Aura Xilonen: Gringo Champ

Juni 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schnellste Faust von Mexiko

„Und da durchfährt es mich, als die Mickerficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbomodus, und ihr dreckig ins Ohr sülzen: Ich kann mich in ein anderes Leben hangeln, wenn ich diese fokkin Meridianer trashe. Bin schließlich tot auf die Welt gekommen und habe kein Fünkchen Schiss.“ So beginnt Aura Xilonens Debütroman „Gringo Champ“, und wenn es über dieses Sprachwunderwerk etwas zu sagen gilt, dann über ebendiese, hat die junge mexikanische Autorin für ihren Protagonisten doch einen Kunstgangstaslang erfunden, der sich liest, als würde sie Bilder von Frida Kahlo, Amado de la Cueva und Rufino Tamayo Snapchat-tauglich machen.

Ungeniert mixt sie die Worte zu neuen Klängen, erschafft neu, was ihr an Vokabular fehlt, jongliert mit Silben und Sätzen, und dies alles, ohne, dass der Ausdruck Schaden nimmt. Sie lässt auf hämmernden Prosa-Beat Stellen von geradezu betörend schöner Suggestivkraft folgen, etwa wenn der Ich-Erzähler seine armselige Existenz derart fliehen will: „Ich wünschte mir ein Laubblatt, das mich in den Orbit befördert und mich dort sanft in den Schlaf wiegt, zwischen den Scheißsternen.“

Kaum je kamen Four-Letter-Words lyrischer zum Einsatz als hier, dass sich das auch in deutschsprachiger Übersetzung erschließt, ist das sagenhafte Verdienst von Cervantes-Expertin Susanne Lange, die Xilonens Tanz vom Trash zum Tragischen mitgeht, als wär’s das Wenigste. „Gringo Champ“ ist ein märchenhafter Entwicklungsroman, in dem die devastierte Sprache die Gemütsverfassung des jugendlichen Helden abbildet. Liborio heißt er, ein Name, der sich wohl nicht von ungefähr an Libro/Buch anlehnt, und ist einer, der noch vor Trumps Mauerbauplänen illegal über die Grenze gegangen ist. Sein Schicksal offenbart sich nach und nach in seinen Erinnerungen. Der Tod der Mutter, die prügelnde Patentante, die Flucht durch den „Scheiß-Rio-Bravo“, dann splitternackt in die Gringo-Wüste, wo ihm die Sonne fast bis zum Sterben die Haut vom Körper brennt.

Endlich ist der „Drexmex“ im Heiligen Land USA angekommen, findet einen Drecksjob in einer Buchhandlung, und weil ihm deren cholerischer Chief befiehlt „lies gefälligst was, wenigstens die Klappentexte, damit du weißt, worum es verdammt noch mal geht, und ein fokkin Book verkaufen kannst und nicht so ein brunzdummer Bastard bleibst“, beginnt Liborio sich mithilfe eines Wörterbuchs durch die Weltliteratur zu ackern.

Bild: pixabay.com

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Was seinen Sprachschatz bald zum Funkeln bringt. In die Chica, die er eingangs vor ihren Verehrern rettete, Aireen, verliebt er sich „pygmalionmäßig“, ihre Silhouette, die er durchs Fenster beobachtet, erscheint ihm wie ein „rembrandifiziertes Kunstwerk“.  In seine Unflätigkeiten streut Liborio nun in doppeltem Sinne Erlesenes. Doch wie seine Schöpferin über eine archaische Sprachgewalt, verfügt Liborio über ein großes Talent: eine schnelle, eine eiserne Faust. Wer sich mit ihm anlegt, spuckt Blut: „Zack! Bumm! Kawatsch! Ich niete ihm die Zähne um, bis er nur noch sein rotes, feistes Mus sieht.“ Und so tut sich ihm, knapp bevor er in der amerikanischen Vorhölle vor die Hunde geht, eine einmalige Chance auf – statt des Geklopfe auf der Street zum Profiboxer ausgebildet zu werden.

Die Odyssee dieses Outlaws, seinen auch mit Bibelsprüchen gepflasterten Passionsweg, begleiten wundersame Gestalten. Die irre Nora Dabbelju, die Liborio erst für eine Obdachlose hält, die sich aber als Journalistin entpuppt, die seine Geschichte veröffentlichen will. Abacuc Shine, der Betreiber einer Herberge für von ihren Eltern im Stich gelassene Kinder, in der Liborio wohnen und arbeiten wird, und der sich vorgenommen hat, den Jungen zu fördern. Mister Bald, so genannt, weil kahlköpfig, der sein Trainer wird. Und Naomi, die im Rollstuhl sitzt, weil ihr der Vater das Rückgrat gebrochen hat, hochintelligent und Liborio in Computerfragen wie Herzensangelegenheiten weit voraus. Dass ihr der letzte Satz des Buches gilt, will was bedeuten.

Bei allen Schilderungen von Gewalt, die Menschen Menschen antun, ist „Gringo Champ“ kein Unterschichtsblues. Kein weinerliches Klagelied auf die Vereinigten Staaten, wo schießwütige Ranger, Watchmen und selbsternannte Immigrantenjäger, diese fürs Freiwild ihrer Aggressionen halten, ebenso kein Melodram über die Situation der Mexikaner zwischen Drogenkartellen und deren Mörderbanden. Dafür lässt Aura Xilonen zu viele Fünkchen Hoffnung selbst in den schwärzesten Szenen aufblitzen. So wie sie die Möglichkeit eines kleinen Glücks für den einzelnen gegen das große Unglück, die Ungerechtigkeit der Welt aufwiegt, hat sie einen Corrido geschrieben. So nennt man die mexikanischen Volkslieder, in denen der Aufstieg eines einfachen Mannes zum Héroe national besungen wird. Damit kratzt sie natürlich an den Gefühlen des Lesers. Und das ist gut so.

