Larry Beinhart: American Hero

September 26, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Buch zur US-Wahl: Wag The Dog – reloaded

Die Filmsatire mit Dustin Hoffmann und Robert De Niro kennt man, „Wag The Dog“ aus dem Jahr 1997, da war Bill Clinton US-Präsident, Operation Desert Fox und Monica Lewinsky noch ein bisschen hin – und das Demokraten-freundliche Hollywood nicht wirklich gewillt, seinem Kandidaten auf die Füße zu treten. Herauskam also eine vergnügliche schwarze Komödie über Macht und Medien und ein Staatsoberhaupt in Sex-Nöten. Brillant, zweifellos.

Aber: The Times They Are a-Changin‘, per 3. November bedroht Donald Trump die Welt damit, wiedergewählt werden zu wollen, und der Westend Verlag nahm dies zum Anlass, Larry Beinharts Roman und sehr frei verwendete Filmvorlage „American Hero“ 27 Jahre nach Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe neu aufzulegen. Ein in jeder Hinsicht starkes Buch, von Beinhart versehen mit neuem Vorwort, dem neuen Schlusskapitel „Verschwörung“ und beachtlichen 30 Seiten Anmerkungen, Fußnoten, Erläuterungen, Hintergrundinformationen und Beinharts Reflexionen übers Selbstverfasste.

To cut a long story short: Gegen die Urfassung ist die Leinwandadaption ein Ausflug auf den Ponyhof. Beinhart – Nomen est omen. „Die Wahrheit zu sagen ist harte Arbeit. Und wird schlecht bezahlt. Und oft will sie niemand wissen“, sind die ersten Sätze des Journalisten und Autors, bevor er die Leser im Michael-Moore-Modus über die Person John Yoo aufklärt, einst jener Justizminister unter George W. Bush, dessen Memoranden die Anwendung von Folter rechtfertigten, Guantanamo, Abu Ghraib und diverse Black Sites, nunmehr Autor von Gastkommentaren wie dem in der New York Times: „Hütet euch vor einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump.“

„Wir leben in einer Welt mit zu wenig Wahrheit und zu vieler institutionalisierter Lügen. Das wiederum hat den Weg bereitet für Donald Trump, Boris Johnson, Viktor Orbán und ihresgleichen“, schreibt Beinhart. Und dies Andocken ans Topaktuelle ist wichtig, denn der politische Antiheld des Buches ist George Bush senior, der zum Ende der Amtszeit Nr. 51 um die Nr. 52 bangt. Die Umfragewerte des 41. Präsidenten der Vereinigten Staaten sind im Sturzflug, die Wiederwahl in Gefahr, der smarte Billy schon an der Schwelle zum Weißen Haus – und in der gemeinsamen Schlafkabine der Air Force One zeigt Außenminister Jim Baker seinem BFF „Bushie“, was er für einen schlechten Scherz hält. „Es war der Beginn einer zotigen Geschichte. Beide mochten sie Zoten“.

Die Obszönität ist ein letzter Brief des am Gehirntumor dahinsichenden Politberaters Lee Atwater, Macher von Ronald Reagan und George Bush senior und Mentor von Jim Baker und George W., und was er Bushie senior als Notfallplan vom Sterbebett aus vorschlägt, ist nichts Geringeres als ein Krieg. Ein Krieg als Medienereignis, ein siegreicher selbstverständlich, „den Amerika lieben kann – im Fernsehen“, geführt nicht von Generälen, sondern von einem Filmregisseur: „Zieh in den Krieg. Das ist die klassische Antwort auf unlösbare Probleme im Inland.“ Ein Schelm, wer nun an der Bushens liebsten Gegenspieler, den Irak, denkt, der im Roman tatsächlich seine Rolle bekommen wird, und auch wenn in den Trump-USA „nur“ rundumschlagende Verbalattacken und diese hierzulande gegen Asylwerber et al geritten werden, klar ist: ein Feindbild fürs Stimmvolk muss her.

So weit, so „Wag The Dog“. Der Dummie im Seehund-Pyjama, der Trumpisch lamentiert, dass ihm kein Respekt erwiesen werde, ist erst entsetzt, sieht bald aber: „Extremismus bei der Verteidigung hoher Werte ist keine Untugend.“ Schnitt. Und ein Wechsel der Schrifttypen von Böse zu Gut. Denn die beinhart erzählte Realsatire ist auch ein Krimi noir mit einem abgefuckten Privatdetektiv als Ich-Erzähler, ein Vietnamkriegsveteran, der sich in eine Love Story mit einem Hollywood-Vamp verstrickt, Joe Broz ♥ Magdalena Lazlo, „Maggie“, das ist wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall, und hervorragend ist, wie Beinhart zwischen seinen Parallelerzählungen im Tonfall wechseln kann,

Zum Ganzen kommt’s, weil der Star wissen will, was es mit einem aus fadenscheinigen Gründen abgesagten Filmprojekt mit ihr in der Hauptrolle auf sich hat, und warum sie seit ihrem Nachfragen von unbekannt in Furcht versetzt und eingeschüchtert wird. Der Leser weiß es mittlerweile, Regisseur John Lincoln Beagle wurde von oberster Stelle abgezogen, um sich dem größeren Projekt „Krieg“ zu widmen. Großartig ist nicht nur Beinharts enormer Rechercheaufwand, die Fakten, mit denen er seine Fiktion – wenn’s denn eine ist, erdet. Er entwirft ein Sittenbild der USA seit 1898, seit „Tearing Down the Spanish Flag“ von Blackton und Smith, malt es zum opulenten Schlachtengemälde aus, und verknüpft seine Heerschar an Nebenfiguren an ihren Nebenschauplätzen zum amerikanischen Quilt.

