Kent Haruf: Abendrot

Oktober 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemeinsam ist man weniger einsam

Bis vor zwei Jahren noch galt Kent Haruf absolut als Geheimtipp, sechs Romane hat der 2014 verstorbene US-Autor insgesamt verfasst, und erst als der letzte, „Unsere Seelen bei Nacht“, mit Jane Fonda und Robert Redford prominent verfilmt wurde, erlangten Harufs Bücher posthum Bestseller-Status. Bei Diogenes ist nun erstmals Band vier auf Deutsch erschienen, „Abendrot“, das Original bereits im Jahr 2004, und wie in allen von Harufs Arbeiten ereignet sich die Handlung auch hier in der fiktiven Kleinstadt Holt in den Great Plains, Colorado.

Kent-Haruf-Kenner werden also auf den einen oder anderen vertrauten Charakter treffen: Tom Guthrie taucht wieder auf, der Lehrer, dessen Ehefrau sich aus dem Staub gemacht hat, und der jetzt allein mit seinen zwei kleinen Söhnen den Alltag stemmen muss, auch Toms Kollegin Maggie Jones, die das schwangere, von der Familie vor die Tür gesetzte Mädchen Victoria auf der Ranch der beiden McPheron-Brüdern unterbrachte, den eingefleischten Junggesellen Harold und Raymond. An diesem Vorwissen kann sich, wer’s hat, erfreuen, es ist allerdings nicht notwendig, um die Lektüre von „Abendrot“ zu genießen.

Haruf, überzeugter Hillbilly aus dem Middle of Nowhere des Mittleren Westens, beschreibt, womit er sich auskannte: die einfachen und größtenteils liebenswerten und guten Gottesgeschöpfe in ihren Sorgen und Nöten, beschreibt die sich von Seite zu Seite stetig zu einem großen Ganzen verbindenden Schicksale der Holt-Gemeinschaft, schreibt über scheiternde Beziehungen und von ihren Eltern vernachlässigte Kinder, über das Standardbesäufnis am Wochenende, über ungeahnte Hilfsbereitschaft und leidenschaftlichen Hass, über Ängste, Niederlagen und Triumphe, über das kleine Glück und den Traum, aus dem be*** scheidenen Alltag auszubrechen und anderswo neu anzufangen.

Der besondere Zauber von Harufs Erzählkunst besteht in der kitschfreien, prägnanten Art, mit der er seine Storys festhält, seine schlichte Sprache, sein Kein-Wort-zuviel-Stil sind wie den Menschen vom Mund abgeschaut, und dabei von einer behutsamen, anrührenden Poesie – deren Verse sich auf die Wahrheit reimen, dass der Einzelne nur existieren kann, wenn ein anderer zumindest eine Zeit lang mit ihm den Lebensweg geht. Gemeinsam ist man weniger einsam …

„Abendrot“ ist einmal mehr eine Collage von mindestens einem Dutzend Geschichten, ein komplexes Gespinst aus x-en Figuren, Protagonisten, die sich Haruf nach und nach und voll Empathie für – fast – jeden von ihnen herauspickt, um sie samt ihren Problemen in pointierten Porträts zu präsentieren. Und so spielen im Holt’schen Mikrokosmos diesmal die kauzigen McPheron-Brüder die wichtigsten Rollen. Über sie erfährt man, dass Victoria inzwischen ihre Tochter Katie zur Welt gebracht hat, dann allerdings zum Studium nach Fort Collins umzog. Als Harold eines Tages von einem wütenden Bullen zu Tode getrampelt wird, ist Raymond plötzlich allein auf der Welt – bis Maggie und Tom ihn zu einem Samstagabendtanz mitnehmen, wo man „zufällig“ auf Rose Tyler trifft.

Bild: pixabay.com

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Die sich zu sehr in ihre Fälle involvierende Sozialarbeiterin, wie Raymond auch sie eine mit Ecken und Kanten, ist im Wortsinn neu in Holt, und mit ihr beleuchtet Haruf auch erstmals ihre randständige Klientel, die Parias des Prekariatsamerika, die, die der Turbokapitalismus längst abgehängt hat. Zu ihnen zählen Betty June und Luther Wallace und ihre Kinder Richie und Joe Rae, die in unsäglicher Ärmlichkeit in einem Wohnwagen hausen – was vor allem Richie zum Gespött der Mitschüler macht. Haruf skizziert die Wallaces als die Sorte von Leuten, denen ihr verpatztes Dasein die Energie geraubt hat, um sich noch irgendwie aus dieser Abwärtsspirale zu retten.

