Akademietheater: Die Glasmenagerie

Februar 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks

Statt possierliche Glastierchen bizarre Flaschenwesen: Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Tennessee Williams, das ist immer ein wenig Mondlicht und Magnolien. Die verblühten Südstaatenbelles in ihren duftigen Kleidern, umweht von einem Hauch Limonenlimonade, die sie herbeisinniert zuvorkommenden Verehrern kredenzen. Ein Schicksal, so unwillkommen wie unumgänglich – und kein Ausgang nirgendwo …

Nicht so spielt die aktuelle Inszenierung der „Glasmenagerie“ von David Bösch am Akademietheater. Wenn hier etwas weht, dann der Atem des Neorealismo. Bösch zeichnet ein „Tatsachenbild“ im besten Sinne André Bazins; er holt Tennessee Williams in die Gegenwart ohne ihm irgend Gewalt anzutun, diese Wirkung auch ein großes Verdienst der Stückfassung von Jörn van Dyck, doch er lässt ihm seinen Nostalgiezauber dort, wo es in seiner Arbeit auch noch Sinn macht.

Austragungsort der Familienkonflikte ist eine heruntergekommene Mansarde, ein schäbiger, grauer Dachboden, kaum möbliert (Bühne: Patrick Bannwart). Man hat hier nicht schon „bessere Zeiten“ erlebt, man befindet sich tatsächlich in ärmlichsten Verhältnissen, die Mutter, die ihren Vergangenheitstraum träumt, die verkrüppelte, arbeitslose Tochter und der Lagerarbeiter-Sohn, den es zwecks Weltflucht ins Kino zieht. Die Glasmenagerie besteht nicht aus possierlich-filigranen Tierchen, sondern ist aus Flaschen und Flügeln derb-hässlich zusammengeschraubt. Und damit fast so bizarr wie ihre Besitzerin.

Bösch zeigt großes Schauspielertheater ohne allen Schnickschnacks. Er gibt seinem vierköpfigen Ensemble Platz, sich zu entfalten, und das nutzt ihn reichlich. Regina Fritsch gibt die Amanda Wingfield weniger gluckenhaft-versponnen als eine, die die Fäden beisammen halten möchte. Wie sie ihre erwachsenen Kinder bis hin zum Essen maßregelt, macht deutlich, wer in dieser Runde die Beherrschende ist. Und geht’s einmal nicht nach ihrem Willen, schnappen Stimme wie deren Besitzerin am Abschlag über. Ihre absichtsvolle Theatralik ist Mittel zu Tyrannei und Terror.

Ein Kartenspiel sagt mehr als tausend Worte: Sarah Viktoria Frick als Laura, Regina Fritsch als Amanda Wingfield und Merlin Sandmeyer als Tom. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Dem entziehen können sich weder Sarah Viktoria Frick als Tochter Laura, noch Merlin Sandmeyer als Sohn Tom. Immerhin Erzähler Tom ist ein Aufbegehren möglich, bevor er in die Fremde ziehen wird. Sandmeyer versteht in diesen Momenten sehr schön, das Schicksal seiner Figur präsent zu halten, wiewohl es doch deren vorgesehene Aufgabe ist, hinter dem der Frauen zurückzutreten. Frick ist als Laura eine Bösch’sche Idealbesetzung, und so ganz anders als erwartet.

Gar nicht zart und schüchtern und hilfsbedürftig, steht sie bockig in ihren Klumpfußschuhen für ihre Art zu leben ein. Als die Mutter fragt, wie sie sich dieses denn vorstelle, nickt sie mit dem Kopf zu ihrem Glaskarussell. Will da etwa eine ein Glasmenageriegeschäft eröffnen? Es sind derlei kleine Gesten, ein leiser, hintersinniger Humor, mit denen Bösch dem Tennessee-Williams-Text seinen Stempel aufdrückt. Ein pantomimisches Kartenspiel sagt alles über die Konstellationen im Hause Wingfield, eine angedeutete Geschwister-Allianz, ein Einhorn-Schatten wird zum Pegasus und hebt ab, wie auf den Sterntaler regnet’s in einem Glücksmoment durch die offene Dachluke Goldschnipsel auf Laura herab …

Dann Auftritt Jim O’Connor, der Katalysator. Martin Vischer spielt den „netten, jungen Mann“ als solchen, seine Höflichkeit dadurch motiviert, dass Laura ihn noch als Highschoolhelden und dortigen Musicalstar kannte. An der Realität ist dieser Jim nicht weniger gescheitert als alle anderen, doch versteht er es, nach einer poetischen Tanzeinlage à la Astaire, die Reißleine zu ziehen, bevor die Sache mit Laura zu heiß wird. Man ist nicht einmal sicher, ob er die Verlobte Betty dazu nicht auch erfunden hat.

