Jennifer Clement: Gun Love

Oktober 13, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Währung des White Trash ist die Waffe

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.“ Mit diesen Sätzen beginnt Pearl ihre noch kurze Geschichte. Das ist stark und macht die Verhältnisse sofort klar. 14 Jahre ist die Ich-Erzählerin alt. Sie lebt in einem Auto auf dem Besucherparkplatz vor dem Indian Water Trailerpark in Florida, in einem Dreieck zwischen zwei Highways und einer giftigen Mülldeponie, dahinter ein von Alligatoren verseuchter Fluss. Auf die Tiere werden Schießübungen veranstalten. Auf Bäume auch. Manchmal auf die Polizei. „Das Leben war wie ein Schuh am falschen Fuß“, sagt Pearl. „Meine Mutter sagte, … meine Mutter hatte recht …“, diese Form der indirekten Rede ist Pearls bevorzugte Distanz zu den Geschehnissen, die in den nächsten 250 Seiten auf den Leser zukommen.

US-Autorin Jennifer Clement hat mit „Gun Love“ einen unvergleichlichen Roman über die amerikanische Armut geschrieben, über Menschen, die, seit Trump in den Vereinigten Staaten das Sagen hat, sogar wissenschaftlich als White Trash bezeichnet werden. Eine Unterschicht, über die Hillary Clinton im Wahlkampf meinte, „sie klammern sich an Schusswaffen oder an die Religion oder an Antipathien gegenüber Leuten, die nicht so sind wie sie“. Was sie später öffentlich bedauerte.

Clement lässt sich Zeit, bis sie zur Waffe greift. Erst berichtet sie, dass auch, wer offiziell als obdachlos gilt, sich in ein beinah glückliches Dasein tagträumen kann. Pearl nennt das ein „Ein-Dollar-Leben“ voller „Geburtstagskerzen-Wünsche“. Die Mutter, Margot, begüterte, aber brutale Herkunft, als Teenager vom verheirateten Klavierlehrer geschwängert, ergo Ausreißerin aus dem gefühlskalten Elternhaus, einzige aktuelle Sorge, die Angst vor dem Jugendamt, hat viele Weisheiten für Pearl parat. Sie durchschaut andere. Im Wortsinn. Also: esoterisch angehaucht. Nur einen nicht, aber dazu kommt Clement später. Erst erfährt man, wie man einen Wagen zur Wohnstatt macht, mit Büchern auf dem Armaturenbrett, der Kleidung in Einkaufssackerln und den Waschsachen im Handschuhfach. „Da meine Mutter mir die Welt übersetzte, wusste ich, dass die Menschen Geheimnisse und kaputte Knochen und verletzende Worte mit sich herumtrugen, die man mit Seife nicht wegwaschen konnte“, sagt Pearl.

Clements Story ist wie ein K.O.-Schlag, doch die Sprache, in die sie sie taucht, ist so beseelt poetisch, Worte so watteweich, dass Pearls und Margots absonderlicher Alltag etwas Anmutiges bekommt. Wie Margot im billigen, fliederpastelligen Supermarkt-Spitzennachthemd barfuß zu den Toilettenanlagen tänzelt, wie Pearl auf ihrem Abenteuerspielplatz Müllkippe ein zerbrochenes Thermometer findet und sich an den ständig die Form verändernden Quecksilberkügelchen erfreut. Sie sei „unter einem Gefahrenstern geboren“, sagt Pearl einmal, später: „Ich lebte praktisch in dem Wort ,Gefahr‘, als wäre es eine Adresse.“ Da ahnt man schon, das toxische Flüssigmetall in ihrer Tasche wird nicht die einzige bleiben. Clements Figuren sprechen wie Songtexte. Von Johnny Cash oder Neil Young. Was sie schreibt, ist skurril, wenn’s nicht so schaurig wäre. Ein Nachbarskleinkind hat ein „Waffenausmalbuch“. Man könnte das Ganze für ein Klischee halten.

