Volkstheater: Wer hat meinen Vater umgebracht

November 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Blaumann über die Gelbwesten debattieren

Eddys Abrechnung mit dem Vater wandelt sich bei Édouard zur politischen Anklage: Sebastian Klein, Peter Fasching, Julia Kreusch, Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dies zum ersten Jahrestag der Gelbwestenbewegung zu schreiben, ist wohl einer jener Zufälle, die es bekanntlich nicht gibt. Gestern erst standen die Gilets jaunes, heißt: deren Darsteller, auf der Bühne des Volkstheaters, heute wartet Frankreich gespannt darauf, ob sich die Wut der Westen neu entfacht. Nichts nämlich hat sich im Macron’schen Machtbereich zum Besseren entwickelt, seit Édouard Louis vergangenen Dezember öffentlich erklärte „Wer eine Gelbweste beleidigt,

beleidigt meinen Vater“, und die Xeno- wie Homophoben in den Protestreihen damit entschuldigte, dass sie „etwas Richtiges und Radikales verkörpern“ und es dank ihres Mouvement endlich eine Kraft gebe, die der herrschenden Klasse Angst einjage. In der entsprechenden Theaterszene sagt Louis diese Sätze in einer Talkshow, von deren Moderator mit blödsinnigen Fragen terrorisiert, währenddessen von den Geistern seiner Vergangenheit drang- saliert. „Schwuchtel“ und Schlimmeres raunen ihm die Strichmännchen-Masken gefährlich zu, ein Flashback im Fernsehstudio, der aus dem zum Bestsellerautor avancierten Édouard wieder den verspotteten, verprügelten Eddy Bellegueule, aus dem Pariser Intellektuellen wieder den Prekariatssohn aus der Picardie macht.

Es sind Regisseurin Christina Rast und Dramaturgin Heike Müller-Merten, die unter dem Titel „Wer hat meinen Vater umgebracht“ Louis‘ gleichnamiges Essay mit dessen Debütroman „Das Ende von Eddy“ unterfüttert haben, und derart die autobiografische Auseinandersetzung Eddy/ Édouards mit dem Vater zwischen der aggressiven, von Abscheu geprägten Abrechnung des Erstlings und der politisch scharfsinnigen Gesellschaftsanalyse der 70-Seiten-Schrift pendeln lassen – die so entstandene Collage nunmehr am Freitag mit Louis‘ Segen zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, die Produktion mit ihrem sozialkritischen Ansatz, Politisches sei gleich privat und umgekehrt, perfekt fürs Haus und von dessen Publikum bei der Premiere auch heftig akklamiert.

„Wäre dieses Buch ein Theaterstück, würden ein Vater und ein Sohn in einem großen, leeren Raum stehen, mit einigen Metern Abstand zwischen ihnen. Sie sehen sich kaum an, bisweilen berühren sich ihre Körper, aber sie bleiben voneinander isoliert. Der Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters, für die der Vater keine Worte hat.“ Louis‘ Text beginnt mit diesen Zeilen, die sich Rast zum Leitfaden ihrer Inszenierung erkoren hat. Die Figur des Eddy/Édouard verteilt sie auf fünf Schauspieler, Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass und Birgit Stöger, die gemeinsam die diversen Puzzleteile von Louis‘ Persönlichkeit zu seinem Ganzen machen.

Birgit Stöger mit Vaterpuppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sebastian Pass in Pailletten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Mutter. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gibt Klein mehr den sensiblen Denker, Fasching eher den kopfgesteuerten Künstler, ist Kreusch eindeutig Eddy aus kindlicher Perspektive, spielt Stöger den Polit- und Pass den Schwulenaktivist, dies alles hier zu einfach formuliert und im Spiel nie so simpel transportiert, ergeben sich daraus dennoch die verschiedenen Annäherungsversuche an den Vater. Dieser ist zu verstehen als omnipräsente Großbaustelle, als Leerfläche für die psychologische Projektion – und bei Rast umgesetzt als riesige Puppe, ein Arbeiterklassenkollektivkörper, ein gigantischer Sandsack, der am ebensolchen Tisch mutmaßlich volltrunken zusammengesunken ist und später nur mit Mühe herumgeschleppt werden kann.

Leichenweiß, die Augen blinde X-e, der Mund mit vier Stichen zugenäht, dokumentiert die Puppe des Vaters Leben als ein langsames Sterben. In der Fabrik zum schwerkranken Wrack geschuftet, wird er arbeitslos und zum Alkoholiker, ein von andauernden Schmerzen geplagter Sozialhilfeempfänger, wird ein Teil des politischen Systems Armut. Im erst symbolträchtig „gewalt“-igen Elternhaus, dann vorm Flaschenzug-Gerüst, das Bühnenbild von Franziska Rast, die Kostüme von Sarah Borchardt, ereignet sich weniger Handlung, als ein Anschlagen von Thesen, die Pose ein Hessel’sches „Empört euch!“, auch wenn sich Louis bevorzugter auf seinen Freund und Philosophen Didier Eribon oder den Soziologen Pierre Bourdieu rückbezieht – bei seinem Aufzählen der Vatermörder: Chirac, Sarkozy, Hollande, Hirsch …

„Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller“, heißt es an einer Stelle. Dabei hält das Ensemble Politikerporträts hoch, und wie sich die Bilder bis Österreich gleichen. Blaumann tragen die Darsteller nun allesamt, und schildern, was es mit der von Sarkozy erfundenen Allocation d’aide au retour à l’emploi auf sich hat, die den invaliden Vater zu einem Job als Straßenkehrer zwingt, „buckeln trotz ruinierter Wirbelsäule“ nennt das der Sohn, oder was Macrons Kürzung der Wohnbeihilfe um „nur“ fünf Euro für deren Bezieher bedeutet. Und weil Édouard Louis‘ Eltern die Fronten vom sozialistischen Proletariat zu Le Pens Front National gewechselt haben, bekommt auch die Linke Schelte ab, nämlich ihre ureigenste Klientel mitten im Klassenkampf im Stich gelassen, Louis wörtlich: „verrraten“, zu haben.

