Josef Haslinger: Mein Fall

Februar 18, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bericht über den sexuellen Missbrauch in Stift Zwettl

Er hat es immer wieder erzählt, erstmals 1982 in „Der Konviktskaktus“, zuletzt vergangenes Jahr in „Child in Time“. 1983 in „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“ schrieb Josef Haslinger „Er legte mir sein wulstiges Fleischstück wie eine geweihte Hostie auf die Zunge“ und „Ekel“ und „Es reckte mich“. Zuhörer reagierten bei Lesungen empört, nicht wegen des Vorgefallenen, sondern weil‘s einer wagte, dies öffentlich zu machen, eine Zeitschrift lehnte einen bereits vereinbarten Abdruck der Kurzgeschichte ab, der Autor selbst deklarierte die Fünf-Seiten-Prosa danach als „moralisch einwandfreie Fiktion“.

Das ist, was Haslinger heute seine „Phase der Verharmlosung“ nennt, das Schönreden seines Ausgeliefertseins als Schutzbefohlener, die Unfähigkeit selbst zur späten Auflehnung, stattdessen ein emotionales Verheddern in „So schlimm war’s ja nicht/Selber schuld“-Zuweisungen. Ein einstiger Mitschüler, dessen Namen Haslinger nicht nennt, sagt am Ende des Buches, wie schwer es ihm gefallen sei, seine Autoritätshörigkeit abzulegen, seinen Reflex zum „Einehaun“, also sich anzubiedern, „wir seien“, sagt er, „zu Opportunisten erzogen worden, zu ,Gefallsöhnen‘, gezwungen zur Selbstaufgabe, um uns geliebt zu fühlen.“

Haslingers aktuelles Buch „Mein Fall“ nennt andere Namen klar und deutlich: Pater Gottfried Eder, Pater Maurus König und Organist Viktor Adolf, Lehrer allesamt, sogenannte Erziehungsberechtigte, deren Verklausulierung durch Abkürzungen er sich nun zum ersten Mal erspart. Der Schriftsteller war in den 1960er-Jahren Sängerknabe im Stift Zwettl. Er wurde von Zisterzienser-Patres sexuell missbraucht. Bei Pater Gottfried war er zehn, bei Pater Maurus schon Mopedfahrer. Haslinger hat mit der Entanonymisierung gewartet, bis keiner der Angeführten mehr am Leben war. „Mein Fall“ ist ein Bericht, eine Dokumentation, auch über eine Selbstfindung, und eine „Mein Fall“-Studie darüber, wie Betroffene buchstäblich von Pontius zu Pilatus geschickt werden.

Ergeht es so schon einem Prominenten, wie mag’s wohl erst beim „Normalbürger“ sein, ist eine der Ungeheuerlichkeiten, die man beim Lesen nicht aus dem Kopf kriegt. „Nachdem ich jahrelang entschlossen gewesen war, es nicht zu tun, wandte ich mich am 25. November 2018 an die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft“, so Haslinger. Das Resultat – sein Buch. Denn mit dem Wagen dieses ultimativen Schrittes begibt sich der Autor auf – beinah scheint’s absichtlich – verschlungene Irrpfade. Von der Opferschutzanwaltschaft zur Unabhängigen Opferschutzkommission, kurz [Waltraud] „Klasnic-Kommission“, weil beide Institutionen, wobei zweitere für erstere die Entscheidungen trifft, von ihr geleitet, zu Kommissionsmitglied Brigitte Bierlein, zu der Zeit Präsidentin des Verfassungsgerichtshofes.

Dies nur um zu erfahren, dass die von der Erzdiözese Wien eingerichtete Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche die richtige Adresse sei. Ein Bibelkenner, der da an Matthäus 12,24 denkt. Schließlich, um hier abzukürzen, endet die Odyssee beim „Erstgespräch“ mit einem Mitarbeiter der Ombudsstelle, Herrn Michelbach, der dem Opfer bei der wiederholten mündlichen Darlegung der sexuellen Übergriffe und erzieherischen Gewalttätigkeiten sinngemäß bescheidet: „Herr Haslinger, Sie sind doch ein Schriftsteller. Sie können das ja alles viel besser formulieren, als ich das kann. Wollen Sie mir nicht freundlicherweise das, was sie mir gerade erzählt haben, schriftlich zusammenfassen?“

Et voilà! Ein 144 Seiten starkes literarisches Protokoll über Vorgänge, die Kardinal Christoph Schönborn als „eine massive Realität“ innerhalb der Kirche bezeichnet. „Ich war zehn Jahre alt, als Pater Gottfried Eder sich für meinen kleinen Penis zu interessieren begann“, schreibt Haslinger in seiner überfälligen Konfrontation mit den Tätern, und: „Es kam mir nicht in den Sinn ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Ich hätte Angst gehabt, die Aufmerksamkeit und Zuwendung von Pater Gottfried zu verlieren.“ Haslingers expliziter Text schockt. Schwer auszuhalten ist, wie er Intimstes, Peinsames und Peinliches darlegt – und es vor Brigitte Bierlein getan hat, von der sich mittlerweile wohl jeder ein offizielles Bild penibler Gepflegtheit und amtlicher Korrektheit gezimmert hat. Ihre Reaktion, ihr Gesicht dabei – kaum vorstellbar. Sie habe mehrmals genickt, so Haslinger.