Strahlende Hollywood-Galas, düstere Spelunken, unglamouröse Bespitzelungen, Schauspiel- und Doppelagenten, Studiobosse, Namedropping ohne Ende – am schönsten ein Party-„Platoon“-Gespräch mit Tom Berenger, der Joe als „echt“ erkennt und von Maggies neuem Lover und „Manager“ hingerissen ist, fabelhafte Charaktere wie Maggies mürrische irische Haushälterin Mrs. Mulligan, Joes afroamerikanischer Frontfreund Steve und dessen halbwüchsiger Maggie-Fan-Sohn Martin, von Beinhart beißend o-tönend hingerotzte Klatschkolumnen und Politanalysen, Unterkapitel mit der Überschrift „Propaganda“.

Bild: pixabay.com

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Die WASPs, die Skull and Bones, die Golf spielenden Golfkriegsbetreiber, ein ganzes Geheimdienstgeschwader aus Bushs CIA-Zeiten, Panama-Intervention, Stichwort: Noriega, von den USA erst gemacht, dann gestürzt, der US-Sparkassenskandal von 1990, damals noch „die größte Pleite der Weltgeschichte“ genannt und George W. mutmaßlich darin involviert, texanischer Südstaatenspirit vs Denkmalstürmer, Skrupellosigkeit, Präpotenz, Geschichtsunwissenheit, Geschichtsklitterung – es ist eine Farce, die bis ins Heute reicht.

Von mehreren Seiten und einander immer wieder in die Quere kommend wird um John Lincoln Beagle ein umfassender Überwachungsapparat aufgebaut, der zum Schutz seiner neuen Aktivität auch vorm Äußersten nicht zurückschreckt, was seine Sekretärin Kitty zwar knapp überlebt, seinen Videothekar Teddy Brody allerdings zum Kollateralschaden macht. Alldieweil arbeitet Beagle am politisch Problematischen. Wer könnten die Schurken, der Schurkenstaat sein? „Vielleicht waren Terroristen die Lösung … Die Terroristen waren meistens Araber … Die Terroristen waren meistens Moslems. Die reaktionären Kräfte des Aberglaubens und der Unterdrückung des Ostens … Szenario: Der Präsident wird von Terroristen gekidnappt … Das Land zur Hysterie aufpeitschen … Wenn sie sich in Libyen verstecken, marschieren wir in Libyen ein. Syrien. Dann Syrien … Christen gegen Moslems! Voilà – Titel des Projekts: Die Kreuzzüge.“

Wie gesagt, eine literarische Farce – wenn’s denn eine ist. Wie viele sich todernst nehmende Filme in der Art es doch gibt: „White House Down“, „Air Force One“, „Olympus Has Fallen“, sogar Ben Kingsley in „Iron Man 3“ als Terroristen-Darsteller Trevor alias Mandarin. Sorgen um billige Statisten und teure Spezialeffekte hat Beagle nicht, sein Krieg wird wirklich sein, weiß er, „Menschen würden dabei sterben. Die Vorstellung erfüllte ihn mit einem Gefühl von Macht, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte.“ Und während Beinhart die Beziehung von Joe und Maggie zunehmend in den Filmeinstellungen eines Romantic Dramas schildert, und Joe endlich auf die Gleichung „John Lincoln Beagle arbeitet an einem Kriegsfilm minus Niemand wird für einen Film ermordet ist gleich John Lincoln Beagle arbeitet an einem Krieg“ kommt, der Leser längst auf dem Wissenstand eines Sachbuchs ist, fallen herrlich gruselige, zum Lachen, wenn’s nicht so wäre – Sätze:

„Auf den Krieg“, sagte Bush. „Auf einen guten Krieg.“ „Eines wüsste ich gern“, sagte Baker. „Gegen wen ziehen wir in den Krieg?“ „Ich weiß nicht. Das ist noch in Entwicklung.“ / „Amerika braucht einen Krieg, um sich daran zu erinnern, wie es ist zu siegen. Die nächste Generation muss in der Schlacht geprüft werden, muss siegen und weitermachen, mit Zuversicht und Stolz.“ © Medienmogul David Hartmann. Man kreiert ein Szenario à la Super- bowl, Phase des Anheizens, Play-offs, reingehen, den Feind schlagen, heimkehren, Siegesparade. Und weil die USA so wirklich siegreich nur im Zweiten Weltkrieg waren, soll ein zweiter Hitler aus dem Hut gezaubert werden.

