Die Erscheinung

März 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Welche Wahrheiten braucht ein Wunder?

Ein Wunder oder doch Geschäftemacherei? Die 18-jährige Novizin Anna wird umringt von Gläubigen: Galatéa Bellugi. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dass Regisseur Xavier Giannoli ihm das Drehbuch auf den Leib geschrieben hat, macht sich ab der ersten Szene bemerkbar. Frankreichs Leinwandstar Vincent Lindon schlüpft nicht nur in die Rolle des schwer traumatisierten Kriegsberichterstatters Jacques Mayano, er hat sich diesen Charakter anverwandelt. Zu Beginn von Giannolis aktuellem Film „Die Erscheinung“, ab 15. März in den heimischen Kinos, sieht man ihn in einem syrischen Hotelzimmer.

Sein bester Freund, ein Fotograf, ist gerade während der Arbeiten zu einer Reportage erschossen worden, und Mayano putzt mit einem Handtuch das blutbefleckte Objektiv von dessen Kamera. Später, zurück in Paris, wird er zum Schrecken seiner Frau, die Fenster mit Kartons verrammeln. Ohne, dass diese seelischen Wunden vernarbt wären, setzt ihn das Schicksal auf die Fährte eines angeblichen Wunders. Der Anruf kommt vom Vatikan höchstselbst, wo man wünscht, der absolut integere, für seine messerscharfen Analysen bekannte Journalist möge in einem Provinzkaff den Fall einer jungen Frau namens Anna untersuchen, die von so aufsehenerregenden Marienerscheinungen berichte, dass die Ströme der Katholiken die Kleinstadt mittlerweile regelrecht überfluten. Diesem Mysterium soll Jacques als Teil einer kanonischen Untersuchungskommission aus Geistlichen, Historikern und Psychiatern auf den Grund gehen. Und tatsächlich, als er ankommt, wird er von einem Pilgerbus beinahe überfahren und gerät in einen Jahrmarkt von nach Erlösung suchenden Menschenmassen.

Die Kamera von Eric Gautier schwebt über diesen Beladenen, die andächtig zu einer Marienstatue aufsehen, und selten wurde eifrige Entrückung in der Mimik so eindrücklich festgehalten, wurde die Kraft eines Wallfahrtsorts auf so elegische Weise im Bild gebannt. Dann aber schwenkt er frech über Heilige Jungfrauen en miniature – in Schneekugeln. Und während unter den Begutachtern die Horrorfilmworte „Exorzismus“ und „Satans Werk“ fallen, fragt sich der Betrachter, wie lukrativ die Geschäftemacherei mit den Devotionalien wohl ist. Ein Zynismus, der am Drama abprallen muss. Denn Xavier Giannoli zeigt große Achtung vor dem Glauben und den Gläubigen.

Skeptisch liest Journalist Jacques Mayano die Vatikan-Akte über die Marienerscheinungen: Vincent Lindon. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Die Erscheinung“ ist keine reißerische Abrechnung mit der Religion, sondern ein leiser, unaufgeregter Film, ohne Voreingenommenheit und ohne Dogmatismus, weder anmaßend noch arrogant, Giannoli auf Augenhöhe mit dem Thema, stets Beobachter, nie Beurteiler. Doch, wer Subtext lesen will, der kann. Wenn Giannoli die Schuld der Nonnen zeigt, deren täglich Brot das Befüllen von Decken mit Gänsedaunen ist – denn diese stammen immer aus tierquälerischem Lebendrupf.

Wenn Bischof und Pater einen kirchenpolitischen Autoritätsstreit austragen, der der Sache in keiner Weise dient, andererseits, wenn im improvisierten, riesigen Gebetszelt ein „Flüchtlinge willkommen“-Transparent weht und Annas Beschützer Père Borrodine, dargestellt von Patrick d’Assumçao, eine Predigt gegen „die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ hält. Wieder andererseits, wenn Anatole Taubman als deutscher Priester Anton bereits die weltweite Vermarktung des Phänomens Anna samt Fernsehübertragungen bis in die USA plant. Inmitten dieser entlarvenden Sequenzen über Vermögen und Unvermögen der Kirche, tut Giannoli den Teufel, das Geheimnis um Annas Visionen zu lüften.

