H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hoffmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hoffmann im Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hoffmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hoffmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hoffmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Alexander Pechmann: Sieben Lichter

April 11, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gevatter Tod ist mit an Bord

Die sieben Lichter, um kurz den Titel zu erläutern, das sind die sieben Seelen von Toten, und deren Mörder wird am Ende des Buches schreiben: „Die Lichter schreien, sie lassen mich nicht schlafen …“ Der Steidl Verlag hat Alexander Pechmanns 2017 erschienenem Schauerroman „Sieben Lichter“ eine zweite Auflage gegönnt, nun können Fans, die erst mit der „Nebelkrähe“ eingestiegen sind, nachlesen, was weiland auf der „Mary Russell“ geschehen ist – wobei der Autor geschickt wie stets seine Fantasie unter die Fakten mengt.

Pechmanns Story über das Geisterschiff mit dem Sensenmann im Schlepptau beruht nämlich auf einer wahren Begebenheit: Im Juni 1828 erreicht die „Mary Russell“ die irische Hafenstadt Cove – an Bord sieben brutal abgeschlachtete Crewmitglieder und Passagiere. Drei Schiffsjungen und der schwerkranke, elfjährige Sohn des Reeders haben das Massaker überlebt, der Kapitän, William Stewart, ist spurlos verschwunden. Noch vor der offiziellen Untersuchung des Falls verschafft sich der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby Gelegenheit, die überlebenden Zeugen zu befragen …

… und hier hakt Pechmann, der Scoresbys Schriften und Bücher über ihn studierte, ein, mit dem Ich-Erzähler Colonel Fitzgerald, einer Figur ähnlich Watson zu Holmes oder Hastings zu Poirot, dessen Schwester der Mann, der die Teerjacke gegen den Talar tauschte, ehelicht, und den der bekennende Agnostiker und ehrenamtliche Magistrat des Landkreises mit einiger Skepsis als „ein halbes Dutzend Persönlichkeiten“ beschreibt: als gütigen englischen Gentleman, als Seemann mit schwieligen Händen, Naturforscher und Dozent über den Erdmagnetismus, Balladen-Rezitierer, als gottesfürchtigen Kleriker und Schwärmer, wenn’s um Frauen geht – mit einem Wort, ein selbstgefälliger Schwadroneur vor dem Herrn.

„Ein, zwei Gläser Wein hätten mir zynische Kommentare zu seiner Weltweisheit entlockt, denn ein neunmalkluger kleiner Teufel flüsterte mir ständig ins Ohr, ich solle die naive Frömmigkeit Scoresbys auf die Probe stellen.“ Doch schon ist Fitzgerald mit dem Schwager unterwegs zur Brigg, wo er nach einem Blick in die blutgetränkte Kajüte und auf die eingeschlagenen Schädel erst mal sein „reichhaltiges Frühstück hustend und würgend ins Meer“ spuckt. Pechmann hat sich den Seemannsjargon perfekt angeeignet, seine Gothic-Sprache, deren verwehend romantischer Tonfall ihn als Übersetzer von Mary Shelley und Herman Melville ausweist, lässt Charaktere entstehen und entwickelt darüber hinaus den Pechmanns Büchern eigenen Pageturner-Sog.

Unverständlich, warum noch niemand eine Verfilmung der Gruselliteratur des Wiener Autors in Betracht zog. Brillant einmal mehr Pechmanns Personenbeschreibung, seine Momentaufnahmen von Schock und Schrecken. Von den traumatisierten Schiffsjungen, „während der Jüngere mit leerem Blick in der Nase bohrte, zwinkerte und grinste der Ältere, als wolle er uns ein kleines, schmutziges Geheimnis verraten“, bis zum sinistren Vollmatrosen Howes, dessen „zernarbtes und zerfurchtes Gesicht nicht recht zu dem fast jugendlich strammen Körper passte. Ebenso wenig seine Augen. Alte Augen …“

Was nun beginnt, sind Scorebys Verhöre, die Fitzgerald als eine Art Vernehmungsprotokolle festhält. Scoresby führt Gespräche mit dem amerikanischen Kapitän Callendar, dessen Schoner Stewarts Geisterschiff in den Hafen schleppte, mit Howes und dem schwerverletzten Ersten Steuermann Smith – „ein Ohr war zerfleischt, ein Auge ausgestochen“, mit den Schiffsjungen Deaves, Scully und Rickards, schließlich mit dem schwindsüchtig in seiner Koje liegenden Reedersprössling Tom Hammond, mit an Bord, weil ihm die Seeluft Erleichterung von seinem Leiden schaffen sollte.

All diese Aussagen werden für Scoresby, Fitzgerald und die Leserin, den Leser zu Puzzlesteinen, die sich zum mystisch flirrenden Gesamtbild zusammensetzen. Und apropos, Bild: Wie in jedem guten Thriller ist hier kein Hinweis überflüssig, keine Bemerkung, kein Satz zu viel. Obacht also, wenn’s um albtraumhafte Visionen und eine Kupferstich-Sammlung von Royal-Navi-Schiffen geht, auf denen allesamt gemeutert wurde, oder um einen Gedichtband von Lord Byron – „Purpurne See weissagt der Sonne Nahn / Eh sie emporsteigt, ist die Tat getan“.

Das verschwommene Schlachtengemälde, das sein Rätsel nicht preisgeben will, ist in etwa dieses: Auf der „Mary Russell“ gab es einen Aufstand – oder auch nicht. Weil Kapitän Stewart offensichtlich den Verstand verloren hatte – oder auch nicht. Die Matrosen haben, laut dem sich hektisch vor und zurück wiegenden Smith, ihren Verrat gestanden – oder sind von Stewart zum Geständnis gezwungen worden. Der gute Christ Stewart, unbescholtener Familienvater und zu allem Übel ein Bekannter Fitzgeralds, konnte also entweder die Meuterei rechtzeitig erkannt oder in seinem Wahn sieben Menschen mit der Axt ermordet haben …

„Deaves behauptete steif und fest, die gesamte Mannschaft habe sich gegen Stewart verschworen, doch der Kapitän hätte rechtzeitig Lunte gerochen und dem Schurkenstück ein Ende gemacht.“ Callender berichtet, Stewart rief aus einem Kajütfenster „Um Himmels Willen helfen Sie mir!“, doch als sich die Mannschaft des US-Schoners näherte, „begrüßte uns Stewart herzlich, übertrieben herzlich, und meinte, die Meuterer seien besiegt. Er schien angesichts des Blutbads wenig beeindruckt: ,Da liegen sie‘, sagte er abfällig, ,wie die Lämmchen beim Schlachter.‘“ Das war kurz bevor Stewart ins Wasser sprang und … mehr weiß Callender nicht.

