Kammerspiele: Suff

Februar 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dies Ärgernis ist kaum wegzuspülen

An die Gläser, fertig, los: Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Marianne Nentwich und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

Prinzipiell nie kommt es vor, dass man die Kammerspiele der Josefstadt verlässt, und nicht weiß, wie man’s finden soll. Doch, diesmal. Thomas Vinterbergs wie immer gemeinsam mit Mogens Rukov verfasster Text „Suff“ hinterlässt einen rat- und sprachlos. Dabei sind es keine moralischen Überlegungen, die einen bei dieser Ode an den Alkohol ins Wanken bringen, da müsste man früh anfangen, Darstellungen des Trinkers gibt es seit der Erfindung von Kunst und Kultur, sondern jeglicher fehlende Mehrwert.

„Mehr Schicksal“, meinte eine Zuschauerin nach der Premiere, hätte sie sich gewünscht. Doch, nein, das ist es nicht. Nicht jeder, der säuft, hat „ein Schicksal“. Aber ein Ausloten der Figuren, ein Tiefergraben in Beziehungen, deren Motivation und Antrieb, hätte man sich wohl erwarten dürfen. „Suff“ ist ein schlechtes Stück. Und nur der Regie von Alexandra Liedtke und der schauspielerischen Leistungen von Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Therese Lohner, Marianne Nentwich und Martin Niedermair ist es zu danken, dass da irgendwas über die Bühne kommt.

Handlung? Gibt es. Vier in die Jahre gekommene Freundinnen versammeln sich regelmäßig, um sich zu betrinken. Kein Damenspitzerl ist es, was sie anstreben, sondern der echte, ehrliche Vollrausch. Das stellt der Sohn der Wohnungsinhaberin, in der derlei Bordeaux- und Cointreau-Orgien stattfinden, der Mutter ein Ultimatum: Nüchtern oder nicht mehr die Enkelkinder sehen. Raimund Orfeo Voigt hat dafür ein passendes Bühnenbild gefunden: eine viel zu hoch installierte Wohnzimmertür und einen Parcours aus leeren Flaschen.

Darin tummelt sich nun die MacDonald als Hedwig, um für Jacob/Niedermair und seinen Anhang ein Weihnachtsessen samt Karpfen zu servieren. Boykottiert wird sie von Schüsseleders Irma, die das eigene Weinglas in der Handtasche mit sich trägt, Nentwichs Marion, die stets die passenden Herren zum Amüsement wählt, und Lohners Constance, die gleich zu Beginn bei der Tür hereinkotzt. Man befindet sich in der besseren Wiener Gesellschaft, die Damen sind gewesene Ärztinnen, Pianistinnen und Balletttänzerinnen. Hedwig hat den Flaschenöffner als Kette um den Hals hängen.

Erst der Vollrausch macht den Mann: Marianne Nentwich, Elfriede Schüsseleder, Martin Niedermair und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

So beginnt nun also der Streit, ob „Spaß haben“ nicht doch ein Selbstzerstörungsmodus ist; wo sich in der Realität Menschen Ängste und Ärgernisse wegspülen, gelingt Zweiteres hier nicht. Und am „Höhepunkt“ steht Sohn Jacob als der wahre Verlierer da, den Unzufriedenheit und Einsamkeit zerfressen. Also, schnell vier, fünf, sechs Martinis gekippt, dann traut er sich seinen Nebenbuhler windelweich zu schlagen und seine Frau zurückzugewinnen. Die seine neue Männlichkeit übrigens sehr goutiert.

Worauf das Alkoholikerinnenquartett natürlich anstoßen muss. Dem ist nichts hinzuzufügen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=K_fvi4I3Ukk

www.josefstadt.org

  1. 2. 2018

Thomas Vinterbergs „Die Kommune“

April 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Akademietheater auf die Kinoleinwand

Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

In der Kommune wird basisdemokratisch über alles abgestimmt. Über fast alles. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Die 1970er-Jahre waren bewegte Zeiten. Von den Protesten gegen den Vietnamkrieg bis zur Volksabstimmung gegen Zwentendorf. Von den Gratis-Schulbüchern über die Durchsetzung der 40-Stunden-Woche bis zum Kampf für die Fristenlösung und gegen Atomkraft. Wesentliche Errungenschaften des modernen österreichischen Sozialstaats sind geistige Kinder dieses Jahrzehnts.