Die anderen Anrainer, allesamt Wohnmobilbewohner, sind Sergeant Bob, der einbeinige Afghanistan-Veteran mit „In God we Trust“-Tattoo, samt Familie, Tochter April May Pearls beste Freundin; ein Mutter-Tochter-Gespann, Mrs. Roberta Young und Noelle, erstere eine durch die Arztrechnungen für ihr geistig behindertes Kind arm gewordene, pensionierte Lehrerin, samt Noelles Barbiepuppensammlung und ihren Glückskeckssprüchen; Pastor Rex, der für Gott Waffen kauft, „und so gewöhnten wir uns daran, dass fremde Männer mit einem Gewehr über der Schulter oder einer Pistole in der Hand durch das Eingangstor schlenderten“; und das freundlich-unnahbare Paar Ray und Corazón.

Und dann Eli. Ein alter Freund des Pastors aus Texas. Ein gefallener Mann, sagt der, keiner, der auch die andere Wange hinhält, sagt die Mutter, plötzlich ein Wild, das sich von Eli sofort erlegen lässt. „Salz trifft Wunde“, sagt Pearl. Der Fremde ändert alles, Pearls Welt gerät ins Wanken. „Zwei Wochen später hatten wir eine Waffe im Auto.“ Allmählich wird klar, wer im Trailerpark alles auf diese harte Währung setzt. Pearl findet in einem verlassenen Wohnwagen ein Waffenlager, schwarze Ware, die nach Mexiko geschmuggelt wird. So idyllisch ruhig der Roman beginnt, so rasant nimmt er jetzt Fahrt auf, eine, die für Pearl tatsächlich zum – unfreiwilligen – Roadtrip durch die Südstaaten wird. Immer weiter wird sie von dem ihr bekannten Kosmos wegkatapuliert.

Keiner ist mehr, wer er scheint, die Männer sind Bedrohung. Von „Polizistenmord. Bewaffneter Raubüberfall. Identitätsmissbrauch“, ist auf einmal die Rede. Pearl gerät in einen Gewaltstrudel, aus dem sie nicht ausbrechen kann. Das Mädchen, das nicht einmal eine Geburtsurkunde besitzt, weiß nicht wie und wohin. Und auch sie bewaffnet sich. Die Mutter wird getötet, Pearl wird töten. Beides steht nicht im „Lebensbuch des Lamms“. Leben wird Überleben, und Pearl wird nicht aus diesem Umstand ausbrechen können. Am Ende ist sie wieder in einem Auto, versteckt zwischen Gewehren und Pistolen. „In meinem Tagtraum lag ich zwischen Skeletten, die Waffenteile waren lange Oberschenkelknochen und Rippen und kurze Ellen, wie ich sie von Röntgenbildern kannte, Röntgenbilder von zerbrochenen Knochen, ich roch Schießpulver und vielleicht auch Rost und Blut und Blut und Rost.“ Der Rest bleibt offen.

Jennifer Clements „Gun Love“ pflügt mitten durchs Herz. Sie lässt einen atemlos zurück, diese Geschichte über Liebe, Hass und Einsamkeit. Und den Irrsinn, den der Zweite Zusatzartikel der US-Verfassung über den Alltag von Menschen bringt: das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen. Dabei ist dieses Buch mehr als das literarische Stimmungsbild einer Nation. Auch in Österreich gibt es mittlerweile mehr als eine Million registrierter Schusswaffen in Privatbesitz. Inklusive der illegalen sollen es doppelt so viele sein.

Über die Autorin: Jennifer Clement, 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und vier Romane veröffentlicht. Als Präsidentin des P.E.N. International kämpft sie im Namen von Autoren weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung. „Gebete für die Vermissten“, ihr Roman über die Schicksale gestohlener Mädchen in Mexiko, war ein internationaler Erfolg.

