Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Januar 15, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten

Bei den Notizen zum berühmten ersten Satz einer Rezension steht 1. „Mein Vater lernte Donald Trump in den frühen Neunzigerjahren kennen, als beide Mitte vierzig waren“, 2. „Mahfuz‘ Reaktion verwies auf eine fest im muslimischen intellektuellen Leben verankerte Tatsache, dass der Prophet sakrosankt ist“, 3. eine Begebenheit am Tag 9/11, als Ayad Akhtar Blutspenden wollte, und sich mit dem vor ihm stehenden Mann dieser Dialog ereignete:

„Woher kommst du?“ – „Uptown.“ – „Bist du Moslem?“ – „Und ist das ein Problem, Sir?“ – „Dieser verdammte arabische Einstein hier fragt, ob wir ein Problem haben. Wir wollen dein arabisches Blut nicht, du verdammter Terrorist!“

Man kann also auf unterschiedliche Weise einen Bericht über Ayad Akhtars „Homeland Elegien“ beginnen, dies der Titel des aktuellen Romans des US-pakistanischen Autors – von wegen „arabisch“. Akhtar, bekannt durch seine Stücke „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977), legt damit ein hochintelligentes Buch über den zerrütteten Zustand des heutigen Amerikas und gleichsam eine Familienbiografie vor.

Beginnend von der Schlechterstellung muslimischer Staatsbürger nach dem Attentat auf das World Trade Center bis zum Trump’schen Muslim travel ban, mit dessen Verhängung Akhtars Vater, ein überintegrierter amerikanischer Vorzeige-Patriot, als einer der letzten seiner Art vom Glauben ans Gelobte Land abfällt. Auf beinah 500 Seiten verweigert Akhtar die Demuts- und Bescheidenheitsgesten, die Muslimen in der westlichen Welt üblicherweise abverlangt werden. Vielmehr kreuzt er die manchmal komische, manchmal konfliktreiche, aber immer anrührende Einwandererstory mit der Geschichte einer USA, die die Ideale der Demokratie den Göttern der Finanzindustrie geopfert und einen gefährlichen Clown zum Präsidenten gemacht hat.

Sikander Akhtar, dessen Ehefrau Fatima, sie seit 1968 Migranten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sich selbst, Ayad 1972 auf Staten Island geboren, und unzählige Verwandte schickt der Autor in seinem Memoir auf die Suche nach Möglichkeiten einer westlich-muslimischen Identität. Last, but not least erzählt Akhtar mit großem Esprit und aus ungewohnter Perspektive globale Zeitgeschichte, vom Konflikt zwischen Pakistan und Indien über den ersten Afghanistan Krieg bis hin zu Osama bin Laden und dem islamistischen Terror der jüngsten Gegenwart, den Wien erst am 2. November 2020 erleben musste.

„Homeland Elegien“ ist trotz der Real-Person-Fiction ein Heimatroman über alle US-No- und Everybodys, Akhtar überblendet dafür die Sichtweise immer wieder vom „Wir“ auf „wir alle“, ändert sie von der persönlichen zur kollektiven Niederlage. Denn als solche werden die Akhtars ihr lebenslanges Ausharren am für sie falschen Ort empfinden. Das Home of the Brave and Land of the Free, das unterm Star-Spangled Banner den Tapferen Heimat, Schutz und Freiheit geben wollte, hat sein Glücksversprechen-Roulette, als sich hinters Homeland der Begriff Security reihte, auf antisolidarisch gedreht – et rien ne va plus. Gewinner sind jene Individualisten, denen das eigene Wohl vor dem einer Gemeinschaft geht. „Die Schleifung aller Bollwerke gegen gottgefälligen Reichtum?“ – neokapitalistische Konsumgesellschaft nennt man das.

Wie Ayad später mit Börsengeschäften beherrscht Sikander diese Spielregeln des Aufstiegs, der erfolgreiche Kardiologe mit dem Punjabi-Akzent, der über Immobilienhandel noch reicher wird, seines Patienten Trump „The Art of the Deal“ griffbereit im Bücherregal, im Weinkeller die Harlans, Far Nientes, Opus Ones. Liebhaber einer großbusigen Blondine, was Ayad knapp vorm hinteren Buchdeckel eine Halbschwester beschert, ein Trump-Süchtiger von euphorisch über enttäuscht bis erschöpft, der von dessen Ansinnen, alle Muslime in einer Datenbank zu erfassen, denkt, dass es ihn nicht beträfe, weil … a: Arzt, b: gutsituiert. Für den Sohn ist dies Denken „Durchfall, eine Infektion des politischen Bewusstseins“.

Die Mutter das genaue Gegenteil. Eine X-mas-Kauforgien-Verweigerin, eine antiimperialistische, nicht islamische (!) Fundamentalistin, die in den USA nie auch nur annähernd Entschädigung für den Verlust Pakistans fand. Der Sohn steht beiden Extremen skeptisch gegenüber, dem Vater, der für ein amerikanisches Ich sein pakistanisches zurückgelassen hatte, der Mutter, einer lebenslangen Exilantin, die keine neue Heimat erobert, sondern lediglich die alte verloren, Fatima, die bei der Trennung Pakistans von Indien unfassbare Gräueltaten gesehen hatte: „Wie Pakistan war sie im Feuer dieser Todesangst geschmiedet worden. Und sie fürchtete nicht nur die Hindus. Überall lauerte Lebensgefahr, und jede Erinnerung daran konnte sie aus der Bahn werfen.“

An einer der provokantesten Stellen des Buches geht Ayad Akhtar der Ähnlichkeit zwischen den USA und Pakistan auf den Grund, zumindest der mit den amerikanischen Südstaaten. Beide Weltenteile, schreibt er, seien larmoyant und aggressiv aus selbst empfundener Rückständigkeit. „Die Konturen jener Dilemmata“, die in den Vereinigten Staaten zur Wahl Trumps führten, hätten in Pakistan lange vorher existiert: „irrationale Paranoia, die sich als politischer Durchblick ausgab“, „kochende Wut“, „offene Feindseligkeit gegenüber Fremden und Menschen, deren Ansichten nicht mit den eigenen übereinstimmten“, „Verachtung für Nachrichten aus zuverlässigen Quellen“, „eine zur Pose gewordene reaktionäre Moral“ …

Bild: pixabay.com

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Ayad Akhtar, als sich selbst umkreisende Hauptfigur seines Romans, lebt im Mahlwerk paranoider Systeme und der Frage, welches das Recht habe das andere wie zu kritisieren: ein Mann, hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten. Akhtar aktiviert alle greifbaren Assoziationsketten. Von der Jugendliebe seiner Mutter, Latif, zunächst ebenfalls Arzt in den USA, später als solcher und „amerikanischer Brückenkopf“ für die afghanischen Mudjahedin tätig, 1998 vom CIA in Peschawar hingerichtet: „Die gerade Linie, die von den durch die USA unterstützten Mudjahedin zu al-Qaida führte, ist noch immer eine selten erzählte und wenig verstandene Geschichte; Latifs Schicksal ist auf seine Weise sinnbildlich dafür.“

Über Onkel Shafat, der bierselig in einer Bar in Virginia erzählt, er hätte mal Mullah Omar getroffen – der Onkel, weil er den Mudjahedin als Verbündeten der USA zwei Kisten voll Dollars brachte, der spätere Taliban im TV, weil gerade von einer amerikanischen Bombe getroffen -, was mit einem Polizeieinsatz, gebrochenen Rippen und einem künstlichen Schultergelenk endete. Und Shafats Konvertieren zum Christentum, um sich fortan „sicher“ zu fühlen. Bis zur Universitätsprofessorstante, der rationalen Intellektuellen Asma, die explodiert, als der Neffe erklärt, er lese eben Salman Rushdies „Satanische Verse“.