Mit dem Highschool-Jahrbuch: Martin Vischer als Jim O’Connor und Sarah Viktoria Frick als Laura. Bild: Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Doch Böschs Laura hat sich selbstermächtigt, sie wird sich nicht mehr in ihre Fantasiewelt zurückziehen. Im Regen, der nun durch die Luke strömt, wird sie sich ihr altes Leben abwaschen, und auch wenn sie danach wieder mit Mutter am Kartenspieltisch sitzt, macht ihr Zittern deutlich, dass sich etwas in ihr bewegt. Laura, nicht zerstört, sondern neu, weder der Vergangenheit noch der Gunst von Männern ausgeliefert, sondern im Aufbruch gegriffen. So macht man Tennessee Williams heute.

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  1. 2. 2018

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

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  1. 9. 2017

Burgtheater: Die Orestie

März 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten

Die Erinyen besingen für die Götter das Schicksal des Hauses der Atriden: Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Sarah Viktoria Frick, Caroline Peters, Irina Sulaver, Aenne Schwarz und Maria Happel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Gewalt des Bildes schlägt einen vom ersten Augenblick an in Bann. Schwarz ist die Erde, der Himmel verfinstert, purpurdunkles Blut bewegt sich als Rinnsal Richtung Rampe. Mittendrin sieben weißzerlumpte, wie in ihre Hautfetzen gekleidete Gestalten, die Bürger von Argos? – auch, vor allem aber die Erinyen. Beklagen die einen den auf dem Haus der Atriden lastenden Fluch, so die anderen ihr eigenes Schicksal.

Nämlich von Pallas Athene dazu verdammt zu sein, die innerfamiliäre Mord-und-Totschlag-Serie nicht länger anzustacheln, weil, wo Blut fließt, ist immer eine Erinys, und sich dem Recht und der Gerichtsbarkeit der Göttin zu unterwerfen. Dies ist es also, was Regisseur Antú Romero Nunes an Aischylos‘ „Orestie“ interessiert. Die zwangsweise Umwandlung der Rachefurien in den Menschen Wohlgesinnte – und die Frage, wie dauerhaft ihre primitiven Prinzipien mit der Farbe der Demokratie zu übertünchen sind. Nunes stellt damit die Frage zur Zeit, treiben doch gerade weltweit Hasardeure des Populismus ihr übles Spiel mit parlamentarischen Grundregeln, setzen Schreihälse mit ihren Parolen jede Rationalität außer Kraft, wagt sich der überwunden geglaubte völkische Ungeist wieder aus seinem Loch. Es wird sich zeigen, inwieweit das Alte durch ein Neues zu ersetzen ist …

Mit den Schauspielerinnen Caroline Peters, Maria Happel, Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Sarah Viktoria Frick und Irina Sulaver hebt Nunes die Dramentrilogie auf die Bühne des Burgtheaters. Jede von ihnen ist nicht nur eine im Kollektiv Rasende, sondern auch Protagonistin, nicht nur Chormitglied, sondern auch psychologisierte Figur. Denn es gelingt Nunes tatsächlich – soweit Aischylos es zulässt – aus dessen archaischen Archetypen modern anmutende Charaktere zu formen. Da steht der einen die Angst ins Gesicht geschrieben, verzerren sich die Züge einer anderen vor Eifersucht und Wut, verzweifelt eine dritte an ihren Weissagungen.

Kassandra warnt – wann hätte ein Orakel den Menschen je Gutes gebracht: Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra tötet Agamemnon und Kassandra: Caroline Peters, Maria Happel und Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wohl nur am Burgtheater ist eine solch mimische Meisterleistung möglich. Die glorreichen Sieben schaffen es mühelos, die Maskerade zu bedienen, ohne hinter der Maske zu verschwinden. Mit großer Prägnanz gestalten sie ihre Rollen und immer wieder blitzt hinter der Entstellung die Darstellerin auf. Man erkennt sie an ihren unvergleichlichen Stimmen, auch am Gestischen, die Happel, die Petritsch, die Peters.

