Franzobel: Rechtswalzer

März 20, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Groschen-Roman rund um den Regierungskrimi

Es wird Seite 356, bevor endlich in der Staatsoper getanzt wird, eng an eng, eins, zwei – drei, Hetz und Hetze im Menschengewühl, wer’s mag. Der Leser jedenfalls ist schon vorher atemlos, nach einer wilden Jagd durch skurril-sadistische Mordszenen und politische Minenfelder, und wenn der Fernsehkommentator schließlich sagt, „an diesem Abend wird die Erde in Österreich wieder für flach erklärt“ (nämlich zum Tanzparkett), dann zielt Franzobel mit diesem Bonmot letztlich auf jenen reaktionären, restriktiven Zeit-Ungeist, dem er mit seinem neuen Krimi den Kampf ansagt.

„Rechtswalzer“ ist Franzobels dritten Groschen-Roman, heißt: dass er auch diesmal Gruppeninspektor Falt Groschen als Ermittler einsetzt. Das Jahr ist 2024, eine Zukunft ganz nahe, zu nahe am Heute, sind die Straftaten doch nur der Rahmen für das dystopische Gesellschaftsbild, das der Autor entwirft. Als hätten bei ihm angesichts der aktuellen nationalen Stimmung im Land sämtliche Gefahrensensoren angeschlagen, ist dieses Atmosphärische von Vaterland und Muttersprache auch das Beste am Buch.

Das fruchtbar Scheußliche an diesem durchaus popliterarisch durchzuschmökerndem Text ist, dass einem nichts mehr an den Haaren herbeigezogen, aus der Luft gegriffen, in Österreich unmöglich erscheint. „Rechtswalzer“ ist eine beißende Satire, erzählt mit sarkastischem Wortwitz, die die herrschenden Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Das Setting: Türkis-Blau ist gescheitert, die LIMES-Bewegung hat die Wahl gewonnen und damit begonnen, den Staat nach ihren Vorstellungen umzugestalten: „neue Verfassung, ein nationales Glaubensbekenntnis, alle Medien hatten sich gegenüber einer Regierungsbehörde zu verantworten, Sozialhilfeempfänger mussten gemeinnützige Arbeit verrichten …“ Die Partei für den „wahren Sozialismus“ ist – vor allem antiislamisch – angetreten, um die „westlichen Werte“ und das „christliche Abendland“ zu verteidigen. Weshalb der zuständige Minister das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung in „Amt des Glaubens“ umbenennt.

Und alldieweil das Volk dem sich Meister nennenden Regierungschef huldigt, sein Vize ist das Meisterlein, die Wegseher nichts bemerkt haben wollen von Staatsgewalt und Willkür, verschwinden nach und nach Intellektuelle, Künstler, kritische Journalisten in Umerziehungslagern, wird der rechtsradikale Rand der Szene entdämonisiert, werden Muslime in Geschäften nicht mehr bedient, am Ende ausgewiesen, nachdem sie ihr Vermögen zurücklassen mussten. In dieses Vierte Reich pflanzt Franzobel drei Krimihandlungsstränge. Zum einen ist da Malte Dinger, stolzer Besitzer einer Bar für erlesenen Gin, Ehemann und Vater, optisch ein Oskar-Werner-Typ, inhaltlich typisch Bobo mit Sinn fürs Savoir Vivre, für den eine Fahrscheinkontrolle zur Katastrophe wird. Malte wird beim Schwarzfahren erwischt, weil er renitent ist, rufen die Schwarzkappler die Polizei, es kommt zu einem Handgemenge, bei dem Malte versehentlich einem Beamten einen Zahn ausschlägt – und schon geht’s ab ins Gefängnis, erst ins Landl, dann nach Stein, aus Untersuchungshaft werden 25 Jahre, denn der LIMES hat die Gesetze empfindlich verschärft.

Während sich für Malte eine kafkaeske Abwärtsspirale dreht, wird der dauergrantelnde Groschen zu einer Leiche gerufen, der Ermordete wurde mit einem brennheißen Klistier ums Leben gebracht. In der Wohnung finden sich die Fingerabdrücke eines Gemeindesekretärs aus Untergrutzenbach, Edwin Kalterer, und der erscheint auch gleich, um Groschen eine abenteuerliche Geschichte über Amtsmissbrauch und Korruption in seinem Provinzkaff aufzutischen, bevor er spurlos verschwindet. Also, und dies der dritte Twist, macht sich der Kommissar auf ins Weinviertler Antiidyll, wo er einen emsigen LIMES-Bürgermeister und die Baumeistersfamilie und LIMES-Großspender Hauenstein kennenlernt, die gar kein großes Geheimnis aus ihren gemeinsamen krummen Geschäften machen.

