Vestibül des Burgtheaters: Beben

Januar 26, 2019 in Bühne

MICHAELA MOTTINGER

Die virtuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit

Die Spieler und der Mann von Ulro: Marta Kizyma, Martin Vischer, Daniel Jesch und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die beiden gläsernen, in kaltem Licht leuchtenden Vitrinen erinnern an Museumsschaukästen. Eine Bühnenlösung von Thurid Peine, die fürs Vestibül des Burgtheaters in ihrer Schlichtheit nicht nur eine praktikable ist, sondern auch präzise veranschaulicht, was Regisseurin Anna Stiepani mit ihrer Inszenierung von Maria Milisavljevics Stimm- gewitterstück „Beben“ zeigen will: Ein Rühr‘-mich-nicht-an von Menschen, die sich selber hinter Scheiben weg- geschlossen haben.

Die Realität gegen reality tauschten – deutlich gemacht durch eine der Figuren, die kaum am Handeln der anderen teilnehmen kann, weil beim Gamen der nächste Level noch nicht erreicht wurde. Doch ganz so erklärlich macht es einem Milisavljevic, die mit ihrem dystopischen Text 2016 den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, denn auch wieder nicht. Nie nämlich ist völlig klar, ob die von ihr beschriebene Wahrnehmung von Wirklichkeit eine virtuelle oder eine physische betrifft. Ihre Geschöpfe, sie gibt sie an als „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind“, Stiepani hat sich für vier entschieden, stolpern durch einen medialen wie Social-Media-Overkill aus Katastrophenmeldungen und Kriegsberichten. Doch wie fern oder nah ist dieser Displaykosmos tatsächlich? Geschieht Gewalt vielleicht gleich draußen vor der Tür?

Gekleidet in Schwarz lassen die Schauspieler Daniel Jesch, Marta Kizyma, Valentin Postlmayr und Martin Vischer die von der Dramatikerin heraufbeschworene Apokalypse dröhnen, und die lässt wortwörtlich „Trompeten der Endzeit“ ertönen. Ihre von Stiepani auf die Darsteller aufgeteilte Sprechblasensprache, die Halbsätze sind eine assoziative Aneinanderreihung zum Thema Reizüberflutung durch allgegenwärtige Informationssintflut, kontrastiert Poesie und Banalität und Pathos, ist witzig und kitschig und zum Schluss sehr berührend. Und als sei’s damit nicht genug, zieht Milisavljevic eine Metaebene ein, einen aus William Blakes „The Book of Los“ entliehenen an der Kante von Ulro sitzenden Mann.

Eine sinistre Erscheinung in Gestalt von Daniel Jesch, der übers Gesagte schadenfroh spottet, kommentiert und manipuliert, da er mutmaßlich versucht, die Geschehnisse mittels deren Eskalation unter seine Kontrolle zu bringen. In Blakes mystisch-prophetischem Buch, in dem sein Protagonist Los im biblischen Sinn gefallene Wesen betrachtet, steht Ulro für eine Art Geisteswüste, für jene Dunkelheit, die sich Bahn bricht, wenn die (göttliche) Vision erloschen ist. Dies wissend öffnet sich ein neuer Blick auf Milisavljevics enigmatische, oft hermetisch anmutende Zeilen, wird die von ihr heraufbeschworene Gefährdung ihrer Smartphone-Daddler greifbar.

Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Deren Fluchtmanöver Richtung Onlineebene, es fällt der Satz „Er dachte, sein Sofa sei nicht Teil dieser Welt“, gelingen immer weniger, je mehr der Ulro-Mann seine Armeen in Stellung bringt. Da kann man noch so viele Lebenspunkte und Diamantschwerter gesammelt oder Selfies mit einer toten und darob von ihrem Kater angefressenen Nachbarin geschossen haben. Denn allmählich zeichnet sich im ständigen Wechsel der Perspektiven so etwas wie ein Erzählstrang ab, über einen Bewaffneten, der einen Buben erschießt, weil der ihm zu nahe kommt, ein Kind, das ein Buch für die Mutter so unter dem Shirt versteckte, dass es auf den Soldaten bedrohlich wirkte, eine Bombe hätte sein können.

