Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

Juli 13, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Oscar-Gewinner kommt endlich ins Kino

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Den Oscar in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 nahm der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg mit nach Hause. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“:

www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist „Der Rausch“ ein im Wortsinn berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis. COV19-, heißt: Lockdown-bedingt immer wieder verschoben, kommt der Film am 16. Juli nun endlich in die heimischen Kinos. Hier noch einmal die Filmkritik vom April: Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide.

Und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat. Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im vergangenen Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorische Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=45870

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

13. 7. 2021

Academy Awards: Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

April 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Trinkerdrama ist nominiert für zwei Oscars

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Der prominenteste Name auf der Liste der Anwärter für den Academy Award in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 ist wohl der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal

dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“: www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist Vinterberg außerdem mit einer Nominierung in der Kategorie Beste Regie bedacht. Unter den Mitbewerbern um den Auslands-Oscar: die österreichische Koproduktion „Qua vadis, Aida?“ von Jasmila Žbanić (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45395). „Der Rausch“ kommt voraussichtlich am 23. April in die heimischen Kinos.

Ein berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis

Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide – und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat.

Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im letzten Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorischen Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

9. 4. 2021

Kammerspiele: Suff

Februar 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dies Ärgernis ist kaum wegzuspülen

An die Gläser, fertig, los: Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Marianne Nentwich und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

Prinzipiell nie kommt es vor, dass man die Kammerspiele der Josefstadt verlässt, und nicht weiß, wie man’s finden soll. Doch, diesmal. Thomas Vinterbergs wie immer gemeinsam mit Mogens Rukov verfasster Text „Suff“ hinterlässt einen rat- und sprachlos. Dabei sind es keine moralischen Überlegungen, die einen bei dieser Ode an den Alkohol ins Wanken bringen, da müsste man früh anfangen, Darstellungen des Trinkers gibt es seit der Erfindung von Kunst und Kultur, sondern jeglicher fehlende Mehrwert.

„Mehr Schicksal“, meinte eine Zuschauerin nach der Premiere, hätte sie sich gewünscht. Doch, nein, das ist es nicht. Nicht jeder, der säuft, hat „ein Schicksal“. Aber ein Ausloten der Figuren, ein Tiefergraben in Beziehungen, deren Motivation und Antrieb, hätte man sich wohl erwarten dürfen. „Suff“ ist ein schlechtes Stück. Und nur der Regie von Alexandra Liedtke und der schauspielerischen Leistungen von Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Therese Lohner, Marianne Nentwich und Martin Niedermair ist es zu danken, dass da irgendwas über die Bühne kommt.

Handlung? Gibt es. Vier in die Jahre gekommene Freundinnen versammeln sich regelmäßig, um sich zu betrinken. Kein Damenspitzerl ist es, was sie anstreben, sondern der echte, ehrliche Vollrausch. Das stellt der Sohn der Wohnungsinhaberin, in der derlei Bordeaux- und Cointreau-Orgien stattfinden, der Mutter ein Ultimatum: Nüchtern oder nicht mehr die Enkelkinder sehen. Raimund Orfeo Voigt hat dafür ein passendes Bühnenbild gefunden: eine viel zu hoch installierte Wohnzimmertür und einen Parcours aus leeren Flaschen.

Darin tummelt sich nun die MacDonald als Hedwig, um für Jacob/Niedermair und seinen Anhang ein Weihnachtsessen samt Karpfen zu servieren. Boykottiert wird sie von Schüsseleders Irma, die das eigene Weinglas in der Handtasche mit sich trägt, Nentwichs Marion, die stets die passenden Herren zum Amüsement wählt, und Lohners Constance, die gleich zu Beginn bei der Tür hereinkotzt. Man befindet sich in der besseren Wiener Gesellschaft, die Damen sind gewesene Ärztinnen, Pianistinnen und Balletttänzerinnen. Hedwig hat den Flaschenöffner als Kette um den Hals hängen.