Zur Revolution stiefelte man in lebensbedrohlichen Plateauschuhen. Und Nina Hagen zeigte im Club 2, wie’s geht und wo’s gut tut. Ach, Bürgerschreck wollte, nein: musste! man sein, und welch ein Glück, die ließen sich damals auch noch schrecken. Waren empört über Peter Zadeks „Othello“, schrien Skandal zu Franz Novotnys „Staatsoperette“, liefen Sturm gegen Claus Peymanns Geldsammelaktion für Gudrun Ensslins Zahnersatz.

Freilich, neben den Bastillestürmern gab es die, die in der guten Absicht picken blieben. Sie quasi die Stammeltern der Bobos, changierend zwischen nonkonformistisch und konservativ, also je nach Lebenslage in der Lage, die Haltung zu wählen, die gerade zweckdienlich ist. Solche zeigt der Däne Thomas Vinterberg in seinem jüngsten Film „Die Kommune“, der am 22. April in den heimischen Kinos anläuft. Im September 2011 hat er sein Stück am Akademietheater uraufgeführt. Wien ist bis dato weltweit die einzige Stadt geblieben, in der diese Bühnenversion zu sehen war, Joachim Meyerhoff spielte den Erik, Regina Fritsch seine Frau Anna, nun adaptierte der Dogma-Filmer seinen Stoff für die Kinoleinwand. Nicht eins zu eins – Vinterberg hat sowohl Handlung als auch Charaktere weiterentwickelt. Da er die Mitte vierzig überschritten hat, scheint er weniger sarkastisch über das Wesen des Menschen und mit mehr Mitgefühl und Verständnis über dessen Natur ausgestattet zu sein. Was sich vor allem im geänderten, versöhnlicheren Schluss zeigt. Nur Erik ist ein Arschloch geblieben. Dass er ein solches ist, sagt auch der Autor und Regisseur über seine Figur.

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Vinterberg, selber ein Kommunenkind, zeigt auf heitere und anrührende Art eine Wohngemeinschaft, die antritt, um alles anders zu machen – und letztlich genau an diesem Anspruch scheitert. Er entwirft ein Porträt einer Generation, die sich am eigenen Idealismus und dem Willen zur gesellschaftspolitischen Veränderung aufreibt, weil tradierte Regelwerke und gestrige Grenzziehungen nicht so leicht aus den Gehirnen zu schütteln sind, wie man’s gern hätte. In diesem Sinne ist „Die Kommune“ ein Film dieser Tage.

Architekturprofessor Erik hat eine großzügige Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel geerbt, seine Frau Anna, als Nachrichtenmoderatorin von mittlerer Berühmtheit, ist begeistert, nur übersteigen die Erhaltungskosten des Hauses die finanziellen Möglichkeiten der beiden. Also beschließt das Paar, das konventionelle Familienleben mit Tochter Freja hinter sich zu lassen, und mit Freunden und ein paar neuen Bewerbern eine Kommune zu gründen. Der Alltag ist erst kunterbunt, wiewohl der eine von des anderen Laissez-faire mitunter auch genervt ist, aber wer will schon der spießige Spielverderber sein … Doch dann verliebt sich Erik in seine Studentin Emma, und weil er ja der Hausherr und es die Zeit der freien Liebe ist, lässt er sie einziehen. So entsteht ein unflotter Dreier, der nicht nur Anna aus der Bahn wirft.

