Howard Jacobson: Pussy

Februar 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist …

Statt mit einem „Es war einmal“ mit einem „Es passiert gerade“ beginnt Kultautor Howard Jacobson sozusagen sein neues Albtraummärchen „Pussy“. In einem „Zornesanfall des Unglaubens“, erzählte er dem Observer hätte er mit dem Schreiben dieses Romans begonnen; der vermerkt dazu: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

Der Satz steht auch auf dem Buchrücken. Womit die Parameter abgesteckt wären. „Pussy“ ist so überdrüber, dass es der Wahrheit entsprungen sein musste. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist ausdrücklich erwünscht und nicht zufällig. Protagonist des Ganzen ist Prinz Fracassus, dessen Lebenslauf von der Wiege bis zur ersten Wahl zu folgen ist. Er ist Sohn des Herzogs von Urbs-Ludus, einer Wolkenkratzermetropole hinter hohen Mauern, einer Meritokratie, in der sich die Bevölkerung „Bauträger“ nennt.

Fracassus nun, gesegnet mit einem wilden Schopf aus gaggerlgelbem Haar, ist ein rechter Rüpel. Er verachtet Frauen und schikaniert Untergebene, was beides beachtlich ist, angesichts des Umstands, dass er sich eigentlich für nichts und niemanden außer sich selbst interessiert. Sein Sprachschatz umfasst gerade ein paar Worte, die wiederzugeben der Anstand verbietet. Wäre die Frisur nicht sein eigen, müsste man sagen, er ist Toupet mit Tourette. Er ist eine Figur „abzüglich einer zuvorkommenden Art, einer großmütigen Gesinnung, jeglicher Kritikfähigkeit, eines Gespürs für Lächerlichkeit, einer schnellen Auffassungsgabe und eines Händchens für Sprache.“ Dennoch wird er zum Liebling des Wahlvolks.

Die Menschen, die ihm dazu verhelfen, skizziert Jacobson in zahlreichen Details. Man spürt beim Lesen deutlich seine Wut, die Verhältnisse, die schon so sind, xenophob und misogyn und insgesamt ignorant, darzustellen. Da sind zunächst Ex-Model-Mutter und Vater-Fürst mit dem bestechenden Credo: „Eine liebenswerte, kommerzorientierte Jux-und-Tollerei-Plutokratie kann man nicht nach demokratischen Richtlinien führen …“ Zwei Lehrer, die sexyhexy Frau Dr. Cobalt und Professor Probius – Leitsatz: „Eine schlechte Grammatik bringt schlechte Menschen hervor“ -, der wegen „erkenntnismäßigen Herablassens“ aus dem Universitätsdienst entlassen wurde.

Bild: pixabay.com

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Da ist der Führer der Partei der einfachen Leute, Caleb Hopsack, der persönlich auf allergrößtem Fuß lebt. Und Sojjourner, die für die Liberalen antritt, und sich durch großspuriges Blabla aus dem Rennen wirft. Und da ist der großartige Bundesgenosse aus dem Nachbarstaat, der sein Volk in einer es erstickenden Umarmung an die gerne nackt gezeigte Brust zieht und Minderheiten in ihren Arbeitsmöglichkeiten ausblutet. „An den Wänden seines Büros hingen Fotos von Spravchik in Badehose, wie er einen Jeep fuhr, tauchte, surfte … auf einem maß er sich mit einem Eisbären im Armdrücken, auf einem anderen entfernte er vorsichtig einen Stachel aus der Pfote eines Löwen.“

Jacobson ironisiert seine dieser Tage allgegenwärtigen Geschöpfe auch als politische Archetypen. Er stellt ihr Philistertum aus. Er demonstriert seine Verachtung für den Mangel an Stil und Intellekt, der da in die höchsten politischen Kreise (nicht nur) der USA eingezogen ist. Er zeigt einen Krieg, einen Politthriller um die Seelen der Menschen – und er zeigt Vermögen und Unvermögen wahrer Demokratien. Was Jacobson nicht tut, ist Erklärungen auszustellen. Er stellt eben lieber dar. Seine Satire kennzeichnet Geschehnisse, zwischen den Zeilen gelesen überhöht sie sie nicht einmal. Das ist viel, aber gleichzeitig auch alles. Literarische Analysen gibt es nicht.