Erst der Vollrausch macht den Mann: Marianne Nentwich, Elfriede Schüsseleder, Martin Niedermair und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

So beginnt nun also der Streit, ob „Spaß haben“ nicht doch ein Selbstzerstörungsmodus ist; wo sich in der Realität Menschen Ängste und Ärgernisse wegspülen, gelingt Zweiteres hier nicht. Und am „Höhepunkt“ steht Sohn Jacob als der wahre Verlierer da, den Unzufriedenheit und Einsamkeit zerfressen. Also, schnell vier, fünf, sechs Martinis gekippt, dann traut er sich seinen Nebenbuhler windelweich zu schlagen und seine Frau zurückzugewinnen. Die seine neue Männlichkeit übrigens sehr goutiert.

Worauf das Alkoholikerinnenquartett natürlich anstoßen muss. Dem ist nichts hinzuzufügen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=K_fvi4I3Ukk

www.josefstadt.org

  1. 2. 2018

Thomas Vinterbergs „Die Kommune“

April 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Akademietheater auf die Kinoleinwand

Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

In der Kommune wird basisdemokratisch über alles abgestimmt. Über fast alles. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Die 1970er-Jahre waren bewegte Zeiten. Von den Protesten gegen den Vietnamkrieg bis zur Volksabstimmung gegen Zwentendorf. Von den Gratis-Schulbüchern über die Durchsetzung der 40-Stunden-Woche bis zum Kampf für die Fristenlösung und gegen Atomkraft. Wesentliche Errungenschaften des modernen österreichischen Sozialstaats sind geistige Kinder dieses Jahrzehnts.

Zur Revolution stiefelte man in lebensbedrohlichen Plateauschuhen. Und Nina Hagen zeigte im Club 2, wie’s geht und wo’s gut tut. Ach, Bürgerschreck wollte, nein: musste! man sein, und welch ein Glück, die ließen sich damals auch noch schrecken. Waren empört über Peter Zadeks „Othello“, schrien Skandal zu Franz Novotnys „Staatsoperette“, liefen Sturm gegen Claus Peymanns Geldsammelaktion für Gudrun Ensslins Zahnersatz.

Freilich, neben den Bastillestürmern gab es die, die in der guten Absicht picken blieben. Sie quasi die Stammeltern der Bobos, changierend zwischen nonkonformistisch und konservativ, also je nach Lebenslage in der Lage, die Haltung zu wählen, die gerade zweckdienlich ist. Solche zeigt der Däne Thomas Vinterberg in seinem jüngsten Film „Die Kommune“, der am 22. April in den heimischen Kinos anläuft. Im September 2011 hat er sein Stück am Akademietheater uraufgeführt. Wien ist bis dato weltweit die einzige Stadt geblieben, in der diese Bühnenversion zu sehen war, Joachim Meyerhoff spielte den Erik, Regina Fritsch seine Frau Anna, nun adaptierte der Dogma-Filmer seinen Stoff für die Kinoleinwand. Nicht eins zu eins – Vinterberg hat sowohl Handlung als auch Charaktere weiterentwickelt. Da er die Mitte vierzig überschritten hat, scheint er weniger sarkastisch über das Wesen des Menschen und mit mehr Mitgefühl und Verständnis über dessen Natur ausgestattet zu sein. Was sich vor allem im geänderten, versöhnlicheren Schluss zeigt. Nur Erik ist ein Arschloch geblieben. Dass er ein solches ist, sagt auch der Autor und Regisseur über seine Figur.

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Ultimative Aussprache: Trine Dyrholm als Anna und Ulrich Thomsen als Erik. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Erik verliebt sich in Emma: Ulrich Thomsen und Helene Reingaard Neumann. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Vinterberg, selber ein Kommunenkind, zeigt auf heitere und anrührende Art eine Wohngemeinschaft, die antritt, um alles anders zu machen – und letztlich genau an diesem Anspruch scheitert. Er entwirft ein Porträt einer Generation, die sich am eigenen Idealismus und dem Willen zur gesellschaftspolitischen Veränderung aufreibt, weil tradierte Regelwerke und gestrige Grenzziehungen nicht so leicht aus den Gehirnen zu schütteln sind, wie man’s gern hätte. In diesem Sinne ist „Die Kommune“ ein Film dieser Tage.

