Rabenhof: Andreas Vitásek: Grünmandl oder Das Verschwinden des Komikers

Dezember 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Politisch ist er kein Trottel

Bild: © Udo Leitner

Andreas Vitásek verbeugt sich vor dem großen Otto Grünmandl. Dies der Inhalt des aktuellen Abends des Wiener Kabarettisten. Zusatztitel: Das Verschwinden des Komikers. Und tatsächlich begibt sich der eine leise und nachdenklich in die Rolle des anderen, dessen Humor er vor 35 Jahren für sich entdeckt hat. Der Wunsch, Grünmandl zu spielen, sagt Vitásek in Interviews, entstand früh. Aber erst mit 60 fühlte er sich dazu in der Lage.

Dass dieser Abend kein schenkelklopfender Brüller ist, ist klar. Vitásek lädt ein, eine feinsinnige Reise durch den Kosmos Grünmandl zu machen, dessen Kreuz- und Querdenken, dessen skurrile Wortspielereien inklusive. Es ist beeindruckend, wie hier ein Kollege Platz machen kann, um seinem Idol Vorrang zu geben. Es ist beeindruckend, wie umfangreich und vielfältig sich der Nachlass dieses Tiroler Ausnahmekünstlers in der Vitásek’schen Interpretation darstellt.

Dem absurden Theater verbunden, galt Grünmandls Aufmerksamkeit stets dem zuweilen in den Wahnsinn abgleitenden österreichischen Alltag. Darunter verstand er auch das Politische, das er in der Regel ins Groteske überdrehte. Man kann nicht behaupten, dass Grünmandls Kabarett für den Mainstream gedacht war. Da stand ein Mann auf der Bühne, der im zeitlosen Anzug und Seitenscheitel-Frisur ziemlich bieder aussah. Sein korrektes Auftreten stand jedoch im Widerspruch zu seinem Wirken auf der Bühne. Da wurden im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Ideen geboren, ein einmalig intelligenter Nonsense. Bis sich die Pointe entwickelt, dauert’s. Grünmandls Slow-Comedy nannte das einmal ein Kollege. Auch diesem Willen zur Entschleunigung trägt Vitásek Rechnung.

Bild: © Udo Leitner

Bild: © Udo Leitner

Auf allzu Bekanntes verzichtet er bei der Auswahl der Texte. Ausschnitte aus Grünmandls Bühnenprogrammen wie „Ich heiße nicht Oblomow“ verbinden sich mit Texten aus der Spätphase und weniger bekannten Gedichten zu einem Porträt. Entstanden ist eine Werk- und Lebenscollage durch alle Schaffensperioden, erzählt aus der Sicht eines in die Jahre gekommenen Komödianten. Volksschauspieler trifft Volksdarsteller. Vitásek  lobt die Vorteile des „Durchschnittssalter“, erläutert beim Fußbad den Unterschied zwischen Saufen und Ersaufen, sagt „Schau ich mir die Schwarzen an, seh ich rot, schau ich mir die Roten an, wird mir schwarz vor Augen“ („Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn‘ ich mich aus“), deklamiert „Ich bin ein wilder Papagei“, hält als Alpenländisches Inspektoren-Inspektorat einen Vortrag über künstliche Gebisse oder ruft zum „Futeralbewusstsein als neues Lebensgefühl“ auf …

Vieles klingt, wie gestern fürs Heute erfunden. Als quasi Zugabe gibt es: „Höret, was Erfahrung spricht: Hier ist’s so wie anderswo. Nichts Genaues weiß man nicht, dieses aber ebenso.“ Ein abgründig-humoristisches Bühnenerlebnis, versehen mit der unverwechselbaren Vitásek-Handschrift. Eine Wiederentdeckung. Weil Vitásek nichts imitiert, sondern sich alles zu eigen gemacht hat. Der Meister selbst kommt einmal zu Wort. Eine späte Aufnahme, die Stimme schon brüchig. Das passt zur melancholischen Baseline des Abends. Dafür darf zum Schluss das „Alpenländische Interview“ zum tragischen Alpinunfall des Wellensittichs Hansi natürlich nicht fehlen.

www.vitasek.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2017

aktionstheater ensemble: Immersion. Wir verschwinden

November 23, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach dem Nestroy-Preis gleich die nächste Uraufführung

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Sie schimpfen auf „die da oben“ und empfinden sich als „die da unten“. Martin Gruber, das eben mit einem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnete aktionstheater ensemble und „Tanz Baby!“-Mastermind Kristian Musser widmen sich in ihrer neuesten Uraufführung „Immersion. Wir verschwinden“ den am gesellschaftlichen Kuchen Zukurzgekommenen, für die Aufmerksamkeit alles bedeutet und doch in ihrer Einsamkeit verloren gehen.