Vinterbergs Aufmerksamkeit gilt diesmal dieser Anna. Und Trine Dyrholm spielt sie klug und warmherzig und zunehmend verzweifelt und stark, weil für ihre Liebe opferbereit. Man möchte sie schütteln und fragen: Hast du sie noch alle, dass du für diesen …? Doch nicht einmal steigender Alkoholkonsum und Weinkrämpfe rauben Anna die Würde. Zu Recht wurde die fabelhafte Schauspielerin für ihre Darstellung bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ulrich Thomsen versucht sich zwischen Folkmusik und Blümchensex durchs von ihm angerichtete Geschehen zu lavieren. Thomsen ist weniger dominant als Meyerhoff, mehr be­trop­pezt aus der Wäsche schauendes Würschtl als es der Burgschauspieler war, hinter der linken Fassade ein rechter Choleriker, dem sein Ausflug ins Temperament aber jedesmal einen Ohnmachtsanfall beschert. Er tauscht die ältere, blonde, verständnisvolle Gefährtin gegen die jüngere, blonde, verständnisvolle Gefährtin – und Helene Reingaard Neumann, tatsächlich Vinterbergs zweite Ehefrau und der Film somit auch eine höchst private Angelegenheit, verkörpert sie mit der kindfraulichen Unschuld einer Brigitte Bardot. Et Dieu créa la Femme, nicht nur, was den Schmollmund betrifft.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft platzt, wenn zu sehr aufgebläht. So gesehen stellt Vinterberg ein ganzes System infrage und zeigt dazu, weil Anna ja beim Fernsehen, Zeitpolitik. Pol Pot und Hồ Chí Minh und den Streit der dänischen sozialdemokratischen Regierung mit der Gewerkschaft und Europa erschüttert vom RAF-Terrorismus. Man muss nur oft genug links abbiegen, um rechts zu landen; in einer wunderbaren Szene bewirbt sich der gebürtige Beiruter Fares Fares in der Rolle des Allon als neuer Mitbewohner. Und schon steht die Vision vom friedlichen Zusammenleben Kopf und die Gruppenbefragung heißt nicht mehr „Wie geht es dir?“, sondern „Was will der hier?“, vor allem Erik mutiert kurz zum Fascho – wie entlarvend das ist. Wir helfen wirklich gern, solange die Hilfesuchenden nicht an unsere Haustür klopfen. Wo Menschen aufeinandertreffen, sagt Vinterberg, ist es immer schon so … gar nicht bösartig, aber irgendwie…

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Rundum entwirft der Regisseur sein Kommunarden-Panoptikum. Seine Figuren sind nun der Scherenschnittartigkeit des Theaters entwachsen, seine Schauspieler gestalten mit zarten Andeutungen und kleinen Gesten ihre Charaktere als Menschen. Julie Agnete Vang etwa ist als Mona nicht mehr so kampfemanzipiert, sondern hört auch einmal zu, Lars Ranthe als Ole gibt wohldosiert kauzig den einzig echten Bohémien.

Martha Sofie Wallstrøm Hansen ist entzückend als hin- und hergerissene Freja. Man möchte sie warnen, läuft sie doch in ihrer ersten Verliebtheit genauso einem pseudoliberalen Typen mit in Wahrheit Alleinherrscheranspruch in die Arme, wie ihr Vater einer ist. Vinterberg packt den schwelenden Konflikt in weiches Licht und nostalgische Bilder. Das hatte man schon fast vergessen wollen, dass der Bad-Hair-Day damals Alltagsnorm war und wildgemusterte Häkelware die angesagteste Klamotte. Ins eiskalte Badewasser springen alle gemeinsam. Natürlich nackt.

Am Schluss wird die Gemeinschaft die Störenfriedin, deren Verletztheit als Feindseligkeit ausgelegt wird, ausschließen. Wird ein Unschuldiger sterben. Wird aus dem Ende ein Neuanfang entstehen. Vinterberg ist ein leiser, ans Herz gehender Film gelungen, darüber, wie wir sind und wie wir sein wollen, über das sich deswegen Bemühen und darob Scheitern und Weitermühen. In „Die Kommune“ menschelt es. Was schöneres könnte man über diese Arbeit sagen?

www.kommune-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=X5waXGOuR0I

Thomas Vinterberg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=1330

Ausstellung auf der Schallaburg „Die 70er – Damals war Zukunft“: www.mottingers-meinung.at/?p=17758