Birgit Stöger beklagt das Opfer aus der Arbeiterklasse. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kränzewerfen beim imaginären Begräbnis. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Talkshow: Sebastian Klein, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Gelbwesten gehen auf die Straße. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bemerkenswert ist, wie Rast und Team die Kurve vom Pamphlet zur Bühnentauglichkeit kratzen. Mit teils surrealen Albtraumsequenzen, teils comichaft witzigen Episoden, mit poetischen Momenten, bitterem Spott und picksüßer Ironie macht Rast Louis‘ Text theatral. Da singt Sebastian Pass in Pupurpailletten gewandet Celine Dions „Parler à mon père“, Birgit Stöger mit französischem Schmelz in der Stimme Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“, klettert Peter Fasching in Mutters Fatsuit-Schürze auf Vaters Schoß, bevor Stöger sie zur schrill kreischenden Furie umfunktioniert, werden Trauerkränze im Kreis geworfen, will der Bruder den Vater totprügeln, weil er der Mutter verboten hat, ihrem Ältesten weiter Geld für Drogen zuzustecken.

Als Pass‘ Eddy wie eine Diva discotanzt und der Vater ostentativ wegschaut, outet ihn Stögers Mutter als früher ebenfalls „heiße Sohle“, seinen Männlichkeitswahn als letzte verzweifelte Selbstbehauptung, seinen Arbeiterstolz als erste Bekundung seiner Scham. Dass frauenfeindliche oder rassistische Sprüche, wie finanziell unabhängige Frauen seien ganz sicher frigide und lesbisch oder alle Araber bevorzugten perverse Sexpraktiken, unwillkürlich zum Lachen verleiten, liegt im hohen Maß am fabelhaften Spiel der beiden. Der Schluss ist auf der Bühne so versöhnlich wie im schmalen Band, indem sich der Vater beim Sohn entschuldigt, er, der Jahrzehnte lang Ausländer und Homosexuelle für alles Faule im Staate Frankreich verantwortlich machte, hinterfragt jetzt die eigenen Werte. Er akzeptiert das politische Engagement des Sohnes, sogar dessen Schwulsein und erkundigt sich ernsthaft interessiert nach dessen Lebenspartner.

Eine Gefühls- und Gesinnungswende um 180 Grad mit Vaters abschließendem Satz: „Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution“. Ein kluger, aufwühlender und nachdenklich stimmender Theaterabend mit einem glänzend agierenden Ensemble. Diese Aufführung ist eine Sternstunde fürs Volkstheater.

www.volkstheater.at

TIPP: Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ am Schauspielhaus Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36095

  1. 11. 2019

Angela Lehner: Vater unser

April 30, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahnwitzige Suche nach der Wahrheit

„Die Eva lügt immer.“ Das ist der Satz, den man sich merken muss, bei der Lektüre von Angela Lehners Debütroman „Vater unser“, ist doch dessen Erzählerin Eva Gruber eine, der kein Wort zu glauben ist. Los geht’s, indem die junge Frau bei Klagenfurt von der Polizei aufgegriffen und nach Wien ins Otto-Wagner-Spital überführt wird, die geschichtsträchtige Psychiatrie am Steinhof, einstige NS-Euthanasieanstalt, woran heute eine Gedenkstätte gemahnt. Was im Buch nicht wirklich eine Rolle spielt, aber immerhin und so auch an dieser Stelle Erwähnung findet. In den späten 1960er-Jahren lernte Thomas Bernhard hier „Wittgensteins Neffen“ kennen.

Lehner zielt statt Freundschaft auf Verwandtschaft, findet Eva doch – als Patienten in einem anderen Pavillon – ihren jüngeren Bruder Bernhard. Von der Magersucht schwer gezeichnet, der Schwester gegenüber so trotzig wie ängstlich. Er wirft ihr etwas vor, das sich erst im Verlauf der Seiten enträtseln wird, der Geschwisterkonflikt wie die komplette dysfunktionale Familie. Beziehungsweise, was Eva als all das ausgibt, denn es dauert nicht lange, bis man begriffen hat, dass diese Protagonistin so hochintelligent wie hochmanipulativ und hochmütig ist.

Eine intrigante, egomanische, aggressive Dauerrednerin, vielleicht sogar gemeingefährlich, die die Wahrheit dreht, wie sie’s braucht – und den Leser nicht weniger an der Nase herumführt, als ihren Therapeuten Doktor Korb, diesen in Evas Augen Inkompetenzler, der sich allerdings im Laufe der Sitzungen einen erfrischenden Sarkasmus aneignet. Treffend beschreibt Lehner die Alltagsroutine in der Anstalt, die skurrilen Mitinsassen und absurden Gruppenaktivitäten, die Eva je nach aktueller Gemütsverfassung mal mit lakonischem Witz, mal mit bitterbösem Zynismus kommentiert. „Hier gehört Langeweile zum Tagesgeschäft“, sagt sie. „Das Entertainment-Programm ist hier ja auch sehr beschränkt … Im Prinzip hangelt man sich von einer Mahlzeit zur nächsten.“