Selbstverständlich darf auch hier wieder der ironische Blick auf die eigene Theaterarbeit nicht fehlen. Premiere ist am 24. November im Werk X – Eldorado. Inhalt: Michaela entrüstet sich über das mangelnde Können einer Darstellerin aus einem Werbeclip für eine Provinzstadt. Das hätte sie wirklich besser gemacht. Andreas darf während einer Gala vor internationalen Finanzmogulen seine Gedichte vortragen. Eine Karriere als gefeierter Poet scheint sich aber doch nicht abzuzeichnen. Martin träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler in einer französischen Filmproduktion. Bei den Dreharbeiten am Mount Everest wird er aber zum Statisten degradiert. Sein einziger Satz wird gestrichen. Von nun an geht’s bergab. Zurück in der Realität bleibt für alle ein Engagement beim Aktionstheater. Anlässlich eines drohenden Rechtsruckes, entschließt man sich nur noch Komödien zu machen. Das hat in früheren Zeiten auch schon einmal funktioniert …

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Um die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit vergessen zu machen, konterkarieren die Sängerin Sonja Romei und Kristian Musser das Geschehen mit minimalistischen Interpretationen vergangener Hits und sphärische Neukreationen. Eine poetische Intervention mit den Darstellern Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer und Andreas Jähner.

Trailer: vimeo.com/189901179

www.aktionstheater.at

Wien, 23. 11. 2016

Horacio Verbitsky: Der Flug – Wie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ

April 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Am 19. April präsentiert der Autor sein Buch in Wien

buchKaum ein Buch hat die Diskussion über die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 so aufgewirbelt wie Horacio Verbitskys „El Vuelo“ (Der Flug) bei seinem Erscheinen 1995. Es war das erste Mal, dass ein unmittelbar beteiligter Militär nach fast 20 Jahren des Schweigens über die Mordpraktiken der Diktatur erzählte, noch dazu völlig emotionslos. Adolfo Scilingo bestätigte gegenüber dem argentinischen Journalisten Horacio Verbitsky in Interviews Berichte von Überlebenden, nach denen in der berüchtigten Mechanikerschule der Marine (ESMA) Gefolterte nackt und betäubt in Flugzeuge verfrachtet und über dem Rio de la Plata abgeworfen wurden. Scilingo selbst war in der ESMA eingesetzt, dem größten Folterzentrum des Landes mitten in der Hauptstadt Buenos Aires, wo geschätzte 5.000 der etwa 30.000 während der Diktatur Verschwundenen umgebracht wurden. Jetzt, zum 40. Jahrestag des Militärputsches von 1976, liegt „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ“ endlich in deutscher Sprache vor.

Aus Scilingo Geständnissen und Verbitskys eigenen langjährigen Recherchen entstand ein Buch, das einen Wendepunkt in der argentinischen Geschichte darstellte. Es löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus, nicht zuletzt über die Frage nach Schuld und Verantwortung für die Verbrechen der Militärdiktatur, und trug so zu deren – wenn auch noch bei weitem nicht abgeschlossener – Aufarbeitung bei. Immerhin galten bis 1995 noch die Amnestiegesetze, aber dem Erscheinen von „Der Flug“ ist es mit zu verdanken, dass das Ende der Straflosigkeit eingeläutet wurde. Es sollten allerdings noch fast zehn Jahre vergehen, bis der Druck der argentinischen Menschenrechtsbewegung vor Ort und der europäischen Strafverfahren zur Aufhebung der Straflosigkeitsgesetze führte. Ab 2005 wurden im ganzen Land zuvor eingestellte Prozesse wieder eröffnet und neue Verfahren eingeleitet. Bis heute sind mehr als 550 Verurteilungen ergangen. Hohe Militärs, Polizisten, Geheimdienstmitarbeiter, aber auch Zivilisten, darunter Ärzte und Richter, wurden vor Gericht gestellt.

Scilingos Motive, sich über die Praktiken der Militärs zu äußern, waren bizarr und erschütternd zugleich: Er nahm keinen Anstoß an den schweren Menschenrechtsverletzungen – auch Offiziere hätten nur Befehle befolgt, folglich müssten alle oder keine Militärs bestraft werden –, lediglich die Debatte um zwei ESMA-Kollegen und deren geplante Beförderung erregte seinen Unmut. Das Buch ist in mehrere Sprachen übersetzt und die Gespräche wurden Bestandteil des Prozesses gegen Scilingo in Spanien, wo er bis heute im Gefängnis sitzt. 
Die juristische Aufarbeitung der damaligen Verbrechen ist jedoch noch immer nicht zu Ende. Besonders bei der Wirtschaftselite von damals, die auch heute noch vielerorts an den Schalthebeln der Macht sitzt, gehen die Ermittlungen immer noch schleppend voran.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Was das Buch so wichtig macht: Der Mantel des Schweigens, den viele Gesellschaften noch immer über ihre brutale Vergangenheit legen und die nicht-strafrechtliche Verfolgung der ehemaligen Täter und Verantwortlichen, wurde durchbrochen. „Überlebende und Angehörige von Opfern sind dann gezwungen, im Wissen um die Straflosigkeit zu leben, das Stigma als angebliche Kriminelle und Dissidenten bleibt noch lange haften. Dass diese Stigmatisierung oft auch in der Demokratie nicht endet, berichten auch Überlebende der argentinischen Diktatur … Die Prozesse stellen klar, dass die damals Verantwortlichen nicht taten, ,was getan werden musste’, sondern dass sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen“, betont Wolfgang Kaleck in seinem Vorwort.