Über weiteste Strecken betont sachlich schildert der ehemalige Konviktszögling die psychische und physische Folter an den Kindern. Nicht nur Pater Gottfried habe sich „seine Buben“ mit Gespür und der Verlockung kleiner Geschenke – ein Bazooka-Kaugummi mit Abziehbildern war wie eins des Himmels – ausgesucht, Haslinger deutet ein Netzwerk, zumindest eine Pädophilen-Bekanntschaft bis zu Kardinal Hans Hermann Groër an. Andere, namentlich Pater Bruno Schneider, malträtierten bevorzugt mit körperlicher Züchtigung, sei’s, dass ihm „die Hand ausrutschte“ oder man sich „die Watschen abholen“ musste, ein Vokabular, das man aus dem eigenen Elternhaus kennt und dessen verniedlichender Klang allein im Interesse der Täter ist.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Die von Haslinger entdeckte Tortur geht weiter, Stockhiebe aufs Hinterteil, die der Delinquent mitzählen musste, „Kopfnüsse“, Essen müssen bis zum Kotzen, der „Abendsport“, paramilitärischer Drill, bei dem der „Strick“, heißt: der unartig Gewesene, auf dem Gang bis zur Erschöpfung gequält wurden. Haslingers Eltern? Hatten ganz anno 1960er „Pater Bruno ermuntert, mich nicht zu schonen, wenn ich nicht pariere.“ Und apropos, Mutter: An einigen wenigen Stellen ergibt sich Haslinger dem anekdotenhaften Sarkasmus, von Pater Maurus Pornosammlung bis zu Beschimpfungs-eMails, am skurrilsten aber da, wo der bereits fürs Priesteramt angedachte Bauernbub von seiner Vertrautheit mit dem Sexualakt angibt.

Die Kuh wird zum Dorfbullen gebracht, die Sau zum Eber getrieben, im Auftrag des Gemeindepfarrers und in Hinblick auf des Sohnes Einschulung im Stift soll die tieffrömmige Mutter Haslinger dem Sprössling mittels katholischer Aufklärungsfibel den letzten Feinschliff verpassen. Es folgen Ausführungen über „die Perversion und Todsünde der Homosexualität“: „Ich fragte sie, ob der Hintern nicht zu eng sei.“ – „Sie sagte sinngemäß, homosexuelle Männer hätten einen langen, dünnen Penis.“ Was der Pepi glaubt, „bis Pater Gottfried mir anschaulich machte, dass ich einem Phantom aufgesessen war.“ ** Was ihn zur Frage kommen lässt, ob der Pfarrer über die Zisterzienser des Stiftes Zwettl wenn nicht etwas wusste, so doch mutmaßte.

Das Wissen liegt auf der Hand. Zu viele Täter sind still und heimlich von ihren „schulpädagogischen Aufgaben entbunden“ worden, zur Rechenschaft gezogen – keiner. Auf der Webseite der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft www.opfer-schutz.at findet sich ein vierstufiges Opferhilfsmodell, das „die Schwere, Dauer und Folgen der Übergriffe“ berücksichtigt. Bedeutet in Zahlen: € 5.000,- € 15.000,- € 25.000,- sowie: „Darüber hinaus gehende finanzielle Hilfestellungen in besonders extremen Einzelfällen“.

Josef Haslinger hat beschlossen, seine finanziellen Ansprüche geltend zu machen. Am 21. Jänner, rechtzeitig vor Erscheinen seines Buchs, wurde dem Schriftsteller von der Opferschutzkommission eine Entschädigung von 10.000 Euro zugesprochen, berichtet der ORF. Eine Entscheidung, die der Schriftsteller „zur Kenntnis“ nimmt: „Für die zweite Stufe bin ich wohl zu wenig traktiert worden“, wird er zitiert. In „Mein Fall“ ist zu lesen: „Heute sage ich mir, dass für jemanden, der die Klasnic-Kommission für nichts als eine Art moralische Reinwaschanstalt der katholischen Kirche hält, die Frage, wie viel sie zahlen, möglicherweise die einzig sinnvolle ist. Die Zahlungen sind eine Geste der Entschädigung fürs kollektive Wegschauen. Immerhin.“

Über den Autor: Josef Haslinger, 1955 im niederösterreichischen Zwettl geboren, wohnt in Wien und Leipzig. 1992 begründete Haslinger die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch mit, von 2013 bis 2017 war er Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman „Opernball“, 2000 „Das Vaterspiel“, 2006 „Zugvögel“, 2007 „Phi Phi Island“, wo er mit Ehefrau Edith und seinen Kindern Sophie und Elias den Tsunami erlebt hatte. Seine Romanbiografie des Eishockeytorwarts Bohumil Modrý, „Jáchymov“, erschien 2011. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln und den Rheingau Literatur Preis.

S. Fischer Verlag, Josef Haslinger: „Mein Fall“, 144 Seiten.

www.fischerverlage.de

** Der sexuelle Missbrauch von Kindern – Pädophilie – hängt stark mit Machtdemonstration, Schutzlosigkeit und Abhängigkeit zusammen und hat nichts mit Homosexualität zu tun. Der Prozentsatz homosexueller Täterinnen und Täter entspricht in etwa dem Anteil von Homosexuellen an der Gesamtbevölkerung. In Österreich definieren sich laut einer EU-weite Umfrage derzeit 6,8 Prozent der Frauen und 5,5 Prozent der Männer als schwul, lesbisch, bisexuell oder Transgender. Heterosexuelle Täterinnen und Täter sind also deutlich in der Mehrheit.

  1. 2. 2020

Jonathan Lethem: Alan, der Glückspilz

Februar 7, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Tour de Farce durch die Außenseiter-USA

Da gibt es also diesen Ich-Erzähler, Grahame, einen erfolglosen Schauspieler, der den Theaterregisseur seiner Träume, diesen Maestro der Miniatur, siehe seine Inszenierung von Becketts „Krapps letztes Tonband“ in einem Bürohaus-Aufzug vor fünf zusammengepferchten Zuschauern, bei dem er in Anwesenheit von Dianne Wiest vergeblich für die Produktion „One Thousand Avant-Garde Plays“ von Kenneth Koch vorgesprochen hatte, Sigismund Blondy, dessen „Zelig-artige Infiltration der kulturellen Stadtlandschaft“ Grahame zutiefst bewundert, bis zu dessen geheimer Passion, Donnerstagsmatineen in einem Multiplex an der Upper East Side, quer durch New York City verfolgt.

Worauf ihn dieser, einmal entdeckt, nach Strich und Faden der Max-Frisch-Fragebogen auseinandernimmt: Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person, und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv? – Too much information?