Wien, 18. 4. 2016

Thomas Vinterberg kehrt zurück zu seinen Wurzeln

April 8, 2013 in Film

 „Die Jagd“ mit Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen

Mit seinem Film „Das Fest“ hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg 1998 einen viel beachteten Beitrag zum Thema Kindesmissbrauch vorgelegt, ein Thema, das auch im Mittelpunkt seines neuesten, siebten Spielfilms „Die Jagd“ steht. Vinterberg kehrt sozusagen back to the roots. Doch wählte der Filmemacher, der auch schon am Wiener Burgtheater („Das Begrabnis“, inhaltlich Teil 2 von „Das Fest“) inszenierte, diesmal eine ungewöhnliche „Täter“-Perspektive. Daraus hätte der Mitbegründer der revolutionären Dogma 95-Bewegung einen so spannenden Thriller über Schuld und Unschuld schaffen können, dass er eines Alfred Hitchcock würdig gewesen wäre. Der Master of Suspence hat das Wrong-Man-Prinzip ja gleichsam erfunden: Ein Unschuldiger wird einer Tat bezichtigt, die er nicht begangen hat, und ist den Rest des Films beschäftigt, dies zu beweisen… Vinterberg kann sich zwar auf seinen herausragenden Hauptdarsteller, Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen („Casino Royale“) verlassen, doch ist er von Anfang an so bemüht, ihm das Ich-war’s-nicht-Zeichen aufs Hirn zu stempeln, dass Spannung, falscher Verdacht und seine furchtbaren Folgen, Psychotortur, Hexenjagd beziehungsweise jegliches „Wer Gewalt sät“ auf der Strecke bleiben.

Zum Inhalt: Ein bis dato unbescholtener Kindergärtner (Mikkelsen) wird von einem Mädchen aus Zorn des Missbrauchs beschuldigt. Kaum ist die Kleine sich ihrer Lüge bewusst, reiht sich schon Suspendierung auf Drohung auf Schläge auf Tötung des Familienhundes. Mikkelsen verwickelt sich großartig in diese Spirale des Grauens. Nur der Regisseur. Der war sich offenbar nicht sicher, ob er ein Sozialdrama oder eine Satire über den „Gedanken als Virus“ (siehe Interview) drehen wollte. So ist etwa Mikkelsens Vorgesetzte von einer derart Comic-haften Bosheit, dass sie es beinah schafft, die ohnedies schon heftige Schwarz-Weiß-Zeichnung des Plots zu sprengen. Dass der Konflikt ausgerechnet am Heiligen Abend in der Kirche (!) eskaliert, ist auch so eine Sache. Und: ACHTUNG, SPOILERALARM! In den letzten zehn Minuten springt der Film zwei Jahre in die Zukunft zu einem völlig unglaubhaften Happy-End.

Dennoch: Mads Mikkelsen, der vom sensiblen Sympathieträger zum gehetzten Außenseiter avanciert, beim Leiden zuzusehen ist ein Vergnügen; und Vinterberg hat nicht verlernt, den Finger auf die Wunde gesellschaftlicher Gewaltbereitschaft zu legen. In dieser filmischen Versuchsanordnung muss sich das Kinopublikum die Fragen und Fangfragen eben selber stellen. Das ist auch eine Kunst großer Dramen.

Interview mit Thomas Vinterberg:

Wie kamen Sie auf das Thema?

Bild: Thimfilm

Bild: Thimfilm

In einer dunklen Winternacht 1999 klopfte es an meiner Tür. Dort im Schnee stand ein renommierter dänischer Kinderpsychologe mit jeder Menge Unterlagen unterm Arm, der von Kindern und ihren Phantasien faselte. Er sprach von Konzepten wie der „unterdrückten Erinnerung“. Und – noch viel verstörender – über seine Theorie, dass „der Gedanke ein Virus“ sei. Ich ließ ihn nicht hinein. Die Unterlagen las ich nicht. Sondern ging ins Bett. Zehn Jahre später brauchte ich einen Psychologen. Ich rief ihn an und las – aus verspäteter Höflichkeit – endlich seine Unterlagen. Ich war schockiert und fasziniert. Und hatte das Gefühl, dass darin eine Geschichte steckte, die erzählt werden musste. Die Geschichte einer modernen Hexenjagd. DIE JAGD ist das Ergebnis dieser Lektüre.

Was waren die größten Schwierigkeiten, denen Sie beim Dreh gegenüber standen?