Das Buch beginnt mit einem „Geständnis“: „Ich war in der ESMA. Ich will mit Ihnen reden sprach er (Scilingo) mich (Verbitsky) in der U-Bahn an. Es folgen erschütternde Berichte über die begangenen Gräuel, wie die damals herrschenden Militärs ihre Gewalttaten legitimierten, aber auch Einblicke in die Denk- und Handlungsmuster der Machthaber, Zeitdokumente über den Umgang der demokratisch gewählten Politiker mit den ehemaligen Militärherrschern und die Aufarbeitung der Rolle der katholischen Kirche während der Jahre der Diktatur in Argentinien. Im April 2005 wurde Scilingo vom spanischen Nationalen Gerichtshof zu 640 Jahren Haft wegen der Teilnahme an den Flügen, bei denen er 30 Menschen ins Meer geworfen hatte, verurteilt.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Das Ende der Militärherrscher:
General Jorge Rafael Videla, Oberbefehlshaber des Heeres und bis 1981 de facto Präsident Argentiniens, war hauptverantwortlich für den Sturz der Regierung von Isabel Perón am 24. März 1976. 1990 wurde er von Präsident Menem begnadigt, schließlich aber von verschiedenen Gerichten des Landes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 2012 gestand er, dass 7.000 bis 8.000 Desaparecidos (span.: Die Verschwundenen) umgebracht wurden. Er starb 2013 im Gefängnis.

General Roberto Viola, Nachfolger Videlas (März bis Dezember 1981). Wurde 1985 wegen unrechtmäßiger Freiheitsberaubung, Folter und Raubes zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. 1990 von Präsident Menem begnadigt, starb er 1994. General Leopoldo Galtieri, von Dezember 1981 bis Juni 1982 Präsident des Landes, befahl im April 1982 die Besetzung der Falkland-Inseln. Nach der Niederlage gegen Großbritannien im Juni des Jahres zurückgetreten. Nach mehreren Verurteilungen von Menem 1989 begnadigt. Später wegen anderer Delikte erneut verurteilt, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes unter Hausarrest gestellt. Er starb 2003.

Über den Autor:
Horacio Verbitsky, geboren 1942, ist einer der führenden investigativen Journalisten Argentiniens. Er ist politischer Kolumnist der argentinischen Tageszeitung Página/12 und schreibt für El País und The New York Times. Verbitsky veröffentlichte mehr als 20 Bücher über politische, militärische, kirchliche und wirtschaftliche Themen im Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Seit 2000 leitet er die Menschenrechtsorganisation „Centro de 
Estudios Legales y Sociales“ (Zentrum für rechtliche und soziale Studien, CELS). Der Autor kommt am 19. April nach Wien und wird im Lateinamerika-Institut sein Buch präsentieren. Er und Übersetzerin Sandra Schmidt sprechen über die aktuelle Situation in Argentinien, über den Stand der Aufarbeitung der Diktatur und über die Auswirkungen der Wahl des rechtskonservativen Präsidenten Mauricio Macri. Der Eintritt ist frei.

Mandelbaum Verlag, Horacio Verbitsky: „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ, Sachbuch, 200 Seiten. Aus dem Spanischen von Sandra Schmidt. Mit einem Vorwort von Wolfgang Kaleck und einem aktualisierten Epilog von Horacio Verbitsky.

www.mandelbaum.at

Ein weiterer Literatur-Tipp zum Thema:
„El Eternauta“ ist das Hauptwerk des wichtigsten argentinischen Comicautors Héctor Germán Oesterheld, das vor dem Hintergrund seines späteren eigenen Schicksals eine beklemmend prophetische Kraft entfaltet: Ein argentinischer Comicautor erschafft einen Helden, der verzweifelt versucht, seine Familie zu finden. Jahre später, ab 1976 unter der Militärjunta, wird die Geschichte schreckliche Wirklichkeit. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18335

Wien, 11. 4. 2016