Kurt Palm: Der Hai im System

November 5, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Im Bassin psychopathischer Existenzen

Würden wir mehr voneinander wissen, hätten wir weniger Angst voreinander. Wenn wir weniger Angst vor unserer Angst hätten, wüssten wir vermutlich genauer, was uns wirklich ängstigt.

Ein Filmteam hat sich in der Schule angesagt, was die 14-Jährigen einigermaßen in Aufregung versetzt. Regisseurin Edina Damjanović, selbst Bosnien-Flüchtling, will ihre Dokumentation „Klasse der Chancenlosen“ nennen und deren Nachsitzern diverser Nationen Gesichter und Stimmen geben. Der Direktor, wenig begeistert mutmaßlich als Leiter einer Problemschule dargestellt zu werden, hat die Aufsicht über das Projekt der darob seufzenden Klassenlehrerin Franziska Steinbrenner übertragen.

Nicht nur hat die in den Pausen an ihrem Flachmann nuckelnde Frau die ewigen Auseinandersetzungen zwischen Serben und Kosovaren, Tschetschenen und Türken, Irakern und Afghanen sowas von satt – „Die gegenseitigen Vorurteile scheinen derart tief im kollektiven Gedächtnis verankert zu sein, dass sie als Streitschlichterin auf verlorenem Posten steht.“, sie ficht auch ihren eigenen Kampf aus: den Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Ehemann

Jürgen um die fünfjährige Tochter Sophia, denn dem schwer depressiven Psychowrack, denkt sie, sei kein Kind mehr anzuvertrauen. Nach seinem verrätselten, sich nie ganz enttarnenden Roman „Monster“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) legt Autor Kurt Palm mit „Der Hai im System“ eins nach. Nur, dass der Horror diesmal so direkt ausgespielt wird wie eine Ansage zum Drei-Stich-Schnapser. Drei Hauptfiguren sind es auch, die sich hier durchs wilde Palmistan schlagen. Neben Franziska Steinbrenner der Polizist Philip Hoffmann, der seine hochschwangere Frau Margot mit der manipulativen Sexsadistin Lena betrügt, und nun in deren Venusfalle gefangen Erpressung oder Enthüllung befürchtet, wo er doch den fürsorglichen Göttergatten bisher so gekonnt gegeben hat.

Und als Ich-Erzähler der Superpsychopath unter all den Durchschnittsneurotikern, ein Mann mit Sturmgewehr und Fenster mit Blick auf den Schulhof, ein durch alle Maschen des sozialen Netzes gefallener Wutbürger, ein Realitätsverweigerer und Verschwörungstheoretiker, der eine Racheliste führt, von der in Holzpantoffeln herumlaufenden Nachbarin über ihm bis zu den lärmenden Kids im Schulhof. Einmal war er drüben, um sich zu beschweren, da haben sie ihm „Fettsack“ und „fette Sau“ nachgerufen. Jetzt wähnt er seine Stunde gekommen.

„Ist doch egal, ob ich mit vierzig oder sechzig abkratze. Wen kümmert’s? Aber wenigstens bekomme ich noch ein paar schöne Schlagzeilen. Über das Motiv können sie sich ihre Köpfe zerbrechen, bis sie schwarz werden. Es gibt nämlich keines, außer dass ich ein StG 77 besitze und freie Sicht auf den Pausenhof einer Schule habe.“ Kurt Palm macht kein Geheimnis daraus, dass der Amokschütze abdrücken wird. Das Leben, scheint er zu sagen, hat weder Reset- noch Escape-Taste, sehr wohl aber eine für Delete.

So taucht man ein in diesen Höllenpool, durchschwimmt verstörende Gedanken- und nervenzehrende Gefühlswelten, und was es mit dem Bild auf dem Buchcover „Kleines Mädchen vor Haifischbecken“ auf sich hat, wird auch noch nachzulesen sein. Palms schwarzhumorige Sprache wechselt zwischen Oida!-Echt porno!-Slang der Migrantenkinder – „Warum sollen wir Deutsch reden. Mutter ist Putzfrau und redet mit anderen Putzfrauen nur Serbisch. Vater arbeitet am Bau und redet mit anderen Arbeitern nur Serbisch. Deutsch ist voll unnötig. Brauch ma nur für die Schule.“ – und einem Wienerischem Hochdeutsch.

Trotz all der Derbheit und Brutalität im Ausdruck gelingen ihm sensible Charakterstudien, Palm nähert sich seinen literarischen Geschöpfen ehrlich und mit Bedacht, selbst dem späteren Attentäter. Es ist logisch, dass sich die Schicksale der ProtagonistInnen kreuzen werden, sobald sich die Ereignisse zuspitzen. Und wie Palm bis dahin das Thema fehlgeschlagene Integration von Außenseitern aller Art variiert ist meisterlich. Er zeichnet das Bild einer dysfunktionalen Gesellschaft, die am eigenen Versagen laborierend unfähig ist, Schutzbedürftige an- und aufzunehmen, ebenso wie sie es nicht schafft, das Gewaltbereite zu erkennen und einzugreifen.

Sind die Menschen Spielball der Umstände und ihrer Umgebung, geprägt von Ressentiments und Panik voreinander, in Defensivhaltung vor der Erfahrung seelischer Ohnmacht? Die Pädagogin, unfähig der lernwilligen, allerdings den stigmatisierenden Hijab tragenden Schülerin Haniya zu helfen – das muslimische Mädchen, das seine erste Periode vor dem Vater verheimlichen will, damit er sie nicht als „unrein“ verflucht.

Der Irre am Fenster, diesem legitimen Sohn von Travis Bickle, der von der kettenrauchenden Mutter und deren etlichen Liebhabern, die auch in sein Bett stiegen, Watschn kassierte, von denen ihm heute noch die Ohren dröhnen, und der zwecks Machtrausch ins Drogengeschäft einstieg. Der Polizist Hoffmann, der mittlerweile kalkuliert, seine destruktive Affäre mittels Femizid zu beenden. Lena mit dem Auto überfahren oder ihr eine Kugel in den Hinterkopf jagen? Der kaltherzige Vamp Lena, als Mädchen aus wohlhabender, aber desolater Familie umringt von „schulterklopfenden Männern“, allen voran ihr Vater.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Sind die Menschen Opfer ihrer Vergangenheit und Herkunft, ihrer Taten oder einfach Gottes vergessene Kinder? Spricht Kurt Palm Stereotype an oder Wahrheiten aus? Es geht ihm an dieser Stelle offensichtlich nicht um Suspense und Surprise, es geht dem Autor um Psychogramme, Tiefenbohrungen in einer Gemengelage, die er mit all ihren Spielarten von Gewalt, Abhängigkeit, verlorenen Illusionen, triebhaften Entscheidungen und Vergeltungssucht so versumpft und verschlammt vorfindet, dass niemand mehr vorm Abrutschen gefeit ist.