Wie nun Stiepani Milisavljevics stimmiges Bild einer grundlos amüsierten bis sinnlos alarmierten, in beidem aber stets passiven Beobachtungsgesellschaft, in das die Regisseurin auch Zitate einer Kurz gedachten Tagespolitik verwoben hat, zu einer Geschichte über Schuld und Sühne und den Versuch eines Verzeihens dreht, das ist die Stelle, an der „Beben“ erschüttert. Vor allem Marta Kizymas Monolog der Mutter darüber, wie sie die erkaltete Stirn ihres Sohnes küsst und in seine toten Augen „all ihr Sein“ fließen lässt. Ob der Ego-Shooter am Ende zu Fleisch und Blut geworden ist, darf das Publikum unter sich ausmachen. Milisavljevic lässt mit ihrer wuchtigen Arbeit wie Stiepani mit ihrer nicht minder massiven Aufführung dem Spiel Raum für Interpretationen. Der Mann an der Kante von Ulro jedenfalls wird durch einen Bruderkuss besänftigt. Seltsam auf dem Nachhauseweg auf dem eigenen Handy nachzulesen, wie einander Erdoğan und Putin treffen.

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  1. 1. 2019

Vestibül des Burgtheaters: Tropfen auf heiße Steine

November 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zunehmend bizarre Beziehungspersiflage

Alphamann Leopold Bluhm und seine so faszinierte wie eingeschüchterte Herde: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak als Vera, Christoph Radakovits als Franz Meister und Alina Fritsch als Anna Wolf. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Immer wieder ist das Vestibül des Burgtheaters ein Ort, an dem junge Theaterschaffende sich ausprobieren können. Nun tut dies Cornelius Edlefsen, seit 2016 Regieassistent am Haus, mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text „Tropfen auf heiße Steine“. Gerade 19 Jahre alt war das spätere Film-Enfant-Terrible, als er dieses, sein erstes Stück verfasste. Eine gewissermaßen Vorwegnahme seiner Lebens- und Werkthemen, Krisenbeziehungen, Bisexualität, Bürgerlichkeitsklischees.

Von ihm selbst allerdings nie auf die Bühne oder die Leinwand gebracht. Edlefsen entgeht klug der Versuchung, mittels Vorlage der Deutschen Nouvelle Vague nacheifern zu wollen. Wie Fassbinder einer kränkelnden (immer noch Nachkriegs-)Gesellschaft unbarmherzig unter den Nägeln brannte, so zeigt zwar auch Edlefsen die Mechanismen eines überkommenen, letztlich untoten Systems, an denen der einzelne nur scheitern kann. Doch Edlefsen überdreht Fassbinders Liebestragödie zur zunehmend bizarren Beziehungsfarce. Mit ausreichend Sinn für Satire lässt er die Ereignisse in der dem Meister eigenen Exzentrik explodieren, bewegt die Figuren zwischen dessen, von Fassbinder-Freunden so verbrieften, Lebenshunger und Todessehnsucht, macht aber an jeder Stelle seiner Arbeit deutlich, dass es ihm allein darum geht, auszustellen, wie Menschen ringen, geliebt zu werden.

Und so erzählt der einfühlsame Abend vom Versicherungsvertreter Leopold Bluhm, der den knapp 20-jährigen Franz Meister mit in seine Wohnung nimmt. Bald geht der ältere Mann auf Tuchfühlung, wird sexuell anzüglich, und der hübsche Junge, nicht ganz so naiv, wie er sich stellt, ergibt sich ihm. In vier Bildern treibt Fassbinder die Handlung voran. Im nächsten schon ist Franz ein einsamer Hausmann, der die ganze Woche nur auf die Rückkehr seines Geliebten von dessen Geschäftsreisen wartet. Wenn der Alleinverdiener kommt, ist er müde, mürrisch und mit allem unzufrieden. Statt Bettgeflüster gibt es nun Streitereien, Schnippisch-Sein und Kopfschmerzen, und als schließlich auch noch die Ex-Freundinnen Anna und Vera mit von der Partie sind, eskaliert die Situation …