Ayad Akhtar lehnt sich in solchen Episoden aus dem Fenster bis in Schussweite. „Die Angst hinter der enervierenden Dummheit meiner pakistanischen Verwandten war verständlich“, schreibt er nach einem Besuch in Abbottabad, wo bin Laden keinesfalls ohne direkte Unterstützung der pakistanischen Armee hätte leben können, und einer Dinner-Diskussion mit Offiziersonkel Naseem über die verbrecherischen USA. „Sie fürchteten, sie könnten die nächsten Leidtragenden eines imperialistischen Gemetzels sein, die zukünftigen Opfer dieses neuen Zeitalters endloser amerikanischer Rache.

(Vater Sikander, der zuvor – ohne es zu wissen – mit dem Auto nur Meter an bin Ladens Haus vorbeifuhr, im Zuge dieser Auseinandersetzung immer erboster: „Aber die Medikamente, die ich euch aus Amerika mitbringe, nehmt ihr gerne!“)

Auch damit hätte man diese Rezension beginnen können: „In den schrecklichen Wochen nach 9/11 – als eine simple Handlung wie in den Bus zu steigen und einen Fahrschein zu kaufen eine von den anderen Passagieren mit ängstlichen, misstrauischen Blicken verfolgte Provokation war – hatte ich mich zu dieser Strategie bei der Frage nach meiner Herkunft entschlossen. Ich sagte dann einfach: ,Aus Indien‘.“ Indien, das mit köstlichen Aromen, Yoga und Bollywood verbunden wird, nicht wie Pakistan mit „dem Terror, dem Morden und der Wut“.

Homeland Elegien“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich rettet, indem er schreibt, auch über an den eigenen Mann gerichtete Fragen nach dem „Araber-Sein“, nach dem Warum „die“ „uns“ so hassen, die Wahnsinnsidee beider Seiten, Akhtar dabei immer ein Querdenker, wenn er das Unverständnis über Bikinis und Miniröcke, über den bizarren Wunsch nach gebräunter Haut, über die Vorstellung von Sauberkeit, „wenn man sich den Hintern mit einem Stück Papier abwischte“, und übers Christentum auflistet: die Heilige Dreifaltigkeit, die unbefleckte Empfängnis, das Ostereier-Färben, den Rentierschlitten.

Im Gegensatz zum westlichen Empfinden Mohammeds als Kinderschänder, da er doch mit Aischa bint Abi Bakr eine Neunjährige ehelichte. Traumdeutung als Mittel, selbst hervorgebrachtes Material zu bearbeiten, ein dramaturgisches Wiederaufführen schlimmster Erlebnisse zu Analysezwecken und die Eindämmung persönlichen Schmerzes auf der Suche nach höherem Zusammenhang – all das formt diesen Roman.

Bild: pixabay.com

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Der Blick aufs Allernächste ist dabei der schonungsloseste: Akhtar thematisiert nicht nur die eigenen aggressiv-sexuellen Obsessionen als werdender Stardramatiker, sondern auch die Alkohol- und Spielsucht seines Vaters. „Homeland Elegien“ ist am Ende das Buch eines „spirituell versehrten Amerikaners“. Akhtar schildert seine „Weigerung so zu tun, als hätte ich kein Problem mit meinem Land oder meinem Platz darin“ – was zu „Geächtet“ und 2013 zum Pulitzer Preis führt. Zu einem gefakten Poster von Akhtar vor den einstürzenden Türmen mit dem Spruch: „Proud of 9/11“ und der Frage, wo Fiktion aufhört und Fakt beginnt.

Des Anwalts Amir Kapoors Satz in „Geächtet“, die Amerikaner hätten 9/11 verdient, ist einer aus Fatima Akhtars Zornesrede nach dem Tod Latifs, und Ayad näher als ihm lieb ist. Vor diesem Hintergrund lautet die Ausgangsbehauptung von Ayad Akhtar, dass das berühmte, auch mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Theaterstück so häufig böswillig verdreht, missverstanden und instrumentalisiert wurde, dass dem Autor im Grunde gar nichts anderes übrig blieb, als via Roman ein paar klärende Worte an die Leserin, den Leser zu richten, bevor die Diskussion vollends aus dem Ruder läuft. Es ist sicher nicht die schlechteste Pointe des Buches, dass diese erzählerische Geste natürlich zutiefst amerikanisch ist.

Die westlich-weiße Mehrheitsgesellschaft teilt die Muslime unter ihren Staatsbürgern in der Regel in moderate und radikale Vertreter des Islams, um sie im nächsten Schritt voneinander zu trennen, und die einen zu integrieren und die anderen zu isolieren. Akhtars Roman entblößt nun den Generalverdacht, der dieser Logik zugrunde liegt, indem er seine Muslime je nach Stimmungslage beides sein lässt: moderat und radikal, pro- und antiamerikanisch, säkular und zutiefst gläubig. Wie das Leben eben so spielt, mal Marschmusik, mal Trauermarsch.

Akhtar rechnet ab mit „westlichen Werten“ und gleichzeitig mit der sinnlosen Ablehnung derselben, mit strukturellem wie Alltagsrassismus, aber auch einer selbstbestimmten Andersartigkeit. Obwohl er in den USA geboren wurde, heißt es an einer Stelle, „hatte auch ich einen willentlichen Anteil an meiner Ausgrenzung, denn ich war, nachdem ich über vierzig Jahre in Amerika gelebt hatte, noch immer bereit, mich als ‚anders‘ zu betrachten“, er rechnet ab mit einer Identitätspolitik, die Muslime als bedingt fähig zum selbstbestimmten, reflexiven Individualismus ansieht.

An Halloween 2017 steht Ayad Akhtar in einem Coffeeshop im New Yorker West Village, Polizeiautos rasen mit Sirene und Blaulicht am Fenster vorbei, einer der Gäste sagt, auf dem West Side Highway hätte es einen terroristischen Anschlag gegeben. „Manche behaupteten, der Täter – dunkelhäutig mit langem Bart – sei aus dem Wagen gesprungen und habe ,Allahu akbar‘ gerufen, bevor er von Polizisten in den Bauch geschossen worden sei. Ich zog mich aus der spontanen Gemeinschaft, die sich bildete zurück. Diese Lektion hatte ich sechzehn Jahre zuvor gelernt, als meine Neugier mich downtown und zu einer Begegnung geführt hatte, von der sich mein amerikanisches Ich wahrscheinlich nie ganz erholen würde …“

Über den Autor: Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Er ist der meistgespielte US-amerikanische Dramatiker der Gegenwart, Akhtars Stücke werden auch an allen großen deutschsprachigen Bühnen gegeben, so „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977) am Burgtheater. Sein Debüt „Geächtet“ gewann zahlreiche wichtige nationale und internationale Preise, darunter den Pulitzer Theaterpreis und 2017 den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie Bestes Stück-Autorenpreis für „Geächtet“ am Burgtheater und am Schauspielhaus Graz. „Homeland Elegien“ ist nach „Himmelssucher“ (2012) sein zweiter Roman.