Die einen versinken in Verzweiflung und Hilflosigkeit, die anderen in hasserfülter, toxischer Männlichkeit. „Der Hai im System“ ist, was die Erwachsenen unter den AkteurInnen betrifft, die akkurate Betrachtung einer krisengeschüttelten Welt aus selbstproduziertem Stress und fremdgesteuerter Überforderung. Palm balanciert gekonnt wie stets auf dem schmalen Grat zwischen Grauen und Groteske.

Gerade die Philip-Hoffmann-Story entwickelt sich erst allmählich, aber abscheulich. Samt Kollegen Stefan Mahrer wird er an einen Einsatzort gerufen – Achtung: Spoiler! -, wo sich ein gewisser Christoph Allinger am Lusterhaken erhängt hat, und einen Abschiedsbrief an die Geliebte Lena hinterließ: „Und dann brüstest du dich auch noch damit, dass du mich mit einem Polizisten betrügst.“ Womit Hoffmanns rasante Achterbahnfahrt in den Abgrund erst beginnt, denn längst hat Lena Margot Dickpics und schmuddelige Chatnachrichten zukommen lassen.

Schließlich Jürgen Steinbrenner, der, da er den Sorgerechtsprozess verloren hat, die Tochter vom Kindergarten abholt, um mit ihr in den unschwer als Haus des Meeres zu erkennenden „Terra-Aqua-Zoo“ zu fahren. Wo der am Umbau der Anlage beteiligte Architekt, der seinen Schlüssel nie abgegeben hat, im Technikraum gut durchdacht, also knapp vor Fütterungszeit ins Haifischbecken hechtet.

„Die Haifische kommen langsam näher und umkreisen ihn. Plötzlich steuert der größte Hai auf ihn zu und verbeißt sich in den Oberarm des Eindringlings. Bevor es um ihn herum dunkel wird, sieht Jürgen S. noch, wie seine Tochter mit ihren winzigen Fäusten verzweifelt gegen das Fenster des Aquariums trommelt. Dann färbt sich das Wasser langsam blutrot.“

Und so rücken mit der Schreckensbotschaft für Franziska sowohl die alsbald vom Chaos überforderten Uniformierten Hoffmann und Mahrer an, als auch der Mann am Fenster abdrückt. Die Kinder fallen um, vom Mündungsblitz getroffen, da und dort offenbart sich spontan die Solidarität, einen Mitschüler, eine Mitschülerin in Sicherheit zu ziehen. Murat, Zlatko, Nermina, Dejan, Ömar, Ceyda, Fatima, Novak. Doch meist gelingt das nicht. Die Schlacht heißt White Trash vs. MigrantInnen-Mix. Dies Finale entsetzlich, und der Autor irrt wie mit einer Handkamera durch das Massaker. Alles kulminiert in dieser Nachmittagsstunde, und Edina Damjanovićs Filmteam ist für und mit Kurt Palm live dabei.

Das trifft einen, Nachbarin einer Mittelschule mit Ganztagsangebot, Schulsozialarbeit, Integrationsklassen und natürlich dem üblichen Pausengetöse im Freien (Kinderlärm ist Zukunftsmusik, sagt Freund kijuku.at) umso mehr, als man das Setting kennt. Kurt Palm bietet keine Conclusio, keine Erklärung, schon gar keine Entschuldigung, kein Wissen ums Überleben seiner Figuren. Es ist einfach so. Die geballte Ausweglosigkeit hat ein … Ende. „Der Hai im System“: Einfach garstig gute Unterhaltung.

Über den Autor: Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, Studium der Germanistik und Publizistik, wurde mit der gefeierten TV-Produktion „Phettbergs nette Leit Show“ (1994-96) bekannt. Sein Bestseller „Bad Fucking“ wurde 2011 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet und war auch als Film erfolgreich. 2014 folgten der Film „Kafka, Killer und Chaoten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9435) und der Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6798). Bei Deuticke erschienen 2017 sein Roman „Strandrevolution“ und 2019 „Monster“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263).

Leykam Verlag: Belletristik, Kurt Palm: „Der Hai im System“, Roman, 304 Seiten.

www.leykamverlag.at           www.palmfiction.net

  1. 11. 2022

Erste Selenskyj-Biografie / Robert Misiks Putin-Analyse

Juni 30, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Heute Abend: Das erste Selenskyj-Interview in Österreich

Gebannt blickt die Welt seit Monaten auf die Ukraine und deren Präsidenten. Nun erscheint am 25.  Juli, das E-Book bereits am 11. Juli, auch hierzulande die erste Wolodymyr-Selenskyj-Biografie des ukrainischen Journalisten Sergii Rudenko, die vom Autor für die deutschsprachige Ausgabe freilich aktualisiert wurde. 

„Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“. Im Februar 2022 geht dieser Satz um die Welt. Über Nacht wird Wolodymyr Selenskyj vom angeschlagenen Präsidenten der gefühlt fernen Ukraine zur zentralen Figur im Kampf für ein freies Europa. So wenig sich der Westen trotz des Kriegs im Donbass für die Ukraine interessierte, so wenig war bekannt über den Mann, der vom Juristen zum Komiker zum Staatsmann geworden war und nach den Maidan-Protesten gegen Korruption und für eine Annäherung an Europa antrat.

Sergii Rudenko, seit vielen Jahren Journalist in Kyjiw, hat Selenskyjs erste Biografie geschrieben. Sein Buch ist die ausgewogene Geschichte eines ungewöhnlichen Politikers, das lebendige Porträt eines Helden, der keiner sein wollte – und eine unverzichtbare Quelle für alle, die den Mann verstehen wollen, der

Putin die Stirn bietet und mit seinem Land längst zum Verteidiger der freien Welt geworden ist. Das große politische Buch über ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj – ein notwendiger Blick in die jüngere Geschichte der Ukraine …

Über den Autor: Sergii Rudenko, geboren 1971, ist ein in Kyjiw beheimateter ukrainischer Journalist. Im ukrainischen Programm der Deutschen Welle ist er mit einer wöchentlichen Kolumne vertreten. Außerdem ist er leitender Redakteur beim privaten Informationssender Espreso.tv, der 2014 aus der Maidan-Bewegung hervorgegangen ist. Sein in der Ukraine 2020 erschienenes Buch ist die erste Biografie Selenskyjs und wurde für die internationale Publikation aktualisiert.

