Refugee Lullaby

Oktober 1, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein guter Hirte hütet jedes Geschöpf

„Das ist nicht Wohltätigkeit, sondern Solidarität“: Hans Breuer, Österreichs letzter Wanderschäfer, über sein Engagement für Mitmenschen. Bild: WILDart Film

Von den vor wenigen Stunden geborenen Lämmern steht ein schwarzes ein wenig abseits der Herde, doch die gemütlich grasenden Mutterschafe sind deswegen nicht beunruhigt. Sie wissen ihren Nachwuchs bei Hans Breuer in besten Händen, und bald bugsiert er den kleinen Flüchtling behutsam zurück in die wartende Verwandtschaft. Schnitt. Breuer ist unterwegs in seinem Auto. Es ist Nacht, es ist das Jahr 2015.

Abertausende Menschen haben sich auf den langen Marsch vom Budapester Keleti Bahnhof Richtung Österreich begeben. Breuer fährt bis ans Ende der Kolonne, dort sind die Kinder, die Kranken, die, die nicht mehr weiter können. Er sammelt ein, das Fahrzeug füllt sich. „Baby?“ – „Geht!“ – „Und die zwei Mädchen da auch noch?“ – „Ja, geht!“ Ein guter Hirte hütet jedes Geschöpf. Und Hans Breuer ist tatsächlich einer, ist Österreichs letzter Wanderschäfer, ist fünffacher Vater und siebenfacher Großvater, und wohnt mit seiner Lebensgefährtin Mingo und seinen beiden Jüngsten in einem aufgebockten Bauwagen und ein paar windschief selbstgebauten Hütten am Waldrand. Früh schon, sagt er, hätte er sich entschieden, „ein Außenseiter“ zu sein, statt unter denen zu bleiben, die ewiggestriges Gedankengut verbreiten oder zumindest akzeptieren.

In Breuers PKW macht sich allmählich Schläfrigkeit breit, und Breuer singt den muslimischen Kindern, die mit ihren Eltern aus Syrien, Afghanistan, dem Irak nach Europa geflüchtet sind, ein jiddisches Wiegenlied vor. Das hat er bereits einmal getan und wurde vom Vater eines Kindes dabei gefilmt. 70.000 Mal wird dessen YouTube-Video weltweit geteilt, bis es schließlich auch die israelische Dokumentarfilmerin Ronit Kertsner sieht – und beschließt ein Breuer-Porträt zu drehen, „Refugee Lullaby“, ab 4. Oktober in den Kinos. Den Erwachsenen, die nun auf seiner Rückbank sitzen und aufgenommen werden, erklärt Breuer die Herkunft des Kamerateams: „Juden, Jews, you know.“ – „Okay, okay“, antwortet ein Iraker.

„Sie leben hier wie die Ratten“, sagt der heimische Helfer David: Unterbringung von Flüchtlingen in Serbien. Bild: WILDart Film

Die frierenden Menschen erwarten ihn schon: Gegen kalte Nächte hilft Hans Breuer mit heißem Tee. Bild: WILDart Film

Beständig kontrastiert Kertsner das ländliche Idyll des Schäfers mit Aufnahmen von überfüllten Auffanglagern, stellt der familiären Behaglichkeit, den entspannten Weidegängen mit Mingo, den durch die Natur tobenden Kindern, Dreck, Not und Elend in den Camps gegenüber. Breuer verteilt in Zelten Tee an frierende Menschen, verteilt Infozettel auf Arabisch, Farsi, Urdu, schaukelt in seinen Armen schreiende Babys, bringt seinen Schutzbefohlenen warme Decken. Daheim, im Hügelland südöstlich der Alpen, gibt er Deutschunterricht für Muslime und Muslimas. Sein Engagement, sagt er, „ist nicht Wohltätigkeit, sondern Solidarität“.