Die Walking-Gruppe beschreibt Eva so: „Vorne die Maniker, die mit Nachdruck die Stöcke nach hinten schwingen, als wollten sie absichtlich ein paar Augen ausstechen. Dann die Depressiven, die nur mit Ausweichen beschäftigt sind oder nicht einmal mehr das. Ganz hinten: Bernhard. Er zieht beim Sport eine Fresse, als handle es sich um die Turnstunden früher in der Volksschule“. Über die Musiktherapeutin bemerkt sie: „… lächelt verständnisvoll, und ich denke, dass sie dabei hässlich aussieht. Manchen Menschen steht Glück nicht, die sollten sich einfach unauffällig verhalten.“ Angela Lehner schafft in schnörkellosen Sätzen eine detailreiche Schilderung. Typisch für Eva ist etwa, wie sich in ihren Gedanken und Gesprächen der Selbstmord des Vaters zu dessen Scheidung von der Mutter zu Evas geplantem Vatermord dreht, das „Vater unser“ der Grundton der Kindheit im Kärntner Dorfantiidyll, und nie kann man sicher sein, was Eva sich einbildet, erfindet oder tatsächlich erinnert.

Des Vaters Alkoholismus, seine sexuellen Übergriffe auf Bernhard und Eva? Was so Furchtbares stattgefunden hat, das beide an ihrem Leben verzweifeln lässt, bleibt unklar. Klar ist nur, dass für Eva der Vater Ursache allen Übels ist: „Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren. Der Vater kriecht uns den Rachen herauf, wenn wir uns verschlucken.“ Der titelgebende, übergroße Schöpfer, Lehner legt das – immer wieder auch Thomas-Bernhard’sche und der Brudername wohl nicht zufällig gewählt – Motiv kunstvoll mehrdeutig an, wird mehr und mehr zur Projektionsfläche, während sich Evas Wahnwitz, Wachträume und die Wirklichkeit zunehmend ineinander schieben.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Die Psyche der Erzählerin wird verschränkt mit der kollektiv österreichischen des Sigmund-Freud-Landes, das Idiom so heimisch wie das ausgestellte Kulturgut wie Lehners Verwurzelung in der hiesigen literarischen Tradition, mit deren Genres und Klischees sie gekonnt spielt. Und weit und breit kein Herrgottswinkel, in dem nicht überm Jörg-Haider-Foto ein Kruzifix baumelt, kein Rosenkranz, der nicht elterliche Lieblosigkeit vorbetet, in Evas Rückblenden auf die erdrückende Dumpfheit der erzkatholischen Provinz. Die Kapitel des Buches heißen entsprechend Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Dreifaltigkeit wird zum Synonym für Familie, diesem Schauplatz für Schuldzuweisungen, die Erbsünde ein ewiger Unheilszustand.

Auch an der Mutter arbeitet sich Eva ab, dieser „besorgten, gebeutelten Märtyrerin“, „die für die Krise lebt“, die den Diskussionsmodus „Vorwurfspingpong“ als Meisterin beherrscht, die ihre Augenringe „spontan ausklappen kann“, die Mutter, die Figur, bei der man Eva am leichtesten auf den Leim geht. „Ich habe es wirklich satt, immer der Katalysator für die Passiv-Aggressiven zu sein. Sie kommen zu mir und reizen mich …, bis ich zubeiße. Oder eben schreie. Ich soll für sie ihre Wut ausleben, weil sie es sich selbst nicht trauen“, dieser Ausspruch wird schließlich zum Schlüssel zu Evas Verhalten. Deren Weg naturgemäß, dazu entführt sie Bernhard aus der Klinik, zum Vaterhaus zurückführen muss. Ein Roadtrip, der bei einer Ruine und für die beiden ruinös endet. „Vater unser“ ist eine einzige Verunsicherung, ist doch die alleinige Perspektive, die Angela Lehner anbietet, die einer Verhaltensgestörten, die zunehmend verrückter, ja selbst-/zerstörerischer wird.

Das macht diesen Roman so reizvoll, und umso mehr, als man nicht umhin kann, Lehners Eva gleichzeitig zu verabscheuen und ob ihrer geschliffenen Formulierungen zu mögen. Man lacht über ihre freche Schlagfertigkeit, man stößt sich an ihr, bis man blaue Flecken hat. Sie macht einen zum Komplizen ihres Irrsinns, wenn manche von Evas Storys durch kleine Details als Lügengeschichten zu enttarnen sind, andere mit Karacho in sich zusammenbrechen – und niemand darob mehr erstaunt ist, als Eva selbst. Am Ende hat sie Personen und Ereignisse längst überblendet. Hat sich der Vater oder Doktor Korb erhängt? Oder keiner der zwei? Ist die Mutter ein Monster oder nicht eher vom Moment überfordert? Was tut Eva Bernhard an? „Warum Eva, denke ich, kannst du nicht einmal normal sein? … Das geht so nicht, Eva, denke ich, so kannst du nicht sein … und das, denke ich, ist die größte Strafe. Dass ich jeden Moment meines Lebens mit mir selbst verbringen muss.“

Über die Autorin: Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. Unter anderem nahm sie 2016 an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin und 2017 am Klagenfurter Häschenkurs teil. 2018 war sie Finalistin des Literaturpreises Floriana. „Vater unser“ ist ihr erster Roman.