Hanser Verlag, Sergii Rudenko: „Selensky. Eine politische Biografie“, Sachbuch, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten und Jutta Lindekugel. 

www.hanser-literaturverlage.de

Über Wolodymyr Selenskyj: Wolodymyr Selenskyj ist seit Mai 2019 der Präsident der Ukraine. In seinem Heimatland wurde er außerdem bekannt als Schauspieler, Kabarettist, TV-Moderator und Filmemacher. Er war Mitinhaber und künstlerischer Leiter des Filmstudios Kvartal95/Wohnblock 95 und Produzent des Fernsehsenders Inter. Selenskyj wurde 1978 in einer jüdischen Familie in Kriwoi Rog in der Ukraine geboren. Sein Vater ist ein ehemaliger Kybernetik-Professor, seine Mutter Ingenieurin. Nach der Matura 1995 studierte er Rechtswissenschaft in Kyjiw, arbeitete jedoch nie als Jurist. Stattdessen zog es ihn in die Unterhaltungsbranche: Ab 1997 war er mit seiner Kabarettgruppe Kwartal 95, mit der später eine Fernsehproduktionsgesellschaft entstand, auf Tour durch Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Durch die Teilnahme an der ukrainischen Version der TV-Show „Dancing with the Stars“  wurde Selenskyj 2006 landesweit bekannt. Weitere Popularität erlangte er als Schauspieler: 2015 war er in der satirischen TV-Serie „Sluha narodu“/“Diener des Volkes“ zu sehen. Ähnlich wie in seiner eigenen Lebensgeschichte wird auch seine Figur Wassilyj Petrowytsch Holoborodko zum Präsidenten der Ukraine gewählt. 2016 wurde ein Film zur Serie ausgestrahlt. Danach mehrten sich Gerüchte, dass Selenskyj für das Amt des Präsidenten kandidieren werde.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Im März 2018 wurde tatsächlich die nach dem Fernseherfolg genannte Partei Sluha narodu gegründet. Am Silvesterabend 2018 gab Selenskyj dann seine Präsidentschaftskandidatur bekannt. Er siegte in der Wahl und wurde am 20. Mai 2019 zum sechsten Präsidenten der Ukraine. In seiner teils auf Ukrainisch, teils auf Russisch gehaltenen Antrittsrede erklärte er die Aufhebung der Annexion der Krim durch Russland sowie das Vorgehen gegen die prorussischen bewaffneten Separatisten in den ostukrainischen Oblasten Donezk und Donbass zu seinen vorrangigen politischen Zielen – militärische Konflikte, die seit 2014 zunehmend eskalierten.

Selenskyj kündigte außerdem an, die Immunität von Abgeordneten aufzuheben und eine Initiative gegen Bereicherung im Amt einleiten zu lassen. Zusätzlich strebe er die Entlassung des Generalstaatsanwalts und des Geheimdienstchefs an und legte der gesamten Regierung den Rücktritt nahe. Bei den Neuwahlen gewann seine Partei 424 von 254 Parlamentssitzen. Selenskyj verabschiedete mithilfe des neuen Parlaments ein Lobbygesetz, das den Einfluss der Oligarchen offenlegte und beschnitt. Seit Geltung dieses Gesetzes ist es Oligarchen in der Ukraine verboten, Parteien zu finanzieren. Amtspersonen müssen zudem jedes nicht-öffentliche Treffen mit Oligarchen deklarieren.

2020 machte Selenskyj das jüdische Neujahrsfest Roch ha-Schana zum nationalen Feiertag. Weitere Kernanliegen vor dem derzeitigen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine waren die Privatisierung staatlicher Unternehmen, die Schaffung eines Marktes für Agrarland sowie die geographische Lage der Ukraine stärker zu nutzen, um sie als Transitland zwischen Europa und Asien attraktiv zu machen. Auch sollte die Ukraine unabhängiger von russischer Energie werden. Natürlich ist auch Selenskyj – zumindest bis vor seinem aktuellen Heldenstatus – nicht unumstritten gewesen, sei es wegen seiner Nähe zum ehemaligen PrivatBank-Gründer Ihor Kolomojskyj oder seinen Entwürfen zu einem neuen Arbeitsrecht mit At-Will-Employment und Null-Stunden-Verträgen, gegen die nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch Human Rights Watch protestierten. Im Oktober 2021 wurde im Zuge der Pandora Papers vermutet, dass Selenskyj eine Briefkastenfirma in einer Steueroase betrieben haben soll.

Erstmals in die internationalen Schlagzeilen geriet Selenskyj, nachdem ihn der damalige US-Präsident Donald Trump in einem Telefonat im Juli 2019 aufgefordert hatte, Ermittlungen gegen Joe Biden, seinen Gegenkandidaten im Präsidentschaftswahlkampf, anzustellen. Als Gegenleistung sollte die Ukraine Militärhilfe erhalten. Nach Bekanntwerden des Telefonats musste sich Trump einem Amtsenthebungsverfahren stellen. Selenskyj erklärte, dass ihn als Präsident eines unabhängigen Landes niemand unter Druck setzen könne. „Ich bin eine absolut unabhängige Person. Ich möchte niemanden beleidigen, aber derjenige, der mich kontrollieren wird, ist noch nicht geboren“, so Selenskyj. Privates: Selenskyj ist seit 2003 mit Olena Selenska erheiratet. Das Paar hat zwei Kinder, Oleksandra, geboren 2004, und Kyrylo, geboren 2013.

4GAMECHANGERS: Das erste Interview mit Wolodymyr Selenskyj in Österreich

Heute Abend, 20.35 Uhr, holen die Kooperationspartner ORF und PULS 4 Wolodymyr Selenskyj – unter Vorbehalt aktueller Ereignisse – für ein Livegespräch zum 4GAMECHANGERS Festival virtuell nach Wien. Via Live-Schaltung wird der ukraininsche Präsident vor vor 4.000 ZuseherInnen in der Marx Halle und vorm Fernsehpublikum einen Appell an die ÖsterreicherInnen richten und über die humanitäre Situation und die aktuelle Lage in der Ukraine berichten. Er spricht  im Beisein von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Karl Nehammer.