Selbst als Betty Junes cholerischer Bruder Hoyt Richie und Joe Rae bis aufs Blut prügelt, wissen sie nicht sich zu wehren, und als das Jugendamt die heißgeliebten Kinder einer Pflegefamilie übergibt, bringen sie nicht die Kraft auf, etwas zu unternehmen. Zu den zärtlichsten Episoden zählen die von DJ und Dena, beide elf Jahre alt, er beherbergt von seinem kranken Großvater, um den er sich mehr kümmern muss, als der’s um ihn kann, sie Tochter einer Mutter, die ihren Kummer in Hochprozentigem ertränkt, ist doch der Vater nach Alaska abgehauen. Wie sich diese beiden verlorenen Seelen finden und sich in einem desolaten Schuppen wie „Erwachsene“ ein Ersatzzuhause einrichten, das ist was fürs Herz.

Am Ende steht nicht immer ein Happy End, etliche Krisen-Situationen haben keinen alles klärenden Schluss, ihr Ausgang bleibt dahingestellt. Wie’s eben so geht mit Wünschen und Wollen und Erwartungen. In „Abendrot“ ist nachzulesen, wie schön und wie schrecklich es auf Erden zugehen kann. Wer unter anderem erfahren möchte, ob bei Rose und Raymond der Liebesblitz einschlägt, dem sei dieser großartige, mal humorvolle, mal traurige Roman aufs Wärmste empfohlen.

Über den Autor: Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, „Unsere Seelen bei Nacht“, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Haruf starb 2014.

Diogenes, Kent Haruf: „Abendrot“, Roman, 416 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von pociao.

www.diogenes.ch

  1. 10. 2019

Kurt Palm: Monster

September 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit freischwimmenden Fischen ist …

Es ereignet sich ungefähr folgendes: 1. Am bis dahin lieblichen Rottensee dreht Horrorlegende George A. Romero einen seiner berühmt-berüchtigten Zombiefilme. 2. Unter die Statisten mischt sich ein tschetschenisches Lesbenpaar, zwei Vampirinnen, die Männer nach dem Aussaugen auch noch gern auf Herz und Nieren prüfen. 3. Die Innenministerin, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins ortsansässige Asylwerberheim gezwungen, isst von einem original-afrikanischen Eintopf, in dem unbemerkt eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt. 4. Am nächsten Tag werden im Strandbad der Fuß einer Frau und die Hinterhaxe eines Hundes angeschwemmt …

Was vergessen? Sicher. Denn die Fülle an Handlungssträngen und Figuren, mit denen Kurt Palm seinen jüngsten Roman „Monster“ flutet, lässt alle erzählerischen Dämme brechen. Sein aberwitziger, absurder Trash-Text changiert einmal mehr zwischen Krimisatire, Politgroteske und beißender Gesellschaftskritik. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig, ebenso die Ähnlichkeit mit Fischen, möchte man sagen, denn wie Polizist Alfons Stallinger, er der Bruder von Gendarmerieinspektor Arthur Stallinger aus „Bad Fucking“, mutmaßt, treibt im Gewässer ein riesiger sein Unwesen.

Aber wer hört schon auf den diensthabenden Wasserphobiker, der am liebsten im Wachzimmer Socken strickt. Palm hat sich für sein Buch zweifellos von seiner Ursprungsregion inspirieren lassen. Von den typischen Tourismushochburgen mit Hang zur freiwilligen Selbstverkrümmung vor zahlenden Gästen, wo Oligarchen aller Herren Länder mit Schützenverein und Goldhaubengruppe becircen werden und gewiefte Lokalpolitiker das „Landidyll“ als Schlagwort des Schweigens über der sumpfigen Vergangenheit der Provinz ausbreiten. Mitten unters Kuriositätenkabinett seiner Charaktere mischt Palm nämlich die beiden Momente, mit denen er erneut die österreichische Mentalität aufmischt. Das „Monster“ ist kein Seeungeheuer, macht er alsbald klar, sondern der Seinszustand der Republik.

