Viennale 2018: Die Highlights aus dem Programm

Oktober 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eva Sangiorgi sorgt für ein Entdeckerfestival

„Suspiria“ von Luca Guadagnino. Bild: Viennale

Am 25. Oktober beginnt die erste Viennale unter der Leitung von Eva Sangiorgi. Dienstagabend präsentierte die neue Chefin gemeinsam mit Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, und Ernst Kieninger, Direktor des Filmarchivs Austria, ihr Debütprogramm. Mit Blick darauf lässt sich sagen: Die Viennale bleibt ein breit gestreutes Festival für Filmentdecker.

Bei dem die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm als überholte Kategorisierung von Kunstschaffen aufgegeben wurde. Eröffnet wird mit „Glücklich wie Lazzaro“ von Alice Rohrwacher, für den die italienische Filmemacherin dieses Jahr in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Im Hauptprogramm präsentiert die Viennale Filme, die kürzlich uraufgeführt wurden, wie „High Life“ von Claire Denis, „Doubles Vies“ von Olivier Assayas, „Roma“ von Alfonso Cuarón, „Monrovia, Ind iana“ von Frederick Wiseman, „Ni De Lian“ von Tsai Ming-liang, „Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog, „In Fabric“ von Peter Strickland und „Suspiria“ von Luca Guadagnino. Letzterer bietet zudem die Gelegenheit, auch das Original von Dario Argento aus dem Jahr 1977 wieder einmal zu sehen, in restaurierter 4K-Fassung. Eine interessante Wechselwirkung wird sich wohl auch aus dem Vergleich der beiden von inneren Dämonen heimgesuchten Musikstars in den Biopics „Vox Lux“ von Brady Corbet und „Her Smell“ von Alex Ross Perry ergeben – zwei ebenso unterschiedlichen wie kraftvollen Porträts dieser Lebenswelt.

„Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog. Bild: Viennale

„Doubles Vies“ von Olivier Assayas. Bild: Viennale

„Vox Lux“ von Brady Corbet. Bild: Viennale

„Angelo“ von Markus Schleinzer. Bild: Viennale

„Joy“ von Sudabeh Mortezai. Bild: Viennale

Regisseurinnen und Regisseure aus aller Welt werden ihre Werke vorstellen: Darunter Ivan Salatić, der mit „Ti imaš noć“ ein Generationen übergreifendes, mysteriöses Familiendrama gedreht hat, und César Vayssié, dessen „Ne Travaille Pas“ den Geist von 1968 mit künstlerischer Hingabe feiert, indem er filmische Gesten mit tänzerischen Bewegungen in Dialog treten lässt – was auf wunderbare Weise einen Bezug herstellt zu seinem vorangegangenen Film, ebenfalls im Programm: „Ufe“, der das politische Engagement bis auf die Spitze des Aktionismus treibt.

Er stellt dies in einem überraschenden meta-fiktiven Experiment in Verbindung zum militanten Kino der 1970er-Jahre und führt es als Verflechtung künstlerischer Disziplinen fort. Keinesfalls auch sollte man sich „La Flor“ entgehen lassen, einen epischen Film aus Argentinien von 14 Stunden Dauer und das Werk des nicht klassifizierbaren Filmemachers Mariano Llinás, der in dieser großartigen, gleichfalls nicht klassifizierbaren Übung in der Anwendung verschiedener Stile mit Geschick, Rhythmus und Sinn für Humor von einem Filmgenre zum andern übergeht, kurz: eine Hymne auf das Kino und die Frauen.

Unter den österreichischen Filmen bei der Viennale finden sich „Angelo“ von Markus Schleinzer, „Joy“ von Sudabeh Mortezai und „Chaos“ der in Wien ansässigen, syrischen Regisseurin Sara Fattahi. Nils Olger arbeitet in „Eine eiserne Kassette“ anhand seiner Familiengeschichte historische Fragen auf; auch „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ von Stephanus Domanig bezieht sich am Beispiel des hundertjährigen Komponisten, der ins Exil gezwungen wurde und heute in Chicago lebt, auf die Geschichte Österreichs – die im Zwanzigsten Jahrhundert vom Nationalsozialismus überschattet ist und bleiben wird.

Hingegen stellt Christiana Perschon in „Sie ist der andere Blick“ aus nächster Nähe und in Zusammenarbeit mit fünf zeitgenössischen Künstlerinnen deren jeweiligen Werdegang dar. Einer weiteren außergewöhnlichen Frau und Kämpferin ist Houchang Allahyaris Kein-Abschieds-Porträt „Ute Bock Superstar“ gewidmet.

„Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer. Bild: Filmarchiv Austria

„Die gekreuzigt werden“ von Georg Kundert. Bild: Filmarchiv Austria

Anlässlich der vielbeachteten Rekonstruktion und Restaurierung von Hans Karl Breslauers „Die Stadt ohne Juden“ geht das vom Filmarchiv Austria kuratierte Viennale-Spezialprogramm „Surviving Images“ den Spuren jüdischer Kultur und Geschichte im deutschsprachigen Stummfilm nach. Wenige Jahre vor der Shoah wurde jüdisches Leben vitaler und unmittelbarer als je zuvor im Film festgehalten. Vor allem österreichische und deutsche Stummfilme erwiesen sich dabei als eindrucksvolle Medien für die Dokumentation dessen, was bald völlig ausgelöscht werden sollte.

Im Jahr des Republikjubiläums erinnert diese Filmschau an jüdische Lebenswelten, die nur in Filmbildern überlebt haben. Acht der präsentierten zwölf Filme sind neue Restaurierungen, vier von diesen wiederum wurden im Filmarchiv Austria geschaffen. Die Filmschau ergänzt die noch bis Ende des Jahres im Metro Kinokulturhaus laufende Ausstellung „Die Stadt ohne“, die ausgehend von „Die Stadt ohne Juden“ einen Konnex herstellt zwischen dem historischen Hintergrund des Films und dem Antisemitismus und der Xenophobie der Gegenwart.

„Sh! The Octopus“ von William C. McGann. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„The Face Behind the Mask“ von Robert Florey. Bild: Sammlung Österreichisches Filmmuseum

Unter den Retrospektiven einen besonderen Platz nimmt „The B-Film. Hollywoods Low-Budget-Kino 1935–1959“ ein. Ein einfacher Titel, dessen einfaches Ziel es ist, die Geschichte und das Vermächtnis jener Weise des Low-Budget-Filmemachens zu beleuchten, die innerhalb des Hollywood-Studiosystems erfunden und noch lange danach von so unterschiedlichen Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Seijun Suzuki, Hartmut Bitomsky, Martin Scorsese oder Quentin Tarantino als Ideal angestrebt wurde.