Claassen Verlag, Ayad Akhtar: „Homeland Elegien“, Roman, 464 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.

www.ullstein-buchverlage.de           www.ayadakhtar.com

  1. 1. 2021

Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport

Januar 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Du musst das halt in meinem Sinn machen …“

„Du musst das halt in meinem Sinn machen“, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder und gleichzeitig be­handelnden Arzt Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung für das literarische Erbe, „deine zweite Karriere“, wie Bernhard ätzt – wie Fabjan es immer getan hat, von Jugend an, wenn ihn der Ältere brauchte.

Den anderen galt er als „der liebe Bruder“, Fabjan selbst sieht sich eher als „Helfer in der Not“. Oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.

„Einmal sagte er: ,Ich will nicht, dass ihr beide (gemeint waren wir Geschwister, also Susi und ich) nach mir einmal über mich befragt werdet und was erzählt. Darum schreibe ich meine Autobiographie. Man weiß ja sonst nicht, woher bei mir das alles kommt.‘ Dennoch kann ich vielleicht etwas zum ,Woher‘ beitragen“, so Peter Fabjan. Der seine Erinnerungen über ein Dasein, besonders auch eines im

Schatten dieses großen österreichischen Autors nun doch noch in einem Buch zusammengefasst hat. „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“ erscheint heute, pünktlich zu Thomas Bernhards 90. Geburtstag am 9. Februar. Fabjan berichtet darin von den vielfach belasteten verwandtschaftlichen Verhältnissen, die aus Bernhards Werk bekannte „verwunschene Familie“, über die Fabjan im Unterschied zum Bruder „nie den Druck verspürte, diese Menschen in fiktive Figuren zu verwandeln, um sie ,loszuwerden‘“. Von der Kriegskindheit, vom Großvater mütterlicherseits, dem Salzburger Dichter Johannes Freumbichler, von der ledigen Mutter Herta und Bernhards langanhaltenden Verlassenheitsängsten.

Von Peters Vater Emil Fabjan, der vom anstrengenden Stiefsohn mehr als von den anderen beiden Kindern Gehorsam einforderte, schließlich von Thomas Bernhards Freundin und Vertrauter Hedwig Stavianicek. Von gemeinsamen Reisen in die USA, nach Portugal oder Polen, fabelhaft die Anekdote vom Übernachten auf dem Sofa des Warschauer Lyrikers Stanisław Jerzy Lec im Jahr 1964. Am Ende von seinen Bemühungen um den von langer und schwerer Krankheit gezeichneten Patienten. In dessen letzten Jahren sich Fabjan, Bernhard war zu diesem Zeitpunkt schon von Ohlsdorf nach Gmunden übersiedelt, im Haus gegenüber einquartierte.

Entstanden ist so der intime Einblick eines „lebenslang stummen Begleiters“ ins – so weit möglich – Innerste eines, der von sich einerseits sagte „Ich bin immer ein Störenfried geblieben“, andererseits „Ich bin der kleine Vogel, der im finsteren Wald schreit“. Und schön zu lesen ist, wie dieser vom anderen gewisse Sprachgewohnheiten angenommen hat – „Er würde das wahrscheinlich völlig unnötig finden und dazu überhaupt keinen Bezug haben, nicht“, „Ich schreibe mir auch gar keine künstlerische Ader zu, – eine intuitive schon, denn die brauchen Sie als Arzt auch, nicht.“ Nicht?

„In einem Gespräch mit dem Journalisten Kurt Hofmann im Haus in Ottnang antwortete Thomas Bernhard auf die Frage, was für ein Verhältnis er zu seinem Bruder habe: ,Na, ein brüderliches. Das ist so sporadisch, normal, und dann ist es so konträr. Eigentlich sehr angenehm. Nachdem man so verschieden ist, gibt’s keine Probleme. So ist das‘“, so Fabjan – und zwischen den Zeilen über Bernhards Distanz- wie Schutzbedürfnis meint man durchaus ein Leiden daran zu lesen.

„Wir Geschwister erlebten unseren Bruder früh eifersüchtig und als Meister im Demütigen. Unsere Zuneigung durften wir ihm nicht schenken, sie wurde verlangt und musste ein Leben lang bewiesen werden. Eine schwierige Situation“, formuliert Fabjan, und weiter: „Er war unfähig, Dankbarkeit zu zeigen. Im engeren Freundes- und Familienkreis war er besonders verletzlich und abweisend, wechselte schnell zwischen Zuwendung und eisiger Verachtung. Bisweilen gab er sich mitfühlend, begleitet von Belehrung, dann wieder zeigte er Interesse, ja Neugierde. In heiklen Situationen gab er sich als Kind, das Rücksicht in Anspruch nehmen darf, von einem Gegenüber, das zumeist weiblich war und wesentlich älter. Außerhalb des vertrauten Kreises galten Angriff und Provokation als beste Verteidigung …“

Sagt Fabjan über den „Dichterschauspieler“ und seine „in Gesellschaft gern wechselnden Gesichter“: „Er trat als Clown auf oder war von tiefem Ernst, sein Spektrum reichte von anerkennender Liebenswürdigkeit bis zu tiefem Hohn. Jeder Tag war eine gelebte Inszenierung. Wo immer er sich befand, stand er im Mittelpunkt: unterhaltend durch Witz, Kritik und unerschöpfliches Assoziationsspiel. Er war von sicherem Geschmack … sein Charme war legendär.“ Welch ein Satz von Peter über Thomas, dass das „eigene Leben in ihm schon in frühester Kindheit erstorben“ sei.

Aus dieser Kindheit schildert Fabjan einige Szenen, so auch diese aus dem Jahr 1950: „Mein Aufsatz in Deutsch, der die elende häusliche Situation nach dem Tod der Mutter zum Thema nimmt – ein erster Versuch der Bewältigung von Erlebtem durch Schreiben –, wird vom Lehrer als vorbildlich gesehen und soll von mir vorgelesen werden, was ich ablehnen muss. Thomas sieht ihn als nicht zulässig an.“ Dies Bezwingen mittels Sprache gestand der Argwöhnler, der später seine Kindheit und Jugend in fünf Teilen (Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind) verarbeitete, schon damals „naturgemäß“ nur sich selbst zu; Fabjan: „Das bösartige Kind in ihm blieb dabei zeitlebens lebendig.“ Er lernte früh, auf die Thomas’schen Ausbrüche von Jähzorn „keinesfalls mit spontaner Gefühlsreaktion zu antworten“.