Link zum Live Switch In / Wolodymyr Selenskyj beim 4Gamechangers-Festival: 4gamechangers.io/de/s/wolodymyr-selenskyj

Robert Misik: Putin. Ein Verhängnis

Ebenfalls im Juli erscheint „Putin. Ein Verhängnis“ von Robert Misik. Der Journalist und Sachbuchautor zeichnet ein Regime und das Charakterbild eines rücksichtslosen Despoten, der Europa die Friedensordnung raubt, an die man sich gewöhnt hatte.

Wladimir Putin hat alle an der Nase herumgeführt. In den Neunziger-Jahren galt er als Demokrat, doch bewunderte Augusto Pinochet. Nachdem er sich ins Präsidentenamt trickste, beginnt er mit einer Seilschaft hartgesottener KGB-Leute, Russland zur autokratischen Despotie umzuwandeln. Und genauso schnell bastelt er sich eine Staatsphilosophie. Deren Elemente: autokratischer Führerkult, Patriotismus, Imperium, orthodoxe Spiritualität – und Gekränktheit.

Dabei stützt er sich auch auf faschistische Denker, etwa auf Ivan Iljin, der Hitler und Mussolini hochschätzte. Und er spinnt Netzwerke im Westen, um die Demokratien zu spalten. Putin stilisiert sich zum harten Kerl, zum starken Mann, mit vulgärer Sprache und einer Rhetorik der Gewalt. Nach dieser Lektüre bleibt nur die Frage: Wie konnte die Welt so blind sein?

Über den Autor: Robert Misik, geboren 1966, ist Journalist und politischer Schriftsteller und schreibt regelmäßig für die Berliner tageszeitung, Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung und den Falter. Zahlreiche Preise, etwa der Bruno-Kreisky-Förderpreis, 2010 Journalist des Jahres in der Kategorie Online, 2009 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik. Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen im Picus Verlag „Was Linke denken“, „Ein seltsamer Held“, „Herrschaft der Niedertracht“ und „Die neue (Ab)normalität“. 2022 erscheint „Putin. Ein Verhängnis“. Auf der Homepage des Autors www.misik.at findet sich auch der Link zur zehnteiligen Blog-Reihe „Putin vestehen – Die Serie“.

Picus Verlag, Robert Misik: „Putin. Ein Verhängnis. Warum Wladimir Putin Russland in eine Despotie verwandelte und jetzt Europa bedroht“, Sachbuch, 176 Seiten.

www.picus.at           www.misik.at

Über Wladimir Putin: Putin kam 1952 in Leningrad, heute Sankt Petersburg, als Kind eines kommunistischen Fabrikarbeiters zur Welt und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Er war das dritte Kind der Familie, seine beiden Brüder starben schon im Kindesalter. Schon als Jugendlicher interessierte sich Putin für Kampfsportarten, mit 18 Jahren erreichte er im Judo den schwarzen Gürtel.

Nach der Schule studierte er Jus, um 1975 als Agent in den Dienst des KGB zu treten. In den Anfangsjahren arbeitete er überwiegend in der Auslandsspionage. Mitte der 1980er-Jahre ging er mit seiner Frau Ljudmila, einer Deutsch-Dozentin, die er 1983 geheiratet hatte, nach Deutschland. In Dresden wurde ein Jahr nach der Geburt seiner ersten Tochter Maria in Leningrad, 1986 die jüngere Tochter Jekaterina in Dresden geboren. Während er offiziell für das deutsch-sowjetische Freundschaftshaus in Leipzig zuständig war, warb er tatsächlich Agenten in Ost- und West-Deutschland an. Putin spricht fließend Deutsch.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrte er 1990 zurück nach Russland. Ab 1997 arbeitete Putin im Kreml und wurde dort Leiter des föderalen Sicherheitsdienstes und 1999 Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Boris Jelzin. Im gleichen Jahr übernahm Putin das Amt des Ministerpräsidenten. Ein Jahr später gewann er mit absoluter Mehrheit die Präsidentschaftswahlen und wurde zum Nachfolger Jelzins, der ihn als seinen Wunschkandidaten vorschlug. In Putins erste Amtszeit bis 2004 fallen der erste und zweite Tschetschenienkrieg, doch konnte sich Russland auch wieder als Supermacht etablieren. Die Wahl zum Präsidenten, die Putin inzwischen viermal für sich entscheiden konnte, stufen internationale Beobachter weder als frei noch als fair ein.

Spätestens seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 ist deutlich, dass Wladimir Putin ein Machtmensch ist und dass er den Zusammenbruch des Sozialismus als Demütigung empfindet. Die Annäherungen des Westens und die Ausdehnung des Militärbündnisses Nato in die ehemaligen Sowjetischen Staaten beunruhigen ihn zunehmend. Die weitere Demokratisierung der Ukraine führte letztendlich dazu, dass Russland am 24. Februar 2022 mit einem Großaufgebot an Soldaten und Waffen im „Bruderstaat“ einmarschierte. Täglich berichten seither die Medien vom russischen Terror und von gezielten Anschlägen auf die Zivilbevölkerung.

Wladimir Putin insziniert sich gern als Macho und Naturbursche. Für mediales Aufsehen sorgten seine arrangierten Urlaubsfotos aus dem August 2007, die ihn mit nackten Oberkörper auf einem Pferd reitend zeigten. Er setzt sich für die Sibirischen Tiger ein, gibt für weltweit veröffentlichte Fotos schon mal einem Elchkalb das Fläschen oder geleitete Kraniche im Ultraleichtflieger in die Freiheit.  2014 wurde die Scheidung von seiner Frau Ljudmilla bekannt. Schon vorher, ab 2008, soll er mit der ehemaligen Rhythmischen Sportgymnastin und Olympiateilnehmerin Alina Kabajewa liiert gewesen sein, auch gemeinsame Kinder sollen existieren.

30. 6. 2022

Michael Allred, Steve Horton, Laura Allred: Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume

März 19, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

The Rise and Fall of Ziggy Stardust

„Dieses Buch wird mit maximaler Lautstärke gespielt!“, weist Comic Book Artist Michael Allred die Leserinnen und Leser schussendlich an. Gemeinsam mit Schriftsteller Steve Horton und Ehefrau Laura Allred, der Koloristin im Team, wagte sich der Künstler an ein Herzensprojekt, das er wie manches, dass er für nicht umsetzbar hielt, im Hinterkopf abspeicherte: eine Graphic Novel über Allreds musikalischen und auch sonstigen Hero David Bowie.