Was Franzobel in der Tat großartig beherrscht, ist die Beschreibung von Lokalkolorit und Personen, er erweist sich als genauer Beobachter diverser heimischer Gesellschaftsschichten, vom ennuyierten Geldadel bis zum Häfn-Milieu, von gewieften Politberatern bis zu glatzköpfigen Neonazis. Dabei bedient er sich gern der Genresprache, wenn er diese „Mensch gewordene Pitbulls“ nennt, oder über Groschens Sekretärin schreibt, „die dralle Blondine mit dem Sexappeal einer jungen Marilyn Monroe schien aus allen Nähten zu platzen“, und andere Wisecracks, die einen an Carter Brown denken lassen.

Das im Wortsinn Kapital-Verbrechen der Hauensteins unterfüttert Franzobel mit dem bestialisch erschlagenen Witwentröster der Patriarchin, einem ung’schmackig per Klobesen zu Tode gefolterten Hausmädchen und einem – Maltes Zellengenosse – an der Türklinke erhängten Ex-Lobbyisten. Und derweil er die drei Handlungsverläufe sich miteinander verknüpfen lässt, wird aus Morden der Balkanmafia ein Wirtschaftskrimi um Österreichs wertvollsten Rohstoff. Alles kulminiert auf dem Opernball, wo Franzobel im Gegensatz zu Josef Haslinger eine einzige Terroristenzelle nicht ausreicht, sondern mehrere Attentäter ins Spiel kommen. Das furiose Finale dieses rasanten Pageturners, der sich als Posse ausgibt und dennoch keine ist, und auf dessen Red Carpet sich von Volks-Rock’n‘Roller-Verlobter über Ex-Operettendiva mit blondierter Pudelfrisur bis zu den beiden wichtigsten „Ballmüttern“ Wiens einiges an High Society wiedererkennen kann. Schönster Satz des Ganzen: „In Österreich ist noch nie jemand an Oberflächlichkeit zugrunde gegangen.“

Über den Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Arthur-Schnitzler-Preis und den Nicolas-Born-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“ 2014 und „Groschens Grab“ 2015 sowie 2017 der Roman „Das Floß der Medusa“, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Sein neuestes Buch ist der Krimi „Rechtswalzer“.

Zsolnay, Franzobel: „Rechtswalzer“, Kriminalroman, 416 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke

20. 3. 2019

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv

Februar 21, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Donald Trump und die Blumenkinder des Bösen

Klassischer kann ein Kriminalroman nicht beginnen: Eine nervöse Schöne betritt das Büro des ihr anempfohlenen Privatschnüfflers, beide, Inventar wie investigator, haben sichtlich schon bessere Zeiten erlebt, und während sie ihr Anliegen stammelt, öffnet er deutlich desinteressiert die Schreibtischschublade, um – nein, nicht den obligaten Whiskey, sondern ein magenkrankes Opossum herauszuholen, das der Fütterung bedarf. Ein satirisches Spiel, das US-Starautor Jonathan Lethem da treibt, eine postmoderne Genredekonstruktion, und noch dazu eine hochpolitische.

Denn als Subtext hinterm wüsten Treiben in „Der wilde Detektiv“ steht die messerscharfe Analyse eines seit der Trump-Wahl gespaltenen Landes, erschütterte Linksliberale hie, erstarkende Ultrarechte da, das sich selbst nicht mehr versteht. Und apropos, wüst: In diese und in dieser geht’s ab. Lethem beschreibt den surrealsten Wüstentrip, seit Jim Morrison in der Mojave sein Bewusstsein erweitert hat, Schauplatz des Buches ist das südkalifornische Inland Empire, die Zeit eben November 2016, der nicht nur „das Monster im Turm hervorgebracht“, sondern auch den Tod von Leonard Cohen verschuldet hat.

Beides wirft die Ich-Erzählerin Phoebe Siegler, Medienprofi aus Manhattan und Lethems Hauptfigur, aus der Bahn. Als sich ihr Boss „mit dem designierten Trumpeltier hinter verschlossenen Türen“ zusammensetzt, kündigt sie ihren Job als Radiojournalisten, und folgt, um nicht völlig in Politdepression und Privatschwermut zu versinken, dem Hilferuf einer Freundin. Deren Tochter Arabella, die ihre Tage im Golden State eigentlich als Studentin zubringen sollte, ist spurlos verschwunden. Phoebe nimmt die Suche auf, das heißt: aufsucht sie zuerst den Privatdetektiv mit dem bezeichnenden Namen Charles Heist – heist bedeutet Raub, und Phoebes Herz wird er noch stehlen

