Landestheater Niederösterreich: Ungeduld des Herzens

November 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stefan Zweigs Sittengemälde als intimes Familientableau

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom Bild: Nurith Wagner-Strauss

Swintha Gersthofer und Moritz Vierboom
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Mitleid ist die zentrale Botschaft des Glaubens. Nicht die Hoffnung auf eine allumfassende Liebe, sondern die Fähigkeit mit dem anderen dessen Last zu tragen. Mitleid bedeutet nicht, sich diese Last aufbürden zu lassen. Dieses in Mitleidenschaft gezogen zu werden passiert aber Anton Hofmiller.

1938 hat Stefan Zweig seinen Roman „Ungeduld des Herzens“ geschrieben. Schon im Exil. Auf einer k.u.k.-Folie, der „guten alten“ für einen Weltkrieg verantwortlichen Zeit, entwirft der Schriftsteller ein Sittengemälde seiner Tage. Er, der so gern als der unpolitische unter Österreichs Autoren gesehen wird, stellt darin eine treffsichere Diagnose über eine an den Rand der Menschlichkeit taumelnde Gesellschaft. Hellsichtig scheint der Pazifist gesehen zu haben, welches Unheil da noch kommen wird. Und so formuliert er an gegen die Hetzredner, schilt die Politik, dass sie kein besseres Mittel gegen die Kluft zwischen Arm und Reich weiß, als diese krakeelen zu lassen. Zeigt ein wie in absolutistischer Erstarrung manövrierunfähig gebliebenes Österreich, in dem viele sich zurück in ein Weltreich, heim ins Reich, sehnen. Beschreibt skrupellosen Wirtschaftsliberalismus und eine Figur, deren Vorbild unverkennbar Alfred Adler ist, der Begründer der Individualpsychologie und Benenner des Minderwertigkeitskomplexes. Hofmiller erzählt im Roman rückblickend von seiner alles andere denn als Kavalier absolvierten Jugend, es ist eben 1938, und der ehemalige Kavallerieleutnant macht sich kurz nach dem „Anschluss“ bereit, sich gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Diesmal nicht feig sein. Diesmal aktiver Widerstand.

2015 hat Regisseur Thomas Jonigk für das Landestheater Niederösterreich eine Bühnenfassung des Romans erstellt. „Ungeduld des Herzens“ als Kammerspiel mit wenig Herz und zuviel Hirn. Er macht aus Stefan Zweigs Sittengemälde ein morbides Familientableau. Beinah ein Stillleben, denn seine Figuren agieren so spröde leblos, so ohne Sentiment, als wäre das Leben still stehen geblieben. Im Hintergrund (Bühnenbild: Lisa Dässler, Kostüme: Esther Geremus) steht ergo, läuft nicht, ein Bild wie Eadweard Muybridges Serienfotografie „Horse in Motion“ aus dem Jahr 1872. Die vielen Einzelbilder, die es ganz machen, verwehrt er. Das Bild bleibt brüchig. Die Arbeit des Regisseurs auch. Der Abend ist so beklemmend, dass das Publikum immer wieder in befreiendes Lachen ausbrechen muss. Jonigk hat das Personal bis auf die Wesentlichen schlank gemacht, es gibt sechs Spieler, die Staffage wie etwa die Kasernenkameraden ist gestrichen. Europas untergehendes Judentum ist kein Thema mehr. Auf den ersten Blick ist diese Inszenierung eine interessante, hochintelligente Themenverfehlung.

Doch so ein einfaches Urteil erlaubt Jonigk sich und den Zuschauern nicht. Sie ist schon da, die Schwingung, im Infraschallbereich, schleicht sich in den Körper als unangenehmes Gefühl einer Parallelität zur Gegenwart, ein kollektives 21.-Jahrhundert-Atemanhalten in Erwartung der größtmöglichen globalen Katastrophe. Stefan Zweig, leider zeitlos. Jonigk führt dafür einen Charakter quasi neu ein, der im Roman wohl existiert, aber nicht mit dieser Gewalt regiert. Während Moritz Vierboom als Anton Hofmiller weiterhin gleichsam als Ich-Erzähler fungiert, wurde ihm eine Erklärerin zur Seite gestellt. Babett Arens als Frau Engelmayer ist die Sensation des Abends. Sie ist allwissende Besserwisserin und überzeitliche Zeittafel. Sie ist eine Mephista, wie sie da am Pianino sitzt, höflich desinteressiert am Schicksal der anderen, aber es dennoch dirigierend. Mit lapidarem Lächeln kommentiert sie: „Jetzt kommt wieder was Furchtbares.“ Oder weiß auf den Satz „Ich sterbe vor Hunger“ schon die zukunftsweisende Antwort: „Nein, Sie sterben an was anderem.“ Auch Ediths Sturz in die Tiefe sagt sie bereits zur Halbzeit der knapp zweistündigen Inszenierung voraus. Babett Arens, ganz groß. „Gott ist eine Erfindung des Menschen“, sagt die Engelmayer oft. In diesem Fall wohl eher eine des Teufels.