Die Geschichte des atridischen Schlachthauses ist bekannt, von Iphigenies Opferung über Agamemnons Heimkehr aus Troja mit Kriegsbeute Kassandra und Ermordung beider durch Klytaimestra bis zu Elektras Ruf nach Vergeltung und Orestes, der diesen erhört. Nunes braucht für das Gemetzel knapp zweieinhalb Stunden. Die Kraft, ja die Opulenz seiner Inszenierung liegt in ihrer Reduziertheit. Ein Weniges, ein schneller Feuerzauber, ein rascher Regenguss, genügen ihm, um Atmosphäre zu schaffen. Auch Versatzstücke benötigt er nicht viele. Mit zwei, drei Handgriffen schält sich aus dem Schwarm ein Individuum. Maria Happels lakonisch-komischer, ermüdeter Held Agamemnon trägt als Metapher Kothurn, der heißspornige Orestes von Aenne Schwarz einen überlebensgroßen Kinderkopf aus Pappmaché. Es ist eine der schönsten Ideen dieses exzellenten ästhetischen Konzepts, wie der Vater im Moment des Todes jene sterbliche Hülle abstreift, die der Sohn später anlegen wird.

Caroline Peters als Klytaimestra zischt erst vor devoter Wut, sie schwankt zwischen Götterfurcht und Eifersucht, bis sie triumphierend zum Vergeltungsschlag ausholt. Ihr, der Gerechtigkeit Suchenden, wird in einer starken Szene die Anklage der Erinyen gelten. Barbara Petritsch gibt den Strahlemann und Klytaimestra-Beschlafer Aigisthos mit stolz geschwellter Brust und ist später als Amme eine Klasse für sich. Andrea Wenzel glänzt in einem Kurzauftritt als Kassandra, Sarah Viktoria Frick treibt ihr eigenes Spiel und Bruder Orestes in die Bluttat. Irina Sulaver schließlich tritt als Athene geharnischt aus dem Opferrauch und verkündet mit Donnerstimme die neue Wahrheit. Es folgt Orestes Freispruch.

Der Chor tröstet Elektra: Sarah Viktoria Frick mit Peters, Happel, Schwarz, Sulaver, Wenzl und Petritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra will Orestes besänftigen, doch der Sohn schlüpft in die abgelegte Haut des Vaters: Caroline Peters und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Erinyen, nun in entwürdigende, buntrüschige Kleidchen gewandet, müssen sich scheinbar fügen. Und den Frieden preisen. Doch Obacht, aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten, Europas Angst und Schrecken wird „stets als Wächter vor dem Herzen sitzen“. So schreibt es Aischylos 458 vor Christus. Antú Romero Nunes hat die Aufgabenstellen, dem antiken Drama gerecht zu werden und trotzdem durch eine Handvoll Hinweise aufs Heute zu verweisen, mit Bravour gemeistert. Als der Vorhang fällt, braucht das Publikum einen Moment, um sich von der Bühne zu lösen und im Zuschauerraum anzukommen. Dann folgt großer Jubel und Applaus.

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Wien, 19. 3. 2017

Seefestspiele Mörbisch: Viktoria und ihr Husar

Juli 8, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Weltreise mit wunderbaren Melodien

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Das ist tatsächlich großes Kino! Intendantin Dagmar Schellenberger zeigt bei den diesjährigen Seefestspielen Mörbisch „Viktoria und ihr Husar“ und was Regisseur Andreas Gergen und sein Ausstatter Christian Floeren dazu auf die Neusiedlerseebühne gestellt haben, übertrifft an Opulenz, so möchte man meinen, sogar noch die vergangenen Jahre.

Die beiden laden zu einer Weltreise mit den wunderbaren Melodien von Paul Abraham; sie entzünden lang bevor das eigentliche beginnt ein Feuerwerk an großartigen Ideen und kleinen Gimmicks. Da wechseln sich japanische Pagoden mit einem St. Petersburger Palais und später der ungarischen Puszta ab. Da kann ein Doppeldecker beinah wirklich fliegen, eine Beiwagenmaschine fast ohne Anschieben Fahrt aufnehmen. Da wackelt der goldene Buddha im Takt mit dem Kopf und glitzert der Eifelturm, aber hängt im Grammophon die Nadel, stocken Platte wie Ballett und es gibt kein Weiterkommen. Welch ein Spaß. Und jeder der Mitwirkenden hat Paprika im Blut.