Und so stellt er einerseits die nigerianische Familie Nkwongu in den Mittelpunkt, der Vater und seine beiden Kinder über Libyen geflüchtet, die Mutter von der Boko Haram entführt, andererseits die Geschichte des Altbauern Matthias Ablinger, der als 15-Jähriger beim Volkssturm die an einem abgeschossenen US-Piloten verübte SS-Lynchjustiz miterleben musste. Als er zu seinem Schrecken der Zeitung entnimmt, dass der damalige Täter, Obernazi, Altbürgermeister Flachberger zum 90er geehrt werden soll, beschließt er, für späte Gerechtigkeit zu sorgen – und er macht sich auch auf die Suche nach William Lesters Enkel, um diesem die Erkennungsmarken seines Großvaters auszuhändigen.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Wie in „Monster“ des Weiteren der Filz aus Innenpolitik und Wirtschaftsinteressen, wie der sich hinter Trachten tragender Hoamatlichkeit und Schlagergeschunkel nur noch schlecht verbergende Nationalismus karikiert wird, macht daraus das Buch zur Stunde. „Tradition, Volkskultur, Scholle, Herrgott, Brauchtum, Familie, Kirche, Vaterland, Verbundenheit, Gemeinschaft, Christentum und Gesinnung“, skandiert der Kameradschaftsbund bei der Flachberger-Feier die abendländischen Werte. Palm skizziert seine zur Kenntlichkeit entstellten Geschöpfe messerscharf: die abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter, „die im Profil wie ein Vogel aussah, der lange nichts zu essen bekommen hatte“, und die in einem Alter war, „in dem die Halsketten immer opulenter, die Ohrringe immer größer und die Haut immer schlaffer wurden“.

Den skrupellosen Immobilientycoon Alexander Prix, Koks- und Splatterfan, Bestechungsexperte unter Sektionschefs, finanziell potenter Blutsauger, ein Sexsüchtiger, der schließlich zum Vampirinnenopfer wird; den Volks-Rock-’n’-Roller Nummer eins, Andreas Mastwächter, der auf einem Schiff im See ein Konzert geben soll, bei dem ihn allerdings der Riesenfisch zum Anbeißen findet. Das Wesen, versteht sich im Zusammenhang, ist ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, der weiland wohl so etwas wie „Filets fürs Volk“ vorschwebte …

Derart (ver)führt einen Kurt Palm mit dem ihm eigenen sarkastischen Gruselklamauk von Chaos zu Katastrophe, von Tief- zu Höhepunkt. Die Spur der Flüchtlingsfamilie verliert sich zwischen den Seiten, dazu macht der Autor eine empathisch-autobiografische Notiz. Vernichtende Schicksalsschläge und selbstverschuldetes Unglück, Verrat, Betrug, Suizid, eine Liebe ohne Hoffnung, ereignen sich hingegen in den Nebensätzen dieses Blut-und-Beuschel-Dramas. Das erste Ende ist so apokalyptisch, dass es einen Lachen macht. Das zweite ist der große Todernst. „Und das Land lag öd und leer, und die Zeit war endlos und schwarz.“

Über den Autor: Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, Studium der Germanistik und Publizistik, wurde mit der gefeierten TV-Produktion „Phettbergs nette Leit Show“ (1994-96) bekannt. Sein Bestseller „Bad Fucking“ wurde 2011 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet und war auch als Film erfolgreich. 2014 folgten der Film „Kafka, Killer und Chaoten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9435) und der Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6798). Bei Deuticke erschien zuletzt 2017 sein Roman „Strandrevolution“. „Monster“ wird ab 5. November als bitterböse Bühnenshow im Wiener Rabenhof gezeigt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35845).

Deuticke Verlag, Kurt Palm: „Monster“, Roman, 304 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke           www.palmfiction.net/blog

Teaser zu „Monster“: www.youtube.com/watch?time_continue=20&v=sOell6t-H4s

  1. 9. 2019

Johannes Gans/Eva Wrazdil: Weingeschichten aus Friaul

Juli 23, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarische Reise zu edlen Reben

„Mandi!“ lautet der herzliche Willkommensgruß in Friaul. Er bedeutet: Komm herein, nimm Platz und trink ein Glas Wein mit mir. Was gibt es auch Schöneres, als gemütlich mit Winzern beisammen zu sitzen und zuzuhören, wenn sie über ihre Arbeit, ihre Philosophie und die Geheimnisse ihres Weinguts erzählen?