„Eine Idee, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt“. Den Mut zur Zivilcourage hat Breuer sozusagen geerbt, ihr Trauma auch, wie sich erkennen lässt, da Tränen fließen, als er von seinen Eltern erzählt. Der jüdische Vater und die Mutter waren Kommunisten, sie Journalistin bei der Zeitschrift „Die Stimme der Frau“ und eine der Widerstandskämpferinnen, die in der Doku „Küchengespräche mit Rebellinnen“ aus dem Jahr 1984 zu Wort kommen. Im gezeigten Ausschnitt spricht sie über die Gestapo-Folter, sieben Männer fielen über sie her.

Trotzdem verriet sie keine Namen … Der Antifaschismus seiner Eltern hat Breuer geprägt. Aus diskreter Nähe verfolgen Shalom Rufeisens und Jerzy Palaczs Kameras ihren Protagonisten, und zeichnen mit jedem seiner Schritte deutlichere Konturen dieses Wanderers zwischen den Welten, der sich scheint’s mühelos aus seinem bescheidenen Dasein aus- und in die Gesellschaft einklinken kann, wenn andere Hilfe brauchen. Und immer singt er. Breuer erfindet unterwegs Lieder, die er mit seinem Handy aufnimmt und zu Hause transkribiert. Verschmitzt und nicht ohne Selbstironie meint er, dass er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus eben eine andere Möglichkeit brauchte, die privaten Beschädigungen aufzuarbeiten, und dass er so zum jiddischen Liedgut kam. Hunderte jiddische Lieder hat er bisher gelernt – andere selber komponiert.

„Refugee Lullaby“ bleibt aber nicht beim bloßen Porträt. Geschickt spinnt Kertsner die Erzählfäden da und dort weiter, wenn sie Breuers anrührende Begegnungen mit Gleichgesinnten beobachtet. Da ist die iranisch-wienerische Jasmin, eine der Freiwilligen von „Train of Hope“, die am Hauptbahnhof Flüchtlinge versorgt, und bei ihr Breuers Nichte Verena Krausneker, eine der Gründerinnen des jüdischen Flüchtlingsvereins „Shalom Aleikum“, der sich vor allem um Geflüchtete aus muslimischen Ländern kümmert. Mit Krausneker wird Kertsner auch eine syrische Familie besuchen, die zu Freunden wurden. Man bereitet gerade gefüllte Weinblätter für ein öffentliches Picknick auf der Praterwiese vor. Der Familienvater war Restaurantbesitzer in Aleppo. „Music Box“, sagt er, „hieß unser Lokal“, und dass er nicht zuletzt wegen dieses drei Jahre überlegt habe, ob sie bleiben oder gehen sollen. Keiner, der seine Heimat verlässt, tut das leichten Herzens.

Hans Breuer hütet nicht nur seine Schafherde, sondern auch aus ihrer Heimat Geflüchtete und Vertriebene. Bild: WILDart Film

Ein Bad im Blechzuber gehört zum Leben inmitten von Mutter Natur: Hans Breuers Waschraum im Freien. Bild: WILDart Film

In Slowenien trifft Breuer den UNHCR-Übersetzer Yunes, der aus Palästina zum Studieren nach Slowenien kam, wegen des Sechstagekriegs blieb – und heute auch schon mehrfacher Opa ist. In Ungarn arbeitet Breuer mit Dan zusammen, dem er Hilfsgüter aus Österreich zum Weitertransport an die serbische Grenze bringt. Er habe damit begonnen, berichtet der gut trainierte Dan, als ihn Freunde angerufen hätten, weil am Bahnhof ein paar „Patrioten“ ein vierjähriges, syrisches Mädchen drangsaliert hätten.

„Man brüllt doch kein Kind an“, erbost er sich, und bekennt: Nein, um Erlaubnis habe er nie gefragt – „Ich tue einfach, was zu tun ist.“ In Serbien angekommen, erschüttern einen die schrecklichen Zustände in den provisorischen Unterkünften. „Sie leben hier wie Ratten“, schildert der einheimische Helfer David das Schicksal der Flüchtlinge. Ein Mann beschreibt, wie es ist, wenn die Polizei die Hunde loslässt, falls einer nicht gleich spurt. Später sitzt Breuer in einer Runde Pakistanis. Sie singen ihm ein Urdu-Lied, er eines auf Jiddisch, in dessen Refrain schließlich alle einstimmen können.

