Wiener Staatsoper streamt: La Traviata

März 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Influencerin Violetta verliert all ihre Follower

Violetta Valéry ist bei Simon Stone nicht länger Kurtisane, sondern Internet-Influencerin: Pretty Yende und Juan Diego Flórez als Alfredo Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ein Glück. Die in der per Video angebotenen „Einführungsmatinee“ mehrmals beschworene, nie konkret ausgesprochene Frage der Hautfarbe spielt denn doch keine Rolle. Die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende muss also nicht als die schwarze, sondern kann als eine gesanglich wie darstellerisch ausgezeichnete Violetta und ganz ohne Meghan-und-Harry-Vergleich in die Annalen der Wiener Staatsoper eingehen.

Von dort zeigte Regisseur Simon Stone via ORF III und Stream seine Inszenierung von Verdis „La Traviata“ – noch fünf Tage zu sehen in der tvthek.orf.at und am 12.März erneut auf play.wiener-staatsoper.at -, und was das Handvoll Rezensentinnen und Rezensenten vor Ort hie und da als Bilderflut, SMS-Wut, mit einem Wort: too much Emojis bemängelte, kann vorm Bildschirm nicht nachvollzogen werden. Die Kamera bleibt die meiste Zeit dicht an den Protagonistinnen und Protagonisten, man ist an deren Spiel gänsehautnah dran – und erlebt einen Opernabend erster Klasse.

Hausdebütant Stone, in Wien bisher bekannt vom Burgtheater, beispielsweise mit seiner „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048) oder „Hotel Strindberg“ (Rezension: http://www.mottingers-meinung.at/?p=28131), versteht sich als Beauftragter in Sachen Neu- und Überschreibungen. Eine Kunst, die er zur Meisterschaft gebracht hat, derart gab’s natürlich auch kein Halten vor der Kameliendame: Violetta Valéry, die gewesene Kurtisane, ist nun eine Internet-Influencerin.

Schon zur Ouvertüre dreht sich auf der Bühne von Bob Cousins der Social-Media-Kubus, Violetta hat alle Kanäle offen für die Community, Kurznachrichten, Instagram, ein Mail von Mama: Bist du müde, trinke Selleriesaft!, wird sofort zur Werbebotschaft – und ist zugleich ein erster Hinweis auf Erkrankung. Per Messenger ersucht Doktor Grenvil, Violetta möge sich bitte dringend melden.

Doch vorm Club „Martina’s“, ja, mit Wermutstropfen-Schriftzug, steht die Jeunesse dorée in der Warteschlange, und Violetta mittendrin im Goldkleidchen, eine mondäne „Bitch“, wer’s Musikvideo kennt, Pretty Yende eine Beyoncé der Oper. Von den gutsituierten Spezis mitgeschleift, erscheint Alfredo auf der Bildfläche, und Juan Diego Flórez gestaltet ihn als an den Schläfen angegrauten Endvierziger, er wirkt wie ein Oberbuchhalter auf Sexurlaub, Typ hauptberuflicher Erbe, den der herrische Vater nicht mal in die Nähe eines Vorstandsposten lässt.

Man flirtet sich Richtung Liebe auf den ersten Blick, kaum im Home Office, und Alfredo hat einen Laptop! mit Birnenlogo!, wird gechattet, überhaupt haben hier alle ständig ihr Smartphone in der Hand. Violetta findet derweil ihren Weg durchs morgendliche Paris, vorbei am riesigen Leuchtplakat für ihr Parfüm „Villain“, an der Jeanne d’Arc auf der Place des Pyramides bis zum „Paristanul“-Kebabstand.