Schon als Schüler zeichnete Allred Bowie-Comics, schließlich legte er dessen Management sogar einen Ziggy-Stardust-Comic vor, aber ach, da hatte das „Chamäleon“ bereits andere Pläne. „Als ich später ,Red Rocket 7‘ veröffentlichte, die Story eines rothaarigen Aliens und dessen Blick auf den Rock’n’Roll, hörte ich, Bowie sei das Buch aufgefallen“, so Allred. Ja, er hätte sogar die Textzeile „See my life in a comic“ aus „New Killer Star“ darauf bezogen – und wenn’s nicht stimmt, so ist es gut erfunden.

„Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume“ konzentriert sich nun auf David Bowies grandiose Glam-Rock-Karriere durch den kosmischen Aufstieg der Kunstfigur Ziggy Stardust, wobei als Rahmen der Geschichte das schicksalhafte Konzert im Londoner Hammersmith Odeon am 3. Juli 1973 dient, wo sich Bowie von seinem Alien-Alter-Ego und der Band „The Spiders from Mars“ trennte. Die Popkultur-Ikone scheint bei der Pop-Art-Ikone in besten Händen: Michael und Laura Allred ließen sich durch Albumcover und bekannte Fotografien zu einem psychedelischen Farbenrausch inspirierten. Das Buch ist voll von visuellen Zitaten aus der Zeitkultur.

Horton und die Allreds fangen Biografisches ein, das außer bei eingefleischten Bowie-Fans vielleicht nicht Allgemeinwissen ist: 1962, der Fight mit seinem Freund George Underwood um ein Mädchen, der in einer Verletzung, der dauerhaft geweiteten linken Pupille endete – womit Bowies Markenzeichen der beiden unterschiedlich farbigen Augen in die Welt gesetzt war. Seine Pantomimenausbildung 1966 beim provokant-transgressiven Theatermacher Lindsay Kemp, der in diesen Tagen auch Bowies Lover gewesen sein soll.

Die Namenstaufe durch Manager Ken Pitt, da auch einer der populären „Monkees“ David Jones hieß. Vorschlag David: „Bowie“ – Ken Pitt: „Wie das Messer?“ – „Fast, wie David Bowie der Grenzer.“ (James Bowie, ca. 1796 – 1836, war amerikanischer Grenzgänger, Militärführer in der Texas-Revolution und Verteidiger von Alamo. Die Stadt Bowie und Bowie County, beide in Texas, sind nach ihm benannt – und das Bowiemesser, Anm.). 1967, Einweisung von Davids älterem Halbbruder Terry Burns wegen Schizophrenie in die Nervenklinik Cane Hill. 1985 warf sich Terry vor einen Zug. Ein Werbespot für Eis am Stiel mit dem No-name-Regisseur Ridley Scott, das Vorsprechen für die „Rocky Horror Show“ sowohl als Frank’n‘Furter als auch Riff Raff – und die Absage, 1969 seine Vorbereitung auf die Rolle in „The Virgin Soldiers“, nur um festzustellen, dass er als „Soldat im Aufenthaltsraum“ schweigender Statist ist. Immerhin im selben Jahr die „Space Oddity“ mit Major Tom.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Zu Privatem gesellt sich die langer than life Musikkarriere. Spätestens an dieser Stelle werden Allreds fantastischen Zeichnungen zu einem prächtigen Bildband. In „Bowie“ springen einen die Farben und Formen nur so an, man möchte drin versinken und man kann sich gar nicht satt sehen. Seite für Seite, Panel für Panel wird hier ganz große Comic-Kunst abgeliefert. Auch die Bandhistory ist, wie bei den Geliebten diverser Geschlechter, ein Kommen und Gehen. Bowies bester Freund Marc Bolan, der später T.Rex gründet, Tony Visconti, Produzent und mitunter auch Bassist, Gitarrist Mick Ronson, Mick Woodsmaney am Schlagzeug, Trevor Bolder, der von Visconti den Bass übernimmt – ein unüberschaubares Namedropping.

Dazu Frust mit Plattenfirmen vor allem in den USA, Mercury Records, die 1970 Bowie im Man Dress als Coverfoto für „The Man Who Sold The World“, aufgenommen in Haddon Hall mit Ehefrau Angie, ablehnten. Konflikte mit der Band, die durch Bowies zunehmende Starallüren genervt ist – er im Jaguar unterwegs zum nächsten Gig, die anderen im Tourbus, wo Gespräche ergeben, dass sie unterschiedlich entlohnt werden. Begegnungen mit Iggy Pop, Lou Reed, Mick Jagger, Freddie Mercury, einem Newcomer namens Bruce Springsteen oder Alice Cooper – und so exaltiert, wie Iggy Pops kalter Entzug in einem Hotelzimmer dargestellt ist, so auch ein Bild, in dem Bowie das Empire State Building besteigt, oder eines inspiriert vom Letzten Abendmahl Leonardo Da Vincis, mit Bowie als Messias in der Mitte.

Auf all diesen Seiten sind sowohl Bowies kreatives Potential als auch sein komplexer Charakter zum Greifen nah. 1972 sagte David Bowie in einem Interview mit dem Melody Maker „Ich bin schwul und war es immer schon.“ Seine späteren Reaktionen: 1978: „Das Beste was ich jemals sagte.“ – 1983: „Der größte Fehler meines Lebens.“ – 1993: „Ich fühlte mich nicht gerade gut damit. Aber es musste sein.“ Als Bowie bei einem Auftritt in der TV-Show „Top of the Pops“ einen Arm um Mick Ronson legt, wird das zum Skandal. Beim Finale von „Suffragette City“ in der Oxford Town Hall schießt Mick Rock eines der wirkmächtigsten Bilder des Rock’n’Roll, als Bowie Ronsons Gitarre mit den Zähnen spielt.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Was der Allreds und Hortons Arbeit besonders macht und über das Niveau etlicher weiterer Künstlerbiografien oder Biopics hebt, ist der fiebrig-extravante Stil, der in der Handlungszeit geradezu schwelgt – diese Graphiken erinnern an den niederländischen Zeichner Typex, der für seine wunderbare Andy-Warhol-Biographie jedes einzelne Kapitel im jeweils dazu passenden zeitgenössischen Comicstil gehalten hat – ist, dass hier auf viele Details, nur scheinbare Nebensächlichkeiten und vor allem auf die gegenseitige Wirkung mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eingegangen wird.