Nicht nach den Maßstäben eines Jonathan Lethem. Der US-Autor, der den Talking Heads sogar in einem ihre Musik analysierenden Buch beschied, die Intelligenzia des Rock’n’Roll zu sein, jenseitig skurril, ironisch distanziert, schauderhaft spaßig und süchtig machend, legt nun mit „Alan, der Glückspilz“ eine Sammlung von Short Stories vor, die all dem und mehr entsprechen. Bis dahin, dass er selbst mit überbordendem Vergnügen sein Universalwissen zwischen zwei Buchdeckel quetscht. Diesmal in Form von neun irrwitzigen, tragikomischen, herzzerreißenden Geschichten, mit denen sich ihr Schöpfer auf das dünne Eis bedrohter Existenzen begibt.

„Alan, der Glückspilz“ ist eine Tour de Farce durch eine USA der Außenseiter. Mit politisch scharfgestelltem Blick und per Speedlogik entfesselter Fantasie – Familienväter in der Sinnkrise müssen sich dem drohenden Kontrollverlust ebenso stellen wie vergessene Comicfiguren auf einer verlassenen Insel – jagt Lethem seine Randgestalten vom Herz Manhattans bis an die Küsten zweier Weltmeere. Das liest sich, als liefe Woody Guthrie, from California to the New York island, from the Redwood Forest to the gulf stream waters, auf überhöhter Drehzahl. Die Überschrift der zweiten Story, „Der König der Sätze“, passt derart auf den Schriftsteller, wie der damit die eigene Zunft veralbert.

Ein Paar von Buchläden-Lovern, zwei Romantischwühler, die sich dem Wort-Orgasmus hingeben – „Ein gutgebauter, stattlicher Satz konnte Clea derart erregen, dass sie sofort zum Höhepunkt kam“ -, planen einen Überfall auf ihren Lieblingsautor. Dessen Devotionalien sammeln sie seit Jahren, makellose Erstauflagen, zerfledderte Leseexemplare, frühe Taschenbuchausgaben mit prosaischem Klappentext und schlüpfriger Umschlaggestaltung. Längst ist dem Leser klar, dass es sich um einen abgehalfterten Verfasser von Groschenromanen handeln muss, als die beiden das Subjekt ihrer obskuren Begierde in Hastings-on-Hudson aufstöbern. Das Ende: desillusioniert, desaströs, ein bissl Georg Danzers „Jö schau“.

Für jede seiner Stories erfindet Lethem eine eigene hochmusikalische Sprache. „Reisender zu Hause“ hat was surreal-Hanns-Dieter-Hüsch’sches: „Reisender allein. Reisender schmachtet. Reisender erwacht, hat geträumt anscheinend. Fahrkarten verloren. Automatenkaffee. Zahnbürste unaufgefunden. Schnee weht. Schuh fehlt. Wecker außer sich. Terrier muss ohnehin dekantieren …“ Einmal erscheinen wie im Märchen sieben Wölfe und bringen ein Baby im Korb – an die falsche Adresse. „Verfahren unter freiem Himmel“ ist eine kafkaesk grausame Geschichte über ein Regime, das Delinquenten bis zum Sterben in schmalen Erdlöchern stehen lässt. Indem Protagonist Stevick bei strömendem Regen einen dieser Politgefangenen mit einem Schirm beschützt, macht er sich zum „fixen Mitarbeiter“ des Systems.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

In exzentrischer Hochform ist Lethem beim Flugzeugabsturz im karibischen Nirgendwo in „Die Schattenseiten“, nach dem die Passagiere Theaterkritiker C. Phelps Northrup, Clown Large Silly, Peter Rabbit, King Phnudge, Monster C’Krrrarn und der Dingbat-Clan das Inselinnere „annektifizieren“. Es dauert etliche auf Tagebucheintragungen und Register verwendete Zeilen, bis man die illustre, der strikten Ordnung von Panels verpflichtete, zufrieden Sprechblasen mampfende, gleich einem Alfred-Kubin-Albtraum schwarzweiße Gesellschaft – nicht zuletzt durch den „Hinweis a. d. Zeichner“ – als ausrangierte Comicfiguren entlarvt hat. Jeder der „Mitwirkipizierenden“ einstmals limitiert, leinengebunden, von Fans für die vermeintliche Ewigkeit in Plastikfolie geschweißt. Und nun das? Wie (un-)menschlich!

Wie in seinen gefeierten Bestsellern lauert bei Lethem das Unheimliche im Banalen, der schleichende Verlust des Selbst tröpfelt durch die nicht immer hehren Zielsetzungen seiner Antihelden, bis man sie bis auf die Knochen auswringen kann. Ob geheimnisvolle/r BloggerIn, ob Familienvater, der sich den Mitschunkelmodus der Sea-World-Shows mittels Antidepressiva erträglich dröhnt, persönlicher Favorit unter all diesen ist „Der Porno-Kritiker“ Kromer, der privat zwischen der tränensäckigen Greta, der schönen Renée und der unsichtbaren Luna wechselt, als selbsternannter Heiliger der Verkommenheit und „Konzeptueller Lesbier“ gern auch in Dreierkombi – wobei er „Abspritzer und Auspeitschungen“ tabellarisiert. Bis er der „geborenen Verderberin und Verführerin, all dessen schuldig, was man Kromer je angedichtet hatte“, verfällt, und zu seinem Portfolio „Prostitution“ beifügen muss.

Man kann’s nicht anders formulieren: Jonathan Lethem unterhält auf hohem wie untiefem Niveau. Der einzige Vorwurf, der seinen literarischen Verwirrspielen zu machen ist: dass jede dieser virtuosen Fingerübungen einen ganzen Roman wert gewesen wäre, doch das schließlich das Kennzeichen guter Kurzgeschichten. Ach ja, „Alan, der Glückliche“. Ist ein Nachbar, den Sigismund Blondy gelegentlich am koreanischen Spätkiosk trifft, wie er Grahame erzählt. Klein, muskulös, mit vor Argwohn funkelnden Augen, die Sakkos stets mit Schuppen feenbestäubt, Raucher-Manierismen Marke Bogart, wie er Grahame schildert. Doch plötzlich ist Alan gestorben. An einem inoperablen Gehirntumor, erst kürzlich entdeckt, wie Blondy Grahame weismacht – der Theatermacher ein Lethem-Alter-Ego, der „Menschen-Material“ für seine Projekte sammelt?