Über die Autorin: Aura Xilonen wurde 1995 in Mexiko-Stadt geboren. „Gringo Champ“ ihr erster Roman. Er wurde mit dem Premio Mauricio Achar ausgezeichnet.

Hanser Verlag, Aura Xilonen: „Gringo Champ“, Roman, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange.

www.hanser-literaturverlage.de

  1. 6. 2019

Jörg-Uwe Albig: Zornfried

April 22, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Navi warnt vor Neonazis

Dieser Spessart gefällt Jan Brock gar nicht. Er hatte mehr an Wirtshaus, Spukschloss, Hänsel und Gretel gedacht, nicht an diese Eintönigkeit in Reih und Glied stehender Bäume, durch die er nun mit seinem klapprigen Peugeot fährt. Dass ihm das Navi angesichts eines Astes, den ein Sturm auf die Straße geschleudert hat, „Drehen Sie, wenn möglich, um“ empfiehlt, ist ein schöner Gag, allerdings keine Option. Denn der Journalist, der fürs Feuilleton der Frankfurter Nachrichten schreibt, ist unterwegs nach „Zornfried“. So der Titel des hochaktuellen, so amüsanten wie aufdeckerischen Romans von Jörg-Uwe Albig.

Der Name muss einem erst einmal einfallen – Zornfried, ehemals eine Ordensburg der Nationalsozialisten, nun Hort der Neuen Rechten, wo sich deren Vordenker versammeln. Unter ihnen Brocks obskures Subjekt der Begierde, der dunkle Ritter der neuen Intelligenz, von der Außenwelt durch den Burgherrn Hartmut Freiherr von Schierling schützend abgeschirmt, der Dichter Storm Linné, über den Ich-Erzähler Brock eine mit Interviews unterfütterte Reportage zu schreiben gedenkt. Aufmerksam geworden ist der Pressemann auf das Phänomen, als eine Handvoll von dessen Jüngern eine linksintellektuelle Diskussionsveranstaltung störten.

Ausgerechnet eine, die sich Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden auf die Fahnen geheftet hat, in der über „die Grenzen des Sagbaren“ und das Vermeiden von „Denkverboten“ philosophiert wird, wogegen der Storm-Trupp ein Linné-Zitat an die Wand sprüht. Beim Sparta-Verlag ist der dazugehörige Lyrikband schnell bestellt, ein Brock’scher Verriss folgt, gefolgt von Hasspostings, signiert mit Namen wie waldgaenger510 oder freyschaerler, gefolgt von einer Einladung Schierlings zum „zwanglosen Gedankenaustausch“.

Vor jedes Kapitel seines Buches stellt Albig ein Linné-Gedicht. „Schwertleite“ heißt eines: „Wachsam sind wir. An dunklen horizonten / Versammelt sich schon längst das fahle heer / Die krummen sicheln scheel gebeugter triebe / Verschorfter blätter büschel hinterm meer / Erwarten unsren schlaf. Doch wenn sie nahen / Dann schießt aus tiefer wurzel auf das schwert / Und schlägt herab die schlingende geile ranke / Und hackt die mispel fort die volkes saft begehrt.“ „Rattenkönig“ ein anderes, „das mich minutenlang husten ließ“, und ein Schelm, wer bei diesem schwülstig überspannten Blut- und Bodenpathos an gestrige Ostergrüße denkt. Man glaubt Albig aufs Wort, dass ihm das Reimen dieser völkischen Verse einen Riesenspaß gemacht hat, es ist beim Lesen auch gut Lachen, doch steckt in jeder dieser Oden ein beklemmender Rest, der über die Persiflage hinausgeht.

„Zornfried“ ist mehr als nur ein gelungene satirische Stimmimitation neonazistischer Bewegungen der Gegenwart, Staatsverweigerer und Identitärer und Wehrsportgruppen, der Roman ist auch eine messerscharfe Analyse des (social) medialen Umgangs mit diesen gesellschaftlichen Hervorbringungen. Ab wann macht man sich mit den Gemeinen gemein? Albig hinterfragt mit seiner elegant-pointierten, den Finger in die Wunden legenden Prosa sowohl den sensationsfreudigen Eifer in der Berichterstattung als auch den Sinn von den Dialog fordernder Toleranz im Windschatten liberaler Werte. „Man dürfe diesen versprengten Spinnern keine Bühne bieten“, meint etwa Brocks Feuilletonchef. „Wir können diese Leute nicht mehr ungeschehen machen“, so die durch keinerlei Distanz zu Rechts irritierte Kollegin vom Konkurrenzblatt, die sich ebenfalls auf Zornfried aufhält. „Unterstellungen, sagte sie dann, treiben sie nur noch tiefer in ihre Burg. Und alle Unentschlossenen gleich mit.“

Bild: pixabay.com

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Brock selbst gerät schließlich in Gefahr vom teilnehmenden Beobachter zum beobachtenden Teilnehmer zu werden. Sein Maß der Dinge ist, wie er sagt, brisante Entwicklungen im Keimstadium zu erkennen, um als erster etwas über sie zu Papier zu bringen. Mit dem Preis, samt ihnen mitunter vom Wege abzudriften. „Dass ich allmählich anfing, mich in Schierlings Redestrom treiben zu lassen, war, wie ich mir einredete, vielleicht schon das Eintauchen, das ich mir vorgenommen hatte“, denkt er so befangen wie gefangen: „Ich hörte mir Schierlings Reden an und spürte weniger Abscheu als Stolz.“ Brock, stellt der Leser fest, registriert mehr als er reflektiert, der Reporter erweist sich als Durchschnittstyp, als mittelmäßiger Held, nicht als kämpferischer Publizist.