Dafür John Howes. Ihm zufolge war der Kapitän irre und beschuldigte die Mannschaft „die schwarze Flagge hissen und auf Kaperfahrt gehen zu wollen“, bevor er sie überwand und an Haken fesselte, mithilfe der Schiffsjungen, die „bewaffnet mit ner Harpune, nem Kappbeil und nem Dreizack an Deck patrouillierten“. Unter etlichen „Entschuldigen Sie, Reverend, Sir!“ für die Kraftausdrücke schildert Howes seine Überzeugung, „es war, als hätten wir in Bridgetown [denn zur Hauptstadt von Barbados segelte die „Mary Russell“ mit ihrer Ladung lebender Maultiere, für die Rückfahrt lud sie sündteuren brauen Zucker, Anm.] es war, als hätten wir in Bridgetown was Unheimliches an Bord geholt, was Böses, das die Sinne verwirrt und den Geist vernebelt.“

Endlich! Übersinnliches! Etwas, das Fitzgerald freilich so nicht stehenlassen will: „Ich frage mich, warum immer höhere Mächte dafür verantwortlich gemacht werden, sobald etwas Schreckliches oder Unbegreifliches geschieht. Als ob Menschen unfähig wären, Böses zu tun.“ Zu viele Ungereimtheiten hätten die Einvernahmen bisher ergeben, Unstimmigkeiten, die Fitzgerald quälen, „wie entsetzliche Misstöne in einem Musikstück“.

Bild: pixabay.com

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Wie konnte Stewart aus zwei Pistolen auf seine Männer feuern und keinen je treffen – und wem gehört die wundersam im Frachtraum erschienene dritte Pistole? Warum gibt Howes an, vor der „Mary Russell“ auf dem Kriegsschiff „Lopara“ angeheuert zu haben, einem Schiff, das es in der britischen Flotte gar nicht gibt? Warum wird Smith beim Nachhaken verstockt und noch schweigsamer?

„Wenn die Sache vor Gericht kommt, wird man vielleicht uns und nicht ihn für verrückt erklären“, klagt Howes und leert einen Becher Rum. „Und wahrscheinlich sind wir das auch. Niemand, der nicht sternhagelvoll oder wirr im Kopf ist, wird uns diese Geschichte abkaufen. Hätten Sie mich der Meuterei angeklagt, weil ich mich gegen nen Mann wehrte, der ein Menschenleben für weniger wertvoll hielt als seine Befehlsgewalt über das Schiff? Ich glaube, Sie und Ihresgleichen hätten mich an den Galgen gebracht, nur um mich hängen zu sehen. Ich aber hätte sieben Leben gerettet, zum Preis von einem.“

Tut Tom Hammonds Kindermund tatsächlich die Wahrheit kund? The Rich Kid, das die Gräuel von seinem Bett aus nächster Nähe sah, und dessen „unerklärliche Gelassenheit mir Kopfschmerzen machte, sein totenblasses Gesicht, seine sachliche, nüchterne Art zu berichten, als wäre er eine glasäugige Puppe, die Geschichten über Menschen erzählt“. Warum war Reeder-Vater Hammond, der seinen Sohn der Obhut Stewarts ja anvertraut hatte, nun panisch bemüht, diesen so schnell wie möglich dem Zugriff der Behörden zu entziehen? Wie konnte des Kapitäns Ehefrau, die zum fünften Mal hochschwangere Mrs. Stewart so stolz erhobenen Hauptes und stoisch bleiben, als ihr von den Vorfällen berichtet wurde? Geht’s in Wahrheit um die wertvolle Ware im Frachtraum?

„All diese Fragen weckten begründete Zweifel, ob die Crew der ,Mary Russell‘ wirklich so ahnungslos und friedfertig gewesen war, wie es nach den bisherigen Berichten den Anschein gemacht hatte. Ich konnte es nicht genau benennen, hatte aber das Gefühl, dass die Ereignisse auf der ,Mary Russell‘ tiefer in der Vergangenheit wurzelten. Die Antworten schienen etwas auszuklammern, das sich durchaus als wichtig erweisen konnte.“ Der Zollbeamte Barnes faselt, „der Kapitän ist mit dem Teufel im Bunde, er hat ihm sieben Seelen versprochen, um eine alte Schuld zu begleichen“, und dass „Mr. Hammond die Finger im Spiel hat. Dass er alles tun würd, um seinen Sohn gesund zu machen. Hexenkunst und Schwarze Messen …“ Barnes spricht von einer Botschaft – doch welche sollte das sein? War das blindwütige Chaos göttliche Vorsehung?

„Es war ein ärgerlicher Umstand, dass man vor Gericht die Taten von nicht zurechnungsfähigen Personen stets als Gottesurteile bezeichnete, während man kaltblütig geplante, in böser Absicht verübte Verbrechen gern dem Teufel zuschrieb“, notiert Fitzgerald seinen Zorn über die „sonderbare Vermischung von Aberglauben und Rechtsprechung“. Da ist der Prozess um die „Mary Russell“ bereits in vollem Gange – auf den Saalbänken „weinende Witwen in grauen Wollkleidern, Schauermänner mit struppigen Backenbärten, finstere Sargträger, schweigende Zuschauer, die aus ihren ärmlichen Fischerhütten herbeigeeilt waren, und sich wie gute Katholiken bekreuzigten“ -, und der Colonel mit seinem Schwager angefreundet, seit ihm dieser offenbarte, seine wichtigste Eigenschaft als naturwissenschaftlich tätiger Theologe sei: „Der Zweifel!“

Zwischen unleugbaren Indizien und verlogenen Aussagen, zwischen Gespensterspuk und Mystizismus erklärt Richter Lord Chief Justice Standish O’Grady, wen er zum Täter auserkoren hat. Nur so viel, nämlich dass dieser seine Untat beging, weil er ein Zeichen Gottes erkannt zu haben glaubte. „Sein Gott“, sagt Scoresby abschließend, „der nachtschwarze Mann seiner Visionen, war eine Figur des Aberglaubens, entstanden aus urzeitlichen, existenziellen Ängsten“, und dass es eben leichter sei, solche Schreckgestalten anzubeten, als über einen Gott nachzudenken, der einem Eigenverantwortung aufbürdet.