Johannes Gans und Eva Wrazdil laden mit ihren „Weingeschichten aus Friaul“ zu einer literarischen Reise in die geheimnisvollen Tiefen der Weinkeller zwischen Udine, Cividale und Triest ein. Dorthin, wo die Seele dieser reizvollen Landschaft zu spüren ist, die sich nirgendwo deutlicher als im Wein offenbart. Ob es ein Weingarten zwischen den Wasserkanälen der Lagune ist, ein nobler Graf, der auf ein jahrhundertealtes Familienerbe zurückblickt, oder ein kleiner Weinbauer, der neben seinen autochthonen Weinen auch köstliche Salami und Prosciutto produziert: Jedes der vierzig Weingüter, die vorgestellt werden, hat eine spannende Story zu bieten, die Lust macht, die edlen Tropfen zu verkosten.

Dies am besten mit diesem – dank der üppigen Bebilderung mit Fotos von Eva Wrazdil – wunderbar gestalteten Band als Reiseführer, mit dem sich die kulturellen und kulinarischen Köstlichkeiten dieser Region kennenlernen lassen. Vom schlossähnlichen Weingut „Il Roncal“ der Martina Moreale, einer ehemaligen Bankerin, die es der Liebe wegen zur Landwirtschaft zog, über den futuristischen Präsentationsraum von „La Tunella“, den die Familie Zorzettig mit Glasplatten auslegen ließ, damit darunter der Naturboden, die Ponca, zu sehen ist, geht’s zum historischen Bauernhaus der Foffani, wo Elisabetta und Giovanni im denkmalgeschützten Gebäude aus der Zeit um 1500 wirken.

Das Weingut Il Roncal gleicht mit seiner Grotte und seinem Turm einem Schloss. Bild: Eva Wrazdil

Fabjan di Giusto Fabiani: Zum Bianco Pulje gehört Prosciutto. Bild: Eva Wrazdil

Der Weingarten von I Magredi erinnert an barocke Landschaftsgestaltung. Bild: Eva Wrazdil

Malerisch: Castello di Miramare über der Bucht von Grignano nahe Triest. Bild: Eva Wrazdil

Gans und Wrazdil wissen aber nicht nur vom Rebensaft und dessen Produzenten zu berichten. Sie geleiten ihre Leser, ganz nach dem Motto „vino è cultura“, auch zu den Sehenswürdigkeiten des Friaul. Wie dem Dom Santa Maria Assunta mit dem berühmten Altaraufsatz des Patriarchen Pilgrim II. in Cividale del Friuli, der Abtei von Rosazzo, im neunten Jahrhundert Klause des Einsiedlers Alemanno, bis 1823 erweitert zum Sommersitz der Bischöfe von Udine, oder der Borgo Castello, der Festung der Grafen von Gorizia, die die Habsburger als Demonstration ihres Machtanspruchs mit einem Doppeladler überm Tor versehen ließen.

Weil aber Refosco, Verduzzo oder Scioppettino allein auch nicht glücklich machen, gibt‘s Ausflüge in Cafés und Bars, zum Gubana, dem „dolce tipico“ in Friaul, einem Grappa-getränkten Kuchen, zum Geschmacksexperiment dreißig Jahre alten „Asperum“, einen pikantsüßen Balsamico, auf Orangenschokolde zu probieren, oder, wer’s lieber deftiger mag, zu Salumi, Orzotto, einem Gerstengericht mit Salsiccia, oder einer in Chardonnay geschmorten Gans, der Spezialität von Monica und Giorgio Zaglia. Zum Abschluss, natürlich ein Gläschen Passito, dem aus nahezu rosinierten Trauben gemachten Süßwein, und von Johannes Gans ein Glossar, damit man den Genuss das nächste Mal auch mit Fachvokalen wirken lassen kann. Alla vostra salute!

Über die Autoren: Johannes Gans: Jahrgang 1955, Studium an der Universität für darstellende Kunst, seit 30 Jahren freier Journalist, unter anderem im ORF-NÖ, als Buchautor bei mehreren Verlagen (unter anderem Falter, Stocker) tätig und seit 2010 Herausgeber des online-Magazins „Kultur & Wein“. Eva Wrazdil: 41 Jahre Fotografin bei Foto Simonis, anschließend als freie Fotografin für diverse Bücher (unter anderem Klostergeheimnisse, Wachau Reiseführer, Handwerk und seine Meister) tätig, derzeit zuständig für die grafische Gestaltung im online-Magazin „Kultur & Wein“. www.kulturundwein.com

