Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau

Januar 13, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Von den Bolschewiken zu ewigem Luxus verdammt

Lebenslanger Hausarrest im Hotel Metropol. So lautet 1922 das Urteil des Volkskommissariats über den „Genossen“ Alexander Iljitsch Rostov. Der Graf, kaum 30, nur deshalb nicht erschossen, weil er als „Held der vorrevolutionären Zeit“ gilt und ohnedies im Haus residierend, wird von seiner eleganten Suite in eine Dachkammer im Dienstbotentrakt verfrachtet. Ein neues Leben muss beginnen. Und der Blaublüter beschließt, kein Edmond Rostand samt dessen Rachegelüsten zu werden, sondern wie Robinson Crusoe eine „neue Insel“ zu entdecken …

Dies die Ausgangsposition von Amor Towles‘ Roman „Ein Gentleman in Moskau“. Der US-Autor legt damit nach „Eine Frage der Höflichkeit“ sein zweites Buch vor, und auch dieses besticht mit seiner schönen Sprache und die schelmische, liebevoll sarkastische Art, mit der die Figuren gezeichnet sind und deren Handlungen verfolgt werden. Es ist ein Lesevergnügen in die Tiefen des vornehmen Metropol abzutauchen; Rostov, die in Ungnade gefallene „Ehemalige Person“, entdeckt sie auf seinen von der Langeweile getriebenen Streifzügen als Welt im Kleinen mit Restaurants und Cafés, mit Blumenladen, Zeitungskiosk und hauseigenem Barbier.

Und während mehr zwischen den Zeilen als ausgeschrieben die neuen Zeiten heraufdämmern, pflegt Herr Graf, wie ihn das Personal unverwandt nennt, den freundlichen Konversationston. Eine besondere Höflichkeitsform, so opulent wie altmodisch – und absolut charmant. „Denn Gepränge hält sich mit großer Hartnäckigkeit. Außerdem ist es listig. Demütig senkt es das Haupt, wenn der Kaiser die Stufen hinabgestoßen und auf die Straße geworfen wird. Doch dann, nachdem es eine Weile still abgewartet und dem neu ernannten Lenker in sein Jackett geholfen hat, macht es ihm zu seinem Aufzug Komplimente … und Gepränge richtet sich abermals neben dem Thron ein, nachdem es sich wieder einmal die Herrschaft über die Geschichte gesicherrt hat.“

Nun stehen im Leben des Adeligen große Veränderungen an. Die eine ist die Bekanntschaft mit dem Mädchen Nina Kulikowa, der Vater ein hoher Beamter, sie ebenfalls eine „Gefangene“ des Hauses, weil die ländlich-sittliche Gouvernante den Schritt hinaus ins Moskauer Stadtleben nicht wagt. Ein altkluges Kind, das die versunkene Welt der einstigen Prinzessinnen kennenlernen will, und den Grafen zu gemeinsamen Erkundungen durch das Hotel anstiftet. Eben der, dank seiner guten Manieren und seines exquisiten Geschmacks nur für eine Aufgabe im Haus geeignet, wird Oberkellner im Nobelrestaurant Bojarski.

Bild: pixabay.com

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So geht es durch die Jahre. Durch die Säuberungsaktionen der neuen Sowjetregierung, schließlich durch den Zweiten Weltkrieg; eingeschlossen in seiner Blase erkennt der Graf die nun regierende politische Willkür und erlebt, wie Mitläufer zu Chefs werden. Dabei verändert er mit seiner alten Art die Leben in seiner Umgebung, vom Portier bis zur Näherin. 1954 wird es schließlich werden – und kein Ende seines Ausgehverbots abzusehen. Der Graf, Beispiel für zeitlose Werte und Tugenden, bleibt dabei stets der gleiche, nur die Welt dreht sich, das Hotel Metropol mit seinen je nach Machtgefüge wechselnden Gästen ein Abbild davon. Sogar Rostovs bester Freund und ehemaliger Studienkollege Mischka passt sich an. Er wird ein wichtiges Mitglied im kommunistischen Schriftstellerverband …