Menschenmanipulator Leopold …: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… wird für Franz bald zu viel: Christoph Radakovits und Stefanie Dvorak. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Daniel Jesch als Leopold Bluhm und Christoph Radakovits als Franz Meister zeigen eine begnadet gute Performance. Sensibel und zu Beginn der Beziehung so sinnlich, dass das Knistern zwischen den beiden Figuren zum Greifen ist, gestalten sie ihre Rollen. Wie Radakovits vom dem Jäger Jesch ausweichenden Jüngling zum Verliebten, dessen Gefühle Hochschaubahn fahren, zum Verzweifelten wird, das ist großes Kino. Mutmaßlich nie zuvor war Radakovits so eindringlich gut. Jesch wiederum wandelt seinen Leopold vom Verführer zum Manipulierer, zum Spielmacher sobald die Frauen dabei sind.

So, wie ihm alle verfallen, muss man an die einstigen, charismatischen Kommunengründer denken. Mit Verve arbeiten die beiden heraus, wie das Männerpaar in genau jene Beziehungsmuster kippt, denen es eigentlich entkommen wollte, Rituale, wie spießbürgerliches Gläserabwaschen vor dem Sex bestimmen den Alltag, Diskussionen drehen sich ums Rechthaben und Nichtsrechtmachenkönnen, das einander Zuwerfen von Zigarettenpäckchen wird von Mal zu Mal aggressiver. Man steckt plötzlich in einer typisch durchschnittlichen, gutbürgerlichen Ehehölle.

In der verläuft’s bei Fassbinder freilich tragigrotesk, hochkomisch und zutiefst betrübt, und Edlefsen hat dessen Stück texttreu inszeniert, hat mit Blick auf seine Schauspieler, nicht auf etwaigen Schnickschack, dessen Sprache pointiert und verdeutlicht. Von Jenny Schleif stammt dazu ein fulminantes Bühnenbild, eine metallene Gitterplattform, darunter ein Raum, durch den die Darsteller wie in Demutshaltung kriechen müssen und durch verschiedene Durchlässe auftauchen, hinten eine opake Plexiglaswand hinter der die Frauen zuerst wie Schaufensterpuppen stehen. Sie treten ins Geschehen, sobald bei Franz und Leopold Liebe und Leidenschaft schal und ausgelaugt sind, als die zerstörerische (Selbst-)zerfleischung des Franz beginnt. Alina Fritsch ist als seine Ex-Verlobte Anna Wolf zu sehen, die ihn zurückhaben will, und verbissen an etwas festhält, das nicht mehr existiert. Fritsch zurrt und zerrt und verzagt nie an Franz, bis …

Frauen, ausgestellt wie Schaufensterpuppen: Stefanie Dvorak und Alina Fritsch, vorne: Christoph Radakovits. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… Leopold auftaucht. Im Schlepptau sein gewesenes Love Interest Vera, mit der er rund um Franz nun ein perfides Machtspiel anfängt. Stefanie Dvorak spielt diese Vera mit Intensität, Unterwürfigkeit und dem ihr eigenen Hauch Hysterie. Am Ende wird Leopold die anderen um sich scharen, wie Fassbinder seinen berühmten Clan, wird kreuz und quer gevögelt, und im Werner Schwab’schen Sinne doch nicht geflogen worden sein.

Wird klar werden, dass Leopold seine Menschenopfer auf immer gleiche Weise fordert, und wird es eine Leiche geben. „Tropfen auf heiße Steine“ ist ein von allen Beteiligten mit Fingerspitzengefühl gestalteter, großartig gespielter Abend. Man wünscht ihm, was anderen Inszenierungen aus dem Vestibül schon gelungen ist, nämlich die alsbaldige Übersiedlung in einen größeren Spielraum des Burgtheaters.