Weder wird hier die Mär vom überirdischen Genie erzählt, noch eine Story über Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Vielmehr beleuchtet „Bowie“ eine aufregende Zeit des künstlerischen Umbruchs, in der Tabubrüche noch sehr einfach zu bewerkstelligen waren. Und von einem jungen Mann, der seine Identität sucht und sein Ich letztlich aus der Summe der Inspirationen, die ihn umgeben, zusammenpuzzelt. Das entmystifiziert David Bowie von jedem Kult um seine Person und macht ihn sympathischer und menschlicher, als es die meisten anderen geschriebenen, nicht nur gezeichneten Biografien mit ihren Stars schaffen.

„Bowie“ ist eine schwelgerische, detailverliebte Graphic Novel – und eine absolute Leseempfehlung. Und dass Michael Allred im Nachwort mit einer möglichen Fortsetzung liebäugelt … an den Leserinnen und Lesern wird’s kaum scheitern. Ist doch eine Bildmontage als Epilog ein visueller Höhepunkt, eine Art Vorschau auf Halloween Jack, The Soul Man, The Thin White Duke, The DJ, Pierrot, Screaming Lord Byron, Jareth, der Koboldkönig, The Blind Prophet – und Iman.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Über die AutorInnen: Michael Allred, ausgezeichnet mit dem Eisner-Award, ist der Künstler hinter Comic-Klassikern wie „Madman, „Silver Surfer“, „Red Rocket 7“ und „iZombie“. Seine Arbeit am achten Band von Fables brachte ihm für zehn Wochen den ersten Platz auf der New York Times Bestsellerliste für Graphic Fiction. Er war auch Mitschöpfer und wesentlicher Mitwirkender an bahnbrechenden Werken wie Neil Gaimans „Sandman“, Doom Patrol“, Bug! The Adventures of Forager“, Batman ‘66“ und „X-Force“.

Steve Horton ist der Autor und Mitschöpfer der von der Kritik gefeierten IDW-Serie „Satellite Falling“, die Comic-Veteran Jimmy Palmiotti als seine neue Lieblingsserie bezeichnete, sowie der Dark Horse-Serie „Amala’s Blade“. Horton hat für eine Reihe von Comicverlagen gearbeitet, darunter DC, Image, Dark Horse und IDW.

Laura Allred hat den Großteil von Michael Allreds Werk über Jahrzehnte hinweg koloriert. Nach zwei früheren Nominierungen für „Red Rocket 7“ im Jahr 1998 und „Madman“ und „Happydale“ im Jahr 2000 gewann sie 2012 einen Eisner Award für ihre Arbeit an „iZombie“ und „Madman“. Sie hat auch mit anderen Künstlern gearbeitet, wie Jaime Hernandez, Joelle Jones, Art Adams, Geof Darrow, Paul Pope und Darwyn Cooke.

Cross Cult Verlag, Michael Allred, Steve Horton, Laura Allred: „Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume“, Graphic Novel, 160 Seiten. Mit einem Vorwort von Neil Gaiman. Übersetzt aus dem Englischen von Michael Schuster.

WEITERE EMPFEHLUNGEN VON CROSS CULT: Raumschiff-Enterprise-Steuermann George Takei: „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“, Graphic Novel, 208 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42990 Jessica Bab Bonde und Peter Bergting über Kinder in NS-Konzentrationslagern: „Bald sind wir wieder zu Hause“, Graphic Novel, 104 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44223

www.cross-cult.de

19. 3. 2022

Alexander Pechmann: Im Jahr des schwarzen Regens

Januar 26, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Charles Austen verstrickt sich in die Wunder des Orients

Es ist diesmal keiner seiner Schauerromane, den der Wiener Autor Alexander Pechmann dem Publikum vorlegt. „Im Jahr des schwarzen Regens“ liest sich vielmehr als Hommage an den historisch-fantastischen Abenteuerroman. Es ist der Reisebericht des Kapitän Charles Austen an seine berühmte Schwester Jane Austen: Charles hat mit der Royal-Navi-Fregatte Phönix vor der türkischen Stadt Çeşme/Tschesme Schiffbruch erlitten und wartet nun auf seinen Prozess vor einem britischen Militärgericht. Es ist das Jahr 1816, eben noch hatte Kapitän Austen napoleonische Kriegsschiffe gejagt, nun will er für die bevorstehende Verhandlung seine Gedanken ordnen, indem er sie für Jane festhält.

Sie, die vor wenigen Tagen mehr Ausführlichkeit und mehr Seemannsgarn einforderte: „Habe die Wunder des Orients gesehen‘ reicht mir nicht.“ Er, der nun antwortet, er werde ein Märchen niederschreiben, „denn es handelt von einer verzauberten Stadt, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, und von einem Unhold, der die Schätze derjenigen Menschen vermehrt, die ihm ein gottloses Opfer darbringen.“ Wie stets betört Pechmann mit seiner poetischen, nostalgisch-verwehten Sprache, er ist ein Schönschreiber auch des Hässlichsten.

Und davon gibt es in diesem Buch einiges. Er setzt Menschen und Orte zu orientalischen Mosaiken zusammen, Steinchen um Steinchen, Zusammenhang und Sinn, bis sich am Ende das Ornament als großes Ganzes erklärt. Die verwunschene Stadt, in der sich alles ereignen wird, Liebe, Lüge, Laster, Korruption und Killerkommandos, ist Smyrna, heute Izmir, wohin Austen aufbricht, um für seine 270 Mann Besatzung ein Transportschiff zu organisieren und mit dem britischen Konsul weitere Schritte zu besprechen. Austens, er ist Witwer und Vater zweier Töchter, gutmütiger Charakter wird durch die Rettung des Schiffskaters Nelson ausgestellt: „Der schändlich zerzauste Kater, den ich geborgen hatte, lugte missmutig aus dem Seesack hervor. Er klammerte sich an meine Schulter wie Odysseus an das von Poseidon umhergeschleuderte Floß.“

„Besmele‘, rief Mr. Faruk, der türkische Lotse. ,Ihr habt Nelson gerettet. Allah belohnt die Barmherzigen.“ Gottes Segen wird Austen in Smyrna jedenfalls brauchen. Die Hafenstadt, ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen und Religionen, wird vom zwielichtigen osmanischen Gouverneur Katipzade Mehmet Bey regiert, von den Europäern, besonders den Briten, wohlgelitten, weil er sich für deren Handelsinteressen einsetzt, hingegen im Dauerclinch mit Sultan Mahmud II. und der Hohen Pforte in Konstantinopel/Istanbul. Die einfachen Menschen fürchten und verachten Katipzade, Konsul Werry ist hocherfreut über den „Prachtkerl auf unserer Seite“, vom Sultan ausgesandte Meuchelmörder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Allen scheint Katipzade einen Schritt voraus.