Towles gelingt es, dem Leser im Zeitraffer die jüngere wechselhafte Geschichte Russlands – Lenin, Stalin, Chruschtschow – zu vermitteln. Dass Bolschewismus, Kommunismus und ihre politischen Führer dabei heftig, wenn auch wenig konkret, sondern akademisch-amerikanisch, gescholten werden, während das frühere feudalwirtschaftliche Adelssystem ohne Kratzer davonkommt, ist eine Verklärung, die man hinnehmen muss, will man mit dem „Gentleman in Moskau“ seine Freude haben. „Ein Gentleman in Moskau“ ist ein Buch zum Drinwohnen und sich Wohlfühlen, wie es sich für ein Luxushotel gehört. Dass draußen der jeweils systemimmanente Mord-und-Totschlag tobt, will man da nur gedämpft wahrnehmen. Der Roman verhält sich zur Wirklichkeit wie die „Dr. Schiwago“-Verfilmung zu Boris Pasternak.

Und so lässt einem der „glücklichste Mensch Russlands“ mit seinem fein-hintergründigen Humor und seiner spitzfindigen Wortwahl über die Welt an sich und den politischen Alltag im Besonderen das Herz aufgehen statt zusammenkrampfen. Das Ende? Ah ja, noch nicht ganz, aber: Nina wird Funktionärin beim Komsomol, und sie wird eine Tochter haben, Sofia, und die wird sie, wie sie’s selbst war, in die Obhut des Grafen im Hotel geben …

Über den Autor:
Amor Towles hat in Yale und Stanford studiert. Er ist in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.

List Verlag, Amor Towles: „Ein Gentleman in Moskau“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 1. 2018

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Dezember 10, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Roman eines großen Liebenden

Dies könnte das Buch eines EU-Gegners sein, das eines großen Satirikers ist es ganz bestimmt. Und das eines großen Liebenden, eines glühenden Europa-Liebenden. Robert Menasse legt mit seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ eine unterhaltsame Farce über Brüsseler Verhältnisse vor. Die muss man aber erst einmal verdauen. Ein Schwein wird da im Wortsinn zum running gag, rennt im Schweinsgalopp durchs Regierungsviertel, eine Sauwirtschaft ist das, anhand der Menasse klarer als jedes Sachbuch erklärt, wie Wirtschaft in der EU funktioniert. Als Vorarbeit gab’s einen Essay, „Der europäische Landbote“, nach der Theoriearbeit nun den Roman, die Kür.

Menasse macht sich lustig, erklärt aber auch viel. Besser hat man Brüssel noch nie verstanden. Für das Schwein ist jede EU-Abteilung einmal zuständig. Fürs Ferkeln, für das Futter, für die Schlachtung, für die Fleischverarbeitung. Das Schwein ist in aller Munde. Als Glücks- oder Sparschwein, als Nazischwein, als Drecksau, als Judensau. Darauf wird noch zu kommen sein. Einer der Protagonisten des Buches führt in Österreich einen Schweinemastbetrieb.

Deren fast ein Dutzend führt Menasse ein, in Parallelgeschichten, die sich zum Teil verweben, zum Teil auch nicht. Es gibt einen katholisch-polnischen Mörder, Mateusz Oswiecki, einen jüdischen Pensionisten, David de Vriend, der als Kind von dem Deportationszug sprang, der seine Eltern ins Gas brachte, und einen Kommissar Brunfaut, dessen Familie im antifaschistischen Widerstand war, und der den Mordfall aus politischen Gründen zu den Akten legen muss. Das Blut, das Europa geboren hat, schwappt von unten in die humoristische Szenerie.

Bild: pixabay.com

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Und da ist das Big Jubilee Projekt. Die Kommission will ihr Image mit einem Festakt aufpolieren. Fenia Xenopoulou, die Fremde, die Beamtin in der ungeliebten Generaldirektion Kultur, will damit ihre Karriere aufpeppen. Sie beauftragt Martin Susman, kleiner Bruder des Schweinezüchters. Der will die letzten Holocaustüberlebenden einladen. Menasse versteht Europa als nachnationales Friedensprojekt. Nichts kann dieser Tage wichtiger sein. Europa – entstanden als Idee des „Niemals vergessen!“, des Niemals wieder Nationalismus als Nährboden für Faschismus und Nationalsozialismus. Klar, dass einige Nationalstaaten gegen die Idee aufbegehren …

Menasse ist als Erzähler göttlich komisch, allein seine U-Bahn-Beschreibungen, „die mechanisch sich bewegenden Menschenströme, die über Rolltreppen stapften, die außer Betrieb waren, sich weiterschoben durch die mit Sperrholz verschachtelten, verdreckten Korridore der ewigen Baustellen des Untergrunds, vorbei an den Pizzaschnitten- und Kebab-Verschlägen …