Der B-Film war, wie diese Retrospektive aufzeigt, ein historisch spezifisches Kinogenre, das von den frühen 1930er-Jahren bis zum sogenannten Paramount Decree von 1948 seine Blütezeit erlebte – dank der Einführung von Double Features und der paradoxen Idealvorstellung  des Studiosystems als einer „Art Factory“ mit dem damit einhergehenden hohen Ansehen. Mit dem B-Film wurde eine Art von purem Kino geschaffen, in dem man zum einen zu den Varieté- und „Attraktions“-Anfängen des Kinos zurückkehrte, und zum anderen diverse Avantgarde-Strömungen verfolgte – von Surrealismus und Photogénie bis zu sowjetischer Montage.

Während einem dabei unmittelbar Val Lewton und Edgar G. Ulmer in den Sinn kommen, gibt es zahlreiche genauso wichtige Beispiele von außerordentlich innovativen, aber weniger bekannten B-Filmen, die ebenfalls auf dem Programm stehen: von William McGanns bizarrer Krimikomödie „Sh! The Octopus“ aus dem Jahr 1937 bis zu Joseph H. Lewis’ Film noir „So Dark The Night“ von 1946.

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17. 10. 2018

Viennale 2017: Valeska Grisebach über „Western“

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Welch schöner, eleganter Mann“

Meinhard Neumann steht als „Meinhard“ zwischen Dorf und Bautrupp. Bild: © Komplizen Film

Mit „Western“ stellte die deutsche Filmemacherin Valeska Grisebach ihr neuestes Werk bei der Viennale vor. Inhalt: Eine Gruppe deutscher Bauarbeiter macht sich auf den Weg auf eine Auslandsbaustelle in der bulgarischen Provinz. Das fremde Land und die raue, wenig erschlossene Landschaft wecken die Abenteuerlust bei den Männern.

Gleichzeitig sind sie mit ihren eigenen Vorurteilen und ihrem Misstrauen konfrontiert. Das nahe gelegene Dorf wird für zwei der Männer zur Bühne eines Konkurrenzkampfs um die Anerkennung und die Gunst der Dorfbewohner. Kinostart ist am 3. November. Valeska Grisebach im Gespräch:

MM: Sie sind bekannt bevor, dass Sie an Ihren Projekten sehr lange feilen, bis es dann tatsächlich losgeht. Wie lange hat’s diesmal gedauert und wo war der Ausgangspunkt Ihrer Reise?

Valeska Grisebach: Diesmal hat’s lange gedauert, aber ich habe mir tatsächlich Zeit gelassen, weil das Leben zwischen den Filmen auch schon ist. Weil ich meine Tochter bekommen habe, weil ich bei einem anderen Projekt mitgearbeitet und auch unterrichtet habe, aber auch, weil „Western“ eine längere Anlaufphase gebraucht hat. Ich habe lange über das Thema nachgedacht, bis ich das Buch geschrieben habe. Der Ausgangspunkt war meine Faszination für den Western, die herrührt aus der Zeit, als ich noch ein kleines Mädchen war und aus dem Fernsehzimmer meiner Großeltern, wo ich mit meinem Vater Western geguckt habe.

MM: Und?

Grisebach: Dieser Faszination wollte ich als erwachsene Frau auf die Schliche kommen, und diesen männlichen-melancholischen, einsamen Helden auf meine Art verhandeln. Auch die Inszenierung eines Gesichts, das keine Gefühle zeigt, mit jeder Menge Gefühl dahinter. Ich fand das interessant, dass Western viel mit Konstruktion von Gesellschaft zu tun haben, welche Spielregeln gelten – Mitgefühl oder Empathie oder einfach das Gesetz des Stärkeren. Dieser Blick hat mich beschäftigt. Dann habe ich mich über eine assoziative Recherche, die parallel zum Schreiben verlaufen ist, in dieses Projekt begeben. Und war sehr glücklich, als sich für mich diese Situation von diesen Deutschen, die sich mit ihren großen Maschinen und ihrem Wissen nach Bulgarien gehen, die mit Neugier und aber auch Misstrauen dort ankommen, entwickelt hat. Ich bin dann nach Bulgarien gereist – und damit ging auch die Reise dieses Filmes los.

MM: Die Vorurteile funktionieren in Ihrem Film von beiden Seiten. Die bulgarischen Dorfbewohner haben nicht weniger als die deutschen Bauarbeiter.

Grisebach: Das ist klar, weil jede Figur mit einem historischen Subtext auftritt, eine Geschichte und eine unterschiedlich verlaufende Geschichtsschreibung mitbringt. Auf meinen Reisen hat mich das am Anfang fast irritiert, wieviel Respekt mir als Deutsche entgegengebracht wurde. Man wird erstmal fast überhöht, was mit der Geschichte der Bulgaren an der Seite der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Die Leute sagen, die Deutschen haben das alles überwunden, und stehen jetzt 1A in der Welt da. Das müssen wir auch schaffen, wir brauchen den deutschen Stiefel, um unsere Trägheit zu überwinden. Das sind allerdings alles auch Spielregeln eines ersten Kontaktes, ich habe gelernt, solche Sätze als solches zu bewerten.

MM: Sicherlich auch spannend für Drehbuch und Film …

Grisebach: Ja, weil ich mich so fragen konnte, was diese beiden Männer, Meinhard und Vincent, beide Mitte 40/Anfang 50, nicht nur antreibt, sondern, was ihnen auch begegnen wird. Die wollen noch ein Abenteuer, ein Erlebnis, die wollen, weil ihnen eben so viel Respekt entgegengebracht wird, das Dorf als Bühne für ihren Konflikt benutzen. Wer ist der, der hier ankommt? Der Anführer ist? Der vielleicht eine Frau bekommt?

MM: Ein typisches Western-Motiv: Der Anführer der Gruppe gegen den Desperado.

Grisebach: Wobei sich Meinhard und Vincent gar nicht so unähnlich sind in dem, was sie eigentlich wollen. Sie haben eine sehr unterschiedliche Weise, damit umzugehen, der eine aggressiv, der andere, der auf sanfte Art und Weise in Kontakt tritt.