Dies Alexander Pechmanns Absage an jegliche religiöse, politische, was-auch-immer Fanatismen: „Ich glaube, dass jeder von uns im Grunde seines Herzens weiß, was richtig und falsch ist, und dass jeder, der gegen dieses Wissen handelt, sich früher oder später selbst bestraft. Darin liegt die Gerechtigkeit, die uns gegeben wurde …“ Alexander Pechmann hat mit dem schmalen Band „Sieben Lichter“ einen spannenden und sprachgewaltigen Mystery-Thriller vorgelegt, der an die düsteren Schauerromane früherer Tage erinnert. Das Wechselspiel des sanften Scoresby, der an die göttliche Vorsehung glaubt, und des zynischen Realisten Fitzgerald ist famos. Glaube und Zweifel treiben die beiden gleichermaßen um, während bei der Rückbetrachtung der Ereignisse ein Strudel aus Angst und Aggression, Obsession und Okkultismus immer gewaltigere Dimensionen annimmt.

Mit detektivischer Freude schlendert man mit dem ungleichen Ermittlerpaar, Fitzgerald erweist sich als besonders genauer Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter, über die Docks, und lauscht interessiert ihren fast schon philosophischen Dialogen über das Rechtsverständnis des 19. Jahrhunderts, über Standesunterschiede und Standesdünkel, über Menschliches, Unmenschliches und Allzumenschliches, über im Wortsinn Gott und die Welt. Was im Jahr 1828 an Bord der „Mary Russell“ geschah, gehört bis heute zu den rätselhaftesten Kriminalfällen der Seefahrtsgeschichte. Wer eine nebeldichte, enigmatische und sehr schön „schauderhafte“ Atmosphäre in Büchern zu schätzen weiß, für den heißt es hier – zugreifen!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) und „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939).

Steidl Pocket, Alexander Pechmann: „Sieben Lichter“, Roman, 164 Seiten.

steidl.de

11. 4. 2021

Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt

April 6, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Clinch mit Gottes Regeln

„Ist das nicht aufregend?“, fragt Hebamme Val die schwangere Frau. Surie zögert. „Nein“, sagt sie. „Ich habe mich darauf gefreut, endlich ein bisschen Zeit für mich zu haben.“ Sie hätte aber doch zehn Kinder und zweiunddreißig Enkelkinder, was machten da ein, zwei zusätzliche schon groß aus, meint die Geburtshelferin. „Surie antwortete leise, dass ein einziges Kind eine ganze Welt sei …“

Surie Eckstein ist die Protagonistin in Goldie Goldblooms neuem Roman „Eine ganze Welt“, „eine Frau, von der die anderen Leute glaubten, sie wüssten alles über sie – Ausländerin [denn zu dieser macht sie sich freiwillig im eigenen Land], religiöse Fanatikerin, ein anachronistischer Witz, eine ungebildete Mutter“, die kaum englisch, sondern jiddisch spricht, die unter der obligaten Perücke kahlgeschoren ist und den Körper verhüllende Kleidung trägt.

Surie lebt in Williamsburg, New York, als wertgeschätztes Mitglied der chassidischen Gemeinde, die anderen, das sind die jenseits der Synagoge in der Kent Street, die allzu leicht ein Urteil über das fällen, was ihnen „fremd“ ist. Das jüdische Brooklyn liegt für sie im Nirgendwo eines gewesenen Jahrhunderts, ein Schtetl, wie’s ihnen

nur in Barbra Streisands „Yentl“ gefällt. Den ultraorthodoxen Gläubigen sind die Vorurteile der Yuppie-Hood freilich einerlei, jetzt aber fürchtet Surie den Schuldspruch ihrer nächsten Nachbarschaft. Im „knarzenden Alter“ von 57 Jahren erwartet sie Zwillinge, welch ein Regelverstoß! Im Gegensatz zu Ehemann Yidel, dem 62-jährigen Sofer des Tempels, dessen schlimmster es ist, abends unter der Dusche zu singen. Sie hat den Brustkrebs überwunden, und die beidseitige Mastektomie. Soll sie die bevorstehende Niederkunft als nahezu so wundersam preisen, wie die von Sarah, Abrahams Frau?

Die Schande! Der Skandal! Ein Sex-Skandal, würde die Geburt doch bekanntmachen, dass Yidel sie „über das normale Alter hinaus“ begehrenswert findet. Nach der Geburt des jüngsten Sohnes Chaim Tzvi, als sie es bereits „ungefährlich“ wähnten, hatten sie die Betten zusammengeschoben und kostbare Tage einer stillen Innigkeit waren abgebrochen. „Die meisten Mütter in der Gemeinde hatten mit Anfang vierzig den Laden dichtgemacht“, nun würden sie beim Anblick des „sexbesessenen Flittchens“ erröten – und alle Heiratschancen für ledige Kinder und Kindeskinder wären auf ewig zunichte gemacht …

Mit solch frechen, flotten Formulierungen führt die Chicagoer Autorin Goldie Goldbloom, sie selbst chassidisch, achtfache Mutter, queer und bekannte Streiterin für LGBTQ-chassidische Jugendliche, in Suries Gedanken- und eine den meisten unbekannte Welt ein, zu deren Erklärung es ein Glossar und eine Eckstein’sche Familientafel braucht. Eine Welt, in der einzig die ein Leben lang die Gebote Gottes studierenden Männer das Sagen haben: „Nuschim, zeyt schtil!“ – und trotzdem die ungarische Holocaust-Überlebende und Urgroßmutter Dead Onyu das letzte Wort hat. Und im Gegensatz zur jüdisch-amerikanischen Literatur von Philip Roth bis Chaim Potok erfährt Surie keinen Glaubensverlust.

Gleich einem weiblichen Hiob liebt sie Gott, sie kämpft nicht mit IHM, sondern jenen restriktiven Regeln, die ihr mehr und mehr von ihren Mitmenschen diktiert und deshalb ablehnenswert scheinen. Dies trifft vor allem auf den Umgang der Gemeinde mit Suries Sechstgeborenem Lipa zu, geboren 1981, gestorben 2003, der nach Kalifornien ging, eigentlich dorthin vertrieben wurde. Eine unausgesprochene Verbannung, ausgesprochen wegen Lipas Homosexualität, das Problemkind, das in Manhattan der-Teufel-weiß-wen datete und sich mit HIV infizierte. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Lipa in seinem Ghetto nie von Aids gehört hatte, Goldbloom schreibt, dass er, der das Wort schwul gar nicht kannte, also auch „Kondome für Gebiete, über die mehrere Staaten herrschten, hielt“.