Es ist die große Kunst Albigs Anspielungen an die Wirklichkeit immer nur anzutippen und nie auszuformulieren. Albig betreibt dies Handwerk mit komödiantischer Ernsthaftigkeit. Wunderbar, wie er den so gar nicht – wie erhofft – dämonischen, rechtskonservative Kalendersprüche klopfenden Schierling in dessen Opferhaltung porträtiert, wenn er im Gespräch gequält zur Balkendecke starrt, weil über ihm schon wieder „die Nazikeule“ geschwungen wird. Großartig, wie er mit allen nur erdenklichen Klischees und Milieus spielt, etwa Brocks Beschreibung vom Provinzgasthof, in dem er sich einmietet: „Schon auf der Treppe schlug mir der übliche deutsche Mief entgegen: Kohlrabi, WC-Ente, Meldezettel. Der Teppichboden roch wahrhaftig nach Schäferhund“, wie er zwischen kleinkariert und kleingeistig das Deutschtum aufs Korn nimmt.

Und weil nichts deutscher ist, als der Wald, preist Schierling seinen starken, germanischen Buchenforst: „Ich will hier keinen kommunistischen Fichtenstaat, sagte er und hob die Stimme an. Ich will eine Gemeinschaft aus herrschenden und dienenden Bäumen“, während Brock an parasitären Pilzen krankende Geschöpfe sieht, „erstickt von Zwangsjacken aus phosphoreszierendem Moos“. Solche Sinnbilder sind typisch Jörg-Uwe Albig, seine Waldmetaphern durchziehen den Text. Dem Burgherrn beigesellt der Autor ein Panoptikum an Figuren. So wie dieser mit zwei, drei Strichen beschrieben ist, „Seine Brauen waren dünn; sie umkrallten die Augäpfel, als trüge er Monokel“, so knapp zeichnet Albig dessen Frau, die „aus nichts als Sehnen und Bändern zu bestehen“ scheint, „wie diese Plastinate aus Ausstellungen wie ,Körperträume‘“, und die Kinderschar, alles Mädchen, mit „Folienhaut und Wattehaar“ gleich unheimlichen Puppen.

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Zu den sprechenden Namen Storm Linné – siehe Lyriker Theodor und Naturforscher Carl – und Schierlings Frigga, Walburga und Malmhild kommen ein sinistrer Sekretär, ein hinterlistiger Hausarzt und ein böswilliger Filmemacher, alle sind sie blond und zitieren pausenlos Linné, das Phantom, den „Großen Leidenden, der blute für seine Vision“, oder sinnieren über ihre wachsende Bedeutung in Europa von Ungarn über Kroatien bis Italien. „In Frankreich sei er bereits ein Schreckgespenst, sagte Schierling mit dem Blick eines Jungen, den man bei einem Streich ertappt hat, auf den er stolz ist … wer sein Land liebe, müsse die Welt kennen. Und dann erobern, fragte ich. Wenn sie so wollen, antwortete Schierling sichtlich geschmeichelt, was mich irritierte.“

Unversehens taucht auch eine Wehrsportgruppe auf, bleiche Computernerds mit über die Gürtel quellenden Speckwülsten, schwächliche Jünglinge und aufsässig dreinblickende Glatzenträger, auf ihren schwarzen T-Shirts ein gelbes W für „Wir, Wachstum, Waffen, Wölfe, Widerstand. Oder Waldgänger. Suchen Sie sich was aus“, erklärt der Sekretär, die rund um die Burg „Grenzkontrollen“ durchführen. Was, von Brock als Appetizer auf seine Story hochgeladen, von Youtubern, wie lucy_fer oder lichtkrieger88 mit „Jetzt können die antifanten sich warm anziehen“ und „Leider geil wo kann man mitmachen“ kommentiert wird. Allerdings ruft das Brock-Video auch eine Demonstration gegen Rechts auf den Plan, und es ist eine der stärksten Szenen des Buchs, wie die Herrschaften im Turm Sekt süffeln und dabei das traurige Trüppchen im Burghof belustigt von oben herab betrachten.

Der kultisch verehrte Linné hat weit in der zweiten Hälfte des Romans zwei Kurzauftritte, und er ist zumindest äußerlich keineswegs der „arische“ Charismatiker, den seine Anhänger in ihm sehen, auch wird mit ihm etwas geschehen, dass Brocks Artikel obsolet macht. Davor aber wimmelt sich während eines Festes ein Anzugträger an Brock heran, um diesen mit seiner Linné-Rezension zu konfrontieren. „Wissen Sie überhaupt noch, was Sie da geschrieben haben“, fragt er und singt zu Brocks Unbehagen ein Loblied auf jede Zeile der Literaturkritik, die ihn überhaupt erst auf den Gedichtband aufmerksam gemacht hätte. Dieses „Gutmenschen“-Dilemma ist der Kern, um den Jörg-Uwe Albigs famos furiose Geschichte kreist. Wie der Anzugträger ausführt: „Wenn ihr gegen etwas geifert, sagte er und blinzelte wieder, dann weiß man, dass die Sache sich lohnt.“

Über den Autor: Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim Stern und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. Er schreibt unter anderem für GEO und das SZ Magazin. 1999 wurde sein Romandebüt „Velo“ veröffentlicht. Es folgten die Romane „Land voller Liebe“, „Berlin Palace“  und „Ueberdog“ sowie die Novelle „Eine Liebe in der Steppe“ und zuletzt der Roman „Zornfried“.

