Volkstheater: Der Kaufmann von Venedig

September 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Antisemitismus auch noch Sexismus

Vermögen weg, Tochter weg: Anja Herden überzeugt als hasserfüllte Jüdin Shylock. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In der Pause schwören Insider Stein und Bein, dass hier nichts gefakt sei, dass alles mit rechten Dingen zugehe, und Anja Herden augenscheinlich nicht damit gerechnet hätte, tatsächlich gewählt zu werden. Es sei. Für die Eröffnungsproduktion am Volkstheater hat sich Direktorin Anna Badora einen besonderen Kniff einfallen lassen: Das Publikum kann sich einen von drei Shylocks aussuchen; die Abstimmung wird per Applausometer überwacht. Jan Thümer, später der Lorenzo, der als Conférencier diese Abstimmung leitet, stellt eingangs die Kandidaten vor.

Ein Spiel mit Klischees hebt also an, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, die Frage, die sich stellt, lautet, was einen Juden ausmache – und so stehen zur Wahl: Shylock, der seriöse Banker, Rainer Galke, der traditionelle Wiener Jude, kenntlich gemacht durch seine Schläfenlocken, Sebastian Pass, und eben Anja Herden, die als Geschäftsfrau, noch dazu mit Migrationshintergrund, ausgewiesen wird. Thilo Reuther hat für Badoras Interpretation des Shakespeare’schen Stücks ein Casino auf die Bühne gestellt, man versteht: der Casino-Kapitalismus wird damit aufs Korn genommen, dieses Synonym für hoch risikoreiches Geschäftemachen, wie’s Antonio betreibt.

Beinah unablässig, wie die Roulettemaschine, dreht sich die Bühne, Schicksal ist gleich dem eingespielten Geräusch vom Fallen der Kugel in den Kessel. Und während die venezianische Schickeria mit Jetons um sich schmeißt, taucht die Shylock samt ihrem Geldverleiher-Kabäuschen aus dem Untergrund auf. Mit Anja Herdens Darstellung bekommt die geschichtlich angepatzte Figur eine unerwartet neue Dimension. Eine verdächtig freundliche Fassade hat sich die „Madam“ im Feindesland zurechtgelegt, hinter der brodeln Hass und Wut ob erlittener Demütigungen, und wenn sie mit sanfter Stimme von Antonio sein Pfund Fleisch verlangt, dann ist klar, dass sie sich dafür rächt, von ihm am Rialto angespuckt und als Hündin beschimpft worden zu sein.

Antonio will für Bassanio sein Pfund Fleisch geben: Evi Kehrstephan, Rainer Galke, Peter Fasching, Nils Hohenhövel und Lukas Watzl. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bassanio öffnet Portias richtiges Kästchen: Peter Fasching und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für diese Shylock gibt es gleich drei Ausschließungsgründe aus der Gesellschaft: den Glauben, das Geschlecht, die Hautfarbe. Mehrmals wird darauf hingewiesen. Und so kommt diesmal zum Antisemitismus auch noch Sexismus. Die Männer sind allesamt Unsympathen und Machos. Rainer Galkes Antonio trieft vor ekelhaft verächtlichem Hochmut, Jan Thümers Lorenzo behandelt Evi Kehrstephans Jessica als würde er sie am Nasenring führen, Sebastian Kleins Gratiano ist so antisemitisch wie frauenfeindlich, Peter Faschings Bassanio würde seine frisch angetraute Portia jederzeit für Antonios Wohl opfern. So steht’s bei Shakespeare, und Badora lässt in der dekadenten Spaßpartie leicht homoerotische Tendenzen durchschimmern.

In dieser von den Premierenzuschauern gewünschten Fassung spielt Isabella Knöll die Portia. Auch ihr vom verstorbenen Vater verordnetes Kästchenrätsel ist ein Glücksspiel. Im Glitzerkleid lädt die ganz auf Girlie gepolte Knöll die Werber zum Drehen eines Glücksrads ein, sie moderiert deren Fortune als wär’s eine Fernsehgameshow. In Anlehnung an das berühmte Zitat sagt sie: „All the world’s a game and I am the prize.“

Jan Thümer stellt die drei Shylocks zur Wahl: Rainer Galke, Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Elisabeth Plessens Textfassung lässt einiges weg. So ist etwa Sebastian Pass‘ Rolle als Lanzelot Gobbo reduziert, Günter Franzmeier, der ein möglicher Antonio wäre, fallen diesmal nur die kleinen Parts von Tubal und dem Dogen zu. Marius Huth treibt als Dienerin Nerissa Badoras Spiel um Geschlechterrollen auf die Spitze. Am Ende wird Shylock in einer Fast-Vergewaltigungsszene buchstäblich zu Boden gerungen, während Antonio sich diesmal natürlich standhaft weigert, seine Hälfte von deren Vermögen zurückzugeben. Die schlimme Schmach Shylocks währt aber nur kurz, weil Jan Thümer das Publikum schnell in die Nacht hinaus verabschiedet.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2018