„Das Schlachtfeld sollte im Nahen Osten oder in Nordafrika sein, sagte Beagle und erläuterte wieso. Dort gäbe es eine anständige Auswahl von Hitlers: Muammar al-Gaddafi, Hafiz alAssad, Saddam Hussein, Rafsandschāni oder – auch das muss man in Erwägung ziehen – ein neuer Ayatollah.“ „… genau, Saddam Hussein. Er ist ein Freund von mir“, sagte der Präsident verschmitzt. „Wir können zu Saddam Hussein sagen: ,Wie wär’s, wenn du z.B. Kuweit besetzt – du wirst in der arabischen Welt wie ein Held dastehen, so groß wie Hitler.‘ Dann gibt es Krieg, und möge der Beste gewinnen. Er mag einen guten Kampf.“ Deckname der Militäroperation: American Hero. Der Krieg, ein Medienrauschen, das wie ein zäher Brei alle Wahrheit erstickt.

Ein Wahlkämpfer, der andere der Fake News bezichtigt, während er selbst auf alternative Fakten setzt. Das ist so gut, das kann kein hardboiled Thriller erfinden. Larry Beinharts Abhandlung darüber, wer wen in der Hand hat, und wie Deutungshoheit die Machtverhältnisse bestimmt, ist das Buch zur Stunde. „Dies ist eine frei erfundene Geschichte“, endet Beinhart sein Buch, um dann eine Liste von 39 Ungereimtheiten anzufügen. Ob’s für Joe Broz – seine Name übrigens, das sei hier noch erwähnt, von Josip Broz Tito inspiriert – und Magdalena Lazlo ein Happy End gibt? Daumen drücken! Ebenso Wien am 11. Oktober und der Welt am 3. November.

Über den Autor: Larry Beinhart, geboren 1947, wuchs im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf und lebt heute in Woodstock. Er arbeitet derzeit als Journalist für den englischsprachigen Ableger von Al Jazeera und hat 2015 einen neuen Roman geschrieben: „Zombiepharm“, eine ausgesprochen witzige und kluge Satire auf das öffentliche und private Erziehungs(un)wesen nicht nur in den USA. Manipulation, PR, Propaganda in Wirtschaft und Politik sind als Themen all seiner Bücher stets im Hintergrund präsent.

Westend Verlag, Larry Beinhart: „American Hero“, Roman, 458 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Peter Torberg und Jürgen Bürger.

www.westendverlag.de          Aktueller Kommentar von Larry Beinhart: www.westendverlag.de/kommentare/krieg-als-inszeniertes-medienereignis

BUCHTIPP zum Thema: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269 oder wie der Observer schrieb: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

  1. 9. 2020

Orhan Pamuk: Orange

September 9, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das wärmende Licht des nächtlichen Istanbul

„Die weiße Festung“, „Das schwarze Haus“, „Rot ist mein Name“, mit diesen und unzähligen weiteren Romanen hat sich Orhan Pamuk in die Weltliteratur eingeschrieben. 2006 erhielt er dafür den Nobelpreis. Wer das Werk des Schriftstellers kennt, weiß um seine Streitbarkeit und sein dem Humanismus verpflichtetes politisches Engagement. Pamuk setzte sich in der Türkei wiederholt für die Meinungsfreiheit ein, zuletzt mit einem offenen Brief, der sich gegen die Inhaftierung von zahlreichen Journalisten und Intellektuellen richtete – ohne dabei Rücksicht auf wiederholte Drohungen von Islamisten oder Nationalisten zu nehmen.

Weniger bekannt ist, dass Orhan Pamuk auch ein passionierter Fotograf ist. In seinem nun erschienenen Bildband „Orange“ dreht sich alles um diese Farbe, und Pamuk wäre kein Autor von Rang, würde er dies wärmende Licht, das die Straßen des nächtlichen Istanbuls umhüllt, nicht als Metapher für ein entspanntes Miteinander, als Sinnbild für eine friedvolle Lebensart verwenden – und somit als Symbol für die gesellschaftlichen Veränderungen in seiner Heimat.

Denn das Orange wird weniger, es muss einem kalten Weiß weichen, die neue Straßenbeleuchtung, Pamuk schildert sie als böse und aggressiv. „During my boyhood and youth, white light was something cold that issued from ,fluorescent‘ lamps. It lived inside hospitals, warehouses, factories, waiting rooms, and refrigerators. Like wickedness, it was to be avoided. It could grieve and mislead us“, schreibt Pamuk, und beschreibt den Moment, an dem er entschied, die Nachbarschaft abzulichten, bevor man ihm sein Orange verpatzt. Lieber, schreibt er, ginge er spazieren, „than spending yet another evening sitting at home, watching the endless stream of lies being propagated on television by the government.“

Gefolgt von seinem Bodyguard, einem ständigen Begleiter seit der Ermordung seines Freundes Hrant Dink 2007, eines Journalisten, der in seinen Artikeln den Genozid an den Armeniern anprangerte, worauf Dink mit dem Vermerk, Pamuk wäre das nächste Ziel, drei Mal in den Hinterkopf geschossen wurde, gefolgt also von seinem Bodyguard macht sich Pamuk auf den Weg. Hält in seinen Bildern Ladenbesitzer fest, die gerade die Rollläden runterlassen, den Friseur, der auf späte Kundschaft wartet, Leute, die am Zeitungsstand schnell die Abendausgabe kaufen, kleine Lokale, die selbst nach Mitternacht zum Bersten voll sind, Betrunkene und spielende Kinder und ein Rudel Straßenhunde, das ihm mit schöner Regelmäßigkeit begegnet.