„Surie zog Gummihandschuhe und einen Mundschutz an und warf das Geschirr, von dem er aß, in den Ofen im Keller.“ Als der Anruf kam, „hielt Yidel das Telefon weg von seinem Ohr, weil ihm nicht klar war, wie die Infektion weitergegeben wurde“. Die Eltern müssen den Leichnam des Sohnes in San Francisco identifizieren, ein ausgemergelter Körper, 35 Kilo schwer und voller Drogeneinstiche. Lipa hatte sich im Golden Gate Park erhängt, das wird sich Surie nie verzeihen, dass sie ihm die goldbestickte „girly Jarmulke“ und anderes und damit ihre Empathie vorenthielt, doch immer noch, wenn sie mit Yidel über Lipa reden will, verlässt der fluchtartig das Haus. Das wird sie ihm nicht verzeihen.

Diese 288 Seiten währende Schuld, diese offene Wunde unter all den Eckstein’schen Narben, ist die eigentliche Story in „Eine ganze Welt“, nicht die späte Schwangerschaft. Eine ganze Welt, das sind zum Ersten die ungeborenen Babys, dann die gesamte Familie, schließlich Hasidic Williamsburg. „Wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich ihn nach Hause holen und im bequemsten Bett schlafen lassen, und ich würde zu ihm sagen, dass er seinen Freund mitbringen soll, und meine Kinder und Enkelkinder sollen ihn anlächeln und nie damit aufhören. Weil Elternliebe nie aufhört, nie aufhören sollte“, sagt Surie zu Val.

Die Beziehung der orthodoxen Jüdin mit der unkonventionellen Hebamme wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Während die Krankenhausärzte einerseits über die ihnen medizinischen wie medialen Ruhm sichernde Sensation jubeln und sich andererseits mittels Aktenvermerken „für den Fall, dass etwas schiefgeht“ absichern, Stichwort: Hochrisikoschwangerschaft, während Surie über einen Abbruch derselben, der nicht rabbinisch sanktioniert wäre, nachdenkt, und sich ihr ob dieses sündigen Denkens der Magen umdreht, erkennt Val das Talent der vielfachen, in Geburten erfahrenen Mutter, auf ängstliche Schwangere beruhigend zu wirken.

Surie, die Yidel nach wie vor nichts gesagt hat, weil sie befürchtet, er wäre zornig und würde sie nicht länger lieben – Dead Onyu, der sie sich anvertraute, freut sich zwar schon darauf, „die kleinen Bubeles in ihren identischen Sachen“ und im brandneuen, von ihr gestifteten „europäischen“ Kinderwagen durch den Bezirk zu kutschieren, die älteste Tochter Tzila Ruchel aber war so angewidert von Mutters Gräueltat, dass Surie befürchtete, sie werde sich übergeben -, Surie also wird Laienhebamme im Krankenhaus. Für sie ein Grund, Yidel auszuweichen, der ihre wachsende Leibesfülle den Wechseljahren zuschreibt, für ihn ein Grund, seinen Freunden zu schildern, wie sehr sich seine Frau bei Bikur cholim engagiere – es gibt keine größere Mizwe!

Lügen, Schwindeleien, Notlügen, zu denen Surie nun regelmäßig Lipa erscheint, die Fäuste vor Wut geballt, den Mund offen, als würde er schreien. Doch Goldbloom wandelt die Momente des weiblichen Gehorsams in winzige Momente der Wahl, und Surie versteht die Bedeutung dieser kleinen Entscheidungen. Sie emanzipiert sich auf ihre Art, berät eine vierzigjährige Anwältin, die über Schwangerschaftsstreifen klagt, macht einer jungen Mexikanerin nach der sechsten Fehlgeburt Mut. Die Beschäftigung wird zum Beschwichtigungsmechanismus für Suries eigene Situation.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich sitzt sie als Jiddisch-Dolmetscherin der Teenager-Tochter einen Nachbarin gegenüber, geschwän- gert von jenem Schulpsychologen, zu dem Surie Lipa schickte – was diesen weiland in Panik versetzte. Surie, die keinen Kopf mehr dafür hat, mit ihren Freundinnen die beste Fleckentfernung und das schmackhafteste Kochrezept zu diskutieren, beschließt zu handeln. Sie sucht die Mutter des Mädchens in der Division Avenue auf – „On Division“ ist der Original-Titel des Romans -, die nicht öffnen will. „In der Mikwe würden die Männer am Erew Schabbes sagen, dass Rebezn Eckstein die Tür einer Frau eingetreten hatte“, doch Surie will ihre Schutz- befohlene vor einem Schicksal, wie es Lipa ereilte, ein „verlorenes Kind“ der Gemeinde zu werden, bewahren.

Dies der Goldbloom größte Abkehr von der jüdisch-amerikanischen Autoren-Tradition, die sich gemeinhin auf die persönliche Befreiung konzentriert, Asher Lev mit Kunst, Alexander Portnoy via Sex. Suries Befreiung aber soll der Weg zu einer gesellschaftlichen, sozialen, zeitgeschichtlichen sein. Statt dass Goldbloom Surie von ihrer Gemeinschaft befreit, bittet Surie ihre Gemeinschaft sich von ihrem schlimmsten Selbst zu befreien. Goldbloom kann dies genau deshalb tun, weil Surie den chassidischen Regeln folgt, Regeln, die ihr Dasein heiligen, wobei sie aber langsam und schmerzhaft akzeptiert, dass sie umso weniger bedeuten, je wirkmächtiger sie Lipas Leben zur Hölle gemacht haben.

Diese Akzeptanz ermöglicht es Surie, Regeln mit Bedacht zu brechen. Sie wägt ihren Ungehorsam sorgfältig ab. Persönliche Freiheit wird für Surie wichtig, aber nicht in dem, was ihr Mann das gojische „Ich, Ich, Ich“ nennt; sie befreit sich für die Menschen, die sie liebt, wie sie Gott liebt – und auf die Leserin strahlt Hoffnung … Das alles erzählt Goldie Goldbloom nicht ohne Humor, nicht ohne jüdischen Witz. So oft man über die bigotte Verbohrtheit der Williamsburger den Kopf schüttelt, so oft muss man auch schmunzeln.

Ob Surie ihr Hebammen-Lehrbuch im Wäschekorb versteckt, wo Yidel es findet und „das schmutzige Ding“ in den Ofen wirft, worauf Surie am nächsten Tag ein neues Exemplar mit nach Hause bringt: „Wenn jemand außerhalb der Familie erfuhr, dass sie sich zur Hebamme ausbilden ließ, würde keine Schule in ganz Williamsburg mehr ihre Kinder aufnehmen. Niemand würde mehr Yidel damit beauftragen eine neue Thorarolle zu schreiben. Ein Stein würde durch ihr Fenster fliegen. Schulfreunde würden nicht mehr zum Spielen kommen. Das Fleisch vom Metzger wäre zu fett, und die Papiertüte würde auf dem Nachhauseweg zerreißen …“

Ob Ruchel unter der Matratze ihres jüngeren Bruders Mattis gewisse Heftchen findet, Mattis, um dessen Schidech sich die Mutter längst kümmern sollte, und der sich nun als siebzehnjähriger „Leptup-Pornograph“ entpuppt, wo bereits der Besitz eines solchen satanischen Geräts den Ausschluss aus der Schil bedeutet. Mattis wandelte auf Lipas Spuren, er schämt sich ein Chasside zu sein und will lieber als hipper New Yorker leben!