Klett-Cotta, Jörg-Uwe Albig: „Zornfried“, Roman, 159 Seiten.

www.klett-cotta.de

22. 4. 2019

Christine Nöstlinger: Ned, dasi ned gean do warat

April 20, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die letzten Gedichte der großen Menschenkennerin

„I frog mi imma: Wos is schlimma? Bes oda bled?“, lautet eine Gedichtzeile von Christine Nöstlinger. Dies nur eine der Erkundungen, die die Menschenkennerin und Alltagsbeobachterin im nun im Residenz Verlag erschienen Lyrikband „Ned, dasi ned gean do warat“ unternimmt. „Dass sie tatsächlich in ihrer letzten Schaffensphase nach mehr als 30 Jahren wieder zur Dialektdichtung zurückkehrte, war eine Überraschung und zunächst auch ihre Privatangelegenheit; sie hat es nämlich in den zahlreichen Gesprächen und Interviews kaum oder nie erwähnt und auch keine Anstrengungen unternommen, diese Werke zu veröffentlichen“, weiß Gerald Votava.

Der ein fabelhaftes Nachwort zu den 22 Poemen verfasste, die die Nöstlinger in ihrem letzten Lebensjahr geschrieben und als ihre finale literarische Arbeit hinterlassen hat. Man kannte einander. Votava spielte in der Leinwandadaption von Nöstlingers autobiografischem Roman „Maikäfer flieg“ (Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17909, Votava im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18019) und im Rabenhof in einer Theaterfassung von „Iba de gaunz oamen Leit“.

Am 9. Mai wird er ebendort gemeinsam mit Ingrid Burkhard, Michael Köhlmeier und Walter Soyka „Ned, dasi ned gean do warat“ präsentieren. Tiefsinnig, rabenschwarz und voll lakonisch-heiterer Zwischentöne, so lesen sich diese neuen Dialektgedichte. Sie erzählen von Sorgen und Hoffnungen, von Bösartigkeiten und von dem Umgang mit dem Alter: „D Haud is foitat wuan / und din wia Seidnbabia / S Heaz globfd efda / dobed so schnö wias soi / d Schriad wean ima woglada, / vund oidn Freind kuman / schdod Aunsichdskoatn / Badazzedln, … Owa waunsd aufn Friedhof / in da Aufborungshalle / a bissl probelign wüsd / kumd glei d Rettung / und bringt di aufd Bsichatri.“

Ob Beziehungskrisen, Scheidungskriege und darob Messerstechermorde, Sich-schiach-Finden oder Anders-Sein und noch tausend Ängste und Heimlichkeiten, die einem das Leben versauen, das Miliö, das Vabrecha mocht, oder der alltägliche Auslenda-Hoss, Nazis und Konsorten, die die Mitmenschlichkeit gefährden, Nöstlinger will und kann über all das reimen. „Der Rechtsextremismus in seiner gegenwärtigen Entwicklung“, so Votava, „war in Gesprächen mit Christine Nöstlinger ein immer wiederkehrendes Thema.“ Es waren wohl ihr Aufwachsen zu Zeiten des Nationalsozialismus, das Nöstlinger zu jener unbestechlichen politischen Klarheit brachte, die sie wieder salonfähig gemachte Politkonzepte und deren Propaganda-Techniken sowie die aktuellen sozialen Ungerechtigkeiten durchschauen ließ.

Bild: pixabay.com

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Dass sie zuletzt verstärkt zum Zeit-Ungeist befragt wurde, sagt viel über die heutige Gesellschaft aus. „Gelebt hab‘ ich während der Nazi-Zeit. Ich weiß also, wie leicht die Leute böse und unmenschlich werden können. Das geht über Nacht, bitte. Diese ,Tuchent der Zivilisation‘ scheint mir sehr löchrig und leicht wegzuziehen zu sein“, formulierte Nöstlinger in einem Gespräch mit der Kontrast Redaktion im Juli 2018. „Wenn ich 40 wäre, würde ich sagen: ,Okay, die Vernunft muss überwintern und kommt wieder.‘ Aber so lange ich lebe, wird sie nicht wiederkommen. Und damit habe ich nicht gerechnet“, zitiert Votava sie aus einem Deutschlandfunk-Interview mit Ute Wegmann aus dem selben Jahr. Mag sein, dass diese Erkenntnisse die Mauna und Fraun, selbst die Kinda, in ihrer Lyrik brutaler, grässlicher, brachialer werden ließen, als in ihren Kinder- und Jugendbüchern. Das Gedicht als Dampfventil für die Dichterin, ist ein Gedanke, der betroffen macht.