Bild: © Orhan Pamuk / Steidl Verlag

Malerisch, wie sich nach einem Regenguss die frisch gewaschene Wäsche auf den Wäscheleinen im nassen Straßenpflaster spiegelt; einmal hat es geschneit und die Gassen versinken im Matsch. Im Buch schmuggelt Pamuk manchmal neben ein orangefarbenes Foto, das eine nächtliche Straßenszene widergibt, ein Foto, das eine ähnliche Szenerie einfängt, aber in einer Gasse aufgenommen wurde, die bereits in kalt-weißem Licht leuchtet.

Krasser könnten die Gegensätze kaum sein. Istanbul ist eine Stadt, bemerkt man, die Pamuk zunehmend fremder wird. „Indeed some streets had been completely remoulded by the arrival of Arab immigrants from Syria, while other streets nearby bore the clear sign of a new kind of nationalist fury, and hostility toward foreigners and newcomers. There had also been a third kind of change: across the Golden Horn, many neighbourhoods had come under the influence of political Islam and fundamentalist sects.“ Und während sich Pamuk noch über das zunehmende Tragen religiös motivierter Kleidung einerseits, und andererseits die Präsentation der türkischen Flagge allüberall auf den Straßen mokiert, wird ihm klar: Ja, es gibt Gegenden, da dient der Ayyıldız, der Mondstern, als Zeichen der Abwendung vom Westen.

Doch in Beşiktaş oder Kartal, Stadtteilen, die mit großer Mehrheit gegen Erdoğan gestimmt hatten, erkennt er sie als Zeichen des Widerstands – „a way of whispering ,We’re here too!‘ in a city which allowed no other form of political dissent.“ „Orange“ ist ein Flanieren mit offenem Blick, ein Umherschlendern als Teil eines multikulturellen Menschengewimmels, das dem Untergang geweiht scheint. Pamuk kann sich nicht sattsehen an „mothers and fathers carrying their children in their arms as they hurried back home“, „newlyweds strolling arm in arm“, „weary old men and women trailing behind, quiet and meek“, er sucht die Gassen „with families and with children playing football, wrestling each other, and giggling with their mothers.“ Pamuk hat ein Gespür für Settings.

Bild: © Orhan Pamuk / Steidl Verlag

Auf den meisten Bildern sind Menschen zu sehen, die miteinander agieren als wäre die Linse eine Bühne. Pamuks „Beiläufigkeit“ ist das Resultat einer durchdachten Komposition. Nicht überall ist er willkommen. Vor allem in den verarmten Straßen wollen die Anrainer ihn nicht foto- grafieren lassen. Oft ist es Stolz, er muss um Erlaubnis fragen, die Männer lassen sich ihre Autorität als Herren „ihrer“ Straße nicht nehmen, mitunter muss der Bodyguard eingreifen.

Pamuk versteht das, wenn das Wetter schön ist, ist der Gehsteig für die Istanbuler ihr erweitertes Wohnzimmer, ein Ort für Großfamilien, die ein paar Stühle auf die Straße geschleppt haben und miteinander den Tag ausklingen lassen, „the pavements like their own backyard“, wo Karten gespielt und Kaffee getrunken wird. Und immer sind es die Kinder, die um ein Foto von und für sich selbst bitten.

In seinen Fotografien gelingt es Pamuk, so etwas wie die Poesie des Augenblicks festzuhalten. Als wäre er auf der Suche nach einer verlorenen Zeit, hält er den Istanbuler Alltag wie kleine Kunstwerke fest, den achtlos liegengelassenen Müll, die bröckelnden Fassen und holprigen Gassen, das Chaos in den Cafés, von Zeit zu Zeit auch absichtlich wackelig und unscharf. Nicht umsonst bezieht er sich auf Eugène Atget und seinen 1900er-Paris-Bildband, diese Chronik einer verwehenden Stadt. „Tanzt die Orange. Wer kann sie vergessen, / wie sie, ertrinkend in sich, sich wehrt / wider ihr Süßsein. Ihr habt sie besessen. / Sie hat sich köstlich zu euch bekehrt. / Tanzt die Orange“ – © Rainer Maria Rilke. Orhan Pamuk hat hier ein ganz wunderbares Werk erschaffen.

Über den Autor: Orhan Pamuk ist ein türkischer Schriftsteller und Künstler, der 2006 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Der 1952 in Istanbul geborene Pamuk wollte bis zum Alter von 22 Jahren Maler werden und wurde dabei von seiner Familie ermutigt. In den 1960er- und 1970er-Jahren fotografierte er, wie er in seinem Buch mit autobiografischen Aufsätzen „Istanbul“ (2003) beschreibt, die Straßen seiner Heimatstadt, um sie in seinen Gemälden zu verwenden. Das „Museum of Innocence“ ist sowohl ein 2008 veröffentlichter Roman von Pamuk als auch ein Museum, das er 2012 in Istanbul eröffnete und das die in den Geschichten beschriebenen Objekte, Bilder, Papiere und Fotografien ausstellt. Das „Museum of Innocence“ wurde 2014 mit dem Preis des Europäischen Museums des Jahres ausgezeichnet. Pamuk fotografiert seit mehr als fünfzig Jahren.