In unserem Film spielen sowohl ein Kind als auch ein Hund eine entscheidende Rolle. Normalerweise stellt das beides eine große Herausforderung dar. Aber in diesem Fall waren beide hervorragend und machten alles genauso, wie man es von ihnen verlangte. Und das mit großem Talent und ebensolcher Präzision. „Guck nach rechts und weine… Guck nach links und bell!“ Das klappte alles hervorragend. Der Effekt ist enorm berührend. Und besonders teuer ist es auch nicht. Deswegen kann ich die Arbeit mit Kindern und Hunden jetzt jedem nur ans Herz legen. Aber auch sonst verliefen die Dreharbeiten übrigens überraschend reibungslos.

DIE JAGD wurde anlässlich seiner Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2012 mit dem Preis für den Besten Darsteller sowie mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Außerdem gewann der Film den Europäischen Filmpreis für das Beste Drehbuch und wurde in vier weiteren Kategorien nominiert. Was bedeutet Ihnen das?

Ich fühle mich geehrt, nicht zuletzt in Anbetracht der restlichen Wettbewerbsbeiträge. Ein erleseneres Programm kann man sich ja kaum vorstellen. Ein Festival wie Cannes treibt Regisseure immer zu künstlerischer Hochform an. Ohne Orte wie Cannes wäre die europäische Filmlandschaft nichts als ein zugefrorener Teich…

Was können wir als nächstes von Ihnen erwarten?

Tobias Lindholm, mit dem ich DIE JAGD und auch schon SUBMARINO („Submarino“, 2010) schrieb, und ich haben uns entschlossen, unsere Zusammenarbeit fortzusetzen. Wir sitzen gerade an einem Film, der den Alkoholkonsum feiert. Außerdem arbeite ich an einem Projekt über die wundervolle und verrückte Kommune, in der ich aufgewachsen bin, sowie an ein paar anderen Sachen.

www.diejagd-film.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 4. 2013

Lachen, bis der Weihnachtsmann kommt

Februar 9, 2013 in Bühne

Der Dogma-Filmer brachte im Akademietheater sein Stück „Die Kommune“ zur Uraufführung. Ein Lacherfolg.

Rolle rückwärts. In eine Zeit, als die Linke allmählich begann, sich rechts zu überholen. Als Elisabeth Noelle-Neumann ihre Theorie der Schweigespirale formulierte (weil die feige Mehrheit die Pappn hält, kriegt eine goscherte Minderheit recht). Wo’s von der WG Richtung Ich-AG ging.

Rolle rückwärts ins Jahr 1975. Kopenhagen.

Hier siedelt Thomas Vinterberg sein neues Stück „Die Kommune“ an. Der dänische Filmemacher, der mit Lars von Trier das „Dogma 95“-Keuschheitsgelübde ablegte, und dessen bekanntestes Werk das Missbrauchsdrama „Das Fest“ ist, war selbst Kommunenkind.
Eine Binsenweisheit, dass die besten Geschichten das Leben schreibt. Und so beschreibt Autor und Regisseur Vinterberg, der die Story beim Proben mit dem Schauspielkollektiv entwickelte, eine Situation, die auf die eine oder andere Art bekannt ist:

Masse ohne Macht

Ein Freundeskreis im Selbstzerstörungsmodus, weil einer einen neuen Partner einbringt, mit dem’s nicht passt. In „Die Kommune“ ist es Gründer/ Vater Erek, der seine langjährige Lebensgefährtin Anna sitzen lässt, weil er sich verliebt hat. Und der seine Neue, Emma, miteinziehen lässt. Und der auf leise Proteste der Mitbewohner vom Kuschelkommunarden zum Alphatier mutiert.

Sein Haus, seine Regeln.

So viel zum Basisdemokratie-Bla-Bla, unter dessen Deckmäntelchen vorher sogar abgestimmt wurde, ob die Vegetarier auch Fleisch einkaufen müssen.
Oder ob man die leere Bierkasse aus der Haushaltkasse nachfüllen soll (alle Männer sind dafür).
Es ist nicht die Welttragödie, es ist die kleine, persönliche, genauso schlimme, die Inhalt von Vinterbergs Familienaufstellung ist. Und mag man’s belanglos, banal finden – ja, so ist das Leben.

Dabei ist Vinterberg für seine Begriffe ungewohnt ausgelassen heiter. Wie er die Spießbürgerlichkeit seiner Freidenker entlarvt. Wie er die geheuchelte Patchwork-Harmonie platzen lässt. Wie er an der Idee bastelt, dass das Verteilen von Partnerproblemen auf mehrere diese nur potenziert.