Verlag Anton Pustet, Johannes Gans, Eva Wrazdil: „Weingeschichten aus dem Friaul“, Sachbuch, 160 Seiten.

www.pustet.at

  1. 7. 2019

Aura Xilonen: Gringo Champ

Juni 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schnellste Faust von Mexiko

„Und da durchfährt es mich, als die Mickerficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbomodus, und ihr dreckig ins Ohr sülzen: Ich kann mich in ein anderes Leben hangeln, wenn ich diese fokkin Meridianer trashe. Bin schließlich tot auf die Welt gekommen und habe kein Fünkchen Schiss.“ So beginnt Aura Xilonens Debütroman „Gringo Champ“, und wenn es über dieses Sprachwunderwerk etwas zu sagen gilt, dann über ebendiese, hat die junge mexikanische Autorin für ihren Protagonisten doch einen Kunstgangstaslang erfunden, der sich liest, als würde sie Bilder von Frida Kahlo, Amado de la Cueva und Rufino Tamayo Snapchat-tauglich machen.

Ungeniert mixt sie die Worte zu neuen Klängen, erschafft neu, was ihr an Vokabular fehlt, jongliert mit Silben und Sätzen, und dies alles, ohne, dass der Ausdruck Schaden nimmt. Sie lässt auf hämmernden Prosa-Beat Stellen von geradezu betörend schöner Suggestivkraft folgen, etwa wenn der Ich-Erzähler seine armselige Existenz derart fliehen will: „Ich wünschte mir ein Laubblatt, das mich in den Orbit befördert und mich dort sanft in den Schlaf wiegt, zwischen den Scheißsternen.“

Kaum je kamen Four-Letter-Words lyrischer zum Einsatz als hier, dass sich das auch in deutschsprachiger Übersetzung erschließt, ist das sagenhafte Verdienst von Cervantes-Expertin Susanne Lange, die Xilonens Tanz vom Trash zum Tragischen mitgeht, als wär’s das Wenigste. „Gringo Champ“ ist ein märchenhafter Entwicklungsroman, in dem die devastierte Sprache die Gemütsverfassung des jugendlichen Helden abbildet. Liborio heißt er, ein Name, der sich wohl nicht von ungefähr an Libro/Buch anlehnt, und ist einer, der noch vor Trumps Mauerbauplänen illegal über die Grenze gegangen ist. Sein Schicksal offenbart sich nach und nach in seinen Erinnerungen. Der Tod der Mutter, die prügelnde Patentante, die Flucht durch den „Scheiß-Rio-Bravo“, dann splitternackt in die Gringo-Wüste, wo ihm die Sonne fast bis zum Sterben die Haut vom Körper brennt.

Endlich ist der „Drexmex“ im Heiligen Land USA angekommen, findet einen Drecksjob in einer Buchhandlung, und weil ihm deren cholerischer Chief befiehlt „lies gefälligst was, wenigstens die Klappentexte, damit du weißt, worum es verdammt noch mal geht, und ein fokkin Book verkaufen kannst und nicht so ein brunzdummer Bastard bleibst“, beginnt Liborio sich mithilfe eines Wörterbuchs durch die Weltliteratur zu ackern.

Bild: pixabay.com

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Was seinen Sprachschatz bald zum Funkeln bringt. In die Chica, die er eingangs vor ihren Verehrern rettete, Aireen, verliebt er sich „pygmalionmäßig“, ihre Silhouette, die er durchs Fenster beobachtet, erscheint ihm wie ein „rembrandifiziertes Kunstwerk“.  In seine Unflätigkeiten streut Liborio nun in doppeltem Sinne Erlesenes. Doch wie seine Schöpferin über eine archaische Sprachgewalt, verfügt Liborio über ein großes Talent: eine schnelle, eine eiserne Faust. Wer sich mit ihm anlegt, spuckt Blut: „Zack! Bumm! Kawatsch! Ich niete ihm die Zähne um, bis er nur noch sein rotes, feistes Mus sieht.“ Und so tut sich ihm, knapp bevor er in der amerikanischen Vorhölle vor die Hunde geht, eine einmalige Chance auf – statt des Geklopfe auf der Street zum Profiboxer ausgebildet zu werden.