Derweil wird Fracassus zum Twitter-Star. Seine 140-Zeichen-Botschaften erreichen den Kern der Menschen. Er lernt Steuervermeidung ist nicht -hinterziehung, den Einsatz von Poledance bei wichtigen politischen Fragen und, dass Ideologie in erster Linie Unterhaltung ist. „Flüchtlinge? – Ballert sie ab!“, twittert er – und die Menge lacht über den Scherz. Am Ende wird er der Sieger über alle und alles sein. Es ist ein Sieg der Einfalt. Ein Fernsehsender folgt Fracassus nun rund um die Uhr. Und Brightstar, Internet-„Plattform für nativistischen, homophoben, konspirationsaffinen, völkischen Ethno-Nationalismus“. Von Professor Probius gibt es noch ein Zitat: „So etwas wie Volkes Wille gibt es nicht. Es gibt bloß den Willen derjenigen, die dem Volk sagen, was Volkes Wille sein soll.“

Über den Autor: Howard Jacobson, geboren 1942 in Manchester, zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Booker-Preis. Mit „Pussy“ erscheint Jacobsons neuester Roman auf Deutsch bei Tropen.

Tropen Verlag, Howard Jacobson: „Pussy“, Roman, 272 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

www.klett-cotta.de

  1. 2. 2018

Shūsaku Endō: Skandal

Januar 23, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine japanische „Jekyll & Hyde“-Geschichte

Schwer kommt man umhin zu fragen, inwieweit sich der Autor als Figur eingebracht hat: Shūsaku Endō, der gefeierte japanische Schriftsteller, längst mit eigenem Museum geehrt, Katholik und Verfasser sich mit dem Christentum befassender Romane, sein berühmtester, „Schweigen“, von Martin Scorsese verfilmt. In „Skandal“, im Wiener Septime Verlag nun posthum auf Deutsch veröffentlicht, entwirft er einen Charakter namens Suguro, ein angesehener Mann, wie er selber Preisträger und von der Literaturszene Sondergestellter, und entwirft entlang ihm in mehrfachem Sinne sowohl eine „Jekyll & Hyde“-Geschichte als auch ein Schuld-und-Sühne-Thema.

Suguro ist Christ. Ebenfalls Schreiber von, wie er sagt, schwarz-düsteren Werken. „Und während er die finstere Seele seiner Gestalten beschrieb, war ihm, als geriete er selber in eine ebenso finstere Gemütsverfassung. Um ein hässliches Herz zu beschreiben, brauchte man selber ein hässliches Herz.“ Hässlich ist ein Schlüsselwort in Endōs Buch. „Es gibt im Menschen eben auch ein Entzücken an der Verderbtheit“, heißt es da.

Und noch vor dem Protagonisten ahnt man ob dieser Worte, dass sich das Böse anbahnt, dass dessen gutbürgerliches, verheiratetes, alltägliches, gegen jedes Klischee vom verruchten Autor geführte Leben bald in Scherben liegen wird. In diese „Welt, die nach Waschpulver duftet“ dringt der Feind. Ausgerechnet bei einer Feier zu seinen Ehren wird Suguro von einer betrunkenen Frau angesprochen, die vorgibt, ihn aus dem Rotlichtmilieu Tokios zu kennen. Der „Skandal“ ist perfekt. Die Frau entpuppt sich als Straßenmalerin, und tatsächlich gibt es von ihr ein Porträt Suguros, „aber es sieht gemein aus“. „Das war zwar sein Gesicht, aber der Ausdruck darin, … der war widerlich und lüstern.“ Hat er einen degenerierten Doppelgänger? Ein zweites Ich? Suguro glaubt das Gesicht des Kerls auf dem Fest zwischen seinem Verleger und seiner Lektorin aufblitzen gesehen zu haben.