… schließlich der Windkanal des Aufstiegs zur Straße, hinauf in ein Tageslicht, das nicht mehr vordringt in die trübe Seele“, ist ein Marionettenspieler, der die Fäden aber auch zeigt, sein Buch frech, witzig, raffiniert gebaut. Die komplexe Erzählweise, die Struktur spiegelt die Struktur der europäischen Union wider. Der Roman verzahnt sich wie die Abteilungen, Abkürzungen, Positionen, Prä-Positionen, wie Gremien im Kampf gegeneinander und die Mitarbeiter beim Intrigenspiel. Menasse zeigt nicht nur, dass die EU literaturfähig ist, sondern einen polyglotten Kosmos mit Figuren aus Fleisch und Blut.

Unglaublich, wie empathisch er sich in seine literarischen Geschöpfe einlebt, deren Biografien er erst nach und nach enthüllt. Er geht von den Mechanismen zu den Menschen, immer geht es ihm um zwei Agenden: die Sachagenda und das eigene Fortkommen. „Mrs Atkinson studierte die Papiere, Tabellen, Prozentrechnungen, Graphiken, Statistiken, und sie fragte sich, wie es zu diesem dramatischen Vertrauensverlust in die Institution hatte kommen können …  Bezeichnend fand sie, dass es keine Kritik an den eigentlichen Aufgaben der Kommission gab, offenbar waren diese den Menschen gar nicht bekannt.“ Robert Menasses „Die Hauptstadt“ ist ein Werk an dessen Nacherzählung man nur scheitern kann, was bedeutet, dass man es gelesen haben muss.

Bild: pixabay.com

Eine faszinierende Figur ist Alois Erhart, Wiener Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Think-Tank der Kommission eingeladen. Den er mit seiner Rede sprengt, weil seine Sorge einer Zeit gilt, in der Politiker das Sagen haben, denen der europäische Gründungsgedanke so weit entfernt ist wie eine gute Kinderstube. „Aber dann? Wenn der Letzte gestorben sein wird, der bezeugen kann, aus welchem Schock heraus Europa sich neu erfinden wollte – dann war Auschwitz für die Lebenden so weit abgesunken wie die Punischen Kriege.“

www.suhrkamp.de

  1. 12. 2017

Hosea Ratschiller: Der allerletzte Tag der Menschheit. Mit Cartoons von Stefanie Sargnagel

November 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Karl Kraus in die Gegenwart herüber gespürt

„Natürlich ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“, antwortete Karl Habsburg angesprochen auf den Ersten Weltkrieg. Diese Worte des Kaiserenkels inspirierten den Humoristen Hosea Ratschiller zu einer lustvollen Schmierenkomödie über den allerletzten Tag der Menschheit. Aus Notwehr hat er Karl Kraus´ Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ in die Gegenwart herüber gespürt und eine feierliche Gala zu Ehren der hervorragenden Gegenwart vorbereitet: „Der allerletzte Tag der Menschheit“.

Das Kabarettprogramm wurde 2016 mit dem Österreichischen Kabarettpreis und 2017 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Nun liegt der Text als Buch vor, aufgepeppt mit witzigen Cartoons von Satire-Kollegin Stefanie Sargnagel. Ein Protokoll über den allerletzten Tag der Menschheit: Österreich an einem heißen Sommertag. Das nahende Ende liegt in der Luft und das von Karl Kraus beschriebene „österreichische Antlitz“ zeigt sich in seiner Vielfalt und in seiner Hässlichkeit.

Weil, eine Boulevardzeitung hat einen neuen Weltkrieg ausgerufen. In den darauffolgenden Verwirrungen begegnen einem der Kommunismus im Altersheim, ein Bundeskanzler, der für sein Abendessen autorast, und dem Glücksspiel verpflichtete Selbsthilfegruppen nahe der Sezession: „Nur ein Beispiel: Das Gebäude, wo wir unser Kulturforum rein getan haben, wunderschön, direkt gegenüber von der Secession, kennt man. ,Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit‘. HA! Nein, wirklich wunderschön, Art Deco, alles da. Ich war so glücklich, wo wir es gekriegt haben. Aber dann klopft der Chef von meiner Compliance und sagt: In dem Gebäude war in der sogenannten Nazizeit ein Reisebüro, ganz normales Geschäftsmodell, Fahrkartenverkauf, Detail, für Fahrten in Konzentrationslager. Ja. Schauen Sie mich nicht so an. Die deutsche Reichsbahn hat auch nix zum Verschenken gehabt …“