Heist novel meint eine spezielle Form der Krimiliteratur, deren Großmeister Donald E. Westlake war, und die auch andere Genres, wie beispielsweise Science-Fiction, vor allem aber einen skurrilen Humor bedient. Phoebe wird Heist über die ersten hundert Seiten wie folgt beschreiben: als „menschliche Freakshow in roter Lederjacke“, mit „einem Gesicht, das an die Oberseite einer eingefallenen Pastete erinnerte“, verärgert darüber, dass der Mann „in fast schon autistischem Maße unprovozierbar war“, dieser „atmende Holzschnitt“, bevor sie seine „gemeißelten Gesichtszüge“ und die „Stahlwolle seiner Koteletten“ endlich zu schätzen weiß. Lethem lässt kein Klischee, weder sprachlich noch inhaltlich aus, als die stadtneurotische New Yorkerin auf den abgeklärten Ermittler trifft.

Nur ist es hier die Frau, die sich den lapidaren Sam-Spade-Jargon aneignen wird, wenn schwarzer Kaffee wie ein Scheibenwischer fürs Gehirn wirkt, ihr etwas bis Oberkante Unterlippe steht oder „in Großbuchstaben“ geflüstert wird. Selten zeigt sich die Protagonistin eines Romans so zynisch, obwohl Phoebe sich selbst und damit dem Leser eingesteht, dass ihre markigen Sprüche, ihre verlegene Schnoddrigkeit, aus ihrer Angst angesichts der Umstände geboren sind. Die nämlich führen Phoebe und Heist und dessen drei Hunde von einem Schwemmkegel auf den Mount Baldy und in ein Zen-Kloster, in dem Leonard Cohen einige Jahre verbrachte, führen sie allerlei abgedrehten Charakteren zu, der Spinnerin Sage, der durchgeknallten Lorrie, dem undurchsichtigen Laird, der toughen Anita – und bald auch zu zwei Teenager-Leichen mit aufgeschnittener Kehle.

Bild: pixabay.com

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Phoebe muss erfahren, dass die Ödnis von einem Zweiparteiensystem beherrscht wird, menschlichen Überbleibseln einer Hippie-Kommune, aus der wie Blumenkinder des Bösen die atavistischen Stämme der „Kaninchen“, friedliche, aber bei Angriffen durchaus wehrhafte Frauen, und der brutal-männlichen „Bären“ hervorgegangen sind. In zweiteren, der einem blutigen Königskult frönt, wurde Heist dereinst als hoffnungsvoller Anführer-Spross hineingeboren, doch hat er beschlossen, stattdessen lieber verwirrt-verirrte Jugendliche aus dessen Klauen zu retten. Nun, sozusagen heimgekehrt, muss er sich, um Arabella, die der archaischen Anziehungskraft des aktuellen Machthabers Solitary Love erlegen ist, zu befreien, einem Zweikampf auf Leben und Tod stellen …

Seit Lethem in „Motherless Brooklyn“ einen Ermittler mit Tourette-Syndrom losgeschickt hat, jongliert er in seinen Romanen gekonnt mit Motiven und Macharten von Popkultur. Er versteht sich auf amerikanische Gegenwartswahrnehmung durch die Filter von Film, Fernsehen, Musik. Auch diesmal verhandelt er U und E, von Game of Thrones bis Joyce Carol Oates, von Nancy Drew bis mansplaining. „In der Mojave weiß niemand, dass du kein Hund bist“, sagt Phoebe einmal zu sich selbst. Im Original-The New Yorker-Cartoon sagt das ein vorm Computer sitzender Hund über das Internet … Phoebe bleibt in der Blase, der sie eigentlich zu entrinnen hoffte, Grapscher, Faktenfälscher und Politstricher, mittels Gebrauch von Smartphone, Apps und Twitter geistig verhaftet.

Wohin immer sie schaut, werden ihre Eindrücke durch Medien wie Social Media krankhaft verstärkt. Auch das kennzeichnet Lethem als jenen Riss, der durch die Gesellschaft geht. Vom Norden nach Süden, im aus der Mode gekommenen Macho-Mannsbild vs #MeToo, in den Politfarben Rot gegen Blau. Im wilden Westen trifft Ostküstenkind Phoebe auf Landsleute, die ihre Ausdrucksweise, ihre Anspielungen gar nicht dechiffrieren können, weil ihnen die Codes dafür fehlen. Phoebe reist mit einem Koffer, der „noch in der Obama-Ära gepackt worden war“, hat den ersten Geschlechtsverkehr „seit der Wahl“. Dies die neue Zeitrechnung der Vereinigten Staaten, in der einer unsägliche Dekrete erlässt, während andere, in Felle gehüllt, deren Existenz negieren.