Das gelingt, durch das wunderbare Nachwuchstalent Galatéa Bellugi, deren Darstellung des süßen Leidens eine Auserwählte zu sein, an Jennifer Jones als Franz Werfels Bernadette erinnert. Bellugis stille Präsenz trägt den Film ebenso wie Lindon mit seinem vom Leben zerknautschten Gauloises-Gesicht und seinem zwischen Zorn und Resignation changierenden Spiel. Alles an Bellugis Anna ist intensiv, scheu, aufrichtig, immer wieder zeigt die Kamera ihr Gesicht in Großaufnahme, und da ist die Einsamkeit und die Niedergedrücktheit dieses von der Menge bedrängten Mädchens beinah mit Händen zu greifen.

Rund um Lindons Journalisten Mayano entwickelt sich ein kompliziertes Verweisspiel. Denn Anna, vom Heim- zum Pflegekind zur Novizin geworden, wird ihm rätselhafter, je mehr er über sie recherchiert. Zwar ist auch er fasziniert von der streng gläubigen Anna, doch zugleich stößt er auf Ungereimtheiten, lose Enden im Lebenslauf, die ein Indiz dafür sein könnten, dass sie Teil einer mächtigen Manipulationsmaschine ist. Indes, je mehr er aufdeckt, umso weniger scheint die Kommission an diesen Zusammenhängen interessiert. Mayano steigt hinab in eine brutale Welt aus Erziehern, Pflegefamilien, ehemaligen Mitinsassen in den Kinderheimen. Und siehe: Die ganze Angelegenheit scheint mehr mit ihm zu tun zu haben, als es ihm zur Wahrung seiner kritischen Distanz recht sein kann. Denn umarmt von Anna macht er eine spirituelle, eine heilende Erfahrung, die er für sich nicht für möglich gehalten hätte …

Doch Anna wird auch Jacques berühren und ihm zu einer spirituellen, heilenden Erfahrung verhelfen: Vincent Lindon und Galatéa Bellugi. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Die Erscheinung“ einen raffinierten Thriller zu nennen, ist nicht verkehrt. Giannoli hat mit französischer Eleganz und psychologischer Präzision inszeniert, und sich nicht der Eitelkeit ergeben, Wahrheiten hinter dem Wunder zu suchen oder das Mysterium bis zum letzten Buchstaben durchzudeklinieren. Dies neben den brillanten Schauspielern die größte Stärke dieses Films, der noch dazu mit Arvo Pärts betörender Musik zu punkten vermag.

www.filmperlen.com/lapparation.html

15. 3. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Sommernachtskomödie Rosenburg: Monsieur Claude und seine Töchter

Juni 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gute-Laune-Abend nach dem gleichnamigen Kinohit

Die Töchter Verneuil: Constanze Passin, Adriana Zartl, Tanja Raunig und Angelika Niedetzky. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Und wieder hat Marcus Ganser einen Komödienhit gelandet. Bei der Sommernachts- komödie Rosenburg zeigt der Regisseur und Bühnenbildner nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Schlafzimmergäste“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt.

Der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit verhandelt werden. Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist Ganser, der diesmal auf ein Bühnenbild aus Puzzlesteinen, die sich ineinander fügen, setzt, vor allem zu danken, indem er die Untiefen des Original-Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen Jahren gedreht und dreht sich immer noch, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Ganser nimmt diese Entwicklungen aufs Korn, und nimmt sie so ernst, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihm überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Ganser hat die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Gansers Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich etwas Sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaßes steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer! Ein „illegaler Familieneinwanderer“, wie er sich selbst nennt.

Die Schwiegersöhne: Morteza Tavakoli, Vincent Bueno und Alexander El Dib. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Väter kommen einander näher: Félix Kama und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Florentin Groll ist als Monsieur Claude einer der Dreh- und Angelpunkte des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Babett Arens ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Adisat Semenitsch als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Die vier Liebespaare gestalten Constanze Passin, Angelika Niedetzky, Tanja Raunig, Adriana Zartl, Alexander El Dib, Vincent Bueno, Morteza Tavakoli und Tino Führer. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, Wortwitz trifft auf französischen Esprit, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Als Tausendsassa zeigt sich Wolfgang Lesky. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, ungläubig auf die Multikulti-Situation fällt. Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Marcus Ganser freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Und während sich’s auf der Bühne tummelt, muss man sich selbst befragen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 6. 2018

Loving Vincent

Dezember 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Van Goghs Gemälde als Kinokrimi

Armand Roulin (Douglas Booth, vorne) betrunken in einer Kneipe. Bild: © Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Eines der ungewöhnlichsten und sicherlich stilvollsten Biopics der vergangenen Jahre kommt morgen in die heimischen Kinos: „Loving Vincent“ erzählt die Lebensgeschichte des genialen Malers Van Gogh – und nebenbei noch einen Krimi. Mehr als 200 Künstler haben dieses Leinwandmeisterwerk geschaffen, das nicht nur schön anzusehen, sondern auch spannend ist.