Sorgfältig legt Endō seine Fährten aus. „Skandal“ ist ein Page Turner, man kann das Buch kaum aus der Hand legen, will es in einem Zug auslesen, bis man zu des Rätsels Lösung vorgedrungen ist. Doch mit all dem Thrill malt der gewiefte Autor auch ein Sittenbild der japanisch-christlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der das Formulieren von Wünschen, das Ausleben von Emotionen und Leidenschaften nach wie bis zur fast Krankhaftigkeit unterdrückt wird. Der unterdrückte Trieb wird von Endō als Zustand des Erstickens beschrieben, die Erlösung daraus führt unweigerlich zur Sünde. Nicht von ungefähr wohl gefällt es dem abartig gemeinen Suguro seine weiblichen Opfer bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen.

Bild: pixabay.com

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Dies erfährt man, weil dessen artiges Alter Ego auf der Suche nach Antworten bis in die Tokioter SM-Szene vordringt. Und siehe, da gibt es die Menschen mit den zwei Gesichtern tatsächlich, und damit die sich stellende Frage nach dem wahren Ich des Individuums. Suguro, der gute, lernt die geheimnisvolle Madame Naruse kennen – „solch eine Frau war ihm bisher noch nie begegnet und war auch nicht unter den Figuren, die er in seinen Werken gestaltet hatte: Ein weibliches Wesen, das voller Widersprüche steckt. Eine Frau, grausam und im nächsten Augenblick so gutherzig, als wäre sie plötzlich eine andere“ -, die todessehnsüchtige Künstlerin Motoko Itoi und das arglose Mädchen Mitsu.

Immer schneller beginnt Endō an der Gewaltspirale zu drehen, ohne, dass er die Gewalt dabei durchdeklinieren muss. Nicht mehr passiert an Rage als ein von Speichelfluss befallener Alter; den sich anbietenden Sex in der Story lassen sowohl Endō als auch Suguro aus – „Sie vermeiden es, über die tiefsten Tiefen der geschlechtlichen Beziehungen zu schreiben“, wirft diesem Madame Naruse an einer Stelle vor. Suguro und sein Schöpfer, man wird es erfahren, legen es als Schriftsteller eben darauf an, in die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele vorzudringen, das beinah Poe’sche Unheimliche dieses Buches dabei ein nagendes Gefühl im Bauch.

Der Autor lässt seine Figur schließlich erkennen, dass das Böse in dieser geschildert kalten Winterwelt keine Vorstellung, sondern ein Wille ist. Der in Schopenhauer’schem Sinne nicht zwingend an Vernunft geknüpft sein muss. „Es gibt Mächte in uns, denen mit Vernunft nicht beizukommen ist.“ Welch ein wahrhaft kraftvolles Buch, eines mit Sogwirkung, und wie finster und aussichtslos darin die Aussage übers Mensch- und Unmenschsein. Das ist ein „Skandal“!

Über den Autor:
Shūsaku Endō (1923–1996) studierte französische Literatur in Japan und katholische Literatur in Frankreich. Er gilt in Japan als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller und erhielt unter anderem den Akutagawa-Preis, den wichtigsten japanischen Literaturpreis. Seine Hauptwerke sind die Romane „Schweigen“, „Samurai“ und „Skandal“, alle drei erschienen bei Septime.

Septime Verlag, Shūsaku Endō: „Skandal“, Roman, 312 Seiten. Übersetzt aus dem Japanischen von Jürgen Berndt

www.septime-verlag.at

  1. 1. 2018

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau

Januar 13, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Von den Bolschewiken zu ewigem Luxus verdammt

Lebenslanger Hausarrest im Hotel Metropol. So lautet 1922 das Urteil des Volkskommissariats über den „Genossen“ Alexander Iljitsch Rostov. Der Graf, kaum 30, nur deshalb nicht erschossen, weil er als „Held der vorrevolutionären Zeit“ gilt und ohnedies im Haus residierend, wird von seiner eleganten Suite in eine Dachkammer im Dienstbotentrakt verfrachtet. Ein neues Leben muss beginnen. Und der Blaublüter beschließt, kein Edmond Rostand samt dessen Rachegelüsten zu werden, sondern wie Robinson Crusoe eine „neue Insel“ zu entdecken …