MM: Vincent hat diese Hoppla-jetzt-komm‘-ich-Mentalität, die die Deutschen von der Adria bis zur Costa Brava mäßig beliebt macht …

Grisebach: Ich mag ihn um nichts weniger als Meinhard. Er hat Pflichtbewusstsein, er will für seine Männer nur das Beste. Er muss Stärke zeigen, nachdem er um den Kies betrogen wird. Er macht auch eine Entwicklung durch, wie er dann aus dem Konflikt aussteigt. Aber die ganze Gruppe hat natürlich eine gewisse Grobheit, was für mich auch immer ein Zeichen von Unsicherheit und wenig Selbstbewusstsein ist. Ich habe also nicht wirklich an die Deutschen auf Mallorca gedacht, als ich Vincent geschrieben habe. Dafür habe ich die Jungs dann doch zu gerne. Die Dynamik, die sich in der Gruppe entwickelt, und aus der heraus dann auch Meinhard agiert, ist, dass Angst und Schwäche gar nicht geht.

MM: Ihre Schauspieler sind allesamt Laien. Wie haben Sie die gefunden?

Grisebach: Ich merke immer, dass es so richtig losgeht bei den Proben, wenn ich anfange los zu spazieren und Leute sehe, bei denen ich Herzklopfen kriege, oder denke: Mensch, den will ich kennenlernen. Ich wollte mich am Anfang des Projekts mit Männer und Frauen über ihren Westernmoment im Alltag unterhalten. Über Duelle aus dem Leben. Und hab‘ dann geguckt, mir den Pin-Up-Moment gegönnt, und da landet man für einen Western ganz schnell bei den Jungs auf dem Bau. Wobei ich das altmodische männliche Gefüge von Arbeitern auf dem Bau auch für den Film interessant fand.

MM: Die nun Mitwirkenden …

Grisebach: … hat das Stichwort Western überzeugt. Die waren auch gespannt, wie ich das umsetzen werde, als Frau in einem vermehrt männlichen Ensemble. Das war super, das war für mich eine faszinierende Erfahrung.

Er freundet sich mit Dorfvorsteher Adrian an: Meinhard Neuman und Syuleyman Alilov Letifov. Bild: © Komplizen Film

Und lernt allmählich lächeln: Meinhard Neumann. Bild: © Komplizen Film

MM:  Was haben Sie in den Hauptdarstellern Meinhard Neumann als Meinhard und Reinhardt Wetrek als Vincent gesehen?

Grisebach: Ich habe für die Figur des Meinhard, als die Figur noch gar keinen richtigen Namen hatte, aber Meinhard war dann so bezwingend, ich konnte keinen besseren erfinden, immer einen schillernden Charakter gesucht. Wenn man Meinhard in der Gruppe sieht, denkt man, welch ein schöner, eleganter Mann. Er ist aber auch einer, der gleichzeitig den kleinen Mann in sich trägt, den Untertan, den Opportunisten, der vielleicht eine Lügengeschichte erzählt, wer er ist, der vielleicht auch etwas gut machen muss. Er möchte gleichzeitig aus der Masse herausstechen und in ihr verschwinden. Mich erinnert Meinhard Neumann an Gary Cooper in seinen Filmen. Er ist eine Projektionsfläche, er hat ein unglaubliches Gesicht, wie eine Filmikone, und er ist ein Mann mit Vergangenheit …

MM: Und Reinhardt Wetrek …

Grisebach: … den fand ich einfach so toll, weil er eine andere Körperlichkeit hat, etwas sehr Eindringliches, wie er dasteht und für Meinhard ein Widerstand ist, dann aber wieder etwas ganz Zartes hat. Die Geschichte ist ganz lustig: Er hat beim ersten Mal Casting so ein Blackout hingelegt, was ganz sympathisch war, dass dieser große Schrank dasteht und nicht weiter weiß, dass er fast umgedreht wäre. Er hatte aber seine 12-jährige Tochter dabei, und der wollte er zeigen, dass man im Leben Dinge durchzieht. Er hat sich unheimlich frei gespielt, er ist auch jemand, von dem ich denke, er könnte gut Schauspieler sein, er hat da große Qualitäten. Und er will auch gerne wieder wo spielen.

MM: Sie arbeiten normalerweise nicht mit einem klassischen Drehbuch. Wie war das diesmal? Und haben da die Schauspieler die Möglichkeit, auch „frei Schnauze“ zu sprechen?

Grisebach: Ja und nein. Es gibt einen Text, weil ich finde, was da ist, ist da, er wird aber am Set verhandelt. Ich erzähle Szenen und Dialoge, es ist kein klassisches Improvisieren, sondern ein Moment der Begegnung, und wenn da jemand etwas anders sagen möchte, kann man über alles reden.

MM: Wie war Drehen in Bulgarien?

Grisebach: Für mich toll, weil ich oft so jemand bin, der sich nicht festlegen will. Mich irritiert das eher, wenn alles so fix durchgeplant ist, da habe ich immer das Gefühl, ich muss mal kurz Verwirrung stiften. Für mich ist das das Gegenteil von inspirierend. In Bulgarien habe ich gemerkt, dass die Leute eher irritiert sind, wenn man vier Wochen im Voraus was planen wollte. Da ruft man eine halbe Stunde vorher an und sagt ich brauche bitte das, das und das. Und dann klappt das irgendwie. Und wenn nicht, sind die Bulgaren Meister im Improvisieren. Die Leute waren abenteuerlustig und haben sich auf uns eingelassen. Für mich war das eine schöne Erfahrung, auch ein Kontrollverlust, eine Reise ins Unbekannte, und immer wieder Überraschungen. Ich habe im besten Sinne eine Grenz-Erfahrung gemacht.

MM: Die Bewohner des Dorfes spielen sich auch selber?

Grisebach: Nur wenige. Wir haben auch in Bulgarien ein Casting gemacht, und die Leute kommen alle aus einer Region, aber aus einem größeren Umfeld. Trotzdem war das Dorf präsent mit jeder Art von Hilfestellung. Syuleyman Alilov Letifov, der den Adrian spielt, hat in Wirklichkeit Geschäfte für Autobedarf und auch einen Steinbruch.

MM: Lassen Sie uns über das visuelle Konzept reden.

Grisebach: Wir haben uns auch damit beschäftigt, wie man Western optisch umsetzt, wir wollten nicht die ganze Zeit Cinemascope zitieren, sondern mehr über die Inhalte gehen. Aber es ist schon spannend, Westernräume aufzumachen, den Dorfplatz, die Veranda der Kneipe, oder auch die Landschaft, die vermeintliche Wildnis, die es ja nicht ist. Denn hinter dem nächsten Hügel ist ja was, aber für die Deutschen ist es eben ein Abenteuerland. Es war uns wichtig, nicht zu viel Butter aufs Brot zu schmieren, damit unsere Inszenierungen immer noch Effekt haben.