Dem Rolling Stone sagte Jonathan Lethem, er hätte „Der wilde Detektiv“ geplant, in der Annahme, einige Jahre unter Hillary Clintons Administration zu leben, nun hätte ihn die Amtsübernahme durch Trump aus der Bahn geworfen, er frage sich, wozu das Buch, wozu überhaupt noch ein Buch schreiben. Und so, wie der Autor in seinem Roman das Scheitern aller gesellschaftspolitischen Utopien zwar mit Witz, aber noch mehr Melancholie durchdekliniert, ist ihm dieser Zwiespalt anzumerken. Am Ende fährt Phoebe über die Road to Nowhere. Der derzeit einzig gangbare Weg? Die diesen besingenden Talking Heads sind jedenfalls Lethems Lieblingsband.

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“ oder „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den „National Book Critics Award“, den „Gold Dagger“ und das „MacArthur Fellowship“. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Der wilde Detektiv“, Roman, 335 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach.

Weiterer Buchtipp: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269

www.tropen.de               jonathanlethem.com

  1. 2. 2019

Michal Hvorecky: Troll

Februar 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Dystopie mit paranoidem Innenminister

„Ich bin der Troll“, outet sich der Erzähler. Da ist er bereits auf der Flucht vor einem wütenden Mob, der seine Hinrichtung fordert, Neonazis, Radikallinke, die Kirche, keiner, der ihm nicht auf den Fersen wäre, und der slowakische Autor Michal Hvorecky mit solcherart Karacho ins Geschehen seines neuen Romans eingestiegen:  „Troll“. Das meint keine Fantasyfigur, sondern einen in den Social Media, die Art Provokateur, deren Postings die Online-Community gängeln, aufhetzen, anstacheln. Stimmungs- und Meinungsmacher, in der Regel gegen etwas oder jemanden, im Auftrag politischer oder wirtschaftsweltlicher Manipulanten – aber auch Terrorgruppen wie der IS können’s ganz gut.

Heißt: Das Schreckensszenario der totalen Digitalkontrolle, das Hvorecky in seiner Dystopie entwirft, ist längst Realität, am bekanntesten sind wohl die Putinbots oder die Reconquista Germanica, wobei in beiden Fällen der Name schon klar macht, wofür man steht. Dennoch versteht sich „Troll“ als SciFi-Story, und damit Hvorecky zu schildern vermag, wie „der verhassteste Mensch im Internet“ zu eben diesem wurde, entwirft er ein ausgefeiltes Setting, in dem er die Handlung ablaufen lässt. Ort und Zeit sind „Osteuropa in naher Zukunft“, ein kleines Land, eine Oligarchie.

Protektorat einer „das Reich“ genannten Diktatur. Die Europäische Gemeinschaft ist zerfallen, der Leser erfährt von einem Hybridkrieg, gefolgt von einem Informationskrieg. Die ersten 50 Seiten des Buchs sind eine groteske Paraphrase der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und der in ihm zerstörten Hoffnungen. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Verhältnissen, Visegrád, Ficos Smer-Partei oder Verbindungen zu Vladimir Putin, sind natürlich … zur Kenntlichkeit entstellt. Der im Februar 2018 erschossene Investigativ-Journalist Ján Kuciak, vom hernach zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet, was einen Shitstorm und mutmaßlich auch seine Ermordung zur Folge hatte, war ein Freund von Michal Hvorecky.

Im namenlosen Staat des Romans regiert ein Terror-Regime. Es beherrscht die öffentlich-rechtlichen Medien, bestimmt, wer mit einem QR-Code am Hals gebrandmarkt in den Lagern verschwindet, baut einen Grenzzaun, um „uns vor den Massen zu beschützen, die hierher drängen, weil man bei uns am besten lebe. Im Land mit der niedrigsten Arbeitseffektivität, dem bescheidensten Gesundheitsbudget und dem höchsten Maß an Korruption auf dem Kontinent“. Und selbstverständlich verbreitet es Falschmeldungen zu erfundenen Feindbildern und Berichte von gefakten Bedrohungen. Die Regierung, und das ist schönste Realsatire, besteht unter anderem aus einer Chefin, der ihr Geliebter/Mafiaboss die Wahlkampagne gesponsert hat, hat als Umweltminister einen Leugner des Klimawandels oder für das Gesundheitswesen eine Vorkämpferin gegen das Impfen. Innenminister und Verantwortlicher für die öffentliche Sicherheit ist „ein paranoider Verbreiter von Fake-News“.