Tanz und Musik

All das bietet viel Raum für die wunderbaren Darsteller. Sie füllen ihn. Und wie! Mit Slapstick. Mit nacktem Klavierspiel (Tilo Nest) oder einer Headbanging-Performance zu „Hot Stuff“ (Dietmar König).

Im Mittelpunkt aber stehen Joachim Meyerhoff als Erek, ausgestattet mit einem Verständnisvoll-Grinsen, hinter dem die Gefährlichkeit lauert. Und Regina Fritsch als Anna, wie immer top, wenn sie Widersacherin Emma (Adina Vetter fletscht nur in Ereks Abwesenheit die Bissgurn-Zähne) mit spitzzüngigen Seitenhieben geißelt, um ihre Verletztheit zu kaschieren.
Sie alle machen Vinterberg das schönste Geschenk. Sie spielen seine Figuren nicht, sie leben und atmen sie. Auf der Bühne menschelt’s. Sehr sympathisch ist das.

Fazit: Und jetzt wird ein Film draus

Das Stück: Schrieb Vinterberg wie stets gemeinsam mit seinem ehemaligen Lehrer Mogens Rukov. Geistig verwandt mit Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“. Nur metzelt hier die Neue Linke der 70er-Jahre.

Inszenierung: Naturtrüb, spritzig, erfrischend. Sonderlob für den Soundtrack von Donna Summer bis Jethro Tull. Im KURIER-Gespräch versprach Vinterberg, bei Erfolg einen Film draus zu machen. Los geht’s!

Schauspieler: Entfesselt, allesamt. Regina Fritsch zeigt wieder welch große Klasse sie hat.

 

Thomas Vinterberg im Interview

Thomas Vinterberg ist bühnenreif. Der Dogma-Filmer inszeniert am Akademietheater sein Stück „Die Kommune“.

Die Burg eröffnet die Saison am 10. 9. mit einem Star. Des Kinos. Thomas Vinterberg zeigt nach „Das Begräbnis“ 2010 ein Stück Jugend. In Orange.

MM: „Die Kommune“ ist Ihre zweite Uraufführung an der Burg. Ihnen gefällt’s hier.
Thomas Vinterberg: Das Haus hat mit Matthias Hartmann einen sehr innovativen, couragierten Chef. Er hat mich erst davon überzeugt, Theater zu machen. Das ist also nicht meine zweite Uraufführung, sondern überhaupt das zweite Mal in meinem Leben Theaterarbeit. Hartmann stellt mich auf dünnes Eis -, aber das imponiert mir, obwohl ich vielleicht untergehe. Ich habe mit „Das Fest“ einen Film gemacht, der als Theaterstück um die Welt ging. Jetzt versuche ich es anders herum. Ich schreibe, während wir proben.

Wie funktioniert das?
Wunderbar. Hektisch. Die Schauspieler und ich haben vereinbart, dass es nichts Privates gibt, ab dem Moment, in dem sie auf der Bühne stehen. Also erzählen sie ihre Familiengeschichten, Momentaufnahmen des Lebens, und ich gestalte daraus den Text. Dessen generelles Thema ist Zusammengehörigkeit. In „Die Kommune“ geht es um das Ende des Zusammengehörigkeitsgefühls, das Ende einer Zeit, einer Familie, einer Ideologie.

Sagt Ihnen der Name Otto Mühl etwas?
Ja. Und ich habe verstanden, dass die österreichische Idee von Kommunen sehr stark an seine Person und den von ihm verübten Kindesmissbrauch gebunden ist.

Sie sind in einer Kommune aufgewachsen.
Und bei uns gab es keinen Kindesmissbrauch. Da lebten einfach eine Menge verrückter Menschen in einem Haus, die versuchten, zu einer Sache eine Übereinkunft zu finden. Was
ihnen nie gelang. So ist mein Leben bis heute. Jede Filmcrew ist eine Kommune. „Dogma“ ist auch nur ein Haufen Wahnsinniger, die gemeinsam von einer Klippe sprangen, in der Hoffnung, dass unten Wasser ist. Wir sagten damals: F*** you, wir versuchen’s.

