Luigi Toscano: Gegen das Vergessen

Mai 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Fotoinstallation macht Station in Wien

Bild: Peter Lechner/HBF

Luigi Toscanos Ausstellung „Gegen das Vergessen“ macht derzeit Station entlang des Burgrings in Wien. Die Installation des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers umfasst knapp hundert großformatige, etwa zwei Meter hohe Porträtfotos von Überlebenden der NS-Verfolgung, die heute in Österreich, den USA, Deutschland, der Ukraine, Israel, Russland und Weißrussland leben. Die Bilder sind vor dem Heldenplatz zu sehen.

Mehr als 300 NS-Überlebende hat Luigi Toscano in den vergangenen fünf Jahren für sein Projekt getroffen und fotografiert: „Sie sind die Gesichter und Stimmen der Erinnerungskultur. Die Menschen, die ich abbilden durfte, haben mich dazu ermutigt, ihre Porträts mit ihren Geschichten in die Welt zu tragen. ,Gegen das Vergessen‘ fordert jede einzelne und jeden einzelnen auf, alles dafür zu tun, dass Menschen nie wieder solche Verbrechen an anderen Menschen begehen.“ Die mittlerweile 96-jährige US-Amerikanerin und Auschwitz-Überlebende Susan Cernyak-Spatz, die in Wien geboren wurde, gab Luigi Toscano 2014 ein Zitat mit auf den Weg, das ,Gegen das Vergessen‘ bis heute prägt: „Wenn wir die Vergangenheit vergessen, sind wir verdammt, sie zu wiederholen.“

Die Ausstellung am Burgring zeigt zahlreiche Porträts von Menschen mit österreichischen Wurzeln. So wurde etwa Viktor Klein im Februar 2018 von Luigi Toscano in Israel porträtiert, nun war er als Ehrengast bei der Eröffnung anwesend. ,Gegen das Vergessen‘ ist als Ausstellung im öffentlichen Raum konzipiert. Ob Parks, öffentliche Plätze oder Häuserfassaden – Luigi Toscano möchte eine offen zugängliche Präsentation der Bilder für alle. Informationstafeln, ein Katalog, eine App und ein Dokumentarfilm ergänzen die Schau.

Bundespräsident Alexander van der Bellen bei der Ausstellungseröffnung. Bild: Peter Lechner/HBF

Viktor Klein kam am Arm von VdB-Ehefrau Doris Schmidauer als Ehrengast nach Wien, re.: Luigi Toscano. Bild: Peter Lechner/HBF

Erstmals wurde „Gegen das Vergessen“ im Herbst 2015 in Mannheim gezeigt. Im September 2016 war die Ausstellung zum Staatsakt des Gedenkens an die Massaker von Babyn Jar in Kiew eingeladen. Es folgten vier weitere Stationen in der Ukraine und zwei in Berlin. 2018 kam die Installation in die USA. Im Januar war sie zum Internationalen Holocaust-Gedenktag bei den Vereinten Nationen in New York zu Gast. Im April wurde sie in Washington D.C. am Lincoln Memorial Reflecting Pool gezeigt, im Oktober in Boston. Derzeit ist „Gegen das Vergessen“ zeitgleich in Wien und in San Francisco zu sehen. Und Luigi Toscano plant mit seinem Team weitere Stationen weltweit, unter anderem in Mainz, Chicago, Seattle und Pittsburgh. Die Schau in Wien ist eine gemeinsame Initiative mit dem Psychosozialen Zentrum ESRA, das Menschen, die durch Verfolgung, Folter, Migration, Misshandlung, Katastrophen oder andere schwerwiegende Ereignisse traumatisiert wurden, umfassende professionelle Hilfe bietet.

gegen-das-vergessen.gdv-2015.de           luigi-toscano.de           www.esra.at

11. 5. 2019

Michael Köhlmeier: Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle

Dezember 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die politischen Reden des großen Erzählers

„Mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich hier sprechen will“, sagte Michael Köhlmeier am 4. Mai 2018 in der Wiener Hofburg. Nur etwas mehr als sechs Minuten sprach er, doch seine Rede hallte durchs ganze Land. Eindringlich wandte sich der große Erzähler gegen eine nicht nur in Österreich, sondern weltweit immer salonfähiger werdende Staatsführung der Ablehnung und der Ausgrenzung.