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  1. 11. 2019

Vestibül des Burgtheaters: Girls & Boys

November 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Stakkato-Stil durch Eheszenen

Alexandra Henkel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wie sie tänzelt, tobt und für ihren Sohn den Todesstern spielt. Wie sie mit ihm und seiner Schwester Zwiesprache hält, während sie die Kinder mit Kreide an die Wand zeichnet. Wie sie immer wieder im Wortsinn gegen die dann rennt. Das alles ist Alexandra Henkel in Hochform. Dietmar König hat im Vestibül des Burgtheaters Dennis Kellys Monolog „Girls & Boys“ als österreichische Erstaufführung inszeniert, und dabei seine Ehefrau ganz fabelhaft in Szene gesetzt.

Henkel fährt im Stakkato-Stil durch die Ehemomente, von denen Kellys Protagonistin zu berichten hat, sie gibt sich dem drastischen Text, der um Four-Letter Words nie verlegen ist, mit vollem Einsatz hin, ihr intensives Spiel changiert dabei zwischen humorvoll-hysterisch-hintersinnig. Bald bricht die Abgebrühtheit von der sorgsam aufgebauten Fassade dieser Frauenfigur, und Henkel macht dahinter eine Verletztheit sichtbar, die deutlich erkennen lässt, dass diese Geschichte auf eine Katastrophe zusteuert. Das ist schon so Dennis Kellys Art, seine Allerweltsstories ins Allerschlimmste kippen zu lassen.

Erzählt wird tatsächlich etwas erschreckend Alltägliches. „Was passiert ist, geschieht alle zehn Tage“, erfährt man. Ein weiblich-toughes Ich lernt – nach ebenso destruktiver wie verstörend belebender Saufen-Drogen-Ficken-Phase – beim Selbstfindungstrip durch Europa in der Warteschlange vor einem Billigflug-Check-In-Schalter ein „Deppengesicht“ kennen. Das sich jedoch auf den zweiten Blick als „Genie im Körper eines griechischen Gottes“ entpuppt. Also, erst Heirat, dann Lina und Benni, dann macht sie Karriere als Dokumentarfilmproduzentin, während seine Möbelfirma in Konkurs geht. Es folgt die Scheidung mit dem Scheidungsgrund: Eifersucht auf den Erfolg der Frau. Es fällt der Satz „Es wird nie passieren, dass du meine Kinder hast, und ich nicht“.

Henkel setzt beim Sprechen ihre Pointen, mit Augenzwinkern bezieht sie auch das Publikum mit ein, das Vestibül als Spielort dafür ideal – um auf Tuchfühlung zueinander zu gehen. Die Gedankengänge durch die Beziehungsprobleme unterbricht sie mit ihrem Spiel mit den Kindern, Benni, der bevorzugt ganze Planeten zerstört, und die Bastelarbeiten seiner Schwester, Lina, ganz besonnene Jung-Architektin, die bei der Mutter um „Baugenehmigung“ ansucht. Wenn die sich in ihrer Überforderung ertappt sieht, kann einem auffallen, dass die renitenten Antworten und ausgefeilten Argumente der Dreikäsehochs viel zu erwachsen sind. Einmal prasselt nackte Angst auf die „perfekte Kleinfamilie“, als Lina ihrer Mutter in einem Menschengewühl abhanden kommt.

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Subtext zeigt sich Dennis Kellys Ein-Personen-Stück als messerscharfe Analyse übers Kontrolle-Haben, über Kontrollverweigerung und Kontrollverlust. Die Frau hat, das sagt sie am Ende, um dem zu entgehen, ihre Erinnerungen ganz bewusst manipuliert. Eine Strategie der Seele, um den Mann aus ihrem Leben auszuradieren. Da lässt Henkel nicht nur die Schutzhülle ihrer Figur reißen, da platzt auch die des Publikums. „Girls & Boys“ ist ein Abend, der einen in jeder Hinsicht mitnimmt. Klug entgeht Dietmar König der Gefahr, aus Kellys kämpferischem Text ein Debattiertheater über Geschlechterrollen zu machen – „Wir haben die Gesellschaft nicht für Männer erschaffen. Sondern um ihnen Einhalt zu gebieten“, heißt es etwa an einer Stelle -, fein verschafft sich Alexandra Henkel das angemessene Nähe-Distanz-Verhältnis zu dieser Figur. Zu Recht gab’s viel Applaus.