Der Ich-Erzähler ist eigentlich selbst ein Kind der Nomenklatura, zwanzig Jahre alt, doch übergewichtig, glatzköpfig und, so sagt er, asexuell, und ergo ein Randglied der Gesellschaft. Bis er die ebenfalls von dieser ausgestoßene Johanna kennenlernt, am Anfang noch Junkie, aber bald auf dem Weg der Gesundung, als man gemeinsam beschließt, etwas gegen die Hater zu unternehmen. Die beiden schleusen sich in der „Factory“ eines gewissen Valys ein, beschrieben als Faschist, der sich von seiner aus so skurrilen wie gefährlichen Figuren zusammengesetzten Internetarmee als „Führer“ ansprechen lässt, und stolz darauf, „Arm in Arm mit dem bekanntesten österreichischen Populisten“ gesehen zu werden. Doch um die Regeln zu brechen, müssen sie das böse Spiel erst mitspielen. Denn wehe dem, den der Apparat enttarnt.

Bild: pixabay.com

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Johanna führt vor, wie’s geht. „Dass der Staat den Flüchtlingen alle Medikamente bezahlt“, veröffentlicht sie. „Innerhalb von zwei Stunden teilten neunzigtausend Menschen den Post, einschließlich zweier Ärzte aus dem Altstädter (Krankenhaus) und Johannas Lieblingscousin“. Die Gehirnwäsche-Methoden, die George Orwell für seine Gedankenpolizei in „1984“ entworfen hat, funktionieren auch beim Trolling problemlos. Der Fake gelingt, weil keiner Fakten prüft. Man gibt sich in gefälschten Profilen als Hausfrau, Jus-Studentin, Sportler aus. Behauptet, eine Migrantenwelle hätten Schweden zerrüttet, bezeichnet Nato-Soldaten als Vergewaltiger einer Minderjährigen, richtet sich gegen die Minderheit der Roma, zeigt ein verschwommenes Video von Afghanen, die einen Polen mit Benzin übergießen und anzünden – in Wirklichkeit Bulgaren mit einem Kanister Wasser.

„Wir lernten konspirative Websites kennen und immer durchgeknalltere Blogger. So viel Hass auf einem Haufen hätten wir uns bis vor Kurzem nicht einmal vorstellen können.“ Johanna und der Ich-Erzähler müssen zusehen, wie ihre „Beiträge“ von WikiLeaks zu „Quellen“ ernannt und auf CNN zitiert werden, immer mit dem Totschlagargument der Meinungsfreiheit. In einem System, in dem die Selbstbedienungsmentalität der einen gegen die Arbeitslosigkeit und Armut der anderen steht, führt Hvorecky, selbst immer wieder Opfer von Digitalattacken, die perfidesten Auswüchse der exakt geplant und ausgeführten Propagandafeldzüge vor. Deren Generäle Kollege „Vollpfosten“ oder der Mann mit den 200 Internet-Identitäten oder – Überraschung! – des Ich-Erzählers doch nicht so proletarischer Hausmeister sind. Und er zeigt den durchaus harten Kampf seiner Protagonisten, nicht vom eigentlichen Ziel abzufallen, sich der Sucht nach der so angenehm anonymen Virtual Reality nicht zu ergeben.

Johanna wird schließlich wie vorgesehen die Initiative ergreifen, wird zulassen, dass sie als „Presstitute“ demaskiert, und, da der Mensch nach Puschkin entweder Verräter oder Häftling sein muss, ins Gefängnis gehen. Von wo sie ihre neue Netzkampagne, diesmal gegen die Lügenfabrik, ausweitet. Und wirklich, es formiert sich eine Gegenbewegung, Menschen erkennen sich als selbstständig denkende Individuen, der Samen keimt, doch die Idee braucht einen Sündenbock, und zu dem wird – siehe oben … Das Internet frisst seine Kinder. Michal Hvorecky hat mit „Troll“ in wütend dahinrasender Sprache einen mutigen Text vorgelegt, zielt er mit seiner verstörenden Satire doch auf eine gesellschaftspolitische Gegenwart, die punkto Fakt vs alternative Fakten realitätsblind geworden zu sein scheint. Unter #dontfeedthetroll postet Johanna: „Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen …“

Über den Autor: Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Tropen, Michal Hvorecky: „Troll“, Roman, 215 Seiten. Übersetzt aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.

www.tropen.de           hvorecky.wordpress.com

4. 2. 2019

Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Januar 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gewaltiger Italo-Western eines irischen Autors

In die Liste berühmter erster Sätze ist unbedingt dieser aufzunehmen: „Also, wie sie in Missouri ne Leiche aufbahren, das schießt wirklich den Vogel ab.“ So beginnt Sebastian Barrys neues Buch „Tage ohne Ende“, und um dessen Atmosphäre zu beschreiben, hilft ein Querverweis auf Sergio Leones Meisterwerk „The Good, the Bad and the Ugly“. Jene Szene kurz vor Schluss an der heiß umkämpften Brücke, diese sinnlose Schlacht, die Unions- wie Konföderierten-Armee unzählige Tote abverlangt. Barry ist mit „Tage ohne Ende“ ein Italo-Western gelungen, sprachgewaltig und überwältigend, ein Antikriegsroman, der Grausamkeit und Gemetzel ausstellt, und bei aller Brutalität dennoch von einer Poesie ist, dass es einem unter die Haut geht.