Moritz Vierboom steht als Hofmiller zum Glück jenseits der dieser Rolle oft verordneten strafbaren Naivität. Er ist natürlich immer noch Feschak, immer noch k.u.k.-Offizier – Standesdünkel und Ehrenkodex -, denn diese höhen Rösser braucht es, um ihn fallen zu lassen. Hofmiller scheitert an zu viel Höflichkeit, gemixt mit schlechtem Gewissen. Wegen seines Mitleids mit Edith wird er in Mitleidenschaft gezogen. Seine „Ungeduld des Herzens“ ist, sich möglichst schnell freimachen zu wollen von der peinlichen Ergriffenheit über dieses fremde Unglück, seine Haltung und Handlungen sind die instinktive Abwehr dieses fremden Leids von der eigenen Existenz. Vierboom spielt den Mann als Maus in der Falle. Nur kurz blitzt auf, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Soldat sehr wohl nach Ediths Millionen schielt. Dass die Figuren eine Vorgeschichte haben, am wegweisendsten die des Grafen von Kekesfalva alias Lämmel Kanitz, was geschieht auf dieser Welt nicht alles par dépit, hat Jonigk nicht wirklich gefesselt. Aber wie sich Vierboom quält und windet ist schon sehenswert.

Ebenso wie Swintha Gersthofer als Edith. Bei Jonigk sitzt die Gelähmte nicht im Rollstuhl, ihre Behinderung wird somit zur Behauptung: Sie sich selbst sowie alle anderen behindern und lähmen sie. Ein gelungener Kunstgriff. Gersthofer gestaltet eine verzweifelte Feindseligkeit; ihr verbitterter Zynismus macht sie zur geistig alten Frau. Diese Kranke ist keine Dulderin, sondern eine hysterische Haustryannin, Hofmiller schon Ehekrüppel, bevor er noch ans heiraten denkt. In Blassrosé und mit zerzaustem Goldhaar wirkt Gersthofer wie eine gruselige Porzellanpuppe. In einer gespenstischen, imaginierten Tanz- und Stampfszene präsentiert sich ihre lebenserhaltende Egomanie. Sie kann auch in ihren Mitmenschen das Schlechteste zum Vorschein bringen. Als ihre Sexualität sich Bahn bricht, erweist sich Hofmiller endlich als Schwein. Vierboom und Gersthofer sind ein fabelhaftes Albtraumpaar. Ein Fest für … Swintha Gersthofer.

Michael Scherff changiert als Lajos von Kekesfalva zwischen Optimismus und Leidensmann. Dass er ein Manipulator ist, der durch diese Gabe schon zu seinem Geld kam und nun auf den Schwiegersohn hofft, ist nicht einmal mehr eine vollständige Fußnote. Genauso wenig wie die erzählerische Klammer, dass Hofmiller in den Krieg geradezu flüchtet, weil er sich die Schuld an Ediths Tod gibt beziehungsweise je nach Interpretation auch hat. Jonigk interpretiert nicht, er lässt aus. Er will Scherff als guten Menschen zeigen. Den braucht er wohl als Gegenpendel ebenso wie Magdalena Helmigs Ilona und deren Lebenslust und Leichtigkeit, nicht aber ihre Verlustbereitschaft. Der einzig wahrhaft gute Mensch, wahrhaft bis zur Schmerzhaftigkeit, wobei so wirklich gut und wirklich sympathisch ist hier keiner, ist aber Doktor Condor, sehr straight, sehr präzise dargestellt von Tobias Voigt, der wie sein reales Vorbild der Psychosomatik auf der Spur ist.

Alfred Adlers literarische Hauptwerke heißen „Der Sinn des Lebens“ und „Über den nervösen Charakter“. Was könnte als Überschrift besser für diesen Abend am Landestheater dienen? Am Ende sagt die Arens noch: „Und im Dritten Weltkrieg …“ sie hüstelt … So weit wollte es Jonigk nicht kommen lassen, sich eine Hellsichtigkeit wie Stefan Zweig zu verpassen. Sie wäre zu grauenhaft. Da ist Sarkasmus die bessere Wahl. Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. Sagte Brecht. Ein eigenwilliger, eigensinniger Theaterabend!

Termine:

„Ungeduld des Herzens“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31. Jänner und am 26. und 27. Jänner als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

Wien, 28. 11. 2015

Landestheater NÖ: Radetzkymarsch und Die Rebellion

Oktober 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Philipp Hauß inszeniert in St. Pölten Joseph Roth x 2

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß  Bild: Alexi Pelekanos

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß
Bild: Alexi Pelekanos

Burgschauspieler und Regisseur Philipp Hauß, der dem Landestheater Niederösterreich schon mit „Mamma Medea“ www.mottingers-meinung.at/?s=mamma+medea einen schönen Erfolg beschert hat, versucht sich nun am Haus an einem neuen waghalsigen Projekt. Er verknüpft, nein, eigentlich er stellt nebeneinander, Joseph Roths „Radetzkymarsch“ und Roths „Die Rebellion.“ Ein Dutzend Schauspieler, darunter die Gäste Moritz Vierboom vom Burgtheater und Myriam Schröder, bekannt vom Schauspielhaus Wien, meist in mehreren Rollen, spielen Vor- und Nach-Sarajevo, das Ende der Donaumonarchie, die Entmenschlichung der Kriegswitterer und -veteranen, den zunehmenden Verlust des Glaubens an Kaiser, Gott, Gerechtigkeit. Die Gräuel, die weder die oben noch die unten verschonen.