Steidl Verlag, Orhan Pamuk: „Orange“, Fotoband, 192 Seiten, 350 Abbildungen. Vom Türkischen ins Englische übersetzt von Ekin Oklap.

steidl.de

  1. 9. 2020

Alexander Pechmann: Die zehnte Muse

April 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit

Der Wiener Autor Alexander Pechmann ist der zeitgenössische, zu dessen Büchern es zu greifen gilt, sehnt man sich nach dem wohligen Grusel gehobener Schauerliteratur. Ein literarisches Genre, die gothic fiction, das seine Blüte am Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte, Shelley, Polidori, Poe, man kennt die Namen, und Pechmann mit seinem Horace-Walpole-Schreibstil ist ein würdiger Erbe dieser grand ancestors. Hierorts hat man halt ein Händchen fürs Surreale, siehe auch die Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

Und dieser Kunst verwandt sind, wenn auch Dezennien früher, die Gemälde eines der beiden Pechmann’schen Protagonisten in seinem jüngsten Roman „Die zehnte Muse“. Das Jahr ist 1905, der Ort alsbald Königsfeld im Schwarzwald, denn anfangs begegnen sich zwei Fremde im Zug, der Maler Paul Severin und der britische Privatier Algernon Blackwood, der seine Gespenstergeschichten aus Spaß an der Freud‘, keineswegs aus Geldnot verfasst. Das Treffen ist durchaus kein zufälliges, wird sich herausstellen, Blackwood hat in einer kleinen Londoner Galerie zwei, drei Arbeiten Paul Severins gesehen und deren Schöpfer gesucht.

Severin, der als Brotberuf Porträts solcher, die sich seinen Pinselstrich leisten können, anfertigt, eine Tätigkeit, die er Handwerk nennt, gilt doch die wahre Leidenschaft seinen „Haschischvisionen von Horrormärchen“, düstere Darstellungen voll rätselhafter Symbole, deren sich wiederholendes Thema unschuldige Schönheit, sinnlicher Tod und eine Auferstehung aus Thanatos Armen als eine Fantasie des Eros ist.

Solcherart Bilder haben Blackwoods Faszination erregt, glaubt er doch das Modell dafür zu kennen, am Donisweiher habe er das Mädchen weiland entdeckt, ja, sagt Severin, er ebenso, Talitha heißt sie gleich der biblisch-toten Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus, der Jesus Christus befahl: Talitha kumi! / Mädchen oder Lämmchen, steh‘ auf! – doch mysteriös mutet an, dass dem Blackwood das offenbar ewig junge Waldgeschöpf zwanzig Jahre vor Severin erschienen war. Nach des Engländers philosophischem Sermon über die Beschaffenheit der Zeit – an dieser Stelle: Achtung! – beschließen die Männer, sich gemeinsam auf die Suche nach des Rätsels Lösung zu machen.

Bis dahin ist man bereits wundersam eingesponnen in den Pechmann-typischen Tonfall, der stets etwas Wehmütiges, Verwehtes, eine Elégance gewesener Tage hat. Pechmann balanciert perfekt zwischen Geheimnis- krämerei und Charakterzeichnung, zwischen Übersinnlich und Historie, zwischen Fakt und Fiktion. An den Quellenangaben im Buch sind die Wurzeln desselben festzumachen, Algernon Blackwood, der tatsächliche, Erfinder der John-Silence-Stories (Textprobe: www.youtube.com/watch?v=HYVIj4D4SnM), die Spukgestalten aus einer Sammlung klassischer Schwarzwald-Sagen von 1930, das jenische Wörterbuch von Rolf Dreher „Fisel komm mir dibrat“, und selbstverständlich des Autors akribische Recherchen rund um den wirklichen Donisweiher.

Was nun folgt, man hat beschlossen von der Bahnstation zu Fuß ins Städtchen Königsfeld zu gehen, sind Kindheitsschilderungen I und II. Algie, der illusionsbegabte Knabe, dem schon das elterliche Shortlands House samt Garden eine verwunschene Welt voller Elfen und Feen schien, in die er sich tag-, nein, eigentlich mitternachtsträumte. Weshalb er vom Vater auch zwecks deutscher Strenge ins Schwarzwald-Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde verbannt wird, wo Zucht und Ordnung an erster Stelle des Lehrplans stehen. Paul, ein jenischer Waisenbub, die Jenischen das Fremdwort für eine Arme-Leute-Schicht, Heimatlose, „fahrendes Volk“, der von der Kruzifix-Fraktion gehorsam und gottesfürchtig geprügelt werden soll.

Wie sich die Biografien gleichen, die Zauberamulette gegen den bösen Zworitrat, die den einen als Aberglaube begeistern, sind von des anderen „Zigeunern“ angefertigt, ist doch der Donisweiher ein Tummelplatz für allerlei luziferisches Gesindel. „Trop des revenants“, ängstigt sich Blackwoods Schweizer Schulfreund Calame, den, da verrät man nicht zu viel, Severin in seiner Pariser Lehrzeit als Snell kennenlernen wird. Spätestens nach dieser Erkenntnis ist „Die zehnte Muse“ ein Pageturner, prächtig, wie Pechmann sein Figuren-Kaleidoskop zum Muster zusammensetzt, sein Mystery-Mosaik Steinchen und Steinchen entsteht, weil bald der eine Wanderer die Visionen des anderen um eigene Phantome ergänzen kann.