„Da Meia“, schreibt sie, „is echa so a Schdüla, sogd / sei Rua haum wüla … Noch dem, wos da Nochba hean kau / redta schdundenlaung sein Goldfisch au … wosa denen dedad / wauna d Mochd dazua hedad. / Daschiasn, dastechen, dawiagn, / da kaunst de Ganslhaud griagn. / Und des sann o de hoamlosan Sochn. / Dea ded no vü wos Eagares mochn, / wia mid an Kometn d Wöd daschlogn / Soi ma des an Bolizisdn sogn?“

Nöstlinger hegt Sympathien für die Spinner und Außenseiter. Ihre neuen Charaktere erinnern natürlich an die oamen Leit und sind doch Figuren des Jetzt. Nicht nur da Meia und seine allein mit dem Goldfisch geteilten geheimen Gewaltfantasien, auch die arbeitsscheue Jasmin vun da Vira-Schdiagn oder der Westbaunhof-Rudl, der sich jeden Tag die kleinen und großen Dramen entlang des Bahnsteigs anschaut, und das sein Leben nennt. Oder da berümte Mola, der, zum Erstaunen der anderen Beisl-Besucher, wira Sandla daheakummt. Das Herz schnüren einem Verse ab, über Kinder, die aus Fenstern fallen:

„In Wien / in Favoritn, in Meidling, owa a mittendrin, /foit jede Wochn / daweu de Mama in da Kuchl beim Kochn, / a Kind ausn Fensta. / Vielleicht sich i jo eh nua Gschbensta, / owa i man, de Gschroppn woin si afoch hamdran. / San auf den Schas / vun eanara Zukunfd ned has. / Sogn si, i daschboa / ma sibzg grodngrausliche Joa. / De Wadschn / waun di d Gschwisda vagadschn. / Des Sitznbleim / und des unnedige Bewabungsschreim / den Stress / mit de Voideppn beim A-em-es, / des Unglik / mid da hasn Liebe aufn easchdn Blik, / und aum End / foasd mid woglade Gnia und zidrige Hend / den Roladoa spazian. / Do vatschüsd si do jeda Gschrob mid Hian / bevua eam s Lem / de bahoate Härtn kaun gem.“

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Typisch Nöstlingers verquerer Humor, möchte man da sagen, dies Wechselspiel von Poesie und Sarkasmus, die hohe Kunst, ihren Leserinnen und Lesern beim Lachen ebendieses im Halse stecken zu lassen. Dass man mir ihr hat „wundervoll depperte Witze machen können oder sich gemeinsam an der Genialität und Magie von Leonard-Cohen-Songs erfreuen, über das Fernsehprogramm lachen oder sich über sexuelle Phänomene der Gegenwart austauschen“, bestätigt Gerald Votava.

Christine Nöstlingers unnachgiebiges Auftreten gegen Rassismus, Sexismus, Diskriminierungen jeder Art, war in ihren späten Jahren stets Gegenstand ihrer Betrachtungen. Ihr Feminismus war prinzipiell ein konstruktiver, einer, der nicht den Machtkampf von Mann gegen Frau suchte, sondern ausgleichende Gerechtigkeit, die Möglichkeit für beide Geschlechter, aus absurden Rollenverhältnissen auszusteigen und das Gemeinsame weiterzuentwickeln. Dass ihr der emanzipatorische Kragen dennoch platzten konnte, zeigen ihre Zeilen über eine geprügelte Frau: „Worum losdsasi grin und blau haun vun eam? / Worum losdsasi wia depat schimpfn vun eam? / Worum mochds daun no d Haxn brad fia eam? / Worum trend sa si denn ned endlich vun eam? … weu ma a ois Putzfetzn mid sim Euro d Stund / ned was, wia ma one Mau d Kinda durchbringa soi.“

Für die wesentlichste frauenrechtlerische Forderung an die Sprache, hatte die Sprachkünstlerin übrigens eine patente Lösung parat. Aus dem Falter, 2018: „Ich bin allerdings ein Hasser des Binnen-I. Ich halt’s einfach nicht aus, was hinzuschreiben, was ich nicht reden kann. Und dann die Weiterungen mit der, die, das, ich kenn mich ja schon gar nicht mehr aus, einen schrägen Strich oben, einen unten. Aber von mir aus soll man doch ÄrztInnen mit kleinem i schreiben. So viele Jahrhunderte gibt es Ärzte, dann gibt es ab jetzt halt nur noch Ärztinnen.“

Über die Autorin: Christine Nöstlinger, 13. Oktober 1936 bis 28. Juni 2018, lebte als freie Schriftstellerin in Wien. Ihr Werk wurde international vielfach ausgezeichnet. Sie war die erste Trägerin des Astrid-Lindgren-Preises (2003) und erhielt den Andersen Award sowie unter anderem den Ehrenpreis CORINE für ihr Lebenswerk (2011), das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011), den Bruno-Kreisky-Preis für ihr publizistisches Gesamtwerk (2012), Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen den Lebenswerk-Preis (2016). Zuletzt erschienen: „Glück ist was für Augenblicke. Erinnerungen“ (2013).

Residenz Verlag, Christine Nöstlinger: „Ned, dasi ned gean do warat“, Gedichte, 80 Seiten. Mit einem Vorwort von Michael Köhlmeier, einem Nachwort von Gerald Votava und Illustrationen von Barbara Waldschütz.

www.residenzverlag.com

  1. 4. 2019

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe

April 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiritistenkrimi um den Geist von Oscar Wilde

Über das Verhältnis Kunst und Wahrheit sind von Oscar Wilde mehr Aphorismen gesammelt, als auf ein Ildefonso-Papier passen. „Die entscheidende Entdeckung ist, dass das Lügen, das Erzählen von schönen, unwahren Dingen, das eigentliche Ziel der Kunst ist“ und „Wenn eine Wahrheit zum Faktum wird, verliert sie jeden intellektuellen Wert“ lauten zwei davon. Das stellt auch der Ich-Erzähler in Alexander Pechmanns Roman „Die Nebelkrähe“ bei seiner Wilde-Lektüre fest: Dass dieser Dandy Mär und Maskerade der Wiedergabe von Wirklichkeit allemal vorzieht.