Die oben: Joseph Roth erzählt in Radetzkymarsch die Geschichte der dem Kaiserhaus schicksalhaft verbundenen Familie Trotta. Aus einer ärmlichen Bauernfamilie im slowenischen Dorf Sipolje rückt ein Trotta in der Armee zum Rechnungs-Unteroffizier auf. Sein Sohn Joseph bringt es  zum Leutnant. In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph das Leben. Als „Held von Solferino“ wird er  als „Joseph Trotta von Sipolje“ in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert.  Nachdem der Hauptmann im Schulbuch seines Sohnes zufällig eine heroisierende Darstellung der Schlacht von Solferino entdeckt und sich darüber beim Kaiser beschwert, wird er zwar in den Freiherrenstand erhoben, verlässt aber verbittert die Armee. Seinem Sohn, Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, verbietet er eine Karriere beim Militär. Dieser schlägt stattdessen eine zivile Beamtenlaufbahn ein. Bei seinem Sohn, Carl Joseph Trotta von Sipolje,  ist von der knorrigen Stärke des „Helden von Solferino“ nichts übrig geblieben. Weder ein schneidiger Soldat wie der Großvater, noch ein kaisertreuer Beamter wie der Vater ist Carl Joseph ein äußerst weicher und feinfühliger Charakter. Der junge Mann will eigentlich kein Soldat sein, doch folgt er gemäß dem Ethos der Pflichterfüllung dem Auftrag seiner Familie. Als Leutnant zur Kavallerie ausgemustert, verschlägt ihn das Schicksal bald zur Infanterie an die russische Grenze, wo Carl Joseph dem Alkohol und der Spielsucht verfällt. Wie am Anfang des Aufstiegs einer Familie der Einsatz eines Menschenlebens für den Kaiser gestanden hat, steht am Ende ein Opfergang für die namenlosen Kameraden: Carl Joseph fällt im Ersten Weltkrieg bei dem Versuch, Wasser für seine Soldaten zu holen. Die Familie Trotta erlischt mit ihm.

Die unten: Andreas Pum hat im Krieg ein Bein verloren, bekam zwar eine Auszeichnung, aber nicht einmal eine Prothese. Trotzdem glaubt er, die Regierung werde ihn schon versorgen. Das erweist sich als Irrtum. Andreas muss vor der Kommission einen „Zitterer“ (furchtbare Bilder dazu kann man in der Ausstellung auf der Schallaburg sehen: www.mottingers-meinung.at/ausstellung-auf-der-schallaburg-zum-1-weltkrieg/) simulieren, um die Lizenz zum Drehorgelspiel zu ergattern. Mit seinem Leierkasten humpelt Andreas von Hinterhof zu Hinterhof. Angehörige hat der Kriegsversehrte keine. Der Winter steht bevor. Andreas träumt von breithüftigen Witwen mit vorgewölbten Busen. Genau so eine läuft ihm über den Weg: Katharina Blumich. Hals über Kopf heiratet Andreas sie, bei der ersten Bewährungsprobe wendet sich die Frau von dem neuen Ehemann, diesem Krüppel, ab und wirft sich sofort einem Mann mit gesunden Gliedern an den Hals. Andreas wandert ins Gefängnis. Das Delikt: Bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt und Amtsehrenbeleidigung. Andreas hatte einen Polizisten mit der Krücke geschlagen. Der Staatsdiener wollte eine Auseinandersetzung schlichten. Der Invalide war in der Straßenbahn als Simulant und Bolschewik verunglimpft worden. Einige Fahrgäste hatten eingestimmt: Russe, Spion, Jude ! Die Lizenz zum Leierkastenspiel wird Andreas  entzogen. Im Gefängnis verliert Andreas den Glauben. Aus dem Gefängnis kommt er mit weißem Haar. Aber einen Freund hat er noch. Der stellt ihn als Wärter in der Toilette des Cafés Halali an. Als Andreas am Arbeitsplatz stirbt, will er die Gnade Gottes nicht. Denn Die Rebellion gilt Gott. Pum will in die Hölle.

Hauß lässt die Ereignisse auf einer halsbrecherisch schrägen, „unfertigen“ als wäre sie noch Probeninstrument, Bühne (von Martin Schepers) ablaufen. Es erfolgt kein Aufbau, sondern Abbau. Habsburgland ist abgebrannt. Die Darsteller üben sich im An-einander-vorbei-Reden; direkten menschlichen Kontakt wollen sie tunlichst meiden, diese weißgeschminkten Totenmasken mit den schwarzumrandeten Augen. Leise gesprochene „innere“ Monologe wechseln mit rasenden, lautstarken emotionalen Ausbrüchen. Weil die Welt ein Kerker ist, hat hier keiner mehr alle Zellen im Hirn. Im Überlebensk(r)ampf ist jeder auf der Suche nach seiner eigenen Medizin. Hauß macht klar, dass es mehr Subversion statt Subordination braucht. Und kein Festhalten an einem Ehrenkodex aus anno Tobak. Die Geschichte der Familie Trotta lässt er anfangs im Schnelldurchlauf erzählen, bis er bei Carl Joseph angelangt ist. Wojo van Brouwer ist in einer Umgebung, die hartleibig im Privaten wie im Politischen ist, ein weiches Herz, das allzu leicht zerdrückt werden kann. Wohin sich wenden, wenn rundum nur Abgrund ist? Van Brouwer spielt höchst gelungen einen Verzweifelten – und immer auch einen Zweifler – an all den Aufgaben, die ihm Vater und Landesvater stellen, einen, der seine eigene Identität sucht und stets beim Helden-Großvater strandet. Anschaulich und facettenreich stellt Hauß die Dekadenz des Offiziersstandes dem Untergang der Donaumonarchie und des Kaiserhauses gleich. Dazu hat er sich viele klein-nette Ideen einfallen lassen. Etwa eine Barbie-und-Ken-Kutsche, gezogen von Einhörnern, mit denen Seine Majestät vorfährt. Hauß stellt der Dekadenz der Truppe aber auch die De­s­pe­ra­ti­on des beinamputierten Pum gegenüber.