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  1. 11. 2018

Vestibül des Burgtheaters: Saturn kehrt zurück

Januar 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Echo-Raum der Geisterstimmen

Rudolf Melichar als Gustin 88 und Irina Sulaver als Pflegerin Suzanne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Etwa alle dreißig Jahre hat der Saturn die Sonne einmal umrundet und kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück. Das tut auch Gustin, Protagonist in Noah Haidles Tragikomödie „Saturn kehrt zurück“, die die junge Regisseurin Sara Abbasi nun im Vestibül des Burgtheaters als österreichische Erstaufführung inszenierte. Der Melancholiker nämlich ist wie in einer Zeitschleife hängen geblieben, und begegnet einem so in seinen Zeitaltern von 88, 58 und 28 Jahren. Immer dann also, wenn in seinem Leben etwas einschneidend Dramatisches passiert ist.

Erst starb die Frau Loretta bei der Geburt der Tochter Zephyr, dann diese bei einem Trip nach Mexiko. Im hohen Alter holt sich Gustin eine eigentlich nicht benötigte Pflegerin. Weder Installateur noch die Damen von diversen (Escort-)Services waren eine ansprechende Ansprache, nun soll ihn diese Suzanne ins raumzeitliche Niemandsland begleiten, wo er seinen Erinnerungen nachhängen und sie mit schlecht erzählten Witzen unterhalten will.

Abbasi hat Haidles so psychologisch durchtränktes wie surreales Kammerspiel behutsam auf die Bühne gehoben. Ihre Arbeit hält die Waage zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit.

Zwischen tatsächlich Erlebtem und der Imagination der Gustins, so dass völlig logisch ist, dass manchmal zwei, mitunter alle drei von ihnen die Handlung durchstreifen. Dies stets so, als wüssten sie von einander. Als Echo-Raum, in dem sie die Geisterstimmen von Loretta und Zephyr hören, hat Bühnenbildnerin Sarah Sassen eine Art sterile Wartehalle erdacht. Gustin war einmal Röntgenologe im Krankenhaus, und Spitalsatmosphäre bestimmt auch sein Heim. Das einzige Lebendige, eine Zimmerpflanze, ist hinter Glas, in der Andeutung eines Wintergartens, gefangen. Eine Stange wie für Gehübungen umrundet das Ganze, dahinter ein Gang, milchige Scheiben, hinter denen Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dazu Schattenspiele. All das wäre zur großen Elegie angetan, hätte Haidle nicht eine diebische Lust an der Skurrilität.

Die vor allem Rudolf Melichar als Gustin 88 mit ebensolcher bedient. Sein alter Mann ist von einer knorrigen Verschmitztheit und strotzt vor herbem Charme, wenn er Suzanne nicht und nicht gehen lassen will, weil ihm ohne sie der Abend noch länger wird. Peter Knaack gibt Gustin 58 als in die Jahre gekommenen Witwer, der die Trauer nutzt, um die Tochter an sich zu fesseln. Da kann ihm Zephyr noch so viele Blind Dates vermitteln – sehr schön, wie man in einem der zahlreichen Querverweise erfährt, dass er die bummelige Bonnie denn doch bis in ihre Altersheimtage kannte -, er igelt sich in seiner Wehleidig- und Hilflosigkeit ein, wie ein trotziges Kind, das seinen Willen durchsetzen will.

Irina Sulaver als Loretta mit Tino Hillebrand als Gustin 28 und Peter Knaack als Gustin 58. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Peter Knaack als Gustin 58 und Irina Sulaver als Zephyr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Den dritten, jüngsten Egozentriker, Gustin 28, spielt Tino Hillebrand als unausgeglichenen, latent aggressiven Ehemann. Nach einem Konzertbesuch, so erfährt man in diesen Episoden, entbrennt erst Streit mit Loretta, dann die Leidenschaft, in der Zephyr gezeugt wird. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung aber ist Irina Sulaver, die alle drei Frauen mit exquisiter Subtilität verkörpert. Sie hat für ihre Verwandlungen genau Maß genommen und gestaltet drei verschiedene Charaktere, denen man dennoch die Gemeinsamkeit abnimmt, diesen schwierigen, fordernden Mann gehändelt zu bekommen.