Im bei dtv erschienenen Band „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“ sind nun erstmals Köhlmeiers gesammelte Reden nachzulesen. Unerschrockene Kommentare zur Politik dieser Tage, in der Sinnverdrehungen durch „alternative Fakten“ hoffähig geworden sind, wortmächtige Appelle, sich der so entstehenden Wortverzerrungen bewusst zu bleiben und sich zu empören – über den schleichenden Verfall jeglicher Debattenkultur. Neben dem vor gerechtem Zorn glühenden Hofburg-Auftritt sind im Buch unter anderem eine Rede zur Einweihung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Bücherverbrennung 1938, die ORF-Rede 2017, an jenem Neujahrstag, als es keinen Bundespräsidenten gab, und eine zur zehnjährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs enthalten.

Als keinen besonders wachen Bürger, „wankelmütig, urteilsunsicher, voller Zweifel, allerorts mit der eigenen Uninformiertheit und Ungebildetheit konfrontiert, schwankend zwischen schmachtender Mediengläubigkeit und anarchistischer Garnichtsgläubigkeit“, bezeichnet sich Köhlmeier. Eine Aussage, die sich spätestens dann ad absurdum fühlt, wenn dem Bürger Köhlmeier, wieder einmal der Geduldsfaden reißt. Wenn Politiker ihre „Sorge“ um den Antisemitismus dazu missbrauchen, Rassismus gegen Muslime zu schüren, wenn der Europagedanke zum Witz degradiert, wenn Demokratie zum Recht der Mehrheit über Minderheiten pervertiert wird.

Fordert jemand Köhlmeier auf, eine politische Rede zu halten, so Hanno Loewy in seinem fabelhaften Nachwort, erzählt er von seinen Begegnungen mit Menschen, oder vom Schmerz darüber, dass ihm solche nicht gelungen sind, erzählt von seiner Großmutter, die ihn in die Welt der Märchen eingeführt hat, von seiner Mutter, dieser unermüdlichen Krankheitsbekämpferin im Rollstuhl. Doch dann kann es ihm passieren, dass seine Trauer über jene, die ihre Geschichte nicht leben konnten, weil sie von der Politik ausgelöscht oder zum Spielball zynischer Ressentiments gemacht wurden, in Wut umschlägt. In eine Wut, der es gilt, die Würde des Menschen zu verteidigen. Das ist mehr politisches Programm, als manche Parteien sich ausdenken können.

Köhlmeier schärft die Sinne seiner Zuhörer, nun Leser, für den Missbrauch von Sprache durch politische Parolen, und für die Aufmüpfigkeit, sich dem Populismus zu widersetzen. Er zitiert Roberto Benigni und Leonard Cohen und Giorgio Agamben und Bertolt Brecht. Er sagt: „Ich nehme unseren Innenminister ernst. Er hat alle Tassen im Schrank; sie sind nur anders angeordnet als meine Tassen, aber geordnet sind sie.“ Er denkt laut darüber nach, was es bedeutet, Flüchtlinge „konzentriert an einem Ort zu halten“, über den Hochmut gegen jene, die sich gefälligst hintanstellen sollen, wenn vor ihnen die Schalter geschlossen, die Mittelmeergrenzen abgeschottet werden, es ihnen „ungemütlich gemacht“ wird.

Er philosophiert beinah prophetisch über die, die „den Namen George Soros als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion“. „Sichthaltige Gerüchte“, sagt Köhlmeier, dieser Terminus werde schon bald seinen Weg in die Wörterbücher finden. Und er kommt zu dem Schluss: „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“ Unbedingt nachlesenswert!

Über den Autor: Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems in Vorarlberg. Er studierte Germanistik und Politologie in Marburg sowie Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Michael Köhlmeier schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und trat sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Rauriser Literaturpreis, den Johann-Peter-Hebel-Preis, den Manès-Sperber-Preis, den Anton-Wildgans-Preis und den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Im Herbst 2018 erschien sein neuer großer Roman „Bruder und Schwester Lenobel“.

dtv Literatur, Michael Köhlmeier: „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Reden gegen das Vergessen“, politische Reden, 96 Seiten. Mit einem Nachwort von Hanno Loewy.