Ob die allzu intelligente Enkelin Miryam Chiena Bubbie Suries Aufklärungs- und Geburtshilfe-Illustrationen findet und erklärt haben will, „etwas, worüber kein anderes Mädchen Bescheid wusste, und das Kind dann wieder in die Schule zu schicken, sei doch, als würde sie ein Geschoss abfeuern …“ Gern hätte man mehr gewusst über die arme Gittel, die Tochter, mit deren missglückter Hochzeit das Buch beginnt, mit einem Bräutigam, „der sich die Schläfenlocken schnitt, der eine lange Hose statt der würdevollen dreiviertellangen mit den weißen Kniestrümpfen trug“ – und seine Mutter kein Kopftuch! Und sein billiger Schtrajml – alles tropfte vor Modernität!

Inwieweit Surie die chassidischen Lebensgewohnheiten und das 21. Jahrhundert in sich vereinen und mit ihrem Glauben vereinbaren kann, gilt es selber nachzulesen. Die Wehen setzen ein, der noch immer ahnungslose Yidel ist in der Schil, wegen Schawuot darf nicht telefoniert werden, auch nicht mit Val, und weil keiner die Schabbat-Schaltung des Lichts geändert hat, ist es in der Wohnung stockdunkel. Ihre Unwahrheiten, ihre Heimlichkeiten drohen Surie zum Verhängnis zu werden. „Val glaubte, dass Geheimnisse etwas über Charakterstärke aussagten. Jetzt wusste Surie, dass das nicht stimmte. Geheimnisse waren die Wurzel von Schwäche …“

„Eine ganze Welt“ ist ein wunderbares Buch voller Weisheit über den Unterschied zwischen dem Leben, wie es sein sollte und wie es ist, über Ressentiments hie wie da, und wie es sie zu überwinden gilt. Goldie Goldbloom zeigt auf, wie schwierig es sein kann, sich selbst zu akzeptieren, sich in Selbstreflexion zu üben, sich selbst zu erkennen, und wie das, was – nicht nur chassidischen – Frauen als Stabilität und Sicherheit vermittelt wird, oft nur zu deren Käfighaltung führt. Ihr Roman gleicht einem Plädoyer für Mitmenschlichkeit, fürs Miteinander, für die Gleichheit aller Menschen, einem Plädoyer dafür, dass Regeln für Menschen, nicht die Menschen für die Regeln gemacht sind. Dem deutschsprachigen Feuilleton ist dieses literarische Kleinod weitestgehend entschlüpft, drum sei hier noch ein Wort gesagt: Lesenswert!

Über die Autorin: Goldie Goldbloom, geboren 1964 in Perth, Australien, wurde für ihren ersten Roman „The Paperbark Shoe“ mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman „Eine ganze Welt“ war in den USA ein großer Erfolg, wurde mit dem Jewish Fiction Award 2020 geehrt und erscheint in zahlreichen Sprachen. Goldbloom lebt als Chassidin in Chicago und hat acht Kinder.

Hoffmann und Campe Verlag, Goldie Goldbloom: „Eine ganze Welt“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube.

hoffmann-und-campe.de           www.goldiegoldbloom.com

FILMTIPP:

Der Netflix-Zweiteiler „Unorthodox“ von Regisseurin Maria Schrader erzählt von der 19-jährigen Chassidin Esty, die vor einer arrangierten Ehe aus Williamsburg nach Berlin flieht, und dort ungeahnte Freiheiten kennenlernt. Während sie an der Barenboim-Said-Akademie Musik zu studieren beginnt, reisen ihr Ehemann Yakov und dessen Cousin Moische an, um sie gegebenenfalls mit Gewalt zurückzuholen … www.netflix.com   Trailer: www.youtube.com/watch?v=t5mzqg-d_tU

  1. 4. 2021

Franzobel: Die Eroberung Amerikas

März 19, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine gewitzte Groteske auf Goldgier und Kolonialismus

Dass das Buchcover Frederic Remingtons Historiengemälde „Coronados Weg nach Norden“ zeigt, ist die letzte Treppe zum Aberwitz der Geschichte, war dieser doch im Wettrennen der Konquistadoren Hernando de Sotos schärfster Konkurrent. Dem erfolglosesten aller spanischen Eroberer der Neuen Welt widmet Franzobel sein jüngst bei Zsolnay erschienenes Buch „Die Eroberung Amerikas“, vom Autor Ferdinand Desoto genannt, der 1538 von Kuba aus mit 800 Mann, darunter 24 Priester, neun Schiffen, 220 Pferden, einer Meute Kanarischer, auf Menschen scharf gemachter Doggen, einer Schweineherde und – für die Errichtung der ersten Kirche ebendort – der riesigen Glocke Griselda aufbrach, um zum Adelantado Floridas zu werden.

Eine Expedition, von der 1542 noch genau 211 Teilnehmer, kein Pferd, kein Hund, kein Schwein, kein Desoto, der im Mai des Jahres an der Fieberkrankheit verstorben war, mit Müh‘ und Not Mexiko erreichten. Desoto, der mit Dávila nach Panama ging, mit De Córdoba Honduras und Nicaragua kolonialisierte, Pizarro nach Peru begleitete, ein Freund Atahualpas wurde. Dessen Schwesterfrau Tocto Chimpu, Prinzessin von Curicuillor,

schwängerte, sich mit Pizarro wegen Atahualpas Hinrichtung überwarf, zurück in Sevilla Dávilas Tochter Isabella heiratete, und nun – kein El Dorado, kein Gold, ein Fiasko, ein Desaster, Gemetzel entmenschter Glücksritter, Massenmörder, die mit Heerpauke, Schlaginstrument wie Hose, und federgeschmücktem Morion ganze Völker ausrotten. Welch ein Weltbild, das Franzobel da bloßlegt, in seinem Schlachtengemälde, von dem er frech den Firnis des Renacimiento kratzt: Karl der Fünfte ein gichtkranker, spaßbefreiter Fanatiker mit einem so veritablen Unterkieferproblem, dass nicht einmal Tizian ihn schönen konnte, und verglichen mit dessen Willkür die Inquisition wie „ein altruistischer Anglerverein”.