Dies die Ausgangsposition von Amor Towles‘ Roman „Ein Gentleman in Moskau“. Der US-Autor legt damit nach „Eine Frage der Höflichkeit“ sein zweites Buch vor, und auch dieses besticht mit seiner schönen Sprache und die schelmische, liebevoll sarkastische Art, mit der die Figuren gezeichnet sind und deren Handlungen verfolgt werden. Es ist ein Lesevergnügen in die Tiefen des vornehmen Metropol abzutauchen; Rostov, die in Ungnade gefallene „Ehemalige Person“, entdeckt sie auf seinen von der Langeweile getriebenen Streifzügen als Welt im Kleinen mit Restaurants und Cafés, mit Blumenladen, Zeitungskiosk und hauseigenem Barbier.

Und während mehr zwischen den Zeilen als ausgeschrieben die neuen Zeiten heraufdämmern, pflegt Herr Graf, wie ihn das Personal unverwandt nennt, den freundlichen Konversationston. Eine besondere Höflichkeitsform, so opulent wie altmodisch – und absolut charmant. „Denn Gepränge hält sich mit großer Hartnäckigkeit. Außerdem ist es listig. Demütig senkt es das Haupt, wenn der Kaiser die Stufen hinabgestoßen und auf die Straße geworfen wird. Doch dann, nachdem es eine Weile still abgewartet und dem neu ernannten Lenker in sein Jackett geholfen hat, macht es ihm zu seinem Aufzug Komplimente … und Gepränge richtet sich abermals neben dem Thron ein, nachdem es sich wieder einmal die Herrschaft über die Geschichte gesicherrt hat.“

Nun stehen im Leben des Adeligen große Veränderungen an. Die eine ist die Bekanntschaft mit dem Mädchen Nina Kulikowa, der Vater ein hoher Beamter, sie ebenfalls eine „Gefangene“ des Hauses, weil die ländlich-sittliche Gouvernante den Schritt hinaus ins Moskauer Stadtleben nicht wagt. Ein altkluges Kind, das die versunkene Welt der einstigen Prinzessinnen kennenlernen will, und den Grafen zu gemeinsamen Erkundungen durch das Hotel anstiftet. Eben der, dank seiner guten Manieren und seines exquisiten Geschmacks nur für eine Aufgabe im Haus geeignet, wird Oberkellner im Nobelrestaurant Bojarski.

Bild: pixabay.com

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So geht es durch die Jahre. Durch die Säuberungsaktionen der neuen Sowjetregierung, schließlich durch den Zweiten Weltkrieg; eingeschlossen in seiner Blase erkennt der Graf die nun regierende politische Willkür und erlebt, wie Mitläufer zu Chefs werden. Dabei verändert er mit seiner alten Art die Leben in seiner Umgebung, vom Portier bis zur Näherin. 1954 wird es schließlich werden – und kein Ende seines Ausgehverbots abzusehen. Der Graf, Beispiel für zeitlose Werte und Tugenden, bleibt dabei stets der gleiche, nur die Welt dreht sich, das Hotel Metropol mit seinen je nach Machtgefüge wechselnden Gästen ein Abbild davon. Sogar Rostovs bester Freund und ehemaliger Studienkollege Mischka passt sich an. Er wird ein wichtiges Mitglied im kommunistischen Schriftstellerverband …

Towles gelingt es, dem Leser im Zeitraffer die jüngere wechselhafte Geschichte Russlands – Lenin, Stalin, Chruschtschow – zu vermitteln. Dass Bolschewismus, Kommunismus und ihre politischen Führer dabei heftig, wenn auch wenig konkret, sondern akademisch-amerikanisch, gescholten werden, während das frühere feudalwirtschaftliche Adelssystem ohne Kratzer davonkommt, ist eine Verklärung, die man hinnehmen muss, will man mit dem „Gentleman in Moskau“ seine Freude haben. „Ein Gentleman in Moskau“ ist ein Buch zum Drinwohnen und sich Wohlfühlen, wie es sich für ein Luxushotel gehört. Dass draußen der jeweils systemimmanente Mord-und-Totschlag tobt, will man da nur gedämpft wahrnehmen. Der Roman verhält sich zur Wirklichkeit wie die „Dr. Schiwago“-Verfilmung zu Boris Pasternak.