www.dtv.de

  1. 12. 2018

Das Leopold Museum zeigt Manfred Bockelmann

Mai 14, 2013 in Ausstellung

Zeichnen gegen das Vergessen

Manfred Bockelmann in Atelier, 2010 Bild: Copyright: Manfred Bockelmann

Manfred Bockelmann in Atelier, 2010
Bild: Copyright: Manfred Bockelmann

Ab 17. Mai zeigt die Sonderausstellung „Zeichnen gegen das Vergessen“ großformatige Porträts, durchwegs Kohlezeichnungen, von Kindern und Jugendlichen, die zu Opfern des Nazi-Terrors wurden. Dem Künstler Manfred Bockelmann, Bruder von Liedermacher Udo Jürgens, geht es mit der Schau darum, „zumindest einigen wenigen Namen und Nummern Gesichter zu geben, ein paar Menschen aus der Anonymität der Statistik herauszuheben“. Bockelmann: „Ich zeige keine Märtyrer, keine Leichenberge und keine geschundenen Kreaturen, deren Gesichter von Hunger, Krankheit und Erschöpfung gekennzeichnet sind, die ihrer Individualität beraubt wurden. Ich zeige Individuen, denen das Martyrium noch bevorsteht.“ Die porträtierten Kinder und Jugendlichen sind zwischen zwei und sechzehn Jahren alt, sie wurden am Wiener Spiegelgrund und in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau, Hartheim und Theresienstadt sowie anderen Orten zu Opfern des Nazi-Terrors. Diese jungen Menschen wurden zwischen 1941 und 1945 ermordet, weil sie Juden, Slawen oder Roma waren, weil ihre Eltern Gegner des Regimes waren oder weil sie an körperlichen oder geistigen Gebrechen litten. Dem Rassenwahn des „Dritten Reichs“ nach waren sie „Volksschädlinge“, die es auszumerzen galt, um die vermeintliche „Reinheit des deutschen Blutes“ zu gewährleisten.

Als Vorlagen der Porträts dienen erkennungsdienstliche Fotografien der damaligen Behörden – Gestapo, SS, Ärzteschaft -, die nach der Deportation der Kinder und Jugendlichen in den Spitälern und Lagern gemacht wurden. Sie tragen dann den berüchtigten breit gestreiften Häftlingsanzug, ihre Köpfe sind kahlgeschoren. Dagegen wurden andere, vornehmlich Roma und Sinti, in den Sammellagern dazu aufgefordert, sich bei den Behörden zum Fototermin zu melden. Sie tragen ihre besten Kleider, wollen guten Eindruck machen, wissen noch nicht, was ihnen angetan werden wird – und doch ist ihnen allen Angst und Unsicherheit deutlich ins Gesicht geschrieben. Die Porträts zeigen zugleich schöne, junge Mitmenschen. Gerade in diesen Bildern der damals so genannten „Unreinen“ zeigt sich eine reine Menschlichkeit. Der Anspruch des Künstlers, gegen das Vergessen zu zeichnen, meint nicht nur diese ganz besonderen jungen Menschen, die einen Namen und eine Biografie haben, sondern zielt darüber hinausgehend darauf ab, den Wert einer empathischen Mitmenschlichkeit nicht zu vergessen; sich seiner eigenen Mitmenschlichkeit inne zu werden – nicht nur der Vergangenheit gegenüber, sondern auch jetzt, in der Gegenwart. Die Blicke der jungen Menschen in den Porträts bringen in den Betrachtenden etwas Verwandtes zum Klingen. Sie evozieren eine Verwandtschaft, ja eine Identität, die die Grundlage jeder humanistischen Ethik ist. Die Photographien der Nazi-Behörden sollten „die Anderen“ zeigen, „das Andere“ ablichten. Die Kohlezeichnungen Bockelmanns dagegen deuten auf das Selbe im Abgebildeten und im Betrachter, bilden eine Menschengemeinschaft, um die man sich zu sorgen hat. Ich-im-Anderen, der oder die Andere-in-mir – der Andere ist in Wahrheit der oder die „Nicht-Andere“. Teil zu nehmen, Anteil zu nehmen, nicht wegzusehen, sich zu identifizieren – das ist hier die Botschaft. Gewiss zerreißt es einem das Herz, verstummt einem die Sprache, will man nicht hinsehen. Und doch werden in diesem Geschehen diese selben jungen Menschen, denen man das Leben genommen hat, auf eine andere Weise wieder zum Leben erweckt.

Die archaische, brüchige, von der Hand des Künstlers geführte Kohle wirkt auf ihre Weise gegen die Kälte und Stabilität der erkennungsdienstlichen Linse, gegen das mörderische, kein Widerreden duldende Arrangement. Dem Ernst dieses Themas kann man nur entsprechen, wenn man das Kreatürliche, das Fragile und Verletzliche, das in besonderer Weise Bedürftige annimmt und aufnimmt, es nicht versteckt, sondern es positiv bestätigt. Denn gerade durch die künstlerische Transformation der Kohlzeichnungen Bockelmanns, zeigt sich etwas zutiefst Vollendetes und Ganzes. Diethard Leopold hat die empfehlenswerte Ausstellung kuratiert.

www.leopoldmuseum.org

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 5. 2013