Fabulierkünstler Franzobel lädt ein zu einer Tour de Farce, für die man einen guten Magen braucht. „Die Eroberung Amerikas” ist ein saftiges Stück Literatur, ein Roman, in dem Gewalt und Groteske Ringelreihen tanzen, ein politisches Buch voller Popkultur-Bezüge, wie es in die Gegenwart nicht besser passen könnte. Mit Verve und dem Prädikat Volksmärchendichter verknüpft Franzobel das Faktische mit einem Surrealismus, der seinesgleichen sucht, je weiter fortgeschritten, je skuriller, je irrer wird diese Gesellschaftssatire. Franzobel – immer ein Eulenspiegel, und man möchte sagen: Er hat den „Baudolino” studiert.

Sein herrenrassiges, reinweißes Pandämonium umkesselt Franzobel mit einer Rahmenhandlung. Der Manhattaner Anwalt Trutz Finkelstein verklagt als Rechtsvertreter von mehr als 60 Stämmen die USA auf Rückgabe der Vereinigten Staaten an deren indigene Völker. In ihrem Namen verlangt er radikale Wiedergutmachung für historische Verbrechen: „Sie bezichtigten die USA der illegitimen Landnahmen, wollten eine Rückgabe des gesamten Bundesgebietes – und zwar einschließlich Alaska und Hawaii sowie aller beweglichen und unbeweglichen Güter“, wie ein verblüffter Richter aus „dieser Idiotie“ vorliest. Für den beruflichen wie privaten Blindgänger Finkelstein wird’s einen „Happylog” geben, eine Utopie am Ende, die die Native Americans mit einem „Hugh” bedanken.

Franzobels 544-Seiten-Text erstürmt derweil „eine Ansammlung Mensch gewordener Todsünden”, die Recken des disziplinierten, durchaus eitlen Karrieristen Desoto: der wollüstige Verseschmied Nero mit seinem Rauhaardackel „Ägypterkönig Ramses”, Trunkenbold Moskito, der so kaltherzige wie kaltschnäuzige Añasco, der bildschöne Frauenfeind Nuño, der kleinwüchsige, maliziöse Rodrigo. Rundum gruppieren sich Desotos Ehefrau Isabella, eine frigide, durchgestylte Blondine, die Augenweide im Bett trocken wie ein entrindeter Baumstamm; ihr stolzer, von seiner Überlegenheit überzeugter Indianer-Sklave Julius Cäsar; Freibeuter, deren Dauerversagen den Asterix-Piraten Reverenz erweist. Unter ihnen die gerade noch vom Galgen gehechteten Ganoven Bastardo und Cinquecento, die beiden bald der Clou der Desoto-Expedition, also quasi Robert Redford und Paul Newman, die in Griselda ihr gestohlenes Gut gebunkert haben.

Der schiffbrüchige Elias Plim, der als Liebesdiener in Algier einer Hexe den Esel machen musste; Notar Turtle Julius, der auf den Spuren des Universalerben, des gräflichen Bastards Bastardo im Wortsinn in seine Einzelteile zerfällt. Der real existiert habende Juan Ortiz, der mit der Narváez-Expedition nach Florida gekommen, von den Uzica gefangengenommen worden und alsbald Vater vieler Kinder war; die ebenfalls historisch belegte Prinzessin von Curicuillor samt Desoto-Tochter Leonor, die auf Kuba Isabella das Leben schwer macht; Desotos brachialgläubiger Priester-Cousin Juan, „ihre Invasion war mit Gier nach Edelmetallen und der Errettung von Seelen begründet“, schreibt Franzobel; der einbeinige Schiffsjunge Jonas; der schwäbische Kaufmann Gunkel; Flintenweib Francesca, die ihren mickrigen Ehegatten nicht allein in die Fremde ziehen lässt, und bald zu Leib und Seele des Desoto-Trupps wird …

Bild: pixabay.com

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Ohne Angst vor Anachronismen, mit viel Hintersinn für Komödiantik und frei nach dem Motto „Noch so ein Satz, und du zahlst fünf Pesos in das Phrasenschwein!“ switcht Franzobel zwischen Jahrhunderten, Kontinenten, Protagonisten, sein Roman übervoll von, überfüllt mit Figuren und Schauplätzen und Situationen. Nein, schreibt Franzobel, bei Plim ist, weil bewusstlos, noch nichts los, also springen wir nach Valladolid und gehen mit Desoto zur kaiserlichen Audienz – oder vom Kreiß- in den Gerichtssaal: „Es war ein Junge, der zu Ehren Desotos den Namen Ferdinand erhielt. Lassen wir den Leuten Zeit, sich an diesem Säugling zu erfreuen, und schauen wir, wie es um die Restitution der USA an die Indianer steht.“ 

„Die Eroberung Amerikas“ ist Erkenntnisgewinn und Lesevergnügen zugleich, preisverdächtig großes Kino – nur von den Emsländer „Moorsoldaten“ hätte er die Finger lassen sollen. Was Franzobel darlegt und die Machtstrukturen, an denen er rüttelt, sind die Geburtsstunden des Kolonialismus, die Herrschaft des weißen Mannes und ihre bis ins Heute reichenden Folgen, selbsternannte Übermenschen, die für Profit und Gewinn- maximierung, die seelenlosen, tiergleichen Wilden unterjochen, Götter, die ein Theater der Grausamkeit aufführen. Des großen Schlächters Cortés Feldzüge ins Niemandsland sollen dort 20 Millionen Opfer gefordert haben.

Nach Präludien in den spanischen, maltesischen und kubanischen Teilen jenes Reichs, in dem die Sonne nie untergeht – auf Kuba wird Isabella zur Gouverneurin ernannt -, erreicht man zur Hälfte des Buches endlich Florida, gut Expedition will Weile haben, und plötzlich erscheinen wie aus dem Nichts: „Indianer! Sie waren von Kopf bis Fuß mit roter Farbe beschmiert, außerdem trugen sie Federschmuck am kahlrasierten Kopf, den nur ein einziges Haarbüschel zierte. Barbaren! Lediglich mit einem Lendenschurz bekleidet, Speere und bedrohlich gespannte Bögen.“ Diese erste Begegnung mit den Uzica ist um nichts weniger ein Kabinettstück, als Juans Versuch, die Alligatoren mit einem Kirchenbann zu belegen und einen Heiligen Krieg gegen die Viecher auszurufen, die die Entdecker „mit einem All-you-can-eat-Buffet verwechselten“ und am anderen Ufer gleich Gästen in einem Luxus-Spa auf den Dinner-Gong warten.