Als Vincent mit Meinhards Hengst ausreitet, passiert das Unglück, das die Männer entzweit: Reinhardt Wetrek. Bild: © Komplizen Film

MM: Wie geht es aus? Ich vermute, Meinhard bleibt.

Grisebach: Ich weiß es nicht, ich könnte es so nicht sagen. Aber er setzt sich zum ersten Mal etwas aus, seinen Gefühlen, und damit wird etwas in Gang gesetzt werden.

MM: Die Viennale hat Ihnen auch ein Special gewidmet, eine Werkschau verbunden mit einer Carte Blanche.

Grisebach: Mich hat Hans Hurch kontaktiert, was mich wahnsinnig gefreut hat, und was mich jetzt so berührt, dass ich ihn nie so richtig persönlich kennengelernt habe. Mir bedeutet das sehr viel, dass gerade in Wien, wo ich studiert habe, meine Filme „Mein Stern“ und „Sehnsucht“ gezeigt wurden – auch in Verbindung mit der Carte Blanche.

MM: Von den von Ihnen ausgewählten Filmen ist heute noch „Gunfighter“ von Henry King zu sehen – siehe da: ein Western.

Grisebach: (Sie lacht.) Ich freue mich so, den auf der Leinwand zu sehen. Es geht um einen lonely Gunfighter, der älter geworden ist, und zurück will in den Ort, aus dem er kommt, zurück zu der Frau, die er liebt. Aber Gunfighter sein, ist ein Fluch, den er nicht loswird, weil ein jeder, dem er begegnet sich mit ihm messen will. Seine Nachfolger warten nur darauf, sich mit ihm anzulegen … Das ist die Ambivalenz am Western, die mich interessiert: raus und frei sein und dennoch ein Zuhause haben.

MM: Ein Lieblingswestern?

Grisebach: Mmh. Vielleicht „Wincester `73“ von Anthony Mann. Den mag ich sehr gerne, weil James Stewart wie mein Bautrupp so ein normaler Mann ist, der in eine unmögliche Situation gerät. Er hat auch dieses Anständige und muss quasi auf Rache aus sein. Und „One Eyed Jack“ mit Marlon Brando mag ich auch sehr.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26959

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  1. 11. 2017

Viennale 2017: Licht

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen heißt nicht mehr gesehen zu werden

Interessierte an Mesmers Methode beobachten Resis Therapie: Christian Strasser, Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Augen bewegen sich unstet hin und her, der Blick ins Leere, unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten, ebenso wie die Gesichtszüge, die entgleisenden, die mal Hochgefühl bis zur Ekstase, mal den in der Musik empfundenen Schmerz ausdrücken. Maria Theresia Paradis spielt Klavier. Und die Wiener feine Gesellschaft ums Jahr 1770 findet das „magnifique!“, „extraordinaire!“, kurios, diese Kuriosität, die ihnen da vorgeführt wird wie eine Jahrmarktsattraktion.

Andere, tuschelt’s hinter vorgehaltener Hand, beherrschten die schwarzweißen Tasten zwar besser, aber: Die sind nicht blind! Barbara Albert hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ verfilmt. „Licht“ heißt ihre Produktion, die bereits mit großem Erfolg bei der Viennale lief, und am 10. November in die Kinos kommt. Die Autorenfilmerin, erstmals in Zusammenarbeit mit einer Drehbuchautorin, Kathrin Resetarits, erzählt darin die Geschichte des real existiert habenden blinden Wunderkindes Resi Paradis zu Zeiten Maria Theresias. Die Kaiserin, die dieses Talent sogar mit einer Gnadenpension bedachte. Die Berühmtheit dank Begabung samt Beeinträchtigung.

Der Motor hinter Resis bestaunten Auftritten sind die Eltern. Von Ehrgeiz zerfressen, bemüht, aus dem familiären Unglück wenigstens was rauszuholen, der Vater (fabelhaft: Lukas Miko) ein ewig Unzufriedener, die Mutter (Katja Kolm enervierend gut als „Eislaufmutti“) rüscht derweil Resi mit überbordender Pracht auf. „Sie tanzt sogar“, führt sie ihre Tochter einem Beäuger zu. Dieses Wesen, dem man fast schon die Würde genommen hat. Das auf seine Selbstständigkeit verzichtet hat. In jeder Beziehung. Verzichten musste.

Die Mutter gibt Anweisungen für die Klaviervorführung vor höchsten Kreisen: Katja Kolm und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

In Mesmers Haus: Resi (Maria Dragus) in ihrem Element. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ins Leben der Paradis‘ tritt Franz Anton Mesmer, Wunderheiler. „Animalischen Magnetismus“ nannte er selbst seine Methode, heute würde man vielleicht Energetiker sagen. Jedenfalls ist er gerade sehr im Schwange, will ehrlich helfen – und bei Erfolg bei Hof Fuß fassen. Er nimmt die Resi, der Behandlungen bisher nur versengte Kopfhaut und Haarausfall eingebracht hatten, unter seine Fittiche, er befreit von Perücke und – dies natürlich das Bild – vom Korsett. Und siehe da: unter Mutters Tand und Vaters Tadel und der Gesellschaft Tralala – ein Mensch …

Den die junge Schauspielerin Maria Dragus exzellent darstellt. Ihre Körpersprache und ihr Mienenspiel geben dem Film maßgeblich die Form. Allein, wie sie konzentriert das „Nicht-Sehen“ durchhält, ist große Kunst. Allmählich kommt neues Selbstbewusstsein durch neue Einflüsse. Im Haushalt der Mesmers erfährt Resi nämlich erstmals so etwas wie persönliche Freiheit. Dragus wandelt das Mädchen Resi zur jungen Frau, die anderen werden ihr jetzt vieles infrage stellendes Verhalten aber nur „störrischer“ finden.

Mesmer setzt tatsächlich einen Heilungsprozess in Gang. Devid Striesow brilliert als vielschichtiger Charakter, ein Mann von Einfühlungsvermögen und großer Mitmenschlichkeit, der trotzdem seine eigenen hochfliegenden Ziele verfolgt. In seinen „Séancen“, in denen er Resi samt seinen Praktiken den Wichtigen von Wien vorführt, sind um nichts weniger ein Begaffen als bei ihrem Klavierspiel. Als sie erste Schemen erkennt und Gegenstände im Wortsinn begreift, heißt es „Wie eine Amerikanerin aus dem kanadischen Urwald!“ und „Ganz unverbildet!“. Und Mesmer, der nach offizieller Anerkennung ringt, lässt es zu. Am Ende wird er mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt werden, doch das erzählt der Film nicht mehr.