Bild: pixabay.com

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Algie büxt nächtens aus dem Schlafsaal aus Richtung Natur – und findet am Weiher ein halbnacktes Mädchen, nicht älter als siebzehn oder achtzehn, „mit einer Fülle mattschwarzen Haars, hohen Wangenknochen, schmalen, fast strengen Lippen und Augen, die ihre Farbe zu wechseln schienen, wenn man sie zu lange ansah“, ihr Gesicht mal jugendlich sinnlich, mal „eine brüchige Maske, die etwas Unbeschreibliches verbergen mochte – unnatürliche Schönheit oder niederschmetterndes Grauen“, Talitha, schalkhaft, wild, ein wenig hochmütig und doch irgendwie um Hilfe flehend. Sie sei „baledschido“, sagt sie ihm, und das kann Severin übersetzen: unehrlich, ausgestoßen.

Und allmählich ärgert sich der Maler, „dass Blackwoods sonderbares Erlebnis unverkennbare Bezüge zu meinen Bildern enthielt: das Mädchen, der tote Vogel, der blutende Baum. Ich hielt es für Absicht – als hätte er die Motive der Gemälde in seine Geschichte eingewoben, um mich hinters Licht zu führen oder auch nur, um die Grenzen meiner Gutgläubigkeit auszuloten.“ – „Vřduft, dâhnâs!“, Hau ab, Fremder, sagt das Mädchen zwei Jahrzehnte später zu Severin. „,Ladscho diebes‘, antwortete ich mit einem jenischen Gruß. ,S‘isch koschř, tschaĭ.‘ Alles in Ordnung, Mädchen. Daraufhin drehte sie sich zu mir um und sah mich mit brennenden Augen an. Ich fragte nach ihrem Namen. ,Talitha‘, sagte sie, und aus ihrem Mund klang es wie ein Fluch.“

Mehr, man ahnt es bereits, als Severin lieb sein kann, hat Talitha mit seiner jenischen Familiengeschichte zu tun, mit dieser Katastrophe der Vergangenheit, die Mutter von einem Gendarmen als Diebin erschossen, der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden, Talitha, die ihm erzählt, der Bonherr habe sie verstoßen, weil sie den Menschen Unheil bringe, und seltsam, wie sich ihr Schatten ausdehnt und zur Silhouette eines urzeitlichen Wächters wird. In der Bibel, fällt Severin ein, heißt es nach Jesus‘ Wunder: Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. Entsetzen! Nicht erstaunten oder gar entzückten.

Des Rätsels Lösung. Hat also mit der Zeit zu tun. Und mit Calame/Snell, der als Herrnhuter Zögling ins Eis des Donisweiher einbrach, knapp mit dem Leben, aber mit beschädigter Psyche davonkam, als ein Sehender von Dingen, die den meisten verborgen bleiben, les revenants, die Wiedergänger. Snell, der nun ein kurzes Leben lang an einem schwarzen Abgrund malte, „Bythos“, für die Gnostiker der unfassliche Uranfang allen Seins – und wer nun im Geiste bei Aldous Huxleys „Doors of Perception“ ist, ist genau richtig. Die Zeit als ein zu betretender Raum, durch dessen Türspalt Vergangenes noch und Zukünftiges bereits zu erspähen ist, deren Ebenen aber indes auch überlappen. Die Zeit, dies der schönste Gedanke des Romans, die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit.

Auf den letzten Seiten noch ist vieles un-, doch Severin und Blackwood immerhin eines klar: Talitha ist eine Gefangene, die mittels ihrer kryptischen Fingerzeige, Vogel-, Baum-, Schlangensymbol, um Erlösung bittet. In allen Zeiten für alle Zeit. Woraus den Männern die Erkenntnis wächst: „Um eine Seele zu erfassen, müssen wir bereit sein, unsere eigene Seele aufzugeben …“ Sehr spooky!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844).

Steidl, Alexander Pechmann: „Die zehnte Muse“, Roman, 176 Seiten.

steidl.de          Alexander Pechmann im Gespräch: vegvnd.podcaster.de/steidlwoertlich/media/03_Steidl_Woertlich_Pechmann.mp3

  1. 4. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Madame Nielsen: Das Monster

April 10, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias

Der erste Satz geht gleich mal über eineinhalb Seiten, das Jahr ist 1993, die Stadt New York, und zu erfahren ist, dass ein namenlos bleibender Mann übers Meer ebendahin kam, um der neue Messias zu werden. Dies durchaus in spirituellem Sinne, hat er doch Willem Dafoe in „The Last Temptation of Christ“ gesehen, und ist nun zwar überzeugt, dass der amerikanische Schauspielstar nicht nur auf der Leinwand als Heiland wirkt, aber auch, dass die Welt dringend einen europäischen Erlöser braucht. In diesem Glauben macht sich der Menschensohn auf zur Wooster Group, um sich deren Leiterin Elizabeth LeCompte als „the missing link zwischen der Avantgarde und den Massen“ anzubieten.

Er wird so eine Art „Volunteer“ – der den group members rund um ihre eisige Königin mit seinen gutgemeinten Performativ-Ratschlägen – „why not let Willem look more directly into the camera“ – allerdings von Anfang an auf die Nerven fällt. In Selbstfindungsübungen und darob in So-what-Coolness probt man gerade eine noch diffuse Dekonstruktion von Tschechows „Drei Schwestern“, „Brace Up!“ wird die Produktion später heißen, und zu wissen ist, dass The Wooster Group eine dem Poststrukturalismus huldigende Theatertruppe ist.