Wie ein Geist aus der Zukunft taucht er immer wieder auf der Szene auf. Eine Meisterleistung von Michael Scherff (der auch Franz von Trotta ist), nicht nur physisch den halben Abend auf einem Bein zu bestreiten, während das andere mit einem Gürtel an die Rückseite des Oberschenkels geschnallt ist, sondern auch psychisch. Sein Pum ist ein In-die-Grube-Einfahrer. Lange, lange, lange lässt er sich seinen Optimismus nicht nehmen, bis er buchstäblich am Boden liegt. Nun ein Zyniker, den nicht einmal der Tod erlösen kann. Moritz Vierboom hat diesmal mit seinen Rollen auch keine Fortune. Als Regimentsarzt Max Demant, Carl Josephs einzigem Freund, ist er erst, weil Jude, der Außenseiter unter den Kameraden, fällt schließlich, sucht das Sterben, in einem unsinnigen Duell. Später, als Hauptmann Wagner, verliert er alles beim Glücksspiel (auch seinen Schnauzbart, womit Vierboom übrigens souverän umgeht und sogar mit der Situation spielt) – und erschießt sich. Vierboom, wiewohl hier keine Hauptfigur, macht es seinen Mitstreitern nicht leicht. Seine Bühnenpräsenz, sein großartiges Spiel dominiert, ohne, dass er es beabsichtigt. C ‚est la Guerre. Myriam Schröder ist die einzige, die in beiden Episoden auftritt. Als Trottas Infanterie-Flittchen Valerie von Taußig und als Pums Katharina Blumich. Schön bös‘ kann sie in beiden Rollen sein. Blitzschnell erfolgt ihr Wechsel von der Sirene zur Megäre. Den Unangenehmen entzieht sie sich durch Sexyness. An der nächsten Ecke wartet schon der nächste. Kinder, heut‘ abend, da such‘ ich mir was aus einen Mann, einen richtigen Mann! Schröder ist Schöne und Biest in einem.

Am Ende steht da eine Totentafel von der der Schlachtruf oder Verzweiflungsschrei: Das ist Österreich! erschallt. Der tote Pum sitzt auf dem Tisch, der tote Carl Joseph von Trotta geht an ihm vorüber. Und bietet ihm einen Job an: Leierkastenmann, Museumswärter, Tabakverschleißer … Philipp Hauß hat keinen Abend gestaltet, der sich einem leicht erschließt. Mitarbeiten muss man schon. Doch es lohnt sich mit Hingabe Herz und Hirn für dieses außergewöhnliche, ambitionierte Projekt zu öffnen. Ein Bravo soll allen, auch Intendantin Bettina Hering, die dieses Abenteuer zugelassen hat, gelten.

TIPP: Am 8. Oktober wird Arthur Millers „Hexenjagd“ wiederaufgenommen!

www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-hexenjagd/

www.landestheater.net

„Radetzkymarsch und Die Rebellion“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31.12. auf dem Spielplan und gastiert am 21. und 22. 10. im Stadttheater der Bühne Baden.

Wien, 4. 10. 2014

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia von Sell ist sensationell

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell Bild: Josef Gallauer

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell
Bild: Josef Gallauer

Die Tonalität stimmt, nur das Verhältnis Konsonanz/Dissonanz ist längst verschoben. Sie ist ganz Diva in goldener Kleopatra-Abendrobe, dann wieder halbnacktes Kleinkind, das vom Sohn mit dem Schwamm gewaschen werden muss. Ihre Auftritte sind theatralisch, durchtrieben, bösartig; man weiß nicht: schmerzt es mehr, wenn sie lakonisch oder tyrannisch ist? Sie schwebt zwischen Sticheleien und Schreierei – alles Zeichen ihrer Depression. Irrsinnig. Julia von Sell ist als Rebekka Weér die Sensation der Inszenierung.

Die besorgte als deutschsprachige Erstaufführung der ungarische Regisseur Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgesetzt wurde: „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis. Die Weér war einmal wer. Budapests gefeierter Schauspielstar, Shakespeares Kleopatra. Als sich ihre Tochter Judit, eine begabte Violinistin, in den Westen absetzt, legt die Partei ihrer Bühnenheldin die Schlange an die Brust. Die lässt ihr Kind sogar pro forma beerdigen – doch Politik ist unerbittlich. Entlassung. Ersetzung durch eine Komparsin. Schmach und Schande. Fünfzehn Jahre selbst gewählte Einzelhaft in der Wohnung. Das heißt: So Einzel- ist die nicht, Rebekka bleibt noch ihr Sohn Andor als Opfer ihrer Launen …

Alföldi – eines der Themen, das er variantenreich durchspielt, lautet: Darf besondere Begabung alles? – und seine Bühnenbildnerin Anni Füzér haben dafür ein Metallgerüst, treppauf, treppab, mit hohen Maschendrahtzäunen, einen Gefängnishof geschaffen. Darin ein samtrotener Thron für die entthronte Königin. Und allerlei Zeug von Frühstücksgeschirr bis mottenzerfressenen Pelzmänteln, die im Laufe der Handlung auch noch das Zeitliche segnen werden. Zu dieser „Realität“ schafft Alföldi (alb-)traumhafte Bilder, Rückblenden, die das Geschehene erklären. Ganz wunderbar, wie er in dem von ihm erdachten Szenario die St. Pöltener Schauspieler und ihre Gäste zu Höchstleistungen führt.

