Kasino des Burgtheaters: Theblondproject

Oktober 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Aufzug mit der Avatarin

Gesine Danckwart und Caroline Peters erklären dem anwesenden Publikum den Ablauf des Abends. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Als Rod Stewart sein Album „Blondes Have More Fun“ veröffentlichte, war er mehr als 40 Jahre von der gestrigen Uraufführung entfernt, und nein, als Angehörige dieser – wenn auch mittlerweile im Friseursalon aufgepeppten – Spezies kann man nicht sagen, dass man an „Theblondproject“ besonders viel Spaß gehabt hätte. Theatermacherin Gesine Danckwart und Schauspielerin Caroline Peters haben die immerhin vom deutschen Fonds Doppelpass geförderte Produktion der Danckwart’

schen Formation Chez Company und des Burgtheaters gemeinsam entwickelt und getextet, und fungieren nun im Kasino desselben auch als Performerinnen. Dass der Abend allerdings ab der initialen Phase nicht zündet, mag an der eigenen Erwartungshaltung gelegen sein, wurde doch via Burgtheater-Webseite vollmundig verkündet, die Akteurinnen würden sich anhand der klischeebehaftesten Haarfarbe von allen mit Rollenbildern, Identitätsmustern, Machtstrukturen, heißt: eben den üblichen Mythen ums Blondsein, beschäftigen. Davon bleibt ein von Peters zugegeben virtuos vorgetragener Blondinenwitz und bereits anfangs die Ansage, die eine, Danckwart, sei immer schon Feministin gewesen, während die andere, Peters, damit bis dato wenig zu tun hatte, hätte sich ihrer Selbstverwirklichung doch nie ein Mann in den Weg gestellt.

Was bei einer Mitarbeiterin in einem Apparat, der vom Literaturkanon bis zur Bühnentätigkeit männlich dominiert ist, an sich schon verwundert, auch eingedenk der Tatsache, dass die zwei großen Wiener Theater von Frauen- zurück in Männerhände gegeben wurden. Staunende Sprachlosigkeit befällt einen aber erst, als das Künstlerinnenduo sich dem Gendering verweigert, und für sich selbst in seinen Aufgaben das Maskulinum wählt – Autor, Regisseur, Schauspieler. Ist das ein Witz in dieser Welt weißer Hetero-Herren?

An einer Station steuern die Zuschauer die Avatarin … Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

… und die reagiert sofort auf deren Wünsche. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

„Theblondproject“ will sich als Indikator des neuen Kušej’schen Burgtheaters verstanden wissen, wobei vor allem im Kasino stattfinden soll, was weibliche Avantgarde, Diskurs darüber – mit einem Wort: emanizipationsbewegt ist. Bewegt wird aber erstmal nur das Publikum, eingeladen zu einem Parcours durch die Hinterbühnenräume des Kasinos, wo an Bildern, Filmen, Erlebnissen allerhand passiert. Chefmaskenbildner Peter Spörl referiert über Haare, daneben Perücken und Spiegel, um das Gehörte gleich auszuprobieren. Komparsinnen und Komparsen unterhalten mit Anekdoten über berühmte Blondinen, an Musik erklingt der Plastikblondsong „Barbie Girl“ von Aqua und Emilia Mitikus „Big Big World“.

Herzstück der Installation sind Video-Interviews mit Frauen, Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, Theaterwissenschaftlerin Monika Meister und anderen aus der vielzitierten „Mitte der Gesellschaft“ stammenden Macherinnen. Das innovative Highlight des Ganzen ist denn freilich nicht Inhaltliches, sondern ein Stück Technik, Thekla Kaischauri als mit Stirnkamera ausgestattete „Avatarin“, deren Live-Aufnahmen in den Saal übertragen, und deren Aktionen von den Zuschauerinnen und Zuschauern gesteuert werden können. So muss sie mal Klavierspielen, mal raus auf den regennassen Schwarzenbergplatz, mit einem selber zum Schluss im Aufzug hinunter Richtung Eingangsbereich fahren.