Ulrich Seidl und Veronika Franz bei den …

August 25, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

71. Filmfestspielen in Venedig

Im Keller Bild: © Ulrich Seidl

Im Keller
Bild: © Ulrich Seidl

Wenn ab Mittwoch große Stars von Al Pacino bis Catherine Deneuve der Lagunenstadt Glanz verleihen und sich einige der Wettbewerbsfilme brisanten Themen widmen, sind es die österreichischen Beiträge, die Düsteres beisteuern: So führt Ulrich Seidl in Österreichs Keller, seine Lebensgefährtin Veronika Franz gemeinsam mit Severin Fiala in die Identitätskrise und Constantin Wulff in Seidls Welt. „Im Keller“, Seidls Rückkehr zum Dokumentarfilm nach seiner festivalreisenden „Paradies“-Trilogie, skizziert die eigentümliche Beziehung der Österreicher zu ihren Kellern und wird in der offiziellen Auswahl der Filmfestspiele, jedoch außerhalb des Wettbewerbs, präsentiert. Es ist ein Wiedersehen nach 13 Jahren, hat Seidl mit „Hundstage“ hier doch 2001 den Großen Preis der Jury erhalten. Hinter die Kulissen der „Im Keller“-Dreharbeiten sowie der Proben zu Seidls Festwochen-Stück „Böse Buben“ www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-3/lässt Constantin Wulffs Porträt blicken, das unter dem Titel „Ulrich Seidl – A Director At Work“ am Rande des Festivals auf dem Filmmarkt präsentiert wird.

Von Seidls Produktionsfirma produziert ist der Horrorfilm „Ich seh Ich seh“, das auch schon zum Filmfestival Toronto www.tiff.net eingeladene Spielfilmdebüt von Veronika Franz und Severin Fiala über Zwillingsbuben, die ihre Mutter nach deren Rückkehr von einer Operation unter deren Bandagen nicht wieder zu erkennen meinen. „Ich habe in meiner Arbeit mit Ulrich Seidl immer das Gefühl gehabt, dass seine Filme auch Horrorfilme wären, wenn man sie in erzählerischer Hinsicht oder in der Konstruktion noch ein bisschen übersteigern würde“, so Franz gegenüber der Austrian Film Commission. „Die Frage, ob es möglich ist, naturalistische Inszenierung mit Genre zu kombinieren, hat uns sehr interessiert.“ Das Resultat hat als einer von 17 Wettbewerbsfilmen in der Orizzonti-Schiene seine Weltpremiere.

Am 27. August startet das älteste Filmfestival der Welt aber erst einmal mit einem deutlich leichteren Werk: Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu fokussiert in „Birdman (Or the Unexpected Virtue of Ignorance)“, seiner ersten Komödie, auf Befindlichkeiten und Intrigen im Schauspieler-Milieu – äußerst prominent besetzt mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone und Naomi Watts. Auch in den folgenden Festivaltagen dürfte es voll werden auf dem roten Teppich: Für die Gala-Premieren an den Abenden werden zahlreiche weitere Stars erwartet, darunter Jennifer Aniston, Bill Murray, James Franco, Ben Kingsley, Ethan Hawke und die französische Grande Dame Catherine Deneuve mit ihrer Tochter Chiara Mastroianni. Ähnlich facettenreich wirkt das Programm des Wettbewerbs mit insgesamt 20 Filmen in der Konkurrenz. „A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence“ des Schweden Roy Andersson nimmt  die Erzählperspektive eines Vogels ein, der russische Beitrag „The Postman‘s White Nights“ beleuchtet mit Laiendarstellern das einsame Leben auf dem Land und Willem Dafoe verkörpert in Abel Ferraras Biopic „Pasolini“ den italienischen Ausnahmeregisseur Pier Paolo Pasolini kurz vor dessen mysteriösem Tod. Auffällig sind bei dem neben Cannes und Berlin wichtigsten Filmfest aber auch die vielen Beiträge mit politischen und gesellschaftskritischen Themen. So spielt das Drama „Loin des hommes“ mit Viggo Mortensen zur Zeit des Algerienkrieges, Ethan Hawke gibt in „Good Kill“ einen an seinem Job zweifelnden Dronen-Experten, „The Cut“ des in Hamburg lebenden Regisseurs Fatih Akin widmet sich der Verfolgung und Vertreibung von Hunderttausenden Armeniern und der US-Regisseur Ramin Bahrani beobachtet in „99 Homes“ eine Familie, die ihr Haus wegen Immobilien-Spekulationen verliert.