Ein Waffenhändler philosophiert bei den Salzburger Festspielen: „Was mit einem Land geschieht, dass sich zur falschen Zeit weigert, Eurofighter zu kaufen, das könnt ihr gerade in Griechenland beobachten. Da is nix mehr mit ,queerfeministisches  Tanztheater auf Kosten des Steuerzahlers‘. Da ist jetzt nur mehr Überlebenskampf. Und ich darf schon erinnern: Österreich war ganz oben mit dabei, in der Liste der Pleitekandidaten. Mafia, aufgeblähte Verwaltung, Korruption, besser könnte man Österreich doch kaum beschreiben. Aber der Grieche, der war eben zusätzlich noch bockig beim Eurofighter, und jetzt muss er die Kröte schlucken. Das sagt man doch so? Ach, ich liebe Österreich“.

Bild: Stefanie Sargnagel

Und Deutschlehrer lernen mittels Döner die türkische Kultur kennen: „Kunde: Ich habe keinerlei Vorurteile. Nie gehabt. Aus diesem Grunde möchte ich nun bei Ihnen einen Döner bestellen, junge Frau. Um genau zu sein einen Döner in Pide. Denn erst der Zusatz ,in Pide‘ stellt klar, dass ich mich für ein Grillfleisch-Sandwich interessiere, wie Sie wissen. Verstehen Sie unsere Sprache? Verkäuferin: Mit Alles? Kunde: Zwiebel, Tomate, Soße. Und über den Grammatikfehler sehe ich galant hinweg. Verkäuferin: Mit Scharf? Kunde: Auch das lasse ich gelten. Der Anatole weiß, aber auch seine Frau weiß es: An heißen Tagen soll man scharf essen. Sie bemerken: Ich bin durchaus bereit, von Ihrer Kultur zu lernen“. „Serbien muss sterbien“ kommt vor, und die Schalek. Sehr böse ist das, dieses Kaleidoskop der Gesellschaft.

Hosea Ratschiller beschreibt in seiner Collage voll Ironie und schwarzem Humor, wie diese letzten 24 Stunden in Österreich verlaufen könnten. Dafür erweckt er 43 höchst unterschiedliche Charaktere zum Leben.

Eine lustvoll-satirische Revue zum Zustand des Wesens „Österreich“, die mit intelligentem Witz, scheinbar spielerisch, die Abgründe in Gesellschaft und Gegenwart aufspürt.

Über den Autor: Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt, ist ein österreichischer Schauspieler (derzeit mit „Harri Pinter Drecksau“ in den heimischen Kinos), Kabarettist, Kolumnist und Radiomacher. Ratschiller hat in Wien ein Studium der Geschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft abgebrochen. Anschließend leistete er Zivildienst im Sanatorium der Israelitischen Kultusgemeinde. Seit 2000 arbeitet Ratschiller beim Radiosender FM4 und seit 2009 auch für Radio Ö1.

Holzbaum Verlag, Hosea Ratschiller (Text), Stefanie Sargnagel (Cartoons): Der allerletzte Tag der Menschheit (Jetzt ist wirklich Schluss), Theaterstück, 64 Seiten

www.holzbaumverlag.at

www.hosearatschiller.at

  1. 11. 2017

Jonathan Coe: Nummer 11

Oktober 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Politsatire über Netzwerker und Fädenspinner

Nummer 11, das ist in Großbritannien natürlich zu allererst Downing Street. Aber auch eine Buslinie, die rund um Birmingham fährt, zweieinhalb Stunden eine Tour, und in der sich die aufwärmen, die dank der Sparpolitik der Regierung arbeitslos sind und ihre Wohnungen nicht mehr beheizen können. Elf sind auch die Stockwerke, die Lord und Lady Gunn in ihrer Londoner Residenz in die Tiefe bauen, der neueste Trend in Nobelvierteln wie Chelsea, wo Grundstücke rar sind, und Repräsentanz ergo nur noch unterirdisch Erweiterung finden kann.