Zunächst natürlich, denn er ist eigentlich die zentrale Figur der Geschichte, Andor, den angehenden Schriftsteller, der den Wahnsinn seiner Mutter zu Papier bringen will. Und zu ihrer Nervenberuhigung sogar falsche Briefe von Judit schreibt. Moritz Vierbooms stumme, stoische Verzweiflung, seine ausdrucksstarke „Ausdruckslosigkeit“ ist große Kunst. Nur manchmal bricht sich bei ihm der Zorn Bahn, aber das ebbt bald wieder ab, das hat er anders nicht gelernt. Er ist der Mann, umgeben von fünf Frauen. In Erinnerungen sieht er Judit (Marion Reiser), sie anklagend, dass sie ihn nicht mitgenommen hat. Sie erzählen einander von einer traurigen Kindheit, lieblos, verwahrlost im Sinne von allein, verlassen, Mauerblümchen gegen den lockenden Lorbeer. Doch die Mutter, die Patriarchin, fordert immer noch Dankesschuld von ihren Abkömmlingen. Wie ein Wiedergänger kommt auch der pragmatische, brutale Funktionär Genosse Fenyö (Michael Scherff) immer wieder vor. Dem alle untertänig entgegenkommen. Als Rebekka sich ihm zur Rettung der Karriere anbietet, spuckt er ihr ins Gesicht: „Bedecken Sie Ihre Brüste.“

Dann ist da Susi Stach als Juli, die gute Seele, die sich immer wieder neue Städtenamen für die Briefe ausdenken muss, und als Nutte mit Vogel. Er ist tot und heißt Rebekka. „Ficken“ (vor dem Four-Letter-Word wie vor sehr viel Nacktheit auf der Bühne darf man keine Scheu haben. Ein paar Zuschauer „flüchten“ darob in der Pause und versäumen einen paradiesisch-erbarmungslosen Theaterabend) will Andor sie nicht. So lebt man dahin in seinen Lebenslügen. Wären da nicht noch zwei Frauen: Andors Geliebte Eszter (Lisa Weidenmüller), eine ungarische Jüdin, sich in ihre Historie verbeißend, gleichzeitig sein Manuskript herausbringen wollend – so dringend will sie ihm erfolgsförderlich sein, dass sie sich sogar sein Kind „auskratzen“ lässt. Eine Darstellung, die Respekt verdient, wie Weidenmüller ihrer Figur mehr und mehr Profil abgewinnt. Ein Besuch bei Rebekka, auf dem sie besteht, wird selbstverständlich zum GAU.

Doch es kommt zum Kampf der Titaninnen: Michou Friesz mischt auch noch mit. Als Verlagsredakteurin Éva Jordán, die Andors Manuskript begutachten soll. Und sich darin wiederfindet? Friesz ist elegant, schön, sexy, ganz kühle Fassade. Mit einem bitteren Geheimnis dahinter. Sie will den jungen Autor in ihrem Schoß haben. Kriegt ihn auch. Eine Ménage à trois, wie es sie schon zwischen ihr, Rebekka und dem alten Weér gegeben hat. Die späte Rache einer ewigen Zweitfrau? Da beginnt Andors Zellauflösung, umso mehr als ein Brief vom Roten Kreuz bescheinigt, dass Judit nicht mehr auf dieser Erde, sondern unter ihr … Und er beginnt wieder die Mutter zu waschen … Geschichte ist Wiederholung. Und das Leben kennt kein Entrinnen.

Dem Landestheater Niederösterreich ist mit dieser Produktion eine der besten der diesjährigen Saison gelungen. Wer das nicht gesehen hat, hat was versäumt! Am Landestheater zu sehen bis 10. April.  Am 1. und 2. April als Gastspiel in der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech/

Wien, 30. 3. 2014

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geliebter Róbert, gehasster Róbert

Róbert Alföldi Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi
Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, führt Regie am Landestheater Niederösterreich. Und er lässt sich bitten: 23 Tage brauchen er und/oder seine Übersetzerin (er spricht nur Ungarisch) nun schon, um die Fragen von mottingers-meinung.at zu beantworten. In St. Pölten soll Alföldi „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis inszenieren. Mit Julia von Sell, Moritz Vierboom, Michou Friesz und Susi Stach. Es sei gerade alles sehr schwierig, hört man. Vielleicht geht’s in den Kulissen ja hoch her. Um die Wartezeit bis zur Premiere am 29. März (oder vielleicht kommen die Antworten ja doch noch) zu überbrücken, hier ein Artikel von Anna Frenyo aus der TAZ von 3. 9. 2013 (www.anna-frenyo.de):

Ungarns Ultrarechte hassen den Theatermann Alföldi. Als Intendant des Nationaltheaters in Budapest sind sie ihn losgeworden, als radikalen Künstler nicht. „Wo zum Teufel ist mein Kaffee?“, ranzt Róbert Alföldi seinen Produktionsassistenten an. Eine neue Probenwoche beginnt, und Alföldi hat schlechte Laune. „Steht hinter dir, Robi“, antwortet der Assistent gelassen. Alföldis zorniger Blick weicht einem freundlichen Grinsen. Im Hof der Budapester Sportarena lehnt er sich an die Motorhaube seines Autos und zündet sich eine Zigarette an. Sein kleiner Hund rennt schon in den Probensaal, über die Bühne und bellt vor Aufregung. Den Hund lieben alle.

Wo der preisgekrönte Alföldi künstlerisch zu Werke geht, kann mit vollem Haus gerechnet werden. Er ist ein kreatives Multitalent: Theater- und Filmregisseur, Schauspieler und Maler – zudem musikalisch begabt. In dem auch verfilmten Stück „Amadeus“ von Peter Schaffer dirigierte er selbst im Mozartkostüm das Orchester und spielte Klavier. Alföldis Genius scheint schier unerschöpflich – genauso wie der Hass, der ihm aus dem rechten Lager der ungarischen Gesellschaft bei allen seinen Projekten entgegenschlägt. An Alföldi verdichten und entladen sich die gesellschaftlichen Spannungen in Ungarn: Konservative und Rechte nennen sich gern „Heimattreue“ und bezeichnen Linke und Liberale als „Fremdherzige“ oder „Kommunisten“. Die christlich-konservative Kulturpolitik erklärt ein strammes Nationalgefühl zur Voraussetzung für künstlerische Qualität. Als Alföldis Vertrag als Intendant des Budapester Nationaltheaters Ende Juni – nach fünf Jahren – auslief, wurde der Posten neu ausgeschrieben.