Hanser Berlin, Angela Lehner: „Vater unser“, Roman, 284 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de

30. 4. 2019

Kasino des Burgtheaters: Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe

November 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimathassliebe im Tanzgleichschritt

Tino Hillebrand, Tobias Wolfsegger und Marcus Kiepe. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist ein kühner Text, der Josef Winkler da gelungen ist. Ein Monolog von betörender Schönheit und grausamster Brutalität. Kraftvoll. Prosa, die wie ein Gedicht klingt. Die theatral gemachte Realität von Paternion. Vater – das Wort schwingt im Namen der Ortsgemeinde schon mit, einer Gemeinschaft deren Bestandteil Winkler kaum je war. Einen Brief, wird es am Ende des Textes heißen, hat er geschrieben:

„Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“, ersteres ein Dialektausdruck für jemanden schelten, mit Schimpf und Schande nach Haus schicken, zweites eine Zeile aus einem Gebet, uraufgeführt nun im Kasino des Burgtheaters. Winklers Schreiben entzündet sich von jeher an seinen Elternhauserfahrungen, es ist Heimathassliebe und fürbittende Vaterverachtung und die fehlende Mutterumarmung. Winklers Schreiben ist ein Lautgeben gegen das Verstummen, Verdummen und Schweigen, kollektiv wie individuell, und so fährt sein schonungsloser Stift auch diesmal entlang seines Lebensthemas. Versehrtheit durch Vergangenheit. Das betrifft sowohl die Vaterwatschn wie Mutters Nervenkrise, betrifft den Alltagsfaschismus im patriarchalen Kärntner Bauerndorf wie den dort herrschenden scheinheiligen Katholizismus.

Im Zentrum von „Lass dich heimgeigen, Vater …“ steht die Empörung des Ichs ob des Umstands, dass jahrzehntelang totgeschwiegen wurde, dass im Gemeinschaftsacker der sogenannten Sautratten der Massenmörder an den Juden Odilo Globocnik nach seinem Zyankali-Selbstmord von der britischen Besatzungsmacht einfach verscharrt worden war. Der „Globus“, der „Nazibluthund“ – „Zwei Millionen ham’ma erledigt!“, heißt es – als Lebensspender fürs Getreide, aus dem das tägliche Brot gemacht wurde, das verschlägt dem Autor später so das Essen, dass er fast bis zum Ableben abmagert.

Branko Samarovski, Marcus Kiepe und Leon Haller. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Liebe Vater! Böser Vater! Warum hast du geschwiegen, warum hast du es wohl verschwiegen, denn du mußt, wie all die anderen Dorfleute, wenn du uns deine Kriegserlebnisse und Kriegsabenteuer erzählt hast, vor allem zu Allerheiligen und Allerseelen, zu Ostern … auch auf der Feuchtwiese der Sautratten — du mußt es gewußt haben, gib’s zu, mein Vater …“ So beginnt die Anklageschrift.

In der sich Josef Winklers Kindheitserinnerungen und eben seines Vaters Kriegserfahrungen als Soldat und beider Entbehrungen mischen. Mit dem Onkel Franz, der bei der SS in Nürnberg „nur“ Schreibtischtäter war, und dem Onkel Hermann mit dem Hitlerbärtchen wird sich an diversen Feiertagstafeln ausgetauscht. Über gesunde Diktaturen und die Schweine-Russen und die noch viel schlimmeren Juden, ohne deren Selbstvernichtungstrieb man Stalingrad genommen hätte. Dazu die im Szegediner Gulasch rührende Mutter, in der guten Stube immer wieder verstorbene und aufgebahrte Großelternteile. Winklers Erinnerungsarbeit ist ein Schlachtengemälde, nie moralisierend, sondern maximal ausstellend, dabei privat mit politisch untrennbar verbunden. Strophen der Ungehorsamkeitsballade „Der Bauer schickt den Jockel aus“, die die einzelnen Textstellen einleiten, steigern die Non-Handlung ins Groteske.

Als wolle sie Winklers starke Sprachbilder nicht beschädigen, hält sich Regisseurin Alia Luque mit ihrer Inszenierung extrem zurück. Sie lässt im kahlen Saal spielen, erschafft ihn gleichsam neu als artifiziellen Raum, indem sie sich jeder realistischen Abbildung des Textes verweigert. Für fünf Schauspieler, Branko Samarovski, Marcus Kiepe, Leon Haller, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger hat sie Bewegungsmuster erstellt. Eine Choreografie an Gängen und Gesten, einen Tanzgleichschritt als Winkler’sche Erinnerungsschleifen, kaum mehr ist ihr dazu aber eingefallen als Rennen durch den Regen und eine Anlehnung ans Ministry of Silly Walks. Währenddessen wird immerhin auf höchstem Niveau vorgetragen.

Branko Samarovski, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Darsteller sind zu interpretieren als hypothetische Winkler-Alter-Egos, seine Sprach-Figuren, Wolfsegger der Knabe, Hillebrand der Handelsschüler, Haller der Jungautor, Samarovski der Schriftsteller im Jetzt, changierend zwischen einem Versuch von Altersweisheit und dem immer noch Aufbegehren. Marcus Kiepe nimmt die Sonderposition ein, als eine Skizze der in Winklers Text abwesenden, sich abwesend machenden Frauen.

Aus Kiepes (Ver-)Kleidung ergeben sich auch mögliche Vater-Mutter-Kind-Konstellationen. Tatsächlich ist er optisch wie schauspielerisch die Erscheinung des Abends, sein Agieren von großer Wahrhaftigkeit. Wie er mal wie somnambul, mal mit humoriger Süffisanz, mal mit plötzlicher Aggressivität durch die Sätze turnt, sie mal zerkaut wie zähes Fleisch, das will gehört werden. Seine Geste: eine einladende, ausladende, eine Umarmung andeutende.