Ist der Begriff „Dogma“ nicht seltsam für die Erfindung eines Hippie-Kindes?
Ja. Ein Hippie zu sein, bedeutete, sich für Freiheit und die Zerstörung von Regeln zu entscheiden. „Dogma“ war auf verschiedenste Weise die Herstellung von Regeln. Ich habe ein Bedürfnis danach. Bis zu einem gewissen Grad. Ein Hippie-Kind zu sein, bedeutete nämlich auch, viel Unordnung ertragen zu müssen, emotionale und tatsächliche. Ich habe es gehasst, dass wir nicht zwei gleiche Gläser hatten. Die Kehrseite aller Freiheit, ist, dass man in dieser Vielzahl an Menschen leicht verschwinden kann. Und niemand merkt es. Ich habe Mutter und Vater oft vermisst.

Die Kommune ist keine dänische Erfindung, aber Kopenhagen hat immerhin den Freistaat Christiania, …
… der in einem verheerenden Zustand ist. Drogendealer haben die Macht übernommen. Die letzten Hippies sitzen frustriert herum, die Regierung macht ihnen das Leben schwer. Trotzdem ist es unsere Nummer-eins-Touristenattraktion.

… sind die Dänen offener als die Österreicher?
Ja. An Wien stören mich am meisten die unfreundlichen Kellner. Ich gehe seit Monaten täglich ins Café Landtmann, und die Ober behandeln mich, als würden sie mich weder kennen noch jemals wiedersehen wollen.

Der herbe Charme der Wiener Kaffeehauskellner.
Von dem habe ich gehört. Trotzdem gewöhne ich mich nicht daran. Aber verstehen Sie mich recht: Ich mag Wien, vor allem, weil ich das Gefühl habe, hier schert man sich nicht um den Rest der Welt. Ihr raucht, ihr trinkt, wie es euch gefällt. Ihr habt in der Stadt kaum Kinos, dafür unzählige Theater. Ich liebe das.

Die Familie ist in Ihren Arbeiten als „Keimzelle der Gesellschaft“ ein großes Thema.
Familie ist für mich etwas Biologisches, vor dem es kein Entrinnen gibt. Man ist Teil davon, ob man mag oder nicht. Es interessiert mich, wie Menschen mit der einzigen Einrichtung ihres Leben zurechtkommen, die sie sich nicht aussuchen können. „Das Fest“ war entsprechend klaustrophobisch, mein Brüderfilm „Submarino“ war das Sehnen nach Familie. „Die Kommune“ ist nun ihre Desintegration, die Zerstörung.

Ich habe gelesen, Sie geben Ihren Arbeiten Farben?
Genau. „Die Kommune“ ist voll Leben, sentimental, also orange, warm und matschig. „Submarino“, eine kalte, grausame Story, war ein eisiges, klares Blau.

Und „Das Fest“?
War Schwarz. In Skandinavien haben wir großartige Künstler, Strindberg, Ibsen, Bergmann, die unserer Tradition, das Dunkle zu lieben, frönen. Das hat damit zu tun, dass wir so viele Monate das Sonnenlicht vermissen. In der Dunkelheit liegt aber das gute Drama. Wir lieben stillen Horror. Ihr aber auch: Haneke ist ein sehr präziser Beobachter des Grauens.

Mit „Dogma“ erfanden Sie eine neue Art Filme. Wann erfinden Sie ein neues Theater?
Oh Gott! ( Er lacht. ) Ich muss erst einmal lernen, ein Stück zu schreiben. Am Theater bin ich Amateur.

Ihren nächsten Film …?
… drehe ich im November. Ein finsterer Weihnachtsfilm, in dem eine Lüge, die immer weiterverbreitet wird, wahr wird und einen Menschen zerstört.

Zum Stück: „Die Kommune“

Inhalt: Zum zweiten Mal nach seiner „Fest“-Fortsetzung „Das Begräbnis“ (nächste Vorstellung: 11. 9., Burgtheater) hat Vinterberg für Wien ein Stück geschrieben, das er auch inszeniert. In „Die Kommune“ wird deren Gründerin von ihrem Mann verlassen, weil er eine Jüngere liebt. Emma zieht ein – und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Besetzung: Es spielen u. a. Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Dietmar König, Fabian Krüger, Joachim Meyerhoff, Tilo Nest.