Bald steht’s Christen gegen Schamanen, Missionare vs. Medizinmänner, alldieweil Mädchen ob der virilen Übermacht schon einmal die Missionarsstellung proben. Wie Häuptling Mokosso „so muss sich der Betreiber einer kleinen Kneipe fühlen, wenn plötzlich fünfzig Reisebusse mit Touristen einfallen“, doch bald fasst sich der Kazike „wie ein Hotelier, der das Geschäft seines Lebens wittert“, was in seinem Fall die Unterwerfung aller Nachbarstämme mit spanischer Hilfe sowie den Bau einer Mauer (!) um sein Dorf bedeutet. Und schon ist Desoto mitten drin in den indianischen Intrigen, die ihn bis zum Untergang nicht mehr freigeben werden.

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Ach ja, und nebenbei und rein zufällig erfindet Koch Castro das Popcorn, später Burger und Pommes. In Ruhepausen spielt das Team American Football mit lebendem Huhn, beim Marschieren „Ich packe meinen Koffer“. So geht’s von Stamm zu Stamm, von kriegerisch bis bekifft, bis hinauf zum Mississippi, bis zur Grenze des heutigen South Carolina – die Casqui, die sich selber als Herrenrasse sehen, überzeugte Patrioten mit einem Herzen voller Heimatliebe; die Apalachee, Meister im Bogenschießen, die die Schwachstelle der Arkebusiers bald erkannt haben, „was für ein xenophober Kerl“, entsetzt sich Desoto über den großen Führer Kaspasi.

Die freundlichen, von einer Königin regierten Cofitachequi, ein Reich, in dem „die Frauen an der Macht waren und in einer Sprache redeten, in der alles weiblich war“; die Creek, die auf den Angriff vergessen, so fasziniert sind sie vom absonderlichen Treiben der Spanier; mitten im „Herz der Finsternis“ die Choctaw unter ihrem Kaziken Tuscaloosa, angetan nur mit Schambinde, Lagerfeld-Lookalike und Schneider „John Schnur sagte, sie haben die Kontrolle über ihr Leben verloren“, doch wird das rasch auf Desotos Leute zutreffen.

Das Feindesland ist auch feindliches Land, wen nicht die Indianer töten, den rafft diverses Getier dahin, das Wetter, die Sümpfe, der Wendigo, der Wundenmann, der Dämon ohne Gesicht, der die Spanier verfolgt. Es ist Advokat Turtle Julius, der mittlerweile „wie ein Bild aus einem Anatomielehrbuch“ aussieht. Auf Fressen und Gefressen-Werden folgen Folter, Kreuzigung und Scheiterhaufen folgen Pfeilhagel, Skalpieren und Vierteilen, drastisch dargestellte Szenen im thrilling sound, die Franzobel mit dem ihm eigenen Humor und flapsigen Sprüchen ausstattet. „Wir siegen uns zu Tode“, diagnostiziert der niederländische Arzt Cord Fenk, der mit einer seltsamen Krankheit kämpft, die „nur eine Grippe“ ist.

„Der Kaiser schenkt mir Florida“, das ist nicht nur der Titel von Hans-Otto Meissners 1969-Buch aus seiner Reihe „Die Abenteuer der Weltentdeckung“, das schreibt auch Franzobels Desoto seiner Isabella vom spanischen Hof – Florida, ein Danaergeschenk. Und „Cord dachte, dass nicht diese wütenden Indianer die Bösen waren, sondern sie, die Eroberer, und dass Menschen, die an eine beseelte Welt glaubten, ihr Weltbild verteidigten, eine Wirklichkeit, in der alles ein Wesen hatte, und nicht wie in Europa eine Funktion.“

Über den Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis 1995, den Arthur-Schnitzler-Preis 2002 und den Nicolas-Born-Preis 2017. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“, „Groschens Grab“ und „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) sowie 2017 der Roman „Das Floß der Medusa“, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. 2020 dramatisierte Franzobel für das Burgtheater den Roman „Der Leichenverbrenner“ von Ladislav Fuks, eine Bühnenfassung, die Regisseur Nikolaus Habjan mit seinen Klappmaulpuppen und großem Erfolg inszenierte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41903).

Zsolnay Verlag, Franzobel: „Die Eroberung Amerikas“, Roman, 544 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay

19. 3. 2021

Raoul Schrott: Euripides. Die großen Stücke

März 11, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarischer Brückenschlag von Aktuellem zur Antike

„Ah –  haus des Admetus, diese bühne, die welt bedeutet, alpha und omega – hier fristete ich meine tage, liess mich dazu herab als niederster aller freien am tisch weit unter dem salz zu sitzen, um mit der milch und dem brot  eines gemeinen leibeigenen vorliebzunehmen –  ich, Apollon, ein gott!“

So beginnt Raoul Schrott seine Übertragung von „Euripides. Die großen Stücke – Alkestis, Bakchen, Elektra, Orestes“, die dieser Tage bei dtv erschienen ist. Euripides‘ Dramen zählen bis heute weltweit zu den vielgespielten, Martin Kušej begann 2019 seine Burgtheater-Direktion mit den „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408), das TAG zeigte ante Corona eine Version der „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36752).

Der dritte der drei großen Griechen – die anderen beiden seine Vorgänger Aischylos und Sophokles – gilt als erster Psychologe der Bühne, der die Ambivalenzen menschlichen Verhaltens meisterhaft darzustellen versteht.

Euripides ist ein brillanter Kritiker jeglicher Form von Macht, ein antiker Ikonoklast und Skeptiker naiver Gottgläubigkeit. Seine Werke sind durch die von Nietzsche noch beklagte Tendenz zum Realismus von verblüffend zeitloser Aktualität, mag man „Alkestis“ als die erste feministische Tragödie zur Unterdrückung der Frau sehen, „Elektra“ und „Orestes“ als treffliche Schauspiele über Terror und Populismus, die „Bakchen“ als glasklare Analyse religiösen Fanatismus. Raoul Schrott, für seine Auffassung des freien Übersetzens immer wieder auch gescholten, tut dies. Virtuos. Mitreißend. Modern.

Agierend zwischen fundierter Sachkenntnis und poetischer Inspiration findet Schrott die sprachlichen Mittel, diese Modernität herauszustreichen. Wäre seine Arbeit Musik, sie wäre Jazz – die Standards und dazu die Improvisation. Der Text wechselt in Windeseile von Pathos zu Alltagssprache. Apollon empfiehlt Thanatos: „Immer mit der ruhe“, der nennt ihn „einfaltspinsel“, dieser erwidert „prinzipienreiter“. Elektras bäuerlicher Ehemann wird von Orests als „gutmensch“ beschimpft, womit sich seine Geisteshaltung mit einem Wort erklärt, Menelaos gar als „schlappschwanz“.