Aus diesen Tiefen, der in die Erde geschlagenen Kluft, wird ein Ungeheuer emporsteigen, eine Riesenspinne, aufgeschreckt durch den Baulärm, und sie und ihre Brut werden London in Schutt und Asche legen. Das ist die Art, wie Autor Jonathan Coe zur Lage der Nation im Vereinigten Königreich Stellung nimmt. Er hetzt dem New Liberalism in seiner Heimat, stellvertretend für den Rest der EU-Welt, ein übernatürliches Wesen an den Hals. „Nummer 11“ heißt Coes neuestes Buch, und ja, es ist sein elftes, eine bitterböse Politsatire über Netzwerker und Fädenspinner.

Coe stellt in seinem Roman ein „Erste-Welt“-Land in all seinen sozialen Facetten dar, luzide beschreibt er den Abgrund, die Kluft, die sich zwischen Arm und Reich mehr und mehr auftut. Er entlarvt die Politikerlüge, der zufolge „wir alle gemeinsam da durch müssen“, „gemeinsam an einem Strang ziehen müssen“, gemeinsam … zu „Zeiten, die wieder schlechter werden“, aber für manche nie besser waren. Coe zeigt auf, wie die Leben derer, die durch die Maschen der Sozialleistungen fallen, zunehmend von einer Oberschicht kontrolliert werden. Und er tut das mit mehr Humor, als man im Thema erwarten würde, obwohl sein Buch eine melancholische Baseline hat.

Alles beginnt mit einer verrückten Vogelfrau, einem chinesischen Gastarbeiter-Gespenst und einer Teenage-Horrorstory mit scheußlichen Spielkarten – und schon ist man mitten drin im Geschehen des brillanten Kritikers und seinem Abarbeiten an der herrschenden Klasse. Zu der seine beiden Protagonistinnen definitiv nicht gehören: Die Freundinnen Rachel und Alison werden über ein Jahrzehnt eine Tour de Farce durch das finstere Herz Englands machen, werden sich aus den Augen verlieren und wiederfinden, werden ihre Geschichten erzählen. Hilflos, mitgerissen von Strömen, die sie weder verstehen noch steuern können, finden sich die beiden in einer Nation wieder, die zwar von der Realität enttäuscht, aber von Reality-Shows umso faszinierter ist.

Bild: pixabay.com

Rund um sie hat Coe ein Kaleidoskop von Frauenfiguren erschaffen, er schildert den Status Quo Großbritanniens aus weiblicher Sicht, er entwirft Schlaglichter einer irren Gesellschaft von Landbewohnerinnen bis Großstädterinnen, einer Hierarchie von adeligen Müßiggängerinnen und solchen, die an der kommunalen Essensausgabe Schlange stehen. Und mittendrin eine Familie mit uralten Wurzeln, deren Matriarchin nicht für das Land, sondern das Land für sich arbeiten lässt … Manche Figuren werden es bis zum Ende schaffen, manche einfach zwischen den Buchseiten verschwinden.

Zu Alison gehört ihre Mutter Val. Val ist ein ehemaliges One-Hit-Wonder, das den Traum vom Musikstar nicht begraben kann. Als sie eine Einladung ins TV-Dschungelcamp erhält, ist ihr nicht klar, dass sie dort als D-Promi nur Demütigungen und Erniedrigungen ausgesetzt werden soll. „Die Aufgaben bestanden meistens darin, an einem Ort mit einer größeren Anzahl von Insekten, Schlangen oder anderen Dschungeltieren eingesperrt zu werden, die unter dem Abenteuer wahrscheinlich genauso litten wie die menschlichen Teilnehmer.“ Val wird nach diesem Auftritt nicht mehr dieselbe sein, was ihre Tochter in ein Leben als Sozialhilfeempfängerin treibt.

Alison ist dunkelhäutig, hat wegen einer Kinderkrankheit ein Bein verloren, und versucht sich als Künstlerin: Sie malt Obdachlose in Königsposen. Sie ist lebisch und ihre Geliebte Selena als Kellnerin bei einem High-Society-Event. Wo sie die Verlegertochter Josephine Winshaw-Eaves kennenlernt. Für die erfolglose Journalistin ist die Schlagzeile „Schwarze, behinderte, lesbische Sozialhilfeempfängern ergaunert Sozialhilfe“ ein gefundenes Fressen. Und, apropos: Josephine verschwindet als eine der ersten auf mysteriöse Weise. Ebenso wie ihre Tante, Clanchefin Helke, Witwe eines Waffenhändlers (den Winshaws hat Coe schon einmal einen ganzen Roman gewidmet, den etliche Figuren als Sachbuch in „Nummer 11“ lesen werden), die nun mit der Entsorgung seines Schrotts immenses Geld macht. Werden Entminungsaufträge vergeben, bootet sie die NGOs aus, nur um dann erpresserisch nichts zu tun.