Bevor es gilt, sich aus der Bunten-Abend-Atmosphäre zu verabschieden, monologisiert Caroline Peters noch dreißig Minuten lang, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, von der strawberryblonden Rita Hayworth über die Hitchcock-blonde Tippi Hedren zur wasserstoffblonden Marilyn Monroe, diese als Smiley auf der Spielfläche versinnbildlicht, und apropos, Sex-: von Bikini zu Atoll zu Atombombe.  Bombshellblond und in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung womansplaint Peters, was das Zeug hält, flachst, sie sei im Laufe der Veranstaltung noch (flachs)-blonder geworden, schäkert mit Souffleuse Monika Brusenbauch, weil’s doch nur ein Scherz ist, wenn sie sich aus deren Einsagebuch die vergessenen Formulierungen holt.

Keep on Smiley: Caroline Peters als Bombshell Blonde in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Da geht das Auditorium dankbar mit, doch hat’s anschließend Gesine Danckwart schwer, die, in Fell gehüllt, den mutmaßlich maßgeblichen Satz der Vorführung sagt: „Ich sehe mich einfach nicht.“ Und ist das der Fall, kann ich auch nicht gesehen werden. Da legt sich der Frauen- solidaritätsschalter doch noch um, auch wenn dieses Selbst- bespiegelungsprojekt – „Spiegel“ im Sinne von: zwar glänzender, aber letztlich zweidimensionaler Oberfläche

– nichts zu Selbstreflexion, schon gar nicht Selbstfindung beigetragen hat. Immerhin ein Erfreuliches: Auf den zu Beginn ausgeteilten Fragebögen geben am Ende 87 Prozent der diese Ausfüllenden an, den Begriff „Feminismus“ nicht zum Schimpfen zu verwenden. „Befragen“ ist auch das Stichwort, das „Theblondproject“ für sich erkoren hat, Danckwart und Peters wollen das mit sich, einander und anderen weiter tun. Im Frühjahr 2012 soll es dann ein zweites Projekt an der Deutschen Oper Berlin geben.

www.burgtheater.at           www.theblondproject.net

  1. 10. 2019

Rabenhof: Jö Schau

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genialische Hommage an Georg Danzer

Jö Schau: Oliver Welter, Christoph Krutzler und Lucy McEvil singen Georg Danzer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Beim Intro von „Jö Schau“ ist bereits klar, dass hier nicht nach Vorschrift musiziert werden wird. „Der Nackerte im Hawelka“ wird nämlich als Viergesang intoniert, die ausführenden Akteure sind Lucy McEvil, Christoph Krutzler, Oliver Welter und Alf Peherstorfer, das Nestroypreis-Quartett für den André-Heller-Abend „Holodrio, lass mich Dein Drecksstück sein!“ im Rabenhof. Nun haben sie sich ebendort das Œuvre von Georg Danzer vorgenommen, und genialischer als mit dieser Hommage kann man den legendären Liedermacher gar nicht würdigen.

Oliver Welter hat als musikalisches Mastermind der Unternehmung die Songs neu arrangiert, Hausherr Thomas Gratzer wie schon bei „Holodrio“ die Regie übernommen – mit dem Ergebnis einer Aufführung, die das gestrige Premierenpublikum am Ende ausgiebig akklamierte.

„Jö Schau“ führt in die Wiener Vorstadt und zur dort beheimateten Halbwelt. Veronika Tupy stellt dafür ein Café-Beisl auf die Bühne, das definitiv schon bessere Tage erlebt hat, ein 70er-Jahre Setting samt Flipper und ausrangiertem Autodrom-Mobil, auf den Tischen die Zeugen der Nacht, Gösser, Stoli und Asbach.

In diesem Etablissement geben Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler die Trottoirschwalbe in der Leoparden-Kombinesch, den Ledersakko-Strizzi und den Goldketterl-überm-Feinripp-Träger, Peherstorfer in bewährter Manier den Barpianisten. Die Gemütslage unter den Gestrandeten in dieser schäbigen Spelunke ist Langeweile, man wartet auf einen Kunden oder den Rausch, und weil beides nicht kommt, hebt man halt zur Singerei an. Das heißt, nicht nur.