„Wieder verspürte ich die paranoide Gewissheit, dass Sigismund Blondy mich, indem er mir seine Geschichte erzählte, für eine theatrale Fantasie in Dienst genommen hatte – für eine Rolle auserkoren -, zur Freude eines unbekannten Publikums, das vielleicht nur aus ihm selbst bestand. Die ganze Episode war reine Konfabulation.“

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“, „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281) oder zuletzt „Der wilde Detektiv“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32089). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den National Book Critics Award, den Gold Dagger und das MacArthur Fellowship. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Alan, der Glückspilz“, Stories, 172 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

www.tropen.de               jonathanlethem.com

  1. 2. 2020

Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen

Februar 1, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Auschwitz-Erinnerungen als literarische Erzählungen

„Ich heiße Bermann, ich bin Magda Bermann, ich habe es laut gesagt, damit ich mich selber höre. Die Frau hat mich gemustert von oben nach unten, dieses dürre Stück Mensch, das da vor ihr stand und das so wenig in die Welt und zu diesem Haus gepasst hat wie eine Tote an einen Kaffeetisch. Sie war so siegessicher, so hämisch und giftig, als sie gesagt hat: Da könnte ja jeder kommen und an der Klingel reißen. Seien Sie froh, dass ich nicht nach der Gendarmerie rufe. Und jetzt ist Schluss mit dem Theater. Gehen Sie dahin, wo sie hergekommen sind.“

So beschreibt Magda Bermann ihre „Heimkehr“ aus A., jenen Ort dessen Namen sie nie mehr aussprechen wird, ins Land der Arisierer. „Das leere Haus“ heißt diese erste von drei Erzählungen, die Christoph Heubner in „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ zu einem Buch zusammengefasst hat. Heubner ist Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Pfarrerssohn, Kriegsdienstverweigerer, Schriftsteller, Bewahrer der Geschichten der Überlebenden. Im eigentlich zuerst zu lesenden Nachwort kommt Heubner auf die unzähligen Begegnungen mit ihnen zu sprechen. Von Stéphane Hessel bis zum „weißhaarigen Gabor in Budapest“.

Auch auf die mit Simone Veil, der strengen, hellsichtigen Kämpferin für Frauenrechte und für ein Europa des Miteinanders und der Toleranz, der ersten Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Heubner kurz vor ihrem Tod 2017 die Verpflichtung auferlegte: „Ihr müsst unsere Geschichten weiterschreiben, ihr müsst euch die Fakten und unsere Erinnerungen aneignen und künstlerische Wege finden, unseren Emotionen eure Emotionen hinzuzufügen.“ 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ ein Buch, dass die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen literarisch erfahrbar macht.

Jedes der darin geschilderten Schicksale steht für sich und doch sind sie miteinander verbunden, weil sie sich auf den gleichen Schreckensort beziehen und dieselben Empfindungen bergen, Verlorenheit, Empörung, die Daseinsschuld „danach“, das Heraufbeschwören von Bildern ermordeter Familienangehöriger – und immer wieder die Worte Halt, Achtung, Appell, Schornstein, Rauch, Arbeit Macht Frei. „Die Überlebenden“, schreibt Heubner, „werden diese Worte nicht los, sie haften in ihnen bis zum Ende ihrer Tage und Nächte.“

Der fiktive Bericht von Heubners erdachter Figur Magda Bermann ist somit einer sehr nah an der Realität, ihre Stimme stellvertretend für Millionen. Wenn sie auf ihrem Marsch nach Kassel, denn wohin sonst?, von Menschen spricht, die „mich wütend anstarrten“. Und ihren Arm, „wo der Tätowierer in Birkenau sich extra bemüht hatte, die fünf Ziffern schön groß hinzubekommen“. Wenn sie zwischen der Freude über die Trümmerberge, die Welle der Zerstörung, die endlich auch jene getroffen hatte, und ihrem Mitleid mit den darin nach letzten Habseligkeiten wühlenden Frauen und Kindern schwankt. Bis sie von einer hört, dass „solchen wie Ihnen“ in der Jägerkaserne geholfen werde. Wohin sie sich eilig verfügt. „Eine deutsche Stimme, ein Befehl …“

Als Zwiegespräch von Gedanken einer „Sie“ und eines „Er“ gestaltet Heubner die zweite Erzählung „Ein Stück Wiese, ein Wald“. Ein Grüppchen aus Kaposvár wurde auf einer Lichtung zurückgelassen, während die Uniformierten andere, Kinder, Kranke, Alte, nackt ausziehen hießen und mitnahmen. Zur Desinfektion vor dem Arbeitsdienst? Die Kinder? Noch schwelgt Sie in Erinnerungen an Hausmusik, Er denkt an seinen Holzhandel, Sie summt leise das Grimm’sche Kinderlied „Hänsel und Gretel“, Er denkt: „Pstttt! Ja, bist du denn jetzt ganz meschugge geworden? Verliefen sich im Wald, verrückte Alte, wir sind im Wald, aber sie haben uns hergebracht.“

Inhaftiert hinter Stacheldraht: Frauen und Kinder im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Bild: pixabay.com

Felix Nussbaum: Angst, 1941, Felix-Nussbaum-Haus im MQ Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Eine Fototafel in der Gedenkstätte erinnert an die 1,5 Millionen Opfer der Nationalsozialisten. Bild: pixabay.com

In knappen Zeilen, einfühlsam und nachhallend, entwirft Heubner zwei Existenzen, den Großvater, dessen hartes Herz nur die kleine Enkelin Gilike erweicht, die Mutter, die sich um Schwestern, Nichten und Neffen sorgt. Um Tochter Magda, der sie zum Nationalfeiertag ein rot-weiß-grünes Kostüm genäht hatte, und der die Lehrerin ins Ohr zischte: „Das kommt dir nicht zu. Ihr seid gar keine Ungarn.“ Natürlich wissen wir Nachgeborenen, was Stacheldraht und Schlot und die scharfgemachten Hunde bedeuten, die dunklen Rauchsäulen, der graue Staub und der Gestank, der die Atemluft zerquetscht. Wissen, dass die Hoffnung, „sie waren mager, die Menschen, aber sie waren am Leben“, sich für die wenigsten erfüllen wird.