Suhrkamp Verlag, Jennifer Clement: „Gun Love“, Roman, 251 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner.

www.suhrkamp.de

  1. 10. 2018

John Connolly: Stan

September 24, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das freudlose Leben des weltgrößten Komikers

„Seine Augen sind sehr blau“, heißt es an einer Stelle. „Die Intensität ihrer Farbe überrascht jene, die ihm zum ersten Mal begegnen. Sie kennen ihn nur als grauen Mann, als ein Flimmern im Dunkeln.“ Ähnlich überraschend ergeht es einem mit John Connollys jüngstem Buch „Stan“. Länger als ein Jahrzehnt hat der Autor dafür recherchiert, entstanden ist ein akribisch erarbeiteter Roman, eine Romanbiografie. Über Stan Laurel.

Fiktion, wie auch die Figur „Stan Laurel“ eine war. Fiktion anhand von Fakten. Über einen hinter der Fassade des Faxenmachers sich zutiefst grämenden Menschen. Geboren 1890 in Großbritannien als Arthur Stanley Jefferson, Vater und Mutter und ein Bruder und er selbst bereits mit neun Jahren im Vaudeville-Geschäft. Den Künstlernamen wird er in den USA annehmen, weil er mit einer verheirateten Frau von den amerikanischen Moralaposteln unbehelligt in wilder Ehe leben will.

Acht Mal wird er später verheiratet sein, mit vier Frauen, allein mit Ruth drei Mal. Er wird mit Lois eine Tochter bekommen, und einen Sohn an dessen neuntem Lebenstag verlieren. Er wird Alkoholiker sein und Arbeitstier. Connolly zeichnet das weitgehend freudlose Leben dieses weltgrößten Komikers nach. Er eröffnet ungeahnte Korridore, andere Blickwinkel, führt einen hinein ins Innerste eines Jahrhundertkünstlers, den fantasielose Fernsehanstalten im deutschsprachigen Raum zum Doof für seinen Dick machten. Dabei hat sich Oliver Hardy den für beleibte Stars damals üblichen Beinamen „Fatty“ stets verbeten, Babe nennen ihn Freunde und Kollegen.

Da sitzt nun also der alte gewordene Laurel in Santa Monica, im Oceana Apartment Hotel, der Oscar steht auf dem Fernsehapparat, Babe ist seit sechs Jahren tot, ein Dasein danach sinnlos geworden, und erinnert sich. Zwischen Zeitsprüngen, plötzlich präsenten Begebenheiten, spricht er mit Babe. Über Gags. Er schreibt Szenen, denkt über Babes Antwort nach, korrigiert, spielt die Nummer für sie beide …

Mehr als alles andere erzählt Connollys „Stan“ eine Liebesgeschichte. Zwischen zwei Männern, die sich gefunden haben und lebenslang nicht mehr ohne einander können. Nur gemeinsam tanzen sie. Der britische Bühnendarsteller und der ehemalige Filmvorführer aus Georgia, der Gagaustüftler und das schauspielerische Genie. So sieht Stan seinen Babe, den Meister der kleinen Gesten, den Erfinder des Slow Burn. Er nennt ihn „eine seltsame Mischung aus Sanftheit und Unsicherheit, aus frustriertem Künstlertum und ungeheuchelter Sorglosigkeit“.

Mangelnder Selbstwert und Unzufriedenheit plagen auch Laurel. „Seine gesamte Karriere hindurch wird er einen höheren Anteil (am Gewinn, den seine Filme einspielen, Anm.) fordern und scheitern“, schreibt Connolly. Hal Roach, natürlich, der große, hält seine Publikumslieblinge finanziell kurz. Ohnedies sind sie ständig pleite. Wegen Unterhaltszahlungen der eine, wegen Pferdewetten der andere. Beider lockerer Umgang mit Sitte und Anstand, beider chaotisches Privatleben, ein einziger Strudel an Scheidungen und Skandalen, bringt Hal Roach an den Rand des Herzinfarkts.