Das Ensemble interpretiert diverse Danzer-Texte auch ohne Tonkunst, und tatsächlich, gesprochen erweist sich umso deutlicher, welch großer Poet der gegen seinen Willen mit dem Austropop-Mascherl Versehene war. Welters Werk-Auswahl beinhaltet sowohl die großen Hits als auch wiederzuentdeckende Kleinode, sie reicht von den Spaßliedern übers Schwermütige bis zu den gesellschaftskritischen Songs, und selbstverständlich hinüber ins Suderantische und Versaute. Die Darsteller machen aus Danzers mit Gaudenzdorfer Auskennertum geschaffenen Miniaturen allerhand Typen – solche zum Bemitleiden und solche zum Abgrausen. Mit Charme und Witz und Hang zum Kabarettistischen gestalten sie des Schöpfers Ang’soffene und Ang’speiste, Kniera und Tachinierer, Gfrastsackln und Auf-die-Goschn-Gefallene, seine alter egoistischen Hirnzermarterer und die Zyniker.

Lucy McEvil als Elfi mit Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Vorstadtcasanova Christoph Krutzler greift zur Gitarre. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Lucy McEvil kann sogar ein „Geh in Oasch“ mit Sexappeal ausstatten und ergreifen, wenn sie über „Meine arme tote, aufgeschnittene Mutter“ sinniert, Oliver Welter darf zwischen „Ruaf mi net aun“ und dem „Legendären Wixxerblues“ sein Selbstmitleid verschmachten, mitunter dazu countrymäßig heulen wie ein Schlosshund, und gemeinsam mit Christoph Krutzler la Lucy im Dialog „San Sie ledig/Zieh dich aus“ als Möchtegernmacho bedrängen. Aus der „Elfi“ fertigen McEvil und Welter ein Duett, singt sie eben „du woast dreizehn joa“ und er „du woast anazwanzg und wunderscheh fia mi“, die „Ballade vom versteckten Tschurifetzen“, auf Hochdeutsch: ein Intimpflegetuch nach dem Geschlechtsverkehr, präsentiert McEvil mit Alf Peherstorfer als Rap.

Danzers Stücke eignen sich perfekt fürs Schauspielen, eine Disziplin, in der Christoph Krutzler zur Hochform aufläuft, der im ebenfalls gemeinsam mit Welter vorgetragenen Mix von „I verlass di/I wünsch da vü Glück“ und der Zeile „laß die mutter sche griaßen / und der nachbarin ihr’n hund“ eine neue Dimension weinerlicher Tragikomik anpeilt. Als so großmäuliger wie minderbegabter Mime macht er aus „Ich bin da Mörda“ ein Kabinettstück, als „Vorstadtcasanova“ greift er zur Klampfn, um die Damen zu Gitarrenklängen „übas glanda“ zu biagn. Es rührt ans Herz, Danzers Dialekt- und Kraftausdrücke, seine Wienerismen zu hören, die mittlerweile so akut vom Aussterben bedroht sind.

Mittendrin wird’s – wiewohl die Lieder alle zu Beginn der 1980er-Jahre entstanden sind – politisch, brisant, hochaktuell. Lucy McEvil singt  „Ruhe vor dem Sturm“, Christoph Krutzler über „Die Freiheit“, die im Zoo als seltene Art ausgestellt worden, hinter Gittern aber spurlos verschwunden ist. Dem Song hat Oliver Welter einen afrikanischen Rhythmus unterlegt, während er, als „Der alte Wessely“ von Hitler schwärmt, der „mid der gaunzn ausländischn bruat“ aufgeräumt hätte, sein Klavierspiel ins Atonale gleiten lässt. Schließlich „Ihr habt die Macht“: „euch geht es nicht um unser wohl / das lässt euch völlig kalt / und hinter eurem lächeln steckt / die fratze der gewalt / das recht, das ihr euch anmaßt / heißt nicht gerechtigkeit / gesetze panzern eure welt / doch nicht für alle zeit / noch täuscht ihr viele / doch ihr seid von einigen durchschaut / und irgendwann da kommt der tag / wo euch kein mensch mehr traut / ihr haltet uns in finsternis / doch wir entzünden licht / ihr habt die macht / noch habt ihr sie – / unsre liebe / habt ihr / nicht“.

Geh in Oasch: Lucy McEvil, Oliver Welter, Christoph Krutzler und Alf Peherstorfer. Bild: © Rabenhof / Sophie Menegaldo Newman & Co

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer natürlich „Lass mi amoi no d’Sunn aufgehn’n segn“ am Schluss und Standing Ovations danach, außer, dass man gern noch den „Frauenmörder Wurm“ oder die „Alte Drecksau“ oder übers Haschisch im Schokoladenei gehört hätte … oder … oder … oder? Verehrter Herr Danzer, meine Verehrung, habedere, werte Rabenhof-Truppe.