Sondern vielmehr von zwei Versuchen, sich selbst zu befreien, der Visionär vor der Borniertheit der Schulmediziner (immerhin billigt ihm der Kaiserin Leibarzt Anton von Störck sehr goethe’isch zu, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich mit unseren Mikroskopen fassen lässt“), die Blinde aus der Geiselhaft des Elternhauses und der Absurdität ihres dortigen Daseins. Zweiteres wird gelingen, wenn auch anders als gedacht, der Freigeist Mesmer wird auch aus Resi einen gemacht haben, sie wird eine Entscheidung treffen zwischen Klavier und Augenlicht. Je mehr sie wahrnimmt, umso kläglicher wird ihr Spiel.

Eine öffentliche Demonstration von Resis Heilung: Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit dem Verlust der Blindheit ginge aber auch die gesellschaftliche Sonderstellung samt Gnadenpension verloren. Es hieße sehen, um nicht mehr gesehen zu werden, dieser Konflikt die einzig wesentliche Dramatik im Film. Und Vaters Satz „Alles ist besser als das da“, mit Fingerzeig auf sein Kind, wandelt sich in ein „Wenn sie nichts kann, zählt sie nichts“ …

Die Schattenseiten des neuen Lichts haben Albert und Resetarits und Kamerafrau Christine A. Maier in vielerlei Facetten gestaltet. Mittels Lochoptik erzeugt Maier impressionistische Bilder, die Resis erste Sehversuche illustrieren. Dazu ein immer wieder sehnsüchtiger Nicht-Blick in den blauen Himmel über Baumwipfeln. Resis Welt ist im Wesentlichen dunkel, eine Augenbinde gibt sogar Sicherheit, als Kontrast der beinah schon grotesk-bunte Rokoko-Putz von Kostümen und Kulisse.

Doch nicht nur das Wiener Bürgertum des 18. Jahrhunderts wird in „Licht“ ausgestellt, sondern auch jenseits jedes Historienkitsches die Unsichtbaren der Zeit. Als Gegensatz zur Mesmer’schen Therapiegruppe aus psychisch Angeschlagenen und überspannten Hysterikern, die Dienstboten im Haushalt, angeführt von Stefanie Reinsperger als Küchenmagd und gewürzt mit Cameoauftritten wie dem vom Nino aus Wien als Stallbursche. Die Klassen sind klar getrennt, doch auch Resis Kammerzofe Agi, sie spielt die wunderbare Nachwuchshoffnung Maresi Riegner, träumt von einer helleren Zukunft. Dass die beiden jungen Frauen sich anfreunden können, zeigt, dass Resi aufgrund ihrer sie von der Welt fernhaltenden Blindheit die Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“ gar nicht wahrnimmt. Dass für die unten Tod und Vertreibung näher ist, als für die oben, wird der Film aber noch drastisch zeigen.

Barbara Albert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26995

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  1. 11. 2017

Viennale 2017: Barbara Albert im Gespräch über „Licht“

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Blindheit, die in die Freiheit führt

Resi hat Sehnsucht nach der Sonne über den Baumwipfeln: Maria Dragus (M.) mit Lukas Miko, Katja Kolm, Maresi Riegner und Susanne Wuest. Bild: © Chistian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit ihrem  neuen Spielfilm „Licht“ erzählt die österreichische Filmemacherin Barbara Albert eine Parabel über die Macht der Musik. Aufwendig inszeniert und mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt das Historiendrama die Suche nach der eigenen Identität zwischen Lichtblicken und Schattenseiten, zwischen Schein und Sein, zwischen Sehen und Gesehen werden. Der Inhalt: Wien 1777. Die blinde, 18-jährige Maria Theresia Paradis ist als Klavier-Wunderkind in den besten Kreisen beliebt.

Nach zahllosen medizinischen Fehlbehandlungen wird sie von ihren ehrgeizigen Eltern dem wegen seiner neuartigen Methoden umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer anvertraut. In dessen von der Aufklärung durchtränkten Haus und dank Mesmers offener Art, beginnt Resi zum ersten Mal in ihrem Leben Freiheit zu spüren. Doch dann merkt sie, dass ihr Klavierspiel schlechter wird … Bei der Viennale wurde „Licht“ bereits heftig akklamiert, ab 10. November läuft er in den Kinos. Es spielen unter anderem Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm und Maresi Riegner. Regisseurin Barbara Albert im Gespräch:

MM: Sie sind auf die Geschichte der Maria Theresia Paradis über den Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ von Alissa Walser gestoßen. Haben Sie auch historische Quellen durchforstet?

Barbara Albert: Absolut, besonders intensiv hat Drehbuchautorin Kathrin Resetarits recherchiert. Sie hat sich in die Sache vertieft, hat zum Beispiel alle Briefe von Vater Paradis und von Franz Anton Mesmer gelesen; die Paradis selbst hat nichts über diese Zeit bei Mesmer geschrieben – oder es ist verschollen. Ich habe dann noch mit dem Historiker Martin Scheutz das Drehbuch abgeklopft, damit alles so authentisch wie möglich ist. Ich habe bei der Arbeit jedenfalls sehr viel über ein Frauenleben im 18. Jahrhundert erfahren. Maria Theresia Paradis konnte diese Karriere ja nur machen, weil sie ein Wunderkind war, und aus der Masse herausragte. Sie musste als Blinde keine Ehe eingehen, weil sie auf dem Heiratsmarkt ohnedies nichts wert war, und hat dadurch keinem Mann gehört. Durch die Gnadenpension der Kaiserin war sie außerdem finanziell unabhängig. So wie sie in späteren Jahren autonom gelebt hat, das war wenigen Frauen vergönnt. So bitter das ist, hat ihr ihre Blindheit Freiheit in einem sehr restriktiven System verschafft. Im Film will sie natürlich alles – sehen können, frei sein und ihre Musik haben.

MM: Ist die Figur Resi Paradis nun mehr Fakt oder Fiktion?