Und so lässt einem der „glücklichste Mensch Russlands“ mit seinem fein-hintergründigen Humor und seiner spitzfindigen Wortwahl über die Welt an sich und den politischen Alltag im Besonderen das Herz aufgehen statt zusammenkrampfen. Das Ende? Ah ja, noch nicht ganz, aber: Nina wird Funktionärin beim Komsomol, und sie wird eine Tochter haben, Sofia, und die wird sie, wie sie’s selbst war, in die Obhut des Grafen im Hotel geben …

Über den Autor:
Amor Towles hat in Yale und Stanford studiert. Er ist in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.

List Verlag, Amor Towles: „Ein Gentleman in Moskau“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 1. 2018

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Dezember 10, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Roman eines großen Liebenden

Dies könnte das Buch eines EU-Gegners sein, das eines großen Satirikers ist es ganz bestimmt. Und das eines großen Liebenden, eines glühenden Europa-Liebenden. Robert Menasse legt mit seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ eine unterhaltsame Farce über Brüsseler Verhältnisse vor. Die muss man aber erst einmal verdauen. Ein Schwein wird da im Wortsinn zum running gag, rennt im Schweinsgalopp durchs Regierungsviertel, eine Sauwirtschaft ist das, anhand der Menasse klarer als jedes Sachbuch erklärt, wie Wirtschaft in der EU funktioniert. Als Vorarbeit gab’s einen Essay, „Der europäische Landbote“, nach der Theoriearbeit nun den Roman, die Kür.

Menasse macht sich lustig, erklärt aber auch viel. Besser hat man Brüssel noch nie verstanden. Für das Schwein ist jede EU-Abteilung einmal zuständig. Fürs Ferkeln, für das Futter, für die Schlachtung, für die Fleischverarbeitung. Das Schwein ist in aller Munde. Als Glücks- oder Sparschwein, als Nazischwein, als Drecksau, als Judensau. Darauf wird noch zu kommen sein. Einer der Protagonisten des Buches führt in Österreich einen Schweinemastbetrieb.

Deren fast ein Dutzend führt Menasse ein, in Parallelgeschichten, die sich zum Teil verweben, zum Teil auch nicht. Es gibt einen katholisch-polnischen Mörder, Mateusz Oswiecki, einen jüdischen Pensionisten, David de Vriend, der als Kind von dem Deportationszug sprang, der seine Eltern ins Gas brachte, und einen Kommissar Brunfaut, dessen Familie im antifaschistischen Widerstand war, und der den Mordfall aus politischen Gründen zu den Akten legen muss. Das Blut, das Europa geboren hat, schwappt von unten in die humoristische Szenerie.

Bild: pixabay.com

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Und da ist das Big Jubilee Projekt. Die Kommission will ihr Image mit einem Festakt aufpolieren. Fenia Xenopoulou, die Fremde, die Beamtin in der ungeliebten Generaldirektion Kultur, will damit ihre Karriere aufpeppen. Sie beauftragt Martin Susman, kleiner Bruder des Schweinezüchters. Der will die letzten Holocaustüberlebenden einladen. Menasse versteht Europa als nachnationales Friedensprojekt. Nichts kann dieser Tage wichtiger sein. Europa – entstanden als Idee des „Niemals vergessen!“, des Niemals wieder Nationalismus als Nährboden für Faschismus und Nationalsozialismus. Klar, dass einige Nationalstaaten gegen die Idee aufbegehren …