Video: www.youtube.com/watch?v=ajScO1D7hBw&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 4. 2019

Kosmos Theater: Sprengkörperballade

April 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mädchen und ihre Männlichkeitsrituale

Mutter-Tochter-Spiel über den weggegangenen Vater: Alice Peterhans hinterm Luftballonkopf und Alexandra Sommerfeld. Bild: Bettina Frenzel

Ein Wild-West-Shootout, eine Mantel-und-Degenfechterei, ein Draufdreschen mit imaginären Morgensternen. Blut spritzt, Körper fallen, schließlich wird eine Tennissocke zur weißen Fahne. Mit dieser pantomimischen Parodie einverleiben sich die Schauspielerinnen Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Alexandra Sommerfeld das, was gemeinhin für Männlichkeit, deren Rituale, Muster und Milieus steht. Später wird sich das Kräftemessen vom Physischen aufs Psychische verlegen.

In einer Eskimo-Polarforscher-Szene, in der eine die andere in die Eiswasserwanne zwingt. Und mit einem VALIE-EXPORT-Moment, das Tapp und Tastkino diesmal unfreiwillig, widerwillig dargestellt. Im Kosmos Theater hat Regisseurin Claudia Bossard die „Sprengkörperballade“ der Wiener Autorin Magdalena Schrefel zur österreichischen Erstaufführung gebracht. Schrefel ist, in Deutschland längst passiert, hierzulande eine Entdeckung. Ihre Texte, mit ihrem aktuellsten „Ein Berg, viele“ ist sie wieder einmal zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen, sind poetisch und sperrig und haben wenig Lust, sich zu erklären. In jeder Figur steckt sowohl die Möglichkeit zur sofortigen Explosion als auch Implosion, die Charaktere changieren zwischen Verletzt-Sein und Verletzen-Wollen, Aussichtslosigkeit und Aufbegehren. Diese Zwischentöne auszuloten, ist das einzige, das Schrefel beim inszenatorischen Zugriff auf ihre Arbeit verlangt. Und Claudia Bossard gelingt das perfekt.

Kerl zündet Mädchen eine Kippe an: Veronika Glatzner und Alice Peterhans. Bild: Bettina Frenzel

Unfreiwilliger VALIE-EXPORT-Moment: Veronika Glatzner und Alexandra Sommerfeld. Bild: Bettina Frenzel

„Sprengkörperballade“ behandelt prinzipiell drei Frauenkonstellationen. Djana, die mit ihrer jüngeren Tochter Gina wieder und wieder das Weggehen des Vater nachstellt, während die ältere Tochter Zabina mit ihrer Freundin Bine durch die Stadt streunt und Leute anschnorrt, schließlich die beiden Schwestern Cookie und Fuzzi, die sich in beinah Thomas-Bernhardisch endlosen Rollenspielen quälen. Bossard hat diese Anordnung mit ihren drei Darstellerinnen aufgelöst. Sie lässt die Handlungsstränge sich begegnen, sich überschneiden und immer wieder auch zusammenlaufen.

Verwandtschaft verwandelt sich derart in Freundschaft und zurück, was dem ähnlichen Klang der Namen doppelten Sinn gibt, die Positionen Dominanz und Devotheit werden ständig und blitzschnell gewechselt. Wobei das alles bestimmende Wort des Abends Spiel ist. Spiel-im-Spiel, Machtspiel, Selbstermächtigung durch Sprache, durch das Erzählen einer Geschichte. Um deren wahrheitsgemäße Wiedergabe durchaus gestritten wird. Glatzner, mit privat mitgebrachtem, beruflich eingesetztem Babybauch, Peterhans und Sommerfeld stehlen einander die Sätze, krönen sich mit Deutungshoheit.

„So war’s gar nicht“, heißt es immer wieder, und „So könnte es gewesen sein“. Das alles kommt nicht tonnenschwer daher, sondern leichtfüßig, sogar comic-haft. Bossard unterfüttert die Sehnsuchtsdramolette mit Situationskomik, den innerfamiliären Lügen und Verschwiegenheiten schiebt sie einen nuancierten Witz unter, dem man sich nicht entziehen kann. In völliger Abwesenheit von Männern, bis auf einen überdimensionalen Ballonkopf, und eine Schelmin, die dabei an heiße Luft denkt, übernehmen die Frauen auch diesen Part, Machos und Möchtegerns, One-Night-Stands und große Lieben, und es ist großartig, ihnen dabei zuzusehen, wie sie Geschlechterklischees aufs Korn nehmen und Rollenvorgaben persiflieren.