Es ist die Musik, die sprichwörtlich die Grenzen überwindet. Gemeinsam mit der bulgarisch-stämmigen Perkussionistin Maria Petrova, dem in Istanbul geborenen Geiger Efe Turumtay und Akkordeonist Nikola Zarić, Wiener mit serbischen Wurzeln, bildet Hans Breuer auch das WanDeRer-Quartett. „Refugee Lullaby“ ist ein bemerkenswerter Film über ein außergewöhnliches Lebenskonzept, eine bewegende Familiengeschichte und ein daraus resultierendes solidarisches Verhalten. Regisseurin Ronit Kertsner gelingt es, die Traumata der „völkischen“ Vergangenheit für die Gegenwart neu zu verhandeln. Ihre Doku ist ein herzerwärmendes Plädoyer für Mitmenschlichkeit – und der Beweis dafür, dass es neben der selbsternannt „ordentlichen Mitte-Rechts-Politik“ sehr wohl das andere Österreich, das andere Europa gibt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=11&v=uDVkWB1_xok           vimeo.com/312745625           go2films.com/films/refugee-lullaby

Zur Person Hans Breuer: www.oyfnveyg.com           apastekhlatroymer.wordpress.com/?ref=spelling           www.youtube.com/channel/UC9kfNxnFY3OaeB2u2uvkdvQ           www.facebook.com/hans.breuer.739

Helfen: shalomalaikum.at            www.trainofhope.at

  1. 10. 2019

Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Seefestspiele Mörbisch: Viktoria und ihr Husar

Juli 8, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Weltreise mit wunderbaren Melodien

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Motorradtrip ins Happy End: Dagmar Schellenberger als Viktoria und Michael Heim als Husarenrittmeister Stefan Koltay. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Das ist tatsächlich großes Kino! Intendantin Dagmar Schellenberger zeigt bei den diesjährigen Seefestspielen Mörbisch „Viktoria und ihr Husar“ und was Regisseur Andreas Gergen und sein Ausstatter Christian Floeren dazu auf die Neusiedlerseebühne gestellt haben, übertrifft an Opulenz, so möchte man meinen, sogar noch die vergangenen Jahre.

Die beiden laden zu einer Weltreise mit den wunderbaren Melodien von Paul Abraham; sie entzünden lang bevor das eigentliche beginnt ein Feuerwerk an großartigen Ideen und kleinen Gimmicks. Da wechseln sich japanische Pagoden mit einem St. Petersburger Palais und später der ungarischen Puszta ab. Da kann ein Doppeldecker beinah wirklich fliegen, eine Beiwagenmaschine fast ohne Anschieben Fahrt aufnehmen. Da wackelt der goldene Buddha im Takt mit dem Kopf und glitzert der Eifelturm, aber hängt im Grammophon die Nadel, stocken Platte wie Ballett und es gibt kein Weiterkommen. Welch ein Spaß. Und jeder der Mitwirkenden hat Paprika im Blut.

Schellenberger selbst hat sich der Rolle der Viktoria verschrieben. Die ungarische Gräfin wurde Ehefrau des amerikanischen Gesandten John Cunlight, als sie ihren geliebten Husarenrittmeister Stefan Koltay gefallen glaubte. Doch der überlebt die russische Kriegsgefangenschaft und landet auf seiner Flucht just in der US-Botschaft in Tokio. Nun steht Viktoria vor der Gewissensfrage, welchen der beiden Männer sie von Herzen liebt. Schellenberger gestaltet ihren Part ganz Grande Dame mit Augenzwinkern, sie zeigt einmal mehr, wie unterhaltsam, bewegend und mitreißend Operette sein kann, wenn man das Genre im richtigen Maße ernst wie leicht nimmt.