Zu Anachronismen wie „spiesser“ und „fremdenfeindlich“ – wie um das Drama der Migration zu betonen, übersetzt Schrott mítra, die Stirnbinde, als „kopftuch“ – gesellen sich Redensarten wie „ins bockshorn jagen“. Ein Diener an Herakles Tafel verkündet „ich kündige!“, und am schönsten ist die Stelle, an der Pentheus den unerkannten Dionysos mit sophós nicht weise nennt, sondern sagt: „Was für ein klugscheisser“. Dies alles weitgehend in Kleinschreibung, ein Querverweis auf antike Handschriften wie auf digitale Kommunikation. Es ist Raoul Schrotts große Kunst, wie diese Sprache der Gegenwart ihre Brücken zum jenseitigen Ufer schlägt, wie sich Neuzeit und die Alte Welt verbinden: Schrotts Übertragung bleibt stets in Rufweite zum griechischen Text.

Bei den Chören nimmt sich Schrott die größten Freiheiten heraus. Er lässt die Versenden sich reimen – Chor: „Das ist gerecht“ / Elektra: „Und abgrundtief schlecht“ -, eine Form, die die griechische Dichtung nicht kannte. Im Spiel von Block- und Flattersatz sind die Gesänge des Chors auch in der Art einer Sanduhr gesetzt, als weitere Aufladung mit Bedeutung, als Zeichen des prophetischen Potenzials für die Protagonistinnen und Protagonisten.

Und wenn es Elektra samt Chor gelüstet, über Helena herzufallen, wirkt der Rhythmus beinah wie ein Track von EsRAP: „Schlachtet sie ab – haut sie in stücke! Schlitzt sie auf – und rächt ihre tücke! Schneidet ihr mit beiden schwerten / den kopf ab – den vielbegehrten – / und schändet ihren leib: / der lust an diesem weib / wurden abertausende geopfert zu Troja. / Für die schönheit der Helena wurden unsere Männer zerhauen / von bronze und eisen: / verwitwet nun sind wir frauen / und unsere kinder waisen.“ (EsRAP zur Erklärung: www.youtube.com/watch?v=Lh2VdX8M8eI)

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„Elektra“ und „Orestes“ hat Schrott derart zusammengefügt, dass sie nahtlos aneinander anschließen und als eines les- und aufführbar sind. Eine „Orestie des Euripides“ nennt dies Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich in seinem Nachwort, das empfohlenerweise zuerst gelesen werden sollte. Lubrich spricht von „Selbstmordattentätern“ in einer Thriller-Handlung: „Flucht und Geiselnahme, Drohung mit Mord und Zerstörung. Die Königskinder benehmen sich wie zynische Gangster – beziehungsweise wie fundamentalistische Bombenleger. Raoul Schrott fühlte sich an Andreas Baader und Ulrike Meinhof erinnert und an die ,Selbstgerechtigkeit des Terrors‘.“

Über Euripides‘ Alterswerk die „Bakchen“ in Schrotts Händen – allein der Botenbericht über Pentheus Ermordung mutet wie das Skript zu einem Splattermovie an – notiert Lubrich: „Die Gewalt der Bakchen erinnert heute an die von religiösen Fanatikern, politischen Extremisten oder Verschwörungstheoretikern. Man denkt an Charles Manson, Scientologie oder QAnon, die Taliban, al-Qaeda oder den ,Islamischen Staat‘.“

„Euripides. Die großen Stücke“, übertragen von Raoul Schrott, ist eine Leseempfehlung für Liebhaber. „Ich kenne keine besseren Stücke als die des Euripides, mit ihrer perfekten Mechanik im Kreislauf eines Geschehens, bei dem das Tragische ins Komödiantische und wieder zurück kippt, in einem Zirkel, bei dem das Leben ein Theater, das Existentielle ein Drama und das Theater ein Leben ist, bei dem sich jede Figur vom Positiven ins Negative verkehrt und umgekehrt“, sagt Raoul Schrott in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur.

Erstmals in der Kulturgeschichte nahm mit Euripides ein Autor den Menschen als Individuum wahr, in all seiner Brüchigkeit und die Neuheit seiner Rolle ungewohnt, sich aber seiner Identität mehr und mehr bewusst werdend – und sich also vom Mainstream-Kollektiv loslösend. Dass er dafür vor göttliches wie weltliches Gericht gezerrt wurde, der Chor gleichsam als öffentliche Meinung, könnte zeitgenössischer kaum sein. Wer Euripides denkt, denkt Gerhart Hauptmann und Heiner Müller, denkt Eugene O’Neill und Jean-Paul Sartre – und im Kino Michael Roes und Giorgos Lanthimos.

Euripides legt die Verfallserscheinungen einer Gesellschaft in der Krise bloß, deren erste die Demagogie ist. Fragt sich von der attischen bis heute, wie man solchen Bedrohungen der Demokratie begegnen kann, ohne selbst in Autoritarismus zu verfallen …

Über den Autor: Euripides (ca. 480 v.Chr. – 406 v.Chr.) war ein Tragödiendichter im klassischen Griechenland. Er führte auf Salamis, fernab der Metropole Athen, das zurückgezogene Leben eines Gelehrten und Schriftstellers. Man weiß, dass er zweimal verheiratet war, drei Söhne hatte und mit Sokrates befreundet war. In der Geschichte des Dramas gilt er als Avantgardist, der die neuen Ideen seiner Zeit auf die Bühne brachte. So entfaltete sich seine Wirkung auch erst nach seinem Tod. Von seinem Werk überliefert sind 92 Stücke, 55 Fragmente, 17 Tragödien und ein Satyrspiel.

Über den Übersetzer: Raoul Schrott, Jahrgang 1964, studierte Literatur- und Sprachwissenschaft in Innsbruck, Norwich, Paris und Berlin, arbeitete 1986/87 als letzter Sekretär für Philippe Soupault in Paris und als Universitätslektor in Neapel. Er lebt heute in Innsbruck und in Seillans in der Provence. Sein lyrisches und erzählerisches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, „Hotels“ beispielsweise mit dem Leonce-und-Lena-Preis 1995. Große Beachtung erhielt auch seine Lyrikanthologie „Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren“. Als Übersetzer ist er insbesondere durch seine Übertragung von Homers „Ilias“, Hesiods „Theogonie“ und des Gilgamesh-Epos‘ bekannt.

dtv Literatur, „Euripides. Die großen Stücke“. Übertragen von Raoul Schrott. Mit einem Nachwort von Oliver Lubrich. 408 Seiten.

www.dtv.de

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