Mit diesem Gedankenspiel unterfüttert Pechmann sein Buch. Sein Protagonist Peter heißt mit Nachnamen Vane wie Dorian Grays Sibyl, und so, wie sie ihm ihr Geheimnis ins Ohr wispert, so fährt Peter eines Nachts aus dem Schlaf, als ihm ein Kindermund aus dem Dunkel „Lily?“ zuflüstert. Der Schauplatz ist London, das Jahr 1923. Vane ist ein Erster-Weltkriegsveteran. Dem Schützengraben schwer traumatisiert entstiegen, hört er Stimmen, sieht er schreckliche Bilder, folgen ihm Schatten und einer im Besonderen. In den ersten 30 Seiten ist „Die Nebelkrähe“ ein anrührendes Antikriegsplädoyer. Eingegraben in Schlamm und Schmutz erzählen sich die Soldaten Gruselstorys von Stoker bis Stevenson.

Der Meister darin ist ein gewisser Finley, der seinen Leitspruch „Patriotismus ist die letzte Zuflucht der Schurken“ von Samuel Johnson entliehen hat. Diesem Finley wird schließlich die halbe Hand abgeschossen, als er Le Fanus Geschichte „Wylder’s Hand“ zum besten gibt und mit der eigenen zeigt, wie die des toten Wylder aus dem Boden ragte. 1917 ist eine solche Verwundung ein beliebter Passierschein nach Hause, doch bevor Finlay von den Sanitäterinnen der „Brakespeare Ambulance Unit“ abtransportiert wird, gibt er dem Kameraden die Daguerreotypie eines Kindes zur Aufbewahrung, und dieser hält das Bildnis natürlich für eines von Finleys Tochter – Lily? Zurück im Frieden kann er keinen der beiden finden. Auf Anraten seines Freundes Frank, der Peters seltsame Wahrnehmungen für übersinnliche hält, nimmt er Kontakt mit der Spiritualist Alliance in Bloomsbury und einer Spiritistin namens Mrs. Dowden auf, mit der Folge, dass sich dem Doktoranden der Mathematik die unheimliche Welt der Metaphysik öffnet.

„Womöglich ist der Spiritismus ein weiblicher Gegenentwurf zu den männlich dominierten Naturwissenschaften“, sinniert Physiker Frank übers Jenseits als Frauendomäne. „Mich reizt der Gedanke, dass ein paar eloquente Damen mit mystischem Geraune unser auf Zahlen und Fakten basierendes Weltbild zum Einsturz bringen.“ Begleitet vom auf Autorücksitzen bis Parkbänken allgegenwärtigen Gespenst Finlays, der seinerseits nicht an Spukgestalten glaubt, eine ganz großartige Idee von Pechmann, begibt man sich also zur Séance, und tatsächlich kann eine Verbindung hergestellt werden – zur großen Überraschung aller an der Sitzung Beteiligten mit dem gar nicht seligen Oscar Wilde, und Peter ist völlig unverhofft sein Medium …

Spätestens ab nun ist „Die Nebelkrähe“ ein Pageturner, der an Suspense nichts zu wünschen übrig lässt. Dem Wiener Pechmann gelingt es in elegantem Ton ein treffendes Bild vom London dieser Tage zu zeichnen. Seine Figuren skizziert er mit zwei, drei Strichen, wenn er über Mrs. Dowden meint, sie wirke in ihrem dunkelgrauen Tweetkostüm „wie ein Relikt aus einem anderen Zeitalter“, oder über Mr. Dingwall, den berufsbedingten Skeptiker der Society for Psychical Research, „seine runden Brillengläser und sein glatt nach hinten gekämmtes Haar ließen mich an einen übergroßen Käfer denken“, ist alles Wesentliche gesagt. Dass die Charaktere ihre Intentionen erst nach und nach offenlegen, ihr Innerstes nur zögerlich entblößen, sie sozusagen die Wahrheit erst zutage lügen müssen, versteht sich als wichtiges Indiz dieser detektivischen Spurensuche.

Bild: pixabay.com

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Mit Verve verbindet Pechmann im Weiteren Fakt und Fiktion, Dichtung und Tatsachen. Nicht nur gab es die Geisterbeschwörerin Hester Dowden wirklich, sie veröffentlichte 1924 unter dem Titel „Oscar Wilde from Purgatory“ dessen Post-Mortem-Botschaften, die sie mithilfe des Mathematikers und Kriegsveteranen „Mr. V.“ empfangen haben will. Ebenso, wie die von besser situierten Engländerinnen initiierte und finanzierte „Brakespeare Ambulance Unit“ realiter existierte, trifft dies auch auf die Morphinistin Mabel Cosgrove alias Prinzessin Chan Toon, den Soho-Drogenboss Brilliant Chang, den Sax Rohmer sogar zum Vorbild für seinen Dr. Fu Manchu wählte, oder den Esoteriker und Autor Algernon Blackwood, den Schöpfer der Horrorromane rund um Detektiv John Silence, zu – ihnen allen wird Peter Vane noch begegnen.