Frankreich, Sommer 1891. Ein Jahr nach dem Tod Vincent van Goghs taucht plötzlich ein Brief des Künstlers an dessen Bruder Theo auf. Der junge Armand Roulin erhält den Auftrag, den Brief auszuhändigen. Zunächst widerwillig macht er sich auf den Weg, doch je mehr er über Vincent erfährt, desto faszinierender erscheint ihm der Maler, der zeit seines Lebens auf Unverständnis und Ablehnung stieß. War es am Ende gar kein Selbstmord? Wurde Van Gogh ermordet oder Opfer eines Unfalls unter übermütigen Freunden? Entschlossen begibt sich Armand auf die Suche nach der Wahrheit …

Mit diesem erfundenen Plot versuchen die Filmemacher Dorota Kobiela und Hugh Welchman einem den komplexen Charakter Vincent Van Goghs näher zu bringen. Ihren Film gestalteten sie komplett in Ölbildern in dessen Stil. 125 Künstler aus aller Welt kreierten mehr als 65.000 Einzelbilder; Gemälde wie „Sonnenblumen“ oder „Portrait des Dr. Gachet“ strahlen erneut in kräftigen Farben, werden dreidimensional, werden zu Settings, um die die Kamera zu kreisen scheint. Es gibt 94 Gemälde im Film, die in ihrer Form sehr nah am Original sind, und 31 weitere, die im Wesentlichen oder in Teilen mit den Originalen übereinstimmen. Entstanden ist so ein visuell berauschendes Meisterwerk, dessen Farbenpracht und Ästhetik noch lange nachwirken.

Dr. Gachet (Jerome Flynn). Bild: © Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Vincent van Gogh (Robert Gulaczyk). Bild: © Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Die Handlung selbst basiert auf 800 Briefen Van Goghs. Und obwohl es sich um einen Animationsfilm handelt, werden alle Figuren von Schauspielern dargestellt. Die agierten entweder in Sets, die speziell nach den Gemälden van Goghs nachgebaut wurden, oder vor einem Green Screen. Zu sehen sind dem Maler nahestehende Charaktere wie Margaret Gachet (Saoirse Ronan), Adeline Ravoux (Eleanor Tomlinson), Louise Chevalier (Helen McCrory), eben Armand Roulin (Douglas Booth), Dr. Gachet (Jerome Flynn) und der Postbote Roulin (Chris O’Dowd).

Bild: © Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

Dass der Krimiplot ein wenig unausgeglichen und die Dialoge nicht allzu geschliffen sind, mag man dem Film verzeihen. Es heißt Form vor Inhalt. „Sie wollen so viel über seinen Tod wissen, was wissen Sie von seinem Leben?“, fragt eine aufgebrachte Marguerite Armand. Und sie hat Recht. Niemand wird je wissen, was in den letzten Tagen in Van Gogh vorging. So sollte man „Loving Vincent“ sehen: Als Hommage an ein Genie und sein Werk, das biografische Eckdaten und einen neuen Blick auf dessen Bilder liefert.

www.lovingvincent-film.de

  1. 12. 2017

Volksoper: Die Räuber

Oktober 15, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zurücklehnen und genießen

Die dunkle Seite der Macht – Karl inmitten seiner Räuber: Vincent Schirrmacher mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper gibt es zum zweiten Mal seit 1963 eine Inszenierung von Verdis „Die Räuber“ zu erleben – und die Inszenierung krankt vornehmlich an zwei Dingen: An der immer noch verwendeten deutschen Fassung von Hans Hartleb, die so hanebüchen Reim‘-dich-oder-ich-fress‘-dich daherkommt, dass es einem ein Graus ist. Und an dem vollkommen fehlenden Willen zur szenischen Gestaltung des Abends.

Regisseur Alexander Schulin dachte sich offenbar „Zurücklehnen und genießen“, denn dieses kann man mit Dirigent Jac van Steen wunderbar tun. Augen zu und durch! Verdi komponierte „Die Räuber“ 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Veneto fasste er den Entschluss, sich des Stoffes anzunehmen; die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Schillers Stück ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor. Bei der Uraufführung am 22. Juli des Jahres stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, die Aufführung wurde zum Triumph.