Jede Bernhard-Leserin, jeden -Leser werden Peter Fabjans fragmentarisch aneinandergereihte Erinnerungen faszinieren. Er kann berichten, was kein anderer so unmittelbar nah miterleben konnte. Etwa von Telefonaten zwischen dem Vater und „Frau Stavianicek, die auf seinen Wunsch, Thomas zu sprechen, gemeint habe: ‚Worum handelt es sich denn?‘ Er war inzwischen zu ‚ihrem‘ Thomas avanciert. Darauf sein empörtes Insistieren mit erhobener Stimme: ‚Ich möchte den Thomas sprechen !!!'“

Den Thomas, über Thomas Bernhard sprechen – das mutet in manchen Kapiteln gar tragikomisch an. Auf einer allein unternommenen Reise durch Sizilien lernt Peter Fabjan einen dort schon lange ansässigen Deutschen kennen: „Ich werde in die Privatwohnung eingeladen und erzähle bei erlesenem Essen und Wein bis in die tiefe Nacht – von Thomas.“ Letztes Zitat, eine in die Aufzeichnungen aufgenommene, undatierte Notiz, die Bände spricht über die Bruderliebe zum übermächtig-berühmten. Dies soll als Leitsatz fürs Buch gelten: „Wenn Thomas nicht mehr lebt, werde ich meine Zuneigung viel stärker empfinden, als er es mir heute erlaubt.“

Über den Autor: Peter Fabjan, geboren 1938 im bayrischen Traunstein, studierte Medizin in Wien und war bis 2001 als Internist tätig. Nach Thomas Bernhards Tod übernahm er die Betreuung des Erbes seines Halbbruders. Er gründete das Thomas Bernhard Archiv, die Thomas-Bernhard-Privatstiftung und die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft, deren Ehrenpräsident er ist. Peter Fabjan lebt in Gmunden in Oberösterreich.

Suhrkamp Verlag, Peter Fabjan: „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“, 240 Seiten. Mit zahlreichen, teilweise bisher unveröffentlichten Abbildungen.

www.suhrkamp.de           thomasbernhard.at

  1. 1. 2021

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Januar 8, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

The Good, the Bad und die dazwischen

„Das Gefängnis verschlingt uns, es verdaut uns“, berichtet Paul Hansen über den unangenehmen Geruch des Eingesperrtseins: „Mief kasteiender schlechter Gedanken, sich überall ausbreitende Ausdünstungen schmutziger Einfälle, säuerliche Miasmen alten Bedauerns …“

Paul, im Jahr 2008 Insasse der kanadischen Haftanstalt Montreal, Boulevard Gouin Quest Nummer 800, am Rand des Rivière des Prairies, 1357 Häftlinge, gezählt ohne die zahlreichen Mäuse und Ratten, bis 1962 durch den Strang hingerichtete: 82, ist der Ich-Erzähler in Jean-Paul Dubois‘ jüngstem Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, der sich 2019 überraschend und durchaus zurecht im finalen Rennen um den Prix Goncourt gegen die belgische Autorin Amélie Nothomb durchsetzte (Rezension von deren Nominee „Die Passion“: www.mottingers-meinung.at/?p=42473).

Wie Nothomb beherrscht Dubois die Kunst, die großen Fragen, die existenziellen Themen des Lebens in Romane zu gießen, doch malt sie bevorzugt mit kräftigen Farben, sind seine Arbeiten gleich

Aquarellen mit getuschten Konturen. Der langjährige Journalist Dubois ist ein exakter Beobachter, der seine Plots und Protagonisten stets entlang der Realität entwirft, und so ist auch „Jeder von uns …“, dies so intensive wie stille Buch, dies hingeschriebene Innehalten, zunächst eine Jedermanns-Geschichte wie dem Chronik-Teil entliehen. Im abgeklärt-lakonischen Tonfall eines Mannes, der nichts mehr sein Eigen nennt und ergo nichts zu verlieren hat, schildert Paul seinen nunmehr zweijährigen Alltag hinter Gittern.

Was ihn in diese Situation gebracht hat, was tatsächlich passiert ist, Paul weiß es ebenso wenig wie die Leserin, der Leser, erst 250 Seiten später werden sie’s gemeinsam erfahren. Sobald Paul sich nämlich wieder erinnern kann. Derweil aber müht sich das Gedächtnis um Rekonstruktion der Straftat, hört Paul ganz hinten im Gehirn „alle Knochen brechen“, gehen seine in Literatur festgehaltenen Gedanken im Kreis.

Die tragikomisch anrührenden rund um seinen Zellengenossen Patrick Horton, ein Hüne von einem Hells Angel, der bestreitet, ein Mörder zu sein. Patrick, der von unberechenbar über aberwitzig bis leutselig die ganze Skala menschlicher Stimmungsschwankungen bespielt, ein Bursche, der mal ein Viertel der Stadtbevölkerung per Machete halbieren möchte und mit einem Blick Wärter wie Mitknackis in Schach hält, mal „wie ein junger Senator im Wahlkampf“ jedem zuwinkt, der seinen Weg kreuzt. Patrick, der seine heilige Harley „Fat Boy“ liebt und wie der biblische Samson panische Angst vorm Haareschneiden hat. Und eine Rattenphobie, was sich wirklich zum Tränenlachen liest.

Die Herzbeklemmung auslösenden Gedankenkreise sind die rund um die Hansen’sche Familiensaga. Paul beginnt diese bei seiner Geburt 1955 in Toulouse. Er ist der Sohn des dänischen Pastors Johanes Hansen und der französischen Programmkinobetreiberin Anna Margerit, der Vater, „ein smørrebrød-Esser, ein Mann aus dem nördlichen Jütland, der zu seinem Wort stand, denn die hierzulande beliebte flickflackernde Dialektik, die das Offensichtliche bereitwillig leugnet und frühere Aussagen bestreitet, war ihm völlig fremd.“

Die Mutter eine Schönheit, von der der Heranwachsende bemerkt, dass sie das Mojo besitzt, das Verlangen der Männer zu erregen, wofür Patrick Paul sofort rügt, so denkt man nicht an die eigene Mutter!, Anna Margerit, die Atheistin, in deren „künstlerischem Sammelbecken der revolutionären Avantgarde“ auf einem Plakat steht: „Wie soll man im Schatten einer Kapelle frei denken?“ Dies Johanes an die Wand gemalter Teufel. Der Protestant hat’s in Katholikenland schwer genug, und zum endgültigen Zerwürfnis kommt’s als Mutter 1972 beschließt, ihrem Publikum den Kassenschlager-Porno „Deep Throat“ zu zeigen.

Des Pastors Schäfchen sind entsetzt, und er ist seine Diözese los. Bis zur Scheidung schreien sich die Eheleute wegen „Deep Throat“ fortan die Kehle aus dem Hals. Also geht Papa als Prediger nach Kanada, ins Tagebau-Armageddon von Thetford Mines, wo in rauen Mengen Chrysotil aus der von Narben verheerten Landschaft gesprengt wird, und Paul folgt ihm in jene Asbesthölle, deren Skandal noch in den Startlöchern steckt – ein Philosoph im Paläolithikum. Pauls bedacht gewählte Ausdrucksweise, gespickt mit markigen Patrick-Zitaten, füllt die Zeilen, in die man beim Lesen eintaucht wie in den ruhigen See von Pauls Seelenruhe.

