann ich mich ganz gut beschäftigen. Ich würde dann Radfahren am Rhein….solange die Beine …funktionieren.

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125 Jahre Volkstheater: Tag der offenen Tür! www.volkstheater.at/home/spielplan/1737/125+Jahre+Volkstheater+

Wien, 8. 9. 2014