„Ihr zufolge wurde Großbritannien von einer aus Schnorrern bestehenden Unterschicht ruiniert, die einer leistungsfeindlichen Kultur frönten.“ Ihrer Nichte empfiehlt sie punkto Artikel über Alison „Zieh deiner kleinen Nichtstuerin einen Nihab an und schon haben … die Leser … etwas, was ihnen Angst macht.“ Auf der Charityparty kommt es daraufhin zum Mordversuch an den Winshaws durch einen Comedian, der das alles nicht mehr lustig finden mag. Allein die beiden ermittelnden Beamten sind das Lesen dieses Buches wert.

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Rachel geht derweil nach Oxford, wo sie sich an die Professorin Laura anschließt, die ein Buch über „Kommerzialisierungswunder“ schreibt. Laura gehört zu einer Generation, die unter Tony Blair ihre politische Unschuld verloren hat (gerechterweise sei gesagt: in einem früheren Buch rechnet Coe mit dem Thatcherismus ab), sie wird sich der Kommerzialisierung schließlich völlig ergeben und einem Institut beitreten, das beispielsweise den Nennwert des Monsters von Loch Ness errechnet. Der Institutsvorstand wird sich im Laufe der Handlung in Luft auflösen.

Immer wieder zieht Coe das Private ins Politische. Rachel, nach abgeschlossenem Studium so arbeitslos wie Alison, verdingt sich als Kindermädchen bei Lord und Lady Gunn. Zweitere ist, wie hellsichtig, ein ehemaliges Osteuropamodel namens Madiana, beide so gut wie nie anwesend. Zum Haushalt, eben jener, der gerade um elf Stockwerke nach unten erweitert wird, gehören Köchin, Chauffeur und der sogenannte Vermögensmanager Freddie, der, bevor er Rachel zu vergewaltigen versucht, über ihre „Klasse“ befindet: „Gib ihnen ausreichend Fertiggerichte und lass sie am Abend vor dem Fernseher sitzen …, und sie stehen nicht mal von ihrem Sofa auf.“ Revolution, sagt er, finde so nie statt. Auch Freddie findet sein Ende.

Als Rachel Val das nächste Mal sieht, ist es bei der Essenstafel, bei der Rachel ehrenamtlich hilft, Alison besucht sie im Gefängnis. Coe spitzt den Gegensatz zwischen der harten Lebensrealität derer, die Sozialleistungen ergattern müssen, um zu überleben, und dem finanziellen Überfluss von Steuertricksern und Finanzamtbetrügern wie den Gunns zu. In seinem Roman gibt es die, die sich lebensrettende medizinische Maßnahmen leisten können, Menschen, die sich’s richten können, und solche, für die’s nichts mehr gibt. Die Unterhöhlung Großbritanniens hat längst begonnen. Von oben nach unten. Livia, die Hundeausführerin aus Bukarest, die auch den Gunn-Retriever betreut, macht Rachel darauf aufmerksam. Auf die „Häuser mit den Phantomleben“.

Einer dieser Charaktere wird sich zum Schluss als die Spinne entpuppen. Ihr ersten und letzten Worte: „Ich bin nicht wütend. Ich bin die Wut selbst. Ich bin nicht gnädig, ich bin nicht gerecht. Ich bin unbezähmbar. Ich greife an, wen und was ich will.“ Welch ein Buch, eine Art Manifest, jedenfalls aber ein Stimmungsbericht. In einem Interview wetterte Jonathan Coe kürzlich über den Brexit, der ihn überrollt hat und wie sehr es ihn ärgert, dass er im Buch nicht zu finden ist. Man darf sich mit dieser Aussicht schon auf sein nächstes freuen.

Über den Autor:
Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren, studierte in Cambridge und Warwick, lebt in London. Er zählt zu den wichtigsten und witzigsten lebenden zeitgenössischen britischen Autoren. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt: unter anderem „Die Familie Winshaw“, „Das Haus des Schlafes“, „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter Prix Médicis, Ordre des Arts et des Lettres.