Ganz wie die piksüßen, schwarzweißen Schlagersängerinnen, die über das einzige Requisit, einen alten Fernsehapparat, laufen. Dalida, France Gall, Milva, Melina Mercouri, Juliette Greco, Mireille Mathieu … Inwieweit diese Idee Luques sinnhaft gebraucht wird, wo der Konnex italienischer, französischer Musikshows zum „Vergib uns unsere Schuld“ eines Nachkriegsösterreichs sein soll, sei dahingestellt. Mitunter stören die geträllerten Chansons das konzentrierte Bühnengeschehen. Immer ekstatischer wird das Spiel, nicht nur Kiepe beherrscht das frontale mit dem Publikum, auch Hillebrand und Haller kokettieren giftig damit, wenn sie von zerstückelten Plastiksexpuppen und grün phosphorisierenden Kruzifixen erzählen, Samarovski sowieso gespenstisch gut, allerdings wenig gefordert, Tobias Wolfsegger eine Entdeckung, die auch mit zwei Tanzeinlagen parallel zum beschwingten Beschwichtigungs-TV glänzen darf.

Bei einem späteren Besuch im Elternhaus „kam der Onkel Peter mit meinem ersten Buch, auf dem ein Selbstmörder aus dem Dorf abgebildet war, aus dem Zimmer …, schlug der Onkel Peter neben meiner Mutter mein Buch mehrmals an seine Oberschenkel und rief: ,Sex und Kruzifix und Kruzifix und Sex! Abstellen! Abstellen! Er soll zu schreiben aufhören!‘“, berichtet Winkler schließlich zum Schluss. Das Kind, das einmal war, wird er in sich umbringen, dazu weiterschreiben müssen. Mit diesem grausigen Hoffnungsschimmer endet eine interessante, auch anstrengende Aufführung.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Kammerspiele: Vater

Februar 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer berührt als Alzheimer-Patient

Erwin Steinhauer mit Therese Lohner und Martin Niedermair Bild: Moritz Schell

Erwin Steinhauer mit Therese Lohner und Martin Niedermair
Bild: Moritz Schell

Ein Bub geht vorbei an Museumsschaukästen, darin die Uhr, die stets vermisste, ein Fotoalbum, ein Kinderanzug. Später wird der Bub ein alter Mann geworden sein und sich selbst in die Vitrine setzen. Da ist er nicht einmal mehr seine eigene Erinnerung und seine Welt so klein geworden wie dieser Glasschrank.

Alexandra Liedtke inszenierte an den Kammerspielen Florian Zellers Alzheimer-Stück „Vater“. Die Tragikomödie war in Frankreich ein Sensationserfolg und wurde 2014 mit dem Prix Molière ausgezeichnet und erweist sich auch in Wien, in Liedtkes Händen, als toller Text. Zeller beschreibt die Erkrankung aus der Sicht des Betroffenen. Der Zuschauer nimmt wahr, was der „Vater“ wahrnimmt, erkennt, wen er erkennt, muss glauben, was er glaubt. Das sorgt nicht nur für situationskomische Momente, sondern entwickelt sich wie ein Psychothriller, wie ein hitchcockiges Suspencespiel, in dem ein sinistrer Geheimdienst den Helden um den Verstand bringen will. Ist alles nur eine perfide Intrige der Tochter, um den Vater aus der schönen Altbauwohnung ins Pflegeheim zu treiben? Man weiß es, natürlich – aber …

„Vater“ ist der Abend des Erwin Steinhauer. Er ist als André von berührender Intensität, ist genau die Art liebenswertes Scheusal, die einem ein verständnisvolles Lächeln entlockt. Steinhauer lässt noch den früheren Patriarchen durchblitzen, das Familienoberhaupt, das gewohnt war über alle zu bestimmen; er ist herrisch und ungeduldig mit anderen, womit er anfangs seine Unsicherheiten geschickt überspielt. Steinhauer gibt auch den Charmeur alter Schule, wenn er die neue Pflegehilfe umgarnt. Wie er steppt, wie er fast einen Kopfstand probt, um sich als toller Hecht zu zeigen. Er produziert sich wie ein Kind, das sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit weiß. Doch der Feind im Kopf ist da und er breitet sich unerbittlich aus. Wenn Steinhauer den Schalk macht, kann man gut mit ihm schmunzeln, wenn er weint, verzweifelt ist, Angst hat, dann ist es kaum zu ertragen; sein Spiel wechselt von reizend zu reizbar und retour. Eine preisverdächtige Darbietung.

Regisseurin Liedtke hat diesen geistigen Verfall behutsam in Szene gesetzt. Ganz zart und sachte nähert sie sich Zellers Figuren und führt die Schauspieler durch deren Geschichte. Ihre Arbeit legt sich wie ein Seidenschal über das menschliche Drama, und der Vergleich changierend durchscheinend passt, hat doch Raimund Orfeo Voigt eine ähnliche Bühne erdacht: Milchige Wände, die alles und zugleich nichts erkennen lassen; Silhouetten tauchen im Hintergrund auf, Schatten huschen vorbei, für André werden die Mitmenschen zu Schemen. Und je mehr sich sein Kopf leert, umso mehr auch die Bühne. Tische und Sessel verschwinden. Wie die Person auf einem Video. Gerade da, dann fort, es ist er selbst. Eindrückliche Bilder

André hat Familie. Tochter Anne, Schwiegersohn Pierre und Pflegehilfe Laura. Zeller hat für diese drei Rollen fünf Schauspieler vorgesehen. Als die für den Vater verschwimmenden Gesichter. Er sieht Fremde in der Wohnung. In seiner und in der der Tochter – auch der Ort löst sich auf und wird eins. Gerti Drassl spielt Anne, Therese Lohner „eine Frau“. Was freilich Verwirrung stiftet. „Machst du das mit Absicht?“, sagt Steinhauer-André einmal, als Anne-Drassl abgeht und Anne-Lohner auftritt. Drassl ist wie immer von großer Wahrhaftigkeit. Ihr Schmerz und ihre grüblerische Sorge scheinen, nein: sind echt. Nervös sprudeln die Worte aus ihr hervor, als Laura kommt. Deren Vorgängerin wurde nämlich mit der Vorhangstange verjagt. Doch Eva Mayer geht mit einer Gemütsruhe an die Sache heran, als hätte sie das Lied von Bernadette inhaliert. Therese Lohner ist außer Anne auch Laura und am Ende eine Krankenschwester, die Pragmatische im Damentrio, sozusagen berufsbedingt freundlich, aber bestimmt. Ihr Wechselspiel, diese mehreren Facetten eines Menschen, schildern die Schauspielerinnen mit großer Prägnanz.