Violettas Salon ist nun ein hipper Club: Ensemble. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Beim Landleben ist Digital Detox angesagt: Pretty Yende. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Pretty Yende und Igor Golovatenko als Giorgio Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

La Traviata – die Parfümwerbung: Pretty Yende im Plakatformat. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ein Hinweis auf Banlieue-Herkunft, und auf Stones und Cousins‘ Schauplatzwechsel zwischen lärmend und leise, Überfrachtung und Weißtünchung, die Welt lebt nicht von Facebook allein – im zweiten Akt auf dem Lande genügen ein Traktor und eine Scheibtruhe zur Illustration. Digital Detox ist angesagt. Violetta in Gummistiefeln stemmt Heuballen, Alfredo im Holzfällerhemd hat den Bürohengst hinter sich gelassen, und Flórez singt so anrührend von der neuen Freiheit, die Freude darüber in jedem Ton, dass einem angesichts des Ausgangs der Geschichte klamm ums Herz wird.

Juan Diego Flórez, mit dieser gottgegebenen Stimme, ist wie für den Alfredo dieser Aufführung geboren. Feinnervig erspürt er dessen sympathisch schüchternen Charme, singt den Alfredo geschmeidig und mit Gefühl und stemmt das hohe C am Ende seiner Cabaletta mit einer Leichtigkeit, die ihn als herausragenden Verdi-Interpreten ausweist. Flórez ist in Höchstform. Liebe wie Leid vermittelt er ehrlich und tiefempfunden, dies nicht zuletzt auch dem hohen Niveau von Simon Stones Personenführung gedankt – und der Chemie, die zwischen Flórez und Pretty Yende knistert.

Auch die versteht, die Tonleiter der Emotionen zu erklimmen, brennend vor Leidenschaft präsentiert sie diese Figur, die ihr sozusagen auf den Leib geschneidert wurde. Ihre Violetta ist elegant wie expressiv, stark wie zerbrechlich, Yende findet immer die rechte Balance zwischen It-Girl und Lyrik. Ihr Sopran ist glockenhell, bei den Koloraturen brilliert sie, sie hat eine Einfachheit im Singen, dies als Kompliment gemeint, heißt: ohne Schnörkel und Chichi, die ergreift, und kommt’s ein, zwei Mal zum Distonieren, so sei dies als Aufflackern von Violettas Seelenqualen angenommen. Alles in allem: Welch ein Rollendebüt!

Nun kann der Verliebteste nicht in Frieden leben, wenn es der Bank – im Hintergrund der pastoralen Idylle laufen Kontoauszüge und Mahnschreiben – und dem bösen Papa nicht gefällt. Auftritt Igor Golovatenko, als Giorgio Germont, als dritter im Bunde der Solistinnen und Solisten zu nennen. Der Vater, der sich als gesellschaftlich installierte moralische Instanz geriert, und doch nur nach seinen eigenen Geschäftsinteressen schielt, Golovatenko, der seinen kräftigen, mehr bodenständigen als noblen Bariton dröhnen lässt.

Großartig gespielt ist des alten Germonts ekelhaft bedrückter Großmut, so klein sein Gewissen, wie die Kapelle, vor der sich das alles ereignet. Gelungen auch die szenische Umsetzung mittels Newsticker, über den, während Germont fürs Töchterchen bittet, Nachrichten von einem Firmenskandal – Verstrickungen in Saudi-Arabien, der Prinz zieht die Verlobung zurück, katastrophale Konsequenzen – laufen. Schade, dass in dieser Schlüsselszene die Bildregie bei ihrer Großaufnahmen-Taktik bleibt, hier hätte die Totale mehr Aufklärung gebracht.

Und apropos, kurze Kritik: Nicht erschließt sich das Kostüm, das Alice Babidge Igor Golovatenko angetan hat, und das so gar nicht den Machtmenschen verkörpert. Die knittrige Hose, das dazu weder in Farb- noch Stoffwahl passende Sakko und die Umhängetasche sehen eher nach abgehalftertem Aufdeckerjournalist denn nach Unternehmer aus. Mit Giacomo Sagripanti hat der Abend einen Dirigenten, der alles richtig macht, einen verlässlichen, einfühlsamen Begleiter der Sängerinnen und Sänger, der um deren große Momente weiß, präzise musizieren und kraftvoll Akzente setzen, bis er zur traurigsten aller traurigen Romanzen, „Addio, del passato“, die Geigen zartschmelzen lässt.