Das „Melodramma tragico“ des Meisters ist noch ganz dem Belcanto verpflichtet, dies der ausdrückliche Wunsch der britischen Auftraggeber, lässt aber bereits seine späteren Werke erahnen. Entsprechend verbreitet das Orchester der Volksoper unter van Steen keinerlei Italianitá. Man setzt auf Heftigkeit und Kraft, und beides tut der Theatralik der Oper gut. Van Steen versteht Verdis Theaterinstinkt und dessen Abzielen auf größtmögliche Wirkung. Er spannt die Rezitative wie eine Feder für den folgenden Gefühlsausbruch.

Maximilian, Graf von Moor, ist erschüttert über die Intrigen seines Sohnes Franz: Kurt Rydl und Boaz Daniel mit David Sitka als Herrmann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Amalia leidet unter dem Treiben im Schloss: Sofia Soloviy und Boaz Daniel mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er versteht die Vaterfigur des Maximilian, Graf von Moor, gleich wie in „Rigoletto“ oder „Don Carlo“ als den Kern der Melodieschöpfung, und ergo das Duett Amalia/Franz als erotisch und leidenschaftlich, das von Amalia und Karl aber als keusch und bereits himmelwärts gewandt. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“ Der Chor, Einstudierung: Holger Kristen, ist van Steen die dunkle Seite der Macht – und wie immer an der Volksoper grandios. Das Brüderpaar verkörpern Vincent Schirrmacher als Karl und Boaz Daniel als Franz.

Schirrmacher ist ein Sänger und Schauspieler, wie ihn sich jedes Opernhaus nur wünschen kann. Der Tenor, dessen Stimme sich früher für das italienische Fach als bedingt geeignet erwies, „dreht voll auf“, wenn man’s so flapsig sagen darf, setzt ganz auf die dramatische Verzweiflung seiner Partie – und überzeugt kraftvoll und verwegen gesanglich auf ganzer Linie. Boaz Daniel, seinerseits in der Staatsoper so was wie der „Mann für alle Fälle“, liefert einen korrekten Franz ab. Sein Bösewicht besticht durch seine Trockenheit; Gefühle sind diesem Teufel fremd. Kurt Rydl hat als Maximilian einen „dunklen Abend“.

Er fokussiert seine Stimme auf das Leid seiner Figur, und mit rauem Timbre und merklichem Vibrato gestaltete er einen Vater, der einsehen muss, mehr als eine falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben. Die beste Leistung bietet die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy als Amalia, der gefürchteten Jenny-Lind-Partie, von Verdi der „schwedischen Nachtigall“ auf den Leib geschrieben – und angeblich der Grund für die seltene Aufführung der Oper. Soloviy geht durch diesen Mythos ohne Schaden zu nehmen. Sie hat italienisches Timbre, versteht es, klar zu phrasieren und kann ihre Stimme in höchste Höhen schrauben. Als Hermann und Roller ergänzten David Sitka und Christian Drescher achtbar die Riege der Solistin und der Solisten.

Karl will seinen von Franz in den Tod getriebenen Vater rächen: Kurt Rydl und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was nun die Optik betrifft, hatte Alexander Schulin wenig Einfälle. Nichts ist hier so effektvoll wie die Musik. Das Vorspiel wird ihm zum Celloabend von Roland Lindenthal im Hause Moor. Danach bestimmt ein schwarzer Kubus von Bettina Meyer die Bühne. Er kann sich um die eigene Achse drehen und stellt – siehe Interview im Programmheft – die Innenwelten dar. Die im Schloss und die seelischen. So viel zum Raumkonzept, ah ja, die Bäume im Wald sind Neonröhren. Dazu passen die historisierenden Kostüme von Bettina Walter nicht.

Personenführung gibt es de facto keine. Sämtliche Bewegungen der Solisten und des sonst so spiel- und rollengestaltungsfreudigen Chores sind vorhersehbar (furchtbar, wie Franz mit in der Luft zappelnden Beinchen stirbt); dass Rydls alter Moor auch der Pfarrer Moser ist, fällt nicht weiter auf, man denkt, ein Greis im Nachtgewand … Alle Gesten wirken wie aus den anno-anno-Jahren, als man Opernsängern vorwarf, gerade mal drei Handbewegungen zu beherrschen. Wie Stewardessen beim Erklären des Befindens der Notausgänge.

www.volksoper.at

  1. 10. 2017