Die Odyssee dieses Outlaws, seinen auch mit Bibelsprüchen gepflasterten Passionsweg, begleiten wundersame Gestalten. Die irre Nora Dabbelju, die Liborio erst für eine Obdachlose hält, die sich aber als Journalistin entpuppt, die seine Geschichte veröffentlichen will. Abacuc Shine, der Betreiber einer Herberge für von ihren Eltern im Stich gelassene Kinder, in der Liborio wohnen und arbeiten wird, und der sich vorgenommen hat, den Jungen zu fördern. Mister Bald, so genannt, weil kahlköpfig, der sein Trainer wird. Und Naomi, die im Rollstuhl sitzt, weil ihr der Vater das Rückgrat gebrochen hat, hochintelligent und Liborio in Computerfragen wie Herzensangelegenheiten weit voraus. Dass ihr der letzte Satz des Buches gilt, will was bedeuten.

Bei allen Schilderungen von Gewalt, die Menschen Menschen antun, ist „Gringo Champ“ kein Unterschichtsblues. Kein weinerliches Klagelied auf die Vereinigten Staaten, wo schießwütige Ranger, Watchmen und selbsternannte Immigrantenjäger, diese fürs Freiwild ihrer Aggressionen halten, ebenso kein Melodram über die Situation der Mexikaner zwischen Drogenkartellen und deren Mörderbanden. Dafür lässt Aura Xilonen zu viele Fünkchen Hoffnung selbst in den schwärzesten Szenen aufblitzen. So wie sie die Möglichkeit eines kleinen Glücks für den einzelnen gegen das große Unglück, die Ungerechtigkeit der Welt aufwiegt, hat sie einen Corrido geschrieben. So nennt man die mexikanischen Volkslieder, in denen der Aufstieg eines einfachen Mannes zum Héroe national besungen wird. Damit kratzt sie natürlich an den Gefühlen des Lesers. Und das ist gut so.

Über die Autorin: Aura Xilonen wurde 1995 in Mexiko-Stadt geboren. „Gringo Champ“ ihr erster Roman. Er wurde mit dem Premio Mauricio Achar ausgezeichnet.

Hanser Verlag, Aura Xilonen: „Gringo Champ“, Roman, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange.

www.hanser-literaturverlage.de

  1. 6. 2019

Jörg-Uwe Albig: Zornfried

April 22, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Navi warnt vor Neonazis

Dieser Spessart gefällt Jan Brock gar nicht. Er hatte mehr an Wirtshaus, Spukschloss, Hänsel und Gretel gedacht, nicht an diese Eintönigkeit in Reih und Glied stehender Bäume, durch die er nun mit seinem klapprigen Peugeot fährt. Dass ihm das Navi angesichts eines Astes, den ein Sturm auf die Straße geschleudert hat, „Drehen Sie, wenn möglich, um“ empfiehlt, ist ein schöner Gag, allerdings keine Option. Denn der Journalist, der fürs Feuilleton der Frankfurter Nachrichten schreibt, ist unterwegs nach „Zornfried“. So der Titel des hochaktuellen, so amüsanten wie aufdeckerischen Romans von Jörg-Uwe Albig.

Der Name muss einem erst einmal einfallen – Zornfried, ehemals eine Ordensburg der Nationalsozialisten, nun Hort der Neuen Rechten, wo sich deren Vordenker versammeln. Unter ihnen Brocks obskures Subjekt der Begierde, der dunkle Ritter der neuen Intelligenz, von der Außenwelt durch den Burgherrn Hartmut Freiherr von Schierling schützend abgeschirmt, der Dichter Storm Linné, über den Ich-Erzähler Brock eine mit Interviews unterfütterte Reportage zu schreiben gedenkt. Aufmerksam geworden ist der Pressemann auf das Phänomen, als eine Handvoll von dessen Jüngern eine linksintellektuelle Diskussionsveranstaltung störten.

Ausgerechnet eine, die sich Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden auf die Fahnen geheftet hat, in der über „die Grenzen des Sagbaren“ und das Vermeiden von „Denkverboten“ philosophiert wird, wogegen der Storm-Trupp ein Linné-Zitat an die Wand sprüht. Beim Sparta-Verlag ist der dazugehörige Lyrikband schnell bestellt, ein Brock’scher Verriss folgt, gefolgt von Hasspostings, signiert mit Namen wie waldgaenger510 oder freyschaerler, gefolgt von einer Einladung Schierlings zum „zwanglosen Gedankenaustausch“.