Im Stil der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts und mit viel historischem Kolorit, das die intensive Recherchearbeit durchschimmern lässt, erzählt Pechmann eine Geschichte über politische Intrigen, wirkmächtige Volksmythen, rücksichtsloses Machtstreben, und wie man den Machterhalt durch „Gegenleistungen“ sichert. „Was wäre der Gouverneur ohne die Janitscharen, die er bezahlt, ohne die Richter, die er besticht, ohne die Beamten, die er erpresst, ohne die Handelsfirmen, denen er Vorteile verschafft – eine Spinne ohne Netz. Und was wären sie ohne ihn – ein Netz ohne Spinne.“

Diese Worte legt Pechmann dem baltischen Orientalisten und Forschungsreisenden Otto Friedrich von Richter in den Mund, der 1816 tatsächlich in Smyrna weilte. Im Roman erläutert Richter allerlei Wissenswertes zur multikulturellen Handelsmetropole, in der die nationalistischen Konflikte des 20. Jahrhunderts bereits gären. Kapitän Austen bahnt sich derweil als – von Gerüchten und der darauffolgenden Paranoia bisher kaum touchierter – Ehrenmann der britischen Marine unerschrocken und aufrecht seinen Weg durch dieses Schlangennest.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

„Viele Zündschnüre und ein Pulverfass“, sagt der Gouverneur, für Austen vom Äußeren eines biederen Bankdirektors, würden ihn seine nervösen Augen, die Freund und Feind im Blick behalten müssen, nicht verraten, über sein Babylon. „Die Philiki Etaireia planen den Aufstand, armenische Geheimbünde sinnen auf Rache, die Sabbatianer sehnen einen neuen Messias herbei, während die Briten eine Annexion vorbereiten, und die Franzosen und Preußen wollen dies natürlich verhindern …“ Eine durchaus skurrile Szene ergibt sich solcherart am Festtag des Heiligen Polykarp, erster Bischof von Smyrna, an dessen Grab auf dem muslimischen Friedhof (!) Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und armenische Christen aufeinander losgehen, bis die Janitscharen alle mitsammen niederknüppeln.

Die Person, die den Kapitän mehr in diese Wirrnisse hineinzieht, als ihm lieb ist, ist die seltsame jüdische Witwe Rachel Löwenthal, Logiergast im selben Hotel wie Austen, die der festen Überzeugung ist, Katipzade hätte ihren Mann, den aus Wien stammenden Jakob Löwenthal, und die gemeinsame Tochter ermordet, indem er ihr Haus als einziges im Nobelviertel als Pesthort deklarierte und samt Bewohnern niederbrennen ließ. Nun appelliert sie an Austens Ritterlichkeit, der ja bei den Würdenträgern der Stadt aus und ein ginge, mehr über deren Schicksal herauszufinden – während die Frau vom Gouverneur bis zum Konsul als wahnsinnige Querulantin abgetan wird. Asten fühlt sich, erinnert an den Verlust seiner Fanny, zu Rachel Löwenthal hingezogen und will helfen.

Rund um dieses Szenario errichtet Pechmann ein wundersames Panoptikum aus Figuren, wie alten Volkssagen und Legenden entsprungen. Da ist zunächst Anthoula aus der Irrenanstalt, wohin Rachel Charles führt, um ihm zu zeigen, was mit Mädchen passiert, die Katipzade „als Spielzeug missbraucht“ und nach Gebrauch wegwirft. Ein taubstummes, blindes, kahles Geschöpf mit verkrüppelten Beinen, über das Austen schreibt: „Diese Mischung aus abstoßender Hässlichkeit und außerweltlicher Erhabenheit in ihren Zügen verwirrte und verstörte mich zutiefst.“ Er denkt an die Schlangengöttin Schahmeran, die sich zerhacken ließ, um das Böse zu bezwingen.

Oder Arevhat, die Sängerin und Volksheldin, die wie aus dem Nichts auftaucht und ebenso wieder verschwindet, und die in ihren Liedern zum Ungehorsam gegen den Unterdrücker aufruft. Rachel ist sich sicher, dass ihr Mann sterben musste, weil er Arevhat Unterschlupf gewährte, auch sie war eines jener „unglücklichen Kinder, die der Gouverneur in seinen Sommerpalast bringen ließ. Die Mädchen wurden wie Huren bekleidet und bemalt. Sie mussten bei den großen Feierlichkeiten die Gäste des Gouverneurs bedienen. Hatten die Mädchen ihren Zweck erfüllt, wurden sie entehrt vor die Tür gesetzt. Einige machten ihrem Leben ein Ende, wieder andere schlossen sich aus Not den Bettlern an.“

Deren „König“ ist ein weiterer schillernder Charakter, der Derwisch Salaheddin, der mit seinen zerlumpten Truppen und seinen Sufis Austen noch sehr hilfreich sein wird (die beiden schleusen den ehrfurchtgebietenden Sufi Ahmet mit einem gefälschten „Ferman des Sultans“ als trojanischen Janitscharen ins Polizeigefängnis ein, was die Wachsoldaten zum Habt-Acht und zur Herausgabe politischer Gefangener veranlasst – Anthoulas Arzt Dr. Mikaelis ist nämlich außerdem griechischer Freiheitskämpfer). Magisch auch die Begegnung mit Rachels Zaddik Rabbi Ashkenasi, der Austens Blick auf ungeahnte Aspekte des Glaubens richtet.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Richtig Fahrt nimmt der Roman nach einem missglückten Attentatsversuch auf den Katipzaden auf dem Casino-Ball auf. Der Täter, die Hintermänner? Konsul Werrys Sohn Peter sagt Seiten vorher und hämisch grinsend diesen verhängnisvollen Satz zu Austen: „Der nächste Gouverneur muss ja nicht unbedingt ein Türke sein.“ Charles Austen und Otto Friedrich von Richter retten den angeschossenen Gouverneur und verstecken ihn in einer der bewohnbaren Höhlen am Strand …