Folio Verlag, Jonathan Coe: „Nummer 11“, Roman, 358 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Fleischanderl

www.folioverlag.com

  1. 10. 2017

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter

August 7, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Furioses Finale im Friedhof der vergessenen Bücher

Es war nicht anders zu erwarten: „Das Labyrinth der Lichter“ erstürmt in allen Erscheinungsländern mit Siebenmeilenschritten die Bestsellerlisten. Das ist seit 2003 so, seit Erfolgsautor Carlos Ruiz Zafón mit „Der Schatten des Windes“ den ersten Teil seiner Barcelona-Tetralogie vorlegte, sich ein verzücktes Stammpublikum zulegte – und dieses über die Jahre mit immer neuen Geschichten rund um den „Friedhof der vergessenen Bücher“ wohlig erschauern ließ. Ach, träumt man sich gern in seine sepiafarbene Stadt, durch die dämonische Verleger mit rotglühenden Augen geistern, Engel auch, und wo eine grassierende Bibliomanie in gruseligen Villen für mehr als einen Toten verantwortlich ist.

Die Friedhofssaga rund um eine nur Eingeweihten bekannte, geheimnisumwitterte Bibliothek, ist allerdings mehr als Fantasy. Der Autor entwirft in den vier Bänden ein Geschichtsbild Spaniens seit den 1950er-Jahren, der Franco-Zeit und ihrer Foltergefängnisse; seine fein gedrechselten Figuren sind von dessen Diktatur und den Nachwirkungen des Bürgerkriegs geprägt, und Ruiz Zafón versteht es erschreckend gut noch die größten Gräuel, das Grauen per se, in poetischsten Worten zu schildern.

Die Übersetzung ins Deutsche von Peter Schwaar ist exzellent und sorgt für höchsten Lesegenuss. Für viele Stellen muss das Prädikat „unerträglich schön“ gelten.

Nun also das Ende. Ruiz Zafón lädt zum furiosen Finale, und zwar nicht nur seine Leser, sondern auch beinah alle seiner in den vergangenen 14 Jahren erschaffenen Charaktere. Es ist meisterlich, wie er Handlungsstränge, Schicksalsschläge, Lebensentwicklungen aufgreift, keinen Faden fallen lässt und endlich alles zu einem Ganzen fügt. Viele Rätsel werden gelöst, viel einstmals Übersinnliches enttarnt – und das „Labyrinth der Lichter“, durch das Helden wie Antihelden stolpern, entpuppt sich – was sonst? – als Buch, bei dem jeder, der damit je in Berührung kam, übel endete. Es empfiehlt sich, sein Herz an keinen noch so guten Menschen zu hängen, denn der Autor killt seine Geschöpfe nach Belieben. Freund wie Feind.

Im Mittelpunkt der Handlung, es ist nun 1959/1960, steht einmal mehr die Buchhändler-Familie Sempere, diesmal vertreten durch den Sohn des Hauses, Daniel, seine junge Frau Beatrice und seinen Sprössling Julián – und natürlich kommt ihrem Faktotum Fermín wieder eine tragende Rolle zu. Er nämlich hat im Bürgerkrieg einem Mädchen das Leben gerettet, und nun kehrt diese Alicia, damals in den Friedhof der verlorenen Bücher gestürzt, wie ihre Namensvetterin ins Wunderland, als düstere Geheimpolizistin zurück. Als „Nachtgeschöpf“ beschreibt sie ihr Vorgesetzter, immerhin als „Wesen aus Licht und Schatten“ ein weiteres Exekutivorgan: „Ihr Geist funktioniert anders als der der anderen. Wo alle eine verschlossene Tür sehen, sieht sie einen Schlüssel. Wo die anderen die Fährte verlieren, findet sie die Spur. Das ist eine Gabe, um es mal so zu sagen. Und das Beste ist, dass keiner sie kommen sieht.“

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Alicias Auftrag ist ein Himmelfahrtskommando: Minister Mauricio Valls ist verschwunden, ist mutmaßlich entführt worden, und sie soll ihn finden. Valls, man erinnert sich, der Politemporkömmling war in „Der Gefangene des Himmels“ (Band drei) Direktor des berüchtigten Gefängnisses im Kastell auf dem Montjuic über Barcelona. Und mit ihm tauchen altbekannte Gespenster wieder auf: die regimegegnerischen Schriftsteller David Martín, Victor Mataix und Julián Carax – man wird erfahren: nicht von ungefähr hat Daniels Kind den selben Vornamen. Sebastian Salgados, der nachdem ihm Valls bei der Folter die linke Hand abtrennen ließ, nun eine aus weißem Porzellan trägt, ist wieder da. Und Valentin Morgado, der Mann mit dem halben Gesicht, nunmehr Chauffeur eines Rechtsanwalts, der für höchste Kreise höchst unangenehme Angelegenheiten erledigt.