Gegen Ende, nach berührenden wie belustigenden Szenen, als die drei Gustins immer öfter gemeinsam auftreten, kann es passieren, dass der Alte den jüngeren die Hand auf die Schulter legt. Eine knappe Geste als Trost dafür, dass Leben und Glück so flüchtig sind. Mit „Saturn kehrt zurück“ beweisen Sara Abbasi und ihre Schauspieler jedenfalls, dass im „Kleinen“ Großes möglich ist.

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  1. 1. 2018

Die „Junge Burg“ spielt Heinrich von Kleist

Mai 3, 2013 in Tipps

„Ego Shooter – Michael Kohlhaas“

Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am 5. Mai hat im Vestibül des Burgtheaters eine Produktion der TeilnehmerInnen des TheaterJahrs Premiere: „Ego Shooter – Michael Kohlhaas“. Nach der Novelle von Heinrich von Kleist. Die Erzählung spielt in der Mitte des 16. Jahrhunderts und handelt vom Pferdehändler Michael Kohlhaas, der gegen ein Unrecht, das man ihm angetan hat, zur Selbstjustiz greift und dabei nach der Devise handelt: „Fiat iustitia, et pereat mundus“ („Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“). Was so viel heißt wie, dass bei ihm der Zweck die Mittel nicht mehr heiligt. Oder: Er über’s Ziel hinausschießt. Der historische Hintergrund zu Kleists 1808 veröffentlichtem Text: Das Schicksal von Hans Kohlhase. Der lebte im 16. Jahrhundert als Kaufmann in Cölln an der Spree im Brandenburgischen. Am 1. Oktober des Jahres 1532 begab er sich auf eine Reise zur Leipziger Messe. Auf dem Weg dorthin wurden ihm jedoch auf Geheiß des Junkers von Zaschnitz zwei seiner Pferde abgenommen mit der Begründung, er habe sie gestohlen. Kohlhase versuchte, juristisch dagegen vorzugehen. Vergleichsverhandlungen fanden am 13. Mai 1533 auf der Burg Düben statt, führten jedoch zu keiner friedlichen Beilegung des Konfliktes. Ein Grund bestand vor allem darin, dass der Ritter von Zaschwitz inzwischen verstorben war und seine Erben eine angemessene Entschädigungszahlung verweigerten. Aus diesem Grund erklärte Kohlhase 1534 die Fehde und brannte Häuser in Wittenberg nieder, beging auch weitere Verbrechen. Schließlich wurde er ergriffen und am 22. Mai 1540 in Berlin öffentlich durch Rädern hingerichtet.

Auch Kleists Novelle dreht sich um Vorspiegelung falscher Tatsachen, Amtsmissbrauch, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Auf Kohlhaas’ Weg durch die Instanzen der Justiz wird der klare Fall zusehends trüber, Kohlhaas wird als Querulant beschimpft, die „Suppe sei zu dünn“. Und die Erklärung für die veränderte Rechtslage scheint heute noch so plausibel wie eh und je: an den Schaltstellen der Macht sitzen Tronkas Verwandte, Kohlhaas’ Klage verfängt sich in einem Netz aus Verwandten, Verschwägerten, Eigeninteressen und politischer Rücksichtnahme. Einem Staat, der die Einhaltung der Gesetze nicht gewährleisten kann (oder will?), fühlt sich Kohlhaas nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet. Und bald scharen sich andere Unzufriedene, Benachteiligte und Rechtlose um ihn. Die „gerechte Sache“ wird mehr und mehr zu Unrecht. Kleist verbirgt in seiner Schrift  Kritik an seiner Zeit: an absolutistischem Machtmissbrauch, Willkür und Unterdrückung. Doch auch in Demokratien scheint es mitunter hilfreich, wenn man nicht nur die Gesetze kennt, sondern vor allem – den Richter… In der Regie von Peter Raffalt spielen Anna Hofmann, Amrei Keul, Larissa Semke, Genet Zegay, Aaron Friesz, Johannes Hoff und Noah Saavedra.

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Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013