Albert: Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten, weil man auch über die Quellen nicht ganz nah an die Paradis herankommt. Deshalb steckt auch viel vom Roman in der Filmfigur. Alissa Walser zeichnet sie als extrem ambivalenten Charakter, die auch aus der Haut fährt, weil sie das Eingesperrtsein in ihrem gesellschaftlichen Korsett nicht mehr aushält, und sich in ihrer Blindheit hilflos fühlt. Im Buch ist sie manchmal garstig und wütend, und obwohl sie das im Film nicht so sehr ist, war das auch mir sehr wichtig, dass sie als Frau kein leidendes Opfer ist, sondern aktiv und stark bei diesen Bemühungen um Heilung dabei.

MM: Man kennt Sie als Autorenfilmerin, nun haben Sie erstmals mit einer Drehbuchautorin zusammengearbeitet. Wie war das für Sie, Teile der Arbeit aus der Hand zu geben?

Albert: Ab jetzt habe ich Lust, mehr mit Autorinnen und Autoren zu arbeiten! Für mich war das eine sehr intensive und gute Erfahrung. Ich konnte mich mehr auf die Regiearbeit, auf die Erarbeitung der Bilder mit der Kamerafrau, auf die Proben mit den Schauspielern konzentrieren. Natürlich musste ich mir das Buch zu eigen machen, musste aus Kostengründen auch zwei, drei Szenen streichen, aber ich konnte beim Lesen sozusagen schon Schneiden, schon in Bildern denken. Bei den anderen Projekten habe ich später mit dem filmischen Denken begonnen, weil ich mit dem Kopf noch beim Schreibprozess war.

MM: Warum interessiert einen heute das Schicksal der Paradis? Was hat uns das noch zu sagen? Hat ihre Geschichte indirekt mit dem jetzigen Selbstoptimierungswahn zu tun? Ihr Vater sagt ja über ihr Klaviertalent: Wenn sie nichts kann, ist sie nichts wert.

Albert: Selbstoptimierungswahn ist ein gutes Stichwort. In den sozialen Netzwerken ist das sehr relevant, und junge Menschen – heute sind nicht nur die jungen Frauen, sondern auch junge Männer betroffen – sind derzeit in einem extremen Korsett, weil ihnen nicht nur gesagt wird, wie sie auszusehen und sich anzuziehen haben, sondern sie auch ständig beweisen müssen, wie „besonders“ sie sind. Jeder muss ein Star sein und im Wortsinn die perfekte Oberfläche präsentieren. Deshalb posten sie ihre Selfies, um öffentlich zu zeigen, welch ein tolles, aufregendes Leben sie haben. Das ist ein Spagat, wie ihn auch die Paradis machen musste: einerseits angepasst, andererseits außergewöhnlich zu sein. Es gibt aber auch andere Themen im Film, die heute relevant sind: die Aufklärung, das Ringen der Frauen um Gleichberechtigung … Ich bin immer schon historisch interessiert gewesen, weil Geschichte erklärt, warum wir heute sind, wie wir sind. Und da komme ich natürlich auf den Obrigkeitswahn, die Kaiserin, der Hof, die Autorität, das war im 18. Jahrhundert ganz wichtig – und auch das hat sich bis heute wenig geändert.

Barbara Albert. Bild: coop99

MM: Bei dem Thema bin ich beim Heiler Franz Anton Mesmer, den Devid Striesow so vielschichtig verkörpert, auch er prinzipiell sympathisch, aber auch er eine ambivalente Figur.

Albert: Devid Striesow hat die Gabe, die Dinge auf den Punkt zu spielen. Er hat als wichtigste Nebenrolle neben Maria Dragus als Maria Theresia Paradis gar nicht so viele Szenen, um diesen Mesmer zum Schillern zu bringen. Das ist ihm, finde ich, wunderbar gelungen. Wir haben im Vorfeld viel über Eitelkeit gesprochen, über Ehrgeiz, denn Mesmer möchte so gerne in der Wiener Gesellschaft und am Hof akzeptiert werden, aber er ist und bleibt ein Außenseiter vom Bodensee. Mir war wichtig, Mesmers Geltungsdrang zu zeigen, ihn aber trotzdem nicht zu einem unangenehmen Menschen zu machen, weil ich überzeugt bin, dass er das nicht war. Ich bin sicher, dass er eine Verbindung zur Resi aufgebaut hat, er war ja auch sehr musikalisch. Er hat sich sicher mit ihr verwandt gefühlt, und war ihrer Besonderheit auf der Spur.

MM: Und er hat ja tatsächlich Menschen mit seinen Händen geheilt.

Albert: Ja. Ich glaube, er konnte Menschen beruhigen, indem er sie anfasste. Er hat sie aus dem System, das sie krankgemacht hat, herausgenommen. Im Film sieht man ja, dass die Mehrzahl seiner Patienten psychische Leiden hatte, und denen hat das sicher gutgetan, frei in Mesmers Haus leben zu können. Er hat beispielsweise den Frauen die Mieder ausgezogen …

MM: … und ihnen die Perücken abgenommen.

Albert: Das muss man sich vorstellen: Sogar Maria Dragus hat manchmal von der ganz hohen und dementsprechend schweren Perücke, die sie beim Dreh trug, Kopfschmerzen bekommen. Nun denke man, man hat das den ganzen Tag auf … Vor allem aber hat Mesmer die Menschen berührt, er hat eine Art – würde man heute sagen – Energiearbeit wie Reiki gemacht, das war damals nicht üblich. Heute wissen wir, dass Hände heilen. An einer Stelle sagt der Hofarzt Anton von Störck dazu: „Es muss zwischen Himmel und Erde mehr geben, als wir mit unseren Mikroskopen sehen können.“ Den Satz finde ich schön. Nur: Mesmer konnte sich nie erklären, seine Erfolge nie beweisen, deswegen hat man sie ihm dann auch abgesprochen. Er wurde mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt.

MM: Es gibt ein Zitat im Film, das heißt „Mit Licht ist nicht zu spaßen“. Das erfährt auch die zweite „Schattenseite“ im Film, die Dienerschaft.

Albert: Die zu zeigen, war Kathrin Resetarits sehr wichtig. Sie wollte ein gesamtes Gesellschaftspanorama beleuchten, auch die Seite, die nicht gesehen wurde, weil sie, wie Sie sagen, eben im Schatten lebte. Maresi Riegner als Resis Kammerzofe Agnes ist wie ein zweiter Gegenpol zur Figur der Paradis. Agi, in ihrer Naivität, wertet nicht, und Resi auch nicht, diese Regel hat sie durch ihre Blindheit nicht gelernt. Also begegnen sich die Mädchen wie Kinder auf dem Spielplatz, die auch die Hautfarbe eines anderen nicht als anders sehen, bevor sie die Erwachsenen nicht drauf stoßen. Natürlich bleibt die Agi am Schluss auf der Strecke und muss das Haus verlassen, aber sie geht mit Stolz, weil auch sie sich nicht in die Opferrolle drängen lässt.