Gegründet Mitte der 1970er von Regisseurin LeCompte und dem blutjungen Dafoe, der 27 Jahre lang ihr Lebenspartner war und ihr bis heute ein künstlerischer ist. Ursprünglich für diese beiden prägte Andrzej Wirth den Begriff vom postdramatischen Theater. Festwochen-Besuchern sind die Woosters keine unbekannten, im Juni sollte ihre Arbeit „The Mother“ in Wien uraufgeführt werden (www.festwochen.at/the-mother), nachdem sie zuletzt 1997 mit Willem Dafoe als „The Hairy Ape“ hier zu Gast waren. Auch Madame Nielsen war zeitweilig Wooster-„associate“, und selbstverständlich strotzt ihr aktueller Roman „Das Monster“ vor Reminiszenzen.

Sind doch Leben und Kunst im Werk der Autorin, Sängerin, Performerin naturgemäß verbunden. Ob sie nun ihre bürgerlich-männliche Identität auf einem dänischen Friedhof verabschiedete, mit weißer Flagge im Irak die demokratische Idee Europa als Anti-US-Konzept verbreitete oder ein Jahr als Obdachlose auf den Kopenhagener Straßen zubrachte, immer ist bei Madame Nielsen das Nebeneinander von Fakt und Fiktion das bestimmende Moment. Als eine Demonstration, dass Wahrheit nicht unbedingt Wirklichkeit sein muss.

Gemeinsam mit dem Protagonisten, dessen 15 Minutes of Bandleader-Fame als Wind-Of-Change-Ausruf „Hello, CCCP, now get up and dance with us!“ vorüberwehte, und tatsächlich war die Nielsen früher Sänger und Gitarrist der Formation Creme X-Treme, begibt man sich auf gefährliches Manhattaner Terrain. In grandios süffisantem Tonfall, doch ohne Hybris, denn der Mann ist sich seiner Sendung sicher, insiderisch und namedroppend – Lou Reed, Paul Auster, Laurie Anderson, Susan Sontag, David Byrne und wen er sonst so trifft, LeCompte-Dafoe-Sohn Jack ist elf und liest Heidegger – absolviert er seine Gedanken-Gänge. Die Atmosphäre atmet Original-SoHo, und ist zugleich Attitüde, von Cast-Iron-Architektur bis Fake-Barock-Fassade eine Klischeekulisse.

Das alles ist sublime Hirnwichserei, eine surreale Avantgarde-Satire, und Madame Nielsen, allein optisch eine David Bowies Genieschädel mit geharnischtem Intellekt entsprungene Athene, präsentiert diesen auf dem Silberschild. Und alldieweil ihre Hauptfigur es als Offenbarung wähnt, in einer Bar für den echten Dafoe gehalten zu werden, folgt auf die Apokalypse das Armageddon. Zu dessen Austragungsort wird ein Appartement 412 West 25th Street, in das er als Untermieter einzieht, komplett ausgekleidet mit dunklem Samt, der Velvet Underground für eine Kunstfolterkammer, einen Andy-Warhol-Reliquienschrein mit Reproduktionen von „Car Crash“, „Lavender Disaster“ und Original oder Kopie des „Electric Chair“, bewohnt von den Bruce & Jerry-Wesen.

Zwillinge in einmal hellrosa, einmal hellblauem Seidenpyjama, klein, seltsam feminisiert, weißblond, blass, meist hysterisch kreischend, „wie eine Parodie von Andy Warhol, der wohl auch nur eine Parodie seiner selbst, des Künstlers und des amerikanischen Traums gewesen war“, in deren Parallelwelt sich David-Lynch-auf-LSD-Dinge ereignen werden, Scheinhinrichtungen, rezeptiver Analsex unterm Zwei-Minuten-Film „Flash – November 22, 1963“ (über die Ermordung JFKs), kleiner und „großer“ Tod, eine „Woge aus Schmerz und Wollust“, verursacht von „Extraterrestrials, ohne Augen und die nackten, glänzenden Schädel zu breiten Mündern gespalten“ #BestePenisanalogieEver, die alles bisher Erlebte als ein Prelude to Madness erscheinen lassen.

Andy Warhol: Last Supper, 1986. The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, floor 4 – Late Works gallery. Bild: © Abby Warhola

Willem Dafoe als Eugene O’Neills Schiffsheizer „The Hairy Ape“. Screenshot: thewoostergroup.org

Andy Warhol: Self-Portrait, 1986. The Andy Warhol Museum, © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

„Brace up!“ mit Peyton Smith, Josephine Buscemi und Willem Dafoe. Screenshot: thewoostergroup.org

Zu spät erkennt Er, in diesem All-the-world’s-a-stage-and-everyone’s-an-actor-Universum braucht’s keinen, der theatralisch sein Kreuz trägt, doch da ist er längst Versuchsobjekt, ein orientierungsloses Huhn auf dem Möbiusband, Anti-Held eines warholisch seriellen american albdream, abendliches Sushi, Beischlaf, French-Toast-Frühstück mit einem Klecks Ketchup, das aus der Heinz-Flasche „wie blutiger Samen von einem halbsteifen Glied“ tropft, Dafoes In-die-Kamera-Genuschel, The-Strand-Buchhandlung, wo alle Tage ein weniger zerlesenes Exemplar von „The Andy Warhol Diaries“ aufliegt, die Bar, in der ihn die bankers, currency traders, stockbrokers und andere canned human beings bald The Savior nennen, bis alles mit Bedeutung Beladene von heiß und pervers zu schal und banal verfault.