Schellenberger selbst hat sich der Rolle der Viktoria verschrieben. Die ungarische Gräfin wurde Ehefrau des amerikanischen Gesandten John Cunlight, als sie ihren geliebten Husarenrittmeister Stefan Koltay gefallen glaubte. Doch der überlebt die russische Kriegsgefangenschaft und landet auf seiner Flucht just in der US-Botschaft in Tokio. Nun steht Viktoria vor der Gewissensfrage, welchen der beiden Männer sie von Herzen liebt. Schellenberger gestaltet ihren Part ganz Grande Dame mit Augenzwinkern, sie zeigt einmal mehr, wie unterhaltsam, bewegend und mitreißend Operette sein kann, wenn man das Genre im richtigen Maße ernst wie leicht nimmt.

Ihr zur Seite stehen Andreas Steppan als selbstloser Entsager Cunlight, der auch ohne klassische Operettenstimme den Kollegen punkto Ausstrahlung und Charme in nichts nachsteht. Und der fabelhafte Michael Heim als Koltay, der wiewohl im Vorspiel in der sibirischen Steppenlandschaft kurz von der Mikrofonierung gestört, seine Stimme schön zu führen weiß und als aufrechter Held und Ehrenmann berührt. Schließlich ist nicht alles eitel Wonne in diesem Werk, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, teils im bolschewistischen Russland und am Vorabend des Nationalsozialismus spielt.

Gergen lässt in einem ersten Bild Lager anklingen. Ein Innehalten und Nachdenken darüber, was Operette hätte sein können, wären ihre Schöpfer wie eben Abraham und seine Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda nicht von den Nazis vertrieben oder ermordet worden. Abraham, der einstige k.k.-Superstar, starb nach dem Exil in geistiger Umnachtung. Löhner-Beda wurde in Auschwitz totgeschlagen, weil Manager des Chemiekonzerns IG Farben seine Arbeitsleistung bemängelt hatten …

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Dem dramatischen Dreieck, die gewesene Liebesgeschichte zwischen Viktoria und Koltay erzählt Gergen mit einem Balletttänzerduo als wären’s Rückblenden, stehen zwei Buffopaare gegenüber. Alle vier machen sich mit überbordender Spielfreude und einer Prise Frivolität an ihre Rollen. Was ihnen die Lacher des Publikums sichert. Der sympathische Spaßvogel Andreas Sauerzapf und die quirlige Katrin Fuchs geben witzig-spritzig Koltays Burschen Janczi und das Kammerkätzchen Riquette. Verena Barth-Jurca ist als O Lia San entzückend; sie überzeugt nicht nur mit ihrem kristallklaren Sopran, etwa wenn sie ihrem Ferry die 1070 Regeln der glücklichen Ehe vorbetet, sondern auch in den Tanznummern.

Zweiundzwanzig davon hat Simon Eichenberger einfallsreich choreografiert, wie verlangt Foxtrott, Charleston und Csárdásschritte untergebracht, und der sie von den Solisten am gekonntesten umsetzt ist Peter Lesiak als Graf Ferry. Der Sänger der Wiener Volksoper, der dort zuletzt als leidenschaftlicher Student Perchik in „Anatevka“ auffiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19898), überzeugt auch in Mörbisch mit seiner temperamentvollen Art. Er zeigt nicht nur geradezu akrobatische Slapstickeinlagen, sondern steppt auch, dass es eine Freude ist. Mit dem Slowfox-Hit „Mausi, süß warst du heute Nacht“ samt einer Nagetierparade gestaltet er einen der Höhepunkte des Abends. Auch Statisten, Chor und Tänzer sind gut geprobt und vor allem ausgesprochen gut gelaunt.

Musikalische Weltreise von Japan ... Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Musik-Weltreise von Japan … Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

... bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

… bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

David Levi führt das Orchester mit flottem Dirigat durch den Abend. Er versteht es Folklore mit Jazz zu mixen, und überzeugt musikalisch vom Schlager à la „Meine Mama war aus Yokohama“ über die weit schwingenden Melodien von „Du warst der Stern meiner Nacht“ und „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ zum melancholischen „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ bis zum feurigen Foxtrott „Ja so ein Mädel, ungarisches Mädel“. Da ist das Happy End schon in greifbarer Nähe, weil, wie könnt’s im Burgenland anders sein, im Wein die Wahrheit liegt.