MM: „Licht“ ist ein Film über Frauen von Frauen. Christine A. Maier hat die Kamera geführt – und hat dabei mit „Licht“ gespielt. Was haben Sie beide sich dazu überlegt? Lassen Sie uns über Ästhetik reden. Ich hatte das Gefühl, Sie wollten immer natürliches Licht zeigen.

Albert: Das natürlich gesetzte Licht trifft Christines und meinen Geschmack. Ich wollte mit allem, Kostüm, Ausstattung, Licht, das Gefühl vermitteln, wir sind in der Zeit, im 18. Jahrhundert. Die schwierige Aufgabe war, Resi eine Subjektive zu geben. Wir haben uns gegen Effektlinsen entschieden, weil uns das zu künstlich war, und dann hatte Christine diese tolle Idee der Lochoptik, die diese unscharfen, impressionistischen Bilder macht. Das sollte aussehen, wie die allerersten Fotografien, das erste Festhalten von Bildern. Man hat das Gefühl von etwas Traumhaften, von einer Vorstellung vom Sehen, von einer Erinnerung. Wir wollten nicht definieren, ob Resi so sieht oder es sich einbildet, deshalb sind die Bilder vage Schemen. Ich hoffe, das löst Assoziationsketten aus.

Resis Eltern beobachten Mesmers Behandlungsmethoden: Katja Kolm, Devid Striesow, Maria Dragus und Lukas Miko. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Resi und ihre Kammerzofe Agi: Maria Dragus und Maresi Riegner. Bild: © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

MM: Und dann immer der sehnsüchtige Kamerablick, der Schwenk in die Baumwipfel und den blauen Himmel?

Albert: Ja. Die Sehnsucht ist immer ein Motiv in meinen Filmen. Schön, dass Sie das da wiederentdeckt haben. Was mir in punkto Sehen auch wichtig war: Zu Beginn des Films sind wir wie die Voyeure. Wir sitzen wie die Abendgesellschaft, vor der die Resi Klavier spielt, und „gaffen“ sie an. Wie eine Jahrmarktsattraktion, als die sie von ihren Eltern ja auch vorgeführt wird. Die Nähe der Kamera soll beim Betrachten unangenehm sein. Dann wechselt die Perspektive in die Resis, man sieht wie sie, wie sie nahe am Objekte herangeht, um sie zu begreifen. Im Wortsinn, weil Tasten anfangs für sie sehr wichtig ist.

MM: Das heißt, wir wechseln von der Außensicht auf Resi zu ihrer Sicht auf sich selber?

Albert: Genau so wollte ich das. Das Tasten ist für mich etwas sehr Wichtiges, weil Film für mich etwas Haptisches ist, und das wollte ich durch die nahen Einstellungen spürbar machen. Ich hatte auch Freude daran, meinen Blick auf den ersten Blick zurückzubringen. So wie Resi sich lange zum ersten Mal ihre Hand anschaut, „wie ein Neugeborenes“, sagt Mesmer. Die Reduktion auf diese Einfachheit im Blick hat mir in unserer Bilderflut-Welt gefallen.

MM: Nun haben wir so viel über Resi gesprochen, nun endlich zu ihrer Darstellerin, der fulminanten Maria Dragus. Welch ein Kraftaufwand ist diese Rolle!

Albert: Sie selber sagt, es war nicht so anstrengend. Sie hatte keine Augenschmerzen durch das Schielen. Wir haben das auch von einem Arzt abklären lassen, ob das alles geht und ob wir das dürfen. Maria hat sich auf die Rolle eingelassen, sie war extrem mutig. Sie hat geübt, nicht zu schauen, sie hat ihre Augen höchst kontrolliert bewegt, aber aussehen sollte es ja, als ob nicht, sie hat auch geübt, die Kontrolle über ihre Mimik zu verlieren. Sie ist eine wahnsinnig tolle Schauspielerin, extrem professionell und konzentriert für ihr Alter von Anfang Zwanzig. Sie hat Routine, kann sich aber total öffnen und intuitiv sein. Und: Sie ist sehr musikalisch. Sie hat sich das Wienerische sehr schnell angeeignet, unsere Sprachmelodie, das hatte sie gleich gelernt.

MM: Hat sie auch selber Klavier gespielt?

Albert: Das nicht, aber sie hat gewusst, wo die Tasten auf dem Klavier liegen. (Sie lacht.)

MM: Die Musikstücke, die gespielt werden, sind von der Paradis?

Albert: Das letzte, obwohl sie es in Wahrheit mit 60 komponiert hat. Man merkt auch, wie erwachsen das Stück ist. Wir haben’s unserer Resi in die Tasten gelegt, obwohl sie es erst als ältere Frau geschrieben hat, aber es steht für mich so für ihre Emanzipation, für ihren weiteren Werdegang, dass ich es unbedingt im Film haben wollte.

MM: Wie ging es mit Maria Theresia Paradis weiter?

Albert: Sie hat mit ihrer Mutter und später mit dem Geiger Johann Riedinger, den man wahrscheinlich als ihren Lebensgefährten bezeichnen darf, Europa bereist und Konzerte gegeben. Später hat sie in Wien eine Musikschule für blinde Mädchen gegründet, in der sie auch unterrichtet hat. Sie hat sehr viel Korrespondenz mit den Größen ihrer Zeit geführt, hat eine Notenschrift für Blinde erfunden und bedeutende Salons gegeben. Ich hoffe also, unser Film wird eine Wiederentdeckung dieser großartigen Frau.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053

www.viennale.at

mademoiselle-paradis.com

28. 10. 2017

Viennale 2017: Tiere

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schwarze Katze kündigt Mord an

Anna und Nick haben sich auseinander gelebt: Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair agieren im Psychothriller „Tiere“ ganz großartig. Bild: © Polyfilm Verleih

Ein Autounfall ändert das Leben von Anna und Nick radikal. Gerade war man noch unterwegs ins Schweizer Bauernhaus, das man für ein halbes Jahr gemietet hatte, als Aussteiger-Domizil für den Haubenkoch und die Kinderbuchautorin – und dann ein Schaf auf der Straße, ein Peng, Auto hin, Schaf tot, Frau im Krankenhaus …

„Tiere“ heißt der Film von Greg Zglinski, der am 30. Oktober Österreich-Premiere bei der Viennale hat, am 17. November in den Kinos anläuft, und in dem Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair als Anna und Nick in gewohnter Weise begeistern. Es ist – zumindest vordergründig – die Geschichte einer Ehekrise, die der polnisch stämmige und in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher Zglinski nach einem Drehbuch des 2007 verstorbenen Jörg Kalt in seiner ersten internationalen Produktion erzählt. Die beiden Wiener Bobos haben sich in ihrem sehr stylischen Leben nämlich längst auseinandergelebt. Ihre Beziehung ist durch seine Untreue, ihre Eifersucht und berufliche Selbstzweifel auf beiden Seiten ramponiert, die Schweiz hätte es richten sollen, aber ach! Zum Glück nur eine Platzwunde an Annas Schläfe.