Obwohl Alföldi sich beworben hatte, wurde er durch einen Nachfolger ersetzt, der den Vorstellungen der Regierung entspricht. Die Auswahlkriterien für die Bewerbung waren so angelegt, dass von Anfang an klar war, dass Alföldi nicht gewinnen konnte. Anlässlich seiner aktuellen Inszenierung von „Stephan, der König“ („István, a király“ wurde 1983 von Levente Szörényi und János Bródy geschrieben, inspiriert von „Jesus Christ Superstar“. Am vergangenen Freitag hatte Alföldis Inszenierung in Budapest Premiere. Die Besucher mussten an ca. hundert rechtsextremen Demonstranten vorbei, die sie als „Vaterlandsverräter“, „Schwulensäue“ und „dreckige Juden“ beschimpften. Auch Anhänger Alföldis demonstrierten. Das Regierungsmedium Magyar Nemzet sprach von „Demonstrationen extremistischer Gruppen“ und betonte die „Homosexuellenfreundlichkeit“ der Pro-Alföldi-Demonstranten) wurde Alföldi erst jüngst wieder aufs Heftigste in den Medien, über Facebook und auf Internet-Foren gebasht. Die Rockoper über Ungarns Staatsgründung ist für alle politischen Lager identitätsstiftend. Doch fungiert sie nicht als Kitt einer zerbröselnden Gesellschaft, sondern macht die Gräben erst recht sichtbar: Alföldis Kritiker meinen, ein Liberaler wie er dürfte das „Nationalheiligtum“ „Stephan, der König“ überhaupt nicht anfassen.

Bei der Probe wirkt der grauhaarige Regisseur, Mitte 40, Jeans und schwarzes T-Shirt, leger. Manchmal macht er kleine Späße, aber wehe, wenn einer aus dem Takt kommt oder sich nicht so bewegt wie er, Alföldi, sich das vorgestellt hat. Als plötzlich, während er den Tänzern etwas erklärt, Musik vom Technikpult ertönt, brüllt er los: „Das kann doch nicht wahr sein! Ich versuche mit 150 Tänzern zu arbeiten und ihr hört hier Musik!“ Die genervte Antwort des Dirigenten: „Robi, wir wollen ein technisches Problem lösen, damit du weiterarbeiten kannst.“ Wieder Alföldi: „Dann macht es in der Pause oder mit Kopfhörern!“ Ende der Durchsage. Alföldi behält für gewöhnlich das letzte Wort.

Aber er kann auch anders. Als Moderator einer Morgensendung im Fernsehen kam Alföldi zwischen 1998 und 2002 so gut rüber, dass er vor allem seiner empathischen Interviews wegen zum „Robi des ganzen Landes“ wurde. Auch in privaten Gesprächen mit seinen Kollegen kann er eine Herzlichkeit herstellen, dass die gar nicht anders können, als sich geliebt zu fühlen. Umso schockierender wirkt es dann, wenn Alföldi seine Schauspieler wie Sklaven behandelt. „Mach doch besser Puppentheater!“, empfahl ihm eine Schauspielerin nach seiner ersten Filmregie 2008, „dazu brauchst du keine Schauspieler.“ Alföldi schwankt zwischen Dr. Jekyll und Mr Hyde. Vom Publikum wird Alföldi entweder geliebt oder gehasst, kalt lässt er keinen. Seine Anhänger stehen stundenlang an, um Karten zu bekommen, seine Hasser organisieren Demonstrationen gegen ihn, den schwulen, skandalträchtigen Regisseur. Die rechtsextreme Oppositionspartei Jobbik hetzt auch gern im ungarischen Parlament gegen ihn – auf ihrer Agenda stand die Entfernung Alföldis als Intendant des Nationaltheaters ganz oben. Seine Inszenierungen jedoch fanden auch manchen konservativen Anhänger. So wurde einer der Verfasser von „Stephan, der König“, Levente Szörényi, auf ihn aufmerksam und bat ihn trotz aller politischen Differenzen, die von ihm und János Bródy komponierte Rockoper für das dreißigjährige Entstehungsjubiläum zu inszenieren.

Ohne den ersten König Stephan, der vor tausend Jahren herrschte, würde es Ungarn in seiner heutigen Form vermutlich nicht geben. Er ließ das Christentum einführen und stabilisierte das Land durch die Bindung an die Westkirche. Als das Werk 1983 uraufgeführt wurde, galt es als Freiheitssymbol, inspiriert von der Rockoper „Jesus Christ Superstar“, mit versteckter Kritik am kommunistischen Regime. Die Melodien von „Stephan, der König“ kennt in Ungarn jedes Kind. Komponist Szörényi erklärte die Wahl Alföldis damit, dass er wahre Kunst sehen wolle. Er habe die Nase voll von der in konservativen Kreisen hochgehaltenen „Nationalkunst“ und davon, dass jeder, der sich daran Kritik erlaube, gleich als Vaterlandsverräter abgestempelt werde. Als 1983 „Stephan, der König“ entstand, waren es die Parteifunktionäre, die sagten, wo es im kulturell-politischen Leben langzugehen hat. Diese Geisteshaltung lebt in konservativen ungarischen Kreisen fort, weshalb sich immer mehr Künstler vom Regierungskurs distanzieren. Alföldis Nationaltheater galt in Budapest als eine Insel der Andersdenkenden.