Verfall, Verrottung als Zeichen der unaufhörlichen leisen Verschiebung, der Verrückt-heit des Menschseins – Spoiler: die Twin-Dwarfs werden zu madenzerfressenen Kadavern, das More of the same der Megametropole enttarnt sich via systemischer Mikroverwerfungen als eben dieses nicht – löst als Motiv die Doppelung, die Wiederholung ab. Wie das Buchcover, das Schwarzweißfoto einer All-american-Family, das in Bruce & Jerrys Küche hängt, mit dem Text korrespondiert wird mehr und mehr eklatant, in fließenden Bewegungen choreografiert Madame Nielsen ihre Prosa, variiert, rhythmisiert, dirigiert ihr Thema a bene placito, a capriccio, bis die Grenzen der Wahrnehmung penetriert sind.

„Das Monster“ mit seinem hartnäckig passiven, dabei durch nichts abzuschreckenden, sein Selbst als Spielfläche darbietenden Main Character ist ein Kunststück ganz aus Sprache, ein Biting Swipe auf eine Szene, die künstlerisch-gesellschaftliche Erkundigungen als körperpolitische Nabelschau inszeniert. Ist ein Nielsen’sches Raum-Zeit-Kontinuum, ein Gottesbeweis wie von Niels Bohr erdacht, ein wilder Ritt durch Diskurse übers Postmoderne, ein epikureisches Lesevergnügen, befremdlich, bizarr, in jeder Bedeutung des Wortes komisch. Das nicht zuletzt die Frage aufwirft: Was sind Westernbrüste?

Apropos, Weiblichkeit: Eine der schönsten Passagen zur Personenbeschreibung gelingt Madame Nielsen bei Wooster-Mitbegründerin und schnell Er’s Badewannengespielin Peyton Smith: „Er war besessen davon, Peyton Smith anzusehen, er konnte den Blick nicht von ihr lösen, ihren Brüsten, die – egal, welches neue Kleidungsstück sie (ganz oder, hypnotisierend frivol, nur ansatzweise) verbarg … riefen, riefen, riefen danach, befreit und gehalten zu werden, oh, die Art, wie sie plötzlich lächelte, und die Art, wie sie sich manchmal bückte und ihren Take-away-Kaffeebecher aufhob, nicht affenartig geschmeidig wie Dafoe, sondern ein klein bisschen wacklig … als die (recht füllige) bald vierzigjährige Vorstadthausfrau, die sie war, die kleine Extrafalte unterm Kinn, die … bebte, vor Lebensgenuss und zunehmendem Alter, … das kam ihm so unendlich rührend menschlich, ja liebenswert vor, dass er sich völlig im Klaren darüber war, dass er verliebt war.“

PS.: „Das Monster“ sind übrigens die Menendez-Brüder Joseph und Eric, die 1989 ihre Eltern in deren Schlafzimmer erschossen, bevor sie die Polizei über einen Einbruch mit mörderischem Ende informierten. Bis sie ein halbes Jahr später als Täter überführt waren, hatten sie eine satte Million Dollar an Erbschaft ausgegeben. Beide Brüder haben in Haft medienwirksam geheiratet, und klar ist, dass diese Natural Born Killers Madame Nielsens Interesse weckten.

PPS.: Steht an einer Tür „This is no exit“ kommt man trotzdem irgendwohin hinaus.

Über die Autorin: Madame Nielsen, geboren 1963 im dänischen Aalborg, ist Autorin, Sängerin, Performerin. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und sie war mehrfach für den Nordic-Council-Literature-Prize nominiert. Performances unter anderem in Berlin und Wien. Ihr Roman „Der endlose Sommer“ erschien 2017 auf Deutsch und war ein großer Erfolg. 2001 trug die Künstlerin ihre Geburtsidentität Claus Beck-Nielsen in einer Aktion zu Grabe, denn „Ich bin viel schöner als Frau, denn als magerer älterer Herr“.

Kiepenheuer & Witsch, Madame Nielsen: „Das Monster“, Roman, 240 Seiten. Übersetzt aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer.

Videolesung „Das Monster“ von Madame Nielsen: www.youtube.com/watch?v=yEyxFgjPS88, Madame Nielsen im Gespräch über ihr Projekt Obdachlosigkeit, ihre Friedensperformances im Irak und ihren Weg vom Mann zur Frau: www.youtube.com/watch?v=Lww4ehNICfw

„Brace up!“ nach Tschechows „Drei Schwestern“, inszeniert von Elizabeth LeCompte, mit Willem Dafoe ist bis 13. April kostenlos zu streamen: thewoostergroup.org/blog/2020/04/06/brace-up-complete-production, Willem Dafoe als „The Hairy Ape“: thewoostergroup.org/blog/2018/08/04/summer-of-dafoe-from-the-archives-the-hairy-ape-1996

www.kiwi-verlag.de           nielsen.re           thewoostergroup.org           www.warhol.org

  1. 4. 2020