Architekturprofessor Erik hat eine großzügige Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel geerbt, seine Frau Anna, als Nachrichtenmoderatorin von mittlerer Berühmtheit, ist begeistert, nur übersteigen die Erhaltungskosten des Hauses die finanziellen Möglichkeiten der beiden. Also beschließt das Paar, das konventionelle Familienleben mit Tochter Freja hinter sich zu lassen, und mit Freunden und ein paar neuen Bewerbern eine Kommune zu gründen. Der Alltag ist erst kunterbunt, wiewohl der eine von des anderen Laissez-faire mitunter auch genervt ist, aber wer will schon der spießige Spielverderber sein … Doch dann verliebt sich Erik in seine Studentin Emma, und weil er ja der Hausherr und es die Zeit der freien Liebe ist, lässt er sie einziehen. So entsteht ein unflotter Dreier, der nicht nur Anna aus der Bahn wirft.

Vinterbergs Aufmerksamkeit gilt diesmal dieser Anna. Und Trine Dyrholm spielt sie klug und warmherzig und zunehmend verzweifelt und stark, weil für ihre Liebe opferbereit. Man möchte sie schütteln und fragen: Hast du sie noch alle, dass du für diesen …? Doch nicht einmal steigender Alkoholkonsum und Weinkrämpfe rauben Anna die Würde. Zu Recht wurde die fabelhafte Schauspielerin für ihre Darstellung bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ulrich Thomsen versucht sich zwischen Folkmusik und Blümchensex durchs von ihm angerichtete Geschehen zu lavieren. Thomsen ist weniger dominant als Meyerhoff, mehr be­trop­pezt aus der Wäsche schauendes Würschtl als es der Burgschauspieler war, hinter der linken Fassade ein rechter Choleriker, dem sein Ausflug ins Temperament aber jedesmal einen Ohnmachtsanfall beschert. Er tauscht die ältere, blonde, verständnisvolle Gefährtin gegen die jüngere, blonde, verständnisvolle Gefährtin – und Helene Reingaard Neumann, tatsächlich Vinterbergs zweite Ehefrau und der Film somit auch eine höchst private Angelegenheit, verkörpert sie mit der kindfraulichen Unschuld einer Brigitte Bardot. Et Dieu créa la Femme, nicht nur, was den Schmollmund betrifft.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft platzt, wenn zu sehr aufgebläht. So gesehen stellt Vinterberg ein ganzes System infrage und zeigt dazu, weil Anna ja beim Fernsehen, Zeitpolitik. Pol Pot und Hồ Chí Minh und den Streit der dänischen sozialdemokratischen Regierung mit der Gewerkschaft und Europa erschüttert vom RAF-Terrorismus. Man muss nur oft genug links abbiegen, um rechts zu landen; in einer wunderbaren Szene bewirbt sich der gebürtige Beiruter Fares Fares in der Rolle des Allon als neuer Mitbewohner. Und schon steht die Vision vom friedlichen Zusammenleben Kopf und die Gruppenbefragung heißt nicht mehr „Wie geht es dir?“, sondern „Was will der hier?“, vor allem Erik mutiert kurz zum Fascho – wie entlarvend das ist. Wir helfen wirklich gern, solange die Hilfesuchenden nicht an unsere Haustür klopfen. Wo Menschen aufeinandertreffen, sagt Vinterberg, ist es immer schon so … gar nicht bösartig, aber irgendwie…

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg "Kollektivet", Polyfilm

Problemlösungsversuche bei Tisch. Bild: Thomas Vinterberg „Kollektivet“, Polyfilm

Rundum entwirft der Regisseur sein Kommunarden-Panoptikum. Seine Figuren sind nun der Scherenschnittartigkeit des Theaters entwachsen, seine Schauspieler gestalten mit zarten Andeutungen und kleinen Gesten ihre Charaktere als Menschen. Julie Agnete Vang etwa ist als Mona nicht mehr so kampfemanzipiert, sondern hört auch einmal zu, Lars Ranthe als Ole gibt wohldosiert kauzig den einzig echten Bohémien.