Vor jedes Kapitel seines Buches stellt Albig ein Linné-Gedicht. „Schwertleite“ heißt eines: „Wachsam sind wir. An dunklen horizonten / Versammelt sich schon längst das fahle heer / Die krummen sicheln scheel gebeugter triebe / Verschorfter blätter büschel hinterm meer / Erwarten unsren schlaf. Doch wenn sie nahen / Dann schießt aus tiefer wurzel auf das schwert / Und schlägt herab die schlingende geile ranke / Und hackt die mispel fort die volkes saft begehrt.“ „Rattenkönig“ ein anderes, „das mich minutenlang husten ließ“, und ein Schelm, wer bei diesem schwülstig überspannten Blut- und Bodenpathos an gestrige Ostergrüße denkt. Man glaubt Albig aufs Wort, dass ihm das Reimen dieser völkischen Verse einen Riesenspaß gemacht hat, es ist beim Lesen auch gut Lachen, doch steckt in jeder dieser Oden ein beklemmender Rest, der über die Persiflage hinausgeht.

„Zornfried“ ist mehr als nur ein gelungene satirische Stimmimitation neonazistischer Bewegungen der Gegenwart, Staatsverweigerer und Identitärer und Wehrsportgruppen, der Roman ist auch eine messerscharfe Analyse des (social) medialen Umgangs mit diesen gesellschaftlichen Hervorbringungen. Ab wann macht man sich mit den Gemeinen gemein? Albig hinterfragt mit seiner elegant-pointierten, den Finger in die Wunden legenden Prosa sowohl den sensationsfreudigen Eifer in der Berichterstattung als auch den Sinn von den Dialog fordernder Toleranz im Windschatten liberaler Werte. „Man dürfe diesen versprengten Spinnern keine Bühne bieten“, meint etwa Brocks Feuilletonchef. „Wir können diese Leute nicht mehr ungeschehen machen“, so die durch keinerlei Distanz zu Rechts irritierte Kollegin vom Konkurrenzblatt, die sich ebenfalls auf Zornfried aufhält. „Unterstellungen, sagte sie dann, treiben sie nur noch tiefer in ihre Burg. Und alle Unentschlossenen gleich mit.“

Bild: pixabay.com

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Brock selbst gerät schließlich in Gefahr vom teilnehmenden Beobachter zum beobachtenden Teilnehmer zu werden. Sein Maß der Dinge ist, wie er sagt, brisante Entwicklungen im Keimstadium zu erkennen, um als erster etwas über sie zu Papier zu bringen. Mit dem Preis, samt ihnen mitunter vom Wege abzudriften. „Dass ich allmählich anfing, mich in Schierlings Redestrom treiben zu lassen, war, wie ich mir einredete, vielleicht schon das Eintauchen, das ich mir vorgenommen hatte“, denkt er so befangen wie gefangen: „Ich hörte mir Schierlings Reden an und spürte weniger Abscheu als Stolz.“ Brock, stellt der Leser fest, registriert mehr als er reflektiert, der Reporter erweist sich als Durchschnittstyp, als mittelmäßiger Held, nicht als kämpferischer Publizist.

Es ist die große Kunst Albigs Anspielungen an die Wirklichkeit immer nur anzutippen und nie auszuformulieren. Albig betreibt dies Handwerk mit komödiantischer Ernsthaftigkeit. Wunderbar, wie er den so gar nicht – wie erhofft – dämonischen, rechtskonservative Kalendersprüche klopfenden Schierling in dessen Opferhaltung porträtiert, wenn er im Gespräch gequält zur Balkendecke starrt, weil über ihm schon wieder „die Nazikeule“ geschwungen wird. Großartig, wie er mit allen nur erdenklichen Klischees und Milieus spielt, etwa Brocks Beschreibung vom Provinzgasthof, in dem er sich einmietet: „Schon auf der Treppe schlug mir der übliche deutsche Mief entgegen: Kohlrabi, WC-Ente, Meldezettel. Der Teppichboden roch wahrhaftig nach Schäferhund“, wie er zwischen kleinkariert und kleingeistig das Deutschtum aufs Korn nimmt.