Inspiriert vom Coming-Out seines Sohnes hat sich Barry für ein faszinierendes Protagonisten-Paar entschieden. Ein Ich-Erzähler, der Ire Thomas McNulty, schildert sein Leben. Wie er den „Großen Hunger“ in seiner Heimat, Überfahrt und kanadisches Seuchenhaus überlebt, und schließlich in Missouri, da ist Tom gerade 14, den Neuengländer John Cole kennenlernt. „Meine große Liebe“, sagt er sofort, und an anderer Stelle: „Der Mondschein kann ihm nicht schmeicheln, denn er ist bereits schön.“

Und weil dem so ist, verdingen sich die beiden Jungs zunächst als Tanzmädchen in einem Saloon. Das geht gut, denn Frauenmangel wie Fantasie der Minenarbeiter sind groß. „Wir waren zwei Hobelspäne der Menschheit in einer rauen Welt“, sagt Tom, als er auch abseits der Bühne seine Vorliebe für Kleider entdeckt und auslebt. Allein, „die Natur“, heißt: beginnender Bartwuchs, setzt dem Ganzen ein Ende – und auf der Suche nach Stabilität und regelmäßiger Versorgung verpflichten sich Tom und John bei der Armee. All das erzählt Barry mit harten Worten, oft nur in Halbsätzen, gefolgt von unfassbar lyrischen Passagen. Sein Buch liest sich wie ein gesprochener Bericht, es wird viel geflucht, „gottverdammt“ ist ein Standardwort, drastisch werden die Abscheulichkeiten des Indianer-Abschlachtens dargestellt, oder später Szenen im Feldlazarett, dann wieder sieht Tom eine Abenddämmerung, als „zieht Gott langsam ein zerfetztes schwarzes Tuch über seiner Hände Werk.“ Dass sich einem dies auch auf Deutsch erschließt, liegt an der gelungenen Übersetzung von Hans-Christian Oeser, der es verstanden hat, Slang, Schrecken und Schönheit perfekt zu übertragen. Auf dem Buchrücken findet sich dazu eine Songliste von Johnny Cash bis zu The Dubliners, Lieder, die man beim Lesen unbedingt hören sollte.

An Toms und Johns Seite geht es durch Krieg und Frieden. Zum Schutz der Siedler werden die beiden in den sogenannten Indianerkriegen zu Völkermördern an den Sioux, und Tom zeigt die Armee als Vollstrecker der wirtschaftlichen Interessen der Weißen, ohne Gnade für Frauen und Kinder – und immer wieder Vertragsbrüche mit den Ureinwohnern. Wichtigster Feind wird Stammesführer Caught-His-Horse-First, dessen kleine Tochter von Soldaten verschleppt wird. Tom und John retten das Mädchen, nennen es Winona – und gründen mit ihm eine Familie. Die beiden mustern aus, werden in Grand Rapids wieder zur Saloon-Sensation, diesmal als Mann-Frau-Duo, da der Hübsche John Cole mittlerweile einsneunzig groß ist, werden gute Eltern, Tom ganz Mutter – einer Überlebenden, deren Angehörige sie mit vernichtet haben, und treten erneut in die Armee ein. Im Sezessionskrieg, auf Seiten der Union, weil erstens ihr alter Major ruft, und sie zweitens bei ihrer Show den schwarzen Dichter Mr. McSweny als Freund gewonnen haben, der ihnen von der Sklaverei erzählt. „Soweit ich sehen konnte, brach in Amerika immer irgendwas zusammen. So stand’s mit der Welt, rastlos, irgendwie brutal. Immer war was“, sagt Tom.