Über Laurel und Hardy hinaus wirft Connolly auch einen Blick auf das Jeder-mit-Jedem-Hollywood dieser Tage. Wo Mafiabosse säumige Schauspieler verprügeln lassen. Wo Frauen jenseits der 35 bereits Filmindustrie-Leichen sind. Wo sich eine ganze Branche an Charlie Chaplin und dessen schöpferisch brillantem Kopf reibt. Der Unsympath, der Grenz- und Einzelgänger, der Liebhaber Minderjähriger, vor dem alle Mädchen auf die Knie fallen, weil sie sich „einen Mundvoll Chaplin“ holen wollen.

Jimmy Finlayson und sein zynischer Humor kommen vor, und Broncho Billy Anderson, der jüdische Westernheld. Buster Keaton und Harold Lloyd. Die Kollegen und Konkurrenten an der Kinokasse. Und Jerry Lewis, der Stan im Oceana Apartment Hotel regelmäßig besucht, den Stan zwar nicht mag, dessen offene Bewunderung ihm aber schmeichelt. Man erfährt, wie „The Music Box“, der Klaviergagfilm, zustande, und wie’s dazu kam, dass Oliver Hardy in „Way out West“ mit Stan „The Trail of the Lonesome Pine“ singt. Man sieht vor sich Babe mit Lois jr. auf den Knien und wie er ihr „Shine on Harvest Moon“ ins Ohr summt. Man sieht vor sich Stan, der gegen die Widerstände des Studios mit sich selbst das Komplott schmiedet, aus den Laurel-und-Hardy-Filmen Kunst zu machen.

Nur einen Streit, so Connolly, hätten die beiden Seelenverwandten jemals gehabt. Dabei ging’s um Hardys Haare. Denn je verstrubbelt-schweißnasser die Stirnfransen, umso größer dessen leinwandgerechte Verzweiflung … Im Film „Their first Mistake“ aus dem Jahr 1932 gibt es eine Szene, in der Oliver Hardy von seiner Frau hinausgeworfen wird, er landet bei Stan, der gegenüber wohnt. Stan fragt: „Was hat sie denn?“ Oliver antwortet: „Sie sagt, ich denke mehr an dich als an sie.“ Und Stan erwidert: „Aber das stimmt doch!“ Und darin, erklärt John Connolly mit seinem wundervollen Buch, steckt die ganze Wahrheit.

Über den Autor: John Connolly ist 1968 in Dublin geboren und aufgewachsen. Er studierte Englisch am dortigen Trinity College und wurde dann Journalist. Seine Kriminalromane um den Privatermittler Charles Parker machten ihn berühmt. Der Roman über Stan Laurel war in der englischsprachigen Welt ein Bestseller und wurde beim Irish Book Award mit dem Publikumspreis prämiert.

Rowohlt Verlag, John Connolly: „Stan“, Roman, 528 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gottfried Röckelein.

www.rowohlt.de

  1. 9. 2018

Stefan Peters: Strenge Rechnung

September 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Abrechnung mit dem Arbeitsamt

Dass der renommierte Thomas-Sessler-Verlag „Strenge Rechnung“ bereits auf seiner Liste möglicher Filmstoffe führt, ist nicht verwunderlich. Stefan Peters‘ zweiter Wien-Krimi rund um den Sozialberater Michael Bogner ist wie geschaffen für die Leinwand. Zumal der Autor auch diesmal wieder ein tagespolitisch brisantes Thema behandelt: den Umgang mit heimischen Arbeitssuchenden.

Zwar ist Peters‘ Plot frei erfunden, doch wie immer bei guter Fiktion funkelt die eine oder andere faktische Wahrheit zwischen den Zeilen durch. Sehr sorgfältig recherchiert und ebenso geschildert präsentiert Peters Details, die den eigenen Erkenntnissen standhalten. Das betrifft das perfekt getroffene Wiener Lokalkolorit ebenso, wie die prägnante Darstellung der von oben verordneten Ohnmacht derjenigen, die ihren Schützlingen echt und ehrlich zu einem Job verhelfen wollen.