Der Intendantenwechsel war allerdings angesichts von Alföldis Persönlichkeitsstruktur nicht nur eine politische Entscheidung. Alföldi steht sich manchmal charakterlich selbst im Wege. Ende 2010 erlaubte er dem Rumänischen Kulturinstitut, das rumänische Nationalfest im Budapester Nationaltheater zu feiern. Ziemlich unsensibel. Denn bei diesem Fest wird der Anschluss Siebenbürgens an Rumänien 1918 gewürdigt, der für Ungarn den Verlust dieses Gebiets brachte und zu den wundesten Punkten seiner Geschichte gehört. „Dieses Fest im Budapester Nationaltheater zu feiern ist so, als wären Japans Luftstreitkräfte in Pearl Harbor zum Sektempfang geladen“, kommentierte der User eines Online-Forums. Alföldi gab nach, konnte aber die über ihn hereinbrechende Protestwelle dadurch nicht mehr aufhalten. Die rechtsextreme Jobbik-Partei demonstrierte vor dem Nationaltheater und bezeichnete Alföldi als krank und sein Theater als „Tempel der Perversität“. Das war im Dezember 2010.

Im Frühling 2011 untergrub der sogenannte Oralsex-Skandal Alföldis Stellung weiter: Eine Jobbik-nahe Journalistin hatte sich beschwert, dass es in einer seiner Inszenierungen eine – jedoch nur angedeutete – Oralsexszene gäbe, und gefragt, ob Alföldi das auch einem zwölfjährigen Kind zumuten wolle? „Jawohl, und Ihnen wünsche ich solchen Oralsex bis ans Ende Ihres Lebens“, antwortete er sarkastisch. Daraufhin wurde er zu dem für Kultur zuständigen Minister zitiert. Dieser jedoch stand zu Alföldi und seiner Aufführung, er durfte Intendant bleiben – vorerst. „Wie lange dulden wir noch, dass heimtückische, falsche Priester unter uns herumlaufen?“, fragt ein Lied in „Stephan, der König“. Das fragen sich auch im heutigen Ungarn viele. Vor tausend Jahren hatte Stephan den Clanältesten Koppány besiegt, der auf traditionellen, heidnischen Sitten beharrte. Die ungarischen Stämme standen vor der Entscheidung: weiter in althergebrachten Nomadenstrukturen zu verbleiben – und dabei zwischen den europäischen Feudalstaaten zermalmt zu werden – oder sich in ein eigenes Staatswesen römisch-christlicher Prägung einbinden zu lassen. Einen Kompromiss zwischen Stephan und Koppány konnte es nicht geben. Die eine Kultur musste die andere vernichten. Auch heute scheint es keinen Weg zur Versöhnung der politischen Lager in Ungarn zu geben. Die Zusammenarbeit zwischen dem konservativen Künstler Szörényi und Alföldi und ihr gemeinsames Rockoperprojekt darf man nicht überbewerten. In der derzeitigen Stimmung in Ungarn ist sie aber wenigstens ein kleines Hoffnungszeichen.

www.taz.de/!122988/

Wien, 26. 3. 2014

Landestheater NÖ: Spielzeit 2013/14

Mai 15, 2013 in Bühne

Mit Gerti Drassl, Markus Hering, Michou Friesz,

Dörte Lyssewski und Martin Wuttke

GertiDrassl Bild: (c) Yasmina Haddad

GertiDrassl
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 15. Mai präsentierte Intendantin Bettina Hering das Programm ihrer zweiten Spielzeit am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten. Zu erwarten: spannendes, bewegendes, kritisches, unterhaltsames und anregendes Sprechtheater. Die Eröffnungspremiere „Hexenjagd“ von Arthur Miller gibt programmatisch die Richtung vor: Wie unterschiedlich sind jeweils in ihrer Zeit die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und welche politischen und soziologischen Erscheinungen generieren sie, also kurz gesagt: Welche Gesellschaft gebiert welche Ungeheuer?

In Regiearbeiten von Róbert Alföldi, Babett Arens, Alexander Charim, Cilli Drexel, Bettina Hering, Daniela Kranz, Irmgard Lübke, Barbara Nowotny, Katrin Plötner, Markus Schleinzer und Caroline Welzl werden neben dem Ensemble Babett Arens, Gerti Drassl, Michou Friesz, Florentin Groll, Alexandra Henkel, Markus Hering, Benno Ifland, Johanna Elisabeth Rehm, Johannes Schmidt, Susi Stach und Dominik Warta als Gäste in Eigenproduktionen zu sehen sein. Sven Philipp, Moritz Vierboom und Johanna Wolff begleiten das Haus einen Teil der Spielzeit. In Gastspielen von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Schauspielhaus Zürich und dem Hamburger St. Pauli Theater sind in Arbeiten von Martin Wuttke, Karin Henkel und Wilfried Minks unter anderem Margarita Broich, Carolin Conrad, Burghart Klaußner, Lena Schwarz und Martin Wuttke zu sehen. Dörte Lyssewski und Markus Meyer, Katja Bürkle und Martin Wuttke sind mit eigens für das Landestheater Niederösterreich zusammengestellten Leseabenden zu Gast.