Szenen driften auseinander und finden wieder zusammen, Sätze, Dialoge wiederholen sich. Immer wieder. Die „gestohlene“, heißt: verlegte Uhr, das fertige Huhn und der Rotwein, und die Diskussion, ob der Vater in eine Einrichtung muss. Zeller zeigt, wie eine Familie um Zusammenhalt ringt, und auch die Position des Partners. Als der sind Martin Niedermair und Oliver Huether zu sehen. Für André gleichsam Jekyll und Hyde. Und weil er nie weiß, ob er den derzeitigen oder den geschiedenen Mann der Tochter oder einen Lover vor sich hat, gibt es wunderbare Augenblicke wie den, wenn er Pierre – dem vermeintlich verflossenen – mit einem „Nur Mut!“ männlich auf die Schulter klopft. Huether verkörpert die genervte, verständlich unfreundliche Seite des Charakters, Martin Niedermair den, der noch Galgenhumor aufbringt. Pierre ist um Anne besorgt, die sich bis zur Selbstaufgabe aufopfert. Vor allem Niedermair zeigt mit dieser Rolle eine weitere Variante seines Könnens.

Lösungen werden in „Vater“ keine angeboten. Weder von Zeller noch von Liedtke. Das Ende ist so offen wie klar, und die Diskussion entfacht. Was würde man tun, wenn … 2050 wird es in Österreich etwa 230.000 Alzheimer-Patienten geben, das ist jeder Zehnte, der dann älter als 60 Jahre sein wird. Die Relevanz des Themas liegt auf der Hand. Es ist mutig und wichtig, dass sich die Kammerspiele der Sache auf diese verständnisvolle Weise angenommen zu haben. In einer großartigen Inszenierung mit einem überragenden Erwin Steinhauer.

Alexandra Liedtke im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17401

Trailer: www.youtube.com/watch?v=bCzG6G8ny5I

www.josefstadt.org

Wien, 12. 2. 2016

Kammerspiele: Alexandra Liedtke im Gespräch

Februar 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert „Vater“ mit Erwin Steinhauer und Gerti Drassl

Erwin Steinhauer und Gerti Drassl Bild: Jan Frankl

Erwin Steinhauer und Gerti Drassl
Bild: Jan Frankl

An den Kammerspielen hat am 11. Februar das mit dem Prix Molière ausgezeichnete Stück „Vater“ Premiere. Der junge französische Autor Florian Zeller erzählt darin über Alzheimer. Doch nicht aus der Sicht der Umgebung, sondern aus der des Erkrankten: André merkt, dass sich die Dinge um ihn verändern. Gegenstände und Menschen verschwinden, er vergisst, fühlt sich bedroht, verfolgt und zunehmend hilflos. Vor seiner Tochter Anna versucht er verzweifelt den Eindruck von Normalität aufrecht zu erhalten, aber es gelingt ihm immer weniger. Zellers theatrales Vexierspiel schildert Andrés Suche nach sich selbst und wie eine Welt verlöschen kann und balanciert dabei behutsam zwischen Tragik und Komik. Es spielen u. a. Erwin Steinhauer und Gerti Drassl, Alexandra Liedtke inszeniert. Die Regisseurin im Gespräch:

MM: Autor Florian Zeller nennt „Vater“ eine tragische Farce. Wie passt ein Stück über Alzheimer in die Kammerspiele? Wo ist da das Lachen?

Alexandra Liedtke: Es gibt nichts zu lachen über Alzheimer, aber durch die Situationen, die die Erkrankung auslösen kann, kommt es zu Momenten, über die man lachen kann. Man kann vielleicht von Situationskomik reden, man kann liebevoll lächeln über den feinen Humor dieses Stücks. Aber eine Schenkelklopfkomödie ist es sicher nicht. Das Stück ist sehr aktuell, nicht nur, weil gerade vor 60 Jahren Alzheimer entdeckt wurde, sondern weil wir uns als Gesellschaft mit dem relevanten Thema Älterwerden auseinandersetzen müssen. Es gibt Prognosen, dass sich bis zum Jahr 2050 die Zahl der Alzheimerpatienten verdoppeln wird, also sind wir aufgefordert, darüber nachzudenken und zu diskutieren.

MM: Florian Zeller hat so authentisch geschrieben. Hat er mit dem Stoff Erfahrung?

Liedtke: Das weiß ich nicht, ich lerne ihn erst bei der Premiere kennen. Aber Sie haben vollkommen recht, beim Arbeiten an diesem Stück merkt man, dass die Situationen, die er beschreibt, sehr treffend geschildert sind. Wir haben uns mit Alzheimer-Patienten getroffen, haben uns auch mit Ärzten unterhalten, und vieles, das uns begegnet ist, ist von Zeller verarbeitet. Oft heißt es bei den Proben: Denk‘ an den oder den … So können wir auf Erfahrungen zurückgreifen, die wir tatsächlich im Umgang mit Erkrankten erlebt haben.