Igor Golovatenko als Giorgio Germont. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Attila Mokus als Baron Douphol (re.). Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Der Kameliendame Krebstod. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Nach einem Bruce-Nauman-Moment mit Margaret Plummer als Flora Bervoix und Attila Mokus als Baron Douphol, Motto: per SMS in die SM-Spaßgesellschaft, ist man nämlich im Sterbeakt, und da digitale Schwindsucht als tödliche Krankheit nicht durchgeht, hat Simon Stone seiner Online-Celebrity unheilbaren Krebs verschrieben. Chemotherapie-Raum, Krankenhausnachthemd, das Orchester, filigran, verzweifelt, folgt Violetta noch einmal durch Paris. Es ist jener Traum, von dem man sagt, mit ihm ziehe das ganze Leben an einem vorbei.

Dazu Selfies aus glücklichen Tagen, Violetta und Alfredo, Pretty Yende herzzerreißend, aber pathosbefreit, selten hat man sich am Ende von „La Traviata“ so sehr das unmögliche Happy End gewünscht. Donna Ellen als Annina fällt am Spitalsbett noch positiv auf, sie ist die letzte Vertraute, alle anderen Follower hat Violetta verloren …

Instagrammerin Josi Maria berichtete von ihrer Magersucht – bis zum Tod, Bloggerin Emily Mitchell über ihre Schwangerschaft – bis zum Tod, Influencerin Kasia Lenhardt über ihre Beziehung zu Fußballstar Jerome Boateng – bis zum Tod. Das moderne Gewand, in das Simon Stone seine „Traviata“ gehüllt hat, ist absolut stimmig. Verdi erschuf ein Geschöpf im Rausch der Geschwindigkeit und des Champagners, das die eigene Privatheit, sogar Intimität zu Markte trägt, um im Luxus schwelgen zu können. Auch die Standesdünkel des Kapitals gegen die Aufmerksamkeitsökonomin passen, bis heute heiraten Geld- wie Altadel bevorzugt untereinander. Was die Neuinterpretation der „Traviata“ angeht, kann man nur sagen: Mission completed.

Bleibt, allen Beteiligten an dieser Produktion den gebührenden Applaus zu spenden. Gespenstisch war er schon, dieser Abend ohne einmal Klatschen. Vielleicht, auf bald, live. Bis dahin ist die Aufführung, eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris, noch fünf Tage in der ORF-TVthek zu sehen: tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13869433/Erlebnis-Buehne-Wir-spielen-fuer-Oesterreich-La-Traviata-aus-der-Wiener-Staatsoper/14084437

Eine Wiederholung des „La traviata“-Streams gibt es am 12. März ab 19 Uhr auf play.wiener-staatsoper.at, kostenlos und für 24 Stunden abzurufen. Einführung zur Inszenierung von Simon Stone: www.youtube.com/watch?v=qC5nWgHjQPA          www.wiener-staatsoper.at

  1. 3. 2021

Volksoper: Die Räuber

Oktober 15, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zurücklehnen und genießen

Die dunkle Seite der Macht – Karl inmitten seiner Räuber: Vincent Schirrmacher mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper gibt es zum zweiten Mal seit 1963 eine Inszenierung von Verdis „Die Räuber“ zu erleben – und die Inszenierung krankt vornehmlich an zwei Dingen: An der immer noch verwendeten deutschen Fassung von Hans Hartleb, die so hanebüchen Reim‘-dich-oder-ich-fress‘-dich daherkommt, dass es einem ein Graus ist. Und an dem vollkommen fehlenden Willen zur szenischen Gestaltung des Abends.

Regisseur Alexander Schulin dachte sich offenbar „Zurücklehnen und genießen“, denn dieses kann man mit Dirigent Jac van Steen wunderbar tun. Augen zu und durch! Verdi komponierte „Die Räuber“ 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Veneto fasste er den Entschluss, sich des Stoffes anzunehmen; die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Schillers Stück ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor. Bei der Uraufführung am 22. Juli des Jahres stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, die Aufführung wurde zum Triumph.