Martha Sofie Wallstrøm Hansen ist entzückend als hin- und hergerissene Freja. Man möchte sie warnen, läuft sie doch in ihrer ersten Verliebtheit genauso einem pseudoliberalen Typen mit in Wahrheit Alleinherrscheranspruch in die Arme, wie ihr Vater einer ist. Vinterberg packt den schwelenden Konflikt in weiches Licht und nostalgische Bilder. Das hatte man schon fast vergessen wollen, dass der Bad-Hair-Day damals Alltagsnorm war und wildgemusterte Häkelware die angesagteste Klamotte. Ins eiskalte Badewasser springen alle gemeinsam. Natürlich nackt.

Am Schluss wird die Gemeinschaft die Störenfriedin, deren Verletztheit als Feindseligkeit ausgelegt wird, ausschließen. Wird ein Unschuldiger sterben. Wird aus dem Ende ein Neuanfang entstehen. Vinterberg ist ein leiser, ans Herz gehender Film gelungen, darüber, wie wir sind und wie wir sein wollen, über das sich deswegen Bemühen und darob Scheitern und Weitermühen. In „Die Kommune“ menschelt es. Was schöneres könnte man über diese Arbeit sagen?

www.kommune-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=X5waXGOuR0I

Thomas Vinterberg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=1330

Ausstellung auf der Schallaburg „Die 70er – Damals war Zukunft“: www.mottingers-meinung.at/?p=17758

Wien, 18. 4. 2016

Thomas Vinterberg kehrt zurück zu seinen Wurzeln

April 8, 2013 in Film

 „Die Jagd“ mit Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen

Mit seinem Film „Das Fest“ hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg 1998 einen viel beachteten Beitrag zum Thema Kindesmissbrauch vorgelegt, ein Thema, das auch im Mittelpunkt seines neuesten, siebten Spielfilms „Die Jagd“ steht. Vinterberg kehrt sozusagen back to the roots. Doch wählte der Filmemacher, der auch schon am Wiener Burgtheater („Das Begrabnis“, inhaltlich Teil 2 von „Das Fest“) inszenierte, diesmal eine ungewöhnliche „Täter“-Perspektive. Daraus hätte der Mitbegründer der revolutionären Dogma 95-Bewegung einen so spannenden Thriller über Schuld und Unschuld schaffen können, dass er eines Alfred Hitchcock würdig gewesen wäre. Der Master of Suspence hat das Wrong-Man-Prinzip ja gleichsam erfunden: Ein Unschuldiger wird einer Tat bezichtigt, die er nicht begangen hat, und ist den Rest des Films beschäftigt, dies zu beweisen… Vinterberg kann sich zwar auf seinen herausragenden Hauptdarsteller, Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen („Casino Royale“) verlassen, doch ist er von Anfang an so bemüht, ihm das Ich-war’s-nicht-Zeichen aufs Hirn zu stempeln, dass Spannung, falscher Verdacht und seine furchtbaren Folgen, Psychotortur, Hexenjagd beziehungsweise jegliches „Wer Gewalt sät“ auf der Strecke bleiben.

Zum Inhalt: Ein bis dato unbescholtener Kindergärtner (Mikkelsen) wird von einem Mädchen aus Zorn des Missbrauchs beschuldigt. Kaum ist die Kleine sich ihrer Lüge bewusst, reiht sich schon Suspendierung auf Drohung auf Schläge auf Tötung des Familienhundes. Mikkelsen verwickelt sich großartig in diese Spirale des Grauens. Nur der Regisseur. Der war sich offenbar nicht sicher, ob er ein Sozialdrama oder eine Satire über den „Gedanken als Virus“ (siehe Interview) drehen wollte. So ist etwa Mikkelsens Vorgesetzte von einer derart Comic-haften Bosheit, dass sie es beinah schafft, die ohnedies schon heftige Schwarz-Weiß-Zeichnung des Plots zu sprengen. Dass der Konflikt ausgerechnet am Heiligen Abend in der Kirche (!) eskaliert, ist auch so eine Sache. Und: ACHTUNG, SPOILERALARM! In den letzten zehn Minuten springt der Film zwei Jahre in die Zukunft zu einem völlig unglaubhaften Happy-End.