MM: Wie haben Sie diese Menschen getroffen?

Liedtke: Wir haben Kontakt zu entsprechenden Einrichtungen gesucht. Und – das klingt vielleicht makaber – etliche waren froh, zu unserer Arbeit etwas beitragen, etwas von sich vermitteln zu können. Es gibt wenig Material von Erkrankten selbst, wenig Aufgeschriebenes, das hat es für uns so spannend gemacht, das Gespräch zu suchen. Erwin Steinhauer hat einen Schulfreund, Dr. Dal-Bianco, der Neurologe an der Universitätsklinik ist, mit ihm haben wir zuerst geredet. Er hat das Stück gelesen und uns eine Einschätzung gegeben, wie realistisch das Thema behandelt wird. Und von ihm ging’s zu weiteren Begegnungen.

MM: Wie wurde auf die Theaterleute reagiert?

Liedtke: Da muss man differenzieren, weil die Menschen, die wir getroffen haben, in sehr unterschiedlichen Stadien waren. Es gibt die, die noch leugnen, ein Herr hat immer gesagt: Ich bin nur meiner Frau zuliebe hier, ich brauche das alles nicht, andere sehen ihre Krankheit ganz klar. Und dann gab’s welche, denen ich unterstelle, dass sie die Lage nicht mehr genau einschätzen konnten. Die waren sehr nett, sehr freundlich, aber nicht wirklich „da“. Die Beklemmung war auf unserer Seite, es ist ja nicht so leicht jemanden „auszufragen“. Aber wir waren offen und ehrlich und so wurde es ein sehr schöner Austausch. Die Begegnung mit den Patienten machte jede Überlegung, die man im Vorfeld hatte, überflüssig. Einer war ganz glücklich Erwin Steinhauer kennenzulernen, den er schon so lang von der Bühne kennt. Er hatte Erwin ein kleines Gedicht geschrieben. Es war berührend zu sehen, wie toll sich Erwin diesen Menschen gegenüber verhalten hat.

MM: Florian Zeller wendet den dramaturgischen Kniff an, die Handlung aus der Sicht des Betroffenen zu erzählen. Man hat zeitweise den Eindruck, man befindet sich in dieser Art von Psychothriller, in der ein perfider Geheimdienst den Helden völlig irre machen will …

Liedtke: Das ist sehr spannend zu inszenieren und ich hoffe, dem Rechnung tragen zu können. Tatsächlich ist das Schöne an diesem Stück, dass Zeller uns mitnimmt auf die Reise dieses Vater André. Was er als Wahrheit empfindet, wird auch dem Zuschauer als Wahrheit präsentiert. Vielleicht hat er ja recht und alles ist eine Intrige seiner Tochter, die ihn in ein Altersheim stecken will, um endlich die schöne Altbauwohnung zu erben? Wir können nicht entschieden sagen, ob und wann Andrés Problem begann. Ich kann nur so viel verraten: Wenn er einen Menschen nicht wiedererkennt, erkennt ihn der Zuschauer auch nicht mehr. Das sind dann zum Beispiel Situationen, in denen dieses Stück mit der Komik spielt.

MM: Sie haben mit Erwin Steinhauer bereits an der Josefstadt  für „Blackbird“ zusammengearbeitet. Welche Qualitäten bringt er als Schauspieler für die Figur André mit?

Liedtke: Ich kann mich absolut verlassen, dass er die Figur spürt. Man kann seinen André verstehen, man hat für ihn Sympathie, man ärgert sich über ihn, man weint um ihn. Das war auch bei „Blackbird“ so, wo sich erst in den letzten drei Minuten herausstellt, dass Rai tatsächlich ein Kind missbraucht hat. Das Publikum so vor den Kopf zu stoßen geht nur, wenn jemand so fein spielen kann, wie Erwin Steinhauer. Er arbeitet sich verlässlich in eine Rolle rein. Das ist bei „Vater“ wichtig, denn ich brauche einen älteren Schauspieler, dem man einerseits eine gewisse geistige Gebrechlichkeit glaubt, andererseits aber noch eine zarte Romanze mit der Krankenschwester zutraut. Ich brauche jemanden, der uns ziemlich lange hinters Licht führen kann, und mit der Art und Weise, dem schnellen, direkten Ton, den er spricht, tut er das. Ich weiß manchmal nicht, wann er spielt und wann er er selbst ist. Im Stück wird offengelassen, welche der Geschichten der Wahrheit entsprechen.  Und die großen emotionalen Schwankungen des André sind auch für seine Tochter, gespielt von Gerti Drassl, eine irrsinnige Herausforderung. Die beiden hier auf der Bühne zu haben ist eine große Freude.

MM: Das Stück geht einem ziemlich nahe. Ordnen Sie nach den Proben kollektives Seelenstreicheln an?

Liedtke: Nicht unbedingt nach den Proben. Aber wir reden viel. Der eine hat Angst, bei seinen Eltern fängt es an, ein anderer sagt, er hat ein Gedächtnisproblem, ob das was bedeutet. Meine Großmutter ist gerade in einer Situation, in der wir uns als Familie Gedanken machen müssen. Diese Arbeit berührt uns alle in vielen Punkten sehr. Wir haben darüber geredet, wie man mit so einer Diagnose umgehen würde, ob man das Recht hat, in so einem Fall selber entscheiden zu dürfen, wann man gehen möchte. Solche Diskussionen werden zwangsläufig geführt. Man kann nicht über das Gefühl hinweg, das Problem im Stück wäre zum eigenen Problem geworden. Ja, es gibt schon Tage, da gehen wir abends traurig raus.