Das „Melodramma tragico“ des Meisters ist noch ganz dem Belcanto verpflichtet, dies der ausdrückliche Wunsch der britischen Auftraggeber, lässt aber bereits seine späteren Werke erahnen. Entsprechend verbreitet das Orchester der Volksoper unter van Steen keinerlei Italianitá. Man setzt auf Heftigkeit und Kraft, und beides tut der Theatralik der Oper gut. Van Steen versteht Verdis Theaterinstinkt und dessen Abzielen auf größtmögliche Wirkung. Er spannt die Rezitative wie eine Feder für den folgenden Gefühlsausbruch.

Maximilian, Graf von Moor, ist erschüttert über die Intrigen seines Sohnes Franz: Kurt Rydl und Boaz Daniel mit David Sitka als Herrmann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Amalia leidet unter dem Treiben im Schloss: Sofia Soloviy und Boaz Daniel mit dem Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er versteht die Vaterfigur des Maximilian, Graf von Moor, gleich wie in „Rigoletto“ oder „Don Carlo“ als den Kern der Melodieschöpfung, und ergo das Duett Amalia/Franz als erotisch und leidenschaftlich, das von Amalia und Karl aber als keusch und bereits himmelwärts gewandt. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“ Der Chor, Einstudierung: Holger Kristen, ist van Steen die dunkle Seite der Macht – und wie immer an der Volksoper grandios. Das Brüderpaar verkörpern Vincent Schirrmacher als Karl und Boaz Daniel als Franz.

Schirrmacher ist ein Sänger und Schauspieler, wie ihn sich jedes Opernhaus nur wünschen kann. Der Tenor, dessen Stimme sich früher für das italienische Fach als bedingt geeignet erwies, „dreht voll auf“, wenn man’s so flapsig sagen darf, setzt ganz auf die dramatische Verzweiflung seiner Partie – und überzeugt kraftvoll und verwegen gesanglich auf ganzer Linie. Boaz Daniel, seinerseits in der Staatsoper so was wie der „Mann für alle Fälle“, liefert einen korrekten Franz ab. Sein Bösewicht besticht durch seine Trockenheit; Gefühle sind diesem Teufel fremd. Kurt Rydl hat als Maximilian einen „dunklen Abend“.

Er fokussiert seine Stimme auf das Leid seiner Figur, und mit rauem Timbre und merklichem Vibrato gestaltete er einen Vater, der einsehen muss, mehr als eine falsche Lebensentscheidung getroffen zu haben. Die beste Leistung bietet die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy als Amalia, der gefürchteten Jenny-Lind-Partie, von Verdi der „schwedischen Nachtigall“ auf den Leib geschrieben – und angeblich der Grund für die seltene Aufführung der Oper. Soloviy geht durch diesen Mythos ohne Schaden zu nehmen. Sie hat italienisches Timbre, versteht es, klar zu phrasieren und kann ihre Stimme in höchste Höhen schrauben. Als Hermann und Roller ergänzten David Sitka und Christian Drescher achtbar die Riege der Solistin und der Solisten.

Karl will seinen von Franz in den Tod getriebenen Vater rächen: Kurt Rydl und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Was nun die Optik betrifft, hatte Alexander Schulin wenig Einfälle. Nichts ist hier so effektvoll wie die Musik. Das Vorspiel wird ihm zum Celloabend von Roland Lindenthal im Hause Moor. Danach bestimmt ein schwarzer Kubus von Bettina Meyer die Bühne. Er kann sich um die eigene Achse drehen und stellt – siehe Interview im Programmheft – die Innenwelten dar. Die im Schloss und die seelischen. So viel zum Raumkonzept, ah ja, die Bäume im Wald sind Neonröhren. Dazu passen die historisierenden Kostüme von Bettina Walter nicht.