Natürlich kann man sagen, man hätte vieles wissen können, „wenn sie alle miteinander marschiert sind in ihren schwarzen Joppen“, die Pfeilkreuzler und ihr Pater Kun mit seinem Befehl „Im Namen Christi – Feuer!“. „Das brütete nicht nur in der Politik, das steckte in den Menschen. Ich habe den Hass in ihren Augen gesehen, sie haben gewartet, dass sie von der Kette kommen“, so Er. „Die Vorstellung, dass Menschen andere Menschen, unter ihnen Frauen und Kinder, töten und verbrennen, nur weil sie Juden oder Sinti und Roma waren, erschien vielen, die in die Lager abtransportiert wurden, völlig verrückt“, schreibt Heubner. „Ich habe begonnen die Leute zu zählen, als sie in die Wagen geklettert sind. Ich habe versucht, sie zu zählen. Aber irgendwann sind mir die Zahlen gestorben, es waren zu viele, es war von allem zu viel“, so Er.

Mit Viehwaggons und an die Wände geschobenen Toten endet auch der dritte, titelgebende Text, „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“, die von Heubner imaginierten Tagebücher des Künstlerehepaars Felix Nussbaum und Felka Platek, deren künstlerisches Vermächtnis heute im von Daniel Libeskind erbauten Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück ausgestellt ist (www.museumsquartier-osnabrueck.de/ausstellung/sammlung-felix-nussbaum/), das neben mehr als 200 Exponaten von Felix Nussbaum mit zwei Ölgemälden und 28 Gouachen auch die weltweit größte Felka-Platek-Sammlung besitzt.

Am 31. Juli 1944 wurde von den Nationalsozialisten der letzte Deportationszug im belgischen Durchgangslager Mechelen abgefertigt. In diesem waren auch die beiden Maler, die man zusammen in ihrem Versteck in der Brüsseler Rue Archimède verhaftet hatte. Felkas Weg endete unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern, der von Felix verliert sich wenige Monate später. Heubner begleitet die Warschauerin und den Osnabrückner mit seinen Eintragungen vom Hurrapatriotismus des Ersten Weltkriegs über Marschall Józef Pilsudski und dessen Hang zu Pogromen, ihr Kennen- und Liebenlernen und auch ein wenig Kollegenneid während des Studiums in Berlin bis ins Exil. Aus überbordender Lebens- und Schaffensfreude wird Entsetzen über den Antisemitismus, Verstörung über die Demütigungen und den Vernichtungswillen der Nazis.

Felix Nussbaum: Saint Cyprien (Gefangene in St. Cyprien), 1942, Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück, Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Fotograf: Christian Grovermann

Sagte der Vater 1929: „Hitler – Ein Spuk!“, schreibt Heubners Felka 1934: „Was geschieht mit den Deutschen, diesen ewigen Vorzeigepuppen für Fortschritt, Kunst und Kultur?“, notiert später: „Immer wieder die Sorgen um die gültigen Papiere, um das nötige Geld“. – „Wir sind Flüchtlinge, die nach Schutz und Sicherheit suchen“, ergänzt Felix. Auch mit diesen kurzen, aktuell anmutenden Sätzen, derzeit sind weltweit 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, jede Minute 25 neue, jeden Tag müssen 37.000 ihre Heimat verlassen (Quelle: www.unhcr.org), gelingt es Heubner zwei komplexe Biografien aufzuzeichnen. „Was für ein Hohn.“, so Felka 1940. „Die belgische Polizei hat den jüdischen Flüchtling Felix Nussbaum als reichsdeutschen Bürger verhaftet, der für Belgien eine Gefahr darstellt.“ Felix: „Zusammengepfercht hinter Stacheldraht. Das Lager heißt Saint Cyprien. Dreck, Ungeziefer, es stinkt nach Angst und ungeheurer Hoffnungslosigkeit. Einige beten in der Lagersynagoge. Hört Gott zu?“

Dies dabei nur der erste Schritt in einen Raum ständiger Bedrohung, wo die Häftlinge jeden Tritt, jeden Ton ihrer Mörder mit hypersensiblen Sinnen aufsaugten, um der Mordmaschine längstmöglich zu entgehen. „Hass, Populismus, Aggressionen gegen Minderheiten: Auschwitz hat nicht in Auschwitz begonnen, sondern überall, wo man Menschen ausgegrenzt und gejagt hat“, so Christoph Heubner im Interview über bis heute Gültiges. „Vielen scheint Demokratie mittlerweile eine selbstverständliche Bettdecke, die ihnen eine sanfte Ruhe beschert. Doch diese Ruhe ist trügerisch. An der Demokratie wird gerüttelt.“ Symbol dazu sind die Schießhunde, die in allen drei Geschichten zugegen sind.

Seine Magda Bermann schickt Heubner schließlich in die USA, Pittsburgh, wo sie ihren späteren Ehemann trifft. Am 28. Oktober 2018 will die mittlerweile 93-Jährige zur Tree-of-Life-Synagoge. „Als ich auf den Parkplatz fuhr, habe ich schon seine Stimme gehört, ich hörte, wie er (Robert Bowers, Anm.) brüllte: „Alle Juden müssen sterben“. Und dann die Schüsse in der Synagoge. Elf von uns waren tot … Vier Minuten, es waren vier Minuten. Und mir war, als hätte ich am anderen Ende des Parkplatzes meine Mutter gesehen. Sie war so jung wie damals, als sie uns abgeholt haben und schrie: Vier Minuten, ist es nie zu Ende?“

Über den Autor: Christoph Heubner, geboren 1949, ist Schriftsteller und Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Steidl Verlag, Christoph Heubner: „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen. Nach Auschwitz – drei Geschichten“, 104 Seiten.

steidl.de           www.auschwitz.info/de           www.museumsquartier-osnabrueck.de

1. 2. 2020

Ian McEwan: Die Kakerlake

Januar 31, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine kafkaeske Abrechnung mit dem Brexit

„Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“ So beginnt, nein, nicht die Erzählung mit dem zweitschönsten ersten Satz, sondern Ian McEwans Verwandlung derselben. Des britischen Schriftstellers jüngster Geniestreich „Die Kakerlake“ ist das Buch zur Mitternachtsstunde, eine brillante kafkaeske Abrechnung mit dem Brexit, eine bitterböse Persiflage auf die aktuelle britische Politik – auch wenn der Autor beteuert, jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig.