Menasse ist als Erzähler göttlich komisch, allein seine U-Bahn-Beschreibungen, „die mechanisch sich bewegenden Menschenströme, die über Rolltreppen stapften, die außer Betrieb waren, sich weiterschoben durch die mit Sperrholz verschachtelten, verdreckten Korridore der ewigen Baustellen des Untergrunds, vorbei an den Pizzaschnitten- und Kebab-Verschlägen …

… schließlich der Windkanal des Aufstiegs zur Straße, hinauf in ein Tageslicht, das nicht mehr vordringt in die trübe Seele“, ist ein Marionettenspieler, der die Fäden aber auch zeigt, sein Buch frech, witzig, raffiniert gebaut. Die komplexe Erzählweise, die Struktur spiegelt die Struktur der europäischen Union wider. Der Roman verzahnt sich wie die Abteilungen, Abkürzungen, Positionen, Prä-Positionen, wie Gremien im Kampf gegeneinander und die Mitarbeiter beim Intrigenspiel. Menasse zeigt nicht nur, dass die EU literaturfähig ist, sondern einen polyglotten Kosmos mit Figuren aus Fleisch und Blut.

Unglaublich, wie empathisch er sich in seine literarischen Geschöpfe einlebt, deren Biografien er erst nach und nach enthüllt. Er geht von den Mechanismen zu den Menschen, immer geht es ihm um zwei Agenden: die Sachagenda und das eigene Fortkommen. „Mrs Atkinson studierte die Papiere, Tabellen, Prozentrechnungen, Graphiken, Statistiken, und sie fragte sich, wie es zu diesem dramatischen Vertrauensverlust in die Institution hatte kommen können …  Bezeichnend fand sie, dass es keine Kritik an den eigentlichen Aufgaben der Kommission gab, offenbar waren diese den Menschen gar nicht bekannt.“ Robert Menasses „Die Hauptstadt“ ist ein Werk an dessen Nacherzählung man nur scheitern kann, was bedeutet, dass man es gelesen haben muss.

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Eine faszinierende Figur ist Alois Erhart, Wiener Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Think-Tank der Kommission eingeladen. Den er mit seiner Rede sprengt, weil seine Sorge einer Zeit gilt, in der Politiker das Sagen haben, denen der europäische Gründungsgedanke so weit entfernt ist wie eine gute Kinderstube. „Aber dann? Wenn der Letzte gestorben sein wird, der bezeugen kann, aus welchem Schock heraus Europa sich neu erfinden wollte – dann war Auschwitz für die Lebenden so weit abgesunken wie die Punischen Kriege.“

www.suhrkamp.de

  1. 12. 2017

Hosea Ratschiller: Der allerletzte Tag der Menschheit. Mit Cartoons von Stefanie Sargnagel

November 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Karl Kraus in die Gegenwart herüber gespürt

„Natürlich ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“, antwortete Karl Habsburg angesprochen auf den Ersten Weltkrieg. Diese Worte des Kaiserenkels inspirierten den Humoristen Hosea Ratschiller zu einer lustvollen Schmierenkomödie über den allerletzten Tag der Menschheit. Aus Notwehr hat er Karl Kraus´ Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ in die Gegenwart herüber gespürt und eine feierliche Gala zu Ehren der hervorragenden Gegenwart vorbereitet: „Der allerletzte Tag der Menschheit“.

Das Kabarettprogramm wurde 2016 mit dem Österreichischen Kabarettpreis und 2017 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Nun liegt der Text als Buch vor, aufgepeppt mit witzigen Cartoons von Satire-Kollegin Stefanie Sargnagel. Ein Protokoll über den allerletzten Tag der Menschheit: Österreich an einem heißen Sommertag. Das nahende Ende liegt in der Luft und das von Karl Kraus beschriebene „österreichische Antlitz“ zeigt sich in seiner Vielfalt und in seiner Hässlichkeit.