Die rührt nicht zuletzt her von seinen Begleitern: sein entschlummerter Vater, seine ebenfalls bereits verstorbene Ehefrau Winona Mapechee, eine Tochter der First Nations, und die gemeinsame – no na – tote Hündin Nouk sind die Geistwesen, die Paul nächtens besuchen – „um uns das zu geben, was wir auf grausamste Weise vermissten, ein wenig Trost und Wärme“, inmitten all der Langeweile und des schlechten Essens und dem winterlichen Frost von beinah minus 40 Grad, ab und zu ein Messerattentat, drei Schutzengel, auf deren Erscheinen Verlass ist und in dessen Verläufen sich enträtselt, wie sie zu Tode gekommen sind.

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Mit Johanes teilt Paul Desillusion und Resignation eines, der „draußen“ in der Welt nichts mehr zu erwarten hat, und Dubois verflicht mit Verve sein Figurenkabinett, im Wortsinn gottvoll ist Kirchenorganist Gérard LeBlond, der unter Bach gern einmal Procul Harum mischt, mit kanadischer Zeitgeschichte: die von René Lévesque und seiner Parti Québécois angestrebte „assoziierte Souveränität“, eine Rechnung, durch die ihm Premier Pierre Trudeau, Vater des aktuellen Amtsinhabers Justin, einen dicken Strich machte; die heraufdämmernde Subprimes-Krise mit ihren in den Sand gesetzten Milliarden; der im 17. Jahrhundert aus Europa importierte „Glaubenskrieg“ Franzosen gegen Engländer, das zweisprachige Land nur einig im Dissen der indigenen Völker. Im Spiegel des Individuums liefert Dubois ein Epochen-Porträt von der linken 1968er-Bewegung bis zum Anbruch eines neuen neoliberal-kalten Millenniums.

Während Patrick sein Lebensmotto auf den Rücken tätowiert trägt, „Life is a bitch and then you die“, denkt sich Paul den Menschen als der Bitch Kollateralschaden. In Montreal wird er erst Hausmeister, später Verwalter der Wohnhausanlage „Excelsior“, die alte Dame nicht weniger „labil, verspielt, grillenhaft“ als ihre 63 Eigentümer, die der freundliche, mitfühlende, ja, zartbesaitete Mann alle mit gleicher Aufmerksamkeit betreut. Einer davon, Kieran Read, ein Schadensregulierer, der für Versicherungen zwecks auszuzahlender Summe den Wert eines eben Dahingeschiedenen kleinrechnet, wird ein Freund. Und wieder beim Lesen das große Fragezeichen, was denn um Himmels Willen passiert sei in diesem irdischen Paradies.

Paul lernt Winona kennen und lieben, sie stolze Besitzerin und Pilotin eines Wasserflugzeugtaxis, eine pragmatische Frau mit Algonkin-Draht zu den „Botschaften des Windes oder des Regens“, „die in jeder Sekunde in dem Bewusstsein lebte, dass das Leben viel zu kurz und zu wertvoll ist, um es in den Warteschlangen zweitrangiger Probleme auszubremsen“. Eines Tages findet sie die verwaiste Nouk und das Paar gibt dem Tier ein neues Zuhause, Nouk, die heißgeliebte, mit der Paul bald eine gemeinsame Sprache spricht.

Alles Friede und Freude im Soziotop, bis sich Edouard Sedgwick der Eigentümer-Versammlung als neuer Vorsitzender aufdrängt. Ein Unsympath und Cost Killer, „ein zwanghafter Anhänger von Memos“, „kontrollierte hier, beschnitt da und vermehrte die nutzlosen Zusätze in den Paragraphen der Hausordnung, bis diese den Umfang eines Telefonbuchs hatte“. Dubois verfasst diese Seiten als Parabel darüber, wie ein böswilliger Mensch alles und alle in seinem Umfeld zum Schlechteren zu ändern vermag.

„Die Atmosphäre im Haus war bedrückend geworden, und eine Art generelles, vom Vorsitzenden qua seines Amtes gesätes Misstrauen hatte sich in allen Stockwerken ausgebreitet. Nach und nach hatte jeder jeden zu überwachen und argwöhnisch darauf zu achten begonnen, dass die Vorschriften, und seien sie noch so unsinnig und marginal, Punkt für Punkt befolgt wurden.“

Allen Schikanen zum Trotz bewahrt Paul lange seinen Gleichmut, bis Sedgwick seinen Hass auf Hunde an Nouk auslässt, und Paul in ungeahnter Rage blutrotsieht … Und so endet die Wechselerzählung von Gefängnis-Jetzt und Freiheits-Vergangenheit mit einem Epilog über des Schicksals ewiges Unentschieden-Spiel zwischen Soll und Haben, Sein und Werden, Vertrauen und Selbst-/Zweifel, Verlust und Scheitern, Hoffnung und immer wieder Neuanfang.

Jean-Paul Dubois‘ Roman über die Guten, die Bösen und die dazwischen, einen Casuality Adjuster mit Anstand, einen skrupellosen Kostenminimierer, einen kuriosen Koloss von einem Kumpel, Winona, Nouk und Paul und „die ganze Wildheit des Rudels“, einen Vater, der post mortem endlich ein „Min son, jeg er stolt af dig“, mein Sohn, ich bin stolz auf dich, über die Lippen bringt, ist bis zum Schluss eine Liebeserklärung an die Condition humaine. Denn „Jeder von uns …“ ist stets nur einen Schritt vom Straucheln, nur einen Schritt vom falschen Weg entfernt.

Jean-Paul Dubois. Bild: © Lee Dongsub

Über den Autor: Jean-Paul Dubois, geboren 1950 in Toulouse, studierte Soziologie und arbeitete zunächst als Sportreporter für verschiedene Tageszeitungen. Später berichtete er für den Nouvel Observateur aus den USA. Er hat mehr als zwanzig Romane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Prix Femina und 2019 für „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ mit dem Prix Goncourt, dem bedeutendsten französischen Literaturpreis. Er zählt zu den wichtigsten französischen Autoren der Gegenwart.

dtv Verlag, Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver.

www.dtv.de

  1. 1. 2021

Lydia Mischkulnig: Die Richterin

Dezember 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Aktenstapel der Asylfälle

„Hast du nie Angst?, fragte Joe. – Wovor? – Dass jemand dich persönlich verantwortlich macht für sein Elend … Verachtest du sie? – Verachten ist nicht das richtige Wort, aber manchmal ist es ein Spiel und ich habe das Gefühl, die Würfel entscheiden lassen zu können, und trotzdem muss jeder Fall erwogen werden, sagte sie. – Und was willst du essen?, fragte Joe.“ Sie, das ist Gabrielle, Richterin am Verwaltungsgerichtshof in Wien und die Protagonistin in Lydia Mischkulnigs aktuellem Roman. Was Gabrielle verhandelt, sind sogenannte Fälle der zweiten Instanz.