Michael Bogner hat allemal das Zeug zum (Anti-)Helden. Er ist ein grummeliger Kauz, ein Einzelgänger, ledig und mit lästiger Mutter im Weinviertel, aber mit einem großen, sehnsuchtsvollen Herzen.

Was ihm diesmal zustößt, treibt den von seinem sozialen Gewissen Getriebenen – dieses bekanntlich seinem Beruf eher abträglich – an den Rand der Verzweiflung. In dem Jobtrainingscenter, in dem er arbeitet, werden von heute auf morgen die Spielregeln geändert. Nicht nur steht eine Kündigungswelle ins Haus, die verbliebenen Berater müssen künftig auch zwei „Kunden“ gleichzeitig ins Visier nehmen. Und dass, wo das Arbeitsamt ohnedies nur die unvermittelbaren Fälle schickt. „Die Leichen“, wie Bogner, selbst gezeichnet von den Bruchlinien des Lebens, seine Klienten nennt. Anfangs noch im festen Glauben an einen strengen Sparkurs, stellt der Widerspruchsgeist bald fest, dass er nicht mehr als ein Rädchen in einem raffinierten Betrugssystem ist, das Fördergelder bis hinauf zur EU-Ebene für seine finsteren Machenschaften veruntreut.

Vier Wirtschaftskapitäne haben sich den vom Arbeitsamt ausgebackenen Geldkuchen aufgeteilt, nun wollen die „Advanced Training Partners“ das große Geschäft mit Osteuropa machen. Ein neues, ein gefaktes Zertifikat taucht auf, die „Social Skills Driving Licence“, ein Monopolpapier für ganz Europa, ohne das kein Karrieregeiler mehr soll leben können, und mit dem man „die Tante Brüssel melken“ will. Man intrigiert und trickst einander bei der Abrechnung mit dem Arbeitsamt aus, agiert über verschlungene Allianzen, großteils geheime Verbindungen, und plötzlich gibt es die ersten Toten. Ein Selbstmord? Ein Autounfall? Das Kleeblatt dezimiert sich, neben jeder Leiche das passende Glückssymbol mit jeweils einem Blatt weniger. Bogner ermittelt mit dem ihm eigenen Talent, immer genau die Leute anzusprechen, die verdächtig, weil verstrickt sind. Das bringt ihn selbst bald in Lebensgefahr. Und wie bei jedem guten Krimi heißt’s am Ende: Cherchez la femme!

„Strenge Rechnung“ führt mit viel kriminalistischem Fingerspitzengefühl durch die Abgründe der Jobcenter und den Wahnsinn von Fördergeldvergabe. Eine spannende Lektüre für den bevorstehenden Leseherbst.

Über den Autor: Stefan Peters, geboren 1967, studierte Publizistik und war als Journalist tätig, arbeitet nun als freier Kameramann und Systemischer Coach in Wien. 2017 erschien sein erster Roman „Erstbezug“ im Picus Verlag; der Krimi wurde für den Leo-Perutz-Preis nominiert. 2018 folgt „Strenge Rechnung“.

Picus Verlag, Stefan Peters: „Strenge Rechnung“, Roman, 288 Seiten.

www.picus.at

  1. 9. 2018

Ljuba Arnautović: Im Verborgenen

September 8, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Als man aus Österreich „abgeschafft“ wurde

Als auf einer Seite weiter hinten im Buch endlich der Familienname der Protagonistin fällt, Arnautović, ist klar, dass die Autorin hier die Geschichte ihrer Großmutter erzählt. Freilich in aller künstlerischer Freiheit, und dennoch. Ljuba Arnautovićs Debütroman „Im Verborgenen“, seit Mittwoch als ebensolcher für den Österreichischen Buchpreis 2018 nominiert, beschreibt so eindrücklich wie völlig unsentimental ein Stück Zeitgeschichte. Dabei verwendet die Autorin Textstellen aus Originaldokumenten, Briefen in der Hauptsache. Auch vom „kleinen Karl“, Arnautovićs Vater, und auch dessen Schicksal erfüllt einen mit Beklemmung darüber, was Totalitarismus den Menschen antut.