Dennoch: Mads Mikkelsen, der vom sensiblen Sympathieträger zum gehetzten Außenseiter avanciert, beim Leiden zuzusehen ist ein Vergnügen; und Vinterberg hat nicht verlernt, den Finger auf die Wunde gesellschaftlicher Gewaltbereitschaft zu legen. In dieser filmischen Versuchsanordnung muss sich das Kinopublikum die Fragen und Fangfragen eben selber stellen. Das ist auch eine Kunst großer Dramen.

Interview mit Thomas Vinterberg:

Wie kamen Sie auf das Thema?

Bild: Thimfilm

Bild: Thimfilm

In einer dunklen Winternacht 1999 klopfte es an meiner Tür. Dort im Schnee stand ein renommierter dänischer Kinderpsychologe mit jeder Menge Unterlagen unterm Arm, der von Kindern und ihren Phantasien faselte. Er sprach von Konzepten wie der „unterdrückten Erinnerung“. Und – noch viel verstörender – über seine Theorie, dass „der Gedanke ein Virus“ sei. Ich ließ ihn nicht hinein. Die Unterlagen las ich nicht. Sondern ging ins Bett. Zehn Jahre später brauchte ich einen Psychologen. Ich rief ihn an und las – aus verspäteter Höflichkeit – endlich seine Unterlagen. Ich war schockiert und fasziniert. Und hatte das Gefühl, dass darin eine Geschichte steckte, die erzählt werden musste. Die Geschichte einer modernen Hexenjagd. DIE JAGD ist das Ergebnis dieser Lektüre.

Was waren die größten Schwierigkeiten, denen Sie beim Dreh gegenüber standen?

In unserem Film spielen sowohl ein Kind als auch ein Hund eine entscheidende Rolle. Normalerweise stellt das beides eine große Herausforderung dar. Aber in diesem Fall waren beide hervorragend und machten alles genauso, wie man es von ihnen verlangte. Und das mit großem Talent und ebensolcher Präzision. „Guck nach rechts und weine… Guck nach links und bell!“ Das klappte alles hervorragend. Der Effekt ist enorm berührend. Und besonders teuer ist es auch nicht. Deswegen kann ich die Arbeit mit Kindern und Hunden jetzt jedem nur ans Herz legen. Aber auch sonst verliefen die Dreharbeiten übrigens überraschend reibungslos.

DIE JAGD wurde anlässlich seiner Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2012 mit dem Preis für den Besten Darsteller sowie mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Außerdem gewann der Film den Europäischen Filmpreis für das Beste Drehbuch und wurde in vier weiteren Kategorien nominiert. Was bedeutet Ihnen das?

Ich fühle mich geehrt, nicht zuletzt in Anbetracht der restlichen Wettbewerbsbeiträge. Ein erleseneres Programm kann man sich ja kaum vorstellen. Ein Festival wie Cannes treibt Regisseure immer zu künstlerischer Hochform an. Ohne Orte wie Cannes wäre die europäische Filmlandschaft nichts als ein zugefrorener Teich…

Was können wir als nächstes von Ihnen erwarten?

Tobias Lindholm, mit dem ich DIE JAGD und auch schon SUBMARINO („Submarino“, 2010) schrieb, und ich haben uns entschlossen, unsere Zusammenarbeit fortzusetzen. Wir sitzen gerade an einem Film, der den Alkoholkonsum feiert. Außerdem arbeite ich an einem Projekt über die wundervolle und verrückte Kommune, in der ich aufgewachsen bin, sowie an ein paar anderen Sachen.

www.diejagd-film.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 4. 2013