Pechmann gelingt mit Verve keinen seiner Charaktere eindimensional zu gestalten. Der bösartige Gouverneur, der das Volk schikaniert, spricht in der Höhle mit den Worten eines Dichters über seine verlorene Liebe Leila, ein Korbflechter-Mädchen, dass Vater Katipzade aus dem Weg schaffte, um dem Sohn eine standesgemäße Heirat vorzuschreiben (als wer sich Leila entpuppt, ist sagenhaft). Selbst Kapitän Austen ist in seinem Innersten zerrissen, nach außen Pflicht und Moral, innerlich nicht über Fannys Tod hinwegkommend, an dem er sich die Schuld gibt. Und Madame Löwenthal? Ist sie wirklich verrückt, wie alle behaupten, oder ist an ihren Anklagen etwas dran? Allmählich erst, die Nerven längst bis zum Äußersten gespannt, dröseln sich die verschlungenen Verhältnisse – wer mit wem und wer gegen wen – auf. Was für mehr als eine Überraschung gut ist.

„Im Jahr des schwarzen Regens“, benannt nach dem Ausbruch des indonesischen Tambora-Vulkans 1815, der noch im Jahr darauf, dem „Jahr ohne Sommer“, ascheschwere Niederschläge auf die Welt fallen ließ, ist ein bis ins Detail stilgetreuer historischer Abenteuer-Roman und mehr. Denn Pechmann erzählt seine Geschichte aus der Zeit des europäischen Handelsimperialismus und der Minderheitenverfolgung im Osmanischen Reich als Bericht aus einer exotischen Wunderkammer. Die vorgegebene Zeit ist ihm nur der Anker, um die orientalischen Mythen und levantinischen Märchen über fantastische Wesen und unerklärliche Phänomene daran festzumachen. Alles in allem: Eine atmosphärisch dichte, nostalgische, unterhaltsame Lektüre über historische Tatsachen.

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939) und „Sieben Lichter“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45974).

Steidl Verlag, Alexander Pechmann: „Im Jahr des schwarzen Regens“, Roman, 256 Seiten.

steidl.de

26. 1. 2022

Bücher über Romy Schneider und von Erni Mangold

September 21, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Romy spielt sich frei / Sagen Sie, was Sie denken

Wie aus „Sissi“ der Weltstar Romy Schneider wurde: Als süße junge Kaiserin „Sissi“ erobert Romy Schneider ein Millionenpublikum. Der große Erfolg ist jedoch nicht alles – sie möchte ihren eigenen Weg gehen, sich lösen vom Mief der deutschen Nachkriegszeit und von der Schauspieltradition der Familie, mit der sie in Gestalt von Mutter Magda Schneider und Grossmutter Rosa Albach-Retty alltäglich konfrontiert ist. Sie stellt Fragen, verurteilt manches scharf und arbeitet sich bis zu ihrem frühen Tod an ihrer Herkunft ab.

Ihre berührende Lebensgeschichte spiegelt so auch die Geschichte der Familie und ihrer starken Frauen wider: Sie erzählt vom Ringen um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit im Theaterund Filmgeschäft, von der Vereinnahmung durch Politik und Medien, von zweifelhaften Verstrickungen und Irrwegen in turbulenter Zeit. Großmutter Rosa und Vater Wolf Albach-Retty, die ehrgeizige Mutter Magda und Romy Schneider – ein packendes Familiendrama zwischen Triumphen und Abgründen.

Über den Autor: Günther Krenn studierte Philosophie und Theaterwissenschaft und ist Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. Er hat sich bereits in mehreren Büchern mit Romy Schneider, Alain Delon und Karlheinz Böhm beschäftigt und ist daher mit dem vielschichtigen Themenkomplex des Romy-Schneider-Universums eng vertraut. Seine filmhistorischen Bücher wurden zweimal mit dem Willy-Haas-Preis ausgezeichnet, zuletzt erschien 2021 „Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft“.

Molden Verlag, Günther Krenn: „Romy spielt sich frei. Glanz und Tragik einer Schauspieldynastie“, Sachbuch, 304 Seiten. Erscheint am 27. September.

95 Jahre in Lebens-Bildern: Sieben Jahrzehnte auf der Bühne und mit über 90 noch im Filmgeschäft: Erni Mangold hat viel erlebt und viel gesehen. In ihrem Haus im Waldviertel gibt es einen alten Holzschrank, darin bewahrt die Ausnahmekünstlerin alle ihre Fotos auf. In wildem Durcheinander repräsentieren sie das abwechslungsreiche Leben der gefeierten Schauspielerin. Die angeborene Gabe die Wahrheit zu sagen, gelegen oder ungelegen, macht sie so prägend, so witzig und so klar. Zu entdecken gibt es nicht nur Erni Mangolds Jahrhundertleben, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderts – Kindheit und Krieg auf dem Land, wilde Jahre mit Helmut Qualtinger, Aufstieg und Ausverkauf als Sexsymbol in einer ausgehungerten Nachkriegsgesellschaft, Theater und Ehe in Hamburg, Schauspielunterricht in Wien, Glück und Auszeit im Waldviertel. Eine Zeitreise mit der grandiosen Schauspiel-Ikone. Mit Gastbeiträgen von Elfriede Jelinek, Michael Schottenberg, Susanne Höhne etc.

Über die Autorin: Erni Mangold. Viele Zeitgenossen erkannten die Unverwechselbarkeit und Qualität ihrer künstlerischen Potenz: Gustaf Gründgens, Rainer Werner Fassbinder, Peter Patzak, Werner Schwab und Xaver Schwarzenberger gehörten dazu. Dieses Buch erzählt von Begegnungen mit Hans Moser, Raoul Aslan, Curd Jürgens, Ernst Waldbrunn, Helmut Qualtinger, O.W. Fischer, Peter Alexander, Heinz Reincke, Elisabeth Flickenschildt, Susi Nicoletti, Romy Schneider sowie Herbert von Karajan, Bruno Kreisky und vielen anderen.

Molden Verlag, Erni Mangold & Doris Priesching: „Sagen Sie, was Sie denken. Mein Leben in Bildern“, Sachbuch, 208 Seiten. Erscheint am 4. Oktober.

www.styriabooks.at/molden

21. 9. 2021