Personenführung gibt es de facto keine. Sämtliche Bewegungen der Solisten und des sonst so spiel- und rollengestaltungsfreudigen Chores sind vorhersehbar (furchtbar, wie Franz mit in der Luft zappelnden Beinchen stirbt); dass Rydls alter Moor auch der Pfarrer Moser ist, fällt nicht weiter auf, man denkt, ein Greis im Nachtgewand … Alle Gesten wirken wie aus den anno-anno-Jahren, als man Opernsängern vorwarf, gerade mal drei Handbewegungen zu beherrschen. Wie Stewardessen beim Erklären des Befindens der Notausgänge.

www.volksoper.at

  1. 10. 2017

Plácido Domingo im Theater an der Wien

Januar 7, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Doge in „I due Foscari“

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Am 15. Jänner hat am Theater an der Wien „I due Foscari“ von Giuseppe Verdi, Libretto von Francesco Maria Piave nach der historical tragedy „The two foscari“ (1822) von Lord Byron, Premiere. Weltstar Plácido Domingo singt den venezianischen Dogen Francesco Foscari. 1844 sollte Giuseppe Verdi das erste Mal eine Oper für das Teatro La Fenice in Venedig schreiben, er bot als Vorlage dafür das Drama The Two Foscari von Lord Byron an, worin nicht das karnevaleske Venedig voll romantischer Liebesabenteuer gezeigt wird, sondern die strengen politischen Gesetze und Strukturen der Serenissima im Mittelpunkt stehen. Allerdings werden darin der berühmte Rat der Zehn als leicht zu täuschen und Adlige als rachsüchtig und intrigant vorgeführt, deshalb lehnte die Zensur den Vorschlag ab. Verdi komponierte stattdessen für Venedig die Oper Ernani; I due Foscari konnte er dann am 4. November 1844 in Rom im Teatro Argentino präsentieren. Die Handlung: Der venezianische Doge Francesco Foscari muss seinen Sohn Jacopo wegen eines angeblich von diesem ausgeübten Mordes in die Verbannung schicken – es handelt sich aber um eine Intrige seines Gegners Loredano. Foscari ist innerlich zerrissen zwischen der Liebe zu seinem Sohn und seiner Pflicht als Doge. Lucrezia, die Frau Jacopos, glaubt fest an die Unschuld ihres Gatten. Sie will ihn in die Verbannung begleiten, es wird ihr nicht erlaubt. Als Jacopo schon auf der Galeere ist, die ihn nach Kreta bringen soll, erreicht Francesco ein Brief, der die Unschuld von Jacopo beweist. Aber es ist zu spät: Jacopo ist auf der Galeere gestorben. Francesco muss als Doge abdanken, diese Schmach und der Verlust seines Sohnes brechen ihm das Herz, er stirbt.

Byrons Drama ist ein Kammerspiel, wenig geeignet als Stoff für eine große Oper. Verdi wies daher seinen Librettisten Francesco Maria Piave an, zusätzlich mitreißende Momente einzubauen: „Strapaziere deinen Geist und erfinde etwas, das ein wenig Furore macht.“ Trotz großer Chorszenen und leidenschaftlicher Gefühlsausbrüche hat das Werk seinen intimen Charakter behalten. Es gelang Verdi gerade deshalb mit I due Foscari eine Erneuerung seines Stils, seine Figurenschilderung verfeinerte und verdichtete sich. Verdi verwendete hier mit den Figuren verbundene Themen, die dem Werk bei transparenter Orchestrierung eine kunstvolle Struktur verleihen – er bietet damit, von der Musikgeschichte meist unbemerkt, einen Gegenentwurf zu Richard Wagners gleichzeitig entwickelter Leitmotivtechnik.

www.vbw.at

Wien, 7. 1. 2014

Volksoper Wien: „Il trovatore“

November 12, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine tragische Dreiecksgeschichte