„Viktoria und ihr Husar“ in Mörbisch ist ein üppiger Bilderbogen, der alles zu bieten hat, was die Tragikomik der Operette ausmacht. Er ist ein bissl schräg, etwas gefühlig, zwischendurch pathetisch, alles in allem sehr beschwingt – mit einem großen Schuß (Selbst-)Ironie. Eben ein auf allen Ebenen gelungener Abend. Es gibt noch für alle Spieltage und in beinah allen Preiskategorien Karten.

www.seefestspiele-moerbisch.at

Wien, 8. 7. 2016

Vor der Morgenröte

Mai 31, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Josef Hader beeindruckt als Stefan Zweig

Josef Hader und Aenne Schwarz. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der Donauwalzer treibt dem berühmten Österreicher im brasilianischen Exil die Tränen in die Augen: Josef Hader und Aenne Schwarz als Stefan und Lotte Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Großer Bahnhof selbst noch im kleinsten Kaff. Stefan und Lotte Zweig besuchen 1941 eine brasilianische Zuckerrohrplantage, ein Dorfbürgermeister passt sie ab, der Ehrengast entrinnt seiner Ehrung nicht, peinlich ist das, die vor Aufregung schwitzenden Honoratioren mit ihren Ansprachen zum Fremdschämen.

Schon zwinkert Zweig seiner Frau verschwörerisch zu, da schrammelt die Kapelle den windschiefsten Donauwalzer, den man je gehört hat, und der Schriftsteller hat plötzlich Tränen in den Augen. Das ungefähr sind die Temperaturen zwischen denen sich Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ bewegt. Am 3. Juni läuft er in den österreichischen Kinos an.

Josef Hader spielt Stefan Zweig. Er spielt ruhig, fast erstarrt, schweigsam, fast sprachlos, fremd und verloren und fassungslos, erschöpft von der Welt und der auf ihr herrschenden Zustände. Sonst ein Meister von feinem Spott und beißendem Sarkasmus, hat sich Hader für diese neue Rolle ein völlig neues schauspielerisches Instrumentarium zugelegt. Das heißt, das typische Staunen über den ihn umgebenden Irrsinn, sein Unverständnis über die Unzulänglichkeit des Menschseins, sind schon noch da, doch dazu ist Hader wie unter Zweigs Haut geschlüpft. Er hat sich den Autor quasi angezogen, den Pazifisten und Humanisten, den überzeugten Europäer und den Pessimisten, den schwierigen, vergrübelten, verschlossenen Menschen, der an sich und an den Umständen zerbrach. Nicht nur äußerlich möchte man Ähnlichkeit orten, sondern auch was das Wesen betrifft, eine Seelenverwandtschaft unter Künstlern, ohne die diese brillante Darstellung kaum möglich gewesen wäre. Josef Hader ist einmal mehr großartig.

Regisseurin Schrader erzählt episodisch. In sechs Bilder berichtet sie von Zweig im amerikanischen Exil, wie exemplarisch hat sie dafür einzelne Situationen ausgewählt. Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird er in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. „Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft“, lässt Schrader den Schriftsteller sagen. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier seiner Stationen, er wird herumgereicht, ohne wirkliche Hilfe zu erfahren, der Star soll sich zur Weltlage äußern und verweigert sich. Zweig glaubte nicht an die Wirkung politischer Statements, an Widerstandsgesten, die aus der sicheren Deckung gegeben zum Selbstlob werden; nur wer sich damit in Gefahr bringt, habe das Recht, das Wort zu ergreifen.

Vom P.E.N.-Kongress 1936, bei dem der von Charly Hübner gespielte Emil Ludwig eine Wutrede gegen das Dritte Reich hält, schreibt Zweig an seine erste Frau Friderike: „…  mit Riesenformat war ich abgebildet, wie ich bei der Rede Ludwigs weinte (!!!). Ja, so stand es mit Riesenlettern – in Wahrheit hatte ich mich so widerlich gefühlt, als man uns als Märtyrer hinstellte, dass ich den Kopf in die Hände stützte, um mich nicht photografieren zu lassen, und gerade das photografierten sie und erfanden den Text dazu. Mich ekelt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten.“

Josef Hader und Charly Hübner. Bild: © Filmladen Filmverleih

Buenos Aires, P.E.N.-Kongress 1936: Mit Charly Hübner als Emil Ludwig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader, Barbara Sukowa. Bild: © Filmladen Filmverleih