Während sich McEwans namensvetterischer Protagonist noch vor dem glitschigen Lappen in seinem Mund und der unermesslichen Zähnezahl ekelt, die wenigen Gliedmaßen, das Fehlen seiner Facettenaugen und die groteske Umkehrung Fleisch außen, Skelett innen geklagt, ist der Leser in Gedanken nämlich längst bei Johnson, Farage, Corbin und Co … Eine Küchenschabe hat also ihre Heimat hinter der verrottenden Holztäfelung im Palace of Westminster verlassen, hat die Gefahr pöbelnd über die Bürgersteige trampelnder Protestler nicht gescheut, um, so die

Geheimmission, im Mansardenstübchen 10 Downing Street im Wortsinn in die Haut des Premierministers zu schlüpfen. Gewiss, so denkt Humanoid-Insekt Jim, sei er für den Job nicht schlechter gerüstet als andere, „nach einem kurzen Blick in die Zeitungen allemal“, kennt er doch die „wöchentliche Operette“ der Prime Minister’s Questions und die Kabinettssitzungen vom Zuhören. Und deren Tenor: Krise in Großbritannien, öffentliche Meinung auf dem Tiefststand, überfälliges Misstrauensvotum gegen den Original-Sams, weil dieser zu viele Zugeständnisse an die gegnerische Seite mache, Satz eines bekannten Kolumnisten: „Überparteilichkeit ist in der Politik ein Todesröcheln!“. Ergo heißt Jims neue Stoßrichtung ideologische Kehrtwende – Reversalismus.

„Die Kakerlake“, der schmale Satireband eine famose Fingerübung von Vielschreiber McEwan, ist eine So True Story, eine Tragifarce, die manch englischsprachiger Literaturkritiker allerdings jenseits der Grenze des guten Geschmacks ansiedelte. Vor allem Jim Sams Telefonate mit US-Präsident und Twitter-King Archie Tupper gingen diesen zu weit (als ob Howard Jacobsons „Pussy“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269 – nicht noch weiter gegangen wäre). Vor allem Passagen, wie jene, in der Jim herumdruckst, er habe mal eine persönliche Frage. Hatte Mr. President früher ebenfalls sechs Beine? Schlagartig ist die Leitung tot. Und man ahnt, auch der mächtigste Mann der Welt ist Ungeziefer in Menschengestalt.

Alldieweil muss Jim seine Minister gar nicht auf das neue Wirtschafts- und Gesellschaftssystem einschwören, im Meeting erkennt er sie alle als einen „kleinen Schwarm der besten ihrer Nation, gekommen, um die schwächliche Führungsriege zu erobern und ihr neuen Mumm einzuflößen.“ Eine Blattidae, ein Reich, ein Leader, doch ein Verräter, ein Volksfeind, ein Mensch – Außenminister Benedict St John. Wie der nun, da politischer anno 2020 nicht mehr möglich scheint, per Rufmord nach allen Regeln der #MeToo-Kunst rücktrittsreif gemobbt wird, ist ein McEwan’sches Anti-p.c. für sich.

St Johns ehemalige Parlamentsreferentin, nunmehr Kakerlaken-Verkehrsministerin Jane Fish berichtet plötzlich von „obszönen Anspielungen und unangemessenen körperlichen Berührungen“, weint coram publico über Jahre des Leidens und Schweigens wegen ihrer Karriere – und ausgerechnet der oppositionelle Guardian greift freudig nach den Fake News, zufrieden der Regierung irgendeins auswischen zu können. Klar, dass die Bevölkerung glaubt, was ihr solcherart in gedruckten beziehungsweise geposteten Lettern vorgesetzt wird. Sams erweist sich als meisterliche Intrigenspinne im feindlichen Lügennetz. „Jim hatte hervorragende Fühler für die öffentliche Gemütslage“, formuliert McEwan doppeldeutig. Ergebnis: „Harter Reversalismus war endgültig Mainstream.“

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Dessen Ursprünge gehen angeblich auf ein amüsantes Gedankenspiel, ein Steckenpferd von Exzentrikern wie den 17.-Jahrhundert-Ökonomen Joseph Mund und Josiah Child zurück. Keith Joseph soll versucht haben, die Umkehrfluss-Ökonomie Margaret Thatcher schmackhaft zu machen, die jedoch für die Idee nur ein eisernes No übrig hatte. Eine Idee rechts der Mitte, weshalb – nach erfolgreicher Volksabstimmung – die Mitte nun nach rechts driftet, für die sich aber auch Altlinke stets erwärmen konnten. Heißt: den Geldfluss umzudrehen, heißt, dass man das Gehalt für seinen Job an den jeweiligen Arbeitgeber bezahlen muss, während man im Shop das Geld für die erstandenen Waren ausgefolgt bekommt.

Rücklagen zu bilden ist verboten, die Finanzmittel müssen fließen. Je höher die Vergütung des Arbeitsplatzes, desto mehr muss man sich an Luxusgütern anschaffen, um die eigene Geldbörse wieder zu füllen. Das bringt die Wirtschaft in Schwung und führt zur Umverteilung des Reichtums. EU, Nato und alle Importeure müssen Barzahl- ungen leisten. So die Theorie, die irrwitzige. Eine Anspielung auf die Brexit-Befürworter, hier „Rückdreher“ genannt, die eine Rückkehr in jene Zeiten versprechen, in denen das Empire, Rule Britannia!, allüberall herrschte.