Ihr zur Seite stehen Andreas Steppan als selbstloser Entsager Cunlight, der auch ohne klassische Operettenstimme den Kollegen punkto Ausstrahlung und Charme in nichts nachsteht. Und der fabelhafte Michael Heim als Koltay, der wiewohl im Vorspiel in der sibirischen Steppenlandschaft kurz von der Mikrofonierung gestört, seine Stimme schön zu führen weiß und als aufrechter Held und Ehrenmann berührt. Schließlich ist nicht alles eitel Wonne in diesem Werk, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, teils im bolschewistischen Russland und am Vorabend des Nationalsozialismus spielt.

Gergen lässt in einem ersten Bild Lager anklingen. Ein Innehalten und Nachdenken darüber, was Operette hätte sein können, wären ihre Schöpfer wie eben Abraham und seine Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda nicht von den Nazis vertrieben oder ermordet worden. Abraham, der einstige k.k.-Superstar, starb nach dem Exil in geistiger Umnachtung. Löhner-Beda wurde in Auschwitz totgeschlagen, weil Manager des Chemiekonzerns IG Farben seine Arbeitsleistung bemängelt hatten …

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Perfektes Buffopaar: Andreas Sauerzapf als Janczi und Katrin Fuchs als Riquette. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Peter Lesiak als Graf Ferry ist ein Highlight des Abends; mit Verena Barth-Jurca als O Lia San. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Dem dramatischen Dreieck, die gewesene Liebesgeschichte zwischen Viktoria und Koltay erzählt Gergen mit einem Balletttänzerduo als wären’s Rückblenden, stehen zwei Buffopaare gegenüber. Alle vier machen sich mit überbordender Spielfreude und einer Prise Frivolität an ihre Rollen. Was ihnen die Lacher des Publikums sichert. Der sympathische Spaßvogel Andreas Sauerzapf und die quirlige Katrin Fuchs geben witzig-spritzig Koltays Burschen Janczi und das Kammerkätzchen Riquette. Verena Barth-Jurca ist als O Lia San entzückend; sie überzeugt nicht nur mit ihrem kristallklaren Sopran, etwa wenn sie ihrem Ferry die 1070 Regeln der glücklichen Ehe vorbetet, sondern auch in den Tanznummern.

Zweiundzwanzig davon hat Simon Eichenberger einfallsreich choreografiert, wie verlangt Foxtrott, Charleston und Csárdásschritte untergebracht, und der sie von den Solisten am gekonntesten umsetzt ist Peter Lesiak als Graf Ferry. Der Sänger der Wiener Volksoper, der dort zuletzt als leidenschaftlicher Student Perchik in „Anatevka“ auffiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19898), überzeugt auch in Mörbisch mit seiner temperamentvollen Art. Er zeigt nicht nur geradezu akrobatische Slapstickeinlagen, sondern steppt auch, dass es eine Freude ist. Mit dem Slowfox-Hit „Mausi, süß warst du heute Nacht“ samt einer Nagetierparade gestaltet er einen der Höhepunkte des Abends. Auch Statisten, Chor und Tänzer sind gut geprobt und vor allem ausgesprochen gut gelaunt.

Musikalische Weltreise von Japan ... Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Musik-Weltreise von Japan … Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

... bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

… bis Paris. Bild: Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

David Levi führt das Orchester mit flottem Dirigat durch den Abend. Er versteht es Folklore mit Jazz zu mixen, und überzeugt musikalisch vom Schlager à la „Meine Mama war aus Yokohama“ über die weit schwingenden Melodien von „Du warst der Stern meiner Nacht“ und „Nur ein Mädel gibt es auf der Welt“ zum melancholischen „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ bis zum feurigen Foxtrott „Ja so ein Mädel, ungarisches Mädel“. Da ist das Happy End schon in greifbarer Nähe, weil, wie könnt’s im Burgenland anders sein, im Wein die Wahrheit liegt.