Beschwerden gegen Negativbescheide des Bundesamtes für Fremdenrecht und Asyl, heißt also: tatsächlich das Leben von Menschen, die akut von der Abschiebung bedroht sind. Bei Gabrielle teilen sie sich in zwei sich türmende Aktenstapel, rechts die einfach zu erledigenden Fälle, links die, die schwerer abzuurteilen sind. „Korrektheit machte Gabrielle nicht unmenschlich, nur emotional unberührbar für das Amt“, charakterisiert die Autorin diese weder kaltblütige noch warmherzige Frau, deren nüchterner Pragmatismus Mischkulnigs Schreibstil bestimmt.

So kühl und distanziert, dass man ihn eine drastische Neue Sachlichkeit nennen möchte, und der dennoch ganz nah an Gabrielle ist. Der Tonfall, die Gedanken, ganz klar befindet sich die Leserin, der Leser im Kopf der Richterin. Mit wenigen Sätzen umreißt Mischkulnig die Tragweite der Situation. „Die einen berichteten das Grauen und die anderen färbten Afghanistan schön und bekämpfen kritische Einschätzungen als Hirngespinsterei einer Asyl-Lügen-Fabrik. Es gebe ihrer Meinung nach Straßenzüge in Kabul, in denen Schreiber sitzen und gegen Bezahlung Morddrohungen für die Fluchtwilligen verfertigten …“

„Manche Sachverständige waren überzeugt, dass drei Viertel der Flüchtlinge Wirtschaftsflüchtlinge seien, wobei der Wunsch, dem Elend zu entkommen, eben keinen Asylgrund darstelle …“ „Selbst der afghanische Minister für Flüchtlingsfragen bat die Republik Österreich, Asylwerber nicht zurückzuschicken, da man zu Hause nicht wisse, wohin mit ihnen …“ „Die Rückkehrer waren durch die Fluchtjahre schon von zu Hause entwöhnt und mussten in den Familien ihr Stigma als Versager tragen …“ „Lehrlinge waren aus den Ausbildungsprogrammen herausgerissen und abgeschoben worden. Die Politik manipulierte das richterliche Denken …“

Von NGO-Broschüren über „die Formeln juristischer Textkörper, die sie mit Copy & Paste in die Schriftstücke einpasste“ bis zu den Länderberichten – über Terrortote und Polizeigewalt bis zu fehlenden Arbeits- und Ausbildungsplätzen. „In den Asylfällen zählten die nachgereichten Unterlagen nicht viel …“

Screenshot. Quelle: fairness-asyl.at

Screenshot. Quelle: fairness-asyl.at

Zwischen diesen Polen pendelt Gabrielle. Recht, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Sie verhandelt den Fall eines 18-jährigen Vergewaltigers aus Afghanistan, den einer Somalierin, die ihre Tochter beschneiden lassen wollte, psychiatrische Gutachten, verquere Logiken, Scheinehen, ein schwuler Modedesigner, Intim-Femizid, eine Hazara-Frau, deren Ehemann das Bleiberecht erhalten hat, sie stumm und stur, während er von der hinteren Sitzreihe nach vorne plärrt. „In den Essays von Jean Améry stand geschrieben, dass der Verlust des Weltvertrauens immer in einer physischen Kränkung resultierte“, ist ein Satz, der Gabrielle bis in ihre Träume verfolgt. Einem Anschlag fast zum Opfer gefallen zu sein, sei kein Asylgrund, entscheidet sie.

Sie überprüft Integrationswilligkeit, indem sie die Sonderangebote hiesiger Supermärkte abfragt. Sie weiß um ihre Entscheidungsmacht, und muss sie aushalten. Was „Die Richterin“ erzählt, ist die Geschichte einer allumfassenden Desillusionierung. Das Thema, sagt Mischkulnig im Online-Gespräch, begleite sie seit der rumänischen Revolution, „als nach dem Regimewechsel rumänische Kinder zu Gast in der Schule waren, die meine Mutter damals führte. Als dann 2015 die Flüchtlinge aus Syrien nach Europa kamen, war mir klar: Ich möchte auch wissen, was es heißt, im Asylwesen mitgestalten zu können. Wer sind all die AkteurInnen? Und schließlich interessierte mich der Gerichtssaal mit seiner interessierten Öffentlichkeit.“

Und diese Öffentlichkeit? „War ich selbst, in diese Rolle konnte ich mich begeben. Ich saß viele Monate dort und konnte Gespräche führen, sowohl mit HelferInnen und RechtsberaterInnen als auch mit den RichterInnen, ReferentInnen und Betroffenen. Ich wechselte meine Perspektiven und irgendwann war mir klar, wie kompliziert die Lage ist und wie menschlich. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Bleiben in Sicherheit. Aber was geschieht mit denen, die Sicherheit nicht einmal begreifen, sondern bedrohen?“

Bild: pixabay.com

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„Jeder Fall ist speziell“, so Mischkulnig. „Das erfuhr ich auf nationaler und internationaler Ebene. Es geht immer um das Individuum. Ich habe gelernt, dass Recht gelebt werden muss. Und die Frage ist: Wie? Es ist ungeheuerlich, einen negativen Bescheid zu lesen. Es ist auch ungeheuerlich, einen positiven zu lesen. Das Bewusstsein darüber, dass es sich immer um ein menschliches Schicksal handelt, macht einen gewaltigen Druck auf Geist und Psyche.“

„Die Richterin“ ist zweifelsfrei ein politischer, doch auch ein extrem feingesponnen doppelbödiger Roman. Gabrielle nämlich muss nicht nur beruflich Recht sprechen, sondern auch im Privaten nach dem Rechten sehen. Dort herumgeistern: Ein drogensüchtiger Bruder, der indirekt die Schuld am Tod von Gabrielles ungeborenem Kind trägt, und der sein eigenes nach dem Überdosistod der Freundin zur Adoption freigibt. Ein Vater, von dessen Pistole in der rechten Hand unklar bleibt, ob Selbstmord oder Mord. Ein Ehemann, Joe, dessen Leidenschaft inzwischen mehr Gabrielles Garderobe als ihr selbst gilt. Er schlüpfe in die Kleider, um seiner Frau nah zu sein, erklärt er. Einmal entwendet er ihren Talar als Kostüm für ein Gschnas.

Unterm analytisch-präzisen Blick, den die Kärtner Schriftstellerin mit ihrer Figur teilt, werden die dunklen Flecken dieser Seelen und ihrer Schattenkämpfe ausgeleuchtet. Überforderung, Übermüdung, Überarbeitet-Sein. „Sie erledigte stets alles sofort, nur nicht, was ihr selbst zu Leibe rückte“, so Mischkulnig über Gabrielle. Als dann ein Mail des Bruders, ausgerechnet aus Kabul, ein weißer Lieferwagen und ein vermeintlich Unbekannter auf der Bildschirmfläche erscheinen, geraten die Waagschalen, die Gabrielle sorgsam austariert in Händen hält, endgültig aus dem Gleichgewicht …

Screenshot: Der Standard vom 25. Mai 2018. Quelle: fairness-asyl.at

In Mischkulnigs Buch, das sich um jene Realität bekümmert, die für viele Menschen schicksalsbestimmende Entscheidungen bereithält, kann man Diveres ablesen über das Klima in diesem Land. Die Autorin entwirft ein unerbittliches Zeit-, ein Sittenbild soeben laufender Ereignisse. Sie verhandelt Grundsätzliches und hält sich mit schnellen Urteilen zurück. Ihr Schreiben ist die komplexe Summe ihres genauen Überprüfens und Reflektierens. Das Geschriebene hallt nach in einem, wenn sie „das österreichische Asylwesen“, als wär’s ein Lebewesen, als letztlich unüberwindbaren Hindernisparcours darstellt, und glücklich diejenigen, für die die Welt, in die sie beim Lesen eintauchen, eine Terra incognita ist.