Bild: pixabay.com

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Barry malt ein Panorama an Planwagentrails, Glücksrittern unterwegs in ihr Gelobtes Land Kalifornien und desillusionierten Pilgern auf dem Weg zurück nach Osten, Forts und schlammverschmutzten Städten; die sengende Sonne, der ständige Hunger und die Müdigkeit sind den Moschkoten kein geringerer Gegner als die Konföderierten. „Bin so verängstigt und verrückt, dass mir die Pisse ungehindert in die Armeehose läuft. Raussprudelt und meine Beine flutet. Verdammt“, sagt Tom vor einer Schlacht. Zu John und ihm im Felde gesellt Barry ein so typisches Western-Personal, als könnte jederzeit Lee van Cleef um die Ecke biegen: den gutmütigen Major Neale, den betrunkenen Colonel Callaghan, einen griesgrämigen Sergeant, dieser ein „wandelndes Handbuch des Krieges“, die Frau des Majors. „Als ehemaliges Mädchen von Beruf frage ich mich, woraus wohl ihre Unterwäsche besteht. Zu meiner Zeit waren’s Rüschen und satinierte Baumwolle“, sagt Tom, obwohl er eingesteht, nicht die Sorte Mann zu sein, die sie gern küssen würde. Das tut er nach wie vor nächtens im Geheimen, im gemeinsamen Bett mit John.

„John Cole. Ist wie Nahrung. Brot der Erde. Das Lampenlicht berührt seine Augen, und ein anderes Licht antwortet“, sagt Tom. Da sind die beiden schon im gefürchteten Kriegsgefangenenlager Andersonville, dies eine der scheußlichsten Passagen des Buchs darüber, was Menschen Menschen antun, abgemagert bis zum Skelett und zum Sterben bereit. Doch auch diesmal gelingt ihnen der Weg zurück ins Leben, zurück zu Winona. Und gerade, als sich alles zum Guten zu wenden scheint, die drei sich auf einer Tabakfarm in Tennessee niederlassen, Tom und John vor einem halbblinden Priester heiraten und fortan als Ehepaar mit einer Tochter gelten, die sogar beim örtlichen Notar eine Stelle als Schreibkraft bekommt, meldet sich ein Gespenst aus der Vergangenheit: Caught-His-Horse-First, der sich sein Kind zurück erkämpfen will …

Sebastian Barry entwirft in „Tage ohne Ende“ ein Gemälde der USA, als sie noch lange nicht die Vereinigten Staaten waren, er zeigt den Aufbau einer Nation, der ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Rücken anderer passiert ist, eine Mentalität, die sich dieser Tage gerade wieder Bahn bricht. Doch abseits seiner speziellen Story, wirft Barry auch universelle Fragen über den Krieg, und was er aus dem Menschen macht, auf. „Ein Mann“, sagt Tom, „kann edle Gedanken haben, die sich in seinem Kopf einnisten wie ein Schwarm Vögel, aber das Leben sieht sie nicht gern da sitzen. Das Leben wird die Vögel abschießen.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

Lesung: vimeo.com/278120024

steidl.de

  1. 1. 2019

Matt Ruff: Lovecraft Country

Dezember 30, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Cthulhu-Kult als Code für den Ku-Klux-Klan

Liebhaber von Lovecraft kennen ihn, seinen Supernatural Horror, Grauen, das aus Friedhofsgrüften steigt, archaische Kulte, allen voran der um das Krakenwesen Cthulhu, Unheil, das sich in Paralleluniversen zusammenbraut. Aus seinen Albträumen, sagte der Kultautor einmal, beziehe er seine Inspiration, und nicht weniger absurd und nachtmahrisch als seine Erzählungen sind Lovecrafts gesellschaftspolitische Überzeugungen. Seine Furcht vor „rassischer Verunreinigung“ und dem damit einhergehenden kulturellen Verfall der USA, sein Glaube an die Germanen als „Gipfel der Evolution“ und den amerikanischen „Selbstmord“, es ihnen im Streben um die Weltherrschaft nicht gleich zu tun, dies alles ist unter anderem in Gedichten zum Ausdruck gebracht:

When, long ago, the gods created Earth / In Jove’s fair image Man was shaped at birth. The beasts for lesser parts were next designed; Yet were they too remote from humankind. To fill the gap, and join the rest to Man, / Th’Olympian host conceiv’d a clever plan. A beast they wrought, in semi-human figure, / Filled it with vice, and called the thing a Nigger. H. P. Lovecraft: On the Creation of Niggers, 1912

Der aktuelle Meister des Un- und Übernatürlichen, Matt Ruff, legt nun mit seinem jüngsten Roman „Lovecraft Country“ den Versuch sowohl einer Beschwörung dieses Geists als auch von dessen Austreibung vor. Orientiert an Lovecraft’schen Motiven, Ruffs Protagonisten bewegen sich durch den nach Lovecraft benannten Landstrich in Massachusetts, aus Arkham wird Ardham, und auch ein Ausflug in kosmische Welten kommt vor, entrollt er im Eigentlichen die Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten. Sind seine Figuren, zumindest die Guten, doch fast ausnahmslos Schwarze; das Jahr, in dem sie leben, ist 1954.