„Viktoria und ihr Husar“ in Mörbisch ist ein üppiger Bilderbogen, der alles zu bieten hat, was die Tragikomik der Operette ausmacht. Er ist ein bissl schräg, etwas gefühlig, zwischendurch pathetisch, alles in allem sehr beschwingt – mit einem großen Schuß (Selbst-)Ironie. Eben ein auf allen Ebenen gelungener Abend. Es gibt noch für alle Spieltage und in beinah allen Preiskategorien Karten.

www.seefestspiele-moerbisch.at

Wien, 8. 7. 2016

Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

www.volkstheater.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech

Wien, 28. 2. 2015

Kunsthalle Krems: Meisterwerke der Sammlung Klüser

März 7, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert © Sammlung Klüser, München, 2014 Bild: Mario Gastinger

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert
© Sammlung Klüser, München, 2014
Bild: Mario Gastinger

Ab 16. März zeigt die Kunsthalle Krems unter dem Titel „Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol“ Meisterwerke aus der Sammlung Klüser. Der Ausstellungstitel steht sinnbildlich für die Genese der Sammlung Klüser: Ursprünglich eine Kollektion zeitgenössischen Kunst mit einer zunehmenden Anzahl an Werken der klassischen Moderne, erweiterte sich die Perspektive der Sammlung seit den 1990er-Jahren auch auf Zeichnungen der Renaissance bis zur Romantik. Die Zusammenschau der Arbeiten eröffnet so ein eindrückliches Panorama der Zeichenkunst, das den Brückenschlag zwischen historischen und aktuellen Werken sucht.

Herausragende Meister der Spätrenaissance und des Barocks von Parmigianino oder Giovanni Battista Tiepolo, über Anthonys van Dyck und Rembrandt Harmenszoon van Rijn bis zu Jean-Honoré Fragonard bilden den Ausgangspunkt der Schau. Von dort spannt sich der Bogen zu deutschen und französischen Werken des 19. Jahrhunderts. Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge sowie Carl Gustav Carus sind ebenso darunter wie Eugène Delacroix, Théodore Géricault oder Victor-Marie Hugo. Die Klassische Moderne wird unter anderem vertreten von den Künstlern Paul Cézanne, Henri Matisse, Constantin Brancusi und Alberto Giacometti. Der Kunst nach 1945 wird mit bedeutenden Werkblöcken von Joseph Beuys, Blinky Palermo sowie Andy Warhol ein besonderer Schwerpunkt eingeräumt. Zeichnungen von Cy Twombly sowie Tony Cragg, Olaf Metzel und Jorinde Voigt bilden den Übergang zur jüngsten Gegenwart.

Immer schon war die Zeichnung seismographisches Medium, um Grundkonstruktionen der Gesellschaft in den Spuren der gesetzten Linien freizulegen. Im Laufe der Jahrhunderte ebenso wie im Gang durch die Ausstellung enthüllt sie sich als intime Form der Weltdeutung, als Experimentierfeld für Ideen ebenso wie als Medium der Transformation, das Sichtbares wie Nichtsichtbares, Konstrukt wie Realität auf Papier zu bannen vermag. Bereits die Künstler der frühen Neuzeit schätzten an der Zeichnung die Möglichkeit, das Denken mit dem Arbeitsprozess kurzzuschließen und so die direkte Überführung von Ideen in Sichtbarkeit zu vollziehen. Noch Joseph Beuys sprach von ihr als „Verlängerung des Gedankens“. Einer auf Papier festgehaltenen „Ideensammlung“ gleich, bieten die rund 250 Arbeiten aus der deutschen Privatsammlung von Bernd und Verena Klüser außergewöhnliche Einblicke in die Zeichenkunst vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Unmittelbarkeit und Spontaneität machen die Faszination der Zeichnung aus. Wie kein anderes Medium ermöglicht sie es, individuelle Bildfindungen zu erproben und künstlerische Ideen in oft experimentellen Zugängen umzusetzen.

www.kunsthalle.at

Wien, 7. 3. 2014