„Im Verborgenen“ dreht sich also um die 1901 in Wien geborene Genovefa, von den meisten „Tante Eva“ genannt, die als resolute Sekretärin im evangelischen Oberkirchenrat arbeitet, und im hintersten Ende der Kanzlei eine Dienstwohnung bewohnt. In die Spannung noch erhöhenden Zeitsprüngen verfolgt man ihren von vielen Gefahren bedrohten Lebensweg, begleitet Genovefa durchs Rote Wien und durch den Austrofaschismus.

Schließlich hinein ins Dritte Reich, bis ins Jahr 1960, in dem sich „Tante Eva“ endlich ihren Jugendtraum erfüllt und als Oma Jus studiert. Genovefa ist gemeinsam mit ihrem Mann Karl als Kommunistin politisch aktiv, ist Mitglied im Republikanischen Schutzbund – und bald Staatsfeindin. Karl wird auf der Flucht eine Odyssee bevorstehen: Tschechoslowakei – Großbritannien – als „feindlicher Ausländer“ Verbringung nach Australien. Von ihm wird Genovefa nie wieder hören. Ihre beiden Söhne, die „Schutzbundkinder“, Slavko und den kleinen Karl, schicken die beiden im Alter von 13 und 10 Jahren nach Moskau. Wo sie mit Ausbruch der Kriegshandlungen Nazi-Deutschlands gegen Russland als Volksverräter inhaftiert werden. Slavko verhungert im Gefängnis, Ljuba Arnautović hat ihm 2006 bereits das Ö1-Feature „Onkel Slavko. Ein Protokoll“ gewidmet.

Atemlos leidet man mit Genovefa, wenn sie von den Schergen des Ständestaates festgenommen und gefoltert, schließlich vom Amts wegen „aus Österreich abgeschafft“ wird, heißt: ins Exil gehen muss, wenn die Ungewissheit über den Verbleib ihrer Söhne an ihr frisst, wenn die Einsamkeit ihr zu schaffen macht – und sie trotz allem darum ringt, eine starke Frau zu sein. Die evangelische Kirche holt „Tante Eva“ schließlich auf Betreiben jenes Pfarrers, der ihr im Zuchthaus Trost spendete, nach Wien zurück. Wo Genovefa 1944 beginnt „U-Boote“ in ihrem Zimmer-Küche-Kabinett-Heim zu verstecken.

Einer davon ist der „Halbjude“ Walter, untergetaucht nach einer Vorladung zum Morzinplatz. Seine Familiengeschichte lässt Arnautović parallel zu der Genovefas verlaufen. Die wird um ihres Schützlings willen zur Meisterin der Verstellung, gewagt etwa eine Episode, in der sie als naives Dummchen statt seiner zur Gestapo geht, und quasi wegen unerträglicher Blödheit hinausgeworfen wird. Verständlich, dass die beiden verlorenen Seelen einander näher kommen, doch ein Happy End hatte es in diesen Tagen schwer …

„Im Verborgenen“ ist ein Roman über Mut, Empathie und Idealismus, er ist eine Hommage an alle, die an politischen Widerstand glauben, und diesen aktiv betreiben. Ein wichtiges Buch im Gedenkjahr 2018. Beeindruckend, bemerkenswert.

Über die Autorin: Ljuba Arnautović, geboren 1954 in Kursk in der damaligen UdSSR, lebt nach wechselnden Aufenthalten in Wien, München und Moskau seit 1987 in Wien. Studium der Sozialpädagogik, Mitarbeit an Projekten des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, Russisch-Übersetzerin, Rundfunkjournalistin. Zahlreiche Radiofeatures, Reportagen, Essays; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. „Im Verborgenen“ ist ihr erster Roman.