Zur Splendid Isolation will Sams den R-Day (!) ausrufen. Zwei Drittel aller Wahlberechtigten wünschen sich laut Umfragen „einen starken Anführer, der auf das Parlament keine Rücksicht zu nehmen braucht“, die Verhandlungen mit Brüssel sind ins Stocken geraten, rät Archie „Lucky Jim“ doch, das Wichtigste sei, „der EU auf die Nerven zu gehen“. Internationale Konzerne verlegen ihre Sitze ins Ausland, Prominente schreiben verzweifelte offene Briefe, Oppositionschef Horace Crabbe, eigentlich selbst „ein ältlicher Reversalist der postleninistisch linken Schule“, hat ausgedient, einzig die deutsche Kanzlerin wagt es, sich Sams „mit müden Augen“ zu widersetzen und von rechtsstaatlichem Skandal und der gelinkten Labour zu sprechen.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Elegant, mit einem Feuerwerk an Einfällen und mit geradezu maliziösem Vergnügen ihre typischen Antiphrasen aufzugreifen, karikiert McEwan den Clan der Brexitianer. Er zeigt den – freilich fiktiven – Premierminister als listenreichen, skrupellosen Manipulator. Mit Besonderheiten wie dem Chief Whip, jener Person, die sicherstellen soll, dass die Mitglieder der Regierungspartei bei Abstimmungen anwesend sind und im Sinne der Fraktionsführung voten, dem zeremoniellen Streitkolben und dem Prinzip des Pairing – kann ein Abgeordneter der Regierungspartei bei einer Abstimmung nicht anwesend sein, trifft er ein Abkommen mit einem oppositionellen, dass dieser ebenfalls fernbleibt, ist „Die Kakerlake“ außerdem very quirky british.

Versteht sich, dass Sams auch das Pairing ohne viel Federlesens bricht. Als ein französisches Kriegsschiff unabsichtlich ein britisches Fischerboot versenkt und sechs Seemänner ertrinken, hat Sams endlich Britanniens „verlässlichsten Feind“ zur Verfügung – für eine Schmutzkübelkampagne sondergleichen. Was die Kakerlaken mit ihrem Werk bezwecken, erklärt McEwan, hat mit Elend und Armut zu tun, „Konzentration von Wohlstand auf wenige, Argwohn gegen die Wissenschaft, gegen Intellektuelle, gegen Fremde und gegen sozialen Zusammenhält.“ Je tiefer der Mensch sinkt, um so höher steigt die Schabe in der evolutionären Hierarchie.

Schlusszitat: „Der durchschnittliche Brüsseler Beamte hatte sich verwundert die Augen gerieben, als es per Referendum zu dieser erstaunlichen Entscheidung kam. Dann aber geriet der Prozess dank der Komplexität des Ganzen ins Stocken, und man entspannte sich achselzuckend wieder. Ein solcher Unsinn würde doch gewiss in alterprobter Manier auf die lange Bank geschoben werden.“ Ticktack, sieben Stunden noch …

Über den Autor: Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot, Hampshire, lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg „Abbitte“ ist jeder seiner Romane ein Bestseller, zahlreiche sind verfilmt worden, zuletzt kamen „Am Strand“ mit Saoirse Ronan und „Kindeswohl“ mit Emma Thompson in die Kinos. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. Im Mai 2019 erst erschien sein erfolgreicher Roman „Maschinen wie ich“.

Diogenes Verlag, Ian McEwan: „Die Kakerlake“, Roman, 144 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben.

www.diogenes.ch           www.ianmcewan.com

  1. 1. 2020

Stewart O’Nan: Henry persönlich

Dezember 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Liebe mit den Jahren wächst

Diese Überschrift bezieht sich nicht nur auf die Protagonisten in Stewart O’Nans aktuellem Roman, sondern auch auf die Leser desselben. Emily und Henry Maxwell sind Fans des Pittsburgher Autors nämlich bestens bekannt. In „Abschied von Chautauqua“ lud Emily die gesamte Familie ein letztes Mal ins zum Verkauf stehende Sommerhaus, in „Emily, allein“ ist sie achtzig und bereits seit Jahren verwitwet, und führt ein, wenn nicht vom Selbststress gebeuteltes, ruhiges Leben – in erster Linie mit ihrem mit ihr alt gewordenen Hund Rufus.

Nun hat O’Nan die Zeit zurückgedreht und endlich Henry ein Buch gewidmet, das heißt: natürlich nicht ausschließlich ihm. Emily ist da, und Rufus gerade mal vier Jahre alt, und zwischen den Buchdeckeln wechseln die Jahreszeiten vom für Kinder wie Enkelkinder unvermeidlichen Urlaub am See zum ebenfalls unabwendbaren Thanksgiving-Get-Together zu Weihnachten. 75 wird Henry auf diesen Seiten, ein mit viel Puderzucker bestreuter Zitronenkuchen macht ihn so glücklich, dass es ihn mit Wohlwollen für alles und jeden erfüllt, doch sein Hausarzt ist kürzlich im gleichen Alter gestorben. Da denkt er auch an sein Herz und sein Ende.

O’Nan verfasst seine Texte mit feinster Feder, kein Alltagsdetail scheint ihm zu banal, zu unwichtig, als dass er es nicht mit zarten Strichen festhalten würde, ob der Garten gewässert wird oder Sandwiches gemacht werden. Die Washington Post schrieb einmal, O‘Nan sei offenbar unfähig, auch nur eine falsche Zeile zu Papier zu bringen, und tatsächlich gelingt ihm, aus seinen Betrachtungen eines Rentnerdaseins samt dessen Routinebeflissenheit ein Sittenbild des – nicht nur in den USA, und ab der Pension umso mehr – ökonomisch gefährdeten Mittelstands zu entwerfen. Ihm genügt sein beschaulicher Platz an der Furt, um die Tiefe des Menschseins auszuloten.