New York 1941: Stefan Zweig trifft sich mit seiner geschiedenen Frau Friderike (Barbara Sukowa). Bild: © Filmladen Filmverleih

Josef Hader und Matthias Brandt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Petropolis 1941: Mit Matthias Brandt als Ernst Feder. Bild: © Filmladen Filmverleih

Es sind Szenen, wie diese, im Szenenbild von Silke Fischer und durch die Kamera von Wolfgang Thaler akribisch nachgestellt, mit denen Schrader ihren Film auf die nächste, eine abstraktere Ebene hebt, weg von Zweig hin zu der generellen Frage, ob und wenn ja welche Verantwortung der öffentliche Mensch für eine Gesellschaft trägt, ob „Prominenz“ zur Aussage gleichsam verpflichtet oder ob, wie Zweig die internationalen Journalisten höflich, aber bestimmt abblitzen lässt, allein über das Werk Wirkung anzustreben ist.

Doch nicht nur dieses Ausstellen einer Bekenntnisunkultur holt der Film ans Heute heran. Eindrücklich auch ein Moment von Barbara Sukowa als Friderike Zweig, in dem sie erzählt, wie sie mit tausenden anderen Menschen, die alle vor Krieg und Verfolgung flüchten wollten, am Quai von Marseille stand, Gedränge und Geschiebe, Angst und Panik, jeder will auf ein Schiff. Wie sich die Bilder gleichen, wenn dieser Tage auf der anderen Seite des Mittelmeers Menschen mit ähnlichen Motiven ihr Leben riskieren. Ein Europa, das Niemals Vergessen! wollte, hat vieles aus seiner Erinnerung getilgt …

Hader spricht im Film sechs Sprachen, es wird nicht synchronisiert, auch damit macht man klar, was es heißt, ein Leben ohne Verwurzelung zu führen. Maria Schrader zeigt, wie es ist, wenn – Zitat Zweig – „ein halber Kontinent auf einen anderen flüchten möchte“. Das „Wem helfen?“ betrifft auch den Autor, bei dem täglich Bittbriefe von Freunden und Nicht-einmal-Bekannten eingehen. Dabei ist „Vor der Morgenröte“ ein spröder, unaufgeregter Film. Beinah emotionslos, wie beiläufig schildert er die Haltepunkte einer Reise ins Nirgendwo, und wie die Menschen keine Ahnung haben von der Existenz des jeweils anderen. Wie die Brasilianer keine Vorstellung vom Grauen in Europa finden, so sieht Zweig die Armut und die Ausbeutung der Arbeiter in seinem Gastland nicht. Als hätten Folklore, Freundlichkeit und die für ihn zweifellos faszinierende Tatsache, dass die Brasilianer ohne Rassenkonflikte nebeneinander leben können, seinen Blick auf größere Zusammenhänge verblendet. Das aus dieser Sicht entstandene Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ wurde von den linken Intellektuellen des Landes entsprechend heftig kritisiert.

Neben Barbara Sukowa und Charly Hübner hat Hader weitere hervorragende Schauspielkollegen an seiner Seite. Burgtheatermimin Aenne Schwarz spielt seine zweite Frau Lotte, Sarah Viktoria Frick Friderickes Tochter Suse. Als Ernst Feder ist Matthias Brandt zu sehen; mit ihm übt Zweig in Petrópolis so viel Schachspiel, wie er’s fürs Schreiben seiner „Schachnovelle“ braucht. Die erdrückende Ruhe des im Film alles Nicht-Gesagten und Zweigs Melancholie des Verlorenseins endet im Selbstmord 1942. Diese letzte Szene ist ohne Schnitt an einem Stück und mit nahezu unbewegter Kamera gefilmt.

Das ist Maria Schraders letztes Bild von Stefan Zweig: Zusammen mit Lotte liegt er wie schlafend auf dem Bett, kurz ermittelt die Polizei, knapp telefoniert sie der Dienststelle durch, was passiert ist. Der Hund Pucky bellt, ein kleiner Terrier, den ihm sein brasilianischer Verleger Abrahão Koogan gerade erst zum Geburtstag geschenkt hat, die Haushälterin schluchzt. Man hat es gewusst und ist doch nicht weniger schockiert und erschrocken als die Zeitgenossen. Zweig wollte „in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben“, schrieb Thomas Mann später. Aus dem Abschiedsbrief ergibt sich der Filmtitel: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z1RAT0c9mwc

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 31. 5. 2016