Picus Verlag, Ljuba Arnautović: „Im Verborgenen“, Roman, 192 Seiten.

www.picus.at

  1. 9. 2018

Andrej Platonow: Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen

August 29, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die russische Revolution frisst ihre Kinder

Es war Frank Castorf, der einen mit seiner bei den Wiener Festwochen 2016 gezeigten Inszenierung erstmals auf Andrej Platonows Roman „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19870) aufmerksam machte. Nun liegt der zwischen 1927 und 1929 entstandene Text in einer überarbeiteten Übersetzung bei Suhrkamp vor. Er habe nichts anderes versucht, als den Anfang der kommunistischen Gesellschaft darzustellen, schreibt der Autor an den mächtigen Maxim Gorki. „Tschewengur“, so dessen Antwort, sei inakzeptabel, denn die Helden würden nicht als Revolutionäre wahrgenommen, sondern als komische Käuze und Halbverrückte. Platonows episches Werk, weder zum offiziellen Geschichtsbild noch in den Literaturkanon passend, blieb zu seinen Lebzeiten ungedruckt.

Dabei darf dieses nicht als zynische Satire oder als Lächerlichmachen der Sowjetunion missverstanden werden. Platonow distanziert sich nicht von seinem Anti-Helden, er begleitet ihre Ansichten mit Sympathie und Verständnis. Der Eisenbahnschlossersohn und Lokomotivführergehilfe, gestorben 1951 an jener Tuberkulose, mit der sich sein statt seiner ins Arbeitslager gesteckte, 15-jähriger Sohn infizierte, und mit der er sich bei dessen Pflege ansteckte, war glühender Kommunist. Er glaubte an die Idee, nicht jedoch an deren Umsetzung durch Stalin – und prangerte literarisch an, wie der spätere Diktator schon früh den Freiheitskampf der Bevölkerung zugunsten seines autokratischen Systems instrumentalisierte.

Platonow wurde durch Totschweigen ums Leben gebracht. Neben seine Kritik an Stalins Zwangskollektivierung, die Erzählung „Zum Vorteil“, schrieb der Führer der Massen persönlich das Wort „Lump!“. Platonow, der Unbekannte, weil Verbotene, wurde dennoch oder deshalb zur Ikone, zum Vorbild von Generationen junger Autoren. Sorokin, Pelewin, Kurkow, sie alle berufen sich auf ihn. Und wenn diese Anekdote nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden: Kurz vor seinem Ende gab das Regime Platonow ein Gnadenbrot als Hausmeister in einer Moskauer Kultureinrichtung, und als er starb, weinten die tagtäglich dort aus- und eingehenden Studenten. Weil sie sich nun schämten, in dem alten, auf seinem Besen lehnenden, sie um Zigaretten anschnorrenden Mann nicht ihr Idol erkannt zu haben.

„Tschewengur“ handelt von den wahnwitzigen Folgen der konsequenten Anwendung einer Ideologie und von einem Enthusiasmus, der wegen der Rückständigkeit des Landes ins Leere laufen muss. Der Text ist ein philosophisches Gedankenexperiment, das hellsichtig tragische Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts vorwegnimmt. Er ist eine groteske Dystopie über Totalitarismus, mit genau jenem Maß an der dem Genre eigenen erschütternden Wahrheit, wie sie die Staatsmächtigen fürchten. Zur Entstehungszeit hatte Russland bereits Ersten Weltkrieg, Oktoberrevolution und Bürgerkrieg hinter sich. Millionen waren tot, vertrieben, entwurzelt; das „strannitschestwo“, das ziellose Umherirren der Ärmsten der Armen, wurde zur Massenerscheinung. Platonow umschreibt diese Jahre als einzige Schießerei, ihr ausgeliefert die „einfachen Menschen, die das Parteiprogramm ja gar nicht verstehen.“