MM: Sie sind dreifache Mutter. Auf einer Ebene jenseits von Alzheimer ist „Vater“ ein Stück über Verantwortung aufgebürdet bekommen, tragen, aber auch an die Kinder abgeben lernen. Wie gehen Sie damit um? Anna im Stück schwankt ja zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe.

Liedtke: Als Mutter entscheidet man sich, die Verantwortung für ein anderes Leben zu übernehmen. Für eine gewisse Zeit, bis diese Menschen für sich selbst die Verantwortung übernehmen können. Das macht den Umgang mit dem Älterwerden so schwierig, weil man weiß, die Verantwortung wird nicht mehr gelöst, außer vom Tod. Das können weit mehr als 10 Jahre sein, wo Menschen viel Hilfe brauchen, wo man weiß, dass jeder Schritt eine Verschlechterung ist. Während ich als Mutter davon ausgehen darf, dass jede Verantwortung, die ich jetzt übernehme, zu einer Stärke und Sicherheit führt, die mich irgendwann nicht mehr braucht. Bei der Betreuung eines alten Menschen muss man irgendwann loslassen und sich vielleicht eingestehen, dass man die Pflege in professionelle Hände geben muss. Ob es hier eine richtige oder falsche Entscheidung gibt, weiß ich nicht. Auch das wird im Stück besprochen. Annas Mann, Pierre, ist eine wichtige Figur bei „Vater“, die von den Ereignissen überrollt wird. Und die Frage, was man einem Partner zumuten kann, ist an diesem Abend sehr zentral.

MM: Es gibt vom Florian Zeller klare Regieanweisungen zur Optik. Er will, dass sich die Bühne leert wie Andrés Kopf. Wie werden Sie darauf eingehen?

Liedtke: In gewisser Weise so ähnlich. Wir wählen eine Metapher für ein Zurückziehen in sich selbst. Denn die Dinge, die außen passieren, sind irgendwann nicht mehr relevant. Ich habe mich über die Regieanweisungen sehr gewundert, weil sie Zellers Spiel – was ist real, was ist nicht real? – sehr konkret machen. Ich habe dann festgestellt, im französischen Original gibt es diese Anweisungen nicht, da lässt das Stück viel mehr Möglichkeiten offen, auch wenn alle diese Anweisungen sicher mit Zellers Einverständnis sind. Das Stück stellt „die Wahrheit“ infrage, und diese Verschmelzung von Realitäten bedienen wir auch im Stück. Ich werde auch in begrenztem Maße Video verwenden, weil es mir hilft, Menschen vor Andrés Augen verschwinden zu lassen.

MM: Wenn ich Arbeiten von Ihnen sehe, sind es in der Regel aktuelle Stücke. Widmen Sie sich bevorzugt zeitgenössischem Theater?

Liedtke: Wenn es spannende Themen sind durchaus, aber nicht nur. Ich habe am Salzburger Landestheater gerade „Kabale und Liebe“ und „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ gemacht, aber auch da hat mich interessiert, was an diesen Stücken heute noch Gültigkeit hat. Wenn ich erzähle, erzähle ich aus meiner Zeit, aus meiner Welt, was ist heute das Problem daran? Bei zeitgenössischen Stücken werden im Idealfall Dinge bearbeitet, die unser Leben gerade berühren, dabei geht es dann darum, dieses Thema möglichst konkret darzustellen, und nicht um die große theatralische Erzählweise, wie das vielleicht bei einer „Neudeutung“ eines Klassikers der Fall ist. Man muss immer auf den Stoff schauen und was er einem zu sagen hat. Eine der spannendsten Fragen, die nur die Zeit lösen wird, ist für mich, was an zeitgenössischen Stücken längerfristig bleiben wird.

MM: Salzburg ist nun Ihr Lebensmittelpunkt?

Liedtke: Ja. Für mich hat es sich ein bisschen gedreht. Früher bin ich von Wien aus nach Salzburg gefahren, jetzt fahre ich von Salzburg nach Wien. Früher habe ich Mozartkugeln von Salzburg nach Wien gebracht, nun bringe ich Freunde meiner Kinder übers Wochenende von Wien nach Salzburg. So versuchen wir, den Kontakt aufrecht zu erhalten.

MM: In welche Stimmung möchten Sie das Kammerspiele-Publikum mit „Vater“ entlassen?

Liedtke: Im Idealfall hole ich das Publikum dort ab, wo es ist. Ein Zuschauer, der zwischen 50 und 60 ist, nimmt aus dem Abend sicher etwas anderes mit, als einer, der um die 20 ist. Das Stück bietet viele Ebenen an, viele Personen, an die man sich heften kann. Deshalb hoffe ich, dass ich die Menschen in vielen Facetten berühren kann. Um auf den Beginn unseres Gesprächs zurückzukommen: Dieser Abend würde ganz sicher an beiden Häusern der Josefstadt funktionieren, aber die Kammerspiele ermöglichen eine Intimität und eine Nähe zum Publikum, die ohnegleichen ist. Das erlaubt eine sehr zarte, sehr feine Spielweise. Es ist mir ein großes Bedürfnis, die Zuschauer ganz nahe an dieses Stück heranzuholen und nicht die Schauspieler ganz weit zum Publikum zu öffnen. Ich hoffe, dass die Menschen auch auf eine „tragische Farce“ neugierig sind. Aber, da die Wiener an Theater jeder Art sehr viel Interesse haben, bin ich zuversichtlich … sie denkt kurz nach … Genau, dort hole ich sie ab: Bei ihrer Lust auf Theater.

www.josefstadt.org

Wien, 8. 2. 2016