Ist einem Gabrielle sympathisch? Jjjjnein! Doch so furios wie fulminant ist, wie Lydia Mischkulnig deren Assoziationsstrom von Kunst über „Kulturkreis“ bis Gericht, von Familie bis Verlust des Augenlichts bändigt. Man besucht das Akademietheater und wünscht sich in die Josefstadt, man diniert gediegen, doch jeder Bissen wird gleichsam zur Innenschau. Man diskutiert „Mentalität“ beim Sekt und zum Rotwein moralisches Dilemma: „Die wahre Perversion ist die politische Haltung der christlich-sozialen Partei gegenüber Menschen in Not.“ Jaja.

„Thomas Mann war als Exilant in Amerika willkommen, und als er sagte: Wo ich bin, ist deutsche Kultur, da hat die Welt applaudiert, sagte Gabrielle … Wenn ein afghanischer Schriftsteller heute sagte: Wo ich bin, ist afghanische Kultur, wäre das ein islamistischer Übergriff, den die Identitären begrüßen würden, um die Afghanen zum Teufel zu jagen, sagte Joe.“

Über die Autorin: Lydia Mischkulnig ist eine der spannendsten und unkonventionellsten literarischen Stimmen Österreichs. Geboren 1963 in Klagenfurt, lebt und arbeitet sie meist in Wien. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1996, dem Veza-Canetti-Preis und dem Johann-Beer-Literaturpreis – beide 2017. Bei Haymon erschienen bisher die Romane „Hollywood im Winter“, „Schwestern der Angst“, „Vom Gebrauch der Wünsche“ und der Erzählband „Die Paradiesmaschine“.

Haymon Verlag, Lydia Mischkulnig: „Die Richterin“, Roman, 269 Seiten.

www.haymonverlag.at           www.lydiamischkulnig.net           Die Autorin im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=0qZWP0VqGHc&t=1445s

LESETIPP: Textperlen in Asylverfahren: www.fairness-asyl.at/textperlen-im-asylverfahren

  1. 12. 2020

George Takei: They Called Us Enemy

Dezember 3, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Japanische Kindheit im US-Internierungscamp

Als Hikaru Sulu, Steuermann des „Raumschiff Enterprise“ und später Captain der USS Excelsior, wurde George Takei weltberühmt. Eine Öffentlichkeitswirksamkeit, die er immer wieder für ihm wichtige Themen nutzt – Xenophobie, Homophobie, Diskriminierungen aller Art. Nun hat der Star-Trek-Star eine Graphic Novel über ein hierzulande kaum bekanntes Kapitel der US-Geschichte veröffentlicht. „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“ erzählt – nach dem Angriff des Kaiserreichs Japan auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 – vom Verhaften und Wegsperren.

Und zwar von mehr als 120.000 japanisch-stämmigen oder japanischen Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten lebten und in der nun aufgeheizten Stimmung plötzlich als potentielle Verräter und Staatsfeinde angesehen wurden. Takei, geboren in Los Angeles, war fünf, ein Kind, als er mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern derart kriminalisiert ward. Doch Takei ist Aktivist mit Leib und Seele, und bleibt es auch als gezeichnetes Ich.

Als wären’s Rückblenden, denn so tut er es tatsächlich, schildert er auf TEDx-Konferenzen, bei Begegnungen mit Präsidenten von Carter bis Clinton, Barack Obama selbstverständlich, bei Comic Cons die drei Jahre seines jungen Lebens als „Enemy Alien“. Mithilfe der Co-Autoren Justin Eisinger und Steven Scott und Zeichnerin Harmony Becker ist ein sehr persönlicher Einblick in diese Zeit entstanden.

„They Called Us Enemy“ ist ein Lehrbuch über Demokratie und Grundrechte, über Menschenwürde und Zivilcourage und Solidarität, ist ein Plädoyer, sich gegen jene Kräfte zu stemmen, die gerade erneut versuchen, die Gesellschaft zu spalten – „Amerikaner zu sein, ist nicht das Vorrecht weniger“, schreibt Takei, und es lässt sich leicht das Wort „Europäer“ einsetzen -, und ist nicht zuletzt ein Buch über die Liebe in einer Familie.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Zu den klaren, schnörkellosen Schwarzweiß-Bildern komplex und literarisch interessant sind vor allem die narrativen Bögen, die Takei schlägt. Wie prägte die Zeit seinen Vater, warum exponierte er sich als Lagersprecher und Vermittler? Zu wessen Wohl wollte die Mutter ihre US-Staatsbürgerschaft aufgeben (dem Vater, wiewohl seit 25 Jahren im Land, wurde sie nie verliehen)? Wie stritten, entfremdeten, näherten sich Vater und Sohn in den 1950er- und 1960er-Jahren? Wie war Georges Weg zum Widerstand, woher sein Wille, sich am politischen Prozess zu beteiligen? Ab wann hat die die sogenannte Mehrheitsgesellschaft die Pflicht für Marginalisierte eintreten? Von wem gesteuert sind Populismus, Othering und Nationalismus?

Takei, als TV-Lieutenant einer multiethnischen Sternensaga einst aufgebrochen, „um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen“, und sichtlich stolzes Mitglied einer Sci-Fi-Erdbevölkerung, der Allianzen mit Aliens, mit „Fremden“ zur friedlichen Föderation der Vereinigten Planeten verholfen haben, steht bis heute für jene Enterprise-Errungenschaften ein. Bis zur letzten Seiten des Buches prangert der unermüdliche Streiter für Gerechtigkeit den „Muslim Ban“ der Trump-Regierung und die Diskriminierung lateinamerikanischer Bürger und Migranten in den USA an …

Ans Herz gehend ist die kindliche Perspektive, aus der die Ereignisse von 1941 gezeigt werden, als die Mutter mit Baby-Tochter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, wie der Vater mit Kunden seiner Textilreinigung plaudert, Weihnachten, die Kriegserklärung, die Feindseligkeiten auf der Straße, Vandalismus, „Keine Japsen!“-Schilder in den Schaufenstern, Politiker, die vom „Japanerproblem“, einer „nicht assimilierbaren Rasse“ sprechen  – dann das Hämmern an die Tür, Soldaten, Abtransport, Angst, ein Bub, der das alles noch weniger versteht als die Erwachsenen. Becker illustriert beinahe filmisch, mittels Schnitt und Gegenschnitt.