Alexandra Sommerfeld gibt als Djana eine Mater Dolorosa, die andere bis aufs Blut zu reizen zur Kunst erhoben hat, Alice Peterhans‘ Gina, die ihr den Infusionsständer-Vater vorgaukeln muss, ist dem Treiben hilflos ausgeliefert. Dann wieder sind Peterhans und Veronika Glatzner als Zabina und Bine zwei veritable Teenager-Rötzlöffel, kampfbereit, Kippe rauchend, Bier kippend, die das Publikum nicht nur mit Blicken herausfordern, sondern bei ihren Betteltouren direkt attackieren.

All By Herself: Alexandra Sommerfeld singt sich die Seele aus dem Leib, hinten: Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Alexandra Sommerfeld singt – mit Mikrophon lauter als die anderen – „All By Myself“, Alice Peterhans macht mit „Gracias A La Vida“ auf Gitarrera, Veronika Glatzner zieht sich Vaters Trenchcoat an und verschwindet im Wintersturm. Die drei wetteifern um das böseste Lächeln, den sarkastischsten Blick, das Schaffen der giftigsten Atmosphäre, der schönsten Schadenfreude. Bossard führt das Trio darin mit höchster Präzision und der Sensibilität des Themas gerecht werdend.

Leise weht vorüber, dass sie aus einem Land geflüchtet sind, nachdem dort der Große Genosse gestorben war, mutmaßlich Ex-Jugoslawien, anklingt, dass Gina rund um die Tschernobyl-Katastrophe geboren wurde, dass da nun Migrantinnen sind, die in Wien Heimat, auch Identität suchen. Eine Polit-Perspektive in einem Stück, das sich dem Plot konsequent verweigert. Der Rest bleibt im Nebel, der von der Seite hereinwabert. Weshalb dies das beste Rezept für den Genuss der „Sprengkörperballade“ ist: Reinziehen und wirken lassen.

kosmostheater.at

  1. 4. 2019

Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

Werk X-Petersplatz: Lies mein Herz

Februar 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der verzweifelten Liebe zweier Lyriker

Eine Pierrette als Souffleuse: Soffi Schweighofer, Régis Mainka und Claudia Marold. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Atemloser haben wohl kaum je zwei Lyriker um Worte gerungen, und das nicht etwa, weil’s ihre Dichtkunst betraf, sondern weil sie Liebende waren. Vor ziemlich genau zehn Jahren erschien bei Suhrkamp der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das Private berührend, das Politische bedeutend, eine hochliterarische Reise durch Gefühle und Gedanken, ein zu Papier gebrachter Kampf um Zuneigung, Zuwendung, auch Zugeständnisse – „Herzzeit“.

Shirina Granmayeh und Matti Melchinger von Junges Theater Wien haben nun im Werk X-Petersplatz ihre Bühnenfassung dieser Texte zur Uraufführung gebracht. „Lies mein Herz“ heißt der Abend, der so entstanden ist, und durch den eine Pierrette, verkörpert von Soffi Schweighofer, zwei Paare führt.

Claudia Marold, Veronika Petrovic, Régis Mainka und Johannes Sautner sind die Ingeborgs und Pauls, eine Ménage à Quatre, die sich in den intellektuellen Infight begibt. Wer mit wem wird im Laufe der Aufführung wechseln, man wird sich begegnen und sich spiegeln und im Zitate-Reigen zum Zerrbild des anderen werden. Man wird einander mit Kreide Grenzen ziehen.

Und apropos, Kreide: An die Wände ist damit Davidstern und Herz gezeichnet, und ist ein Satz der „Todesfuge“ geschrieben. Sie wird Leitmotiv bleiben, ihr „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Und so treffen einander die 21-jährige Studentin und der um sechs Jahre ältere Poet an einem Maitag 1948 in Wien, ein schicksalhaftes Zusammenkommen, lang anhaltendes Drama einer Amour Fou, die beider Existenz empfindlich mitentscheiden wird. Wie schnell einer des anderen Prüfstein wird, wie eine unbedachte oder aber sehr durchdachte Bemerkung des einen dem anderen das Sprechen vereist, führen Marold, Petrovic, Mainka und Sautner auf bemerkenswerte Weise vor – das Kärntner Nazi-Kind und der durch den Krieg staatenlos gewordene Jude, dessen Eltern im KZ ermordet wurden und der selber ein Zwangsarbeiterlager nur mit knapper Not überlebte.