Und Dolly, im Krieg Brakespeare-Ambulanzfahrerin, nun rasante Chaffeurin der Nobelkarosse von Mrs. Dowden, die mit Eltern gefallener Soldaten, Witwen und Waisen selbstverständlich gute Geschäfte macht. Dolly, Kokserin aus Leidenschaft und Damenliebhaberin, kleidet sich nicht nur gerne als Oscar-Wilde-Lookalike, sie ist es auch, die zweifellos mehr als einen Anknüpfungspunkt zum hochverehrten Exzentriker hat. Über ihre Person wird Peter am Ende erkennen, dass der Schlüssel zu des Rätsels Lösung in seiner eigenen Vergangenheit liegt, werden sich ihm Familienverschwiegenheiten offenbaren, wer wen wann bereits gekannt hat, ob Finlay ein Guter oder ein Unguter war, wer auf der Daguerreotypie zu sehen ist und wer „Lily?“ rief.

Bis dahin beherrscht Pechmann den Balanceakt, Wildes Anschauungen von der Unmöglichkeit einer endgültigen Wahrheit in der Waage zu halten. Bringt erst Oscar durch Peters Hand, und zum zweiten Mal steht die Hand hier als Symbol, „Ich krieche wie ein kranker Wurm in dein Gehirn …“ zu Papier, um damit eine Besessenheit Mrs. Dowdens auszulösen, mittels der ein Portal ins Jenseits geöffnet werden soll, relativiert Algernon Blackwood die Ereignisse mit dem Ausspruch „Vielleicht sind Geister nur die Schatten der Dinge, die wir am meisten lieben oder am meisten fürchten“. Weisen die Spiritisten darauf hin, dass auch Naturvölker ihre Ahnen herbeischamanisieren können, verweisen die Naturwissenschaftler auf die im – wortwörtlich – Rauschzustand befindliche Psyche als Ursprung dieser Erlebnisse.

Pechmann hat spürbar keine Lust, sich in seinem Okkultkrimi zwischen Α und Ω festzulegen. In einer wunderbaren Szene allerdings, lässt er Oscar Wilde via Mrs. Dowden an einer Neuinszenierung von „The Importance of Being Earnest“ teilnehmen, ein Theaterabend über dessen mangelnde Qualität und permanentes Missverstehen seiner Intentionen er sich so ärgert, dass die sonst so vornehme Mrs. Dowden schließlich lautstark polternd den Saal verlässt.

„Die Nebelkrähe“, klärt Frank Peter auf, ist selbstverständlich Oscar Wilde höchstpersönlich. Schulfreunde hätten ihm diesen Spitznamen verpasst. Frank, der ans Übernatürliche glaubt wie Fox Mulder, ersehnt die endliche Entdeckung der sprichwörtlichen weißen Krähe. Die meisten Menschen gingen davon aus, erklärt er, „dass alle Spukphänomene Halluzinationen, alle Spiritisten Betrüger und alle Krähen schwarz sind. Doch um die letzte Behauptung zu widerlegen, braucht es nur eine einzige weiße Krähe.“ Bis es soweit ist, liegt zwischen dem Schwarz des existierenden und dem Weiß des erdachten Vogels eben das Grau der Nebelkrähe. Schlusssatz Dolly: „Wenn die Illusion uns etwas gibt, was die Wirklichkeit uns nicht geben kann, ist sie ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten.“

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Bei Steidl erschien zuletzt sein Roman „Sieben Lichter“.

Steidl, Alexander Pechmann: „Die Nebelkrähe“, Roman, 176 Seiten.

Ein Auszug, gelesen von Jan Huttanus: vimeo.com/306415190          steidl.de

  1. 4. 2019

Neil Gaiman: Zerbrechliche Dinge

April 9, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Skurrile Träume einer schauderhaften Wirklichkeit

In der Nacht kratzt ein Federkiel über Papier. In der Bibliothek seines Schlosses versucht ein junger Schriftsteller, zweifellos ein Mann des viktorianischen Zeitalters, einen Roman zu verfassen. Kein leichtes Unterfangen, ist die Dunkelheit doch voller Geräusche und Gestalten. Der Ghul in der Gruft, die kichernden Stimmen in der verfallenen Abtei, die keinesfalls menschlichen Augen, die aus dem Porträt des Ururahnen auf den Autor blicken, die angekettete Tante Agatha, die unterm Dach zetert und schreit … Sie taugt nichts, seine Geschichte von der im Spukhaus gefangenen Maid Amelia Earnshawe, stellt der Dichter fest.

Der Rabe, der auf einer weißen Marmorbüste hockt, rät ihm, „dieses lebensechte Zeug“, das er da hinkritzelt endlich sein zu lassen – und sich der Fantastik zu widmen. „Ich bin Klassizist“, empört sich der Literat und nennt „Udolpho“, „Das Schloss von Otranto“, „Die Handschrift von Saragossa“ als seine Vorbilder. Hingegen die Gothic Novels mit ihren Themen Börsenmakler, frustrierte Hausfrauen und Polizeieinsätze – „Reinster Eskapismus!“ Trotzdem setzt er sich hin und versucht es. Und während die Worte mit Blut geschrieben werden und Blitze über den Himmel zucken, verwandelt sich seine Geschöpf Amelia.