1942 dann erlässt Präsident Franklin D. Roosevelt die sogenannte “Durchführungsverordnung 9066”, die es dem Militär ermöglicht, Japano-Amerikaner, die an der Westküste lebten, zu deportieren. Es gibt keinen Prozess, keine Geschworenen, wo kein Richter, da kein Kläger, und die Betroffenen müssen alles, was sie sich aufgebaut haben, zurücklassen. Sie können nur mitnehmen, was in kleine Koffer passt, Konten werden eingefroren, „Besitz“, heißt in der Regel kleinere Geschäfte und landwirtschaftliche Geräte, wird beschlagnahmt.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

General John L. DeWitt befeuert die Hysterie der Scheinheiligen. Wie sich die Bilder gleichen, zu allen Zeiten, in allen Ländern. In Zügen zusammengepferchte Frauen, Kinder, Männer, ein Gepäcksanhänger als Identitäts- nachweis, für die Eltern ein weiterer Akt der Entmenschlichung, für George einfach eine Fahrkarte, Gewehre und Stacheldraht. Die Takeis werden in Camp Rohwer in Arkansas zwangsinterniert, Block 6, Baracke 2, Einheit F, die Mutter entsetzt über Schmutz und Gestank, doch George schwärmt sie vom gemeinsamen „Urlaub“ vor.

Dann die herbe Enttäuschung der Kids, die Mutter hat als „Überraschung“ – verbotenerweise – ihre Nähmaschine ins  Lager geschmuggelt, sie sofort betriebsam, der Vater erst depressiv, bis die Mitgefangenen ihn ob seiner Freundlichkeit und Umsicht zum „Blockverwalter“ wählen, eine Position, aus der heraus er viel Gutes bewirken wird – und dennoch wird’s für George bei seiner Teenager-Anklage gegen‘s Trauma-Schweigen zu wenig des Ungehorsams gewesen sein. Fürs Erste aber dreht sich alles um den Lageralltag eines Fünfjährigen, und mit der dieser Generation eigenen Ambivalenz berichtet Takei von grauenhaften wie glücklichen Erinnerungen.

Von Lausbubenstreichen und Radikalisierung unter „Banzai!“-Rufen, von seinem ersten Schnee und wie ihn die Filmvorführungen im Speisesaal begeisterten, von der ständigen Kampfbereitschaft der Soldaten gegen einen möglichen „Aufstand der Abtrünnigen“, jedes „Schlitzauge“ schon per Aussehen ein potenzieller Terrorist. Takei kann Anekdoten, beispielsweise, wenn ihm die ewigen Gegner Ford & Chevy einreden, auf seinen Ruf „Sakana Beach“/Fisch-Strand würden ihn die Soldaten mit Süßigkeiten überschütten – nur, dass die GIs „son of a bitch“ verstehen und erbost handgreiflich werden. Oder die von der Entlarvung des falschen, weil japanischen Santa Claus, hat Klein George den echten, da „weißen“ doch im Kaufhaus gesehen.

Dann wieder erteilt er Geschichtsunterricht übers 442nd Regimental Combat Team, einer rein japanischen Einheit der US-Armee, als sich die „Messer im Rücken“ ebendieser ihr wegen der vielen Gefallenen endlich anschließen durften. Eine Chance, die unzählige „Nisei“ ergriffen und den Dienst fürs „Vaterland“, das sie nie als gleichberechtigt akzeptieren wollte, mit dem Leben gezahlten. Oder, als zweite „Chance“ die – welch tagesaktueller Begriff! – „Rückführung ins Heimatland“, ins kriegsgeschundene, immer noch mit Hitler verbündete Japan, ein Ausbürgern im Austausch gegen Kriegsgefangene.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Schließlich der Fragebogen mit der infamen Gewissensfrage, sich als amerikanische Patrioten zu erklären und gleichzeitig der japanischen Herkunft abzuschwören. Was für großen Unmut und die Umsiedlung ins weit schlimmere Lager Tule Lake sorgt. Stacheldraht hoch drei, und doch ist er ein Schutz, denn draußen häufen sich die rassistischen Gräueltaten. Dann Hiroshima und das bange Warten auf Post von den Verwandten, ein „Neuanfang“ in einem L.A.-Armenviertel, die Lehrerin, die den „Japsenbengel“ auf die Fahne schwören lässt.

Takei erzählt das alles nicht verbittert, sondern als versöhnlicher Mahner an ein Niemals-Vergessen. „Die Schuld, die durch unsere Internierung auf uns lag, löste in mir das Gefühl aus, dass ich es verdiente, mit diesem hässlichen Schimpfnamen belegt zu werden“, schreibt Takei übers Opfer-typische Denken, und: „Das ist bis heute ein Teil des Problems … das wir die unangenehmen Aspekte der amerikanischen Geschichte nicht kennen … und daher die Lektionen übersehen, die uns diese Kapitel zu lehren hätten.“

George Takeis Befreiungsschlag beginnt, wenn man so möchte, an der UCLA, wo er beim Theaterwissenschafts- studium erst Nichelle Nichols und über sie Martin Luther King kennenlernt, später Gene Roddenberry, der dem asiatischen Darsteller von Lakaien, Possenreißern und Bösewichten die Rolle seines Lebens anbietet. Letztes Bild, George Takei und sein Ehemann Brad Altman auf dem Gedenkfriedhof in Rohwer, sie beten; letzter Satz: „Unsere Geschichte darf weder Schwert sein, das Ungerechtigkeit rechtfertigt, noch Schild, das Fortschritt blockiert, sie muss ein Leitfaden sein, der verhindert, dass wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen – denn nur wenn du frei bist, kann ich es auch sein.“

Über den Autor: George Takei, geboren 1937 in Los Angeles, wurde durch seine Rolle als Steuermann Hikaru Sulu in der „Star Trek“-Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“, 1965 von Gene Roddenberry persönlich dafür engagiert, und den nachfolgenden Kinofilmen international berühmt. Der japanische Amerikaner setzt sich insbesondere für die LGBT+-Bewegung ein und ist für seinen Kampf gegen den Rassismus bekannt. Takei wurde zwischen seinem fünften und achten Lebensjahr als einer von mehr als 120.000 japanisch-stämmigen US-Bürgern während des Zweiten Weltkriegs als Enemy Alien in ein Internierungslager gesperrt. Eine Tante und ein Cousin starben beim Atombombenabwurf auf Hiroshima.

© Takei, Eisinger, Scott & Becker/ Reprodukt

Im Oktober 2005, mit 68 Jahren, hatte Takei sein Coming-out, wiewohl seine Homosexualität unter seinen Fans schon lange ein offenes Geheimnis war. 2008 heiratete er seinen langjährigen Lebenspartner Brad Altman, nachdem das Oberste Gericht von Kalifornien das Verbot für gleichgeschlechtliche Ehen aufgehoben hatte. Trauzeugen waren seine Star-Trek-Freunde Nichelle Nichols und Walter Koenig. George Takei verfasste mehrere Bücher und wendet sich via Facebook, Twitter und Instagram auch täglich an seine mehr als 14 Millionen Follower.

Cross Cult Verlag, George Takei, Justin Eisinger, Steven Scott (Text), Harmony Becker (Zeichnungen): „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“, Graphic Novel, 208 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Christian Langhagen.

www.cross-cult.de

  1. 12. 2020