Weil, eine Boulevardzeitung hat einen neuen Weltkrieg ausgerufen. In den darauffolgenden Verwirrungen begegnen einem der Kommunismus im Altersheim, ein Bundeskanzler, der für sein Abendessen autorast, und dem Glücksspiel verpflichtete Selbsthilfegruppen nahe der Sezession: „Nur ein Beispiel: Das Gebäude, wo wir unser Kulturforum rein getan haben, wunderschön, direkt gegenüber von der Secession, kennt man. ,Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit‘. HA! Nein, wirklich wunderschön, Art Deco, alles da. Ich war so glücklich, wo wir es gekriegt haben. Aber dann klopft der Chef von meiner Compliance und sagt: In dem Gebäude war in der sogenannten Nazizeit ein Reisebüro, ganz normales Geschäftsmodell, Fahrkartenverkauf, Detail, für Fahrten in Konzentrationslager. Ja. Schauen Sie mich nicht so an. Die deutsche Reichsbahn hat auch nix zum Verschenken gehabt …“

Ein Waffenhändler philosophiert bei den Salzburger Festspielen: „Was mit einem Land geschieht, dass sich zur falschen Zeit weigert, Eurofighter zu kaufen, das könnt ihr gerade in Griechenland beobachten. Da is nix mehr mit ,queerfeministisches  Tanztheater auf Kosten des Steuerzahlers‘. Da ist jetzt nur mehr Überlebenskampf. Und ich darf schon erinnern: Österreich war ganz oben mit dabei, in der Liste der Pleitekandidaten. Mafia, aufgeblähte Verwaltung, Korruption, besser könnte man Österreich doch kaum beschreiben. Aber der Grieche, der war eben zusätzlich noch bockig beim Eurofighter, und jetzt muss er die Kröte schlucken. Das sagt man doch so? Ach, ich liebe Österreich“.

Bild: Stefanie Sargnagel

Und Deutschlehrer lernen mittels Döner die türkische Kultur kennen: „Kunde: Ich habe keinerlei Vorurteile. Nie gehabt. Aus diesem Grunde möchte ich nun bei Ihnen einen Döner bestellen, junge Frau. Um genau zu sein einen Döner in Pide. Denn erst der Zusatz ,in Pide‘ stellt klar, dass ich mich für ein Grillfleisch-Sandwich interessiere, wie Sie wissen. Verstehen Sie unsere Sprache? Verkäuferin: Mit Alles? Kunde: Zwiebel, Tomate, Soße. Und über den Grammatikfehler sehe ich galant hinweg. Verkäuferin: Mit Scharf? Kunde: Auch das lasse ich gelten. Der Anatole weiß, aber auch seine Frau weiß es: An heißen Tagen soll man scharf essen. Sie bemerken: Ich bin durchaus bereit, von Ihrer Kultur zu lernen“. „Serbien muss sterbien“ kommt vor, und die Schalek. Sehr böse ist das, dieses Kaleidoskop der Gesellschaft.

Hosea Ratschiller beschreibt in seiner Collage voll Ironie und schwarzem Humor, wie diese letzten 24 Stunden in Österreich verlaufen könnten. Dafür erweckt er 43 höchst unterschiedliche Charaktere zum Leben.

Eine lustvoll-satirische Revue zum Zustand des Wesens „Österreich“, die mit intelligentem Witz, scheinbar spielerisch, die Abgründe in Gesellschaft und Gegenwart aufspürt.

Über den Autor: Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt, ist ein österreichischer Schauspieler (derzeit mit „Harri Pinter Drecksau“ in den heimischen Kinos), Kabarettist, Kolumnist und Radiomacher. Ratschiller hat in Wien ein Studium der Geschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft abgebrochen. Anschließend leistete er Zivildienst im Sanatorium der Israelitischen Kultusgemeinde. Seit 2000 arbeitet Ratschiller beim Radiosender FM4 und seit 2009 auch für Radio Ö1.

Holzbaum Verlag, Hosea Ratschiller (Text), Stefanie Sargnagel (Cartoons): Der allerletzte Tag der Menschheit (Jetzt ist wirklich Schluss), Theaterstück, 64 Seiten

www.holzbaumverlag.at

www.hosearatschiller.at

  1. 11. 2017