Festivals seien heutzutage einige der wenigen Orte, in denen nicht der Profit der Filme im Vordergrund stehe, erklärte Festivalleiter Alberto Barbera im Vorfeld. Filmfeste seien nicht nur eine Momentaufnahme der Gegenwart, sondern hätten die Kapazität, Dinge in einem anderen Licht zu sehen, das wahrzunehmen, was manchmal unsichtbar oder unklar bleibt. Wer unter den vielen Filmschaffenden  preiswürdig ist, entscheidet sich am 6. September. Dann steht auch ohne österreichischen Wettbewerbsfilm eine heimische Regisseurin auf der Bühne: Jessica Hausner („Amour Fou“) ist in der internationalen Jury, die die Goldenen Löwen vergibt.

www.labiennale.org

Wien, 25. 8. 2014

Volksoper: Eine Nacht in Venedig

Dezember 6, 2013 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

„Alles maskiert, alles maskiert, wo Spaß und Tollheit und Lust regiert!“

Bild: Hinrich Horstkotte  © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bild: Hinrich Horstkotte © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Passend zur fünften Jahreszeit – die am 11. November begann –  zeigt die Volksoper als erste Operettenpremiere dieser Saison Johann Strauß‘ Eine Nacht in Venedig“. Premiere ist am 14. Dezember. Der Karneval von Venedig ist ein geradezu idealer Spielort für eine Operette: Im Schutz der Masken tun sich Möglichkeiten für erotische Eskapaden auf, setzen die Frauen ihren Willen gegenüber den Männern durch, wird über alle Stände hinweg geflirtet und angebandelt. „Eine Nacht in Venedig“, entstanden 1883, griff die überbordende Begeisterung auf, die man hierzulande für die Serenissima hegt und die mit der Eröffnung des Themenparks  „Venedig in Wien“ im Prater 1895 einen weiteren Höhepunkt finden sollte.

Ebenso verwinkelt wie die Stadt Venedig ist auch die Handlung der Operette: Der Herzog von Urbino (Vincent Schirrmacher), ein bekannter Frauenheld, kündigt seine Teilnahme am Karneval an und möchte Barbara (Sera Gösch), die Gattin des Senators Delaqua, verführen. Delaqua (Wolfgang Hübsch) möchte seine Frau nicht mit dem Herzog teilen, braucht aber das Wohlwollen des Herzogs für seine Karrierepläne. Also führt er dem Herzog die Köchin Ciboletta (Johanna Arrouas) zu. Delaquas Ehefrau Barbara hat überhaupt eigene Pläne: Sie verbringt ihre Zeit lieber mit dem Neffen ihres Mannes und schickt daher das Fischermädchen Annina (Mara Mastalir) an ihrer Stelle zum Herzog. Doch Annina ist die Braut von Caramello (Jörg Schneider), dem Barbier des Herzogs, der als Komplize seines Herrn in amourösen Belangen nun seinerseits in einen Gewissenskonflikt gerät. Und wie in Strauß‘  „Fledermaus“ am Ende die Schuld an allen Verwirrungen dem Champagner zugeschrieben wird, schiebt man in Venedig den Karneval vor und somit hat auch diese Operette ein Happy End. Weiters singen Gerhard Ernst (Barbaruccio), Franz Suhrada (Testaccio), Regula Rosin  (Agricola), Susanne Litschauer (Constantia), Michael Havlicek (Pappacoda) und Martin Fischerauer (Piselli).

Erotische Eskapaden verschulden die Uraufführung in Berlin
„Eine Nacht in Venedig“ ist die einzige Operette von Johann Strauß, die nicht in Wien uraufgeführt wurde. Weil seine zweite Frau ein Verhältnis mit Franz Steiner, dem Direktor des Theaters an der Wien, hatte, ließ Strauß seine neue Operette am Neuen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in Berlin uraufführen. Erst nachdem seine dritte Frau Adele in sein Leben getreten war, gab er die Einwilligung zur Wiener Erstaufführung, die letztendlich nur sechs Tage nach der Uraufführung stattfand. Das Publikum dankte dem Walzerkönig die „Heimkehr“ und nahm das Werk, das in Berlin keinen Erfolg hatte, hier mit Begeisterung auf.

„Eine Nacht in Venedig“ in der Neuinszenierung von Hinrich Horstkotte
130 Jahre nach der Wiener Erstaufführung bringt die Volksoper die Wiener Fassung in der Neuinszenierung von Hinrich Horstkotte, der für Regie, Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, heraus. An der Volksoper Wien gab Hinrich Horstkotte im Juni 2012 mit Leo Falls Operette „Madame Pompadour“ mit Annette Dasch in der Titelrolle sein Regiedebüt. Der Berliner wurde von der Zeitschrift Opernwelt mehrfach als  „Bühnen- bzw. Kostümbildner des Jahres“, aber auch als „Regisseur des Jahres“ nominiert. Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von Alfred Eschwé.

Johann Strauß (1825-1899)
Eine Nacht in Venedig
Operette in drei Akten
Text von F. Zell und Richard Genée
Nach dem Libretto von Eugène Cormon und Michel Florentin Carré zur der Opéra comique„Le Château Trompette” von François Auguste Gevaert

Öffentliche Generalprobe am 12. Dezember 2013, 11 Uhr
Premiere am Samstag, 14. Dezember 2013, 19 Uhr

www.volksoper.at

Wien, 6. 12. 2013