Anonyme Briefe werden versendet, deren Inhalt ist brisant: Auch Fermín war auf dem Montjuic inhaftiert, Valls soll Daniels Mutter Isabella bis zum Wahnsinn geliebt und ergo ermordet haben … Wer also ist es, der an ihm eine derart alttestamentarische Rache nimmt? Die Szenen aus der Zelle, in der Valls festgehalten wird, sind nichts für schwache Magen/Nerven. Auge um Auge, Hand um Hand lässt man ihn in der Kälte vermodern. Gibt es die Unschuld überhaupt? Es macht Ruiz Zafón offensichtlich diebische Freude, in diese intrigenbehaftete Welt der Politiker und ihrer Schergen einzudringen, schwelgerisch legt er Fährten aus, führt den Leser in Sackgassen und lässt ihn dort schmoren, nur um ihm Seiten später doch noch den Ausgang zu zeigen.

Und die Gewaltspirale dreht sich, sie ist ein schwarzes Loch, das alles in seinem Umfeld ansaugt und verschwinden lässt. „In diesem Land gibt es Leute, die nicht eher Ruhe geben, bis die einen die anderen massakriert haben. Wenn hier die Leute den Verstand verlieren, was oft geschieht, sind sie imstande, sich in den Fuß zu schießen, weil sie glauben, so den Nachbarn zum Hinken zu bringen“, sagt einer der Protagonisten. Ruiz Zafón zeigt, wie das Lügen um sich greift, wenn die Angst regiert. Wie Dummheit und Duckmäusertum schlimmste Folgen haben.

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Die Lösung letztlich hat mit Spaniens verlorenen Kindern zu tun. Geschätzte 250.000 wurden in der Franco-Ära ihren zu politischen Gegnern erklärten Eltern weggenommen, kamen zur Umerziehung in Kinderheime oder wurden an regimetreue, kinderlose Ehepaare verschachert. Auch im „Labyrinth der Lichter“ werden Figuren erfahren, dass sie nicht sind, wer sie zu sein glaubten.

Die vergiftete Isabella hat es schriftlich festgehalten: „Das Niveau der Barbarei einer Gesellschaft misst sich an der Distanz, die sie zwischen die Frauen und die Bücher zu bringen versucht.“ Ruiz Zafóns Gruppenbild mit Dame Alicia liest sich süffig. Ihre Katalysatorfunktion, mit der sie in Schreck- oder Todesstarre Gefallenes in neuen Gang setzt, ist unübersehbar. Zudem wird über sie, den Neuling der Geschichte, aufgedröselt, was bisher geschah. Denn Verlag und Autor plädieren selbstverständlich dafür, dass man Band vier ohne Kenntnis der vorherigen konsumieren könne. Das mag stimmen. Aber: Warum sich um das Vergnügen bringen?

Über den Autor:
Carlos Ruiz Zafón begeistert mit seinen Barcelona-Romanen um den Friedhof der Vergessenen Bücher ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt. „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“, „Der Gefangene des Himmels“ und „Das Labyrinth der Lichter“ waren allesamt internationale Bestseller. Auch „Marina“, der Roman, den er kurz vor den großen Barcelona-Romanen schuf, stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Seine ersten Erfolge feierte Carlos Ruiz Zafón mit den drei phantastischen Schauerromanen „Der Fürst des Nebels“, „Mitternachtspalast“ und „Der dunkle Wächter“. Carlos Ruiz Zafón wurde 1964 in Barcelona geboren und lebt heute vorwiegend in Los Angeles.

Verlag S. Fischer, Carlos Ruiz Zafón: „Das Labyrinth der Lichter“, Roman, 944 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Peter Schwaar.

www.fischerverlage.de

www.carlosruizzafon.de/zafon/start

5. 8. 2017