Und weil nichts deutscher ist, als der Wald, preist Schierling seinen starken, germanischen Buchenforst: „Ich will hier keinen kommunistischen Fichtenstaat, sagte er und hob die Stimme an. Ich will eine Gemeinschaft aus herrschenden und dienenden Bäumen“, während Brock an parasitären Pilzen krankende Geschöpfe sieht, „erstickt von Zwangsjacken aus phosphoreszierendem Moos“. Solche Sinnbilder sind typisch Jörg-Uwe Albig, seine Waldmetaphern durchziehen den Text. Dem Burgherrn beigesellt der Autor ein Panoptikum an Figuren. So wie dieser mit zwei, drei Strichen beschrieben ist, „Seine Brauen waren dünn; sie umkrallten die Augäpfel, als trüge er Monokel“, so knapp zeichnet Albig dessen Frau, die „aus nichts als Sehnen und Bändern zu bestehen“ scheint, „wie diese Plastinate aus Ausstellungen wie ,Körperträume‘“, und die Kinderschar, alles Mädchen, mit „Folienhaut und Wattehaar“ gleich unheimlichen Puppen.

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Zu den sprechenden Namen Storm Linné – siehe Lyriker Theodor und Naturforscher Carl – und Schierlings Frigga, Walburga und Malmhild kommen ein sinistrer Sekretär, ein hinterlistiger Hausarzt und ein böswilliger Filmemacher, alle sind sie blond und zitieren pausenlos Linné, das Phantom, den „Großen Leidenden, der blute für seine Vision“, oder sinnieren über ihre wachsende Bedeutung in Europa von Ungarn über Kroatien bis Italien. „In Frankreich sei er bereits ein Schreckgespenst, sagte Schierling mit dem Blick eines Jungen, den man bei einem Streich ertappt hat, auf den er stolz ist … wer sein Land liebe, müsse die Welt kennen. Und dann erobern, fragte ich. Wenn sie so wollen, antwortete Schierling sichtlich geschmeichelt, was mich irritierte.“

Unversehens taucht auch eine Wehrsportgruppe auf, bleiche Computernerds mit über die Gürtel quellenden Speckwülsten, schwächliche Jünglinge und aufsässig dreinblickende Glatzenträger, auf ihren schwarzen T-Shirts ein gelbes W für „Wir, Wachstum, Waffen, Wölfe, Widerstand. Oder Waldgänger. Suchen Sie sich was aus“, erklärt der Sekretär, die rund um die Burg „Grenzkontrollen“ durchführen. Was, von Brock als Appetizer auf seine Story hochgeladen, von Youtubern, wie lucy_fer oder lichtkrieger88 mit „Jetzt können die antifanten sich warm anziehen“ und „Leider geil wo kann man mitmachen“ kommentiert wird. Allerdings ruft das Brock-Video auch eine Demonstration gegen Rechts auf den Plan, und es ist eine der stärksten Szenen des Buchs, wie die Herrschaften im Turm Sekt süffeln und dabei das traurige Trüppchen im Burghof belustigt von oben herab betrachten.

Der kultisch verehrte Linné hat weit in der zweiten Hälfte des Romans zwei Kurzauftritte, und er ist zumindest äußerlich keineswegs der „arische“ Charismatiker, den seine Anhänger in ihm sehen, auch wird mit ihm etwas geschehen, dass Brocks Artikel obsolet macht. Davor aber wimmelt sich während eines Festes ein Anzugträger an Brock heran, um diesen mit seiner Linné-Rezension zu konfrontieren. „Wissen Sie überhaupt noch, was Sie da geschrieben haben“, fragt er und singt zu Brocks Unbehagen ein Loblied auf jede Zeile der Literaturkritik, die ihn überhaupt erst auf den Gedichtband aufmerksam gemacht hätte. Dieses „Gutmenschen“-Dilemma ist der Kern, um den Jörg-Uwe Albigs famos furiose Geschichte kreist. Wie der Anzugträger ausführt: „Wenn ihr gegen etwas geifert, sagte er und blinzelte wieder, dann weiß man, dass die Sache sich lohnt.“

Über den Autor: Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim Stern und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. Er schreibt unter anderem für GEO und das SZ Magazin. 1999 wurde sein Romandebüt „Velo“ veröffentlicht. Es folgten die Romane „Land voller Liebe“, „Berlin Palace“  und „Ueberdog“ sowie die Novelle „Eine Liebe in der Steppe“ und zuletzt der Roman „Zornfried“.

Klett-Cotta, Jörg-Uwe Albig: „Zornfried“, Roman, 159 Seiten.

www.klett-cotta.de

22. 4. 2019