Sie, die eben noch mit den Mächten der Finsternis rang, steckt zwei Scheiben Vollkornbrot in den Toaster, gießt Orangensaft in Gläser und fragt ihren Ehemann George „Rührei oder ein wachsweiches?“ Und über die Lippen des Schriftstellers gleitet ein zufriedenes Lächeln. Weil er weiß, dass ihm nun etwas wunderbar Sonderbares gelungen ist … „Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ heißt diese Short Story von Neil Gaiman, eine von 31, darunter auch ein paar Gedichte, mit dem Sammeltitel „Zerbrechliche Dinge“, die der Eichborn Verlag nun als Paperback herausgebracht hat. Eine Selbstparodie aufs Leiden an der Autorschaft, die wohl am besten Gaimans im doppelten Wortsinn ungeheuren Humor und sein Faible für verkehrte Wirklichkeiten illustriert. Gaimans Texte sind schauderhaft, skurril, spannend, Reverenzen an Ray Bradbury, Harlan Ellison oder Robert Sheckley, denen er den Band als „Meister ihres Fachs“ auch widmet. Wobei Gaiman diesen Großen mit mehr als vierzig Veröffentlichungen und der Auszeichnung mit jedem nur erdenklichen Preis der Fantasy- und Comic-Szene in nichts nachsteht.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die „Sandman“-Serie, der Roman „American Gods“, und auch das Drehbuch von Robert Zemeckis‘ „Beowulf“, verfilmt mit Angelina Jolie als Grendels Mutter, stammt von ihm. In „Zerbrechliche Dinge“ bewegt sich Gaiman gekonnt zwischen den Genres Science-Fiction, Horror und dem guten alten Schauerroman. Er lässt in Dystopien Aliens die Menschheit knechten, Dämonen aus Männern die Wahrheit foltern, Santería-Priesterinnen brünstige Freier in Zombies verhexen. Er überschreibt Märchen und Mythen, „Goldlöckchen und die drei Bären“ etwa, und bietet mit „Susans Problem“ eine verstörende „Narnia“-Fassung an. Nur so viel: Es kommt zum Sex zwischen Aslan und Jadis … Es gibt eine Blaubart-Variation, selbstverständlich eine Grendel-Story, Scheherazade kommt vor, und Sherlock Holmes. Der in „Eine Studie in Smaragdgrün“ (statt Scharlachrot) den Mord an einem grünblütigen Neffen von Königin Victoria aufklären soll, die Queen hier eine riesenhafte, tentakelbewehrte Invasorin aus dem All, die „Albion“ vor Aberjahrhunderten unterworfen hat, Dr. Watson ein ganz anderer als er scheint.

Viele seiner Einfälle kämen ihm in Albträumen, sagt Gaiman, und immer wieder spricht er in seinen Erzählungen die Leser in Ich-Form an. Manche sind auch Auftragsarbeiten. „Strange Little Girls“ hat er für das Booklet der gleichnamigen CD seiner langjährigen Freundin Tori Amos geschrieben. „Es gibt hundert Dinge die sie fortscheuchen wollte Dinge an die sie sich nicht erinnert und an die sie nicht einmal denken will denn sonst schreien die Vögel und kriechen die Würmer und irgendwo in ihrem Verstand geht ein unaufhörlicher Nieselregen nieder“, kann er’s darin poetisch. „Harlekin Valentin“ entstand für eine Plastik von Lisa Snellings-Clark, ein Riesenrad, für das die Künstlerin pro Fahrgast einen Text haben wollte – Gaiman entschied sich für den Ticketverkäufer. „Sonnenvogel“, die Geschichte eines Gourmet-Geheimbundes, der sich auf der Suche nach der nächsten kulinarischen Köstlichkeit buchstäblich den Mund und mehr verbrennt, war ein Geburtstagsgeschenk an die älteste Tochter Holly.

Mit der Humpty-Dumpty-Vokabel „grausfährlich“ benennt Neil Gaiman sein Werk, die Welt seiner Geschichten bezeichnet er als „Zerbrechliche Dinge“: „Sie bestehen aus nichts Belastbarem, lediglich aus sechsundzwanzig verschiedenen Buchstaben und einer Handvoll Satzzeichen“, manche aber „haben die Menschen überlebt, die sie erzählten, und manche davon haben sogar die Länder überdauert, in denen sie erfunden wurden.“ Juwelen, die von Gaiman neu gefasst werden. Zum Schluss noch einen Witz: „,Sie fragten Saint Germains Diener, ob sein Herr wirklich tausend Jahre alt war, wie er angeblich behauptete. ,Woher soll ich das wissen?‘, erwiderte der Mann. ,Ich stehe erst seit dreihundert Jahren in seinen Diensten.‘“

Über den Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als vierzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Fantasy- und Comicszene verliehen wird. Am bekanntesten wurden seine Graphic-Novel-Serie „Sandman“ und der gefeierte Roman „American Gods“, der als TV-Serie verfilmt Fernsehgeschichte schrieb und 2015 bei Eichborn als überarbeitete „Director’s Cut“-Ausgabe erschien. Im Jahr davor kam sein Schauerroman „Der Ozean am Ende der Straße“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12029) heraus. Vor einiger Zeit zog Gaiman, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt dort von einer unendlichen Bibliothek.

Eichborn, Neil Gaiman: „Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“, Shortstorys und Gedichte, 413 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Ruggero Leò, Hannes und Sara Riffel, Dietmar Schmidt und Karsten Singelmann.

www.luebbe.de/eichborn           www.neilgaiman.com

  1. 4. 2019