Und dann geht sie los, die Suspense-Story oder Die Frage, wer hier verrückt ist oder gemacht werden soll – und vor allem von wem? Denn es gibt nichts, was der eine sagt, das vom anderen nicht in Zweifel gezogen würde. Meint sie, man sei gestern angekommen, erwidert er, es sei zwölf Tage her. Spricht er mit ihr am Esstisch, erscheint sie plötzlich aus dem ersten Stock mit der Frage: Mit wem redest du? Schreibt sie einen neuen Roman in ihr Heft oder sind die Seiten leer? Reist er tatsächlich durch die Region, um neue Rezepte zu sammeln, oder geht er mit einer Eisverkäuferin am Genfer See fremd? Anna traut bald ihrem Verstand nicht mehr. „Ich bin anders als sonst?“, so sie zu Nick. „Irgendwie schon“, antwortet der. – „Das war’s eh, was ich fragen wollte.“

Bei Mischa in der Wiener Wohnung fließt Blut: Mona Petri. Bild: © Tellfilm/Wojciech Sulezycki

Derweil pflegt Anna ihre Schreibblockade: Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Und dann ist da eine schwarze Katze, die französisch spricht, und wie alle ihre Artgenossen den sechsten Sinn hat, und Anna mitteilt, dass Nick sie ermorden will. In der Nacht darauf ersticht sie ihn mit dem Tranchiermesser, erstickt er sie mit einem Kopfpolster, aber alles nur ein Traum – oder doch nicht? So funktioniert Zglinskis Film zwischen real und surreal. Es geht de facto um Leben und Tod. Und auch wenn nicht alle Szenen innerhalb der Logik des Films evident sein werden, sobald der Regisseur seine Lösung fürs Ende präsentiert (Stichwort: Kapuzenmann im Regen), so ist „Tiere“ doch ein gut gemachter Psychothriller mit Horrormärchenelementen. Und reichlich schwarzem Humor.

Zglinskis nimmt sich, unterstützt von Piotr Jaxas an David Lynch geschulter, raffinierter Kameraführung und Laurent Jespersens hartem Sounddesign, vieles, was das Genre zu bieten hat. Immer wieder fährt die Kamera, fährt das Auto durch einen blutroten Tunnel als wäre er eine Metapher für die Wunden, die Anna und Nick einander schlagen. Parallelwelten tun sich auf. Die Korridore, die Vorzimmer sind gleich gestaltet, lange Gänge, über die es zu irren gilt, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Und auch eine geheimnisvolle Tür, die verschlossen bleiben muss, und zum Schluss wie von Geisterhand geöffnet werden wird, gibt es überall. Alle Frauen sind optisch oder tatsächlich? eine.

Schauspielerin Mona Petri als Drolerien-Forscherin Mischa, die sich Anna und Nick im heimischen Altbau als Untermieterin genommen haben, als seine Geliebte Andrea und als Schweizer Eisverkäuferin. Andrea wird in Wien aus dem Fenster springen, ein Vogel wird in der Schweiz durchs Fenster fliegen – ein Doppelselbstmord, und Mischa eine Wiedergängerin? „Ich habe plötzlich das Gefühl gehabt, die seh‘ ich nie wieder“, sagt Anna nachdem sie Mischa/Andrea/oder wem? zum Abschied die Hand quetscht.

Im Schweizer Bauernhaus sollte alles besser werden, doch nicht nur ein Schaf kommt unter die Räder: Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Systematisch zieht Zglinski das Netz der Verunsicherung enger. Er arbeitet mit Verschiebung von Perspektiven, Verwechslungen, falschen Annahmen, falscher Wahrnehmung, Lüge. Virtuos jongliert er mit den enigmatischen Wiederholungen seiner Story, bis der Zuschauer selbst nicht mehr weiß, was er sieht und was er glauben soll.

Blut fließt. Auch Mischa wird sich eine Kopfwunde zuziehen, und nach der Spitalsbehandlung „den Arzt mit dem fehlenden Finger“ erneut in der Klinik besuchen wollen. Nur, dass der den erst Tage später durch Andreas Ex verlieren wird. Mehdi Nebbou und Michael Ostrowski komplettieren in diesen Rollen den Cast. Normal ist in diesem Film keiner. Und zwischen all den Rissen, Zeitsprüngen und Gedächtnislücken brillieren die Minichmayr und Philipp Hochmair. Wie ihr Gesicht zunehmend entgleist, während Hochmairs Nick souverän und freundlich bleibt. Wie ihre Anna mit spitzer Boshaftigkeit und übellaunigen Blicken seiner arrogant-überheblichen Selbstsicherheit Contra gibt. Und gerade, als man von ihrer labilen Unsicherheit und ihrem peniblen Zwänglerisch-Sein genug hat, dreht sich die Handlung ein letztes Mal, ein verwirrender Zeitungsartikel taucht auf – und Nick …

Greg Zglinskis komplex verrätselte „Tiere“ (der Titel auch dem Kinderspiel geschuldet, das Anna und Nick auf Autofahrten spielen) ist eine magische, eine mystische Interpretation eines Daseins, für das es mehr geben muss, als die Schulweisheit sich träumen lässt. Angedockt an den wenigen Meisterwerken von M. Night Shyamalan erzählt er in großer atmosphärischer Dichte von der menschlichen Existenz – und dem letzten Liebesbeweis, den man dieser erbringen kann. Wer aus dem Film geht, hat garantiert Herzklopfen. Entlassen mit der Frage, nicht was, sondern wer Wirklichkeit ist.

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“: www.mottingers-meinung.at/?p=27417

www.viennale.at

www.tiere.film

  1. 10. 2017