„One Of Us Is Crying“: Johannes Sautner als Gitarrero und Soffi Schweighofer. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Eine Opernparodie entgleist mit Hitlergruß: Johannes Sautner und Régis Mainka. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bald wird er, dieser lebenslang Überlebensschuldige, ihr, der hier noch Lebenshungrigen, mit dem Satz seines „älteren Dunkels“ den ersten Pfeil in die Seele schießen. Wird einen nach-Auschwitz’schen Abgrund aufreißen, den Schweighofers Pierrette als Erzählerin und Souffleuse zwar zu überbrücken sucht, aber ach … Régis Mainka und Johannes Sautner, einander äußerlich ähnlich gemacht, gestalten Paul als einen, der mit Vehemenz, auch Wut, auftritt. Geraten ihre Celans aneinander, kann auch schon einmal gerauft und einander geohrfeigt werden.

Oder man liegt sich sozusagen selbst im Arm, im Versuch, die Depression hinwegzutrösten. Vor allem Mainka macht aus der Figur einen selbstgefällig Verzweifelten, ganz Dichter und Denker und Nägelbeißer, und wie Mainka ihn eines seiner Werke mit ausladender Geste vortragen lässt, da muss der Schauspieler mit dem lachenden Publikum schmunzeln. Überhaupt gelingt es Shirina Granmayeh und Matti Melchinger ihre Inszenierung, den Briefe-Pathos, der naturgemäß mehr vom Ausdruck als von der Aktion bestimmt ist, durch einige so skurrile wie surreale Einschübe zu konterkarieren.

Es erklingt Jerry Lewis‘ „The Typewriter“, wenn die genialischen Autoren auf imaginäre Tasten hämmern, oder Abbas „One Of Us Is Crying“ wird zum Musikcontest, die Herren an Schlagzeug und Gitarre, die Damen bemüht, in der ersten Reihe zu tanzen. Johannes Sautner mutiert zur Operndiva, der mitten in der Arie ein Hitlerbärtchen wächst, derweil ihr der rechte Arm zum entsprechenden Gruß auskommt. Soffi Schweighofer singt sehr ergreifend „Send In The Clowns“ und Sautner am Schluss „Heite Drah I Mi Ham“ von Wolfgang Ambros. Da ist Celan 1970 schon in die Seine gegangen.

In vielerlei Variationen spielen Granmayeh und Melchinger mit dem Motiv Opfersohn und Tätertochter. Das Fiasko mit der Gruppe 47 kommt vor, die von Celan als antisemitisch empfundene Rezension des Gedichtbandes „Sprachgitter“ durch Günter Blöcker, die alte Ängste aufreißt. Celans Ehefrau Gisèle und Bachmanns neuer Partner Max Frisch kommen zu Wort. Und mitten in der Wüste ihrer tief verstörten, tief verstörenden Worte, deren immer wiederkehrende „Schwere“ und „Schweigen“ und „Schuld“ sind, mitten im Stammeln und Selbstzerfleischen der beiden sonst so Sprachgewaltigen, ist es schön, dass auch Themen wie ein brennen gelassenes Bügeleisen oder der Kauf einer Stehlampe eine Rolle spielen.

Johannes Sautner, Claudia Marold, Veronika Petrovic und Régis Mainka. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Auf neuerlichen Liebessturm folgen neuerlich Kränkungen, folgt Celans „Notschrei“, folgt eine Bachmann am Ende ihrer Kräfte. Es ist erstaunlich oder auch eine Angelegenheit der persönlichen Interpretation, aus dieser Korrespondenz herauszulesen, dass Ingeborg Bachmann, diese Ikone feministischen Schreibens, Celan gegenüber stets die Gebende, die Beschwichtigende, die Psychotherapeutin gewesen zu sein scheint. Claudia Marold und Veronika Petrovic spielen das jedenfalls so, und das mit großer und sehenswerter Überzeugungskraft.

 

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  1. 2. 2019