Henry und Emily, das sind 50 Jahre Ehe, er der Besonnene, Pflichtbewusste, Pragmatische, sie, die in ihren besten Momenten freimütig zugibt, „schon immer eine Plage gewesen zu sein“, temperamentvoll, unberechenbar, aufbrausend. Dass er sie mit seiner Jonglage der knapper werdenden Finanzmittel nicht aufbringen will, ist verständlich, doch ihr Nichtwissen wird „Emily, allein“ beinah zum Verhängnis. Diskussionen, denn Streit gibt es keinen, erledigen sich so: „… noch immer musste er den männlichen Drang unterdrücken, ihr zu erklären, wie die Welt funktionierte. Zugleich würde sie eine allzu schnelle Zustimmung als Beschwichtigung ansehen, ein noch schlimmeres Vergehen, und so entschied er sich, wie so oft in Angelegenheiten von geringer Bedeutung, für die ungefährlichste Reaktion und schwieg. ,Und?‘, fragte sie. ,Hast du gar keine Meinung?‘“

Eine andere Beschreibung an anderer Stelle, anlässlich der Thanksgiving-Vorbereitungen: „,Sag mir, was ich tun kann‘, sagte er, ein Angebot, das sie mit einem herablassenden Blick von sich abprallen ließ, als hätte er einen Scherz gemacht.“ Ein durchschnittliches Paar und seine unauffälligen Biografien, beobachtet in der Gleichförmigkeit seiner Tage, nichts geschieht, doch dauernd passiert etwas, das alles ist logischerweise nicht halsbrecherisch ereignisreich, aber so wahrhaftig, so liebevoll, so von Herzen innig, dass man zum eigenen Schatz sagen möchte, wie die zwei, so wollen wir werden. Er liebt und begehrt sie, wenn auch zweiteres nicht mehr ganz so zügellos, sie liebt und sorgt sich um ihren großen Schweiger. Früher oder später ohne einander zu sein, steht als melancholische Gewissheit im Raum, aber man will nicht zu viele Gedanken daran verschwenden, außer jeder für sich den einen, dass man das Vorrecht haben möge, als erster zu gehen.

Mit seinem typischen, wohldosiert semiresignativen Witz, mit Respekt und spürbarer Zuneigung nähert sich O‘Nan jenen Charakteren, die ihn seit fast zwei Jahrzehnten begleiten. Henrys kettenrauchende, chaotische, niemals verheiratet gewesene Schwester Arlene – hier für Emily noch ein blassrotes Tuch, werden sich die beiden Frauen über die Bände zu einer Zweckfreundschaft zusammenraufen; die erwachsenen Kinder, der gemütvolle, ein wenig tapsige Kenny, dessen Ehefrau – Lisa aus besserem Hause – Emily versnobt findet, die alkoholkranke und in „Henry persönlich“ erst vor ihrer Scheidung stehende Sorgentochter Margaret, die je zwei und zwei erziehungsdeformierten, ergo verhaltensoriginellen Enkelkinder – alles Leute wie du und ich und die von nebenan.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Die Besuchsszene mit der Flugverspätung, also verzögertem Abendessen, also verärgerter Emily ist einem von früher bekannt, neu sind diesmal Henrys, und nur seine, Erinnerungen an erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte. An den Vater, der als Henry in den Krieg ziehen musste, ihm, zu keiner Umarmung, zu keinem Kuss fähig, nur die Hand schütteln konnte. An bestialisch zu Tode gekommene Kameraden. An seine erste und einzige Liebe vor Emily, Sloan, „eine Whitney“ – im Sinne von begütert, die ihm Angst machte und ihn erregte: „Er hatte noch nie einen schwarzen BH gesehen und war schockiert“, steht da, bevor sie sein Bettgestell zertrümmern.

Derart macht O’Nan „Henry persönlich“ auch zu einer Reise in die USA der 1950er-Jahre, er verflicht Vergangenheit, Vergänglichkeit und die Art Lebenslust, die keine Frage des Alters ist, zum elegant ziselierten Porträt eines Mannes, der an den Wehwehchen seines maroden Hauses in Permanenz herumbastelt, die seinen aber verschweigt, damit Emily ihn nicht mit medizinischen Zeitungsartikeln verrückt macht, dessen Zufluchtsorte der Golfplatz und der Baumarkt sind, ein Pittsburgh Steelers- und Pirates-Aficionado, der für den Kirchenbasar das sammelt, was Emily wieder auspackt, weil sie es nicht weggeben will, während sie sich leichterhand von den Tischdeko-Trauben von Henrys Mutter trennt, und der es selbstverständlich als seine Aufgabe ansieht, bei Wind und Wetter mit Rufus Gassi zu gehen.

Auch Emilys und Henrys lakonisch humorvolle Gespräche mit dem Hund klingen dem Tierbesitzer authentisch, Rufus, der von seinem Platz aus ein Unmutsknarzen von sich gibt, wenn Emily im Bett zu lange liest, vor dessen Pinkelattacken Henry vergeblich seinen Rasen zu schützen versucht, der eheliche Umarmungen wie ein Ringrichter, der eine unfaire Umklammerung aufbrechen muss, auseinander drängt, und der in „Emily, allein“ ohne deren Hilfe nicht mehr ins Auto einsteigen wird können. „Rufus schlief auf dem Kaminvorleger, und [Enkelin] Ellas Hand lag auf seinem Bach. Vom Feuer und von einem Schluck Scotch gewärmt, dachte Henry: Das hier.“

Es sind diese Sätze, an die man sich beim Lesen verschenkt, an diese trotz aller Probleme und mitunter durchaus auftretenden Misstöne in Liebe verbundene Familie. Und immer, immer denkt man, ja, genau so ist es, O’Nan im Erzählen so präzise und unprätentiös wie seine Figur Henry. Das Buch endet, wie schön, am Neujahrsmorgen und den dazugehörigen Vorsätzen. Mit Rufus unterwegs auf der üblichen Runde, entdeckt Henry, eigentlich zuerst der Hund, ein Rudel Hirsche in der schneefreien Mulde unter einem Baum. „Während er verzückt mit Rufus dastand, wusste er nur, dass er etwas Seltsames und Sakrales wie die Vision eines Heiligen erlebte, und war dankbar, überwältigt von seinem Glück … Als er durch die strahlend helle, perfekte Welt nach Hause stapfte, konnte er es kaum erwarten, Emily davon zu erzählen.“

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235), „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) und „Stadt der Geheimnisse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30273).

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Henry persönlich“, Roman, 480 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de           stewart-onan.com

  1. 12. 2019