In diesem macht sich der Koreakriegsveteran Atticus Turner samt Onkel George und dem Mädchen Laetitia von Chicago aus auf, seinen Vater Montrose zu suchen, der im Devon County, Mitte der 1950er-Jahre ein Ort der schärfsten Rassengesetze, verschwunden ist. Zuvor erreichte Atticus noch ein geheimnisvoller Brief, in dem von einem Vermächtnis die Rede ist, welches ihm sein Geburtsrecht garantieren werde. Die Reise ist gefährlich, die Atmosphäre so bedrohlich, dass es einem unter die Gänsehaut geht. Das Trio wird in Restaurants nicht bedient, Toiletten bleiben ihnen versperrt, Autowerkstätten verweigern die Hilfe. Jeder Sheriff ist ein Sadist, der schießt, so man nicht schnell genug über die Bezirksgrenze verschwindet. Auf diesen Seiten schafft Ruff Schrecken ohne Monster, doch keine Panik, die werden auch im Jim-Crow-Distrikt noch kommen.

Bild: pixabay.com

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Derweil macht sich Onkel George eifrig Notizen, ist er doch der Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, eines speziellen Reiseführers für Schwarze, nachempfunden dem „Negro Motorist Green Book“, das es bis in die 1960er-Jahre tatsächlich gab. Schließlich findet man sich auf dem Anwesen von Samuel Braithwhite und seinem Sohn Caleb wieder, wo der Adamitische Orden der Alten Morgenröte tagt, ein Geheimbund weißer Herrenmenschen, dessen Vorbild ganz klar der Ku-Klux-Klan ist. Wie Atticus nun erklärt wird, war seine Ahnin Sklavin der Braithwhites und vom damaligen Gutsbesitzer geschwängert.

Weshalb Atticus mit seinem Blut den Antenauten bei einem schwarzmagischen Ritual dazu dienen soll, sich die Erde Untertan zu machen. Was folgt, sprengt das Fassungsvermögen einer Rezension. Matt Ruff mixt Horror, Science Fiction und Fantasy, wie es ihm gefällt. „Lovecraft Country“ wird zum Pageturner, jedes Kapitel entführt in ein neues Universum, und manchmal braucht es etwas, bis der Leser den roten Faden in diesen wie einzelne Novellen wirkenden Episoden wiedererkennt und ihn erneut aufnehmen kann.

Die Storys nämlich, so wird sich enträtseln, hängen alle zusammen. Vorkommen Tore zu anderen Dimensionen, wo unter anderem ein mumifizierter Logenmeister über einer Schatztruhe schwebt, Tentakel ausfahrende und damit menschenverschlingende Steinkugeln, natürlich eine mordlüsterne Teufelspuppe, ein Zauberbuch, das Lovecrafts „Necronomicon“ nachempfunden ist, und trifft man einander in einer Bar, so heißt diese „Hexenhammer“. Laetitia wird ein Spukhaus in einem weißen Wohnviertel kaufen, und dort mit dem verstorbenen Vorbesitzer Schach spielen.

In einer der vielen wunderbaren Szenen, als Laetitia von Nachbarn bedroht wird, und sich, statt Hilfe zu bekommen, der Polizeiwillkür ausgesetzt sieht, wird das Gespenst das Kommando übernehmen, und Einbrechern und Vandalen zeigen, wo der Keller ist. Caleb Braithwhite wird sich als sleeker, hübscher Schurke erweisen, als Strippenzieher, der die Familienmitglieder gegeneinander ausspielt, und um seinen Willen zu bekommen, aus Laetitias Schwester Ruby mittels Elixier die weißhäutige Hillary macht. Zwischen all seinen Hokuspokus stellt Ruff Zitate von Ex-Sklaven und Überlebenden von Rassenunruhen, und nimmt auf historische Ereignisse wie die Tulsa Riots von 1921 Bezug. Derart versteht er es die Übergänge von der Realität ins Surreale perfekt zu nehmen. Kein Wunder, dass HBO bereits eine Fernsehserie von „Lovecraft Country“ plant. Dass man Matt Ruff eine etwas sorgfältigere Übersetzung gegönnt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht kann Hanser für folgende Auflagen ja noch nachbessern …

Über den Autor: Matt Ruff, 1965 in New York geboren, wurde bereits mit seinem ersten Roman „Fool on the Hill“ (Hanser, 1991) zum Kultautor. Bei Hanser erschienen außerdem „G.A.S.“, „Ich und die anderen“ und „Bad Monkeys“. Bei dtv kam sein 9/11-Buch „Mirage“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9121) heraus. Matt Ruff lebt in Seattle, Washington.

Hanser Verlag, Matt Ruff: „Lovecraft Country“, Roman, 432 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube.

www.hanser-literaturverlage.de

  1. 12. 2018