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eva Maria Riedl (Ines), Melba Ramos (Leonora), Chor
Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anlässlich von Giuseppe Verdis 200. Geburtstages setzt die Volksoper als erste Opernpremiere der aktuellen Saison “ Il trovatore“  aufs Programm. Verdis 17. Oper begründete gemeinsam mit „Rigoletto“ und „La Traviata“ (ab 29. März 2014 wieder im Repertoire)  zu Beginn der 1850er Jahre den Welterfolg des Komponisten. Die Premiere der Neuinszenierung von Dietrich W. Hilfsdorf ist am 16. November 2013. Verdis Klassiker wird somit bereits zum fünften Male nach 1905, 1935, 1941 und 1961 am Haus am Gürtel neuproduziert. Die Musik sei banal und brutal, die Handlung schlichtweg unverständlich – so tönte es dem „Troubadour“ noch im 19. Jahrhundert – zumeist von der Seite deutschsprachiger Kritiker – entgegen. Während Verdis Partitur von elementarer Kraft und Meisterschaft mittlerweile über jede Herabsetzung erhaben ist, steht die tragisch endende Dreiecksgeschichte seit jeher im Verdacht nur schwer nacherzählbar zu sein. Und doch kann sich niemand ihrer Sogwirkung entziehen: Verdis „Il trovatore“ kreist um das Thema der verfeindeten Brüder Graf Luna und Manrico, die in diesem Falle jedoch nichts von ihrer Verwandtschaft wissen. Der Troubadour Manrico hält sich für den Sohn der Zigeunerin Azucena, die von dem Gedanken an Rache für ihr ermordetes Kind besessen ist. Manrico und Graf Luna sind nicht nur politische Widersacher, sondern auch Rivalen um die Liebe derselben Frau, Leonora. Die Vorlage für Verdis Oper „Il trovatore“ lieferte Antonio García Gutiérrez erstes Bühnenstück „El trovador“, uraufgeführt 1836. „Der Troubadour“ ist ein „großes und gewaltiges Sujet“, dessen starke emotionale Motive – Rache, Liebe, Hass, Angst und Eifersucht – ihm die geeignete Inspiration für seine gleichnamige Oper lieferten. Oft taucht in Verdis Schaffen das Motiv der verfeindeten Brüder auf; doch nur einmal gibt es eine so dominante Mutterrolle wie jene der alten Zigeunerin Azucena, welche die Handlung des „Trovatore“ vorantreibt. Seinen Librettisten Cammarano hatte Verdi dazu ermuntert, die Erzählung „je ungewöhnlicher und bizarrer, desto besser“ auszugestalten und besonders den Charakter der alten Zigeunerin in seiner „Neuartigkeit und Fremdheit“ herauszustellen. Der Kritiker und Verdi-Zeitgenosse Eduard Hanslick verachtete die Geschichte „von ausgesuchter Grässlichkeit, in welche eine Zigeunerin samt einigen gestohlenen und verbrannten Kindern bedenklich verwickelt ist“, den nachhaltigen Triumph dieses unwiderstehlich mitreißenden Meisterwerkes konnte er jedoch nicht verhindern. Neben der tragisch endenden Liebesgeschichte ist Verdi mit „Il trovatore“ auch eine ‚Parabel über die Unterdrückung von Minderheiten‘ (Ulrich Schreiber) gelungen.

Das Team der Neuinszenierung
Nach dem „Wildschütz“ im April 2013 inszeniert zum zweiten Male Dietrich W. Hilsdorf in Bühnenbildern von Dieter Richter an der Volksoper. Der 1. Gastdirigent unseres Hauses Enrico Dovico steht am Pult der ersten „Trovatore“-Neuproduktion an der Volksoper seit 52 Jahren. Als Azucena kehrt die international gefeierte Mezzosopranistin Janina Baechle an die Volksoper zurück, wo sie zuletzt 2006 als Magdalena in „Der Evangelimann“ zu hören war. Der koreanische Bariton Tito You, zuletzt hier als Vater Germont in Verdis „Traviata“ zu erleben, singt den Graf Luna. Stuart Neill gibt in der Rolle des Manrico, die er schon mit großem Erfolg u. a. an der Deutschen Oper Berlin und in der Arena von Verona gesungen hat, sein Hausdebüt. Die Partien der Leonora und des Ferrando sind mit den Ensemblemitgliedern Melba Ramos und Yasushi Hirano besetzt.

www.volksoper.at

Wien, 12. 11. 2013

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013