Das Programm im Detail:

„Hexenjagd“ von Arthur Miller ist die Eröffnungspremiere am 4. Oktober. Basierend auf den Hexenprozessen von Salem im 17. Jahrhundert, lässt es sich problemlos auf heutige Gesellschaftssysteme übertragen, die Denunziation fördern und Systemabhängigkeiten vorantreiben. In der Regie von Cilli Drexel werden neben unserem Ensemble u.a. die Burgschauspielerin Alexandra Henkel und Markus Hering, zurzeit am Residenztheater in München, zu sehen sein. Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“, die Koproduktion mit der Bühne Baden mit Dominik Warta als Weinberl, in der Regie von Bettina Hering und mit viel Musik, landet am 11. Oktober in St. Pölten.

Thematisch  verknüpft mit Arthur Millers Hexenjagd ist „Die Wildente“  von Henrik Ibsen. Als Kämpfer gegen die vorherrschende Scheinmoral hat Ibsen mit diesem hochpsychologischen Stück die Frage aufgeworfen, was denn die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts für Ungeheuer hervorgebracht hat. Gerti Drassl, Benno Ifland und Johannes Schmidt werden das Ensemble verstärken, Daniela Kranz wird inszenieren. (Ab 7. Dezember). In der Uraufführung „Tagfinsternis“ TAGFINSTERNIS von Julya Rabinowich untersucht der Regisseur Markus Schleinzer, dessen Debütfilm „Michael“ viel Aufsehen erregt hat, den Umgang der heutigen österreichischen Gesellschaft mit ihren AsylwerberInnen. Die aufwühlende Geschichte um eine Familie zwischen Tradition und Assimilierung, die auf ihren Bescheid wartet, wird uns alle noch lange beschäftigen. (Ab 17. Jänner, Theaterwerkstatt)

Der Klassiker „Weh dem, der lügt!“ von Franz Grillparzer wird ab 25. Jänner in der Regie von Alexander Charim und mit Florentin Groll als Bischof beim Aufeinandertreffen zweier verschiedener Völker und ihrer Verhaltensweisen den Humor nicht zu kurz kommen lassen. „Geschwister“  von Klaus Mann, ein spannendes Zeitzeugnis der 20er Jahre, inszeniert von Irmgard Lübke (ab 8. März, Theaterwerkstatt), ist genauso wie das in der Antike angesiedelte Drama HORACE von Pierre Corneille, in der Regie von Katrin Plötner, (ab 24. April, Theaterwerkstatt) eine Wiederentdeckung. Die Dramatisierung des ungarischen Romans „Die Ruhe“ von Attila Bartis unter dem Titel „Meine Mutter, Kleopatra“als deutschsprachige Erstaufführung runden das Programm ab.Der bekannte Regisseur Róbert Alföldi war bis zum Spielzeitende 2012/13 erfolgreicher Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, bis auch er ein Opfer der momentan herrschenden politischen Verhältnisse wurde. Wir sind sehr froh, dass er im Landestheater diesen brillanten Stoff umsetzen kann, der Ungarn zur Zeit der Wende, fokussiert auf eine klaustrophobische Familienkonstellation, zeigt. Als Gäste spielen ab 29. März  Michou Friesz, Susi Stach und Moritz Vierboom in dieser Produktion.

Zwei vom Landestheater Niederösterreich initiierte Lesungen gibt es in prominenter Besetzung: Die Burgschauspieler Dörte Lyssewski und Markus Meyer lesen aus Ovids „Heroides“, den fiktiven Beschwerdebriefen der Heldinnen der Antike (am 2. November) und Katja Bürkle von den Münchner Kammerspielen und Martin Wuttke werden aus dem Briefwechsel von Bertolt Brecht und seiner Frau Helene Weigel lesen. (Am 16. Jänner). „Der eingebildete Kranke nach Molière von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin kommt als Gastspiel in der Regie von und mit Martin Wuttke am 29. und 30. November ins Landestheater. Das Schauspielhaus Zürich gastiert am 14. und 15. Februar mit „Amphitryon und sein Doppelgänger“  nach Heinrich von Kleist in einer Inszenierung der gefeierten Karin Henkel, deren Arbeiten seit vielen Jahren nicht mehr in Österreich zu sehen waren. Das Hamburger St. Pauli Theater kommt am 9. und 10. Mai mit  Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“  in der Regie von Wilfried Minks mit Burghart Klaußner, der für diese außerordentliche Darstellung den Theaterpreis Der Faust gewonnen hat und Margarita Broich, die ganz neu in die „Tatort“-Riege einsteigt.

Open House am  20. und  21. SEPTEMBER

Das Landestheater Niederösterreich öffnet vier Wochen bevor die Spielzeit startet an zwei Tagen seine Türen zum Open House und lädt am Freitag, 20. September  zu einem Programm für Jugendliche und Erwachsene ein. Abenteuerlustige Jugendliche haben so zum Beispiel die Möglichkeit im Theater zu übernachten. Am Samstag, 21. September geht es am Vormittag und frühen Nachmittag mit unserem beliebten Kostüm- und Requisitenflohmarkt sowie mit Attraktionen für unsere jüngsten BesucherInnen weiter. Es gibt Familienführungen, Kinderschminken, Basteln, Bilderbuchkino, Lesungen und vieles mehr.

 Abos: Neu sind, neben dem JUGEND-ABO 14+, die Kooperationen mit Grafenegg und dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich. Hier gibt es unter dem Titel ABO LANDESTHEATER & GRAFENEGG und ABO LANDESTHEATER & TONKÜNSTLER je ein attraktives Abo-Angebot mit Musik und Schauspiel. Ebenfalls neu:  Am 19. August 2013 eröffnen das Landestheater Niederösterreich, das Festspielhaus St. Pölten und die Bühne im Hof ein neues gemeinsames Kartenverkaufslokal am Rathausplatz 19, St. Pölten.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013