Den roten Faden bilden die Erlebnisse der Protagonisten Alexander Dwanow – eine Art Alter Ego des Autors – und Stepan Kopjonkin. Ersterer wird von einem Parteifunktionär beauftragt, in einem bettelarmen südrussischen Steppengouvernement nach „sozialistischen Elementen des Lebens“ Ausschau zu halten und die Wünsche der Massen zu ergründen. Bei seiner Reise durch die Armut und den Hunger begegnen ihm allerlei skurrile Charaktere, bis ihn seine Wanderung schließlich nach Tschewengur bringt, wo bolschewistische Fanatiker einen makaberen „Kommunismus in einem einzelnen Bezirk“ organisieren und zu diesem Zweck die gesamte „Bourgeoisie“ massakrieren, um die Stadt dann mit einem in der Umgegend aufgesammelten „Proletariat“ zu besiedeln. Doch trotz aller Anstrengungen will sich die kommunistische Utopie nicht einstellen.

Auf seinem Weg begegnet Dwanow dem „Kommandeur der Feldbolschewiken“, Kopjonkin. Er sucht als Ritter der Revolution auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“ das Grab der von ihm angebeteten Rosa Luxemburg. Unverkennbar ist er ein Don Quijote, Platonow beschreibt ihn so: Es war „unmöglich sich seine Herkunft vorzustellen – ob er von einem Tagelöhner abstammte oder von einem Professor -, die Züge seiner Persönlichkeit hatten sich schon an der Revolution abgeschliffen.“ Die Reisegefährten lassen hier einen Wald zur Schaffung von Ackerland abholzen, dort Vieh umverteilen, enteignen Gutsherren – alles im Namen des Sozialismus. Doch keine ihrer Bemühungen macht etwas besser. Das Volk ist unterbelichtet und untätig, weder sät noch erntet es, ist doch in den Vorratsspeichern des gemeuchelten Klassenfeindes noch genug Korn.

Endlich: Tschewengur. Und auch im sozialistischen Paradies tut keiner etwas. Man lässt die Sonne in Stellvertretung werktätig sein, während man selbst über die Revolution sinniert, schwadroniert und sich statt zu handeln in hochtrabenden Phrasen ergeht. Zu arbeiten, so das Credo der Tschewengurer wäre Kapitalismus, mit Nutzen zu arbeiten bourgeois. In einem Gemisch aus falsch verstandenem Parteibroschürenjargon und religiösen Einsprengseln versuchen die Menschen rund um ihren kindlich-begeisterten Anführer Tschepurny, dem neuen Leben einen Sinn abzutrotzen. Die brüderliche Gemeinschaft und deren freundliche Wärme würden sich schließlich ganz von selbst einstellen, ist man überzeugt. Dass es mit dem Kommunismus im kleinen Städtchen kein gutes Ende nehmen wird, ist spätestens dann klar, als der irre Henker Pijussja und Dwanows bösartiger Stiefbruder Proscha, der die Revolution als Mittel zum Zwecke des Reichwerdens missbraucht und der unter den übrigen elf Jüngern des Tschepurny eindeutig ein Judas ist, auftauchen. Am Ende kommt eine maschinelle (Rote) Armee zur Säuberung der Stadt; die russische Revolution frisst ihre Kinder …

„Am Morgen war eine große Sonne, und der Wald sang mit der ganzen Fülle seiner Stimme, indem er den Morgenwind tief unter sein Laub fahren ließ“, „Tschewengur“ strotzt vor derlei Passagen fabelhafter, melancholischer Schönheit. Die poetische Eindringlichkeit, die Sprache, mal biblisch-apokalyptisch, mal revolutionär-bolschewistisch, mit der Platonow seine surrealistische, von der Aura des Absurden umwehte Vision entwickelt, macht das Buch zum Pageturner. Zweifellos ist dieser Roman der beste, der bis dato über die russische Revolution geschrieben wurde.

Über den Autor: Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 1920er-Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke, „Tschewengur“ (1926) und „Die Baugrube“ (1930), konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 1980er-Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.

Suhrkamp, Andrej Platonow: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, Roman, 581 Seiten. Revidierte Übersetzung aus dem Russischen von Renate Reschke.

www.suhrkamp.de

  1. 8. 2018